Bots & Bayes-Netze

Wolfgang Balzer: Was weiß ein Bot?

Wolfgang Balzer – Was weiß ein Bot? Kap.6, S.133-147 in: Brandl, Johannes L., Daniel Messelken, Sava Wedman (Hg.): Denken. Reden. Handeln – Thinking. Talking. Acting, Uni Salzburg 2021.

CC-by-sa-Gnsin
Ob er auch freiwillig roboterhaft ist?

Im Moment besitzen die wenigsten Menschen einen Bot.1 Das wird sich aber sicher ändern. Die Menschen in Massengesellschaften werden einsamer. Sie leben zunehmend in ihrer Internetwelt. In einigen Gesellschaften legen sich immer mehr alte Leute einen Bot zu – wenn sie es sich leisten können. Junge Leute halten im Moment in solchen Gesellschaften lieber ein Haustier. Auch dies könnte sich ändern. Bots werden billiger und sind bis jetzt einfacher zu halten als Tiere.

In der ursprünglichen Bedeutung war ein Bot einfach ein ‚Arbeitsknecht‘. Inzwischen gibt es viele Arten von Bots, die in verschiedenen Anwendungen eingesetzt werden (Baumunk, 2007). Es gibt zum Beispiel Bots für Warenproduktion, für Autosteuerung, für Pflege von Alten oder für Tötungsmaschinen.

Ein Bot ist ein künstliches Wesen, das viele menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten besitzt und viele Beziehungen zu Menschen und anderen Dingen aufbauen und unterhalten kann. Ich möchte hier erkunden, was ein Bot, der zum menschlichen, ‚praktischen‘ Zusammenleben geeignet ist, weiß.

Körper des Bots

Der Bot hat Sensoren, ‚Sinnesorgane‘. Er kann ähnlich wie ein Mensch sehen, hören

und tasten. Riechen und schmecken kann er bis jetzt kaum. Er ist von außen gesehen

einem Menschen oft ähnlich. Er hat einen Leib, zwei Beine, zwei Arme, zwei Hände,

einen Kopf, zwei Augen, einen Mund und zwei Ohren. Die Hersteller können den Bot

so gestalten, dass er einer lebenden Person sehr ähnlich sieht. Der Bot kann aufrecht

gehen und auch laufen – allerdings tut er beides noch etwas ungelenk. Auch seine

Hände und Arme bewegt er (noch) nicht wirklich elegant.

Er kann weder essen, verdauen, noch in natürlicher Weise schlafen. Im Bot können

keine Lebensmittel, die für Menschen geeignet sind, in Bewegung umgesetzt werden.

Die menschlichen Prozesse des Essens und Verdauens funktionieren beim Bot anders.

Der Bot wird mit elektrischer Energie ‚gefüttert‘, die er in seine Batterien lädt. In

seinem Körper wird Energie mit Elektromotoren in Bewegung umgewandelt. Ein Bot

braucht nicht zu schlafen und ohne Schlaf vergisst er nichts – es sein denn, dass er

etwas vergessen soll.

Wenn eine seiner Batterien leer ist, können bestimmte Bewegungen abrupt zum

Stillstand kommen. Wenn alle Batterien fast leer sind, wird er meistens noch in den

’stand by modus‘ gesetzt. Er ’selbst‘ hat keine Möglichkeit mehr, aktiv zu werden.

Während sich der Mensch, jedenfalls im Prinzip, allein ernähren und pflegen kann,

braucht der Bot eine ‚Steckdose‘ und einen Eigentümer, der ihn an- und ausschaltet.

Einige Bewegungen des Bots werden lokal ausgeführt, einige sind zentral gesteuert.

Viele Bewegungen bestehen aus mehreren Teilbewegungen. Je wichtiger eine

Bewegung für den Bot ist, desto zentraler wird sie gelenkt. Die Steuerungszentrale

besteht aus einem Prozessor und einen Speicher. Das ‚Botgehirn‘ besteht anders gesagt

aus einer Rechenmaschine. Heute sind im Bot auch kleinere Prozessoren und Speicher

an verschiedenen Stellen verteilt, die teilweise auch parallel laufen. Dieses System ist

dem menschlichen, neuronalen Nervensystem (Gehirn eingeschlossen) und dem

menschlichen Körper nachempfunden.

Durch Bewegungen entstehen neue Prozesse – und damit Ereignisse, die vorher nicht

existierten. Auch die Bewegungen eines Bots führen zu vielen weiteren Ereignissen

und einige davon können als Wirkungen des Bots angesehen werden. Eine Wirkung

kann die Natur betreffen oder andere Menschen und/oder Bots. Oft bleiben die

Wirkungen hauptsächlich im Sprachbereich. Eine Äußerung wird gehört und

verstanden. Auch Reden wirkt. Der Bot tut etwas, er ist aktiv, er ändert die Welt, er

handelt.

Grundfunktionen des Bots

Der Bot nimmt durch seine Sensoren Reize – Muster – auf, die in seinem Körper durch

Terme repräsentiert werden. In seinem Zentralcomputer gibt es von Anfang an einen

Vorrat von Termen, die er in seinen Rechnungen benutzen kann. Einige dieser Terme

repräsentieren Muster, andere sind für andere Zwecke vorgesehen und wieder andere

stehen als Variablen frei zur Verfügung. Terme der ersten Art nenne ich aktive Terme.

Durch ein Computerprogramm, durch die aktiven Terme und durch den Körper des

Bots, werden Bewegungen erzeugt.

Im Bot sind Linien (Verbindungen, Pfade) eingerichtet, die Abhängigkeiten zwischen

den Termen beinhalten. Diese Linien führen von Knoten zu anderen Knoten. An einem

Knoten hängt abstrakt gesehen genau ein aktiver Term. Knoten und Linien bilden ein

Netz und wenn die Linien transitiv und zirkelfrei sind, handelt es sich um ein

bayesianisches Netz. Wenn in einem Bot ein bestimmter Term öfter benutzt wird als ein

anderer Term, repräsentiert der erste Term ein Muster, das mit größerer (subjektiver)

Wahrscheinlichkeit wahrgenommen wird, als ein Muster, das durch den zweiten Term

dargestellt wird.

Im Bot werden Seh-, Tast- und Lautmuster, die bei den Sensoren eingehen, gefiltert,

verglichen und klassifiziert. Der Bot nimmt durch seine Sensoren Muster auf, verbindet

sie mit Termen (‚Zeichen‘, ‚Repräsentanten‘) und löst andere Terme für andere Muster

in anderen Verbindungen wieder auf.

Dem Bot werden schon bei seinem Bau einige elementare Terme zur Verfügung gestellt,

aus denen weitere mögliche Terme konstruiert werden können. All diese Terme lassen

sich in verschiedenen Ebenen darstellen. Ein elementarer Term kann als ein Bit oder als

ein System von Bits oder durch ein anderes Symbol dargestellt werden. In den

indogermanischen Sprachen werden zum Beispiel Buchstaben, Wörter und Sätze als

Symbole benutzt.

Zu jedem aktiven Term des Bots ist eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet. Der Bot

benutzt spezielle Terme (Zahlen), die – aus menschlicher Sicht betrachtet –

Wahrscheinlichkeiten ausdrücken. Solche Wahrscheinlichkeiten ändern sich mit der

Zeit. Wenn der Bot neue Muster wahrnimmt, ändert sich die zugehörige

Wahrscheinlichkeit.

Inzwischen gibt es viele verschiedene Lernalgorithmen, Lernmethoden und

Lernprogramme und viele Arten von maschinellem Lernen. Die meisten der

Lernprogramme beruhen auf wahrscheinlichkeitstheoretischen, bayesianischen

Netzen, Stichwort ‚Bayes-Netz‚ oder ‚Bayes-Statistik‚.2

In einem Lernprogramm wird ein ’neues‘ Muster mit einer schon vorhandenen

Gesamtheit von Mustern verglichen. Genauer gesagt, gibt es im Bot bereits einen Term,

der eine bestimmte Gesamtheit von Mustern repräsentiert, wobei auch ‚einige‘

Elemente aus dieser Gesamtheit schon mit Termen verbunden sein müssen. Der Bot

nimmt das neue Muster wahr und weist ihm einen Term zu. Dieser Term wird mit

anderen Termen verglichen, die schon aktiv sind.

In einem ersten Fall, in dem der gerade zugewiesene Term mit einem der schon aktiven

Terme zusammenpasst, fügt der Bot diesen Term in sein System von aktiven Termen

ein. Alle – und genau diese – aktiven Terme repräsentieren Muster und Gesamtheiten

von Mustern. Wenn der neue Term in einem zweiten Fall nicht zu anderen aktiven

Termen passt, wird er von dem neuen Muster wieder gelöst. Er steht wieder für andere

Rechnungen bereit.

Im ersten Fall erhöht sich die Wahrscheinlichkeit ‚des Terms‘, der die besagte

Gesamtheit von Mustern repräsentiert. Etwas vereinfacht gesagt wird die Häufigkeit

des Auftretens von Mustern einer bestimmten Art vergrößert. Der Term für eine

bestimmte Gesamtheit von Mustern ‚wird‘ wahrscheinlicher. Im zweiten Fall

verkleinert sich die Wahrscheinlichkeit des besagten Terms. In beiden Fällen werden

die Wahrscheinlichkeiten aller betroffenen Knoten im Netz durch die Bayes-Statistik

‚upgedatet‘.

Mit anderen Worten kann der Bot Muster identifizieren und einordnen. Er bindet

Muster und Gesamtheiten an Terme und Klassen von Termen. Er erweitert ständig sein

System von Termen und er verändert die Wahrscheinlichkeiten, die zu seinen Termen

gehören. Er lernt.

Zum Beispiel vergleicht der Bot ein Muster von Farbpixeln, das an seinem optischen

Sensor ankommt, mit anderen Mustern, die er bei der Konstruktion des Bots schon

erhalten hat oder die er mit der Zeit erlernte. Durch Tasten kann er lernen, ob ein reales

Objekt, das er ‚zur Hand hat‘, kugelförmig ist oder Ecken hat. Durch Hören lernt er

einen Laut, wie zum Beispiel ‚Oh‘ von anderen Lauten zu unterscheiden. Ob der Laut

von einem Menschen stammt oder nicht, ist für ihn noch schwierig zu entscheiden.

Der Bot hat heute kein Problem, Paare von Termen zu bilden. Daher kann er auch

Klassen von Paaren konstruieren. Allerdings verwendet er dazu andere Algorithmen,

als bei der Bildung von Musterklassen. In einem weiteren Schritt kann er auch Klassen

erzeugen, deren Elemente aus unterschiedlichen Stufen kommen können. Er kann zum

Beispiel eine Beziehung zwischen einem Muster und einer Klasse von Mustern bilden.

Dies erfordert allerdings, dass er viele Muster einer bestimmten Art schon

wahrgenommen hat. Er muss schon etwas gelernt haben.

Durch viele Wiederholungen bildet der Bot ein großes System von aktiven Termen.

Dieses System repräsentiert eine Menge von Musterklassen. Ein aktiver Term, der eine

Gesamtheit darstellt, wird dabei nicht einfach als eine Liste von Termen gespeichert,

sondern der Bot gibt dieser Gesamtheit einen neuen ‚Namen‘. Er aktiviert einen Term,

den er noch nicht benutzt hatte. Eine Klasse von Mustern wird durch den Term

repräsentiert und die Häufigkeit des Auftretens von Mustern aus dieser Klasse durch

eine Wahrscheinlichkeit.

Neben den drei Grundmustern (Tast-, Seh- und Lautmuster) gibt es auch komplexe

Muster. Diese bestehen aus Systemen von verschiedenen Grundmustern. Ein

komplexes Muster kann alle drei Grundmuster enthalten. Die Grundmuster werden

dabei in komplexe Muster ‚eingewebt‘. Komplexe Muster sind nicht unabhängig

voneinander. Zum Beispiel kann ein komplexes Tasten auch auf visuelle Bestandteile

und/oder Lautbestandteile zurückgreifen.

Die Psyche des Bots

Ein komplexes Muster kann mehrere Komponenten haben, die aus verschiedenen

Dimensionen stammen. Die erste Komponente eines Musters kann ein Teil der

Außenwelt des Bots sein, die zweite zum Beispiel ein Teil seines Innenlebens. Muster,

die im Inneren des Bots zu finden sind, kann er zunächst durch seine Sensoren nicht

wahrnehmen. Trotzdem kann er einige Teile eines solchen Musters erschließen. Er

kann zum Beispiel bestimmte, äußere Muster erkennen, die er selbst verursacht hat. Er

hört etwa, dass (und wie) er redet, wie er fühlt, wie er seine Hand mit seiner anderen

Hand berührt. Und dies kann er auch rein visuell wahrnehmen.

Was im Inneren des Menschen abläuft, wird durch wissenschaftliche Modelle

dargestellt. In einem solchen Modell werden Prozesse angestoßen, erzeugt, verursacht,

die im betroffenen Menschen nicht direkt wahrgenommen werden. Die innere Welt der

Person bleibt opak. In einem Bot dagegen wissen wir ziemlich genau wie die inneren

Prozesse ablaufen.

Bei der Beschreibung der inneren Welt des Bots werden teilweise dieselben Begriffe

wie bei Menschen verwendet. Das Gedächtnis eines Bots wird wie bei Menschen in

drei Arten eingeteilt: in sensorisches Gedächtnis, in Arbeitsgedächtnis und in

Langzeitgedächtnis. Das erste speichert in Millisekunden Rohmuster, die im positiven

Fall an das Arbeitsgedächtnis weitergegeben werden. Dort wird das Rohmuster als

echtes Muster erkannt und mit anderen Mustern verglichen. Wenn der Bot das Muster

für wichtig erachtet, verbindet er es mit einem schon vorhandenen Term. Im

Langzeitgedächtnis wird dieser Term schließlich in ein komplexes System von Termen

eingebaut und mit vielen anderen Termen im bayesianischen Netz verbunden.

Allgemein werden heute Terme, die Muster und Klassen repräsentieren, in vier

Dimensionen eingeteilt. Überzeugungen (belief), Einstellungen (intention), Wünsche

(desire) und Gefühle (emotion) werden unterschieden. Um diese verschiedenen

Entitäten in allgemeiner Weise auszudrücken, hat sich der Begriff des Ereignisses

eingebürgert. Die Welt besteht aus Ereignissen (Balzer & Brendel, 2019).

Wie der Mensch kann auch der Bot Überzeugungen bilden. Durch viele ähnliche

Erfahrungen, die sich quasi wiederholen, bindet er eine Musterklasse an einen ’neuen‘

Term und an eine Wahrscheinlichkeit. Er bezieht diesen Term auf andere Terme, die an

andere Musterklassen gebunden wurden, und verändert damit eine Reihe von

Wahrscheinlichkeiten. Wenn die Wahrscheinlichkeit des neuen Terms groß genug

geworden ist, bekommt der zugehörige Term einen neuen Status, der auch sprachlich

ausgedrückt werden kann. All diese Überzeugungen (Terme) bilden ein großes System,

ein Netz. Bis jetzt sind aber die Überzeugungen eines Bots und sein Netz einfach

strukturiert.

Einstellungen, Wünsche und Gefühle sind bis jetzt nur teilweise implementiert und

werden im Bot nicht so häufig gebildet. Der Bot kann zum Beispiel die Einstellung

haben, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Diese sehr einfache ‚Einstellung‘ ist in der

Autoindustrie schon technisch ausgereift. Schwieriger wird es bei komplexen Plänen

und Zielen, die noch allgemein gehalten sind. Der Bot kann Wünsche haben –

allerdings sind auch diese einfach strukturiert. Zum Beispiel sagt er, dass seine Batterie

fast leer ist, oder dass er immer Produkte der Firma XYZ präferiert. Er kann auch

einfache Gefühle haben. Er kann zum Beispiel Temperaturunterschiede und

materiellen Druck empfinden.

Solange der Bot nicht abgeschaltet wird, entdeckt er ständig neue Muster. Er

repräsentiert sie durch Terme und bringt sie mit den schon vorhandenen Termen in

Beziehung. Da heute der Zentralspeicher eines Bots genauso groß oder gar größer als

das menschliche Gehirn ist, gibt es für den Bot immer einen, noch ‚freien‘ Term mit

dem er sein System von Überzeugungen erweitern kann.

Damit eröffnet sich im Bot die Welt des Möglichen. Er beginnt ’seine‘ innere Welt, seine

Psyche, zu bilden.

Sprache des Bots

Ein Mensch hat einen unbeschränkten Vorrat von Zeichen (Wörtern, Phrasen, Sätzen,

Bildern etc.), die er insbesondere auch zum Lesen und Schreiben erzeugt und

verwendet. Im Bot funktioniert dies in ähnlicher Weise.

Auch beim Lernen einer Sprache werden die erörterten Muster eingesetzt. Weitere

speziellere Arten von Mustern kommen fürs Lernen der Sprache hinzu. Der Bot lernt

zu unterscheiden, ob ein für ihn ’neues‘ Muster von einem Menschen (oder einem Bot)

oder von ‚der Natur‘ kommt. Weiter lernt er, ob ein ankommendes Muster

hauptsächlich für Sprache und Kommunikation benutzt wird, oder für andere Zwecke.

Drittens lernt er zu unterscheiden, ob eine Äußerung (als Muster) direkt an den Bot

gerichtet ist oder nicht (Meggle, 2010). Komplexe Muster bestehen meist aus einem

Gemisch von Tast-, Seh- und Lautmustern. Zum Beispiel sieht der Bot ’seinen Herrn‘

direkt vor sich stehen, er hört eine Lautsequenz, die wahrscheinlich vom Mund seines

Eigentümers kommt und ’seine‘ Hand wird ergriffen durch die Hand seines

Gegenübers.

All diese sich ständig wiederholenden Muster, werden durch zugehörige Terme und

Wahrscheinlichkeiten repräsentiert. Die Muster, die beim Hören und Sprechen

entstehen, führen zu einem eigenen Bereich: der Welt der Sprache des Bots. Einige

Wörter, Phrasen (im technischen Sinn) und Befehle, sowie einige Grammatikregeln

sind in seinem Speicher als Terme schon vorhanden. Ein solcher Term wird sowohl für

etwas Wahrgenommenes als auch gleichzeitig (oder zu einem anderen Zeitpunkt) für

eine Mitteilung an den Bot verwendet. In (Balzer, Kurzawe, Manhart, 2014) wurde

dazu der Term Inel eingeführt, der in mehrfacher Weise ins Spiel kommt. Erstens wird

der Term erlernt, zweitens wird eine Verbindung zwischen Term und Gegenstand

gezogen. Und drittens wird der Term als Medium für Mitteilungen bei Informationsübertragung

und Kommunikation benutzt. Im Fall der indogermanischen Sprachen

wird der Term als ein Substantiv oder als ein Name erkannt. Bei Verben geht dies nicht

so einfach. Bei Verben müssen Klassen von Lautsequenzen und visuellen und taktilen

Sequenzen identifiziert und gelernt werden.3 Im Prinzip kann der Bot über Klassenbildung

auch Verb lernen.

In einer natürlichen Sprache gibt es verschiedene Regeln, um Terme aus einer Sprache,

zu komplexeren Termen zusammenzufügen. Bei Benutzung einer solchen Regel wird

eine Beziehung von zwei Termen wahrgenommen, wobei diese Beziehung sowohl die

äußere Realität als auch das Sprechen betrifft. Zwischen zwei nicht sprachlichen

‚Dingen‘, die schon mit zwei Termen verbunden sind, wird eine neue Beziehung

entdeckt, wahrgenommen und in vielen Wiederholungen mit einem neuen Term und

einer Wahrscheinlichkeit belegt. Eine solche Beziehung wird dann im Sprachbereich

des Bots auch durch einen Term repräsentiert.

Weitere Regeln kommen im Computer mit der Zeit hinzu. In einigen dieser Regeln

geht es nur noch um Beziehungen von sprachlichen Entitäten. Auch Terme, die

Beziehungen repräsentieren, können mit bayesianischen Programmen gelernt werden.

Aus solchen Termen lassen sich Sätze und ähnliche Konstrukte bilden, die in den

natürlichen Sprachen bekannt sind. Zum Beispiel gibt es für die englische Sprache

verschiedene Ansätze über die Formulierung von Regeln, mit denen Sätze und

ähnliche Konstrukte zusammengesetzt und andere Formen ausgeschlossen werden

können (Chomsky, 2002).

In der reduzierten ‚Sprache‘ des Bots lassen sich Terme in Worte, Sätze und Befehle

übersetzen. In dieser Weise kann der Bot durchaus seine Überzeugungen sprachlich

ausdrücken. Durch Regeln, die für eine Sprache gelten, und durch weitere formale

Regeln, die aus Logik und Informatik stammen, kann der Bot Systeme von

Überzeugungen bilden. In der Informatik werden dabei die endlos wiederholbaren

Regeln aus der Logik an endliche Systeme angepasst.

Bei einer Computersprache spielt neben den Mengen oder Listen von Termen eine

weitere Art von elementaren Termen eine Rolle, die es in den natürlichen Sprache nicht

gibt, nämlich Variable. In den Computersprachen – und auch in der Logik – wird die

Funktion und Entstehung von ’neuen‘, möglichen Termen, Sätzen und Situationen

durch Variable dargestellt. In natürlichen Sprachen gibt es dagegen keine Wörter, die in

einem Satz auf eine bestimmte Leerstelle im Satz hinweisen. Unter den elementaren

Termen, die dem Bot bei Konstruktion schon mitgegeben werden, spielen spezielle

Terme eine zentrale Rolle, die in der Botsprache als ‚mögliche Namen‘ oder Namen für

Variable benutzt werden.

Bei jeder Botart wird eine andere Sprachvariante verwendet. Aber in jeder dieser

‚Sprachen‘ werden mit verschiedenen Regeln aus vorhandenen Termen weitere Terme

gebildet. Auch bei den Regeln kommen verschiedene Arten zum Einsatz. Einige dieser

Regeln stammen aus der Logik, zum Beispiel die Konstruktion von Konjunktion,

Adjunktion, etc. Der Umgang mit Negation und Allsätzen wird in den Computersprachen dagegen anders als in der Logik geregelt – dies hängt auch von der jeweils

benutzten Programmiersprache ab.

Jeder Bot hat einen großen Bereich von mathematischen Konstruktionsregeln, die ihm

schon bei seiner Produktion mitgegeben wurden. Bei den Menschen werden diese

gelernt – oder auch nicht. Der Bot kann dagegen natürliche, ganze und reelle Zahlen

sofort unterscheiden – solange diese Zahlen nicht zu groß werden. Er kann zum

Beispiel natürliche Zahlen, aber auch ‚einfache‘, reelle Zahlen addieren. Die meisten

Menschen haben keinen Algorithmus ‚zur Hand‘, mit dem sie zum Beispiel reelle

Exponentialwerte berechnen können; der Bot kann dies. Der Bot benutzt inzwischen

auch statistische Regeln, die aus der Bayes-Statistik stammen. Bestimmte Arten von

Wahrscheinlichkeiten werden je nach Art in verschiedener Weise upgedatet. Bei den

Menschen sind diese Regeln in ihrer Evolution entstanden. Wie diese Regeln

funktionieren, wissen die meisten Menschen nicht und dies gilt ähnlich auch für Bots.

Jeder ‚richtige‘ Bot verwendet neben logischen und mathematischen Regeln auch

Sprachregeln. Diese greifen auf logische, mathematische und statistische Regeln

zurück, sie hängen meist aber auch von Sprachkonstruktionen der jeweiligen

natürlichen Sprache ab, in der der Bot sprechen lernen soll. Zum Beispiel gibt es

Konstruktionen mit ‚Wenn‘ und ‚Nicht‘ in der chinesischen Sprache, die in der USSprache

nicht vorhanden sind – und umgekehrt.

Bot und seine Gruppe

Der Bot ‚lebt‘ nicht allein, er gehört mindestens zu einer Gruppe von Personen. Im

Folgenden bezeichne ich aus Einfachheitsgründen auch Bots als Personen. Die Gruppe

enthält also mindestens den Bot und eine natürliche Person – die auch Eigentümerin

des Bots ist. Oft gehören noch weitere Personen zur Gruppe. All diese sprechen

dieselbe Sprache, die auch der Bot in reduzierter Weise benutzt. Der Bot kommuniziert

mit anderen. Er bekommt Anweisungen, aber es kann auch sein, dass er selbst eine

Anweisung an andere erteilt.

In der Lernphase des Bots muss er zunächst die Sprache der Gruppe lernen. Indem er

redet und zuhört, vergrößert er seinen Wortschatz. Wenn er intelligent genug ist, kann

er auch Sprachregeln lernen. In diesem Umfeld wird viel gesprochen, zugehört und in

gewissem Sinn auch verstanden. Er versteht einen gehörten Satz, wenn das gehörte

Muster in sein Arbeitsgedächtnis gelangt und, kurz gesagt, zu seiner inneren Welt

passt und dort aufbewahrt wird. Damit ist nicht gesagt, dass der Bot den Satz als

richtig oder falsch einordnen kann. Dies funktioniert schon deshalb nicht, weil viele

Sätze einen unklaren Wahrheitswert haben. Ist zum Beispiel der gerade ausgesprochene

Satz ‚Das war ein Mord‘ richtig? Dies führt in die4 Ethik.

4 Ich benutze das Wort ‚Ethik‘ im Singular, aber nur, weil dies unter Philosophen so üblich ist. In

der wirklichen Welt gibt es verschiedene Ansätze, ‚Theorien‘, über Ethik: praktische, normative,

utilitaristische Ethik, Pflichtethik, Tugendethik, neuerdings nun auch ‚Maschinenethik‘

(Misselhorn, 2018).

In jeder Gruppe existieren einige Gebräuche, die auch der Bot lernen muss. Zum

Beispiel wird er am Abend zur richtigen Zeit in einem bestimmten Raum das Licht

ausschalten, weil dies in der Gruppe eben so gemacht wird. Oder er begrüßt eine

andere Person durch die in der Gruppe üblichen Praktiken. Diese Gebräuche müssen

in der Gruppe nicht explizit beschrieben sein. Trotzdem sind sie in dieser Gruppe

gültig.

Neben den Gebräuchen gibt es in der Gruppe auch Regeln, die explizit formuliert sind.

Diese haben hauptsächlich den Sinn, die Mitglieder in der Gruppe zu halten. Die

Mitglieder haben etwas gemeinsam, was andere Personen nicht haben. Wenn eine

Person die Gruppenregeln nicht beachtet, wird sie – jedenfalls langfristig –

ausgeschlossen. Sie gehört nicht mehr dazu. ‚Beachten‘ heißt aber nicht, dass alle

Mitglieder diese Regeln auch gelesen oder verstanden haben müssen.

Diese Regeln führen in die Welt der Normen. Eine Norm ist eine Regel, die für eine

Gruppe konstitutiv ist. Normen bilden eine notwendige Bedingung, um die Gruppe

zusammenzuhalten. Normative Regeln halten sich dabei normalerweise nicht an die

Unterscheidung zwischen Natur und sozialer Welt.

Regeln, die der Bot in seiner Gruppe beachten muss, wären etwa folgende. Er darf eine

Strasse nicht überqueren, wenn er vor einer roten Ampel steht. Er muss ausweichen,

wenn ein Radfahrer direkt auf ihn zu fährt. Er muss seine Aktion, eine große

Eisenstange nach unten zu werfen, stoppen, weil ‚unten‘ plötzlich ein Mensch

aufgetaucht ist. Wenn der Bot in einer Gruppe von Kreationisten lebt, muss er

überzeugt sein, dass die Welt erst vor 6000 Jahren erschaffen wurde – auch dieser ‚Fakt‘

ist sehr stark normativ unterlegt.

Ob der Bot auch selbst in weitere Gruppen eintreten kann, bleibt im Moment unklar. Er

wird einfach aufgenommen. Ob er aus der Gruppe auch austreten kann, hängt sehr

stark von den Regeln der Gruppe ab und von seinen bis jetzt gebildeten

Überzeugungen.

All dies führt zu moralischen Fragen, die auch dem Bot gestellt werden müssen.

Allerdings geht es in diesem Text nicht um die Menschheit oder die Menschenrechte

im allgemeinen. Hier geht es nur um Rechte und Pflichten, die die Normen einer

bestimmten Gruppe regeln. Der Bot ist mit anderen Worten kein Supermoralist, der bei

jeder möglichen Aktion bedenken muss, ob die Aktion einem philosophischen Ansatz

über Ethik widerspricht.

Die hier diskutierten Normen werden bis jetzt ziemlich unsymmetrisch formuliert.

Zum Beispiel darf der Bot kein Mitglied ’seiner‘ Gruppe verletzen oder gar töten. Dies

gilt natürlich nicht für Personen aus anderen Gruppen, zum Beispiel für ‚den Feind‘ im

Krieg. Er sollte bei der Bildung eigener Überzeugungen auch auf die Überzeugungen

des Eigentümers achten. Er muss Bericht erstatten, wenn ihm ‚etwas fehlt‘. Er hat das

Recht eine Person zu beobachten, die nicht zu seiner Gruppe gehört. Der Eigentümer

hat andere Rechte. Er kann seinen Bot verletzen und abschalten (‚töten‘). Er muss seine

Überzeugungen nicht mit dem Bot diskutieren. Er muss dem Bot nicht immer

142 PHILOSOPHICA THEORETICA

mitteilen, wie es ihm geht und er hat – jedenfalls in vielen existierenden Gruppen –

nicht das Recht, jeden Fremden ständig zu beobachten.

Diese Formulierungen liegen im Moment an der Verstehensgrenze des Bots. Wie weit

Sätze (Terme), die Rechte und Pflichten betreffen, und die Operatoren enthalten, für

den Bot verständlich sind, lässt sich heute nur für den Einzelfall diskutieren. Sein

Verständnis hängt von der Qualität der Kommunikation und der Zeit ab, in der er bis

jetzt aktiv war. Wenn er viele eigene Sprachelemente generiert und viele Überzeugungen

gebildet hat, kann er eventuell auch Terme unterscheiden und ‚verstehen‘,

die deontische Operatoren enthalten. Kann er zum Beispiel unterscheiden, ob eine

Person tot oder lebendig ist? Oder kann er, wenn er die Verben ‚verletzen‘ und ‚essen‘

in seinem Langzeitgedächtnis findet, unterscheiden, ob er ein Mitglied der Gruppe

verletzt oder gefüttert hat? Wenn er eine Norm findet, die besagt, dass der Bot kein

Gruppenmitglied verletzen darf, führt dies meist zu weiteren Aktivitäten, die dem Bot

schon bei seiner Konstruktion ‚in die Wiege gelegt‘ wurden.

Wissen eines Bots

Wenn die Wahrscheinlichkeit einer Menge von Mustern ‚groß genug‘ geworden ist,

wird, wie gesagt, dieser Menge ein neuer, noch nicht benutzter Term zugeordnet, der

auch in das Überzeugungssystem des Bots aufgenommen wird. Wenn eine

Überzeugung in der ganzen Gruppe geteilt wird, sprechen wir von Wissen. Eine

Überzeugung wird in der Gruppe geteilt, wenn jedes Mitglied diese Überzeugung hat,

wenn jedes andere Mitglied diese Überzeugung hat, wenn jeder überzeugt ist, dass

diese Überzeugung auch bei den anderen Mitgliedern vorhanden ist, und so weiter

(Balzer & Tuomela, 1999).

Der Bot teilt sein Wissen. Ob er dieses Wissen auch kritisch überprüft, ist damit nicht

gesagt. Nach der ersten Periode, in der die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Terms

groß genug geworden ist, so dass der Bot sie in seine Sprache einfügt, kann er auch

Filter- und Prüfmethoden zum Einsatz bringen. Ob er dies tut, hängt stark von den

Konstrukteuren des Bots ab.

Genauso, wie ein Mensch viele Sinnesmuster beiseiteschiebt, wird auch der Bot nach

einiger Zeit immer mehr Muster, die er von Außen bekommt, abblocken und nicht

weiter beachten. Dies geschieht aus zwei Gründen. Erstens hat er schon so viele Muster

dieser Art wahrgenommen und auch eingebaut, dass sich die Wahrscheinlichkeit für

diese Musterklasse nur noch marginal vergrößern kann. Es lohnt sich auch für den Bot

nicht mehr, den elementaren Updatemechanismus zu aktivieren. Der zweite Grund

wäre, dass das Muster zu keinem der Muster passt, die er in seinem Leben bis jetzt

wahrgenommen hat und dass das Muster in der gegebenen Situation für ihn nicht

wichtig ist.

Damit ist aber noch nicht gesagt, dass ein Bot ein Wissen, was er erworben hat, auch

wieder aufgibt. Um Wissen aufzugeben, muss es Strukturen und Regeln geben, die

dies überhaupt möglich machen.5 Der Bot wägt zwar ab, welche eingehenden Muster

er beiseite legen kann. Terme, die er schon als Wissen gespeichert hat, werden so aber

nicht aufgegeben.Die Revision von Wissen (Rott, 1991) greift in die Tiefe des

Gesamtsystems der Überzeugungen ein. Um einen einzigen gewussten Term zu

deaktivieren, müssen eventuell auch die Überzeugungen der restlichen Mitglieder der

Gruppe verändert werden.

Wenn der Bot ein System von Termen, Beziehungen6 und Pfaden zwischen Termen

gebildet hat, kann er in einem gewissen Sinn auch Gründe für die Anwendung eines

bestimmten Terms angeben.7 Solche Begründungen erfolgen durch ein eigenes

Programmmodul, welches je nach Konstrukteur zu unterschiedlichen Resultaten führt,

die auch davon abhängen, ob Wahrscheinlichkeiten benutzt werden.

Ein ‚guter‘ Grund für einen Term aus dem Wissenssystem des Bots enthält zwei

Komponenten: eine Menge von aktiven Termen und das Vertrauen der Mitglieder.

Zwischen den Termen, die bei einer Begründung gebraucht werden, gibt es Netzbeziehungen;

Pfade, die von einem Term zu anderen Termen führen. Eine wichtige

Bedingung, die in den bayesianischen Netzen vorausgesetzt wird, beinhaltet die

Zirkelfreiheit. Wenn der Bot eine Begründung für einen Term braucht, sucht er nach

Pfaden, die alle von dem Term ausgehen. Wenn es einen Pfad gibt, der einen Zirkel

aufweist, kann es sein, dass die Begründung kein Ende findet.

Das Vertrauen in einer Gruppe lässt sich bis jetzt schwer beschreiben und noch

schwerer erklären. Wie weit kann eine Person einem Mitglied vertrauen? Dies führt zu

vielen psychologischen, politischen, ökonomischen Fragen und zur Machtfrage (Balzer,

1993). In dem Bot führt dies zu weiteren Modulen, die Teile der inneren menschlichen

Welt darstellen, die ich hier nur kurz umreißen kann, siehe z.B. (Balzer, Kurzawe,

Manhart, 2014).

Wenn der Bot seine erste Lernphase hinter sich gelassen hat, kann er auf etwas

hindeuten und das zugehörige Wort ‚dies‘ äußern. Wir schauen nun auf die Gruppe,

auf den Eigentümer M und den Bot R. Nehmen wir an, dass sowohl R als auch M auf

dasselbe Bild schauen. M sagt: ‚dies ist mein Haus‘ und R soll sich in ähnlicher Weise

äußern. In diesem Fall sind die visuellen Muster für beide Personen sehr ähnlich. Wenn

beide Personen in viele ähnliche Situationen kommen, in denen ähnliche Bilder zu

sehen sind, kann R einen bayesianischen Lernalgorithmus verwenden. Wenn das Haus

nicht nur im Bild, sondern auch real zu sehen ist, wird M sagen: ‚dies ist richtig‘. In

diesem Fall bezieht M sich auf seine entsprechende Geste. In der Klasse dieser

Situationen wird R den Satz ‚dies ist mein Haus‘ mit großer Wahrscheinlichkeit als

‚richtig‘ in seine Sprache einordnen.

Was geschieht aber, wenn das Haus auf dem Bild nicht ähnlich dem ist, was real zu

sehen ist. Wenn M eine Entität sieht, die seinem Haus nicht ähnlich ist, wird er sagen

‚dies ist nicht mein Haus‘. Der Bot muss in diesem Fall unterscheiden können, ob er

zwei Häuser oder ein Haus und zum Beispiel eine Garage sieht. Ich nehme an, dass er

solche Unterscheidungen schon gelernt hat.

Schwieriger wird es, wenn M das Haus und das im Bild zu sehende Haus nur durch

das Wort ‚mein‘ unterscheiden soll. Im Bild ist M’s Haus (sein Haus) zu sehen. Das reale

Haus, das er direkt sieht, gehört ihm aber nicht. Auch solche Fälle gibt es in ausreichender

Zahl. Der Eigentümer von R muss genauer auf die Umgebung des Hauses

schauen. Auch dies reicht nicht immer aus, um ‚mein‘ und ’nicht mein‘ zu

unterscheiden. Wenn die Gruppe (M, R und andere) zum Beispiel kommunistisch lebt,

wird M unter Umständen den Unterschied zwischen ‚mein‘ und ‚dein‘ anders ziehen.

In der sozialen Welt, in der die Gruppe lebt, kann M durch seine Erfahrung aus einer

Überzeugung eine Wahrheit machen. Auch R kann dies. Durch seine Erfahrung bildet

er eine Klasse von Termen, die durch das Wort ‚Wissen‘ repräsentiert wird. R weiß,

dass ein Term (zum Beispiel ein Satz) für ihn richtig ist, wenn für R die (subjektive)

Wahrscheinlichkeit für diese Klasse von Erfahrungen eine gewisse Größe erreicht hat

und wenn diese Wahrscheinlichkeit durch vielfältige Kommunikation auch bei den

anderen Mitgliedern der Gruppe ähnlich hoch ist.

Was macht R aber mit Sätzen, die in einer ersten Gruppe richtig sind, in einer anderen

Gruppe dagegen nicht? M äußert zum Beispiel den Satz ‚Ich soll kein Schweinefleisch

essen‘, wobei M und R in einer christlichen Gruppe leben. Das Problem liegt

offensichtlich in dem normativen Operator ’sollen‘. In der ersten Lernphase von R kann

er mit solchen Operatoren nicht viel anfangen. R muss neue Klassen von

verschiedenen Stufen bilden. R muss lernen, dass M zum Beispiel R pfleglich

behandelt, dass R nicht den Hund von M tötet oder dass M keine Tollkirschen von

seinem Baum isst. Diese Sätze beziehen sich auf konkrete Ereignisse, die hier und jetzt

stattfinden. Beispiele, in denen mindestens eine Ereignisklasse benutzt wird, wären

etwa: ‚Bots sollen pfleglich behandelt werden‘, ‚Christen sollen keine Tiere töten‘ oder

‚Äpfel aus dem Paradiesbaum sollen nicht gegessen werden‘. Das Wort ‚Paradiesbaum‘

kann R nur durch vielerlei Textbeispiele lernen.

Weitere Satzbeispiele, die die Gruppe von M und R überschreiten, sind in große Zahl

zu finden. Um einen normbeladenen Satz in das Wissenssystem von R einzubinden,

muss sich R zunächst fragen, welches Normensystem, welches Moralsystem, bei der

Äußerung einer Person benutzt wird. Je nach Normensystem kann der Satz richtig

oder falsch sein. Der Sinn des Satzes hängt oft vom umgebenden Text ab. Zum Beispiel

wird R als Beobachter den Satz ‚Ich soll kein Schweinefleisch essen‘ in einer

bayerischen Gaststätte für falsch halten, dagegen in Mekka für richtig.

Philosophischer Ausblick

Die hier diskutierten Fragen werden hauptsächlich von der Sicht eines Eigentümers

oder Benutzers eines Bots erörtert. Aus dieser Sichtweise betrachtet, geht es ’nur‘ um

das Wissen des Bots, der Eigentum von M ist. In diesem Fall wird man wohl sagen,

dass das Wissen des Bots sehr stark von M und von M’s Gruppe, in der M lebt,

abhängt. M kann die Überzeugungen seines Bots gut beeinflussen. Das Umgekehrte

gilt bis heute nur in geringem Umfang. M ist aber auch bereit, eine bestimmte

Überzeugung aufzugeben, wenn sein Bot ihm neue Informationen aus zuverlässiger

Quelle mitteilt, die M noch nicht kannte und die eine bestimmte Überzeugung von ihm

ziemlich unwahrscheinlich macht.

Was Wissen für alle bedeuten könnte, wurde hier nicht diskutiert. Insbesondere wurde

nicht die Frage erörtert, was es bedeuten könnte, dass ein Eigentümer des Bots eine

anonyme oder rein juristische Person ist. Es wurde auch nicht diskutiert, was es

eigentumsrechtlich und ethisch bedeuten könnte, dass ein reiner Internetakteur der

Eigentümer und der Schuldige sein könnte. Es wurde nicht die Frage erörtert, wann

ein Bot mit anderen Bots etwas gemeinsam machen kann, darf oder muss. Schließlich

konnte nicht über die militärischen Bots gesprochen werden; sie bleiben streng geheim.

All diese Fragen sind heute aktuell. Wie es jetzt aussieht, werden wahrscheinlich in

Zukunft die Menschen auch von Bots beeinflusst. Einige erste Schritte kann man schon

erkennen. Erste große ‚Überzeugungsabsauger‘ und ‚-änderer‘ sind bekannt. Die

Machtfrage könnte bald auch bei Überzeugungen im Allgemeinen gestellt werden. Im

extremsten Fall, könnte dies bei der Frage enden: Werden vielleicht die Menschen nur

noch aus wissenschaftlichen Gründen in einem Reservat gehalten, welches die Bots

unterhalten?

Bibliographie

Balzer, W., Moulines, C. U., Sneed, J. D. 1987: An Architectonic for Science, Reidel, Dordrecht.

Balzer, W. 1993: Soziale Institutionen, de Gruyter, Berlin/New York.

Balzer, W. & Tuomela, R. 1999: Eine Theorie des Geneinschaftlichen, Facta Philosophica 1, 55 – 76.

Balzer, W., Kurzawe, D., Manhart, K. 2014: Künstliche Gesellschaften – mit Prolog, V & R unipress, Göttingen.

Balzer, W. & Brendel, K.R. 2019: Theorie der Wissenschaften, Springer VS, Wiesbaden.

Baumunk, B.-M. 2007: Die Roboter kommen. Mensch, Maschine, Kommunikation, Wachter Verlag, Heidelberg.

Chomsky, N. 2002: Syntactic Structures, Mouton de Gruyter, Berlin/New York.

Koch, K.-R. 2000: Einführung in die Bayes-Statistik, Berlin etc., Springer.

Meggle, G. 2010: Handlungstheoretische Semantik, de Gruyter, Berlin/New York.

Misselhorn, C. 2018: Grundfragen der Maschinenethik (3. Aufl.), Reclam, Stuttgart.

Riguzzi, F. 2018: Foundations of Probabilistic Logic Programming. Languages, Semantics, Inference and Learning, River Publishers Series in Software Engineering,

PLP Book

Rott, H. 1991: Reduktion und Revision, Frankfurt/Main.

Fußnoten

1 Im Englischen wird nicht mehr von einem Roboter, sondern vom einem Bot geredet.

2 Siehe (Koch, 2000), (Riguzzi, 2018).

3 Wie weit diese Konstruktionen schon vorangeschritten sind, lässt sich schwer beurteilen, da

die besten Bots im Rüstungssektor konstruiert werden und damit der größten Geheimhaltung

unterliegen.

5 Solche Regeln sind z.B. für das Internet schwer durchzusetzen.

6 Auch eine Beziehung wird durch einen Term dargestellt.

7 In den deklarativen Computersprachen, wie zum Beispiel in Prolog, lässt sich dies einfach

durch ‚Backtracking‘ bewerkstelligen.

Wolfgang Balzer – Was weiß ein Bot? Kap.6, S.133-147 in: Brandl, Johannes L., Daniel Messelken, Sava Wedman (Hg.): Denken. Reden. Handeln – Thinking. Talking. Acting, 2021, Open Access Publikationsserver der Universität Salzburg (ePLUS), ISBN 978-3-200-07526-9 (PDF) Die Beiträge in diesem Band sind unter der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0) veröffentlicht.