Thomas Barth
Am 19.juli1898, heute vor 125 Jahren, wurde Herbert Marcuse (1898-1979) in Berlin geboren. Er gilt heute als eine Ikone eines humanistischen Marxismus und der 1968er-Studentenproteste und neben Adorno als großer Gegenspieler des konservativ-nazistischen Philosophen Martin Heidegger. Im Dienste von OSS (CIA) arbeitete er gegen den Nazi-Faschismus. Schon 1976 äußerte Marcuse sich warnend-reflektierend, aber zugleich optimistisch in einem Interview zur damals sich ankündigenden Zukunft der Computertechnologie:
„Die Entwicklung der Technologie heute, kann zu einem Zustand führen, verglichen mit dem „1984“ (von George Orwell) gar nichts ist. Aber auch zum Gegenteil. Fast alle Ergebnisse der Wissenschaft und Technologie, die heute destruktiven Zwecken dienen, können -soweit ich es überblicken kann und wagen kann auszudrücken- können auch zu emanzipatorischen Zwecken eingesetzt werden. Ich kann mir z.B. vorstellen, dass ein Computer in einer sozialistischen Gesellschaft dazu gebraucht wird, so schnell und sicher wie möglich festzustellen, in welchen Gegenden des Landes welche Bedürfnisse noch nicht erfüllt sind und Prioritäten danach zu bemessen.“ Herbert Marcuse 1976
Was Marcuse hier andeutet versuchte der Sozialist Salvador Allende (1908-1973) in Chile bis zu seinem Sturz durch einen von der CIA inszenierten Militärputsch tatsächlich zu verwirklichen -mangels Internet noch durch ein Netz von Fax-Geräten zwischen Ministerien und Betrieben. Im heutigen China zeigt sich leider, dass die Überwachung als negative Möglichkeit des Internet mit der ökonomischen Potentialität der Netze allzuleicht kombinierbar ist.
Zu Marcuses Biographie
Während der deutschen Novemberrevolution 1918/19 betätigte Marcuse sich früh politisch als Mitglied eines Berliner Arbeiter- und Soldatenrates. Sein in Berlin begonnenes Studium der Germanistik und Philosophie setzte er in Freiburg im Breisgau bei Martin Heidegger fort. Wie viele seiner Generation war er von dem Philosophen und seiner Schrift Sein und Zeit fasziniert. Seine zur gleichen Zeit erfolgte Rezeption der erstmals publizierten „ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ von Karl Marx machte ihn laut Jürgen Habermas zum ersten „Heidegger-Marxisten“. (Vgl.für alle folgenden Daten Wikipedia)
1922 wurde Marcuse mit einer Arbeit über den deutschen Künstlerroman von Philipp Witkop promoviert und war danach im Buchhandel und Verlagswesen in Berlin tätig. 1924 heiratete er die Mathematikerin und Statistikerin Sophie Wertheim, die er an der Universität Freiburg kennengelernt hatte. 1928 setzte er seine Philosophiestudien bei Edmund Husserl und Martin Heidegger fort und gehörte zu Heideggers engerem Schülerkreis. Einerseits bewunderte er Heideggers „Konkrete Philosophie“ und dessen Versicherung, dass die Geschichtlichkeit als Grundbestimmtheit des Daseins „auch eine ‚Destruktion‘ der bisherigen Geschichte“ forderte. Zu diesem Zeitpunkt war Heidegger, der mit seinem Monumentalwerk „Sein und Zeit“ seine Inthronisation auf den Lehrstuhl seines Doktorvaters, des berühmten Phänomenologen Husserl, abzielte, noch nicht absehbar als späterer Nazi-Philosoph. In Heideggers Werk wurde die Geschichte als transzendentaler Faktor erkannt -eine Stelle, an der man links abbiegen konnte, wie Marcuse in Richtung einer marxistischen Utopie, oder rechts in Richtung auf einen faschistischen Umsturz im Sinne einer Retrotopie. Die demagogische Gleichsetzung von Retrotopie (der klassisch konservative Traum von vergangenen, angeblich Goldenenen Zeiten) und Utopie (der Suche nach einem bewussten Weg in die durch unsere Freiheit gegebene Unbestimmtheit der menschlichen Zukunft) ist Basis einer ideologisch-propagandistischen Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus.
Andererseits kritisierte Marcuse bereits damals schon Heideggers Individualismus und mangelnde materiale Konstitution der Geschichte, die er bei Wilhelm Dilthey stärker ausgeprägt sah. Seine Absicht, sich bei Heidegger in Freiburg über Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit zu habilitieren, blieb aufgrund von Heideggers Ablehnung unerfüllt. Heideggers Weg in den Faschismus zeichnete sich vielleicht auch durch diese Ignoranz oder Furcht angesichts der Ideen Marcuses ab. Marcuse emigrierte nach Hitlers Machtübernahme, Heidegger bekannte sich zum Nazismus und machte auf Husserls Lehrstuhl Karriere in der faschistischen Hochschulwelt des von ihm freudig begrüßten Dritten Reiches.
Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verließ Marcuse im Mai 1933 Deutschland und ging in die Schweiz. Auf Empfehlung von Husserl war er in Genf für die Zweigstelle des aus Frankfurt am Main emigrierten Instituts für Sozialforschung, das von Max Horkheimer geleitet wurde, etwa ein Jahr lang tätig. Kurzfristig arbeitete Marcuse auch für die Pariser Außenstelle des Instituts, bevor er Ende Juni 1934 endgültig in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierte. In der Zeitschrift des Instituts für Sozialforschung erschien 1934 Marcuses Aufsatz Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung, in dem er sich unter anderem mit Heideggers Stellung zum Nationalsozialismus auseinandersetzt. Er referiert darin insbesondere Heideggers Rektoratsrede, in der ausgeführt wird, die Wissenschaft solle dem Dienst am Volk gewidmet werden. Die geistige Bewegung sei Macht zur Bewahrung der „erd- und bluthaften“ Kräfte des Volkes; darüber hinaus zitiert er einen Satz Heideggers aus der Freiburger Studentenzeitung vom November 1933: „Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.“
In der Emigration wurde er in New York Mitglied des Instituts für Sozialforschung und arbeitete zunächst eng mit Max Horkheimer zusammen. Im nach New York übergesiedelten Institut für Sozialforschung erhielt Marcuse eine feste Anstellung. Horkheimer wies ihm die Funktion des zweiten Philosophen nach ihm zu (unter Brüskierung von T.W.Adorno, den Horkehimer unterdesse an der „Dialektik der Aufklärung“ arbeiten ließ, die später auch Horkheimers Ruhm maßgeblich begründen sollte).
1937 veröffentlichte Marcuse, (formal!) zusammen mit Horkheimer, in der Zeitschrift für Sozialforschung den Aufsatz „Philosophie und kritische Theorie“, in dem er den von Horkheimer zuvor veröffentlichten programmatischen Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“ korrigierend erweiterte: Gut kantianisch ergänzte Marcuse Horkheimers Deutung um den normativen philosophischen Grundbegriff der Vernunft (der Freiheit und Autonomie einschließe). Horkheimer ging es in seiner produktivsten Phase um die „Aufhebung der Philosophie in Gesellschaftstheorie“; im ersten Teil des gemeinsamen Aufsatzes bekannte er sich nunmehr zum „philosophischen Charakter der kritischen Theorie“. Hauke Brunkhorst und Gertrud Koch werten Marcuses Aufsatz als „wichtigsten Anteil am Programm der frühen Kritischen Theorie“ (Hauke Brunkhorst und Gertrud Koch: Herbert Marcuse. Eine Einführung. Panorama Verlag, Wiesbaden 2005, S. 38). 1940 wurde Marcuse Staatsbürger der USA.
Marcuse beim OSS (später die CIA)
1942 nahm Marcuse eine neue Stellung in Washington, D.C. ein: Er arbeitete beim Office of Strategic Services (OSS), Amerikas erstem Geheimdienst, am Kampf gegen den Nazi-Faschismus mit. Im OSS war er in deren Forschungs- und Analyseabteilung (Research and Analysis Branch) mit einer Gruppe für den Dienst im antifaschistischen Kampf tätig. Die Gruppe erarbeitete Hintergrundinformationen und praktische Ratschläge im Rahmen eines umfassenden Programms für die künftige Militärregierung in Deutschland. Zu der Gruppe zählten deutsch-jüdische Emigranten und amerikanische Geistes- und Sozialwissenschaftler, unter anderem H. Stuart Hughes, Barrington Moore, Jr., Paul Sweezy, Carl Schorske, Franz Neumann und Otto Kirchheimer. Mit Neumann und Kirchheimer war Marcuse in der Mitteleuropa-Sektion tätig, die unter der Leitung von Eugene N. Anderson mit über 40 Analytikern unterschiedlicher politischer und kultureller Herkunft besetzt war.
Der Politologe Franz Neumann (1900-1954) war aufgrund seiner Strukturanalyse des nationalsozialistischen Systems, Behemoth, die als beste und gründlichste Analyse des Nazi-Regimes galt, das intellektuelle Haupt der Gruppe. Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944 ist ein Standardwerk der Politischen Soziologie und Staatstheorie. Es wurde von Franz Neumann in den Jahren 1941 bis 1944 während seines Exils in den USA verfasst und wurde zuerst 1942, in erweiterter Form 1944 veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung erschien erst 1977. In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Bundesrichter Robert H. Jackson und dem amerikanischen Hauptankläger Telford Taylor verfasste er mehrere Anklageschriften für die Nürnberger Prozesse. 1946 nahm er für die USA an ihnen teil. Ian Buruma urteilt, Neumann sei „der wichtigste Kopf hinter der Entnazifizierung“ in Deutschland gewesen. -er kam 1954 durch einen Autounfall in der Schweiz ums Leben.
Zu Marcuses Aufgaben gehörte es, die politisch Verantwortlichen und die gesellschaftlichen Stützen des Naziregimes zu identifizieren sowie die Kräfte zu benennen, die für den Aufbau eines demokratischen Deutschlands zur Verfügung stünden. In einem Brief an Horkheimer beschrieb Marcuse, dass seine Funktion darin bestünde, „Vorschläge zu machen, wie dem amerikanischen Volk der Feind zu präsentieren ist, in Presse, Film, Propaganda etc“. Ein enger Mitarbeiter von Kirchheimer erinnerte sich, dass es dank Marcuse in der mitteleuropäischen Abteilung zuging, „als hätte sich der linkshegelianische Weltgeist vorübergehend […] angesiedelt“.
Danach arbeitete Marcuse für die 1946 gegründete Nachfolgeinstitution, das Office of Intelligence Research, die dem US-Außenministerium unterstellt war. Für eine weitere OSS-Nachfolgeorganisation, das Committee on World Communism (CWC), arbeitete er bis 1951, zeitweise auch als Europasektions-Leiter. Unter seiner Leitung erarbeitete das CWC wissenschaftliche Ergebnisse im Dienste der psychologischen Kriegsführung. Die Beobachtung und Analysen schlossen auch die kommunistischen Parteien außerhalb der Sowjetunion und die internationalen kommunistischen Organisationen ein.
Nach dem Ausscheiden aus dem Institut für Sozialforschung 1942 schrieb Marcuse während des Zweiten Weltkriegs und danach bis 1951 zahlreiche Aufsätze, Expertisen und Memoranden für verschiedene Unterabteilungen des amerikanischen Geheimdienstes. Sie wurden posthum in der Publikation Im Kampf gegen Nazideutschland veröffentlicht und stammen aus einem staatlichen Archiv. Von den 31 veröffentlichten Arbeiten, die das Trio Neumann/Kirchheimer/Marcuse in alleiniger oder Ko-Autorschaft für den Geheimdienst verfasst hat, gehen auf Marcuse dreizehn zurück (einer davon gemeinsam mit Felix Gilbert, ein anderer mit Neumann). Seine Beiträge, die von 1943 an datieren, gehen bereits von der bevorstehenden Niederlage Deutschlands aus. Sie erstellen ein Tableau der sozialen Schichten mit ihren herrschenden und beherrschten Gruppen im nationalsozialistischen Deutschland, halten dessen Gleichsetzung mit dem preußischen Militarismus für ideologisch irreführend, entwerfen Muster des Zusammenbruchs nach der Niederlage, geben der avisierten Militärregierung Ratschläge und Hinweise für die Entnazifizierung und den Wiederaufbau mit demokratischen Parteien und Gewerkschaften. In einer Analyse der Kommunistischen Partei Deutschlands bescheinigt Marcuse ihr den „bestorganisierten und effektivsten Untergrund in Deutschland“. Ihre mögliche Rolle im Nachkriegsdeutschland sieht er abhängig von der Unterstützung durch die Arbeiterschaft und ihrem Verhältnis zur Sozialdemokratischen Partei.
Der abschließende Beitrag des Dokumentenbandes „Im Kampf gegen Nazideutschland“ bildet der Überblick „Die Potentiale des Weltkommunismus“ aus Marcuses Feder. In ihm werden die Entwicklung des Weltkommunismus, seine Programmatik und Pläne dargestellt. Hervorgehoben wird die Tatsache, dass, entgegen marxscher Annahme, der Kommunismus nur in den weniger industrialisierten Ländern Fuß fassen konnte und dass die nationalen kommunistischen Parteien vollständig den innen- und außenpolitischen Interessen der Sowjetunion untergeordnet wurden. Die Stärke der kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich führt Marcuse auf besondere nationale Bedingungen zurück, etwa die Rolle der Kommunisten in der Résistance, die Betonung nationaler Interessen gegenüber dem „ausländischen Imperialismus“ und die kluge Kombination von marxistischen Politikzielen mit realistischen ökonomischen Forderungen. Neben diesen Beiträgen enthält Marcuses Nachlass Manuskripte, die im Zusammenhang mit seiner Arbeit für den Geheimdienst entstanden; sie wurden in der Publikation „Feindanalysen“ zusammengefasst.
In einer umfangreichen Studie über die Denksysteme im Kalten Krieg resümiert Tim B. Müller „Marcuses Jahrzehnt im Geheimdienst“: Er und seine Freunde hätten einen bedeutenden Beitrag zur deutschlandpolitischen Debatte, zum Verständnis des Kommunismus und zur strategischen Diskussion im amerikanischen Regierungsapparat geleistet, wobei alle ihre Analysen für eine Politik der Entspannung plädierten. Ihre Einsichten wurden jedoch im Gegensatz zu ihrer Intention überwiegend für eine Politik des Kalten Krieges, d.h. der globalen Eskalation und weltweiten oft vor der westlichen Öffentlichkeit geheim gehaltenen Kriegsführung instrumentalisiert. Marcuse wusste offenbar nichts von der Jakarta-Methode der CIA, die eine dem Völkermord nahezu gleiche Vernichtungsstrategie gegen alle „Kommunisten“ (dazu zählte man Sozialisten, Sozialdemokraten, Progressive, Gewerkschafter) zu verfolgen -wie sie sich in beispielloser Unmenschlichkeit beim Massenmord an mehreren Millionen KP-Mitglieder nebst deren Familien in Indonesien 1964/65 manifestierte, aber auch in zahlreichen anderen Ländern. Ziel war immer eine prowestliche faschistische meist Militärdiktatur.
Die Propaganda-Strategie, die Unmenschlichkeiten der Sowjet-Staaten immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und auszumalen, die Unmenschlichkeiten des Westenen aber zu verschweigen oder als Einezelfälle zu relativieren, blieb offensichtlich auch nicht ohne Wirkung auf Marcuse. Denn nach dem Ausscheiden aus dem Geheimdienst betrieb er weiterhin Studien über den Sowjet-Marxismus 1952/53 am Russian Institute der New Yorker Columbia University, einem Prestigeprojekt der Rockefeller-Stiftung, und an dem Russian Research Center der Harvard University (1954/55). Er war also ein Kollege der beiden „Kommunistenfresser“ Zbigniew Brzezinski und Samuel Huntington, den Nestoren des PNAC (Project for the New American Century).
Marcuse versus Heidegger
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Herbert Marcuse nicht nach Deutschland zurück, sondern lehrte an amerikanischen Universitäten. 1956 heiratete Marcuse Inge Neumann, Dozentin für moderne Sprachen an der San Diego State University und Witwe seines 1954 ums Leben gekommenen Freundes Franz Neumann. Im selben Jahr erhielt er seine erste Professur für Philosophie und Politikwissenschaft an der Brandeis University in Waltham (Massachusetts). 1964 wurde er Professor für Politikwissenschaft an der University of California, San Diego. Neben seiner dortigen Lehrtätigkeit nahm er 1965 eine außerordentliche Professur an der Freien Universität Berlin an.
Marcuse wandte sich 1947 an Heidegger und forderte ihn auf, sich öffentlich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, was dieser jedoch mit der Begründung ablehnte, dass er sich nicht mit jenen ehemaligen Nazianhängern gemein machen mochte, die in „der widerlichsten Weise ihren Gesinnungswechsel“ bekundet hätten. In einem Antwortbrief reagierte Marcuse empört auf Heideggers Gleichsetzung der Judenvernichtung mit der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Die Korrespondenz brach damit ab. In den sechziger und siebziger Jahren wurde Herbert Marcuse zu einem der wichtigsten Theoretiker der studentischen Protestbewegung, die er aktiv mit Sympathie und Engagement begleitete. An der Utopie eines „Reichs der Freiheit“ (Marx) als sozialistischer Gesellschaftsform hielt er Zeit seines Lebens fest -auch im Sinne seines Kampfes gegen den Faschismus, der ihn in Opposition zu Heidegger gebracht hatte.
Bereits in dem 1934 in der Zeitschrift für Sozialforschung veröffentlichten Aufsatz Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung befasste sich Marcuse mit dem Phänomen des Faschismus. Er vertrat darin die These, dass der Liberalismus „den total-autoritären Staat aus sich selbst ‚erzeugt‘: als seine eigene Vollendung auf einer fortgeschrittenen Stufe der Entwicklung“. Im Rahmen seiner Arbeiten für den amerikanischen Geheimdienst während der 1940er Jahre machte er als machtvolles Instrument des Nationalsozialismus die „technologische Rationalität“ verantwortlich. Sie mache die Menschen zu bloßen Anhängseln der Maschinerie und unterwerfe „alle Maßstäbe und Werte, alle Denk- und Verhaltensmuster […] der Produktions-, Destruktions- und Herrschaftsmaschinerie“.
Im nationalsozialistischen Staat identifizierte Marcuse fünf herrschende Gruppen, die an den politischen Entscheidungen beteiligt und Hauptnutznießer der Politik seien: 1. die Führung der NSDAP und der ihnen angeschlossenen Organisationen, 2. die oberen Ränge der staatlich-politischen Bürokratie, 3. das Oberkommando der Wehrmacht, 4. die Führung der Großunternehmen, 5. den Landadel. Marcuse folgte damit der Analyse Franz Neumanns, wonach das nationalsozialistische Regime nicht so monolithisch strukturiert war wie die von Friedrich Pollock und Max Horkheimer vertretene Theorie des Staatskapitalismus unterstellte. Für Neumann setzte sich die herrschende Klasse aus den Eliten der Partei, der Wehrmachtsführung, der Monopolwirtschaft und der Ministerialbürokratie zusammen. Als Rektor an der Freiburger Universität war der Star-Philosoph der Nazis, Martin Heidegger wohl der letztgenannten Gruppe zugehörig.
Im eingangs zitierten Interview, in dem er auch dafür eintrat neben Hegel auch Kant als Wegbereiter der Marxschen Wendung der Philosophie von der Theorie zur Praxis anzusehen, wird Marcuse auf Heidegger angesprochen und will sich nicht völlig von dessen Philosophie distanzieren; sie enthalte in abstrusen Texten durchaus brauchbare Ideen. Auch ihr gemeinsamer Lehrer Husserl, an den Heidegger anknüpfte, sei noch immer philosophisch bedeutsam. Doch Heidegger sei schon vor seinem offenen Auftreten als Faschist 1933 in „grauer Abstraktion“ befangen gewesen, habe in „Sein und Zeit“ dem Tod eine zu hohe Bedeutung zugeschrieben, dagegen fehle die Libido, die Lust völlig. (Diese Fehlstelle teilt Heidegger allerdings mit den meisten Philosophen -mit der großen Ausnahme von Marcuse selbst, könnte man einwenden.) Im Interview auf „seinen Antipoden“ Popper angesprochen, kritisiert Marcuse dessen propagandistische Verwendung des Begriffes „Utopie“, den man daher heute nicht mehr verwenden könne. Es sei den Anti-Marxisten gelungen die „Utopie“ vollkommen mit den totalitären Auswüchsen des Sowjetmarxismus gleichzusetzen. Außerdem seien Vorstellungen einer Welt, in der alle Menschen auskömmlich leben können angesichts des technischen und ökonomischen Fortschritts heute nicht mehr u-topisch, d.h. ortlos, sondern real: Man könne sie realisieren auch ohne totalitäre Herrschaftsformen. Technologie sei dafür von destruktiv-unterdrückenden Zwecken (Militär, Überwachung) auf menschlich wünschbare Bereiche, etwa den Umweltschutz (1976 eine „revolutionäre“ Anmerkung) anzuwenden.
Marcuse und die Frankfurter Schule
Die 1932 im Rahmen der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe erstmals veröffentlichten Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von Karl Marx veranlassten ihn zu einer frühen Analyse, die im gleichen Jahr in einer sozialdemokratischen Zeitschrift veröffentlicht wurde. Marx’ Jugendschriften von 1844 beeinflussten Marcuses Philosophieren erheblich. Wann immer er in späteren Schriften auf Marx zu sprechen kommt, bildet die Kategorie der „entfremdeten Arbeit“ den Ausgangspunkt. Die ihn als Marx-Kenner ausweisende veröffentlichte Arbeit und die Distanzierung von Heidegger in seiner Hegel-Schrift empfahlen ihn gewissermaßen dem Frankfurter Institut. Gleichwohl unterschied sich sein Marxismus von dem der Frankfurter Philosophen durch seine anthropologische Färbung. Marcuses Kontaktaufnahme zum Frankfurter Institut erfolgte, als dieses bereits die Verlegung seines Sitzes ins Ausland plante.
Als Erster folgte Marcuse Horkheimer im Mai 1941 an die Westküste nach Los Angeles, um mit ihm das von Horkheimer geplante Dialektik-Buch in Angriff zu nehmen. Aber offensichtlich war auch Theodor W. Adorno dafür vorgesehen. Hoffte Horkheimer anfangs noch, aus Marcuse, Adorno und sich selbst „ein gutes Gespann zu machen“, sah sich Marcuse doch durch die ökonomische Situation des Instituts und das Drängen Max Horkheimers dazu genötigt, 1942 eine neue Stellung in Washington, D.C. beim Office of Strategic Services (OSS), Amerikas erstem Geheimdienst, anzunehmen. Dazu beigetragen hat möglicherweise auch Adornos beharrliches Werben um Horkheimers Gunst, wobei er nicht davor zurückschreckte, Marcuse als „einen durch Judentum verhinderten Faszisten“ herabzusetzen, und seine, wie Stefan Breuer (Professor für Soziologie der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik), schreibt, fortwährend geübte „ätzende Kritik“ an Marcuses Beiträgen (Stefan Breuer: Kritische Theorie. Mohr Siebeck, Tübingen 2016, S. 174.).
Dem Institutskollegen Erich Fromm war Marcuse erst in der Emigration persönlich begegnet, wobei ihm bewusst war, dass dieser bereits in den Entstehungsjahren des Instituts eine wesentliche Rolle gespielt hatte. In einem Gespräch mit Habermas und anderen in Starnberg im Juli 1977 betonte Marcuse rückblickend die Bedeutung, die der frühe Erich Fromm mit seiner Vermittlung von Marx und Freud für die Formationsperiode der Kritischen Theorie gespielt habe. Seine „radikale marxistische Sozialpsychologie“ habe Fromm jedoch später revidiert. In den ausgehenden 1930er Jahren reagierten die Frankfurter Kollegen mit Unbehagen auf Fromms Abneigung gegen die freudsche Orthodoxie. Fromm hatte Freuds Auffassung infrage gestellt, dass die libidinösen Triebe die alles entscheidende Rolle spielen.
Die Kontroverse Marcuses mit dem „Revisionisten“ Erich Fromm begann 1955 mit der Publikation Eros and Civilization. Marcuse kritisierte Fromm, weil er sich von der Triebbasis der menschlichen Persönlichkeit entfernt und stattdessen ein „positives Denken“ übernommen habe. Der Kontroverse lagen zwei grundlegende Fragen zugrunde: 1. Wie interpretieren wir Freuds Ideen heute? 2. Wie ist das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis in der Anwendung der psychoanalytischen Theorie auf Geschichte und Gesellschaft zu bestimmen? Während Marcuse dem späten Fromm vorwarf, die wichtigsten Theorien Freuds preisgegeben zu haben, vornehmlich die des Primats der Sexualität und des Todestriebs, verteidigte der Fromm-Biograph Daniel Burston Fromm darin, dass er Freud in seinen historischen und kulturellen Zusammenhang gestellt habe, um so zu unterscheiden, welche Elemente seines Denkens von dauerhafter Bedeutung und welche seiner Zeit und Kultur verpflichtet waren. In seiner Schrift Der angebliche Radikalismus von Herbert Marcuse wirft Fromm Marcuse eine „entscheidende Fehlinterpretation der Freudschen Position“ vor. Demnach interpretiere er Freud, der doch ein typischer Vertreter des Bürgertums und ein Gegner des Sozialismus gewesen sei, als einen revolutionären Denker. Da Marcuse zudem ausdrücklich auf klinische Beobachtungen und Erfahrungen verzichtete, sei ein Verstehen der psychoanalytischen Theorie ernstlich behindert. Die Kontroverse wurde auch in der Zeitschrift Dissent, wie Stuart Jeffries schreibt, derart „erbittert“ ausgetragen, dass sie „Fromms Verbannung aus der Sphäre der Kritischen Theorie markierte“ und die Freundschaft zwischen Marcuse und Fromm beendete.
Die Werke Triebstruktur und Gesellschaft und Der eindimensionale Mensch sowie die Schriften zur Repressiven Toleranz 1965 und zu dem Sammelband Studien über Autorität und Familie von 1936 gehören zu den wichtigsten Arbeiten der Kritischen Theorie und zählten zu den Standardwerken der Studentenbewegung in aller Welt, vorwiegend in den USA und Deutschland. Sein Engagement zugunsten seiner Schülerin Angela Davis, seine Stellungnahmen gegen den Vietnamkrieg und für die Studentenbewegung machten ihn zum Protagonisten der Neuen Linken. Angela Davis, die sich mit den Black Panthers solidarisierte und später selbst Professorin für Philosophie an der University of California wurde, schätzte an Marcuse sein Engagement gegen den Rassismus und den Vietnamkrieg. 1967 und 1969 verbrachte er mehrere Monate in Europa. Marcuse hielt Vorträge mit Diskussionen vor Studenten in Berlin, Paris, London und Rom. Die rebellierenden Studenten in Berkeley, Berlin, Frankfurt, New York und Paris sahen in ihm ihren wichtigsten Lehrer. In Paris hielten protestierende Studenten ein Schild hoch mit den Worten „Marx, Mao, Marcuse“. Literarisch schlugen sich Marcuses Aktivitäten in dem Essay Versuch über die Befreiung (1969) nieder. In ihm verarbeitete er nicht nur den französischen Mai 1968 und die studentische Revolte, sondern auch die internationalen Befreiungsbewegungen unter dem Schlagwort „Die große Weigerung“.
Für Jürgen Habermas war Marcuse der einzige aus der Frankfurter Schule, „der eine direkte politische Rolle übernahm“. Dass er dabei für die rebellierenden Studenten Partei ergriff, brachte ihn in offenen Konflikt mit den Frankfurter Institutsleitern, denen er im Umgang mit den Studenten falsches Verhalten vorwarf, etwa den von ihnen veranlassten Polizeieinsatz gegen die Institutsbesetzer. In einem Brief an Horkheimer hielt Adorno einen Bruch mit Marcuse für nicht mehr vermeidbar.
Marcuse schrieb im Juni 1969 an Adorno, dass das Institut nicht mehr „unser altes Institut“ sei, und konstatierte „tiefste Divergenz zwischen uns“ in der Beurteilung der außerparlamentarischen Opposition. Beide bemühten sich noch um eine persönliche Aussprache, zu der sie sich in der Schweiz treffen wollten, die aber durch Adornos plötzlichen Tod nicht mehr zustande kam. In einem Fernseh-Gespräch, das Marcuse zwei Wochen nach Adornos Tod führte, relativierte er die Kontroverse mit Adorno: den Differenzen habe „eine Gemeinsamkeit und Solidarität [zugrunde gelegen], die durch sie in keiner Weise geschwächt worden sind“.
Mit Habermas, der Adornos Position in der Auseinandersetzung mit den Studenten geteilt hatte, blieb Marcuse bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden. Despektierlich fiel indes sein Urteil über Horkheimer aus: In einem Gespräch von 1974 mit dem amerikanischen Soziologen Philip Slater bezeichnete er Horkheimers letzte Arbeiten als „beneath criticism“ and „betrayal of critical theory“. Durch seine Schlüsselrolle in den Protestbewegungen wurde er zur Zielscheibe der einsetzenden politischen Reaktion. In den USA führte dies dazu, dass sein Vertrag an der Universität Brandeis 1965 nicht mehr verlängert wurde. Zeitweise musste er sich sogar versteckt halten. So verließ er im Sommer 1968 nach einer Morddrohung des Ku-Klux-Klan auf Anraten des FBI und einiger Kollegen mit seiner Lebensgefährtin Erica Sherover, die 1976 seine dritte Ehefrau wurde, sein Haus in La Jolla, Kalifornien, und hielt sich im Norden des Landes verborgen. Der Gouverneur Ronald Reagan forderte während eines Wahlkampfes die University of California auf, Marcuse zu entlassen. Marcuse starb 1979 während eines Deutschlandbesuchs bei Jürgen Habermas in Starnberg an den Folgen eines Hirnschlags.
Nach seinem Tod wurde der Leichnam in Österreich kremiert und die Urne von seiner Frau in die USA überführt. Die Asche wurde jedoch nicht bestattet, geriet in Vergessenheit und gelangte erst im Jahr 2003 in den Besitz seines Sohnes Peter und seines Enkels Harold. Die Nachkommen entschlossen sich schließlich dazu, Marcuse in seiner Geburtsstadt Berlin bestatten zu lassen. Die Beerdigung fand im Sommer 2003 unter großer Anteilnahme der Medien auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin statt, auf dem zahlreiche prominente Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte fanden. Der Entwurf des Grabsteins stammt von Bruno Flierl, Architekturkritiker, Städteplaner und Freund Peter Marcuses. Der Stein, auf dem der Ausspruch „weitermachen !“ zu lesen ist, assoziiert sowohl ein Katheder als auch eine 1, womit an Marcuses Hauptwerk Der eindimensionale Mensch erinnert wird.
Quellen
Herbert Marcuse im Interview mit Ivo Frenzel und Willy Hochkeppel 1976, vgl. Youtube (Google/Alphabet), 2010 Kanal „Denken tut gut“.
Herbert Marcuse: Feindanalysen. Über die Deutschen. zu Klampen, Lüneburg 1998.
Franz Neumann, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer: Im Kampf gegen Nazideutschland. Berichte für den amerikanischen Geheimdienst 1943–1949. Campus, Frankfurt am Main 2016.
Stefan Breuer: Die Krise der Revolutionstheorie. Negative Vergesellschaftung und Arbeitsmetaphysik bei Herbert Marcuse. Syndikat, Frankfurt am Main 1977.
Stefan Breuer: Kritische Theorie. Mohr Siebeck, Tübingen 2016.
Tim B. Müller: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg. Hamburger Edition, Hamburg 2010.

