Filmkritik: The Purge
Leona Mariana Reschle
Thomas Hobbes‘ Leviathan macht über Nacht Pause: Der Kinofilm The Purge ist ein packender SF-Horror-Thriller, der, basierend auf einer originellen Idee, mit Action und Suspense überzeugt. Regisseur James DeMonaco entwirft eine dystopische Zukunft der USA, in der für 12 Stunden alle Verbrechen (insbesondere Mord und Totschlag) völlig legal sind. Dieses Alptraum-Szenario zeigt, dass die beste Überwachungstechnik nicht hilft, wenn deine Nachbarn über dich herfallen, sorgt für eine beklemmende Atmosphäre und prognostiziert eine Verrohung der westlichen Kultur. Diese zynische Zukunftsvision hinterlässt uns nicht zuletzt auch mit politischen, ethischen und juristischen Fragezeichen.
Die Dystopie beschreibt einen faschistischen Staat, der eine besonders amerikanische Euthanasie-Methode nach Mafia-Art betreibt: Im Jahr 2022 regiert in den Vereinigten Staaten die Partei NFFA („New Founding Fathers of America“, d.h. „Neue Gründerväter Amerikas“). Angeblich um die Kriminalitätsraten und Arbeitslosenzahlen niedrig zu halten, führt die US-Regierung (vorgeblich erfolgreich) ihre alljährliche „Purge-Nacht“ durch. Von 19:00 Uhr bis 7:00 Uhr des Folgetages sind die Notrufsysteme von Polizei, Feuerwehr und Krankenhäusern nicht erreichbar. Die einzigen Regeln sind, dass hohe Regierungsbeamte ab „Stufe 10“ nicht in Mitleidenschaft gezogen und nur Waffen bis „Stufe 4“ eingesetzt werden dürfen. Die korrupten Machteliten sichern sich in zynischer Arroganz ab, während sie die Unterschicht einer mörderischen „Säuberung“ aussetzen, die einem barbarischen Sozialdarwinismus folgt.
Die Handlung folgt dem Familienvater, JamesSandin, gespielt von Ethan Hawke, der während der Purge-Nacht ums nackte Überleben kämpft, nachdem Unbekannte in sein Haus eindringen. Die fast schon leicht kapitalismus-kritische Ironie der Story: Sandin ist im Vertrieb einer Firma für Sicherheitstechnik angestellt und durch den Verkauf von Sicherheitssystemen für die „Purge-Nacht“ zu Reichtum gekommen.
Die Spannung steigt kontinuierlich, während die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verschwimmen und die Zuschauer die dunklen Abgründe menschlicher Natur erkunden. Die Atmosphäre des Films ist beklemmend und gut inszeniert, wobei die dunkle Beleuchtung und der Einsatz von Musik die bedrückende Stimmung unterstreichen. Die Charakterentwicklung bleibt zwar eher oberflächlich, doch die starken Schauspieler sorgen dafür, dass man mit ihnen mitfühlt.
Aus juristischer Sicht wirft dieses Szenario allerdings einige Fragen auf, denn das Konzept der „Purge-Nächte“ widerspricht fundamental den Prinzipien eines Rechtsstaates, insbesondere dem Schutz des Lebens und der Unversehrtheit der Bürger. Das Recht auf Leben ist in den meisten Verfassungen und internationalen Menschenrechtsabkommen garantiert. Die Legitimierung eines staatlich organisierten Tötungsfestivals stellt eine massive Verletzung dieser Grundrechte dar.
Dass während der „Purge“ die Täter straflos bleiben ist juristisch gesehen ein Verstoß gegen das Prinzip der Rechtssicherheit und die Verpflichtung zur Strafverfolgung. Das Szenario wirft mithin auch Fragen nach der Legitimität der staatlichen Organisation auf. Wenn der Staat eine Veranstaltung zulässt, bei der Bürger getötet werden dürfen, verliert er seine Rolle als Schutzmacht. Dies würde in der Realität eine vollständige Legitimationskrise bedeuten. Das präsentierte Menschenbild folgt der Hobbesianischen Vorstellung vom Menschen als des Menschen Wolf, zeigt jedoch auch Alternativen von Mitgefühl und Solidarität.
Aus feministischer Sicht bietet der Film eine Plattform, um gesellschaftliche Machtstrukturen, Geschlechterrollen und soziale Ungleichheiten zu analysieren.“The Purge“ zeigt eine Gesellschaft, die extreme Maßnahmen nutzt, um soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Feministisch betrachtet kann dies als Metapher für patriarchale Strukturen gesehen werden, die bestimmte Gruppen, insbesondere Frauen, systematisch kontrollieren, unterdrücken oder marginalisieren. Die jährliche „Purge“ könnte symbolisch für gesellschaftliche Mechanismen sein, die Gewalt gegen Frauen und andere marginalisierte Gruppen zulassen oder sogar fördern.
Die Tatsache, dass bestimmte Gruppen, inklusive Frauen, in der Gesellschaft benachteiligt sind, wird in „The Purge“ offensichtlich. Die Reichen und Mächtigen nutzen die „Purge“ oft, um ihre Privilegien zu erhalten, während die Armen und Schwächeren besonders gefährdet sind – was feministische Analysen auf die systematische Ungleichheit in Bezug auf Geschlecht und Klasse übertragen. „The Purge“ ist mithin aus feministischer Sicht eine düstere Allegorie auf die Gefahren patriarchaler Strukturen, die Gefahr der Gewalt gegen Frauen und die Notwendigkeit feministischer Widerstandsbewegungen. Der Film regt aus dieser Perspektive vielleicht dazu an, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu hinterfragen und sich für eine gerechtere, gewaltfreie Gesellschaft einzusetzen. Ob beim Zuschauer eine kritische, eine kathartische oder womöglich sogar eine zu Gewalt anreizende Rezeption stattfindet bleibt dabei allerdings eine offene Frage.
Insgesamt ist The Purge ein provokativer Film, der zum Nachdenken anregt: Was passiert, wenn Gesellschaftsordnungen für kurze Zeit aufgehoben werden? Der Film ist ein gelungener Mix aus Horror, Thriller und Gesellschaftskritik, der sowohl Spannung garantiert als auch zum Nachdenken anregt. Für Fans von gruseligen Gewaltszenen vor dystopischem Panorama ist The Purge zu empfehlen.