09/22/17

SF-Rezension: Teppich-Starwars

Eschenbach, Andreas, Die Haarteppichknüpfer, Erstveröffentlichung im Franz Schneekluth Verlag 1995, München.

Rezension von Thomas Barth

Ort: Yahannochia, mittelalterliche Stadt in der fiktiven vergessenen Galaxis Gheera; Kaiserpalast, weit entfernt; Zeit: 80.000 Jahre nach dem Krieg des Kaiserreiches gegen die Gheera-Galaxis, ca. 30 Jahre nach dem Untergang des Kaiserreiches. Art: Utopischer Roman.

Andreas Eschenbach führt in seinem ersten Roman eine technologisch fortgeschrittene, sozial jedoch regressive Utopie vor, die einen komplex geschliffenen Plot in eine satirische Pointe führt. Ostvan ist Haarteppichknüpfer in Yahannochia, ein angesehener polygamer Berufsstand, der aus den Haaren seiner Frauen unglaublich komplizierte und kunstvolle Teppiche knüpft. Das Leben eines Knüpfers genügt gerade für einen einzigen Teppich, dessen Verkauf den Erlös für das Leben der nächsten Generation sichern muß, d.h. für die Familie des einzigen Sohnes (alle weiteren werden getötet). Ostvans Sohn jedoch will kein Haarteppichknüpfer werden. Gerüchte vom Tod des fernen unsterblichen Kaisers, für dessen Palast auf einem legendären Planeten die Teppiche angeblich bestimmt sind, haben ihn erreicht. Die strenge religiöse Verehrung des Kaisers macht ihn damit zum Ketzer, und Ostvan erschlägt ihn, als ihm ein neuer Sohn geboren wird. Parnag, Lehrer von Ostvans Sohn, hat ebenfalls von diesen Gerüchten gehört, nimmt jedoch nach dem Tod seines Schülers Abstand von seiner Häresie, bis er von der Landung des Fremden Nillian hört, der sich als Rebell bezeichnet. Nillian gehört zur Rebellenarmee, die den gottähnlichen Kaiser stürzte und nun versucht, die Kunde von ihrem Erfolg im gigantischen Reich zu verkünden, so auch auf Ostvans Planeten in der lange vergessenen Gherra-Galaxis. Parnag wird jedoch von den Anhängern der Tradition gesteinigt, Nillian gefangen genommen und zur Hauptstadt geschickt, wo regelmäßig Raumschiffe des Kaisers die Teppiche abtransportieren.

SPOILER WARNUNG! Dies ist keine Rezension, sondern eine komplette Inhaltsangabe -wer den Roman noch mit allen Überraschungen genießen will, sollte nicht weiterlesen.

Nillians Raumschiff untersteht dem Rat der Rebellen, die nun auf dem Zentralplaneten im Kaiserpalast herrschen. Dort ist man verwirrt über die Entdeckung einer ganzen Galaxis von Haarteppichknüpfern, die gewaltige Mengen dieser Kunstwerke herstellen, deren Funktion und Verbleib ungeklärt ist. Auch die schöne blonde Lamita, Historikerin der Rebellen im ehemals kaiserlichen Archiv, kann keine Antwort geben, zu verwirrend umfangreich ist das kubikkilometergroße Museum. Ihr Hausmeister, der bucklige Emparak, früher erster Archivar des Kaisers, könnte ihr helfen, doch ist er noch immer Royalist und wird auch nicht recht ernst genommen. So muß Jubad, der Führer der Rebellen, der einst den Kaiser tötete ohne Erklärung wieder an seine Regierungsaufgaben gehen. Jubad erinnert sich gut an den unsterblichen Kaiser Aleksandr, der ihn gefangen nahm, ihm seine Identität als Denksalar, legendärer Gründer der Rebellenbewegung, offenbarte und ihm die eigene Ermordung als Auftrag gab, er sei der Macht überdrüssig und wolle den Menschen die Freiheit zurückgeben. Lamita jedoch verliebt sich in Emparak, dieser wird zum Rebellentum bekehrt und löst das Rätsel: 80.000 Jahre zuvor hatte der Herrscher der Gherra-Galaxis den Vater von Aleksandr nach seiner Unterwerfung durch dessen Armee mit der kaiserlichen Kahlköpfigkeit verspottet. Dieser hatte rachsüchtig bestimmt, daß die ganze Galaxis dafür büßen müsse, indem sie mit ihren Haaren den Gheera-Planeten restlos bedecken müsse, wozu dieser auch noch in ein anderes Raumzeit-Kontinuum versetzt wurde. Die siegreiche Armee der Rebellen kann nun der grausamen Fron ein Ende machen, die letzten Kaisertruppen werden besiegt.

Autor: Eschenbach, Andreas, geb. 1959 in Ulm, Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik, Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung; Die Haarteppichknüpfer, Erstveröffentlichung im Franz Schneekluth Verlag 1995, München. Th.Barth, 8/1995 Rezension Nr. 4 für Romanführer, Hamburg, August 1995

Der Schneekluth-Verlag, der vor allem Belletristik verlegte, bestand ab 1949 und war ab 1967 in München. 2003 wurde er von der Verlagsgruppe Droemer-Knaur übernommen.

08/7/17

Macron Campaign Emails

Today, Monday 31 July 2017, WikiLeaks publishes a searchable archive of 21,075 unique verified emails associated with the French presidential campaign of Emmanual Macron. The emails range from 20 March 2009 to 24 April 2017. The 21,075 emails have been individually forensically verified by WikiLeaks through its DKIM system.

The full archive of 71,848 emails with 26,506 attachments from 4,493 unique senders is provided for context.

WikiLeaks only certifies as verified the 21,075 emails marked with its green „DKIM verified“ banner however based on statistical sampling the overwheling majority of the rest of the emails archive are authentic.

As the emails are often in chains and include portions of each other it is usually possible to confirm the integrity other emails in the chain as a result of the DKIM verified emails within it.

Guillaume Poupard, the head of French government cyber security agency ANSSI, told AP on June 1 this year that the method used to obtain the emails resembled the actions of an „isolated individual“. Poupard stated that, contrary to media speculation, ANSSI could not attribute the attack to Russia and that France had previously been subject to hacking attacks designed to falsify attribution.

02/28/17

Nachruf: Armin Medosch

27.02.2017

Felix Stalder

Dieser Nachruf auf Armin Medosch wurde von Felix Stalder für Netzpolitik.org geschrieben.

Armin Medosch (*1962) ist gestorben. Wir haben einen der Pioniere der Netzkultur in Europa verloren, dessen Einfluss präsenter war als sein Name. Wie viele andere Akteure der ersten Stunden passte sein Wirken in keine Schublade. In den späten 1980er Jahren begann er als Medienkünstler in Graz und Wien. Damals, vor dem Internet, war Radio das zugänglichste und offenste Massenmedium, mit dem er im Rahmen des Projekts „Radio Subcom“ zu experimentieren begann, das im neu eingerichteten ORF Kunstradio ausgestrahlt wurde. Dem Radio als Medium, welches Experimente zulässt aber auch viele Menschen erreichen kann, blieb er als Journalist und Künstler bis zuletzt verbunden. Denn er hat Kunst nie als etwas Elitäres verstanden, sondern immer als etwas, das die zentralen Fragen der Gegenwart verhandeln und auch zu einer erweiterten Öffentlichkeit sprechen soll.

Die frühen 1990er Jahre in Europa waren eine Zeit des radikalen Umbruchs und der Utopien. Der Fall der Mauer, die Öffnung des Ostens und das langsame Aufkommen des Internets veränderten die Wahrnehmung von Raum, Zeit und Möglichkeiten tiefgreifend. Neue Geographien und neue Handlungsfelder taten sich auf. Der Markt war nirgends zu sehen, die spärlichen Konsumangebote (Shops im Osten, AOL, Compuserve online) waren nicht der Rede wert und wer was machen wollte, der musste (und konnte!) es selbst tun. Im digitalen Europa brach die Zeit der digitalen Städte (Amsterdam, Berlin, Wien etc) an, und mit ihnen die ersten Versuche, das Internet einer bewusst europäischen Perspektive zu entwerfen, weit weg von der „Frontier“ Mystik des US-Amerikanischen Cyberspace.

Eines der ungewöhnlichsten Projekte dieser Zeit, das alle diese Dinge und noch viel mehr miteinander verband, war das »stubnitz kunst.raum.schiff«. Das 80 Meter lange Schiff war Teil der Hochseefischfangflotte der DDR und hätte 1992 verschrottet werden sollen. Als Teil einer internationalen Künstlergruppe hatte Armin wesentlichen Anteil daran, dass das Schiff zu einem Produktions- und Präsentationsort für Kunst und Kultur umgebaut wurde. Ein schwimmendes Medienlabor und Ausstellungszentrum mit Satellitenverbindung für Fernsehen und Internet, Performanceräumen, mit einer zum Konferenzraum umgebauten Offiziersmesse. 1994 wurden die Häfen von Petersburg, Malmö, und Hamburg angefahren mit einem umfassenden Programm von Konferenzen, Seminaren, Ausstellungen, Workshops, Konzerten. Wie das Netzwerk Medienkunst schreibt: „Mit der Stubnitz verband sich die Vision von kulturellen Begegnungen in Europa, die nationale, territoriale Grenzen ignorieren können und die Offenheit und Freiheit der Meere zur Metapher erheben.“

Aber Kunstraumschiffe leben nicht lange. Wieder an Land übernahm er die Leitung des neugegründeten Medienlabors in München. Daraus entstand das Projekt Telepolis, eine Ausstellung zur „interaktiven“ (heute würde man sagen „smarten“) Stadt, die in Luxemburg, der Kulturhauptstadt 1995, stattfand. Aus diesem Projekt ging das Online-Magazin Telepolis hervor, welches er gemeinsam mit Florian Rötzer gründete und als dessen Redakteur er von 1996 – 2002 arbeitete. Auch das war echte Pionierarbeit. 1996 nutzten gerade mal 3% der Deutschen das Internet, es gab keine Blogs, sozialen Medien oder ähnliches. Telepolis war eines der ersten, wenn nicht das allererste, reine online Medium eines großen deutschen Verlags, Heise. Unter der fähigen Leitung der Redaktion kam rasch ein großes Netz an freien AutorInnen zusammen, die sich aus etablierten Namen, wie etwa Stanislav Lem wie auch – vor allem durch Armin vermittelt — vielen jungen Autoren, die das Internet aus eigener Anschauung kannten. Mir persönlich, damals Student in Kanada, gab er erste Gelegenheiten zu publizieren.

In den ersten Jahren des Bestehens wurde Telepolis zum zentralen Medium eines experimentellen, politischen und weitblickenden Netzdiskurs und schlug wichtige Brücken zwischen der Netzkultur im engeren Sinn und einer größeren Öffentlichkeit. Von dieser Leistung profitiert der Netzdiskurs in Deutschland bis heute. Während sich das Internet langsam zu etablieren begann, blieb Armin fokussiert auf das Neue und das Experimentelle. Davon zeugen nicht zuletzt zwei Bücher die er im Heise-Verlag publizierte: Netzpiraten. Die Kultur des elektronischen Verbrechens (2001) (gemeinsam mit Janko Röttgers) und Freie Netze (2003).

Wie vieles was Armin tat, waren die Themen dieser Bücher ihrer Zeit voraus. Nicht nur im deutschsprachigen Kontext. Nach Jahren des Journalismus zog es ihn wieder stärker in die Kunst, die er aber nie als Alternative zum gesellschaftlichen Engagement verstand, sondern immer als eine andere Form davon. Die Spartentrennungen, die heute wieder so stark gemacht werden, zwischen Technologie und Politik, Kunst und Theorie haben ihn nie interessiert. Mit der ihm eigenen Vehemenz hat er eine Position vertreten, die diese Ebenen gleichzeitig artikulierte und entsprechend auch immer wieder unbequem aneckte.

In den Jahren nach Telepolis folgten einen Vielzahl von kuratorischen Ausstellungsprojekten, etwa mit dem Medienkunstzentrum RIXC in Riga, die theoretisch immer anspruchsvoller wurden. Daraus ergab ein verstärktes Interesse am Zusammenhang zwischen großen gesellschaftlichen Transformationen und den spezifischen Möglichkeiten der Kunst und Kultur, darauf einzuwirken, beziehungsweise diese ins Bewusstsein zu bringen. Wissenschaftlich fundiert wurde das Ganze während eines Ph.D. (Goldsmith, London) und mündete in das Buch New Tendencies: Art at the Threshold of the Information Revolution (1961-1978) (MIT Press, 2016), das die überraschenden Anfänge der Medienkunst als Reflexion des Endes der Industriegesellschaft nachzeichnet.

Einigen dürften während der Transmediale im Januar auf Armins Krankheit aufmerksam geworden sein. Dort konnte er sein sein letztes großes Projekt Technopolitics, bei dem wir auch wieder intensiv zusammengearbeitet haben, schon nicht mehr persönlich präsentieren, sondern nur noch via Stream im Krankenbett verfolgen. Technopolitics – wie alle seine Projekte – war kollaborativ, transdisziplinär angelegt, als Versuch, der Orientierungslosigkeit der Gegenwart, eine vertiefte Beschäftigung mit historischen Prozesse und der persönlichen Verstricktheit darin entgegen zusetzen.

Mit Armin Medosch verlieren wir einen Pioneer der Netzkultur, der sich nie um disziplinäre, institutionelle und soziale Grenzen scherte. In einer Zeit, in der sich Welten auseinander bewegen, in der die Tendenz sich vor der chaotischen Welt in die eigene Nische zurück zu ziehen, immer stärker wird, sollte uns dies Ansporn sein, Brücken zu bauen, offen zu denken, das Neue mit Lust und Kritik zu fördern und radikal zu handeln.

(Reblogged von https://netzpolitik.org/2017/nachruf-armin-medosch/)

01/12/17

Rezension Felix Stalder: Kultur, Digitalität & Entmündigung

Stalder, Felix: Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag (edition suhrkamp, Bd.2679), Berlin 2016, 283 S., 18,00 Euro, ISBN 978-3-518-12679-0.

Thomas Barth

Felix Stalder ist ein Schweizer Kulturphilosoph, der sich in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ mit der Ko-Evolution von digitalen Technologien, Gesellschaft und Kultur befasst. Er warnt darin unter Berufung auch auf Edward Snowden und Julian Assange vor einer schleichenden Entmündigung, die auf uferlose Überwachung und technokratische Massenmanipulation setzt.

Stalders interdisziplinärer Ansatz verbindet philosophisches Denken mit Soziologie, Medien- und Politikwissenschaft, um Digital- und Internetkultur zu analysieren und das utopische Potential digitaler Commons mit ihren Open-Source-Projekten zu beleuchten. Er blickt dabei auch auf dunkle Wurzeln und Gefahren der Digitalität, die er vor allem in Neoliberalismus, Profitorientierung und bei westlichen (!) Geheimdiensten lokalisiert; dies überrascht, denn sonst kreisen westliche Diskurse über Manipulationen im Internet eher um russische und chinesische Geheimdienste. Stalder warnt vor Gefahren von Algorithmisierung, Überwachung und massenmanipulativer Post-Demokratie, zieht jedoch letztlich ein optimistisches Fazit. Die Commons zeigen trotz heutiger Dominanz der Technokraten mit ihrer neoliberalen TINA-Ideologie („There is no alternative“, Thatcher/Merkel S.206) einen offenen „Raum der Zukunft“ (S.281).

Stalder entwirft ein facettenreiches Bild der digitalen Kultur, die geprägt sei von Fluidität, Vernetzung und stetigem Wandel, bei dem sich unser Verständnis von Raum, Zeit, Identität und Macht grundlegend veränderte. Er stellt die These auf, dass die Digitalität sich nicht in technologischer Innovationen erschöpft, sondern durch neue Formen der Selbstorganisation, des politischen Engagements und der kulturellen Produktion geprägt ist. Katalysator ist dabei das Internet als Medium mit spezifischen Formen des Austauschs. Drei zentrale Formen der Kultur der Digitalität sind die Referentialität (kulturelles Material wird ubiquitär zugänglich und fließt in eine explodierende Produktion von Kulturgütern), die Gemeinschaftlichkeit (kulturelle Ressourcen werden geteilt und Bedeutungen durch stetige Kommunikation stabilisiert) und die Algorithmizität (die Informationsflut wird digital geordnet, aber ebenso werden Gesellschaft und Politik technokratisch entpolitisiert).

Kooperation und der Begriff der Digitalität

Zentrales Anliegen Stalders sind Potenziale der Digitalität für eine demokratische und partizipative Gesellschaft. Er plädiert dafür, bestehende Hierarchien aufzubrechen und neue Formen der Kooperation zu ermöglichen -vor allem in digitalen Commons, deren Wurzeln er in der Open Source und Open Software-Bewegung schon der frühen Internet Communities sieht, etwa den Debian-, GNU- und Linux-Projekten. Darin zeige sich eine digital möglich gewordene Neuverhandlung von gesellschaftlichen Werten und Normen im digitalen Zeitalter: Anstelle staatlicher Hierarchien und Profitorientierung der Konzerne trete die freie Kommunikation der Netze, die auf Meritokratie und Freiwilligkeit basiere. Das Linux-Betriebssystem Ubuntu zeigt in seinem Namen nicht zufällig eine interkulturelle Referenz auf den vielschichtigen Begriff der Bantusprache, der Menschenwürde und vernetzte Gemeinschaftlichkeit verbindet (vgl. Afrotopia von Felwine Sarr).

Stalder definiert den Begriff der Digitalität als eine kulturelle Struktur, die sich durch die Veränderung von Wissen, Macht und Kommunikation in der digitalen Ära auszeichne. Digitale Technologien haben zwar einen tiefgreifenden Einfluss auf verschiedene Aspekte unseres Lebens, vom individuellen Verhalten über soziale Interaktionen bis hin zur politischen Organisation.

Laut Stalder ist Digitalität jedoch keineswegs nur eine technologische Entwicklung, sondern vielmehr eine komplexe kulturelle Dynamik, die unsere Vorstellungen von Wahrheit, Realität und Identität in Frage stellt. Er reklamiert eine „im weitesten Sinne poststrukturalistische Perspektive“, Kultur sei heterogen, hybrid und „von konkurrierenden Machtansprüchen und Machtdispositiven durchzogen“, von „Begehren, Wünschen und Zwängen“ getrieben, Kultur mobilisiere diverse Ressourcen in der Konstituierung von Bedeutung (S.17).

„’Digitalität‘ bezeichnet damit jenes Set von Relationen, das heute auf Basis der Infrastruktur digitaler Netzwerke in Produktion, Nutzung und Transformation materieller und immaterieller Güter sowie der Konstitution und Koordination persönlichen und kollektiven Handelns realisiert wird.“ (S.18)

Damit solle jedoch nicht Digitaltechnik ins Zentrum gerückt oder Digitales von Analogem abgegrenzt werden. Analoges würde nicht verschwinden, sondern „neu- und teilweise sogar aufgewertet“. „Digitalität“ verweise vielmehr auf historisch neue Möglichkeiten der Konstitution und Verknüpfung von Akteuren (menschlichen wie nichtmenschlichen):

„Der Begriff ist mithin nicht auf digitale Medien begrenzt, sondern taucht als relationales Muster überall auf und verändert den Raum der Möglichkeiten vieler Materialien und Akteure.“ (S.18)

Stalder knüpft an den Begriff des „Post-Digitalen“ von Florian Cramer an, der damit Praktiken bezeichnet, die sich zwar in Digitalmedien entwickelten, deren offene Interaktionsform sich jedoch immer weiter verbreite. Stalders Begriff der Digitalität vermeide jedoch das missverständliche Präfix „Post-“, das fälschlich so gelesen werden könne, dass „etwas vorbei sei“, und löse sich zugleich von Cramers technikfixiertem Kontext der Medienkunst. Stalder nimmt in diesem Sinne die ganze Gesellschaft in den Blick, denn „…die Präsenz der Digitalität jenseits der digitalen Medien, verleiht der Kultur der Digitalität ihre Dominanz.“ (S.20)

Nicht technologische Entwicklungen allein hätten der Digitalität den Weg gebahnt, sondern auch Politik, Kultur und Ökonomie. Wichtig erscheinen Stalder insbesondere der Aufstieg der Wissensökonomie und der Kritik an Heteronormativität und Postkolonialismus. Die Wissensökonomie habe seit den 1960ern explizit den wachsenden Informations- und Wissensbedarf von Behörden und Konzernen in westlichen Konsumgesellschaften thematisiert. Dazu gehöre die Massenmanipulation durch immer ausgefeiltere Werbung, Propaganda und PR, die der Freud-Neffe Edward Bernays maßgeblich entwickelte:

„Kommunikation wurde zu einem strategischen Feld für unternehmerische und politische Auseinandersetzungen und die Massenmedien zum Ort der Handlung… Eine Medienindustrie im modernen Sinne entstand, die mit dem rasch wachsenden Markt für Werbung expandierte.“ (S.29f.)

Man sprach in den 1980ern und 90ern von „Informations-“ und später „Netzwerkgesellschaften“, in denen -neben der Digitalisierung- eine Flexibilisierung der Arbeit mit neoliberalem Abbau der Sozialstaaten einherging. Der Freiheitsbegriff wurde dabei von neoliberaler Politik und den seit den 1960ern wachsenden „Neuen Sozialen Bewegungen“ konträr definiert: Neoliberal als Freiheit der Märkte, sozial als persönliche Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen (S.33). Exemplarisch für Letzteres behandelt Stalder die Schwulenbewegung in Westdeutschland, Rosa von Praunheim, den Bonner Tuntenstreit 1974, die Aids-Krise ab 1983. Diversität und Hybridisierung der Kultur der Digitalität wurzele in emanzipativen Bewegungen, deren Erfolg sich spätestens 2014 beim European Song Contest in der breiten Öffentlichkeit manifestierte -mit der Stalder seine Abhandlung eingeleitet hatte: „Conchita Wurst, die glamouröse Diva mit Bart, war die Gewinnerin“ (S.7), sie habe komplexe Geschlechterkonstruktionen „zumindest ansatzweise mainstreamfähig“ gemacht (S.48):

„Conchita Wurst, die bärtige Diva, ist nicht zwischen widerstreitenden Polen zerrissen. Sie repräsentiert vielmehr eine gelungene Synthese, etwas Neues, in sich Stimmiges, das sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Elemente der alten Ordnung (Mann/Frau) sichtbar sind und zugleich transzendiert werden.“ (S.99)

Schattenseiten: Algorithmizität und Post-Demokratie

Die Digitalität ermöglicht laut Stalder neben hybrider Diversität auch neue Formen der Partizipation und Vernetzung, die zur Demokratisierung von Wissen und Kommunikation führen können. Gleichzeitig birgt Digitalität aber auch Risiken, wie die Manipulation durch Algorithmen, Filterblasen und Desinformation. Zugleich seien Algorithmen jedoch prinzipiell unabdingbar, um in einer diversen und hybriden Explosion der Kultur mit ihrer wachsenden Unordnung orientiert zu bleiben. Ohne Suchmaschinen etwa könne heute kein Archiv mehr die digitalen Datenmassen, Texte und Kulturprodukte bewältigen.

Algorithmen automatisieren Kulturtechniken wie die Inhaltsanalyse von Bildern oder das Schreiben von Texten: Der Chef der Firma „Narrative Science“, die automatisierte Sport- und Finanzberichterstattung anbietet, habe 2012 für die nächsten Dekaden eine Ersetzung von neunzig Prozent der Journalisten durch Computer angekündigt. Bedenklich sei, „dass sich auch die CIA für Narrative Science interessiert und über ihre Beteiligungsgesellschaft In-Q-Tel in das Unternehmen investiert hat, ist ein Hinweis darauf, dass bereits heute Anwendungen jenseits des Journalismus entwickelt werden. Zu Propagandazwecken lassen sich mit Algorithmen beispielsweise problemlos massenhaft Einträge in Onlineforen und den sozialen Massenmedien erstellen.“ (S.175)

Dynamische Algorithmen können sich sogar halbautomatisch-eigenständig weiterentwickeln: 2012 habe Google mit solchen „deep learning“-Verfahren die „Gesichtserkennung in unstrukturierten Bildern“ um siebzig Prozent verbessert (S.180). In ausufernder Überwachung greife heute ein „Daten-Behaviorismus“ nach unserer Privatheit, in einem „Revival eines nach wie vor mechanistischen, reduktionistischen und autoritären Ansatzes“. Diese Haltung ungehemmter Kontrolle unseres Verhaltens finde sich bei jenen, die über umfassende Beobachtungsmöglichkeiten verfügen, „dazu gehören neben Facebook und Google auch die Geheimdienste westlicher Länder“ (S.201). Dabei ginge es neben der gern genannten „Serviceverbesserung“ aber auch um soziale Normierung (erprobt in unethischen psychologischen Experimenten, wie man Stalder hier ergänzen könnte) sowie „Profit- oder Überwachungsoptimierung“ (S.202). Anders als viele deutsche Medienwissenschaftler, die an dieser Stelle der Analyse krampfhaft mit den Fingern auf „russische Trolle“ und den chinesischen Überwachungsstaat zeigen, beweist der Schweizer Felix Stalder Rückgrat und kritisiert die eigenen, die westlichen Machteliten (was besagte Kollegen wohl eher nicht aufgreifen dürften).

Assange, Snowden und Entmündigung im libertären Paternalismus

2013 habe, so Stalder, Edward Snowden die „flächendeckende Überwachung des Internets durch staatliche Geheimdienste“ enthüllt (S.233). Felix Stalder zitiert den Wikileaks-Gründer Julian Assange und resümiert: „Die Grenzen zwischen postdemokratischen Massenmedien und staatlichen Nachrichtendiensten sind fließend. Wie inzwischen bekannt ist, bestehen zwischen beiden Bereichen personelle Kontinuitäten und inhaltliche Gemeinsamkeiten.“ (S.234) Die USA hätten seit 2011 z.B. „ein eigenes Programm zu sozialen Massenmedien mit dem Namen ‚Social Media in Strategic Communication‘. (…) seit 2009 vernetzt die Europäische Union im Rahmen des INDECT-Programms Universitäten und Sicherheitsorgane mit dem Ziel ‚Lösungen und Werkzeuge der automatisierten Gefahrenentdeckung zu entwickeln’… Überspitzt könnte man sagen, dass die Missachtung der Grundrechte mit der Qualität der so geschaffenen Dienstleistung ‚Sicherheit‘ legitimiert wird.“ (S.235f.)

Leider sei die Gegenwehr gegen eine in westlichen Gesellschaften so geschaffene soziale Atmosphäre der Angst gering geblieben. Hinter Überwachung und Massenmanipulation stehe in den heutigen Postdemokratien, die demokratische Politik durch technokratisches Gouvernance ersetzen, eine neoliberale Anti-Aufklärung. Obsolet sei heute für die Machteliten „…die aus der Zeit der Aufklärung stammende Annahme, der Mensch könne sich durch den Einsatz seiner Vernunft und die Ausbildung seiner moralischen Fähigkeiten verbessern und sich aus seiner Unmündigkeit durch Bildung und Reflexion selbst befreien.“ (S.227) Eine kybernetische Sicht sehe den Menschen als dressierbare Versuchsratte, die mit subtilen „Nudges“ (Schubsern) zu steuern sei, so Richard Thaler und Cass Sunstein.

Die beiden Neobehavioristen bezeichnen ihr System als „libertären Paternalismus“, der eine „freiheitliche Bevormundung“ anstrebe, was bei den Regierungschefs in Washington und London, Obama und Cameron, so viel Anklang fand, dass sie Thaler und Sunstein in ihre Teams holten (S.228f.). Besonders in den sozialen Massenmedien (also den „sozialen Medien“, Stalder benutzt diesen gängigen Begriff jedoch nicht), ließe sich die mediale Umgebung via Nudging manipulieren. Dies geschehe vor allem im Dienste einer Gruppe, die Stalder als „den inneren Kern des postdemokratischen Systems“ bezeichnet, „bestehend aus den Spitzen der Wirtschaft, der Politik und der Geheimdienste“ (S.230). Viele Mainstream-Konformisten dürften in dieser simplen und analytisch untadelig abgeleiteten politischen Erkenntnis bereits angebliche „Verschwörungstheorie“ oder sogar „-ideologie“ wittern. Denn medial und in der akademischen Forschung werden die von Stalder aufgezeigten Fakten und Zusammenhänge geradezu krampfhaft ignoriert. Es ist zu befürchten, dass genau diese krampfhafte Ignoranz künftig zumindest diese Teile von Stalders Buch betreffen wird. Machtstrukturen dieses Kalibers werden bislang selten öffentlich diskutiert und dies geschieht dann oft nur in künstlerisch verfremdeter Form, wie etwa bei Mark Lombardi.

Stalder ruft im Fazit dazu auf, die Dynamik der Digitalität kritisch zu reflektieren und sich aktiv mit den Auswirkungen digitaler Technologien auf unsere Gesellschaft auseinanderzusetzen. Indem wir die Chancen und Herausforderungen der Digitalität verstehen, können wir Freiheit und Autonomie im digitalen Raum bewahren und weiterentwickeln: Obwohl „die Postdemokratie das Politische selbst abschaffen und alles einer technokratischen Alternativlosigkeit unterordnen will“, beweise die Entwicklung der blühenden Commons das Gegenteil, meint Stalder und schließt sein Buch mit dem Verweis auf utopische Potentiale der Digitalität: „Diese Widersprüchlichkeit der Gegenwart öffnet den Raum der Zukunft.“ Ausbaufähig scheint an Stalders Argumentation die Subjektkonstitution im Netz, die mit der Konzentration auf Kommunizieren, Posten und Liken wohl noch nicht ausreichend erfasst ist, sowie deren Verknüpfung mit Foucaults Konzept des Panoptismus.

12/21/16

German BND-NSA Inquiry Exhibits

Today, 1 December 2016, WikiLeaks releases 90 gigabytes of information relating to the German parliamentary inquiry into the surveillance activities of Germany’s foreign intelligence agency Bundesnachrichtendienst (BND) and its cooperation with the United States‘ National Security Agency (NSA).

The 2,420 documents originate from various agencies of the German government including the BND and Federal Office for the Protection of the Constitution, Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) and were submitted to the inquiry last year in response to questions posed by the committee. They include administrative documents, correspondence, agreements and press reactions. They also include 125 documents from the BND, 33 from the BfVand 72 from the Federal Office for Information Security (BSI).

The collection offers a detailed insight, not just into the agencies themselves, but also into the mechanics of the inquiry. Several documents detail how the agency in question collated the information that was requested of them. For example, a BND document shows its preparations for collecting internal information on which private US companies are operating in the security sector in Germany. Such internal processes are particularly pertinent to the inquiry. The committee has been trying (unsuccessfully so far) to gain access to the full selector list that the BND holds regarding who they spy on at the behest of the US. The BND is withholding this list from the inquiry on the grounds that releasing it could imperil the BND’s relationship with the NSA.

Whilst a number of facts have already come to light as a result of the inquiry including WikiLeaks’ publication of inquiry transcripts last year this substantial new collection of primary source documents provides significant new evidence. The collection contains early agreements between the BND and the NSA and internal processes at the BND, but also more recent details on the close collaboration between the two agencies. For example, one document from the BND states that a BND employee will be tasked to use and write software for XKeyscore, an NSA system for searching and analysing data collected through mass surveillance.

A number of the documents show how intelligence agencies find ways to work around their own government. Documents pertaining to an audit visit by Germany’s data protection agency to the BND’s offices show that BND officers withheld the notes made by the auditors during their visit. The BND would only release the notes to the auditors once they had checked the content for themselves.

The inquiry was established in 2014 in the wake of the Snowden revelations, which showed that not only was the NSA spying on the whole world, but it had also partnered with the intelligence services of particular states to spy on their citizens and those of the surrounding regions. One of these countries is Germany, which has had a close relationship with the US in military and intelligence matters since its occupation by US forces in WWII. The US has been shown to use its bases in Germany and its relationship with German intelligence to spy on German citizens as well as European Union institutions.

WikiLeaks revelations of NSA spying on Angela Merkel and top officials at German ministries, the EU and France also contributed to the political impetus of the inquiry.

The depth of this relationship had been unknown to the German public and much of its government. The outrage that was sparked by the Snowden NSA revelations led to the establishment of the inquiry, which later called for Mr Snowden to testify at it. Whereas there was initially unanimity among German political parties in 2014 for Snowden to provide expert testimony, the government deemed that guaranteeing that he would not be handed over to the US (a condition imposed by Snowden for testifying) would damage Germany’s political relationship with the United States. Subsequently, the Greens and the left-wing party (Die Linke) filed an official complaint to force the German Parliament to hear Mr Snowden.

Last week, on 21 November 2016, Germany’s Federal Court of Justice upheld the complaint and ruled that the committee was obliged to hear Edward Snowden in person. However, at the next inquiry hearing three days after the ruling, Chancellor Angela Merkel’s Union bloc and the Social Democrats removed Snowden’s invitation from the agenda of the inquiry and are contesting the Court’s decision.

Julian Assange said: „This substantial body of evidence proves that the inquiry has been using documents from Mr Snowden and yet it has been too cowardly to permit him to testify. Germany can not take a leadership role within the EU if it’s own parliamentary processes are subservient to the wishes of a non EU state.“

von WikiLeaks

12/19/16

Sloterdijk: Transhumaner Patriarch & weiblicher Orgasmus

Heike Hartsock

Was geschieht, wenn ein gut vernetzter Patriarch, der sich durch Vortäuschen einer kritischen Haltung eine Professur für Philosophie ergatterte, im Medienbereich Fernseh-Glamour mit brüderlichen Beziehungen zu renommierten Wissenschaftsverlagen sicherte? Er schreibt natürlich ein reaktionäres Buch nach dem anderen und warum auch nicht mal einen mittelmäßigen Roman?

Im September 2016 publizierte der berühmte TV-Philosoph Peter Sloterdijk, der mit seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ Furore machte, seinen Wissenschafts-Roman „Das Schelling-Projekt“ im namhaften Suhrkamp-Verlag. Wobei Suhrkamp evtl. zunehmend Ansehen einbüßt, weil dort jeder reaktionäre Erguss als Geniestreich gefeiert und umgehen gedruckt wird, den ihr wortgewandter Star-Autor manisch hervorblubbert.

Der (autobiographische?) Schelling-Text feiert einen Protagonisten, der unter dem Namen „Peer Sloterdijk“ auftritt. Peer und seine korrupten Wissenschaftler-Freunde konzipieren per E-Mail-Austausch einen Antrag für ein Forschungsprojekt, den sie an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stellen werden, Thema ist die Evolution des weiblichen Orgasmus. Um den Antrag philosophisch erscheinen zu lassen und so die Gutachter zu täuschen, fingieren die Antragsteller einen Zusammenhang des Projekts mit der Naturphilosophie Friedrich Wilhelm Joseph Schellings. Die Gutachter durchschauen jedoch das Manöver und lehnen das Projekt ab (das ist der wahrhaft phantastische Teil: Die DFG hätte so ein Projekt vermutlich eher mit Geld überschüttet).

Metaphysik als männliches Projekt

Peter Sloterdijks „Das Schelling-Projekt“ (2022) unternimmt den Versuch, Friedrich Wilhelm Joseph Schellings Philosophie als Schlüssel zu einer „neuen Metaphysik“ zu reaktivieren. Sloterdijk liest Schelling als Denker der „absoluten Freiheit“ und der „schöpferischen Potenz“, die sich in Kunst, Mythos und spekulativer Philosophie manifestiert. Doch während Sloterdijk Schellings Werk als radikalen Bruch mit der aufklärerischen Vernunft feiert, reproduziert er selbst eine Reihe problematischer Exklusionsmechanismen, die aus feministischer Perspektive kritisch zu hinterfragen sind.

Sloterdijks „Relektüre Schellings“ bleibt in einer Tradition verhaftet, die Metaphysik und schöpferische Potenz als genuin männliche Domänen konstruiert. Schellings Philosophie, die Sloterdijk aufgreift, ist geprägt von einer romantischen Vorstellung des „Absoluten“ als einer schöpferischen, sich selbst setzenden Kraft – ein Motiv, das historisch eng mit männlichen Genie-Kulten verbunden ist. Sloterdijk übernimmt diese Perspektive unkritisch und ignoriert dabei, dass Schellings Denken (wie das vieler deutscher Idealisten) das Weibliche oft nur als „Anderes“, als passives Prinzip oder als „Natur“ kennt, das dem aktiven, schöpferischen Geist gegenübersteht.

Feministische Philosophinnen wie Luce Irigaray oder Judith Butler haben gezeigt, wie solche Dualismen (Aktiv/Passiv, Geist/Natur, Kultur/Frau) die Abwertung des Weiblichen und die Ausgrenzung von Frauen aus dem Bereich des „wahren“ Philosophierens legitimieren. Sloterdijk reproduziert diese Logik, indem er Schellings „schöpferische Freiheit“ als universelles Prinzip feiert, ohne zu fragen, wer historisch von dieser Freiheit ausgeschlossen wurde – und wer es bis heute ist.

Auffällig ist, dass Sloterdijk in seinem „Schelling-Projekt“ feministische Theorien nicht einmal als mögliche Gegenpositionen erwähnt. Während er sich ausführlich mit männlichen Denkern wie Heidegger, Nietzsche oder Hegel auseinandersetzt, fehlt jede Reflexion über die Geschlechterordnung, die Schellings (und Sloterdijks eigene) Philosophie strukturiert. Dabei hätte gerade eine feministische Lektüre Schellings aufzeigen können, wie dessen Philosophie der „absoluten Identität“ die Differenz – und damit auch die Geschlechterdifferenz – zu negieren sucht, anstatt sie als produktive Kategorie zu denken.

Feministische Philosophinnen wie Rosi Braidotti oder Donna Haraway haben gezeigt, dass eine Philosophie, die Differenz und Hybridität ernst nimmt, nicht auf die Idee einer „reinen“, schöpferischen Subjektivität zurückgreifen kann. Stattdessen müsste sie die Verwobenheit von Körpern, Technologien und sozialen Machtverhältnissen in den Blick nehmen – ein Ansatz, der in Sloterdijks Werk keine Rolle spielt.

Sloterdijks Fokus auf das „schöpferische Subjekt“ ist nicht nur geschlechterblind, sondern auch klassistisch und rassistisch konnotiert. Historisch war der Begriff des „Schöpferischen“ eng mit dem bürgerlichen, weißen, männlichen Künstlergenie verbunden – eine Figur, die Sloterdijk unkritisch glorifiziert. Feministische Kunst- und Kulturtheorien (etwa bei Griselda Pollock oder bell hooks) haben jedoch gezeigt, dass „Schöpfung“ immer auch eine Frage der Zugänge und Privilegien ist: Wer darf als schöpferisch gelten? Wer wird als „Künstler“, als „Philosoph“, als „Denker“ anerkannt – und wer nicht? Sloterdijks „Schelling-Projekt“ ignoriert diese Fragen und reproduziert damit eine Philosophie, die sich als universell gibt, aber in Wahrheit nur eine sehr spezifische (männliche, weiße, bürgerliche) Perspektive verallgemeinert.

Angriff auf Gender-Diskurse

Da Sloterdijk wenig Mühe an eine literarische Gestaltung des Textes verwandte, wurde sein Text eher als politische Stellungnahme verstanden: als Angriff auf Gender-Diskurse. Die Schriftstellerin Elke Schmitter nannte Sloterdijks Buch in ihrer Rezension für den Spiegel als anti-feministisches Pamphlet, das nur notdürftig als Roman getarnt sei (ihre bzw. die redaktionelle Überschrift: „Die Frau als Herrenwitz“).

Schon 1991 hatte Sloterdijk transhumane Züchtungsfantasien, wollte den „Altmenschen“ durch Selektion zur Strecke bringen, so Thomas Assheuer 1999. In von ihm herausgegebenen „Berichten zur Lage der Zukunft“, die in der renommierten edition Suhrkamp erschienen, wolle Sloterdijk das „alteuropäische weltanschauliche Erbe“ abräumen. Sloterdijk trat für einen „Biologismus“ ein, der „auf eine intelligente Menschheit im ganzen zielt“, aber angeblich „nicht auf eine neurobiologische Apartheid oder eine Klassenherrschaft der Intelligenzmutanten über die Altmenschen heutigen Typs“.

Dann kamen seine „Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus“ (Suhrkamp 1999). Sloterdijk will darin Heidegger materialistisch umdeuten und damit Heideggers Metaphysik eine modernere Variante des Denkens einflößen. Dann fügt er eine Idee in der Tradition Nietzsches dazu: Der Mensch habe schon immer ein Züchtungsprojekt betrieben und dies unter dem Deckmantel der Humanität verborgen. Diese inhaltlichen Details wurden damals als eine Spitze gegen die Kritische Theorie gedeutet. Sloterdijk habe seinem gehoben-bildungsbürgerlichen Suhrkamp-Publikum im Gewand der Kritischen Theorie reaktionäre politische Thesen untergejubelt: ein Plädoyer für eine positive Eugenik (im Sinne Francis Galtons). Assheuer:

„Auf welche Fundamente dieser Züchtungs-„Humanismus“ gebettet ist, führt Sloterdijks monumentales, auf drei Bände angelegtes Sphären-Projekt im Suhrkamp-Verlag vor Augen. Es lebt, an der Grenze zum Totalitären, von der Idee, in unseren postnatalen Verhältnissen müsse die pränatale Symbiose wiederhergestellt werden – die ursprüngliche Geborgenheit, das behütete Wohnen in der „Blase“, die „Klausur in der Mutter“.“

Patriarchen und ihre Mutter-Probleme! Vielleicht werden transhumane Menschenzüchter ja zukünftig in künstlichen Gebärmüttern der von Donna Haraway angekündigten Cyborg ausgetragen…

Thomas Assheuer, Das Zarathustra-Projekt: Der Philosoph Peter Sloterdijk fordert eine gentechnische Revision der Menschheit, ZEIT 1999, http://www.oocities.org/hoefig_de/LKPhilo/Jahrg11/Das_Zarathustra_Projekt.htm

12/10/16

Rezension: Hartmut Rosa „Resonanz“

Gerd Peter Tellurio

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung bietet eine fundierte, zugleich poetisch-schärfende Analyse der modernen Lebensbedingungen. Das Backcover umreißt mit dem programmatischen Satz „Resonanz bleibt das Versprechen der Moderne, Entfremdung aber ist ihre Realität“ das Problemfeld. Der zentrale Begriff der Resonanz wird als künstlerischer, politischer und alltäglicher Modus der Beziehung zur Welt entfaltet. Nicht bloß Verstehen oder Beherrschen, sondern eine wechselseitige, befreiende Schwingung zwischen Subjekt und Umwelt ist angesprochen. Rosa kritisiert auch in diesem Buch die „Beschleunigungsgesellschaft“ als eine Gesellschaft, die Effekte der Vernetzung, die Produktivkraft von Zeitdruck und ständige Verfügbarkeit ausnutzt, um Effizienz zu generieren. Resonanz ist demgegenüber eine Form des Sich-Ansprechens, Sich-Überraschens und Sich-Mitteilens, die Erfahrung von Relevanz, Zugehörigkeit und Sinn stiftet.

Eine Soziologie des guten Lebens

Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. So lautet die Kernthese des Buches von Hartmut Rosa, das als Gründungsdokument einer Soziologie des guten Lebens gelesen werden kann. Anstatt Lebensqualität in der Währung von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten zu messen, müssen wir unseren Blick auf die Beziehung zur Welt richten, die dieses Leben prägt. Dass diese Beziehung immer häufiger gestört ist, hat viel mit der Steigerungslogik der Moderne zu tun, und zwar auf individueller wie kollektiver Ebene. „Beschleunigung“ und „Entfremdung“ sind Begriffe, die zahlreiche Phänomene der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten zweihundert Jahre erklären können. Rosa nimmt die großen Krisen der Gegenwart in den Blick und weist einer resonanztheoretischen Erneuerung der Kritischen Theorie den Weg.

Entfremdung wird nicht nur individuell erlebt, denn Institutionen, Arbeitswelten, digitale Medien und urbane Strukturen tragen dazu bei, dass sich Menschen wie Zahnräder in einem größeren System fühlen. Rosa fordert, Entfremdung nicht nur als individuelles Misslingen, sondern als strukturelles Phänomen zu sehen. Lösungsansätze müssen daher rhythmisierende, resonanzförderliche Praktiken umfassen. Gegen Entfremdung plädiert Rosa für eine „Resonanzordnung“ oder eine Gesellschaft, in der Zeitpolitik, räumliche Gestaltung, Bildung und Kultur Räume schaffen, in denen Menschen wieder sinnstiftend, verbunden und aufmerksam leben können. Die Gegenstrategie ist eine Struktur der Resonanz – Räume, Zeiten und Praktiken, die Nähe, Verbindlichkeit und sinnstiftende Verknüpfungen ermöglichen. Dabei plädiert Roas nicht für eine simple „Entschleunigung“ als Lösung des Problems, dies verkenne die Dynamik der Moderne: „Man kann (…) den Beschleunigungsprozess auch verstehen als unaufhebbare Eskalationstendenz, die ihre Ursache darin hat, dass sich die gesellschaftliche Formation der Moderne nur dynamisch stabilisieren kann.“ (Rosa, S.13) Die Menschen der Moderne bleiben in ihrem Leben nicht unberührt von der Beschleunigung, denn ihr Dasein, ihre Fähigkeit zur Resonanz wird zunehmend gestört und untergraben:

„Diese systematische Eskalationstendenz verändert aber die Art und Weise, in der Menschen in die Welt gestellt sind, sie ändert das menschliche Weltverhältnis in grundlegender Form. Dynamisierung in diesem Steigerungssinn bedeutet, dass sich unsere Beziehung zum Raum und zur Zeit, zu den Menschen und zu den Dingen, mit denen wir umgehen, und schließlich zu uns selbst, zu unserem Körper und unseren psychischen Dispositionen, fundamental verändert.“ (Rosa, S.14)

Resonanz als Gegenmodell zu Distanz und Verflüchtigung

Die vier Teile des Buches behandeln 1. Grundelementen menschlicher Weltbeziehung, 2.Resonanzsphären und Resonanzachsen, 3.die Moderne als Zeit des Weltverstummens und 4. eine kritischen Theorie der Weltbeziehung. Ausgangspunkt ist die Diagnose einer entzauberten, entfremdeten Moderne; darauf aufbauend entfaltet Rosa das Konzept der Resonanz als Gegenmodell zu Distanz und Verflüchtigung; schließlich entwickelte er Kriterien und Formen, wie Resonanz in Alltag, Politik, Bildung und Kultur geübt werden kann (vgl. Inhaltsverzeichnis/Einleitung des Buches).

Rosa argumentiert, dass moderne Gesellschaften durch zunehmende Temporalität und Beschleunigung gekennzeichnet sind, sich manifestierend in Technologie, Arbeit, Kommunikation, Mobilität. Diese Beschleunigung erzeugt ein permanentes Gefühl des Verdrängens und der Zeitnot, wodurch Individuen sich entfremden von sich selbst, anderen Menschen und der Welt. Motiv der Moderne ist das Versprechen einer umfassenden Weltbeherrschung, die auch das Glück des Subjekts garantieren müsste. Jedoch sieht Rosa, dass die Beherrschung des Anderen letztendlich kein Glück hervorbringt, sondern ins Gegenteil umschlägt. Herrschaft, Effizienz, Kontrolle usw. verhindern Gelassenheit oder Loslassen und hier liegen die Potenziale der Resonanz. So bilden die Achsen der Resonanz in ihren positiven Ausprägungen Gegengifte gegen eine umfassende Sinnentleerung der Welt, die durch Planung, Kontrolle und Herrschaft nicht herstellbar sind. Horizontale Resonanzachsen wären dabei die „Familie als Resonanzhafen in stürmischer See“, Freundschaft und die Politik mit ihren Stimmen der Demokratie; Diagonale Resonanzachsen umfassen die Objektbeziehungen zu den Dingen, die Arbeit, weil dort „das Material zu antworten beginnt“, die Schule als Resonanzraum sowie Sport und Konsum als „Versuche, sich zu spüren“; Vertikale Resonanzachsen nennt Rosa schließlich die „Verheißung der Religion“, die „Stimme der Natur“, die „Kraft der Kunst“ und den „Mantel der Geschichte“.

Individuen im Netzwerk der Normen

Entfremdung entsteht laut Rosa, wenn Beziehungen zu Menschen, Orten und Dingen nicht mehr in einer sinnhaften, resonanten Weise erlebt werden. Resonanz bedeutet hier eine gelingende, wechselseitige, lebendige Verbindung. In einer beschleunigten Welt bricht diese Qualität oft ab, weil Aufmerksamkeit zerfällt, Nähe zu den Mitmenschen abnimmt und Dinge nur noch als Mittel dienen. Entfremdung sieht Rosa somit nicht primär als Leiden einzelner Subjekte, sondern als Fehlverhältnisse in den Bezügen zu Zeit, Ort, anderen Menschen und Dingen. Es geht um die Qualität der Verbindungen, nicht nur um innere Zustände. Er argumentiert, dass moderne Gesellschaften durch strukturelle Beschleunigung soziale Räume auf Distanz halten. Dinge, Ereignisse und Menschen sind ständig „in der Nähe“ (technisch, logistischer, informationeller Zugriff), doch diese Nähe verhindert echte Resonanz (echtes Verstehen, Anteilnahme, Zugehörigkeit). Durch Globalisierung, Verwaltung, Marktlogik und Bürokratie werden Lebenswelten fragmentiert.

Individuen erleben sich in einem Netzwerk von Erwartungen, Normen und Funktionslogiken, die Distanz statt Verknüpfung herstellen. Rosa kritisiert eine Orientierung an Verfügbarkeit, Effizienz und Kontrolle. Stattdessen fordert er eine Öffnung für andere, zuhörende Begegnungen, in denen sich Menschen gegenseitig zu sich hingezogen fühlen und sich gemeinsam von der Welt ansprechen lassen. Die Entfremdung wird weder rein subjektiv (nur individuelles Unwohlsein) noch ausschließlich systemisch (nur Strukturen) erklärt. Er betont die Wechselwirkung: Strukturen beeinflussen Subjekte, Subjekte wiederum verändern Strukturen, wodurch sich ein „Krisenpfad“ öffnet oder geschlossen bleibt. Gegen Entfremdung plädiert Rosa für eine Praxis der Resonanz – aufmerksam zu sein, sich auf andere einzulassen, Zeit und Raum für gemeinschaftliche Sinnstiftung. Das bedeutet auch politische und kulturelle Rahmenbedingungen, die solche Begegnungen ermöglichen (z. B. kommunale Räume, gemeinschaftliche Rituale, Bildungskulturen).

Kritik

Anton Schlittmaier, Professor für Philosophie und Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Sachsen, kritisiert an Rosa, das „In-Resonanz-Sein“ sei möglicherweise ein „Wohlfühlkonzept“, denn es sei ein immanentes Konzept von Glück. Auch der Bezug zur Transzendenz wird sozialwissenschaftlich als Vorstellung eines Bezugs zu einer antwortenden Welt gesehen. So würde vorausgesetzt, dass die Transzendenz immer nur eine Vorstellung sei. Dies widerspricht aus Schlittmaiers Sicht Konzepten, die Rosa im Sinne seiner eigenen Argumentation anführt, etwa dem von Martin Heidegger. Das Sein ist sei bei Heidegger gerade nicht das nur gedachte Sein, sondern das Unverfügbare: Das Sein, „das mich in die Verantwortung ruft, wobei diese Verantwortung definitiv nicht nur etwas ist, was ich mir als Subjekt ausgedacht habe.“ Anderen zu helfen, als durchaus erstrebenswertes und sinngebendesLebensziel, könne z.B. zu extremen Einbußen im Wohl-Sein führen. In diesem Zusammenhang habe Immanuel Kant gelehrt, dass wir auf eine ausgleichende Gerechtigkeit (im Sinne von Wohl-Sein als Lohn für Moralität) zwar hoffen können, es jedoch keinerlei Garantie dafür gibt. Bei Rosa gewinne man jedoch den Eindruck, „dass alles, was man richtigerweise tut, immer gleich durch das Glück des In-Resonanz-Seins entschädigt wird“. Dies verdecke eine Tendenz zum Hedonismus mit einer postulierten Übereinstimmung zwischen dem Guten und dem Glück. Schlittmaiers Kritik ist nicht ganz von der Hand zu weisen, doch knüpft Rosa an traditionelle Vorstellungen einer Tugendethik an, die er um originelle Aspekte der Resonanz ergänzt und auf die moderne Welt anwendet. Und sein bei Adorno entliehenes Eingangszitat verweist auf die Kraft der Ästhetik für Hoffnung auf Verwandlung (Zitat hier stark gekürzt, zuvor voran gestellt wurde noch ein Zitat von Heinrich Heine):

„Nichts kann unverwandelt gerettet werden, nichts, das nicht das Tor seines Todes durchschritten hätte. Ist Rettung der innerste Impuls jeglichen Geistes, so ist keine Hoffnung als die der vorbehaltlosen Preisgabe: des zu Rettenden wie des Geistes, der hofft. (…) Was von endlichen Wesen über Transzendenz gesagt wird, ist deren Schein, jedoch, wie Kant wohl gewahrte, ein notwendiger. Daher hat die Rettung des Scheins, Gegenstand der Ästhetik, ihre unvergleichliche metaphysische Relevanz.“

Theodor W. Adorno, Negative Dialektik

Fazit

Kurz gesagt: Entfremdung wird bei Rosa als Dynamik der Distanz durch Beschleunigung, Bürokratisierung und Funktionslogiken verstanden, die echte Verbindung und Zugehörigkeit verhindern. Die Gegenentschrift ist eine Praxis der Resonanz: offen sein für andere, Zeiten schaffen für Gelassenheit und gemeinsames Sinn-Stiften. Für Kritik und eine neue theoretische Perspektive auf Gesellschaft und Subjektivität bietet das Buch damit zahlreiche Anknüpfungspunkte: Es reflektiert über die Qualität unserer Beziehungen, über Zeitgestaltung, über die Bedeutung von Gemeinschaft und über die Rolle von Ästhetik und Sinnstiftung in der Gegenwartsgesellschaft. Als Fazit bleibt also ein philosophischer Diskurs und die Utopie, Resonanz praktisch zu gestalten, etwa durch achtsame Kommunikation, kulturelle Praxis, politische Bildung und persönliche Lebensführung. Wer eine scharfe Diagnose der Moderne sowie eine normative Vision für eine menschlichere Welt sucht, wird in Rosas „Resonanz“ eine anregende, oft inspirierende Lektüre finden.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2016. 500 Seiten, 32,95 EUR. ISBN 978-3-518-58626-6. 

Hartmut Rosa (*1965) promovierte 1997 bei Herfried Münkler und Axel Honneth und ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Bei Suhrkamp erschienen: Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit (2013) und Beschleunigen wir die Resonanz! Bildung und Erziehung im Anthropozän. Gespräche mit Nathanaël Wallenhorst. Aus dem Französischen von Christine Pries, Suhrkamp, Berlin 2024.

09/20/16

SNOWDEN – Kino Sondervorstellungen 22.9. 2016

Friedemann Ebelt

Spannung und Datenschutz: Oliver Stones neuer Film „SNOWDEN“ kommt am 22. September 2016 in die deutschen Kinos und zeigt, dass Privatheit absolut kein langweiliges Anliegen ist.

Er war nun wahrlich kein Kritiker eines repressiven Staates: Edward Snowden war überzeugt, das Richtige zu tun, als er der National Security Agency (NSA) beitrat. Am 22. September 2016 startet der Kinofilm SNOWDEN in Deutschland, der erzählt, wie Edward Snowden vom Patrioten zum Helden wurde.

Zu argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Freiheit der Meinungsäußerung brauchen, weil Sie nichts zu sagen haben. (Edward Snowden (siehe netzpolitik.org))

Edward Snowden will Gutes für sein Land tun und bietet seine Fähigkeiten zunächst als Soldat und dann als Mitarbeiter der NSA an. Aus dem Inneren des Geheimdienstes erhält er sodann Einblicke, die ihn erschüttern: Die NSA ist nicht nur im Ausland aktiv, sondern überwacht die eigenen Bürgerinnen und Bürger. Er wird selbst zum Täter, indem er diese Informationen freiweg nutzt und ausspielt, um einen Botschafter über den Umweg seiner Familie unter Druck zu setzen. Hier gelingt es Oliver Stone einfühlsam zu vermitteln, wie lebensnah es werden kann, wenn man zum Spielball eines Machtspiels wird, bei dem jemand ganz anderes das Angriffsziel ist.
Das stürzt ihn zunehmend in innere Konflikte, die ihn fürchten lassen, auch er oder seine progressive Freundin könnten z.B. über die Webcam ihres Rechners beobachtet werden. Und so versucht plötzlich der Patriot dem Freigeist zu erklären, warum sie eben doch etwas zu verbergen haben.

Der Film erzählt sehr einfühlsam die Geschichte von Edward Snowden, grandios gespielt von Joseph Gordon-Levitt, der nach und nach begreift, dass hier etwas gewaltig schief läuft. Er muss zusehen, wie Frauen sich vor ihren Laptops umziehen, ohne zu ahnen, dass sie beobachtet werden. Er ist Zeuge, als Erwachsene und Kinder in Afghanistan von Drohnen niedergeschossen werden, weil ein Datenauswertungsprogramm sagt, sie seien Terroristen. Snowden plant seinen Ausstieg und nimmt belastende Informationen über die Machenschaften der NSA mit.

Der Film ist packend und aufklärend zugleich. Er veranschaulicht die mächtigen Analysewerkzeuge der NSA und zeigt wie der amerikanische Geheimdienst sie systematisch missbraucht. Es ist Oliver Stone in diesem Film gelungen zu zeigen, wie aus einem normalen Mann mit Charakter ein Held wurde, der gar kein Held sein wollte und dennoch sein eigentlich sorgenfreies Leben aufgegeben hat, um seinem Gewissen zu folgen. (reblogged von https://digitalcourage.de/blog/2016/snowden-im-kino )

SNOWDEN ab 22. September 2016 im Kino Trailer ansehen
www.snowden-film.de
Ausführliche Filmkritik von Heise

08/8/16

Böse Sowjet-Fantastik

Arkadi und Boris Strugatskij, Die Last des Bösen, Frankf./M. 1991, Ullstein Verlag

Buchbesprechung von Thomas Barth

Die Handlung des Romans bewegt sich in vier ineinander verschachtelten Rahmenhandlungen. Ort: Taschlinsk, fiktive Provinzstadt in der Sowjetunion; Zeit: ca. 50 Jahre in der Zukunft; Art: utopische Groteske mit mystisch-esoterischen Elementen. Der Ich-Erzähler, dessen Identität als Igor Wsewolodowitsch Mytarin erst am Ende offenbart wird, schreibt ein Buch über seinen Mentor, den “Großen Lehrer” Georgij A. Nossow, genannt G.A. Dafür zitiert Igor umfangreich aus seinem 40 Jahre alten Tagebuch, in welchem er wiederum Zitate aus einem ominösen Manuskript “O3” darlegt, welches G.A. ihm damals gab. In diesem als phantastisch gekennzeichneten Manuskript wimmelt es von Rückblenden in biblische Zeiten, die auf die Vergangenheit von dort handelnden, anscheinend unsterblichen Personen, Ahasver Lukitschs und des Demiurg, verweisen.

SPOILER WARNUNG! Dies ist keine Rezension, sondern eine komplette Inhaltsangabe -wer den Roman noch mit allen Überraschungen genießen will, sollte nicht weiterlesen.

Vor 40 Jahren war Igor fanatischer Jünger des G.A. und stand ihm im Kampf um eine alternative Jugendkolonie vor den Toren der Stadt, der “Flora”, bei. Die Flora-Jugend verweigert die Teilnahme an Arbeit und Konsum, praktiziert freie Liebe und Drogenrausch. Als nach einem Rockkonzert auch noch Autos und Fensterscheiben zertrümmert werden, blasen die Bürger von Taschlinsk zur Angriff. Nur G.A., erster Pädagoge am legendären Lyzeeum, einer Lehrerschule, tritt für die Flora ein. Ein blutiges Pogrom braut sich zusammen. Auch G.A. und seine Schüler geraten ins Kreuzfeuer, man demonstriert und fordert die Schließung der Eliteschule. Igor liest derweil im geheimnisvollen Manuskript O3, welches von einem Astronomen namens Manochin hinterlassen wurde. Manochin bekommt den Versicherungsvertreter Lukitsch als Zimmergenossen zugewiesen und erkennt bald, daß dieser mehr als nur Versicherungen verkauft. Aus seiner zuweilen feuerspeienden Aktentasche zieht er Verträge in linksläufiger Schrift in welchen seinen Kunden viel Geld und Lebenserfolg zugesichert wird, gegen die Überlassung ihrer “nicht-materiellen unkörperlichen Substanz”. Der bald auftauchende Chef von Lukitsch, der Demiurg, ist noch unheimlicher; dennoch macht Manochin ein Geschäft: Eine astrophysikalische Theorie von ihm wird plötzlich zur Wahrheit, er hingegen leistet dem Demiurgen Handlangerdienste. Rückblenden, deren Verbindung zu “O3” unklar bleibt, beschreiben Lukitschs und des Demiurgen Vergangenheit als Jünger des biblischen Jesus, bzw. Propheten; die Geschichte Jesu wird dahingehend erläutert, daß Judas -ein gutmütiger Schwachsinniger- auf Jesu Geheiß den Verrat beging, Johannes dagegen einen Fluch der Unsterblichkeit auf sich lud und zum Sammeln menschlicher Seelen überging, während der biblische Johannes in Wahrheit ein Jünger des Unsterblichen war und dessen Worte im gemeinsamen Exil auf Patmos literarisch ausschmückte. Lukitsch und der Demiurg scheinen ein unheimliches Experiment mit Manochin, vielleicht auch ganz Taschlinsk oder gar der ganzen Menschheit vorzubereiten, dessen Ziel möglicherweise die Beseitigung alles Bösen oder aber dessen Verwirklichung sein könnte. Auch G.A., dessen Sohn sich als Anführer der Flora entpuppt, scheint mit Luktisch ins Geschäft gekommen zu sein, wie dessen Auftauchen im Gesichtskreis des Ich-Erzählers Igor letztlich nahelegt. Die Flora zerstreut sich freiwillig, G.A. mußte anscheinend fliehen -doch hier bricht das Tagebuch ab. Th. Barth 8/1995

Arkadi Strugatskij, geb. 1925, Sowjetunion, und Boris Strugatskij, geb. 1933, Sowjetunion; Die Last des Bösen, (Otjagoschtschenije slom), Ullstein Verlag 1991. Ort: Taschlinsk, fiktive Provinzstadt in der Sowjetunion; Zeit: ca. 50 Jahre in der Zukunft; Rezension Nr. 5 für Romanführer, Hamburg, Oktober 1995, Thomas Barth

07/8/16

SF-Sowjet-Satire Troika (A&B Strugatski)

Troika, (Skaza o troike, Zs. “Smena”, Moskau 1987, Nr. 11-14); Frankfurt: Suhrkamp Taschenbuch 2221, 1993. Ort: fiktive “Kolonie für unerklärte Erscheinungen” in der Sowjetunion; Zeit: nahe Zukunft; Art: phantastische Satire auf die sowjetische Bürokratie und Glasnost. Autoren sind die Brüder Arkadi STRUGATZKI (1925-1991) und Boris STRUGATZKI (1933-2012) geboren in der Sowjetunion.

Buchbesprechung von Thomas Barth

Die überschäumende Fantasie der Brüder Strugatski widmet sich hier der sowjetischen Bürokratie: Eine Kolonie für unerklärte Erscheinungen ist Sitz einer bürokratischen Institution, der Kommission für unerklärte Phänomene, deren Aufgabe es ist, esoterische, parawissenschaftliche, phantastische usw. Dinge als solche zu benennen bzw. zu verwerfen und sie ggf. als Bedrohung zu vernichten oder sie gesellschaftlichen Stellen zu überantworten. Die drei Mitglieder der Kommission werden auch “Troika” genannt.

Die Troika: Lawr Fedotowitsch Wunjukow ist der senile Vorsitzende, der sich immer wieder an den unsinnigsten Stellen seiner wirren Einlassungen auf die von ihm vertretenen “Interessen des Volkes” beruft. Der Oberst ist erster Beisitzer und fällt als Vertreter des Militärs durch unerschütterliches Schnarchen auf, nur zuweilen unterbrochen von im Schlaf gemurmelten Kommandos an seine alte ruhmreiche Einheit der motorisierten Kavallerie. Rudolf Archipowitsch Chlebowwodow, zweiter Beisitzer, entnervt durch seine übereifrige Einfältigkeit, die ihn als Mitläufer an die Spitze gebracht hat. Ergänzt wird das Unternehmen durch den Schreiber Farfurkis, peniblen Vollstrecker juristischer Winkelzüge und Prof. Wybegallo, der als wissenschaftlicher Berater seine Belesenheit in deplazierten französischen Zitaten und akademischer Arroganz ausdrückt, ohne Chlebowwodow an Intelligenz zu übertreffen. Subalterner Diener der Kommission ist der Kommandant Subo, zuständig für die Wartung, Bewachung, Unterbringung und Fütterung der als Phänomen zu verhandelnden Wesenheiten.

SPOILER WARNUNG! Dies ist keine Rezension, sondern eine komplette Inhaltsangabe -wer den Roman noch mit allen Überraschungen genießen will, sollte nicht weiterlesen.

Der Ich-Erzähler Alexander Iwanowitsch Priwalow, gehört zu einer Gruppe junger, engagierter Wissenschaftler, die sich jeweils für eines der Phänomene interessieren und bei der Kommission einen Antrag auf Überstellung an ihre Forschungsinstitute gestellt haben, wobei sie eine teils schon monatelange Wartezeit in Kauf zu nehmen haben. Priwalow will den “Black Box” -Vorgang Nr. 97 für sein Forschungsinstitut der Hexerei und Zauberkünste gewinnen. Er hat drei junge Freunde: Den radikalen Vitjka Kornejew, der die Verhandlung seines “flüssigen Außerirdischen” nicht abwarten möchte und immer wieder auf illegalen Zugriff sinnt; Edik Amperjan, ein naiver Neuling aus einer “Abteilung für lineares Glück” und Anwärter auf die “Wanze Quasselstrippe”, ein sprechendes und philosophierendes Insekt, welches die Menschen immer wieder ungefragt mit Enthüllungen der Greueltaten gegenüber Kerbtieren konfrontiert und sie z.B. der “typischen Weltsicht narzißtisch veranlagter mittelgradig Schwachsinniger” bezichtigt, welche aus dem uralten menschlichen Traum, fliegen zu können, also dem Neid auf die Insekten, entspringt. Vierter im Bunde ist Roman Oira-Oira, dessen Sehnsucht dem riesigen, ebenfalls sprechenden Kraken Spiridon gehört, welcher sich selbst als “Bevollmächtigter Botschafter der Generalfreundschaft urtümlicher Kopffüßer” bezeichnet und bei der Kommission vergeblich seine Akkreditierung fordert.

Fedja, der Schneemensch, ein schüchterner Flugsaurier und eine offensichtlich gefälschte Wahrheitsmaschine sind weitere “Vorgänge”, die den Protagonisten Priwalow und seine trotz magischer und parapsychologischer Talente der Bürokratie hilflos gegenüberstehenden Freunde über absurde Verhandlungen und Begehungen angeblich verwunschener Sümpfe etc. schließlich zu einer systemkonformen Lösung bringen: sie entnerven die alte Troika solange, bis diese Priwalow zum Vorsitzenden einer “Unterkommission für Kleinkram” ernennt, die sie als Mitglieder besetzen, um sich den “STEMPEL” der nun unterwanderten Bürokratie selbst auf ihre Anträge zu setzen. Sie ziehen mit ihren zumeist über diese Befreiung beglückten “unerklärten Phänomenen” davon.
Rezension Nr. 6 für Romanführer, Hamburg, Oktober 1995, Thomas Barth

Unter dem Titel „Das Märchen von der Troika“ auch in Band 6 der Werkausgabe im Golkonda-Verlag

Wikipedia: Das Märchen von der Troika (russisch Сказка о Тройке Skaska o Troike) ist eine Erzählung von Arkadi und Boris Strugazki aus dem Jahr 1967, die Fortsetzung zu Der Montag fängt am Samstag an. Ursprünglich sollte diese Erzählung in den Verlagen Molodaja Gwardija und Detskaja literatura erscheinen, die Veröffentlichung wurde jedoch aufgrund der Kritik an der sowjetischen Bürokratie abgelehnt. Im Jahr 1967 wurde eine kürzere, harmlosere Version der Erzählung in zwei Ausgaben der Zeitschrift Angara in Irkutsk abgedruckt. Selbst dann wurde die gesamte Auflage der beiden Angara-Ausgaben eingestampft; der Chefredakteur der Zeitschrift, Juri Samsonow, wurde seines Postens enthoben. In der Sowjetzeit wurde „Das Märchen von der Troika“ unautorisiert im deutsch-russischen Dissidentenverlag Posev veröffentlicht. Erst zwanzig Jahre später wurde die Originalversion der „Troika“ in der Sowjetunion in der Zeitschrift Smena veröffentlicht. (Anm. d. Rezensenten: Und trug vermutlich zur nur vier Jahre später erfolgten Auflösung der UdSSR bei.)