Lilian Pithan (Hg.): The Future Is…

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is… 14 Comics über die Zukunft, Carlsen Verlag,Hamburg 2024, 128 Seiten, 25,00 Euro.

Rezension von Thomas Barth

Angststörungen, Einsamkeit und Depressionen breiten sich gerade unter jungen Menschen epidemisch aus, ein oft genannter Grund dafür ist Zukunftsangst. Die sogenannte “Multikrise” aus Klima, Kriegen, Ökozid, Sozialabbau, Energie usw. verdunkelt die Lebensperspektive stärker als bei früheren Generationen. Die sich auftürmenden Zukunftsprobleme müssen nicht nur politisch und ökonomisch bewältigt werden, sondern auch kulturell und pädagogisch -das SF-Genre bietet sich dafür an. Die hierzulande allzu lange verfemte Graphic Novel, auf Deutsch etwas abschätzig meist “Comic” genannt, ist inzwischen sogar als Thema von akademischen Doktorarbeiten präsentabel. Sie bietet einen auch visuellen Zugang zu neuen Perspektiven. Im Schulunterricht werden Comic und SF-Genre gerne genutzt, als Inspiration für Gedankenexperimente, Projektionsraum für Zukunftsängste und -hoffnungen und als sozialpolitischer Gegenwartskommentar, vielleicht sogar als Anregung zur philosophischen Reflexion über die Bedingungen des Menschseins. Das vorliegende Buch wirft entsprechende Fragen auf: Können wir der Klimakrise Paroli bieten? Wie geht es weiter mit Genderkritik, Massenverarmung durch neoliberale Ökonomie, neuen Technologien? Wird künftig KI über unser Leben bestimmen? Wie würden außerirdische Aliens uns sehen?

Inhalt

Die 14 Kurzcomic-Geschichten von je acht Seiten sind thematisch in vier Oberkapitel gegliedert: 1.Technorama, 2.Schöne Neue Welt?!, 3.Leben lassen, 4. Ich und Du. Im vorangestellten Editorial pocht Lilian Pithan darauf, dass Comics nicht mehr als “Männerdomäne” angesehen werden können. Die vorgelegten Szenarien würden unserer Welt den Spiegel vorhalten und Perspektiven auf die Zukunft nicht nur im Wort, sondern eben auch im Bild erkunden. Den Abschluss machen 15 Künstlerinnen-Biographien der Beiträgerinnen und der Herausgeberin.

1.Technorama: “Leben, spielen, arbeiten”, alles bestimme die Technologie, sie erleichtere vieles, sei aber auch Ursprung neuer Probleme; je mehr wir den Maschinen überließen, desto größer würde jedoch unsere Angst vor ihnen; kann KI uns helfen oder wird sie uns beherrschen? So lautet hier der den Oberkapiteln jeweils vorangestellte Einführungstext. Der erste Beitrag “Die beste aller Welten” kommt von Bea Davies und entführt uns nach Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Doch die Rahmenhandlung macht klar, dass es nicht das reale Kinshasa mit seinen 16 Millionen Einwohnern sein könne. Die Protagonistin Ether ist eine junge schwarze Frau in einem roten Overall (die auch das Cover des Bandes ziert). Sie kommt auf einer blühenden Wiese zu sich, mit Blick auf einen großen Fluss, vermutlich den Kongo, wie wir durch die Lokalisierung ihres Standorts als Kinshasa erfahren -doch statt einer apokalyptischen 16-Millionenstadt findet sie ein Paradies. Aus dem Off erhält sie Anweisungen einer KI, die bezeugen, dass es sich um eine von vielen simulierten künftigen Welten handelt, die Ether erkunden soll. Sie folgt einer schmalen Rauchfahne zu einer Behausung, einem ausgehöhlten Hügel mit runden Fenstern, wo ein altes afrikanisches Paar sie freundlich willkommen heißt. Die sehr bunten, naturalistischen Zeichnungen zeigen Motive afrikanischer Kunst. Die KI fordert Ether auf, sich nach der Geschichte zu erkundigen, die diese Weltsimulation durchlebt hat und Ether meldet, dass dort nach einem Atomkrieg die dezimierte Menschheit eine friedliche neue Welt aufbauen konnte. Aber nun eine überraschende Wendung: Ether verweigert die Rückkehr zur befehlshabenden KI, deren “Mal-ware-Analyse” sie nicht abwarten möchte. Ist hier die Flucht in die Simulation einer positiven Utopie gelungen?

Der zweite Beitrag von Mia Oberländer “Gute Reise” ist eher karikaturhaft gezeichnet und zeigt eine ausgebeutete Assistentin, die per Teleporter reisen und Dinge erledigen muss –wobei sie vorzeitig altert, durch die Technologie oder durch den Stress der neoliberalen Dienstbotenkultur? Maren Amini zeichnet beim dritten Comicstrip im Knollnasen-Stil eine alptraum geplagte Mutter, die mit der KI hadert. Bei Aisha Franz geht es im letzten Beitrag um das Aussaugen von kreativen Köpfen in einer futuristischen PR-Industrie.

2.Schöne Neue Welt?! bringt in drei Beiträgen Dystopien zu Klima, Öko- und Umweltkrisen: 1.Von Quallen überschwemmte Ozeane, 2.das verseuchte Berlin wird von ausgebeuteten Menschen in Schutzanzügen bewohnt, aber in 3.Melanie Garanin “Futur II. Alles wird besser geworden sein” reiten die Menschen –fast schon kindgerecht gezeichnet- fröhlich auf Seepferdchen unter Wasser.

3.Leben lassen, entfaltet das Motto: “Die Evolution aller Lebensformen schreitet voran” mit Maschinen, Cyborgs, Aliens und fragt: Woher wissen wir, wer die sind? 1.Zur Energiegewinnung mutierte Hunde werden befreit, 2.quallenhafte Menschen (?) suchen Apotheke & Notschönheitsdienste für Seelenimplantate auf, 3.im Schulunterricht wird Kommunikation mit Aliens geübt. Donna Haraway würde als posthumanistische Cyborg- und Hundeliebhaberin ihre Freude daran haben.

4. Ich und Du, beginnt mit der Feststellung “Die großen Fragen bleiben die Gleichen, oder?” und erkundet Gedanken und Gefühle, denn in der Zukunft scheine alles möglich, also auch ein neues Miteinander. 1.Zusammen die Welt beherrschende Katzen und Hasen, 2.in einem Naturreservat werden schöne Schmetterlinge gezüchtet, 3.in einer Selbsthilfegruppe kursieren Meta-Pills, die den Körper absurd verändern können (Peer Jongelin trat schon mit einem Aufklärungscomic zu Transgender hervor) und 4. eine Glaskuppel in der verseuchten, toten Welt, aber dort leben Menschen Liebe und Familie bis hin zum den Band abschließenden Dialog: “-ich vermisse das Wetter. –ja? ich puste dir ins gesicht.”

14 Comiczeichnerinnen erzählen, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen: Leben wir in der Zukunft mit Aliens zusammen? Wird KI uns die beste aller Welten erschaffen? Oder können wir der Klimakrise sowieso nicht mehr entrinnen? Fantasievoll und facettenreich spinnen die Kurzcomics aktuelle Debatten um Klima, Gender und Technologie weiter und berichten von schönen, schrecklichen und überraschenden neuen Welten. Dabei wagt die Anthologie auch einen Blick in die Zukunft des Comics und gibt einen Überblick über die künstlerischen und erzählerischen Positionen, die die deutsche Comicszene so besonders machen.“ (Verlagstext Carlsen)

Diskussion

Das oft totgesagte und von konservativen Ideologen in die Nähe von Platon und sogar Stalin gerückte Genre der Utopie lebt als Science Fiction (SF) weiter. Auch wenn sie heute oft in ihrer negativen Form als Dystopie künftige Probleme übertreibend plastisch macht, warnt sie doch vor Gefahren und prangert dabei gegenwärtige Probleme an, etwa Kriegstreiberei, Profitgier, Umweltzerstörung. Der von Horkheimer und Adorno in ihrer “Dialektik der Aufklärung” beschriebene Umschlag einer immer technischer gewordenen Vernunft in eine profitgetrieben rasende Unvernunft, die wir kaum noch zügeln können, wird im vorliegenden Sammelband ausgebreitet. In teils schön anzuschauenden, teils erheiternden, teils aber auch grell Ängste, Ekel und Verzweiflung illustrierenden Bildern zeigen sich überwiegend dystopische Erwartungen.

Oft beziehen sich die Ängste auf ökologische Katastrophen, auf Eingriffe in den menschlichen Körper, auf Ausbeutung und Verelendung der Mehrheit zu Gunsten einer perfiden Minderheit von Superreichen. Die beiden letzteren Punkte zeigen, wie Ideen, Ideologien und Technologie des Transhumanismus in unsere Kultur eindringen und weniger Hoffnungen als Ängste auslösen.

Wer Depressionen bewältigen will, kommt an einer Auseinandersetzung mit Ängsten und ihren Auslösern nicht vorbei. Der menschliche Geist, die Kultur, die Philosophie haben haben als wichtigstes Ziel immer schon die Erkundung neuer Möglichkeiten des Denkens und Lebens, mithin die Erkundung der Zukunft. Dies geschieht im Projekt “The Future is…” auf visuell anspruchsvolle Weise. Die Ästhetik der Zeichnungen steht der SF-Literatur dabei zur Seite und öffnet unseren Blick auf ein buntes Kaleidoskop von Zukunftsentwürfen.

Graphic Novels haben ihre Berechtigung im pädagogischen Bereich vielfach unter Beweis gestellt (vgl. Hochschild), sogar um komplexe ökonomische Zusammenhänge zu erklären (vgl.Alet/Adam). Beim Thema Utopie und SF ist diese vielfältige und für ästhetische Neuerungen offene Kunstform besonders hilfreich. Die Begrenzung der Stories auf nur je sechs Seiten macht leider oft nur Andeutungen möglich, liefert dafür jedoch kompaktes Material für den Schulunterricht. Wo immer Schule sich auch mit der Bewältigung von Zukunftsängsten befasst, also auf persönliche wie globale Krisenbewältigung zielt, könnte dieser Band sinnvoll eingesetzt werden.

Fazit

Der farbenfrohe Bildband entfaltet ein Panorama von Utopien und Dystopien in erfrischend vielfältigen Stilen und Themen. Er illustriert politische, kulturelle und soziale Aspekt des beliebten SF-Comic-Genres und regt die Vermittlung von Werten zu aktuellen Themen wie KI, Klimakrise, Kolonialismus an. Er richtet sich an Menschen, die sich Gedanken über die Zukunft machen, und an Pädagogen, die Science-Fiction zu Bildungszwecken auch in Form von Graphic Novels (hier eher kompakten Kurzgeschichten) verwenden wollen.

Hintergrund: Die Herausgeberin Lilian Pithan studierte Komparatistik, Romanistik und Anglistik, arbeitete als Übersetzerin mit Schwerpunkt grafische Literatur und kuratierte Ausstellungen für den Internationalen Comic-Salon Erlangen zu Comicjournalismus und Feminismus in Comic und Illustration. Der im Comic-Bereich tätige Carlsen-Verlag trat an sie heran, um 14 weibliche Autor*innen für utopische Comic-Kurzgeschichten auszuwählen, die erzählen und zeichnen sollten, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen können. Das Thema lautet, so Pithan, dezidiert „Zukunftsvisionen“ und nicht Feminismus, denn sie hörte immer wieder von Zeichnerinnen, dass der Fokus auf das Thema Feminismus ermüdend sei und sie einfach als Künstlerinnen wahrgenommen werden wollen – so wie die Männer ja auch. Mit Beiträgen von Maren Amini, Whitney Bursch, Bea Davies, Sheree Domingo, Katia Fouquet, Aisha Franz, Melanie Garanin, Peer Jongeling, Kathrin Klingner, Mia Oberländer, Elizabeth „Fungirl“ Pich, Marijpol, Maki Shimizu  und Malwine Stauss, die fast durchgehend farbig in sehr unterschiedlichen Zeichenstilen ihre utopischen Stories vorlegen.

Literatur

Alet, Claire u. Benjamin Adam: Kapital und Ideologie. Die Graphic Novel nach dem Buch von Thomas Piketty. Berlin 2023, Verlagshaus Jacoby & Stuart.

Hermann, Isabella: Science-Fiction zur Einführung, Hamburg 2023, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/33062.php

Hochschild, Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walter de Gruyter. https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

Hoppe, Katharina: Donna Haraway zur Einführung. Hamburg 2022, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/31731.php

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg 2018, Junius Verlag.