03/7/24

Digitale Mündigkeit

Leena Simon

Computer sind komplex. Sie bis ins letzte Detail zu verstehen, grenzt an Unmöglichkeit. Doch wer Wert auf ein freies und selbstbestimmtes Leben legt, kommt um ein Mindestmaß an Computerverständnis nicht umhin. Denn die Digitalisierung würfelt unsere Gesellschaft ganz schön durcheinander. Damit wir für die technischen Entwicklungen als Gesellschaft Verantwortung übernehmen können, sollten wir unabhängig davon entscheidungsfähig sein. Um mündig zu sein ist es nicht nötig, alles immer und in jedem Augenblick perfekt zu machen. Digitale Mündigkeit bedeutet Verantwortung für das eigene Handeln im digitalen Raum selbst zu tragen.

Was ist digitale Mündigkeit?

„Mündigkeit“ ist zunächst ein Rechtsbegriff. Er bedeutet, dass ein Mensch verantwortlich für sein Leben ist. Historisch leitet er sich ab von altdeutsch Munt, der Bezeichnung für die Verantwortung des früheren Hausherren über seine Frau, Kinder und Gesinde. Mündig konnten damals nur Männer werden, nämlich dann, wenn sie aus der Munt des Vaters heraustraten und für ihr eigenes Leben Verantwortung übernahmen. Frauen gingen über von der Munt des Vaters in die Munt des Ehemannes. Heute ist Mündigkeit vor allem ein rechtlicher Status, der einem Menschen z.B. das Wahlrecht oder das Recht, die Ehe einzugehen, zuspricht. Mündig sein bedeutet Verantwortung für das eigene Leben zu tragen. Neben der rechtlichen Bedeutung gibt es auch eine philosophische Definition von Mündigkeit. Immanuel Kant griff den rechtlichen Begriff auf und wendete ihn auf eine ganze Gesellschaft an. Er vergleicht die Geschichte der Menschheit mit dem Heranreifen eines Kindes. Damit legte die Aufklärung die Grundlagen der modernen Demokratie. Wir tragen also doppelte Verantwortung: Für unser eigenes Leben und für den Fortbestand unserer Gemeinschaft. Dieser Verantwortung müssen wir uns bewusst sein, vor allem dann, wenn wir uns im Internet bewegen. Denn wir tragen ebenfalls Verantwortung für den Fortbestand unserer Kommunikationsgemeinschaft… Doch Kant warnte damals schon, dass es nicht möglich sei, ad hoc mündig zu werden, wenn man zuvor noch gar nicht frei war. Mündigkeit ist Übungssache. Auch in der digitalen Welt: Menschen werden mit unfreier und komplizierter Software konfrontiert, die ihnen gar nicht die Möglichkeit bietet, deren Funktionsweise zu studieren. Der Umgang mit dem Computer wird oft nur minimal und oberflächlich antrainiert und später nicht mehr hinterfragt.

Heimliche Entmündigung: Meist nehmen wir gar nicht mehr so deutlich wahr, wo und wie wir überall entmündigt werden. Wenn wir einen Kredit nicht erhalten, weil uns eine Datenbank (anhand der statistischen Eigenschaften unserer Nachbarn) als nicht zuverlässig eingestuft hat, oder einen Job nicht antreten dürfen, weil wir vermeintlich Asthmatiker sind (dabei hatten wir nur für den Vater die Medikamente gekauft): Wir kennen diese Gründe nicht und können daher nicht beurteilen, wie sehr die weltweite Datensammlung schon unseren Alltag beeinflusst. Wie soll man da noch Verantwortung für das eigene Leben übernehmen?

Die Filterblase: Um im großen Datendickicht den Überblick zu wahren, wird im Internet – auch zu unserem Nutzen – vieles für uns personalisiert. Beispielsweise die Suchergebnisse, werden von der Suchmaschine auf uns optimiert. Das ist praktisch, denn so findet man viel schneller das, was man wirklich sucht. Doch es ist auch problematisch, da wir meist nur stets das angezeigt bekommen, was wir schon kennen. Eli Pariser nennt das die „Filterblase“. Treffer, die unsere Gewohnheiten angreifen, oder eine Gegenposition zu unserer Meinung darstellen, sehen wir immer seltener. Und so bewegen wir uns mehr und mehr in einer Umgebung, die nur scheinbar neutral die Realität darstellt: In Wirklichkeit befinden wir uns in einer Blase, die uns die eigene Weltvorstellung als allgemeingültig vorspielt. Und das ist Gift für einen freien Geist, der sich ständig hinterfragen und neu ausrichten können möchte. In Konflikten liegt großes Wachstumspotential, um das wir uns berauben, wenn wir vor lauter Bequemlichkeit andere Meinungen einfach ausblenden.

Verantwortungsbewusstsein: Gegen Personalisierung und heimliche Entmündigung können wir uns zunächst nicht wehren. Daher ist es besonders wichtig, sich diese Phänomene stets ins Bewusstsein zu rufen. Wer sich dabei erwischt, ein Google-Ergebnis unterbewusst als „neutrale Suche“ verbucht zu haben, ist schon einen Schritt weiter, als wer noch immer glaubt, sie sei tatsächlich neutral. Der erste und wichtigste Schritt in die digitale Mündigkeit ist Verantwortungsbewusstsein. Verantwortung tragen bedeutet nicht, immer alles richtig zu machen, sondern die richtigen Fragen zu stellen und sich mit den Konsequenzen des eigenen Handelns zu konfrontieren. Machen Sie sich stets bewusst, wie viel Ihnen nicht bewusst ist und verhalten Sie sich entsprechend. Unterstützen und schützen Sie Strukturen, die Transparenz und Offenheit ermöglichen, und hinterfragen Sie Strukturen, die Ihnen vorschreiben wollen, was Sie tun oder denken sollen. Üben Sie sich in Eigenwilligkeit, wenn Ihnen Technik Vorschriften machen möchte. Besonders wichtig dabei: Üben Sie, auch Menschen oder Systeme zu hinterfragen, denen Sie vertrauen. Das ist besonders schwer, aber genau hier sind sie besonders leicht hinters Licht zu führen.

Leena Simon: Digitale Mündigkeit. Wie wir mit einer neuen Haltung die Welt retten können, 336 Seiten, Hardcover, 32,00 EUR, ISBN: 978-3-934636-49-1

Dieses Buch weist Wege in die digitale Mündigkeit und liefert das Rüstzeug zum kritischen Denken und Handeln. Denn mit Mut, Entschlossenheit und Übung können wir wieder mündig sein. Dann finden wir auch die Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit. Online bestellen oder mit der ISBN: 978-3-934636-49-1 im Buchhandel bestellen. Buchvorstellung im Blog von Digitalcourage. Dieser Beitrag wurde nach CC by sa 4.0 rebogged von https://muendigkeit.digital/

05/1/26

Björn Hochschild: Figuren, Film & Comics

Rezension von Thomas Barth

Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag.

Wir leben in einer Netz- und Mediengesellschaft, doch die Netze sind nicht nur von Menschen und Software-Agenten bevölkert: Es tummeln sich dort fiktive Figuren diverser literarischer Formen und diese erhalten viel Aufmerksamkeit von uns. Denn die Kommunikation über Netze, Netzmedien und Medien, aber auch der Konsum von Medieninhalten bestimmt zunehmend unser Leben. Björn Hochschilds Studie sieht Film und Comic als wichtigen Teil der (netz-) kulturellen Umwelt und fragt nach psychologischen und sozialen Funktionen der fiktiven Figuren aus diesen Medien. Es geht dabei zentral um die in Bildmedien geübte Wahrnehmung des Anderen und um die Erkenntnis, dass ausgerechnet der Versuch eines Ordnens der Welt zum Ursprung von Konflikten, Gewalt und Missbrauch werden kann. Brisantes dafür angeführtes Beispiel: Die Erfahrung mit einem Vater, der versucht, die Anderen seiner eigenen Weltwahrnehmung unterstellend zu ordnen, auch wenn dies einen Kindesmissbrauch darstellt. An diversen weiteren Medieninhalten werden auch andere soziale Probleme deutlich gemacht, etwa Gewalt auf dem Schulhof und deren mediale Verwertung durch voyeuristisch ihr Handy benutzende Mitschüler. Der Autor entwickelt in seiner Doktorarbeit eine phänomenologische Perspektive sowie eine phänomenologische Methode, die er an zwei Filmen und zwei Comics erprobt, indem er die Begegnung mit ihren Figuren analysiert.

Inhalt

Der im akademischen Stil verfasste Text der Dissertationsschrift gliedert sich in zehn Kapitel, nebst Literaturverzeichnis, Comicverzeichnis, Filmverzeichnis, Abbildungsnachweis sowie ein Personenregister. Er ist bebildert mit zahlreichen farbigen Comic-Panels, die seine Argumentation instruktiv stützen und die Lektüre auflockern.

Kapitel 1 „Film  und Comic-Figuren als phänomenologisches Problem“ wagt den Einstieg mit einer persönlichen Lektüreerfahrung des Autors, die seine Motivation für dieses Thema illustriert. Das Comicbuch „Jordan Wellington Lint“ von Chris Ware beschreibt das Leben der gleichnamigen, eher negativ gezeichneten Figur. Der Protagonist Jordan, dessen Leben Seite für Seite nachgezeichnet wird, ist kein sympathischer Mensch. Er ist voller Ressentiments und Wut, seine homophobe Ängste kulminieren in einem Gewaltausbruch gegen den eigenen Sohn im Kindesalter.

Die Dissertationsschrift beginnt mit den Sätzen: „Das Umblättern einer einzigen Seite verändert mein Bild von Jordan nachhaltig. Das ist noch nicht korrekt: Nicht mein Bild von Jordan verändert sich, sondern meine Beziehung zu dieser Figur und zu dem Comic, in dem sie mir begegnet“ (S. 1). Der Comic erzähle in einem einheitlichen Zeichenstil und regelmäßigen Rhythmus von dessen gesamtem Leben, dabei sei jede Seite einem Lebensjahr gewidmet und Jordan erscheine schon früh als unangenehme Figur. Jordan entwickle sich von einem unerträglichen Teenager zu einem selbstgerechten jungen Mann, triebgesteuert und homophob.

Später in Beziehungen und Ehen wurde Jordan untreu als Vater und Partner toxisch, vernachlässigend oder abwesend. Eine Tat in Jordans Biografie steche besonders hervor: Als Jordans jüngster Sohn Gabriel seinen älteren Bruder beim Toilettengang beobachtet und Jordan dies mitbekommt, interpretiert er die Szene als homoerotisch. Daraufhin packt er Gabriel gewaltsam und bricht ihm das Schlüsselbein. Die Schockwirkung der Szene erklärt Hochschild aus der Ästhetik der Comicdarstellung, denn sie entfaltet sich – anders als alle anderen biographischen Geschichten des Comics – nicht auf einer, sondern ganzen fünf Seiten. Diese zeigen rot gefärbte Anordnungen von Körpern, Räumen und Texten in bislang ungesehenen Zeichenstilen, die sich drastisch vom Stil des restlichen Comics abheben. Dabei muss man, um die Tableaus betrachten zu können, das Comicbuch hier um 90 Grad wenden, und so werde die Szene auch in einer taktilen Ästhetik zu einem „wortwörtlichen Wendepunkt“ (S. 1). Diese und andere Comic-Exegesen sind bebildert und begleiten die Argumentation der Dissertation, die zunächst Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung analysiert, dann das „Gegebensein von Figuren“ hinsichtlich Erzählung und Erzählinstanzen erörtert sowie das „Innen und Außen von Figuren“.

Der Hamburger Germanist und Filmwissenschaftler Jens Eder beschreibe auf der einen Seite Ansätze, „die Figuren als Zeichenkonstellationen, Eigenschaftsbündel oder Textfunktionen verstehen“ und sie damit zu artifiziellen Gegenständen reduzieren. Auf der anderen Seite beschreibe er Ansätze, die Figuren als „mimetische Analoga realer Personen“ und darin als lebendige Wesen denken. Die Filmfigur als artifizieller Gegenstand bestehe aus bewegenden Licht- und Schattenflächen auf einer Leinwand, einzelnen Lichtpunkten auf der Fläche eines Bildschirms oder Schallwellen, die von Lautsprechern ausgehen. Comicfiguren wie Jordan wären mithin nur Punkte, Striche, Flächen, Farben oder Buchstaben auf Papier (oder Bildschirmen). Dennoch erschienen sie „den Zuschauenden und Lesenden auch als lebendig“ (S.4).

Jens Eder unterscheide dabei auf den Film bezogen zwischen einer medialen und einer mentalen Perspektive und definiere die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“ (S.22). Als Wesen erscheine sie lebendig, als fiktives Wesen sei sie in fiktionale Akte eingebunden, und als wiedererkennbares fiktives Wesen bilde sie eine Konstante. Lebendig seien sie, weil Zuschauende ihnen ein Innenleben, eine „Fähigkeit zu mentaler Intentionalität“ zuschreiben. Diese Intentionalität sei beobachtbar in der „Körperlichkeit, Psyche und Sozialität“ der Figuren. Somit, analysiert Hochschild, vertritt Eder die Auffassung, dass wir Figuren ähnlich erleben wie reale Personen.

Eder entwerfe eine bei den Produzierenden beginnende Chronologie: Die Filmidee setze sich zunächst ins filmische Artefakt um, aus dem anschließend Modelle fiktiver Wesen in den Köpfen der Zuschauer entstünden, die sie wiederum als Symbole verstehen und von dort aus als Symptome lesen könnten: Durch diese sogenannte „Uhr der Figur“ sind Filmfiguren bei Eder bestimmt als kommunikative Artefakte, die durch die intersubjektive Konstruktion von Figurenvorstellungen auf der Grundlage fiktionaler Texte entstehen. Diese sehr kognitionsfixierte Deutung in leibnähere Bahnen zu lenken wird ein wichtiger Aspekt der Studie Hochschilds.

In Kapitel 2 „Wahrnehmung, das Andere und (ästhetische) Kulturgegenstände“ wird in Merleau-Pontys Wahrnehmungsphilosophie bzw. Phänomenologie eingeführt: Wie nehmen Menschen andere Menschen wahr? Es geht um Beziehungsgeflecht zwischen Ich, Anderem und Welt. Es geht aber auch um medienspezifische Gegenstände innerhalb dieses Verhältnisses: Um (ästhetische) Kulturgegenstände, an und in denen sich die Beziehung von Ich, Anderem und Welt als Erfahrung einer Wahrnehmung des Anderen entfaltet. Das Andere bei Merleau-Ponty führt demnach von den anderen Menschen zu Kulturgegenständen, wie Comics und Filmen. In ihnen zeichnen sich die Spuren eines anderen Verhaltens ab, womit sie als ‚Zeugen‘ eines anderen Weltbezugs fungieren. Merleau-Pontys Kennzeichnung der Phänomenologie als Zugang zu Bewegung, Manier oder Stil lenkt den Fokus auf das flexible Betrachten von Gegenständen und ihrer Wahrnehmung. Die Frage, wie etwas erscheint oder sich zeigt, würde dadurch zur zentralen Frage der phänomenologischen Ausrichtung. In diesem Sinne bezeichnet Hochschild „das, was hier entwickelt werden soll, als eine phänomenologische Perspektive.“ (S.43) Zugang zum Ästhetischen von Comics und Filmen findet Hochschild dabei mithilfe filmphänomenologischer Begriffe. Mithin geht es, wie man später erfährt, etwa, bezogen auf die vermeintliche Bewegtheit filmischer Bilder (die nur durch das schnelle Präsentieren von statischen Einzelbildern entsteht) zu anderen Medien, insbesondere dem Comic -mit seinen vermeintlich unbewegten Bildern, die aber im Betrachter durchaus den Eindruck von Bewegung auslösen können (S.185). So wird das Zusammendenken der Medien Film und Comic Schritt für Schritt plausibel gemacht.

In Kapitel 3 „Begegnungen mit Filmen“ expliziert Hochschild die zentralen Begriffe Begegnung und Verhalten, beginnend mit Vivian Sobchacks Filmphänomenologie. Das Wahrnehmen des Films lässt diesen demnach selbst zu einem Subjekt werden, das einen Körper besitzt. Film-Sehen denke Sobchack im Sinne Merleau-Pontys nicht als auf den Sehsinn reduziertes Empfangen und kognitives Verarbeiten visueller Daten, sondern als synästhetisches, leibliches Engagement in der Welt. Hochschild strebt an, Subjekte als aus einer permanenten Modulation der Wahrnehmung hergestellt zu denken und somit als dynamische Entitäten, die sich immer in Herstellung befinden. Sein Begriff der Begegnung umschreibt, wie Figuren durch Wahrnehmung entstehen und er weiß ihn an Beispielen plastisch zu machen.

Im Kurz- und Animationsfilm KID CAMERAMEN etwa wären von John Kuramoto animierte Zeichnungen Chris Wares zu sehen (im Mondgesichter-Stil ähnlich wie „Charly Brown“) und die Tonspur bestehe aus einem Ausschnitt der Radiosendung „This American Life“. Hochschild illustriert seine Studie auch hier mit einer Beschreibung, die zugleich brisante Aspekte der aktuellen Gesellschaft wie der Medienwelt darstellt: Den Voyeurismus von mit ihren Handys filmenden Jugendlichen bei Gewalttaten auf dem Schulhof -aber ganz ohne digitale Technik.

„Zwei Schüler basteln eine Filmkamera. Sie schneiden Löcher in eine Pappschachtel und führen das innere Papprohr einer Küchenrolle als Linse und Sucher ein. Sie bemalen die Pappe, befestigen einen Pfeifenreiniger als Antenne und vollenden ihre Apparatur mit einer Halterung. Mit ihrer Pappkamera bewaffnet filmen sich die Jungs zunächst gegenseitig, spielen Nachrichtensprecher und Kameramann. Alsbald werden aus der einen Pappkamera viele, das Film-Spielen zum Trend und der ganze Schulhof füllt sich mit Schüler*innen, die mit Attrappen verschiedenster Medientechnologien ausgerüstet immer aufwendigere Nachrichtenformate und Fernsehshows inszenieren. Die Situation eskaliert, als ein Schüler auf dem Schulhof verprügelt wird und die anderen Kinder – anstatt einzugreifen – eifrig Reportagen mit ihren Pappkameras und Pappmikrofone anfertigen. Die Pappkameras werden daraufhin konfisziert und das gespielte Drehen von Fernsehformaten verboten.“ (S.74)

Die Pappkameras imaginieren dabei, so Hochschild, Filmbilder und dieser Animationsfilm inszeniere seine Körper so wie seine Pappkameras. Die affektive Qualität dieser Körper- und Bildimaginationen werde erst im kontrastreichen Zusammenspiel von Animation und Voiceover greifbar. Die besprochene Szene mache mithin sichtbar, „wie bestimmte Blicke die Körper der Schulkinder mittels starker Abstraktion und Mechanisierung gegen jegliche empathische Affizierung abschirmen, die im Voiceover zum Ausdruck gebracht wird.“ (S.94)

Das Film-Verhalten ereigne sich mithin in den Bewegungen, in denen Film und Zuschauende miteinander verschränkt sind und sich wechselseitig hervorbringen. Die Gesamtheit dieser Bewegungen kennzeichnet Hochschild als Situation der Begegnung mit Filmen. Die Beschreibungen von Film-Verhalten und Analysen von Figurenbegegnungen erweisen sich als eingebettet in die entwickelte phänomenologische Perspektive, aus der heraus die Wahrnehmung des Anderen, Figuren, Filme und später auch Comics betrachtet werden. Deshalb bilden Beschreibung und Analyse – anders als, wie Hochschild betont, bei Merleau-Ponty – im Kontext der vorliegenden Arbeit keine Gegensätze mehr (S.118).

Kapitel 4 „Begegnungen mit Comics“ sucht nach einer Phänomenologie des Comics, die das Comic-Lesen phänomenologisch als Begegnung fasst. Dabei geht es darum, die Comiczeichnung als verkörperte, multisensorische oder synästhetische Erfahrung zu denken. Die zuvor angeführten neophänomenologischen Filmtheorien stellten eine Nähe des filmischen Bewegtbildes zum phänomenologischen Konzept der Wahrnehmung als permanenter Bewegung her. In Frage steht für Hochschild damit, ob und inwiefern ein Film-Verhalten und dessen Beschreibbarkeit abhängig von der Bewegtheit filmischer Bilder ist -oder sich aus phänomenologischer Sicht nicht genauso im Comic nachweisen lässt.

In der umfangreichen Datenbank der „Bonner Online-Bibliographie für Comicforschung“ fand Hochschild „verhältnismäßig wenige Einträge, die Comics und Phänomenologie in Beziehung zueinander setzen. Ein Großteil dieser entpuppen sich als leere Versprechen.“ (S.121) Dies könnte, so mutmaßt er, an der lockeren Verwendung von Begriffen wie „Phänomen“, „phänomenal“ oder „phänomenologisch“ liegen. Doch erfolgversprechende Ansätze finden sich im Ansatz der embodied cognition. Trotz der Kritik an Jens Eders kognitiv ausgerichteter Figurentheorie, die Hochschilds Ausgangspunkt dafür war, sich der Phänomenologie zuzuwenden, kann es kaum verwundern, sich erneut kognitiven Ansätzen zuzuwenden. Denn der Ansatz der embodied cognition weise, so Hochschild, einen entscheidenden Unterschied zu Eders Ansatz auf: Gekennzeichnet durch den Zusatz „embodied“, versuche er Verstehen nicht als (rein kognitive) Informationsverarbeitung zu denken, sondern es (wieder) an einen Körper anzuschließen (S.143).

Comic-Lesen bedeute auch mit Materialitäten in Kontakt zu treten: Etwa ein Heft in den Händen zu halten, es umzublättern, zu wenden, zu biegen oder (in der digitalisierten Welt!) ein Tablet, Smartphone oder Laptop zu bedienen und auf ihren Oberflächen zu navigieren. In diesen Materialitäten präsentierten sich Comics mehr als optisch: Sie wurden haptisch, von ihnen gingen Geräusche oder Gerüche aus, die allesamt zu ihrer Lese-Erfahrung gezählt werden müssten. Diese Multisensorik des Comics weite sich auf die dargestellten Welten aus. Auch sie würden „nicht bloß als optische Welten erfahren, sondern als ebenso akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische.“ (S.151) Die Begegnung mit Figuren gewinnt mithin gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht.

Kapitel 5 „Begegnungen mit Figuren: Comic  und Film-Verhalten“ fragt: Was bewegt sich eigentlich, wenn Filme gesehen und Comics gelesen werden? Film als Bewegtbild besteht hinter der Wahrnehmung aus statischen Einzelbildern  genau wie bei Comics. Die Bewegungen, die Filme und Zuschauende, Comics und Lesende und letztlich auch Figuren hervorbringen, so Hochschild, sollen als Film-Verhalten beziehungsweise Comic-Verhalten beschrieben und analytisch beschreibbar gemacht werden. Ziel sei es, jene Anforderung, die Merleau-Ponty an die phänomenologische Reflexion des Anderen in der Wahrnehmung und der Wahrnehmung des Anderen stellt, an Comics und Filme als ästhetische Kulturgegenstände anzupassen. So sollen die Figuren als Gegenstände unserer Wahrnehmung beschreibbar und damit einer Analyse zugänglich werden. Comics, die sich als Bildgegenstände in der Regel nicht selbst bewegen, sind dabei „in ihren Darstellungen alles andere als unbewegt“ (S.191).

Nach Bergson, Deleuze und Schüwer sei Bewegung „nicht als Folge starrer Zustände, sondern […] als unteilbare Kontinuität“ zu denken“; für Schüwer würde aus dem bildphilosophischen Verweis letztlich die Unterscheidung von Comicbildern in sensomotorische Bilder und Zeitbilder des Comics. Eine Schlussfolgerung, die auf Gilles Deleuzes Ausführungen zum Bewegungs- und Zeit-Bild des Films zurückgeht, wiederum beruhend auf Bergsons Idee der „Welt als Ansammlung von Bildern“ (S.194). Für Bergson bestehe die philosophische Fehlleistung der Bewegungslinie darin, den Weg der Bewegung „mit dem Bewegungsprozess zu verwechseln und damit auch den Prozess für teilbar zu halten“. Bergson sehe hier ein falsches Verständnis von Bewegung, das impliziere, dass Bewegungen erstens immer einen Raum beschreiben und zweitens aus Punkten bestehen, an denen Körper anhalten könnten. Schüwer denke jedoch die Bewegungslinie nicht als Summe von Punkten, sondern selbst als unendlich teilbar, für ihn seien Bewegungslinien im Comic immer eine Interpretation von Bewegung. Mal binden sie sich an bestimmte Teile von Körpern oder Objekten und geben ihnen so „beweglichen Ausdruckscharakter“ (S.197). Die schweren Theoriekaliber dienen dazu zu klären, wie die Bewegungen des Comic-Lesens (im Gegensatz zu denen des Films) und damit Comic-Verhalten beschreibbar sind. Dabei geht es um Fragen wie die Organisation von Blicken auf eine Doppelseite, ob beispielsweise das Fixieren einer bestimmten Stelle der Seite sich als Anhalten, Verweilen, Warten oder Festsitzen qualifiziert.

Mithin werden im Verglich zum Film etwa multilineare und multidirektionale Lesebewegungen zum Problem. „In Abwesenheit eines Timecodes kann die Comicanalyse zwar etwa von Rhythmen der Dauer sprechen. Aber eine solche Dauer beschreibt eine Qualität und keine dem Comic-Lesen inhärente oder festgeschriebene Laufzeit, Richtung oder Geschwindigkeit.“ (S.234) Das raumörtliche System der Rahmungen einer Doppelseite(wie Einzelpanels angeordnet sind) bedingt die Lesebewegungen, die bezeichnen dabei keine „abzuschreitenden Pfade“ (S.248), sondern Kräfteverhältnisse affektiver Dynamiken -in der Anordnung und Gestaltung der Seiten eines Comics (man denkt dabei unwillkürlich an Deleuze und Foucault, die ganz ähnlich auf Geschichte, Gesellschaft und unsere Existenz als Subjekte im Netz der Macht hinwiesen) . Ihren phänomenologischen Anspruch will die so entwickelte Methode letztlich aber in der Wahl ihres Gegenstandes einlösen: Dieser ist „nicht die Comic- oder Filmfigur, die es als Subjekt zu fixieren gilt“ (S.273), sondern die Begegnung eines realen Subjekts mit dieser Figur. In den folgenden vier Fallstudien will Hochschild demnach Begegnungen mit Figuren zum Gegenstand empirischer Film- und Comicanalysen aus einer phänomenologischen Perspektive machen.

Kapitel 6–9 beschreiben mithin auf dieser Grundlage jeweils die Begegnung mit den Figuren Noa, Riad, Harold (die in dieser Rezension aus Platzgründen übergangen werden müssen) und schließlich den zu Beginn der Abhandlung eingeführten Jordan. In Analysen je zweier konkreter Filme und Comics zeigt Hochschild, wie sich Begegnungen mit ihren Figuren analysieren lassen. Mit der Figur Jordan schließt sich der Kreis der persönliche Erfahrungen einbringenden Darlegung Hochschilds: Lint erzähle auf bemerkenswerte Weise das gesamte Leben seines gleichnamigen Protagonisten. Über weite Strecken erzähle je eine Seite des Comics von einem Lebensjahr -bis zu jenem dramatischen Wendepunkt, „an dem fünf auffällig anders gestaltete, hochkantige Seiten den gewohnten Stil und Rhythmus des Comics zersprengen.“ (S.395) Die somit beinahe taktil hervorgehobene Szene zeigt den Missbrauch an Jordans Sohn Gabriel, wobei Jordan das Kind so gewaltsam schüttelte, dass sein Schlüsselbein brach. Hochschild wird noch persönlicher: „Nicht nur Jordan wird von der Erinnerung an diese verdrängte Gewalttat überwältigt – auch ich erlebte diese Szene als visuellen und haptischen Schock, der meine Perspektive auf Jordan und mich als Leser seiner Lebensgeschichte nachhaltig veränderte.“

Er bedankt sich bei den Teilnehmer*innen des in Kapitel 1 erwähnten Workshops, sowie jenen des Kurses „Comics durch Comics denken –Einführung in Comicforschung am Beispiel von Chris Ware“, den er im Sommersemester 2019 an der Universität Wien geleitet habe. Inspirationen zu seiner Analyse würden aus den Diskussionen beider Veranstaltungen stammen. Wir stellen uns bei der Lektüre der Dissertationsschrift das angeführte Comic-Analyse-Seminar fast wie eine psychologische Therapiegruppe vor.

Bei der Analyse des Comics, dessen präsentierte Bilder teils an abstrakt gehaltene bunte Piktogramme von Ratgebern oder Hinweisschilder erinnern -im auffälligen Kontrast zu den dargestellte hochemotionalen Inhalten, konzentriert sich Hochschild zunächst auf literarisch-künstlerische Gestaltungsmerkmale: Farben, Formen und Körper, Schrift-Bild-Beziehungen, Perspektive und Seiten-Layout. Die ersten vier Gestaltungsmerkmale beschreiben Kräfteverhältnisse mikroperspektivischer Bewegungen einer Seite, das Merkmal Seiten-Layout zielt auf die makroperspektivische Analyse der Seiten als raumörtliche Systeme (S.399). 30 Seiten später werden diese Merkmale tabellarisch auf den Lebenslauf der Figur projiziert und die Poetik des Comics damit weiter entschlüsselt (S.429). Die Mondgesichter des Comics, seine Panels, die Tableaus von Doppelseiten werden zunächst akribisch untersucht. Die ‚Ich‘ und ‚Du‘-Beziehungen, die Identifikation eines Selbst und eines Anderen, werden in der Schrift-Bild-Beziehung lokalisiert:

„Mutter und Sohn gehen mittels einer auf die Mutter verweisende Sprechblase ineinander über. Sie deutet mit „jRdN“ erstmals seinen Namen an, der hier seinen Kopf ersetzt. Jordan bleibt sowohl mit dem Körper der Mutter verschränkt als auch gleichsam von ihr durch die Namensandeutung zu eben jener Identität abstrahiert. In diesem Sinne entsteht die Schrift-Bild-Beziehung abstrahierend.“ (S.406).

Der Gewaltakt bzw. das erinnern des Missbrauchs als Wendepunkt von Jordans Lebensgeschichte entfalte sich, so Hochschild, in einer eigenen Szene. Sie verändere die gewohnte Chronologie des Comics: Wo sonst eine Seite ein Jahr aus Jordans Leben erzählt, entfalte sich hier ein verdrängtes Erinnern binnen eines kurzen Momentes auf insgesamt sieben Seiten (S.431). Jordan googelt den Namen seines Sohnes Gabriel und stößt auf ein Interview, in dem der mittlerweile erfolgreiche und als homosexuell geoutete Autor von seinem neuesten, autobiografischen Werk erzählt; insbesondere von dem Missbrauch durch seinen Vater Jordan, den er darin verarbeitet. Obwohl Jordan im Verlauf des Comics längst als oberflächlich, zornig, naiv, sexistisch, misogyn oder rassistisch auftrat, so Hochschild, wurde dieser konkrete Missbrauch an seinen Kindern bis dahin nicht gezeigt. Es scheine also, „als habe der Comic diese Erinnerungen gemeinsam mit seiner Hauptfigur verdrängt und würde nun seine Figur mitsamt seinen Lesenden damit überwältigen.“ (S.432) Das Gefährliche an der Begegnung mit Jordan bestehe nicht nur darin, einem Monster gegenüberzustehen, sondern dabei sein eigenes monströses Wahrnehmen zu erfahren. Die Erfahrung des ästhetischen Kulturgegenstands Comic (Beschrieben wird auch die haptische Qualität des aufwednigen, mit Textilien gestalteten Covers), insbesondere in der unangenehmen Qualität, sei Teil einer ästhetischen und sogar genussvollen Erfahrung. „An ihr können die Lesenden im geschützten Rahmen der Begegnung mit einem Comic das Gewaltsame der eigenen Wahrnehmung erleben und erfahren, ohne tatsächlich destruktiv sein zu müssen“ (S.441, vgl. ebd. Fn.49).

Kapitel 10 „Andere Figuren, andere Begegnungen: Ein Ausblick“ rekapituliert die Analysen, etwa der Wendepunkt-Szene bei der Figur des Antihelden Jordan, die den homophoben Gewaltakt taktil plastisch machte. Der Comic bringe hier den jeder Wahrnehmung inhärenten Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche – als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung. Statt Subjekte im medialen Gewand des Films oder Comics zu sein, resümiert Hochschild, seien Film- und Comicfiguren Gegenstände der spezifischen Wahrnehmungssituationen des Film-Sehens und Comic-Lesens. Als Anderes der Wahrnehmung seien sie Gegenstände eines Feldes, das sich selbst als Anderes der Wahrnehmung und als anderes Wahrnehmen offenbart. Analysierbar würden die Begegnungen mit Figuren mithin nur aus einer Perspektive, die es vermag, dieses Feld des Film-Sehens und Comic-Lesens zu beschreiben. Sie gingen als Wahrnehmungsgegenstände hervor aus den

Situationen der Begegnungen mit Filmen oder Comics, die über die Bewegungen eines Film- oder Comic-Verhaltens adressierbar werden. (S.442) Als Teil einer phänomenologischen Methode ließen sich die Verhalten immer nur an konkreten Gegenständen beschreiben (S.444). Hochschild kommt auf die Spur eines blinden Flecks in seiner hier entwickelten Perspektive: Die offene Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien (etwa Romanen, Theateraufführungen, Videospielen), nach Figuren, die explizit keine Wahrnehmungsgegenstände eines Feldes ästhetischer Erfahrungen sind und nach der Figur als einem Phänomen, das weit über die Erfahrung des Film-Sehens und Comic-Lesens hinausgehen könne. „Eine Antwort auf die Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien lässt sich zumindest implizit herleiten: Sie wäre zu finden im Verhalten des jeweiligen Mediums.“ (S.445)

Mithin bringe die phänomenologische Perspektive in ihrem Fokus auf eine permanente Modulation der Wahrnehmung die Annahme mit, dass weder Feld noch Gegenstand je abgeschlossen und fixiert wären. Einzubeziehen wären unter anderem „Gespräche über Figuren beim Verlassen des Kinosaals, Diskussionen über Figuren in Internetforen, Wiederbegegnungen mit Figuren im Seriellen, in Verfilmungen, Fortsetzungen, Reboots, narrativen Universen oder anderen trans- und intermedialen Zusammenhängen bis hin zu Aneignungen und Performances von Figuren in Fan Fictions oder Cosplays.“ (ebd.f.)

Man müsse sich als bei der Werkauswahl beschränken und auf relevante Aspekte bedenken. Die Story von Lint entfalte etwa „im Verhalten seines ordnenden Spiels eine unangenehme Erfahrung.“ (S.448) Der Comic bringe damit den jeder Wahrnehmung inhärenten und hier zerstörerischen Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche. In der Wendepunkt-Szene stelle sich sein ordnendes Spiel als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung heraus und mache das Streben nach ihr zum Ursprung einer missbräuchlichen Verhaltensweise (ebd.). Lint stelle dabei „eine Analogie zwischen Jordans Weltwahrnehmung und der Wahrnehmung der Lesenden her, die in jedem Versuch, Jordan und seine Taten zu verstehen, ihn in seinem ordnenden Spiel nachzueifern und so (im geschützten Rahmen dieser ästhetischen Erfahrung) den destruktiven Anteil ihrer eigenen Wahrnehmung zu erfahren.“ (S.448) Weitere Analysen und Vergleiche verschiedener Werke und von ihnen bereitgestellte Begegnungen mit Figuren werden präsentiert, bis Hochschild zur abschließenden Bemerkung kommt: Die Perspektive dieser Arbeit müsse, um ihrem phänomenologischen Anspruch gerecht zu werden, nicht nur flexibel, sondern auch unabgeschlossen bleiben.

Diskussion

Werfen wir mit dieser Dissertationsschrift einen Blick in die Erfahrungswelt der „Millenials“? Also der Kinder der zunehmend digitalen Mediengesellschaften? Es ist ein deskriptiver Blick, der uns die Dynamik heutiger Erlebniswelten vorsichtig nahebringt. Wichtig ist die Klärung des Status „fiktiver Wesen“. Der Filmtheoretiker Jens Eder definierte die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“, mit einem durch Zuschreibung seitens der Betrachter entstehenden lebendigen Innenleben, die uns daher ähnlich wie lebende Menschen begegne. Die Figur ist somit Artefakt (Teil eines medialen Gegenstands), als fiktives Wesen ein Modell, lebendig geworden durch kognitive Leistungen der Zuschauenden, auch Symbol und damit Vermittler von Bedeutungen und zuletzt Symptom für ein mediales Dispositiv, das über das konkrete Artefakt hinausgeht (S. 22 f.). Diese differenzierenden Vorarbeiten, die auch Eders Figur-Natur-Dualismus kritisch reflektieren, führen zum zentralen Thema der Abhandlung, der Begegnungen mit Figuren. Sie ermöglichen Hochschild im Weiteren seine phänomenologische Perspektive unter Berufung auf Husserls und Merleau-Ponty zu entwickeln. Das hohe theoretische Niveau steht nur scheinbar im Widerspruch zum Gegenstand der besonders hierzulande eher unterschätzten Comic-Literatur.

Comics führten in der kulturbürgerlichen „Hochkultur“ und in der an diese angepassten akademischen Welt lange ein Nischendasein. Ihnen eine eigene Ästhetik abzusprechen wird jedoch nach dieser Studie schwieriger. Die (nicht nur im Feuilleton als deutlich despektierliches Pejorativ benutzte) Sprechblase etwa, so Hochschild, wird vom Comictheoretiker Lambert Wiesing als eine eigene Bildform besprochen: Sie sei das genuin comictypische Bildelement, geboren „aus dem Geist der Phänomenologie“. Denn sie bringe etwas zum Ausdruck, das jenseits vom Comic nicht existiert oder existieren kann, sie stelle eine neue Sichtbarkeit dar und nicht bloß eine Interpretation der Welt. Die Sprechblase steht damit auf einer Stufe mit so wichtigen Bilderfindungen wie der Zentralperspektive, dem Abstrakten Bild und der Collage (S. 167 f.).

Eine Sprechblase zu sehen und zu lesen, heiße weder bloß einen Reiz der Augen als narrative Information zu verarbeiten, noch ein tatsächliches klangliches Erlebnis über die Ohren zu verarbeiten. Nach Wiesing ähnele der Bezug einer Sprechblase auf eine Figur innerhalb eines Panels dem Bezug von Bildern auf die Welt, wie die phänomenologische Bildtheorie ihn denkt, was Hochschild zwar sympathisch, aber in der theoretischen Verallgemeinerung übertrieben erscheint (S. 171). Festhalten kann man hier wohl die medial-psychologische Wirkung des Bildmediums, die auf einer neuen Wahrnehmungsebene neue Erfahrungsräume öffnet.

Für Hochschild bedingt die Bewegtheit der Bildgegenstände die Wahrnehmung von Bewegung sowie die Bewegtheit der Wahrnehmung selbst: Comics werden für Lesende zur Bewegungserfahrung, denn die Bilder des Comics bleiben beim Lesen nicht starr. Sie erzeugen die Erfahrung einer Bewegung, die sich allein in den Begegnungen mit diesem Comic herstellt. Aus Hochschilds phänomenologischer Perspektive sind Figuren nicht einfach ‚da‘, sie gehen erst aus der Erfahrung einer Begegnung mit Filmen und Comics hervor. Dies betont die aktive Rolle der Mediennutzer, deutet aber auch ihre Verletzlichkeit durch medialen Konsum an. So ergibt sich wie die Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung wirken und was die Begegnung mit ihnen ausmacht (S. 272).

Ein wichtiges Ergebnis aus diesem phänomenologischen Ausflug in die Film  und Comicwelt (der dringend um weitere digitale Bilderwelten zu ergänzen wäre): In der uns umgebenden Netz- und Mediengesellschaft dringen Figuren aus visuellen Bildwelten in unsere soziale und psychische Welt vor, nehmen Rollen ein, vermitteln Werte. Dies ist keine neue Erkenntnis, hier wird sie jedoch in besonderer theoretischer Tiefe fundiert und in akribischer analytischer Praxis vertieft.

Fazit

Björn Hochschild legte hier eine differenzierte Studie vor, die fragt wie Figuren in den Bildmedien Film und Comic wahrgenommen werden, wie sie dabei durch Lektüreerfahrung und emotionale Einbindung wirken können. Zugleich lässt sie sich als Einblick die die Lebenswelt heutiger Kinder der Mediengesellschaft lesen, die auch in Jugend und Erwachsenenalter fortwirkt. Empfehlenswert ist sie auch als Hintergrundwissen für soziale, pädagogische und kulturelle Arbeit, wobei jedoch ein hoher theoretischer Anspruch bewältigt werden muss. Überzeugend belegt werden tiefgreifende Rezeptionserfahrungen des Mediums Comic, wie man sie bislang nur fübezogen auf vergleichsweise bombastische Medien wie die Oper oder den Kinofilm kannte.

Die von Hochschild hervorgehobene „Multisensorik des Comics“, die sich auf die dargestellten Welten ausweite, öffnet der Analyse auch akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische Sinneseindrücke am Papiermedium. Die Begegnung mit Figuren gewinnt gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht. Eine Erkenntnis, die das einst verfemte Genre mehr als nur rehabilitiert und die Comic-Autor*innen wie -Verlage vermutlich gerne hören werden.

Hintergrund

Dr. Björn Hochschild promovierte mit dieser Studie, der 2021 zugelassenen Dissertation an der Freien Universität Berlin; entstanden ist sie im Rahmen des Doktorand*innen-Kolloquiums der Kolleg-Forschungsgruppe Cinepoetics und des Berliner Comic Kolloquiums; erschienen als Band 12 der Reihe „Cinepoetics: Poetologien audiovisueller Bilder“, herausgegeben von Hermann Kappelhoff und Michael Wedel.

Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag. Reihe: Cinepoetics – Band 12. 471 Seiten. ISBN 978-3-11-108695-8. D: 79,95 EUR, A: 79,95 EUR. Verfügbar als Open Access, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 Internationale Lizenz. https://doi.org/10.1515/9783111198019-002
(Eine gekürzte Version dieser Rezension erschien auch bei Socialnet: https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

04/27/26

Luisa: Integratives Krimidrama

Filmkritik: Luisa

Thomas Barth

Zwischen Krimi und Drama packt “ LUISA ” gleich zwei heiße Eisen an: Sexuellen Missbrauch und die (mangelhafte) Integration von Behinderten.

Die 22jährige Luisa (Celina Scharff ) ist vor kurzem von zu Hause in die kleine Wohngruppe einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung gezogen. Sie hat einen älteren Freund namens Anton (Dennis Seidel), der ebenfalls geistig behindert ist und auch dort wohnt. Beide arbeiten tagsüber als Hilfskräfte und schlafen nachts zusammen in einem Bett. Man sieht die Bewohner lachen und weinen, Party machen und ihren Alltag im Gemeinschaftsraum, wo sie eine ZDF-Show gucken (LUISA ist eine ZDF-Produktion). Während Krankenhäuser und Altenheime inzwischen häufiger als Drehorte in TV-Produktionen eingebaut werden, wird das Leben behinderter Menschen medial immer noch weitgehend ausgeblendet.

Als Luisa schwanger wird, ist für alle klar, dass Verdacht auf sexuellen Missbrauch besteht. Denn gleich zu Anfang erfährt man, dass Luisas Freund Anton zeugungsunfähig ist. Ein Busfahrer, mit dem Luisa flirtet und der sich -offenbar mit ihrem Einverständnis- einmal an der schönen jungen Frau selbst befriedigt, ist Hauptverdächtiger. Doch alle männlichen Angestellten der Einrichtung kommen in Betracht –und eigentlich auch weitere Bewohner, die dem Zuschauer andeutungsweise beim gelegentlichen Sex untereinander präsentiert werden. Doch LUISA thematisiert dies nicht –eine “positive Diskriminierung”? Es steigert jedenfalls die Dramatik: Bei Betreuern würde unbestreitbar der Tatbestand des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen vorliegen (Paragraph 174 StGB).

Es liegt ein großer Skandal in der Luft, der Heimleiter ist besorgt, dass die Heimaufsicht seine Einrichtung schließen wird, wenn die Öffentlichkeit von der Schwangerschaft erfährt. Luisa, die dazu fast bis zuletzt schweigt, wird, besonders von ihren empörten Eltern, zu einem Abbruch gedrängt.

Eine bald gerufene Kriminalkommissarin befragt Luisa sehr zurückhaltend und es entwickelt sich ein spannender Whodunit-Plot. Doch der Schwerpunkt des Films liegt auf der Situation der Behinderten, über deren Kopf hinweg vieles entschieden wird. Man hört öfter aus Zimmern der Bewohner die Pflegekräfte oder Eltern über sie reden –oder über diesen “Scheißjob”, den sie gerne wechseln würden. Nur einmal schreit Luisa durch ihre Zimmertür “Ich kann euch hören!” als ihre Eltern draußen darüber streiten, wie sie die Tochter am besten zu einer Abtreibung bewegen können.

Das Drehbuch wurde von der Regisseur*in Julia Roesler und Silke Merzhäuser, so die Filmwerbung, nach einer monatelangen Recherche in Wohneinrichtungen für Behinderte verfasst. Neben der bewegenden Geschichte von Luisa sollen Strukturen gezeigt werden, welche die extrem hohen Fallzahlen von Missbrauch an Frauen mit Behinderung ermöglichen. Bei der Drehbuchentwicklung wurde mit dem inklusiven Ensemble MEINE DAMEN UND HERREN aus Hamburg zusammengearbeitet, das auch einige behinderte Schauspieler*innen stellte –entsprechend realistisch sind die Heimbewohner dargestellt.

LUISA ist ein wertvoller Beitrag und kommt nicht zu früh. Das inklusive Krimidrama liefert neue Argumente für aktuelle Debatten um das “Ja heißt Ja” -statt des hierzulande geltenden “Nein heißt Nein” bei der Definition von einvernehmlichem Sex; schon die “Nein heißt Nein”-Regelung konnte erst nach einem medial gehypten “rassistischen Diskurs” um die Kölner Silvester-Übergriffe durchgesetzt werden (Rona Torenz S.8). Auch die Lage behinderter Menschen ist alles andere als rosig, wenn im unsozialen Gruselkabinett der Regierung Merz derzeit die magere Eingliederungshilfe für Behinderte offenbar unter Stichworten wie “Kostendeckelung” und “Mehrkostenvorbehalt” diskutiert wird (Uhlmann). Dabei stieg der deutsche Rüstungsetat 2025 um gigantische 25 Prozent, medial flankiert von absurd ausufernder, aber selten hinterfragter Kriegspropaganda. Der globale Finanzgigant Blackrock verdient bombig an der Militarisierung des drittreichsten Landes der Welt und Ex-Blackrock-Manager Merz könnte den Rotstift bei vielen benachteiligten Gruppen ansetzen. Erst 2023 hatte die UNO Deutschland für eine mangelhafte Inklusionspolitik gerügt und einen Abbau von diskriminierenden Sonderschulen und “Werkstätten für Behinderte” gefordert (Stettin) –wovon die Öffentlichkeit aber wenig oder nichts erfuhr. Vielleicht kann LUISA die Aufmerksamkeit für einen wichtigen, aber oft tabuisierten Bereich des Sozialstaats wecken.

Quellen

Stettin, Isabel: Abgemacht? In der UN-Behindertenrechtskonvention…, in Fluter –Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, Nr.1/2024, Themenheft “Barrieren”, S.15-17.

Uhlmann, Niki: Merz’ exklusiver Zirkel: Arbeitsgruppe des Kanzleramts untergräbt mit Kürzungsvorschlägen UN-Behindertenkonvention, Junge Welt 25./26.April2026, S.5.

Torenz, Lona: Ja heißt Ja? Feministische Debatten um einvernehmlichen Sex, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2019.

23.4.2026 kinostart, läuft in 23 kinos

04/26/26

Digitalcourage: Stopp Digitalzwang!

Mehr als 58.000 Menschen haben unsere Digitalcourage Petition gegen Digitalzwang bereits unterschrieben. Vielen Dank für die Unterstützung! Das ist ein starkes Signal dafür, dass immer mehr Menschen nicht hinnehmen wollen, dass Teilhabe nur noch mit Smartphone, Account und Datenabgabe funktioniert.

Aber wir sind noch nicht am Ziel. Anlässlich des 23. Mai 2026, dem Tag des Grundgesetzes, übergeben wir die Petition im Rahmen einer Aktion an Mitglieder des Bundestages. Bis dahin wollen wir die 75.000 Unterschriften knacken – und dafür brauchen wir Sie.

Wir sprechen zwar kontinuierlich mit Politikerinnen, Politikern und Medien über das Thema Digitalzwang. Unsere Erfahrung zeigt aber: Am meisten bewegt sich, wenn betroffene Menschen selbst ihre Erfahrungen schildern. Ein konkretes Beispiel, ein persönliches Gespräch, die eigene Geschichte – das bleibt hängen und hat oft mehr Wirkung als jede Pressemitteilung oder jedes Hintergrundgespräch.

Deshalb unsere Bitte an Sie:

Sprechen Sie mit Ihrer Bundestagsabgeordneten vor Ort über Digitalzwang.

Digitalzwang ansprechen
Immer mehr Alltagsangebote funktionieren nur noch digital. Digitalzwang ist längst
kein Randphänomen mehr. Er wird zur Normalität gemacht. Wenn Sie das problematisch finden, können Sie das im Gespräch mit Ihrer oder Ihrem Bundestagsabgeordneten ansprechen. Mit dieser kurzen Hilfestellung möchten wir Sie dabei unterstützen.
Sie müssen kein.e Expert.in sein. Es genügt, wenn Sie schildern, was Sie selbst erleben oder beobachten.
Der Einstieg ins Gespräch könnte z.B. so ablaufen:
„Ich habe die Petition gegen Digitalzwang unterschrieben und möchte Ihnen kurz sagen, warum mir das wichtig ist.“
„Mir fällt auf, dass immer mehr Dinge nur noch per App funktionieren. Das bereitet mir Sorge.“
„Ich möchte, dass Menschen auch ohne Smartphone am Alltag teilnehmen können.“


Konkrete Situationen wirken stärker als allgemeine Kritik

Betonen Sie, weshalb Sie die Petition von Digitalcourage gegen Digitalzwang unterschrieben haben. Erzählen Sie die Beispiele aus Ihrer direkten Umgebung:
• Probleme beim Kauf von Fahrkarten oder Tickets für Veranstaltungen bei Ihnen vor Ort.
• Schwierigkeiten bei Terminvergaben per App/Internet (z.B. Behörde oder Ärzte).
• Menschen im Umfeld, die kein Smartphone nutzen können oder wollen und zunehmend von der Grundversorgung abgeschnitten werden.

Das können Sie sagen, falls Ihre Abgeordnete oder Ihr Abgeordneter behauptet, dass Digitalisierung alternativlos ist:
• Digitale Angebote sind sinnvoll, aber es braucht Wahlfreiheit.
• Digitalisierung muss fair gestaltet sein und darf keine Ausschlüsse produzieren.
• Ja, es stimmt: Eine gut funktionierende Digitalisierung stärkt das Vertrauen in die demokratischen Institutionen. „Digital Only“ aber reißt das Vertrauen aber wieder ein.
Digitalcourage ist nicht gegen Digitalisierung. Im Gegenteil: Die Organisation ist seit Ende der 80er Jahre Vorreiter in Sachen Vernetzung und setzt sich seit vielen Jahren für eine gute digitale Entwicklung ein.


Das können Sie konkret fordern:
„Ich wünsche mir, dass es für wichtige Dienstleistungen immer auch eine Nutzung ohne App oder Onlinekonto gibt – ohne Extrakosten oder Erschwernisse.“
„Mit der Petition fordert Digitalcourage, dass niemand benachteiligt wird, weil er oder sie digitale Zugangswege nicht nutzen möchte oder kann. Sie sollten das Anliegen politisch im Bundestag unterstützen. Eine Ergänzung des Grundgesetzes würde Menschen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht zurückgelassen werden.“
Bleiben Sie respektvoll, freundlich und sachlich. Hören Sie zu und lassen Sie Ihr Gegenüber ausreden. So erzielen Sie die größte Wirkung.
Gut zu wissen:
• Sie können Ihr Anliegen per E-Mail oder in einer Bürgersprechstunde vorbringen.
• Gespräche sind oft kurz. Das ist völlig in Ordnung. Versuchen Sie deshalb Prioritäten zu setzen und sagen Sie die Dinge, die Ihnen am wichtigsten sind, zuerst.
• Persönliche und individuelle Gespräche wirken am stärksten.
Schon ein kurzes Gespräch kann etwas bewegen.
Vielen Dank für Ihr Engagement!

Petition

Wir fordern den deutschen Bundestag auf, das Recht auf ein Leben ohne Digitalzwang ins Grundgesetz aufzunehmen und damit gesetzlich zu verankern.

Die Wahrnehmung der Grundrechte und der Daseinsvorsorge, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und die Nutzung der öffentlichen Infrastruktur (z.B. Post, Bahn, medizinische Versorgung) darf nicht davon abhängig gemacht werden, dass Menschen das Internet, ein Smartphone oder bestimmte Software benutzen.

Wir fordern …

Teilhabe: Digitalzwang schließt viele Menschen aus: alte oder kranke Menschen, Menschen mit Behinderung und Menschen mit geringem Einkommen. 

Nicht noch mehr Überwachung: Der Zwang, für bisher allgemein verfügbare Dienste nun ein Smartphone oder bestimmte Apps zu nutzen, führt zu immer neuen detaillierten Datensammlungen, die eine umfassende (kommerzielle) Überwachung aller Lebensbereiche ermöglichen.

Wahlfreiheit: Wir wollen frei entscheiden, wann wir mit einem Smartphone unterwegs sein wollen – und ob wir überhaupt eines besitzen. Wir wollen auch frei entscheiden können, welche Software und welches Betriebssystem wir auf unseren Geräten installieren.

Resilienz: Gesellschaftliche Abhängigkeit von digitalen Lösungen ist ein Risiko. Gut, wenn immer noch ein nicht-digitaler Weg zur Verfügung steht.

Wir sehen dringenden Handlungsbedarf, denn gerade werden mit hohem Tempo bestehende Dienste abgebaut und durch Smartphone-gebundende Leistungen ersetzt.

Mehr zu unserer Forderung nach einem Recht auf Leben ohne Digitalzwang ins Grundgesetz: 
https://digitalcourage.de/digitalzwang/petition-fuer-recht-auf-leben-ohne-digitalzwang-argumente

Zur Weitergabe/Ausdrucken:

https://digitalcourage.de/sites/default/files/2026-04/hilfestellung-digitalzwang.pdf
Digitalcourage e. V. | Marktstr. 18 | 33602 Bielefeld

digitalcourage.de | mail@digitalcourage.de | 0521 16391639

12/31/25

39c3 Power Cycles – Jahresrückblick 2025

Das war nicht das Jahr 2025, das wir bestellt hatten.

2025 war ein gutes Jahr für Exploits, kein gutes Jahr für die Freiheit und ein herausragendes für schlechte Ideen. Regierungen kämpften weiter für Massenüberwachung, natürlich mit KI-Unterstützung™. Kriege wurden weiter „digitalisiert“, Chatkontrolle als Kinderschutz verkauft, Waffensysteme haben inzwischen mehr Autonomie als die meisten Bürger*innen und künstliche Intelligenz löst endlich alle Probleme – vor allem die, die bisher niemand hatte. MP3

Licensed to the public under http://creativecommons.org/licenses/by/4.0

12/30/25

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert, Neu-Isenburg 2024, Westend-Verlag, 214 Seiten, 22,00 €, AU 23,50 €, ISBN 9783864894435

Rezension von Thomas Barth

Thema

Droht uns eine Wiederkehr des Faschismus –auch und gerade in den “liberalen Demokratien” des Westens? Lassen sich heutige konservativ-reaktionäre “ultranationalistische” Politiker wie Trump, Orban, Giorgia Meloni oder Marine Le Pen mit Hitler, Goebbels und Mussolini vergleichen? Der Yale-Philosoph Jason Stanley arbeitet angesichts des Machtgewinns von “Ultranationalisten” in Parlamenten und Regierungen der USA, EU-Europas und anderer Ländern weltweit (Russland, Indien, Myanmar) Muster, Mythen und politische Taktiken eines Faschismus heraus, der sich heute immer besser zu tarnen versteht. Dies gelingt dank ausgefeilter Propaganda in Medien und digitalen Räumen, deren Kern jedoch, ganz traditionell, ein nationalistisches Aufhetzen gegen “die Anderen” bleibt, ein “wir gegen die”, die Minderheiten, die Migranten, das Ausland.

Auch in der aktuellen deutschen Faschismus-Debatte heißt es, heute beziehe die Neue Rechte ihre Taktiken aus Blaupausen des NS-Faschismus; denn fast alle Probleme würden etwa von der AfD und ihrer Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel, „in pathologischer Manier dem Zustrom von Flüchtlingen angelastet“, deren Kriminalität faktenwidrig übertrieben werde (Elchlepp 2025, S.631f.); dies ist eine Sichtweise, die sich leider auch im Medien-Mainstream findet, etwa beim Ex-ARD-Mann und Bestseller-Autor Teske (2025). Bei aller Faschismus-Kritik ist der Yale-Professor Stanley keineswegs ein allzu linksorientierter Denker. Er steht nahezu kritiklos hinter Obama, Biden und Hillary Clinton und bleibt, wie zu zeigen sein wird, weitgehend blind für die Nähe zum Faschismus, die beim neoliberalen Raubtierkapitalismus, aber auch generell bei liberaler Politik inzwischen zu beklagen ist (vgl. Ishay Landa 2021).

Autor und Hintergrund

Prof. Dr. Jason Stanley (*1969) lehrt Philosophie an der Elite-Universität Yale (USA), außerdem in Toronto und an der Kyiv School of Economics. Er ist auch Autor von „How Propaganda Works“, woran sein „How Fascism Works“ auf Vorschlag des Verlages Princeton University Press anschließt (vgl S.203) und schon in 23 Sprachen übersetzt wurde; Stanley schreibt regelmäßig u.a. für die New York Times, die Washington Post und den Britischen Guardian. Das vorliegende Buch schöpft auch aus familiären Erinnerungen, v.a. aus den Memoiren seiner Großmutter Ilse Stanley, die im Deutschen Reich Widerstand gegen die Nazis leistete, hunderten anderen Juden zur Flucht aus dem KZ verhalf und 1939 in letzter Minute aus Berlin entkam (S.196); seine Mutter, Sara Stanley, habe „in West- und Osteuropa die Schrecken des Antisemitismus durchgemacht“ sowie nach 1945 den polnischen Nachkriegs-Antisemitismus (S.201), seine Stiefmutter, Mary Stanley, habe ihn in die US-Geschichte eingeführt, auch aus eigener Erfahrung in der US-Bürgerrechts-Bewegung; Jason Stanley dankt auch seiner Schwiegermutter Karen Ambush Thande, für Partizipation an deren Wissen über die afroamerikanische Tradition (S.203). Ein Vorwort zur dt. Übersetzung verfasste Prof.Dr. Rahel Jaeggi, die an der Humboldt-Uni Berlin Sozial- und Politische Philosophie lehrt sowie als Gastprofessorin an der Uni Yale war.

Aufbau und Inhalt

Einem Vorwort für die dt. Ausgabe von Rahel Jaeggi folgt eines des Autors für die US-Taschenbuchausgabe (vor Trumps Wiederwahl, gegen die sich Stanley in seinem Buch erkennbar einsetzt), dann kommen 10 Kapitel und ein Epilog; die Kapitelüberschriften kennzeichnen jeweils eine faschistische Taktik bzw. “eine der zehn Säulen faschistischer Politik”. Prof. Jaeggi wendet sich an ihr deutsches Publikum mit einer Warnung vor der Wiederkehr des Faschismus, leicht erkennbar in Gestalt der “in Teilen gesichert rechtsextremen” AfD, durch die wir es heute sogar schon im deutschen Bundestag mit “offen bekennenden Neonazis” zu tun hätten (S.9); dazu käme AfD-Chef Gauland mit seinem “Vogelschiss”-Vergleich für Nazi-Diktatur, Weltkrieg und Holocaust sowie der Potsdamer Skandal eines AfD-Treffens zum “Projekt Remigration”, traditonsbewusst (?) “in unmittelbarer Nähe zum Ort der Wannseekonferenz” (S.13). Stanley würde uns die Begriffe liefern, eine drohende “Normalisierung” faschistischer Taktiken und Methoden zu erkennen: Etwa SPD-Kanzler Olaf Scholz, der vom Cover des Spiegel-Magazins verkündete, man wolle jetzt “endlich im großen Stil abschieben”, habe rechtextreme Politik übernommen, von Migration als “Krise” zu reden, wobei das “tausendfache Ertrinken Geflüchteter im Mittelmeer” ausgeblendet würde (S.15f.).

Stanley warnt in seinem aktualisierten Vorwort vor Trump, verweist dabei auf Jair Bolsonaro in Brasilien und die 2018 in Spanien gegründete rechtsextreme Vox-Partei, die schon 2019 und wieder 2023 im Madrider Parlament die drittgrößte Fraktion stellte, auf die Schwedendemokraten, in Stockholm zweitstärkste Partei, ebenso die AfD in Deutschand, Giorgia Meloni, die “postfaschistisch” Regierungsmacht in Italien erlangte sowie Narendra Modi in Indien. “Hinter dieser transnationalen, ultranationalistischen Bewegung”, so Stanley, “stehen die Kräfte des Kapitals. Technologieriesen profitieren ebenso wie die Medien von dem dramatischen Aufeinandertreffen von Freund und Feind. Angst und Wut treiben die Menschen an die Wahlurnen, aber sie sorgen auch dafür, dass sie online bleiben und sich auf mediale Inhalte fixieren.” (S.27)

Nur wenn wir faschistische Politik unter ihrer aktuellen Maske erkennen, so Stanley, können wir ihren Verlockungen widerstehen, ihre Intrigen und Propaganda durchschauen und zu demokratischen Idealen zurückkehren. Er warnt vor “faschistischen Taktiken”, die auch Patriarchat, Familie und Sexualität einschließen. Das Buch handelt von den gemeinsamen Merkmalen faschistischer Bewegungen, von sich wiederholenden Mustern, Weichenstellungen und vor allem von aktuellen Tendenzen der Normalisierung des Faschismus; dies geschieht schleichend in unseren Medien und im öffentlichen Raum, auch und gerade in den westlichen “liberalen Demokratien”.

Das zentrale Konzept des Buches sind die „zehn Säulen des Faschismus“, die Stanley identifiziert und ausführlich in jeweils einem Kapitel erklärt:

  1. Die mythische Vergangenheit: Faschistische Bewegungen glorifizieren eine idealisierte und vielfacht nur fantasierte Vergangenheit der eigenen Nation bzw. des eigenen Volkes; darin gleichen sie Reaktionären, Nationalisten und Konservativen siehe z.B. Donald Trump mit seinem „Make America Great Again“ (Maga) oder Victor Orban, der Ungarn zum heroischen Verteidiger der Christenheit erklärt (S.54); ob auch Nethanjahu mit seinem Rückgriff auf biblische Geschichte für Landenteignungen in der Westbank hier einzuordnen wäre, diskutiert er nicht.
  2. Propaganda: Faschisten nutzen, wenig überraschend, Propaganda, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und Feindbilder zu schaffen. “So wird aus einem gefährlichen Krieg um die Macht stattdessen ein Krieg, dessen Ziel Stablität ist, oder einer, dessen Ziel Freiheit ist.” (S.57) Konkrete Kriegsführung, wo bei den USA kein Mangel an Beispielen herrschen würde (etwa Grenada, Panama, Venezuela, Libyen, Syrien, Iran, Irak) nennt Stanley hier nicht.
  3. Anti-Intellektualismus: Dies betrifft keineswegs die “Eliten”, sondern allein eine kritische Wissenschaft und linksliberale Denker; der US-Rechtsextremist David Horowitz agitiert seit 40 Jahren gegen US-Professoren, sofern sie politisch nicht weit genug rechts stehen; seit Trump wird sein politisches “Säuberungs-Programm” der US-Universitäten “aggressiv vorangetrieben” (S.70); Studienrichtungen zu Klima-, Gender-, Black- oder Middle East-Studies werden als “Kulturmarxismus” verfolgt (lt.Anm.d.Übersetzers eine Verschwörungstheorie der Neuen Rechten, die an die NS-Propaganda gegen sog. “Kulturbolschewismus” anknüpft, Fn.S.73). Nicht bei Wahlen und Reichtumsverteilung –wo es naheliegender wäre- fragt Stanley nach Manipulation und Kulturkampf durch die oligarchische Kapitalseite, sondern bei den Universitäten, seinem eigenen Arbeitsumfeld: “Konservative Akteure stecken gewaltige Summen in das Projekt, rechte Ziele im Bildungswesen voranzutreiben.” Die Koch Foundation (von Ölbaron Koch, einem der reichsten US-Oligarchen, auch bekannt für seine Klimawandel-Leugner-Think Tanks) habe allein 2017 nicht weniger als 100 Millionen Dollar für die Förderung “konservativer Ideologien an ca. 350 US-Unis ausgegeben. (S.78) Ziel sei dabei, Stanley zitiert Victor Klemperer, uns zu einer gedanken- und willenlosen “getriebenen und gehetzten Herde” zu machen; weltweit werden derzeit Universitäten von Rechtsextremen attackiert, so Stanley, die dort angeblichen “Feminismus” oder “Marxismus” mundtot machen wollen (S.83). Dass bei solchen Eingriffen schon seit den 1970er Jahren auch Kritiker des neoliberalen Ansatzes der Ökonomie mundtot gemacht wurden, vor allem wenn sie gegen Deregulierung und Steuersenkung für Konzerne eintraten, erwähnt Stanley nicht.
  4. Unwirklichkeit: Stanley greift auf Ernst Cassirers antifaschistisches Spätwerk “The Myth of the State” zurück, um gegen John Stuart Mills absolute Redefreiheit zu argumentieren (S.92f.). Mill hätte sich gegen das Verbot von RT (Russia Today) in liberalen Demokratien gewandt, doch deren “verantwortungsbewusste Medien” sollten “bestrebt sein, die Wahrheit zu verbreiten” (S.95). Die so dargestellte “gemeinsame Realität” sei Voraussetzung für eine “gesunde liberale Demokratie” und deren Schwachpunkt sei “extreme wirtschaftliche Ungleichheit”; die sei “Gift für die liberale Demokratie, weil sie Wahnvorstellungen hervorruft” und Demagogen Angriffsflächen biete; bei Kolonialismus, Imperialismus und Sklaverei wären aus extremer Ungleichheit sogar Ideologien einer Überlegenheit von “Ethnie, Religion, Kultur und Lebensweise” entstanden (S.100f.). Fakten werden durch alternative Realitäten ersetzt, um die Wahrheit zu verschleiern und Propaganda zu betreiben; insbesondere, aber keineswegs ausschließlich ginge es dabei um Verschwörungstheorien, deren “vielleicht berühmteste”, die bekanntlich gefälschten “Protokolle der Weisen von Zion”, Antisemiten wie der Auto-Baron Henry Ford verbreitet hätten. Hillary Clinton wäre im “Pizzagate”-Komplott als Päderastin denunziert worden, Obama hätte man mit der “Birther”-Lüge zum Ausländer und verkappten Muslim stilisiert, beides zum Nutzen von Trump (S.87 ff.). Der habe “wiederholt offen gelogen”, die Medien berichteten dies “pflichtbewusst”; “Hillary Clinton hielt sich dagegen an die liberalen Normen gegenseitigen Respekts”, ihren, laut Stanlay, einzigen Verstoß gegen diese Normen, sie hätte Trumps Anhänger als “erbärmliche Menschen” bezeichnet, hätten die Medien “ihr immer wieder ins Gesicht geschleudert” (S.96); von den äußerst unfair abgelaufenen innerparteilichen Wahlen um die Präsidentschaftskandidatur, den Clinton und ihr Lager (das Establishment der “Demokraten”) gegen den Partei-Linken Berny Sanders führen ließ, scheint Stanley nichts zu wissen.
  5. Hierarchie: Faschistische Ideologien betonen die Überlegenheit bestimmter Gruppen -vom Führerprinzip über die Unterwerfung der Frau bis zur Rassenlehre- und rechtfertigen soziale Ungleichheit. Dieser Punkt ist ein besonders neuralgischer in der Argumentation, dessen Diskussion daher hier eingeschoben werden muss, um nicht den Überblick zu verlieren:

Stanley schreibt, Hierarchie sei Mittel zum Machterhalt, aber einer “Art von Macht, welche die liberale Demokratie versucht, zu deligitimieren.” Linke wie rechte Kritiker des Liberalismus, so Stanley, “fokussieren auf die Möglichkeit, dass liberale Ideale existierende Machtunterschiede ausblenden”. Linksorientierte würden sich dagegen wenden, dass Liberale somit bestehende Ungleichheiten festschreiben würden; Rechtsorientierte wären dagegen, ihre Privilegien (also Ungleichheiten) aufzuheben (S.109). Damit betreibt Stanley ein semantisches Hütchenspiel, bei dem plötzlich die liberale Mitte den “beiden Extremen” gegenübersteht, was durch den unscharfen Begriff “fokussieren” überzeugend wirken soll: Links und Rechts “fokussieren” auf Machtunterschiede? Ja, aber die Rechten wollen sie beibehalten, die Linken wollen sie abbauen -was angeblich doch die Liberalen auch wollen.

Stanley erörtert nicht, inwiefern sich Liberale denn für eine Verringerung auch ökonomischer Ungleichheit einsetzen, wie sie die Linke fordert; geschweige denn problematisiert er, dass die weitaus meisten und reichsten Multimilliardäre bzw. Oligarchen gerade aus besagten liberalen Demokratien stammen. Und das, obwohl deren Staaten zudem meist überschuldet und deren Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme unterfinanziert sind, weil –und dieser Kausalzusammenhang wird nur von neoliberalen Ideologen bestritten- die großen Vermögen so wenig besteuert werden, dass sie sich zu unvorstellbaren Summen aufhäufen. Dies spaltet die Gesellschaft und stellt auch die Demokratie vor eine “Zerreißprobe” (Butterwegge 2020, S.393). Die liberale Gleichheit der Rechte endet also da, wo jemand zu arm ist, um sich Lebensnotwendiges kaufen zu können. Da die Einschnitte in Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme für eine überwältigende und wachsende Mehrheit der Bevölkerung die Lebensqualität immer mehr absenkt, stellt sich noch eine andere Frage: Wie demokratisch kann eine “liberale Demokratie” sein, die elementare Bedürfnisse und damit im Endeffekt auch Menschenrechte einer Mehrheit der Bevölkerung mit Füßen tritt?

Warum wählen die Menschen nicht einfach eine Regierung, die Reiche und Konzerne fairer besteuert? Der Propaganda-Experte Jason Stanley bleibt hier etwas wolkig und andererseits wortkarg, wenn es um die Manipulation der Wähler durch Medien geht. Bei mehr Beachtung von Politökonomie und Verteilungsgerechtigkeit wäre ihm vielleicht auch aufgefallen, warum Konzerne und Superreiche die Rechtsextremen so freigiebig alimentieren (von Hitler über die AfD bis zu Trump): Wenn die von der Politik enttäuschten Menschen Rechts wählen statt Links, drohen den Reichen keine Steuererhöhungen; die Medien tun ihren Teil dazu, indem sie stereotyp und irreleitend immer wieder “die Extreme von Rechts und Links” gleichsetzen. Da sich Angst, Hass und Wut leichter wecken und manipulativ einsetzen lassen (Stanley führt für diese faschistische Taktik Steve Bannon als Zeugen an, S.83) als gesellschaftliche Analyse und linke Appelle an Gerechtigkeit, hat es rechtsextreme Propaganda ohnehin leichter, sich durchzusetzen.

  1. Die Opferrolle: Faschisten stellen sich selbst als Opfer dar, um ihre Aggressionen und die Unterdrückung anderer zu rechtfertigen. Hinter dem Opferstatus steckt oft der befürchtete oder tatsächliche Verlust von Privilegien, d.h. das Absinken in der sozialen Hierarchie, auch durch Herstellung von sozialer Fairness und Beendigung von sozialer Ungleichheit.
  2. Recht und Ordnung: Ein dauernder Ruf nach Recht und Ordnung, ohne Bezug zur Rechtsstaatlichkeit, wobei die Durchsetzung von „Ordnung“ genutzt wird, um politische Gegner zu unterdrücken. Von Faschisten verfolgte Minderheiten werden als “Kriminelle” hingestellt oder sogar zu diesem Zweck wirklich in die Kriminalität getrieben oder kriminalisiert. In den USA trifft es Schwarze Männer, die überproportional, die Vermischung von Rasse und Sex sei dabei zentrales Narrativ. Faschistische Standard-Propaganda steit dem Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump sei dabei die Erfindung oder der Missbrauch der Vergewaltigung einer weißen jungen Frau durch einen farbigen Migranten, was maximale Empörung auslöse (vgl. hierzulande z.B. den in AfD-nahen Medien umjubelten ARD-Mann Alexander Teske, der solche Fälle vermehrt, sensationeller und unter Kennzeichnung der ethnischen Herkunft des Täters in den Hauptnachrichten präsentieren wollte). Stanley meint: “Vergewaltigungen sind für die faschistische Politik von grundlegender Bedeutung, weil sie sexuelle Ängste auslösen und damit einhergehend die Notwendigkeit, die ‘Männlichkeit der Nation’ durch faschistische Autorität zu schützen.” (S.143)
  3. Sexuelle Ängste: Faschisten fordern eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen und bekämpfen sexuelle Freiheiten, was sich in Antifeminismus, der Diskriminierung von LGBT+ und insbesondere Homophobie äußert.
  4. Sodom und Gomorrha: Biblisch umschreibt Stanley die moralisierende Ablehnung eines kosmopolitischen, liberal-urbanen Lebens in Großstädten durch die faschistische Weltsicht; ihr korrespondiert eine völkisch-romantische Verklärung des Landlebens.
  5. Arbeit macht frei: Faschistische Taktik betreibt eine Teilung der Gesellschaft in die angeblich Fleißigen und die angeblich minderwertigen Faulen, v.a. Migranten, Arme, Kranke; Stanley beschreibt dies unter dem auf die zynische Inschrift über nazideutschen KZs verweisenden Titel, denn das KZ als Arbeitslager dient angeblich der Erziehung, in Wahrheit aber der Ausgrenzung, Unterdrückung und Vernichtung. Politökonomisch untergraben Faschisten jedoch die Rechte der Arbeiterklasse, um die Macht der Kapitalseite zu stärken.

Diskussion

Die Elite-Universität Yale ist bislang nicht durch Faschismus- oder Sozialkritik aufgefallen, sondern ist vielmehr bekannt für ihren extrem elitären “studentischen” Skull-and-Bones-Geheimklub, dem z.B. die rechtskonservative US-Präsidenten-Dynastie von George Bush (junior und senior) entsprang (vgl. Landa S.287). Der Yale-Sprachphilosoph Jason Stanley wendet sich diesem Thema trotzdem zu, schwankt aber in seiner Abhandlung zum Faschismus zwischen logischer Analyse und emotionaler familiärer Betroffenheit, was zuweilen argumentative Lücken offen lässt.

Zwei blinde Flecken fallen in der Abhandlung von Stanley sofort ins Auge: 1. Bei seiner Aufzählung westlicher Staaten und Regierungen, die rechtsextreme Politik bzw. faschistische Taktiken betreiben, fehlen Israel und Nethanjahu (dagegen bezeichneten sogar im deutschen Fernsehen die Arte-Nachrichten am 26.12.2025 die Regierung Israels als “rechtsextrem”). 2. Bei Stanleys “Säulen des Faschismus” klafft eine immens wichtige Lücke: Es fehlt der Militarismus, die faschistische Verherrlichung von Krieg und Gewalt zwischen den Völkern, die hellsichtige Mahner seit Jahrzehnten auch in Deutschland wachsen sehen (vgl. Wette 1994). Mit beiden Auslassungen schwimmt Stanley unkritisch im westlichen Medien-Mainstream -der nicht nur bei uns auf “Kriegstüchtigkeit” eingeschworen scheint, weshalb Militarismus-Kritik wegfällt. Dieser westliche Mainstream ist für Stanley offenbar sakrosankt, weil er “die gemeinsame Realität darstellt, die eine gesunde liberale Demokratie voraussetzt.” (S.100)

Zweifel an der “Gesundheit” dieser Mainstream-Realität meldet dagegen die australische Medienkritikerin und ebenfalls Propaganda-Expertin Caitlin Johnstone an, deren “Erste-Hilfe-Büchlein gegen Propaganda” im selben Verlag erschien wie das Buch von Stanley (bei Westend). Gegenüber den von Stanley unentwegt belobigten “liberalen Demokratien” ist Johnstone weniger unkritisch; sie rügt westliche Mainstream-Medien für ihre “heftigen Hetzkampagnen gegen progressive Persönlichkeiten wie Bernie Sanders und Jeremy Corbyn“ (Johnstone S.45), sie kritisiert die jahrelange politische Verfolgung von Wikileaks-Gründer Julian Assange, der Kriegsverbrechen des US-Imperiums aufgedeckt habe. Sie moniert das mediale Hinstellen von Rüstungslobbyisten als unabhängige Experten für die geopolitische Lage, die Bedrohungen erfinden und mehr Geld für Waffen fordern; die Schlagzeile, so Johnstone nicht ohne Polemik, solcher „Nicht-Nachrichten“ sollte lauten: „Kriegsmaschinen-finanzierter Kriegstreiber will mehr Krieg“ (Johnstone S.27). Auch bei der von Stanley beklagten Normalisierung von Faschismus ertappt Johnstone US-Medien: Die renommierte New York Times etwa, so Johnstone, hätte ukrainischen Nazis vom öffentlichen Tragen ihrer Hakenkreuz- und Wolfsangel-Symbole abgeraten, aber „nicht weil Nazismus falsch ist, sondern weil es sich um schlechte Kriegspropaganda handelt“ (Johnstone S.18).

Das Vorwort für Johnstone schrieb der Kieler Kognitionspsychologe Prof. Dr. em. Rainer Mausfeld hat sich hierzulande in vielbeachteten Büchern und Vorträgen gegen eine zunehmende Manipulation der Menschen durch die Medien gewandt -natürlich ohne nennenswerte Resonanz in diesen Medien zu finden. Mausfeld beginnt sein Vorwort mit dem Hinweis, Propaganda sei vielleicht das bedeutendste Thema unserer Zeit: Denn würde „der gesamte Denkraum manipulativ verzerrt“ (Mausfelds Fachgebiet), könnten auch geeignete Lösungen für politische Probleme „im Wortsinn undenkbar“ werden.

Ziemlich undenkbar scheint für Jason Stanley daher wohl die Frage nach faschistischen Taktiken und Praktiken im Liberalismus, Neoliberalismus und damit auch den “liberalen Demokratien”. Der Ideenhistoriker Ishay Landa von der Israeli Open University zeigt dagegen die historischen und ideologischen Wurzeln auf, die Liberalismus und Faschismus verbinden. Seiner profunden Analyse nach spaltete sich der Frühliberalismus in einen politischen und einen Wirtschaftsliberalismus auf, wobei Letzterem neoliberale wie faschistische Ideologien und Bewegungen entsprangen. Gemeinsam hätten Faschismus und Liberalismus den sozialdarwinistischen Glauben an die Bedeutung des Survival-of-the-fittest (in Markt und / oder Biologie) sowie ein Elitenkult, der das angebliche Genie preise (den Führer oder den Finanzmagnaten etwa) und die Massen verachte. Landa identifiziert dabei vier liberale Mythen, die rückblickend dazu dienen sollten, die Wesensverwandtheit mit dem Faschismus zu verschleiern –und die sich bei Stanley wiederfinden, gleich in seiner ersten “Säule” des Faschismus schon die, laut Landa auch bei Liberalen verbreitete Mythologie (zum eigenen Ruhme) selbst. Ishay Landas erster liberaler Mythos: “Faschismus als Tyrannei der Mehrheit”, als “Paradebeispiel für die der Demokratie innewohnenden Gefahren”, die schon auf Tocqueville zurückgehe (Landa S.227). Das Misstrauen gegen die Massen mache ihre Manipulation durch Eliten nötig, weil eine demokratische Herrschaft die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse gefährden könne. Dies sind die Wurzeln des Wirtschaftsliberalismus, dem es um Kapitalismus und Profit für Wenige gehe, nicht um Demokratie und Wohlfahrt für die Menschen (die als “Massen” den wenigen Reichen an die Börse wollen). Tocqueville habe in diesem Sinne auch die Kolonialisierung Algeriens betrieben und sogar die Grundlagen für die “Rassentrennung zwischen französischen Siedlern und Arabern” entworfen (Landa S.238).

Steht Stanleys “liberale Demokratie” auch in dieser liberalen Tradition der Elitenherrschaft durch Propaganda? Deren Nestor wäre in den USA der Erzliberale und Propaganda-Theoretiker Walter Lippmann (Landa S.339). Mythos Nr.3 “Die Ursprünge der faschistischen ‘Großen Lüge’ –totalitär oder liberal?” schließt hier an und findet die liberale (und später faschistische) Taktik die Massen zu täuschen nicht nur bei Tocqueville, sondern auch schon bei John Stuart Mill (Landa S.279) sowie bei Neoliberalen und Neocons der US-Elite, etwa G.W.Bush jr. und seinem Militärstrategen Paul Wolfowitz (Landa S.286). Damit würde Landa wohl Jason Stanleys faschistische Säulen 2 und 3 (Propaganda und Unwirklichkeit) als ebenso und womöglich viel effektiver bei Liberalen auffindbar sehen.

Landas Mythos 2 entlarvt, dass nicht nur der Faschismus, sondern auch der Liberalismus auf hierarchische (statt egalitär-demokratische) Kollektive setzt, in denen angebliche “Leistungseliten” die Massen anführen (dies betrifft Säule 5 von Stanley). Landas liberaler Mythos 4 schließlich betrifft den Kosmopolitismus (Stanleys Faschismus-Säule 9), den Liberale heute für sich beanspruchen, während Faschisten rückständigen Nationalismen anhingen; Landa belegt, dass Liberale in der Vergangenheit koloniale Verbrechen zum Nutzen ihrer Nation mindestens billigten und Nationalismus als Bollwerk gegen die internationale Arbeiterbewegung sahen (S.310).

Stanley befasst sich kaum mit der Sicherung ökonomischer Privilegien durch Propaganda und/oder Kriege, er deutet im Kapitel “Propaganda” lediglich kurz die gelegentliche Darstellung von Krieg um bloße Macht als hehren Kampf um Stabilität oder Freiheit an (S.57), was er natürlich nicht auf “liberale Demokratien” bezieht. Eine weitere faschistische Taktik wird von ihm übersehen: Das völlige Verbergen kriegerischer Regierungsaktionen vor der Öffentlichkeit. Propaganda-Experte Prof. Rainer Mausfeld ist weniger zurückhaltend: Er bezeichnet die Lebensweise der westlichen Macht- und Geldeliten als parasitär, sie sei nur durch massive mediale Bewusstseins-Manipulation überhaupt mehrheitsfähig. Die mächtigste “liberale Demokratie”, die USA, zeichne sich durch besondere Kriegsbereitschaft aus, die nicht erst beim Einsatz ihres gewaltigen Militärs beginne: Brutalste Gewaltausübung gegen Zivilbevölkerung sei auch die “Erzeugung von humanitären Katastrophen durch Sanktionen”, der “bevorzugten Waffe der USA und des Westens”, heute würde ein Drittel aller und mehr als 60 Prozent aller armen Länder mit “irgendeiner Art von US-Sanktionen” belegt. Der Grund für die Beliebtheit dieser Methode: Die Leiden der von Sanktionen getroffenen Menschen seien “leichter durch die Massenmedien unsichtbar zu machen als die Folgen einer Verwendung von Bomben” (Mausfeld S.25). Die Opfer würden “abstrakt als Opfer von Hungerkatastrophen, Gesundheits- oder Versorgungskatastrophen” dargestellt, Mausfeld nennt Afghanistan, Irak, Syrien, aber “Kuba und Venezuela sind derzeit den schwesten Formen westlicher Belagerungskriege ausgesetzt, die jemals entwickelt wurden.” (Mausfeld S.26)

Zwischen Wirtschafts- und Angriffskriegen liegt das Feld der Geheimkriege, die ebenfalls völkerrechtswidrig sind und teils als Staatsterrorismus bezeichnet werden müssen (etwa der Anschlag auf die deutsch-russische Pipeline Nordstream). Mausfeld befürchtet solche Anschläge und “false-flag”-Operationen (der Terror wird mittels gefälschter Beweise und Desinformation anderen Akteuren angehängt) seitens CIA, MI6 und Mossad; diese Behörden hätten sich der Regierungsaufsicht und damit jeder demokratischen Kontrolle entzogen und verselbstständigt: “Der Westen verfügt über das mächtigste Netz an Geheimdiensten, das je existiert hat. (…) Es ist der Kern und die Keimzelle totalitärer Herrschaft.” (Mausfeld S.135)

Kritik an Geheimbünden und –diensten wird in unseren Medien schnell mit dem Stigma der “Verschwörungstheorie” belegt, die Stanley als Kennzeichen des Faschismus anführt. Dabei hat er in Yale mit Skull-and-Bones einen der mächtigsten politischen Geheimkulte direkt vor seiner Nase. Die Mutter von Rahel Jaeggi, die ihm das Vorwort schrieb, die Psychoanalytikerin Eva Jaeggi, tauchte kürzlich in einer Arte-Doku über den Tech-Baron Alex Karp auf (Watching You – Die Welt von Palantir und Alex Karp). Sie hatte Karp in Deutschland als Doktoranden, vermittelte ihn aber an den berühmten liberalen Philosophen Habermas weiter, zwecks Karriere-Förderung durch dessen Weltruhm. Es hat funktioniert: Karp wurde Multimilliardär und Chef des mächtigen Palantir-Techkonzerns, der von Trump-Förderer Peter Thiel gegründet wurde (finanziert von der CIA) und Überwachungs-, Polizei- sowie Militär-Technologie weltweit bereitstellt und einsetzt. Karp, der auch im Lenkungsausschuss der Bilderberger sitzt, führt damit ein Unternehmen, das im wachsenden privaten Sicherheitsbereich eine zentrale Rolle spielt, zusammen mit vielen anderen privaten Geheimdiensten und Söldnerfirmen (vgl. Barth 2009). Es gehört sicher zu den Technologieriesen, vor denen Stanley als Profiteure heutige faschistischer Aufhetzung der westlichen Gesellschaften warnte (S.27), und vielleicht auch zu jenem Geheimdienst-Netz, das Mausfeld den “Kern und die Keimzelle totalitärer Herrschaft” nannte. Bei den derzeitigen Russland-Bedrohungs- und Kriegsertüchtigungs-Narrativen und entsprechend explodierenden Militäretats hat sich der Palantir-Börsenwert prächtig entwickelt. Da die kriegerische Seite des Faschismus bei Stanley weitgehend ausgeblendet bleibt, fehlen auch diese Kritikpunkte an faschistischen Taktiken der von ihm in fast schon naiver Weise idealisierten “liberalen Demokratien”.

Fazit

Das kleine, gut lesbar geschriebene Buch stellt sich deutlich auf die Seite Hillary Clintons und des Establishments der Partei der US-Demokraten. Von dieser Warte aus werden konservative, nationalistische und reaktionäre Politik, v.a. bei Trump, Orban, Putin und Modi (Indien) v.a. mit Hitlers Methoden verglichen und auf ihre Nähe zu faschistischen Taktiken hin untersucht und kritisiert. Dies ist nötig und lobenswert, blendet aber fast völlig die ebenso nötige Untersuchung von Israel unter Nethanjahu sowie die der US-Politik unter Obama, Clinton und Biden aus.

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert, Neu-Isenburg 2024, Westend-Verlag, 214 Seiten, 22,00 €, AU 23,50 €, ISBN 9783864894435

Quellen

Barth, Thomas: Von Bertelsmann zu Blackwater: Die Privatisierung der Gewalt, in: Altvater, Elmar u.a.: Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise, Anders Verlag, Hamburg 2009, S.88-94.

Butterwegge, Christoph: Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland, Weinheim/Basel 2020, Beltz Juventa Verlag.

Johnstone, Caitlin: Kleines Erste-Hilfe-Büchlein gegen Propaganda. Wie wir unseren Verstand in einer verrückten Welt bewahren können, Neu-Isenburg 2023, Westend Verlag

Elchlepp, Dietrich: Nie wieder wegschauen! Mit Argumenten gegen die Angsterzeugung der Rechtsradikalen, in: Donat, Helmut (Hrsg.) / Lütgemeier-Davin, Reinhold (Hrsg.): Geschichte und Frieden in Deutschland 1870-2020. Eine Würdigung des Werkes von Wolfram Wette, Donat-Verlag, Bremen 2025, S.631-646).

Landa, Ishay: Der Lehrling und sein Meister: Liberale Tradition und Faschismus, Berlin 2021, Dietz Verlag.

Mausfeld, Rainer: Hegemonie oder Untergang – Die letzte Krise des Westens? Neu-Isenburg 2025, Westend Verlag.

Stanley, Jason: Wie Faschismus funktioniert, Neu-Isenburg 2024, Westend-Verlag.

Teske, Alexander: inside tagesschau. Zwischen Nachrichten und Meinungsmache, (3.Aufl. binnen eines Jahres), München 2025, Langen Müller Verlag.

Wernecke, Klaus/ Peter Heller: Medienmacht und Demokratie in der Weimarer Republik. Das Beispiel des Medienzaren und vergessenen Führers Alfred Hugenberg, Brandes&Apsel, Frankfurt/M. 2023.

Wette, Wolfram: ‘Neue Normalität’. Militarisierung und Weltmachtstreben, in: H.-M. Lohmann: Extremismus der Mitte. Vom rechten Verständnis deutscher Nation, Fischer Vlg., Frankfurt/M. 1994, S.193-208.

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert, Rezension von Dr. phil. Bruno Heidlberger, 31.03.2025

12/29/25

Bürgergeld-Fetisch 39c3

Wer liegt hier wem auf der Tasche?

Genug mit dem Bürgergeld-Fetisch. Stürmt die Paläste!

Helena Steinhaus

Das Bürgergeld ist Geschichte. An seine Stelle tritt eine Grundsicherung, die auf kalkulierten Verfassungsbruch setzt. Totalsanktionen, Vermittlungsvorrang, Quadratmeterdeckel, jeder Move bedeutet umfassendere staatliche Überwachung. Die Bezahlkarte soll in Hamburg perspektivisch zunächst auf Sozialhilfe‑ und Jugendhilfebeziehende ausgeweitet werden. Sind Bürgergeldbeziehende als nächstes dran?

Die neue Grundsicherung trumpft Hartz IV in seiner Grausamkeit und ist ein Damoklesschwert über Erwerbslosen und allen, die Lohnarbeit machen. Zugleich nimmt die Zahl der Milliardäre und Mulitmillionäre stetig zu. Finanzbetrug durch Überreiche wird mehr oder weniger tatenlos zugesehen, während das Phantom des Bürgergeld-Totalverweigerers seit Jahren durch die Medien getrieben wird.

Wie der Angriff auf den Sozialstaat sich auf die Betroffenen in der Praxis auswirkt und was wir als Zivilgesellschaft tun können, um nicht nur tatenlos zusehen zu müssen, darum geht es in diesem Talk. 39c3

12/29/25

Blackbox Palantir 39c3

Blackbox Palantir

Constanze Kurz and Franziska Görlitz

Wer nutzt in Deutschland Software von Palantir und wer hat das in naher Zukunft vor? Was sind die rechtlichen Voraussetzungen für den Einsatz solcher Analysewerkzeuge? Und was plant Innenminister Alexander Dobrindt in Sachen Palantir für die Polizeien des Bundes?

Software von Palantir analysiert für Polizeien und Militär deren Daten – dafür lizenzieren auch deutsche Polizeibehörden seit Jahren die Analysesoftware Gotham des US-Unternehmens. Die Software verarbeitet strukturierte und unstrukturierte Informationen aus Polizeidatenbanken. Die genauen Funktionsweisen sind für die Öffentlichkeit, Gesetzgeber und Kontrollbehörden jedoch nicht einsehbar.

Das US-Unternehmen ist hochumstritten und auch in Deutschland seit einigen Gesetzesinitiativen wieder umkämpft – wegen seiner intransparenten Analysemethoden, seiner Zusammenarbeit mit autoritären Staaten und seiner Nähe zur US-Regierung.

Rechtlich ist der Einsatz von Analysetools wie von Palantir in Deutschland ohnehin komplex, denn das Bundesverfassungsgericht hat 2023 deutliche Grenzen für polizeiliche Datenanalysen gezogen. Dennoch haben mehrere Bundesländer für ihre Polizeien Verträge oder streben sie an. Auch auf Bundesebene wird der Einsatz für das Bundeskriminalamt und die Bundespolizei hitzig diskutiert.

Wie funktioniert Gotham und welche Gefahren gehen damit einher?
Welche Entwicklungen sind im Bund und in den Ländern zu beobachten? Wie geht es weiter?

Wir wollen über den Stand der Dinge in Bund und Ländern informieren und auch zeigen, wie wir versuchen, rechtliche Vorgaben durchzusetzen. Denn die GFF und der CCC sind an Verfassungsbeschwerden beteiligt, unter anderem in Hessen, Hamburg und zuletzt in Bayern. 39c3

12/28/25

freiheit.exe – Utopien – Malware

freiheit.exe – Utopien als Malware

Christiane Mudra

„freiheit.exe“ ist eine Lecture über die ideologischen Rootkits des Silicon Valley. Sie schlägt den Bogen von den italienischen Futuristen zu den heutigen Tech-Feudalisten, vom Akzelerationismus zur Demokratieskepsis der Libertären, von Tolkien zur PayPal-Mafia.
Basierend auf den Recherchen zu meinem Theaterstück „freiheit.exe. Utopien als Malware“, in dem journalistische Analyse auf performative Darstellung trifft.

Ich lade das CCC-Publikum ein, die Betriebssysteme hinter unseren Betriebssystemen zu untersuchen.
Während wir uns mit Verschlüsselung, Datenschutz und digitaler Selbstbestimmung beschäftigen, installieren Tech-Milliardäre ihre Weltanschauungen als Default-Einstellungen unserer digitalen Infrastruktur. Die Recherchen beleuchten die mitgelieferte Malware.

Ich navigiere durch die Ideengeschichte zwischen Marinettis Futuristischem Manifest (1909) und Musks Mars-Kolonien, von den ersten Programmiererinnen zur Eroberung des Alls, von neoliberalen Think Tanks zur Schuldenbremse, von nationalen Christen zu Pronatalisten.
Investigative Recherche trifft auf performative Vermittlung.
Mit O-Tönen von Peter Thiel, Nick Land und anderen zeigt die Lecture ideologische Verbindungslinien zwischen Theoretikern autoritär-technoider Träume und den Visionen der Tech-Oligarchen auf:

Es geht um „Freedom Cities“, Steuerflucht und White Supremacy.
Um Transhumanismus als Upgrade-Zwang bis hin zu neo-eugenischen Gedanken.
Um Akzeleration als politische Strategie: Geschwindigkeit statt Reflexion, Disruption statt Demokratie, Kolonisierung – jetzt auch digital.

Aus Theaterperspektive betrachte ich das Revival der Cäsaren und die Selbstinszenierung von Tech-CEOs als Künstler, Priester oder Genies.
Und mit der Investigativ Reporterin Sylke Grunwald habe ich recherchiert, was all das mit den Debatten rund um Palantir zu tun hat.

Die scheinbar alternativlose Logik von „Move Fast and Break Things“ ist nicht unvermeidlich – sie ist gewollt, gestaltet, ideologisch aufgeladen. 39c3

12/26/25

The Heartbreak Machine: Nazi Echo Chamber

The Heartbreak Machine: Nazis in the Echo Chamber, Martha Root, Eva Hoffmann and Christian Fuchs

WhiteDate ist eine Plattform weißer Suprematist:innen, die sich an Rassist:innen und Antisemit:innen richtet – und auf veralteter Infrastruktur basiert. Was die 8000 Mitglieder nicht wussten: Einige der Nazis flirteten dieses Jahr mit realistisch wirkenden Chatbots – und verliebten sich sogar in sie. Mit einer Kombination aus automatisierter Konversationsanalyse, Web-Scraping und klassischen OSINT-Methoden verfolgten wir öffentliche Spuren und identifizierten die Personen hinter der Seite. Dieser Vortrag zeigt, wie KI-Personas und investigatives Denken extremistische Netzwerke aufdecken und wie Algorithmen gegen Extremismus eingesetzt werden können.

Monatelang tauchte Martha in die verborgene Welt von WhiteDate, WhiteChild und WhiteDeal ein, drei Plattformen, die von einer Rechtsextremistin aus Deutschland betrieben werden. Sie glaubt an die Verschwörung einer weißen Vorherrschaft und einer „rassisch reinen“ weißen Gemeinschaft. Was als Neugier begann, entwickelte sich schnell zu einem Experiment über menschliches Verhalten, Technologie und Absurdität.

Martha infiltrierte das Portal mit „realistischen“ KI-Chatbots. Die Bots waren so überzeugend, dass sie die Überprüfungen umgingen und sogar als „weiß“ verifiziert worden. Durch die Gespräche und Recherche von digitalen Spuren dieser Gemeinschaft, die sich in Sicherheit wähnte, konnte sie Nutzer identifizieren.

Gemeinsam mit Reporter:innen der „Die Zeit“ konnten wir die Person hinter der Plattform enttarnen und ihre Radikalisierung von einer erfolgreichen Pianistin zu einer Szene-Unternehmerin nachzeichnen. Um ihr Dating-Portal hat sie ein Netzwerk von Websites aufgebaut, dass seinen Nutzern Liebe, Treue und Tradition vermarktet. WhiteDate verspricht romantische Beziehungen, WhiteChild propagiert Familien- und Abstammungsideale und WhiteDeal ermöglicht berufliches Networking und „gegenseitige Unterstützung“ unter einem rassistischen Weltbild. Gemeinsam zeigen sie, wie Ideologie und Einsamkeit auf bizarre Weise miteinander verwoben sein können.

Nach monatelanger Beobachtung, klassischer OSINT-Recherche, automatisierter Gesprächsanalyse und Web-Scraping haben wir herausgefunden, wer hinter diesen Plattformen steckt und wie ihre Infrastruktur funktioniert. Dabei deckten wir die Widersprüche und Absurditäten extremistischer Gemeinschaften auf, verdeutlichten ihre Anfälligkeit für technologische Eingriffe und brachten sogar den einen oder anderen Nazi zum Weinen.

Dieser Vortrag erzählt von Beobachtung, Schabernack und Einblicken in die digitale Welt extremistischer Gruppen. Er zeigt, wie Algorithmen, KI-Personas und investigatives Denken Hass entlarven, seine Narrative hinterfragen und seine Echokammern aufbrechen können. Wir zeigen, wie Technologie im Kampf gegen Extremismus eingesetzt werden kann. 39c3

siehe zum Thema Antifaschismus i.w.S. auch folgende Beiträge zum 39c3->

PRÜF

Nico Semsrott

PRÜF! Prüfung Rettet übrigens Freiheit!
Alles wird in Deutschland geprüft. Warum nicht auch mutmaßlich verfassungswidrige Parteien? Hier stelle ich vor, was PRÜF! anders machen will als bisherige Kampagnen.

Wir haben eine Forderung: „Alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, sollen durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden.“ Wir demonstrieren so lange, bis der Bundesrat die Prüfung formal beantragt hat. PRÜF-Demos. Bald in allen Landeshauptstädten. Am 2. Samstag. Jeden Monat.

Warum beim Schutz der Demokratie nicht mal einen Ansatz wählen, der so noch nicht probiert wurde? Nicht auf die anderen gucken, sondern auf uns? Auf das gemeinsame? Auf Spaß? Das nutzen, was wir haben und was wir können? Wir haben das Grundgesetz, dessen Stärken eingesetzt werden müssen. Wir haben uns, Millionen Menschen, die wir uns organisieren können. Wir haben Ideen, wir haben Geld, wir haben Macht, wir haben Wissen. Bisher haben wir nicht einmal ansatzweise unsere Möglichkeiten ausgeschöpft und es wäre absurd, wenn wir das nicht schaffen würden, die Freiheitliche Demokratische Grundordnung zu schützen.

Vortrag kann Spuren von Prüfen enthalten. 39c3

All Sorted by Machines of Loving Grace?

„AI“, Cybernetics, and Fascism and how to Intervene

Katika Kühnreich

While the extreme right is on the rise in many countries and climate change is unrolling, a promising future seems to be written: According to Elon Musk, Sam Altman, and some other “tech bros” it is to leave the dying planet to go to space. With the help of something called “A(G)I”.
But what kind of future is the one that is promised? And what is the connection between power cycles of tech company owners and people who’s believes can be called fascist? As we moved power through data in the hands of very view, it is important to examine what ideas these view have in their heads.
This talk will explore the roots of today’s tech fascism and its love for tech. From the early thoughts and movements in the US and Europe to Futurism and the Holocaust, organised with Hollerith punching cards. It will dive into the its blooming relationship with cybernetics, and take a look in the future the “tech bros” want to lure us in.
This talk will address the often overlooked topic of how and when people get comfy with diving into movements of hate and how to stop a white supremacy future where we will be sorted by machines.
And, in taking a look on past movements opposing authoritarianism and will examine mindsets and possibilities of resistance as well as the possibility of restarting everything. Because we have a planet and loved ones to lose.
Wear your safety cat-ears, buckle up, it will be a wild, but entertaining ride.

The idea of the Super-Human is not a new one, neither is the idea of charismatic „good“ leader nor to sort humans into classes, races, abilities. The idea of a view controlling many by force and ideas that justify their rulership and cruelties is an old one, as is the opposing idea of a free society and humans as equals.
A central aspect is how people involved see the human nature and according to that what society they want to build. And what role is intended for technology.
In the 19th century the beliefs of both the opposing sides dripped into science, as well as individual’s heads, and social movements around the world. While some wanted to form a wold society of equals others wanted to breed a master race that to control everything.

The love of industrial leaders for authoritarianism has played an important role since the beginning in funding and providing access to powerful networks. Industrialists like Henry Ford loved and promoted ideas at least close to fascism. German, Italian, and Austrian counterparts funded Hitler and Mussolini. And it is not that they did it because they did not understand the fascist leader’s yearning – it was because they shared and loved their aims and violence.

In Futurism, one of the often overlooked roots of fascism, and its Manifesto the enemies and societal goals are proclaimed crystal clear: “We will glorify war — the only true hygiene of the world — militarism, patriotism, the destructive gesture of anarchist, the beautiful Ideas which kill, and the scorn of woman.“

After WWII most of the people believing in dominating others by force and eugenics lived on, they and their cronies had slaughtered millions and destroyed whole social movements were opposing them. These people warning us about authoritarian prophets of doom and concentration camps are still missing.

In the post-war time ideas of authoritarianism met a new player: Cybernetics, the believe in a future, where all problems will be solved through technology and we are “All Watched Over by Machines of Loving Grace” (Richard Brautigam, 1967). The ideas split, merged, and melted into new beliefs and quasi-religions. Into something that is called “Cyber-Libertarianism” by David Golumbia or “TESCREAL” by Émile P. Torres and Timnit Gebru.

This talk will address an aspect that is often missing in analyses: What kind of breeding ground is it where ideas of fascism hatches best? And how can we stop iFascism instead of participating in it?

Furthermore, as being sorted by machines is not everyone’s secret dream, ways to stop iFascism will be provided.

Because we are more, we care for people in need – and we are the chaos! 39c3

selbstverständlich antifaschistisch!

Aktuelle Informationen zu den Verfahren im Budapest-Komplex – von family & friends Hamburg

Andreas family & friends Hamburg and Birgit family & friends Hamburg

Mit den Prozessen im Budapest-Komplex wird ein Exempel statuiert – nicht nur gegen Einzelne, sondern gegen antifaschistische Praxis insgesamt. Die Behauptung einer kriminellen Vereinigung mit Mordabsichten stellt eine absurde juristische Eskalation des staatlichen Vorgehens gegen Antifaschist*innen dar und steht in keinem Verhältnis zu den verhandelten Vorkommnissen. Die Verfahren in dieser Weise zu verfolgen, lässt vor allem auf ein hohes Ausforschungs- und Einschüchterungsinteresse schließen.
Mit dieser Prozesswelle und den Repressionen gegen Freund*innen und Angehörige wird antifaschistisches Engagement massiv kriminalisiert und ein verzerrtes Bild von politischem Widerstand gezeichnet – während gleichzeitig rechte Gewalt europaweit zunimmt und faschistische Parteien erstarken.
Wir sehen, dass Angriffe auf Rechtsstaatlichkeit und Zivilgesellschaft immer weiter zunehmen. Die Art und Weise, wie gegen die Antifas im Budapest-Komplex und im Antifa-Ost Verfahren vorgegangen wird ist ein Vorgeschmack darauf, wie politische Opposition in einer autoritären Zukunft behandelt werden könnte.
Wir sind alle von der rechtsautoritären Entwicklung, von Faschisierung betroffen. Die Kriminalisierung von Antifas als „terroristische Vereinigung“ ist Teil einer (weltweiten) Entdemokratisierung und Zersetzung von Rechtsstaatlichkeit.

Am 26. September wurde gegen Hanna vor dem OLG München das erste Urteil gegen eine der Antifaschist*innen im Rahmen des Budapest-Komplexes gefällt: 5 Jahre für ein lediglich auf Indizien basierendes Urteil. Dem Mordvorwurf der Staatsanwaltschaft wurde nicht entsprochen, behauptet wurde aber die Existenz einer gewalttätigen „kriminellen Vereinigung“.
Am 12. Januar 2026 wird nun vor dem OLG Düsseldorf der Prozess gegen Nele, Emmi, Paula, Luca, Moritz und Clara, die seit Januar in verschiedenen Gefängnissen in U-Haft sitzen, eröffnet. Die Anklage konstruiert auch hier eine kriminelle Vereinigung nach §129 und enthält den Vorwurf des versuchten Mordes. Die Verfahren in dieser Weise zu verfolgen, lässt vor allem auf ein hohes Ausforschungs- und Einschüchterungsinteresse schließen.
Zaid, gegen den ein europäischer Haftbefehl aus Ungarn vorliegt, war Anfang Mai unter Meldeauflagen entlassen worden; aufgrund seiner nicht-deutschen Staatsangehörigkeit hatte der Generalbundesanwalt keine Anklage gegen ihn erhoben. Da er in Deutschland nach wie vor von einer Überstellung nach Ungarn bedroht ist, hält er sich seit Oktober 2025 in Paris auf. Er ist gegen Auflagen auf freiem Fuß.
Ein weiteres Verfahren im Budapest- Komplex wird in Dresden zusammen mit Vorwürfen aus dem Antifa Ost Verfahren verhandelt. Der Prozess gegen Tobi, Johann, Thomas (Nanuk), Paul und zwei weitere Personen wird bereits im November beginnen.
In Budapest sitzt Maja – entgegen einer einstweiligen Verfügung des BVerfG und festgestellt rechtswidrig im Juni 2024 nach Ungarn überstellt – weiterhin in Isolationshaft; der Prozess soll erst im Januar fortgeführt werden und voraussichtlich mit dem Urteil am 22.01. zu Ende gehen.
Mit den Prozessen im Budapest-Komplex wird ein Exempel statuiert – nicht nur gegen Einzelne, sondern gegen antifaschistische Praxis insgesamt. Die Behauptung einer kriminellen Vereinigung mit Mordabsichten stellt eine absurde juristische Eskalation des staatlichen Vorgehens gegen Antifaschist*innen dar und steht in keinem Verhältnis zu den verhandelten Vorkommnissen.
Mit dieser Prozesswelle und den Repressionen gegen Freund*innen und Angehörige wird antifaschistisches Engagement massiv kriminalisiert und ein verzerrtes Bild von politischem Widerstand gezeichnet – während gleichzeitig rechte Gewalt europaweit zunimmt und faschistische Parteien erstarken. Wir sehen, dass Angriffe auf Rechtsstaatlichkeit und Zivilgesellschaf immer weiter zunehmen. Die Art und Weise, wie gegen die Antifas im Budapest-Komplex vorgegangen wird, ist ein Vorgeschmack darauf, wie politische Opposition in einer autoritäreren Zukunft behandelt werden könnte. Wir sind alle von der rechtsautoritären Entwicklung, von Faschisierung betroffen. Die Kriminalisierung von Antifas als „terroristische Vereinigung“ ist Teil einer (weltweiten) Entdemokratisierung und Zersetzung von Rechtsstaatlichkeit. 39c3

Programmierte Kriegsverbrechen?

Über KI-Systeme im Kriegseinsatz in Gaza und warum IT-Fachleute sich dazu äußern müssen

Rainer Rehak

Die automatisierten Zielsysteme des israelischen Militärs zeigen gut, wie KI-baserte Kriegsautomatisierung aktuell aussieht, was daran falsch läuft und warum wir Techies uns einmischen müssen

Das Thema „KI in der Militärtechnik“ und die Beziehung zwischen Mensch und Maschine ist seit Jahrzehnten ein Thema in der Friedensbewegung, der Konfliktforschung, der Philosophie, den Sozialwissenschaften und den kritischen Data & Algorithm Studies. Doch in den letzten Jahren wurden Waffensysteme mit KI-Komponenten entwickelt und auch praktisch in bewaffneten Konflikten eingesetzt. Dabei reicht die Anwendung von Drohnensteuerung über optische Zielerfassung bis hin zur logistischen Zielauswahl. Am Beispiel KI-gestützter Zielwahlsysteme, die vom israelischen Militär seit Mai 2021 und insbesondere jetzt im Genozid in Gaza eingesetzt werden, können die aktuellen technischen Entwicklungen aufgezeigt und analysiert werden. Im Fokus dieses Talks stehen vier KI-unterstützte Systeme: Das System Gospel zur militärischen Bewertung von Gebäuden, das System Lavender zur militärischen Bewertung von Personen, das System Where’s Daddy? zur Zeitplanung von Angriffen und ein experimentelles System auf Basis großer Sprachmodelle zur Erkennung militärisch relevanter Nachrichten in palästinensischen Kommunikationsdaten.

Auf Basis der Aussagen von Whistleblower:innen des israelischen Militärs und Angestellten beteiligter Unternehmen wie Amazon, Google oder Microsoft sowie internen Dokumenten, die durch investigative Recherchen von mehreren internationalen Teams von Journalist:innen veröffentlicht wurden, können die Systeme und Designentscheidungen technisch detailliert beschrieben, kritisch analysiert sowie die militärischen und gesellschaftlichen Implikationen herausgearbeitet und diskutiert werden. Dabei entstehen auch Fragen bezüglich Verantwortungsverlagerung durch KI, Umgehung des Völkerrechts sowie die grundsätzliche Rolle von automatisierter Kriegsführung.

Am Schluss geht der Vortrag noch auf die Verantwortung von IT-Fachleuten ein, die ja das Wissen und Verständnis dieser Systeme mitbringen und daher überhaupt erst problematisieren können, wenn Systeme erweiterte oder gänzlich andere Funktionen erfüllen, als öffentlich und politisch oft kommuniziert und diskutiert wird. Überlegungen zu Handlungsoptionen und Auswegen leiten zuletzt die Diskussion ein. 39c3

And so it begins – Wie unser Rechtsstaat auf dem Highway Richtung Trumpismus rast – und warum afghanische Kläger*innen für uns die Notbremse ziehen

Eva and Elaha

Wenn die Regierung sich nicht mehr an das eigene Recht gebunden fühlt, markiert das nicht nur einen politischen Spurwechsel, sondern die Auffahrt auf den Highway to Trumpism. Zeit die Notbremse zu ziehen!
Normalerweise trifft es in solchen Situationen immer zuerst diejenigen, die sich am wenigsten wehren können. Doch was passiert, wenn genau diese Menschen mit juristischen Werkzeugen bewaffnet werden, um zurückzuschlagen?
Anhand von über 100 Klagen afghanischer Schutzsuchender zeigen wir, wie Ministerien das Bundesaufnahmeprogramm sabotieren, Gerichte sie zurückpfeifen – und die Zivilgesellschaft zum letzten Schutzwall des Rechtsstaats wird. Und wir verraten, warum sich Beamte im BAMF vielleicht lieber krankmelden sollten und welche anderen Möglichkeiten sie haben, um nicht straffällig zu werden.

• Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen“ – das lernen wir schon als Kinder. Aber der Kindergarten ist schon lange her, und Politiker*innen haben zwar oft das Auftreten eines Elefanten, aber das Gedächtnis eines Goldfischs.
• Deswegen hätte die Bundesregierung auch fast 2.500 Afghan*innen mit deutschen Aufnahmezusagen in Islamabad „vergessen“, die dort seit Monaten auf die Ausstellung ihrer deutschen Visa warten
• Das Kalkül dahinter: Pakistan erledigt die Drecksarbeit und schiebt sie früher oder später ab, Problem solved! – selbst wenn dabei Menschenleben auf dem Spiel stehen.
• Wie kann die Zivilgesellschaft die Notbremse ziehen, wenn sich Regierung und Verwaltung nicht mehr an das eigene Recht gebunden fühlen?
• Eine Möglichkeit: wir vernetzen die afghanischen Familien mit Anwält*innen, damit sie Dobrindt und Wadephul verklagen – und sie gewinnen! Die Gerichtsbeschlüsse sind eindeutig: Visa sofort erteilen – sonst Strafzahlungen! Inzwischen laufen über 100 Verfahren an vier Verwaltungsgerichten, weitere kommen täglich hinzu.
• Das dürfte nicht ganz das gewesen sein, was die neue Bundesregierung meinte, als sie im Koalitionsvertrag verkündete, „freiwillige Aufnahmeprogramme so weit wie möglich zu beenden“.
Übersetzung der politischen Realitätsversion: Wenn es nach Dobrindt und dem Kanzler geht, sollen möglichst gar keine Schutzsuchenden aus Afghanistan mehr nach Deutschland kommen – rechtsverbindliche Aufnahmezusagen hin oder her. Einreisen dürfen nur noch anerkannte Terroristen aus der Taliban-Regierung, um hier in Deutschland die afghanischen Botschaften und Konsulate zu übernehmen
• Durch die Klagen konnten bereits 78 Menschen einreisen, etwa 80 weitere Visa sind in Bearbeitung – und weitere werden vorbereitet.
• Doch wie in jedem Drehbuch gilt: The Empire strikes back! Die Regierung entwickelt laufend neue Methoden, um Urteile ins Leere laufen zu lassen und Einreisen weiterhin zu blockieren.
• Willkommen im „Trumpismus made in Germany“. 39c3

Aber hier Leben? Nein danke! …oder doch? Wie wir der autoritären Zuspitzung begegnen können.

Jaša Hiergeblieben and Lisa Zugezogen

Im Osten stehen nächstes Jahr schon wieder Wahlen an und schon wieder sieht alles danach aus, als ob die AfD eine Regierungsbeteiligung bekommen könnte. Ganz konkret: In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Nicht nur diese „rosigen“ Aussichten, sondern auch aktuelle Bevölkerungsprognosen werfen gar kein günstiges Licht auf die Regionen. Linke Akteur:innen vor Ort kämpfen täglich dagegen an und sie brauchen unsere Solidarität. Wir müssen dem etwas entgegensetzen. Egal ob als Hacker:innen auf dem Congress oder Westdeutsche in (noch) Grünen Gemeinden.

Wo kommt das alles her? Wer macht aktuell etwas dagegen und wie können wir dem rechten Sog begegnen?

Mit dem „Super-Ost-Wahljahr“ 2024 (Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg) wurden bereits alle möglichen AfD-Regierungs-Horrorszenarien in Ostdeutschland in den Medien diskutiert und ausgemalt. Nächstes Jahr stehen jedoch noch die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an. Und die Prognosen sehen auch dort übel aus. Wären morgen Wahlen, würde die AfD in Sachsen-Anhalt 39% der Stimmen und in Mecklenburg-Vorpommern 38% bekommen. Um dem etwas entgegenzusetzen müssten wüste Bündnisse aus CDU, Die Linke, SPD und BSW entstehen. Kurzum: LSA und MV sind verloren!

Zusätzlich schrumpfen beide Bundesländer und altern gleichzeitig. In Sachsen-Anhalt gibt es keinen einzigen „wachsenden“ Ort. Weniger Kinder, immer mehr ältere Menschen, Fachkräftemangel und ein „Männerüberschuss“ – wer will da schon noch Leben und dem rechten Sog die Stirn bieten? Emanzipatorische Akteur:innen verlassen das Land, denn sie werden angegriffen und kriminalisiert. Also: Mauer drum und sich selbst überlassen? Ganz nach dem alten Tocotronic Song „Aber hier Leben? Nein danke!“

Wir wollen den Osten aber nicht aufgeben, deshalb beleuchten wir in unserem Talk, wie wir mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung die Mauer vermeiden können – denn es gibt sie (noch): Die Gegenstimmen und Linken Aktiven die in beiden Bundesländern täglich die Fähnchen hochhalten. Ob die „Zora“ in Halberstadt, das „AZ Kim Hubert“ in Salzwedel oder das „Zentrum für Randale und Melancholie“ in Schwerin: Sie organisieren Austauschräume, alternative Konzerte und Orte, die für alle Menschen offen sind. Sie brauchen unseren Support und wir zeigen euch Möglichkeiten wie dieser aussehen könnte.

Außerdem wollen wir ins Gespräch kommen. Was hat eigentlich „der Westen“ mit all dem zu tun? Warum können wir es uns nicht länger leisten unpolitisch oder inaktiv zu sein? Wie kann die Chaos-Bubble sich in die ostdeutschen Herzen hacken? Und was können wir alle tun, um gemeinsam zu preppen und uns den Herausforderungen zu stellen? 39c3

The Last of Us – Fighting the EU Surveillance Law Apocalypse

Svea Windwehr and Chloé Berthélémy

The virus of surveillance is spreading across the European Union. In the form of its „ProtectEU“ Internal Security Strategy, the European Commission is planning to attack encryption, re-introduce mandatory data retention and strengthen Europol and Frontex, the main agents of its oppressive law enforcement infrastructure. In this talk, we will journey the wastelands of the EU surveillance apocalypse together: We will take a close look at what politicians are planning to undermine our fundamental rights, the technology involved, and the real harms we must fight. From there, we will chart pathways to resistance and collective immunity against a surveillance agenda that requires us to form new alliances and re-think mobilization.

Admidst its current push to remove the rules that have protected the EU’s environment, consumer and fundamental rights, there is one area the European Commission happily calls for more regulation: Internal security. The recent „ProtectEU“ Internal Security Strategy does little to protect Europeans, and instead foresees attacks on encryption, the re-introduction of mandatory data retention and the strengthening of Europol and Frontex, the main agents of the EU’s oppressive law enforcement infrastructure. In this talk, we will introduce the strategy and its main pillars, explain its political and legal contexts, and take a look at what it would mean for our fundamental rights, access to encryption, and IT security if enacted. But not all hope is lost (yet), and together we want to chart pathways to meaningful resistance. To do so, we will help understand the maze of the EU’s lawmaking process and identify pressure points. We will then look back at past fights, lessons learned and new opportunities to act in solidarity against a surveillance agenda that is truly apocalyptic. 39c3

Trump government demands access to European police databases and biometrics

Matthias Monroy

The USA is demanding from all 43 countries in the „Visa Waiver Programme“ (VWP), which enables visa-free travel, to conclude an „Enhanced Border Security Partnership“ (EBSP). This is intended to grant US authorities direct access to police databases in these – mostly European – countries containing fingerprints, facial images and other personal data. Anyone who refuses this forced „border partnership“ faces exclusion from the visa-free travel programme.

The US demand is unprecedented: even EU member states do not grant each other such extensive direct database access – normally the exchange takes place via the „hit/no-hit principle“ with a subsequent request for further data. This is how it works, for example, in the Prüm Treaty among all Schengen states, which has so far covered fingerprints and DNA data and is now also being extended to facial images.

The EBSP could practically affect anyone who falls under the jurisdiction of border authorities: from passport controls to deportation proceedings. Under the US autocrat Donald Trump, this is a particular problem, as his militia-like immigration authority ICE is already using data from various sources to brutally persecute migrants – direct access to police data from VWP partners could massively strengthen this surveillance apparatus. Germany alone might give access to facial images of 5.5 million people and fingerprints of a similar dimension.

The USA has already tightened the Visa Waiver Programme several times, for instance in 2006 through the introduction of biometric passports and in 2008 through the ESTA pre-registration requirement. In addition, there were bilateral agreements for the exchange of fingerprints and DNA profiles – however, these may only be transmitted in individual cases involving serious crime.

Existing treaties such as the EU-US Police Framework Agreement are not applicable to the „Enhanced Border Security Partnership“, as it applies exclusively to law enforcement purposes. It is also questionable how the planned data transfer is supposed to be compatible with the strict data protection rules of the GDPR. The EU Commission therefore wants to negotiate a framework agreement on the EBSP that would apply to all member states. Time is running short: the US government has set VWP states a deadline of 31 December 2026. Some already agreed on a bilateral level. 39c3

Licensed to the public under http://creativecommons.org/licenses/by/4.0

Licensed to the public under http://creativecommons.org/licenses/by/4.0

12/25/25

netzpolitik.org – 39C3

Beim 39. Chaos Communication Congress sind auch Redakteur*innen und Autor*innen von netzpolitik.org auf der Bühne. Lest hier, wie ihr die Vorträge vor Ort oder per Stream verfolgt – und wann ihr die Redaktion persönlich vor Ort treffen könnt.

25.12.2025 um 09:25 Uhr – Sebastian Meineck

Unter dem Motto „Power Cycles“ startet am Samstag, 27. Dezember, der aktuelle Chaos Communications Congress. Mit dabei im vielfältigen Programm sind auch Menschen von netzpolitik.org. Lasst euch auf den aktuellen Stand unserer Recherchen bringen, blickt mit uns hinter Kulissen unserer Arbeit und trefft uns, wenn ihr mögt, persönlich!

Und selbst wenn ihr nicht in Hamburg dabei sein könnt: Die meisten Vorträge gibt es auch als Livestream und wenig später als Aufzeichnung unter media.ccc.de.

Tag 1: Handy weg bis zur Ausreise

📌 Samstag, 27.12., 17:15 Uhr, Ground
🔗 Handy weg bis zur Ausreise – Wie Cellebrite ins Ausländeramt kam

Seit Jahren schreibt netzpolitik.org-Redakteurin Chris Köver über Migrationskontrolle und deren Auswüchse. Im Jahr 2024 fingen deutsche Ausländerbehörden damit an, Smartphones von ausreisepflichtigen Menschen nicht nur zu durchsuchen, sondern gleich ganz zu behalten. In ihrem Vortrag schildert Chris die Konsequenzen für Betroffene und zeigt Beispiele für Widerstand.

Tag 1: Chatkontrolle – Ctrl+Alt+Delete

📌 Samstag, 27.12., 20:30 Uhr, One
🔗 Chatkontrolle – Ctrl + Alt + Delete

Wohl kaum jemand in Deutschland hat so viele Artikel über die Chatkontrolle geschrieben wie netzpolitik.org-Redakteur Markus Reuter. Gemeinsam mit CCC-Sprecherin Khaleesi berichtet er von den überraschenden Wendungen im langen Kampf gegen die Chatkontrolle. Wieso sind jetzt sogar Unions-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn (CDU) und der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, gegen diese Form der Überwachung? Und was passiert als nächstes in der EU?

Tag 2: Off/On – der netzpolitik.org-Podcast live

📌 Sonntag, 28.12., 12:30 Uhr, Sendezentrum Bühne (Saal X 07)
🔗 netzpolitik.org Off/On: Off The Record live

Seid live dabei, wenn die neueste Folge unseres Podcasts Off/On entsteht, und zwar mit einer Ausgabe „Off The Record“, in der wir euch hinter die Kulissen von netzpolitik.org mitnehmen, um unsere Arbeit transparent zu machen. Als Host wird euch netzpolitik.org-Redakteur Ingo Dachwitz begrüßen. Eingeladen sind Chris Köver, Esther Menhard und Markus Reuter. Sie sprechen über ihre Recherchen des Jahres: Wie sind sie vorgegangen, welche Hindernisse mussten sie überwinden? Und: Was haben die Recherchen ausgelöst?

Tag 2: Triff die netzpolitik.org-Redaktion vor Ort

📌 Sonntag, 28.12., 13:30 Uhr, vor dem Sendezentrum (Saal X 07)

Gut möglich, dass ihr während eurer Touren auf dem Congress ohnehin Mitgliedern der Redaktion begegnet. An diesem festen Termin habt ihr aber auf jeden Fall Gelegenheit, einige Redakteur*innen persönlich kennenzulernen oder wiederzusehen. Direkt im Anschluss zur Podcast-Aufzeichnung. Kommt gerne auf ein Getränk vorbei und schnappt euch ein paar Sticker!

Tag 3: Blackbox Palantir

📌 Montag, 29.12., 20:30 Uhr, One
🔗 Blackbox Palantir

Auch für deutsche Polizeibehörden analysiert Software des US-Unternehmens Palantir Daten. Dabei sind deren genaue Funktionsweisen unklar, die Nähe zur inzwischen rechtsradikalen US-Regierung verschärft die Bedenken. Mit Verfassungsbeschwerden engagieren sich Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) und Chaos Computer Club (CCC) gegen den Einsatz von Palantir, unter anderem in Hessen, Hamburg und Bayern. Den Stand der Dinge schildern netzpolitik.org-Redakteurin und CCC-Sprecherin Constanze Kurz sowie GFF-Juristin Franziska Görlitz.

Tag 4: Security Nightmares

📌 Dienstag, 30.12., 14:45 Uhr, One
🔗 Security Nightmares

Gegen Ende des Congress ist es wieder Zeit für Facepalm-Momente: Es geht um Albträume der IT-Sicherheit, um „fieseste Angriffe“ und „teuerste Fehler“. Auch ein Ausblick auf das Jahr 2026 wird gewagt, präsentiert von Constanze Kurz und Ron.

Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

von Netzpolitik.org

Szene vom 37C3 – CC-BY 4.0
TheDigitalRoadtrip; Bearbeitung: netzpolitik.org