07/22/26

Philippe Descola: Die Ökologie der Anderen

Philippe Descola: Die Ökologie der Anderen. Die Anthropologie und die Frage der Natur, Berlin 2024, Matthes&Seitz

Rezension von Thomas Barth

Netze aus Digitalmedien, Wissen und Macht (vgl. Foucault) sind Thema der Netzphilosophie, ihnen liegen meist unsichtbare Strukturen von Technologie, Patriarchat, Kapitalismus usw. zu Grunde, in denen sich auch ein westlicher Anthropozentrismus manifestiert. Dessen kritische Reflexion ist das Hauptanliegen von Philippe Descola, der in seinem 2011 entstandenen Essay entschieden für einen kulturanthropologischen Ansatz eintritt und auch praktisch auf Lösungsansätze zur ökologischen Krise abzielt.

Der bei Matthes&Seitz publizierte Essay wider den westlichen Anthropozentrismus und seine als universal proklamierte Dualität von Natur und Kultur wirft wichtige Fragen auf: Wie lassen sich Natur und Gesellschaft, Menschen und Nichtmenschen, Individuen und Kollektive zu einem neuen Gefüge zusammensetzen? Was sagt uns der Vergleich zwischen westlicher Naturauffassung und den Weltbildern indigener oder asiatischer Gesellschaften?

Der Lévi-Strauss-Schüler Philippe Descola skizziert in seiner anthropologische Studie die Möglichkeiten einer neuen Ökologie der Beziehungen zwischen den Entitäten, mit Blick auf die unterschiedlichen Weltanschauungen und ökologischen Paradigmen verschiedener Kulturen. Seine These ist, dass Organismen, Werkzeuge, Artefakte oder Gottheiten nicht mehr nur als ein Umfeld des Menschen aufgefasst werden, nicht mehr nur als Arbeitsmittel, Ressourcen oder äußere Zwänge. Vielmehr sollte man sie als Akteure sehen, die in jeder gegebenen Situationen mit den Menschen interagieren.

Descola ist überzeugt, dass der Verzicht auf den westlichen Eurozentrismus unabdingbar ist, um ein neues Verhältnis zu Mitmenschen und Nichtmenschen (den materiellen und immateriellen Entitäten) denken zu können, dessen Dringlichkeit er an Artensterben, Klimakollaps und Gentechnologie festmacht (S.87). Der Einführung folgen drei Kapitel mit je 3-4 Unterkapiteln, Schlussfolgerungen, Diskussion, Anmerkungen. Aus dem „Diskussion“-Teil geht hervor, dass der Text ursprünglich ein Vortrag Descolas ist, der offenbar vor einem interdisziplinären Publikum von Sozial-, Geistes- und Biowissenschaftler*innen gehalten wurde.

Spaltung in Bio- und Kultur-Anthropologie

Die Einführung beginnt mit der disziplinären Abgrenzung der Bereiche der Naturwissenschaften und der Kulturwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In Theorie und akademischer Praxis wurden dabei durch Spezialisierung die Bedingungen der Wissensproduktion zwar verbessert, aber im Grenzbereich zwischen materiellen und moralischen Phänomenen das Verständnis erschwert.

Die Anthropologie spaltete sich infolge dieses Schismas in Bio- und Kultur-Anthropologie und wurde dadurch unfähig, die Einheit des Menschen in seiner Vielfalt erfassen zu können. Die Bioanthropologie (ebenso Evolutionspsychologie oder Soziobiologie) hätten jedoch bis heute „zu keinen schlüssigen Resultaten geführt“, weil die Behandlung der Kultur hier „derart armselig“ sei, dass nichts von ihren Besonderheiten übrigbleibe. Biologistische Ansätze versagen angesichts kultureller Vielfalt des Menschen auch deshalb so kläglich, weil die „biologischen Mechanismen“ einer sozialen Tatsache so allgemein blieben, „dass sie gar nichts mehr erklären“ würden (S.8).

Die Sozial- und Kulturanthropologie, definiert als Wissenschaft der Vermittlungen zwischen Natur und Kultur, versuche dagegen, die Natur/Kultur-Dualität unserer westlichen Weltsicht zu überwinden, und damit die Differenz zwischen universeller Materialität und partikularen Wertesystemen. Dies jedoch, so die These von Descola, sei unmöglich, „solange man die menschliche Erfahrung als Resultat der Koexistenz zweier Bereiche von Phänomenen begreift, die von unterschiedlichen Prinzipien beherrscht werden.“(S.10) Stellt man den Dualismus von Natur und Gesellschaft wirklich infrage, so ergibt sich eine neue Ökologie der Beziehungen von Menschen und Nichtmenschen, Individuen und Kollektiven, die sich nicht mehr als zwischen Substanzen, Prozessen und Vorstellungen verteilt darstellen. Es ist eine Ökologie der Beziehungen zwischen Entitäten, deren ontologischer Status und Handlungsfähigkeit je nach den Positionen variieren, die sie zueinander einnehmen –und die den westlichen Anthropozentrismus überwinden soll. Descola ist mit diesen Überlegungen einzuordnen in die Neuen Materialismen, die dies aus Perspektive verschiedener Wissenschaften anstreben, etwa Donna Haraway von der Biologie und Ideengeschichte her, basierend auf der Aufklärungskritik des „fröhlichen Materialisten“ Michel Foucault.

Lévi-Strauss und „Der Streit um die Muscheln“

Im Abschnitt „Der richtige Gebrauch der Siphonen“, Siphon meint eine Molluske, beginnt Descola mit einer klassischen Kontroverse. Der Disput zwischen Claude Lévi-Strauss, dem Begründer der strukturalen Anthropologie, und Marvin Harris, dem Vordenker des kulturellen Materialismus, zeigt wie Letzterer versuchte biologische Fakten im ethnologischen Diskurs aufzuwerten. Bei der mythischen Bedeutung von bestimmten Muscheln bei zwei nordamerikanischen Kulturen wollte Harris, die komplexe Strukturanalyse von Lévi-Strauss widerlegen, indem er auf die biologischen Eigenschaften eines Weichtieres verwies, dessen gefährliche Giftstoffe sogar schon „die Aufmerksamkeit der CIA erregt“ hätten (S.16).

Der Franzose Lévi-Strauss, dessen Schüler Descola ist, parierte mit einem „Feuerwerk ethnografischer Gelehrsamkeit“ und bewies, wie sinnlos angesichts komplexer Mythologie der Bezug auf eine spezielle Molluskenart sei. Die materialistische Kulturökologie, wenn sie Riten und Tabus etwa mit angeblich verbesserter Nahrungsgewinnung erklären wolle, erliege ihrer eigenen Projektion eines „homo oeconomicus“ auf fremde Kulturen. Folge sei die Ideologie einer „imaginären Biologie“, basierend auf „einer Mischung aus naiver Teleologie und halbgelehrter Spekulation“ (S.23), so Descola im Kapitel „Die spekulative Ökologie“.

Der anthropologische Dualismus

Descola führt im Kapitel „Die zwei Naturen bei Lévi-Strauss“ diese Differenz aus: Lévi-Strauss habe im Vergleich zu Harris keineswegs einen Mentalismus vertreten, wie dieser ihm vorhielt, sondern sogar einen noch „weit radikaleren naturalistischen Ansatz“, der sich jedoch auf die „organischen Mechanismen“ der Kognition bezog (S.24). Ihm ging es um die Natur als biologischem Gerüst der conditio humana, während Harris darwinistisch-ideologisch auf den Kampf des Menschen in und mit der Natur fixiert war (der sich in der Figur des homo oeconomicus ideologisch verdichtet). Lévi-Strauss hätte letztlich eine monistische Erkenntnistheorie empfohlen, in welcher „Eigenschaften des Kosmos und die Zustände der Subjektivität einander entsprächen“ (S.27). Diese physikalistische Erkenntnistheorie habe freilich später viele dazu geführt, in der strukturalen Anthropologie „ein Verfahren verlockender Einfachheit“ zu sehen (S.31). Es gelte jedoch auch der Komplexität des Realen Rechnung zu tragen, so Descolas Mahnung zu einer Lévi-Strauss weiter entwickelnden Reflexion der Grenze zwischen Natur und Kultur. Der Schüler wächst über seinen Meister hinaus.

Descolas Einstieg in die vertiefte Reflexion ist der philosophiegeschichtlich bedeutsame Dualismus Spinozas von „Natura naturans und natura naturata“, der den Gegensatz einer „schaffenden Natur“ als (göttlicher) Quelle der Determination zu einer „geschaffenen Natur“ als deren Aktualisierung bezeichnete. Laut Descola, begründete dieser Dualismus den Nachteil, dass Zwischenzustände ausgeschlossen würden und die Anthropologie sich noch immer zwischen Zwängen des Geistes und der praktischen Determination eingeschlossen sehe. Konkretisiert hätte sich diese Trennung in den 1880er-Jahren durch die Trennung von Natur- und Kulturwissenschaften durch den Neukantianer Rickert. Diese Teilung der Wissenschaften in Gegenständen und Methoden hätte, als universell-transhistorische Erkenntnis verstanden, in den Eurozentrismus geführt, aus dem die Anthropologie sich heute mittels epistemologischer Reflexion lösen müsse (S.39).

Ein paradoxer Gegenstand: Technik – Sprache – Mensch

Descola stellt die Anthropologie nunmehr als Wissenschaft der Kulturen vor, die in ihrer Vermittlung von Mensch und Natur untersucht würden. Mittels Technik, Sprache, Symbolen und der „Fähigkeit, sich in Kollektiven zu organisieren“ sei der Mensch den rein biologischen Kontinuitäten unserer tierischen Vorfahren teilweise entkommen. Ein Umstand, auf den vor allem Materialisten verweisen, die einen ökologischen oder technischen Determinismus vertreten. Aber auch jene, die sich auf die symbolischen Dimensionen der Kultur bezögen, hätten Werkzeuggebrauch und Naturunterwerfung als Wesenszug des Menschen im Sinn. Die Kontinuität bzw. Diskontinuität zwischen Natur und Kultur sei daher „das allgemeine Problem jeder Ethnologie“, so zitiert Descola den Foucault der „Ordnung der Dinge“ (S.40).

Verfechter einer geschaffenen Natur (was sich jedoch nicht wie einst bei Spinoza auf Gott, sondern heute auf den Menschen bezieht) wie Marshall Sahlins knüpften dabei auch an den jungen Marx an. Der interessierte sich, noch von Hegels Dialektik geprägt, „für die humanisierte und durch die Praxis historisierte Natur“ (S.42). Für Sahlins entfalte sich das Wirken der Natur in Begriffen der Kultur, die damit die Natur konstituiere. Descola bekennt, er habe daher völlig darauf verzichtet, „das anthropologische Problem im Rahmen von Natur und Kultur zu formulieren“, um den in dieser Differenz steckenden Eurozentrismus zu überwinden (S.44).

„Apostel der schaffenden Natur“ stützten ihren technischen Determinismus dagegen auf den reifen Marx und einen vereinfachten historischen Materialismus. Auf der Stufe der Produktivkräfte wäre Natur nur noch durch „Werkzeuge und Know-how vermittelte physische Voraussetzung“ einer die Produktionsweisen bestimmenden Technik; auf der Stufe der Produktionsverhältnisse sei Natur nur noch Ressource, die in Gebrauchs- oder Tauschwerte umgewandelt würde; die „Ideen, die den Gebrauch der Natur organisieren“, kritisiert Descola, wären damit lediglich noch „ideologische Nebenprodukte einer als objektiv geltenden Praxis“ (S.45).

Kontroversen und Konvergenzen

Die Anthropologie bediente sich von Beginn an der Methoden anderer Wissenschaften, was laut Descola oft zu einer „Verarmung und Vereinfachung“ ihrer eigenen Erklärungsmodelle führte. Malinowski etwa, ein Gründervater der modernen Anthropologie postulierte ein Kontinuum zwischen dem Natürlichen und dem Kulturellen, das zum Übernehmen biologischer Methoden (und damit Sichtweisen) zwinge (S.46). Durch die Annahme „abgeleiteter Bedürfnisse“ gelang es Malinowski,der „ein zu guter Ethnograf“ war, um simple Kausalbeziehungen von Biologie und Kultur zu behaupten, komplexere Phänomene zu erfassen. Aber auch er fiel einem „funktionalen Finalismus“ zum Opfer, der Kultur durch meist ebenso banale wie spekulative Zwecke erklären zu können glaubt. Es ist beispielsweise „…eine Binsenweisheit zu behaupten, dass der Bau einer Unterkunft das Bedürfnis nach körperlicher Behaglichkeit oder Schutz beantwortet, denn man sieht nicht recht ein, was es zur gotischen Architektur aussagen könnte, wenn man sich lediglich auf diese Bedürfnisse beruft.“ (S.48) Derartige Binsenweisheiten verschleiern nur das Unvermögen, Inhalte und Bedeutungen sozialer Institutionen zu analysieren, die sich in Bauwerken ebenfalls manifestieren. Soziobiologen treiben diesen funktionalen Finalismus auf die Spitze, wenn sie alles Mögliche auf angeblich genetische Zwecke und Verbindungen zurückführen zu können meinen. Einer der verschwommensten und am stärksten mit Finalismus befrachteten Begriffe ist der der „Anpassung“, den die Kulturökologie leider übernommen habe.

Wahrheit und Religion: Jedem seine Natur

Ausgehend von einer Kritik wissenschaftlicher Diskurse über Wahrheit und Glaubensvorstellungen ergründet Descola „Das Geheimnis der Modernen“, „Monismus und Symmetrien“ sowie „Universalismus und Relativismus“. Emile Durkheim ist ihm Zeuge einer der selbstkritischen Reflexion aufgeschlosseneren Herangehensweise, da er die Auffassung zurückwies, Religionen seien nur rudimentäre Theorien der physischen Welt. Vielmehr bilde Religion für Durkheim ein Begriffssystem, „mit dessen Hilfe sich die Individuen die Gesellschaft vorstellen, deren Mitglieder sie sind, sowie die zwar dunklen, aber engen Beziehungen, die sie zu ihr haben.“ Als westliche Kolonisatoren fremde Kontinente eroberten, angeblich um den Wilden die Zivilisation zu bringen, unterdrückten sie auch deren erst als heidnisch verketzerten, dann als Aberglauben abgetanen Religionen. Die Modernen, gibt Descola (vielleicht ironisch) zu bedenken, blockierten sich damit auch eine Möglichkeit der Selbstreflexion (die sie vermutlich auch weniger im Sinn hatten). Wenn die Modernen sich selbst als einzige Kultur verstehen, die „ihre Universalitätsansprüche auf ihre Fähigkeit gründet, eine natürliche Ordnung einzugrenzen und ihre Gesetze zu entdecken“, habe dies den Nachteil, „die Aufgabe ungemein zu erschweren“, diese universalistische Kultur zu verstehen.

„Die Verherrlichung der Wissenschaft als Archetypus des gültigen Wissens und transzendentale Quelle der Wahrheit“, so Descolas leicht sarkastische Anmerkung, behindere „jedes Nachdenken über die bizarre Kosmologie, die wir zu schaffen verstanden“. Die Trennung zwischen jener homogenen und allein uns transparenten Natur und den heterogenen Kulturen der Anderen könne nicht infrage gestellt werden. Denn dadurch würde „das majestätische Gleichgewicht des modernen Gebäudes bedroht“ und der Vorrang untergraben, „den es sich gegenüber der disparaten Ansammlung armseliger Hütten anmaßt, auf deren Trümmern es errichtet wurde.“ (S.67)

Diskussion

Descolas Denkansatz der Überwindung des Natur/Kultur-Dualismus berge mithin immenses kritisches Potential zur Analyse der Zusammenhänge von kolonial-kapitalistischer Ausbeutung der Welt sowie deren Zusammenhang mit einer westlichen Wissenschaft und ihren universalistischen Ansprüchen. Diese würden vielleicht auf ideologische Vormachtansprüche hinauslaufen, die andere weiterhin, wenn auch -inzwischen angesichts zunehmender antikolonialistischer Kritik- hinter vorgehaltener Hand, als Primitive betrachtet, die es zu zivilisieren gilt. Dies versucht der Westen leider nicht durch das Vorleben einer aufgeklärten Selbstreflexion eigener Verfehlungen und Verbrechen. Vielmehr zeigt auch jüngste Weltgeschichte, dass dies vorzugsweise in neokolonialer Manier durch Waffengewalt geschieht oder durch ökonomische Erpressung, vornehmer „Sanktionen“ genannt. Und wie die angeblich missionierenden Spanier die zwangs-christianisierten Indios als Sklaven in Silberbergwerken wie Potosi sich zu Tode schuften ließen, liegt auch heute ein ausbeuterisches Motiv selten sehr fern, sei es nun Erdöl oder seltene Erden.

Wie ist der tief verwurzelte Dualismus Natur/Kultur aber netzphilosophisch einzuordnen? Vielleicht als bedeutsame und bislang nicht oft fokussierte Basis epistemologischer Ausschließungen? Foucault verwies auf diskursive Tabus und Kanalisierungen: „Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“ (L’ordre du discours, p.9f.)

Der Kapitalismus will die Natur als Objekt seiner Ausbeutung genauso verfügbar machen wie die Kultur, das Patriarchat ordnet der Frau die biologische Funktion der Kinderproduktion bei, dem Mann die der technologischen und kulturellen Produktion. Solche Dualismen, die Machtnetze ideologisch rechtfertigen, zu hinterfragen ist Aufgabe kritischer Wissenschaft. Descola zielte auf einen fundamentalen Dualismus westlicher Weltanschauung und unterlief dabei auch disziplinäre Ausschließungsmechanismen -den zwischen Natur- und Kulturwissenschaften.

„In einer Gesellschaft wie der unseren kennt man sehr wohl Prozeduren der Ausschließung. Die sichtbarste und vertrauteste ist das Verbot. Man weiß, daß man nicht das Recht hat, alles zu sagen, daß man nicht bei jeder Gelegenheit von allem sprechen kann, daß schließlich nicht jeder beliebige über alles beliebige reden kann. Tabu des Gegenstandes, Ritual der Umstände, bevorzugtes oder ausschließliches Recht des sprechenden Subjekts – dies sind die drei Typen von Verboten, die sich überschneiden, verstärken oder ausgleichen und so einen komplexen Raster bilden, der sich ständig ändert.“ Foucault, L’ordre du discours, p.10

Die in manchen Diskursen gepflegte Rede von den „zwei Kulturen“ der (Natur-) Wissenschaft und der Künste spiegelt den Natur/Kultur-Dualismus in extremer Weise. Für den von ihm benannten Lehrstuhl für „Anthropologie der Natur“ wählte Descola absichtsvoll ein Oxymoron, das die moderne (oder nach Descola „naturalistische“) Weltsicht ad absurdum erklärt: Die Natur wird als das vom Menschen Gemachte untersucht (S.114). In diesem Sinne plädiert Descola dafür, diePerspektiven indigener Völker ernst zu nehmen, die Natur nicht als Objekt, sondern als Netzwerk von Beziehungen begreifen. Für viele indigene Gruppen sind Tiere, Pflanzen und Land nicht passive Ressourcen, sondern soziale Akteure mit Rechten und Agency. Diese Sichtweise fordert den westlichen Anthropozentrismus heraus und bietet Ansätze für eine post-dualistische Ökologie.

Descola vertritt die Ansicht, dass die westliche Trennung von Natur (als objektiver, physikalischer Welt) und Kultur (als menschlicher Deutungsebene) keine universelle Wahrheit, sondern ein historisch gewachsenes Konstrukt ist. Damit will er keineswegs den praktischen Wert moderner Wissenschaft bestreiten, etwa den Nutzen in der Medizin. Diese Dichotomie führe jedoch zu einer instrumentellen Haltung gegenüber der Umwelt –Natur wird als Ressource, als „Anderes“ des Menschen, betrachtet. Diese Haltung führt zu ausbeuterischen Verhältnissen zur Natur, aber auch zu Mitmenschen.

„Die Ökologie der Anderen“ ist mithin ein Plädoyer für ontologische Vielfalt. Descola zeigt, dass die westliche Trennung von Natur und Kultur nicht alternativlos ist, sondern eine von vielen Möglichkeiten, die Welt zu ordnen. Indem er indigene Perspektiven in den Vordergrund stellt, fordert er dazu auf, die Umweltkrise nicht nur als technisches, sondern als ontologisches Problem zu begreifen – und nach neuen Wegen des Zusammenlebens mit der nicht-menschlichen Welt zu suchen. Das Buch ist auch eine Kritik am Kolonialismus und an der globalen Umweltkrise. Descola argumentiert, dass die westliche Ausbeutung der Natur direkt mit der ontologischen Trennung von Mensch und Umwelt zusammenhängt.

Eine nachhaltige Zukunft erfordert daher nicht nur technologische Lösungen, sondern einen radikalen Perspektivwechsel zu einer relationalen Ökologie, die Nicht-Menschen als gleichberechtigte Partner anerkennt. So würden die verschiedenen Weltanschauungen versöhnt und die Beziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen (Pflanzen, Tiere, Flüsse, Geister) aus diversen Perspektiven betrachtet, ohne dem westlichen Naturalismus als einziger Sichtweise Rationalität zuzuschreiben und ihr damit eine dominierende Stellung zu verschaffen.

Was sagt uns nun die Kritik von Descola im Hinblick auf die netzphilosophisch-posthumane Perspektive etwa von Michel Foucault? Gesellschaftliche Instanzen wie Verwandtschaft, Religion, Politik oder Ökonomie besitzen selbstverständlich formale Eigenschaften, so Descola, die ihrer sozialen Funktion gerecht werden. Kulturökologische Erklärungen ihrer kulturellen Ausprägung durch so formulierte „formale Ursachen“ laufen jedoch auf finalistische Binsenweisheiten hinaus, die schlimmstenfalls noch ideologische Perspektiven transportieren. Was hier als Kausalbeziehung ausgegeben werde, sei jedoch nur „die Behauptung einer einfachen Buchführung zwischen einer kulturellen Form und einer biologischen Funktion.“ Zwischen tautologischen formalen Ursachen und einer teleologischen Endursache schwankend, entgehe die Kulturökologie „nicht dem Dilemma, in dem sich Malinowskis Reduktionismus einschloss.“ (S.50) Descola gelingt es, sich von einem aus Knotenpunkten in Machtnetzwerken gesponnenen menschlichen Antlitz zu lösen, das verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand -vor seinem anthropologischen Blick, der den Menschen als Ding sieht, vernetzt mit anderen Dingen.

Fazit

Descola plädiert für eine Erweiterung unseres ökologischen Denkens, das die Vielfalt menschlicher Weltbilder anerkennt und die Grenzen zwischen Kultur und Natur hinterfragt. Seine Arbeit trägt dazu bei, ökologische und kulturelle Differenzen nicht nur zu tolerieren, sondern als wertvolle Perspektiven im globalen Umweltdiskurs zu begreifen. Das Buch bietet eine kritische Reflexion über die westliche Vorstellung von „Natur“ und alternative Perspektiven aus indigenen und nicht-westlichen Kulturen, eben „Die Ökologie der Anderen“.

Philippe Descola: Die Ökologie der Anderen. Die Anthropologie und die Frage der Natur, Berlin 2024, Matthes&Seitz, 131 Seiten, Broschur, Übersetzung: Eva Moldenhauer, Preis: 12,00 €, ISBN 978-3-7518-4510-6 https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/die-oekologie-der-anderen.html

Philippe Descola, geboren 1949 in Paris, ist Professor für Anthropologie, Schüler des berühmten Anthropologen Claude Lévi-Strauss, des Nestors der strukturalistischen Kulturanthropologie; Descola ist dessen Nachfolger am renommierten Collège de France und Leiter des Laboratoire d’anthropologie social; Descola wurde kürzlich vom Sender ARTE in der Reihe „Mit offenen Ideen“ interviewt („Wer hat die Natur erfunden?“) und von ihm erschien auf Deutsch auch „Jenseits von Natur und Kultur“. Laut Impressum erschien das französische Original 2011.

Quellen

Descola, Philippe: Die Ökologie der Anderen. Die Anthropologie und die Frage der Natur, Berlin 2024, Matthes&Seitz Verlag.

Philippe Descola in der ARTE Mediathek: „Wer hat die Natur erfunden?“ „Sendereihe Mit offenen Ideen“ (Abruf 1.5.2026)

Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses (Or. L’ordre du discours, 1972), Fischer, Frankf./M. 1974, S.9f

Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge, Frankfurt/M. 1974, Suhrkamp Verlag.

Hoppe, Katharina: Donna Haraway zur Einführung, Hamburg 2022, Junius Verlag.

07/1/26

Graphic Novel: Elon & Jeff on Mars

Rezension von Thomas Barth

Marc-Uwe Kling & Bernd Kissel: Elon & Jeff on Mars, Carlsen Comics, 66 S., 20,00 Euro

Jeff (nicht Bezos, sondern Jezos) kommt etwas sympathischer rüber, wenn auch ziemlich dümmlich. Elon (nicht Musk, sondern Dusk) wirkt dagegen deutlich durchgeknallter und politisch gesagt: faschistoider -man sollte eben nicht mit fanatisch verzerrter Grimasse den Arm zum Hitlergruß hochreißen. Beide werden in einen Wettbewerb um den Mars geschickt, den Elon zunächst gewonnen zu haben scheint…

Elon Musk und sein gigantisches Konzern-Imperium beschäftigen uns bei Netzphilosophie immer wieder, ebenso Jeff Bezos mit Amazon oder Big Tech generell- was meist nicht sehr lustig ist. Da bietet jetzt eine Satire angenehme Abhilfe: Das Comic, das auf recht erheiternde Weise und sogar mit politisch-kritischem Anspruch zwei der umstrittensten Tech-Barons der Internet-Wirtschaft ins Visier nimmt. Und uns dabei ebenso charmant wie subtil ein paar Ideen von G.W.F.Hegel und Karl Marx vermittelt.

„Elon & Jeff on Mars“ kam leider etwas zu früh heraus: Erst vor Kurzem gelang es Elon Musk mit dem Börsengang seiner (krass überbewerteten) Firma SpaceX eine magische Grenze zu überschreiten: Der rechtsextreme Tech-Tycoon wurde zum ersten (offiziellen ) Billionär der Menschheitsgeschichte. Das konnten die Satiriker Marc-Uwe Kling und Bernd Kissel noch nicht wissen. Schade. Da wären noch einige Gags mehr drin gewesen.

Wie sehen die Satiriker die beiden vielleicht reichsten Oligarchen der Welt? Multimilliardär Jeff Jezos hat eine riesige Nase, glänzende Glatze und ein schlichtes Gemüt -er hat als Begleitung seinen Teddybären mitgenommen und will später mit Elon kindisch Kaufladen spielen. Elon Dusk kennzeichnen eine elegante Haartolle, arroganter Gesichtsausdruck und bis zur Debilität ausgereizter Größenwahn. Seine Firma heißt nicht Space- sondern Race-X (dezente Anspielung auf seinen Rassismus?); er spielt lieber mit lebenden Menschen und seine Angestellten müssen Halsbänder tragen, mit denen er ihnen Elektroschocks erteilt -bei mangelnder Unterwürfigkeit oder einfach so zum Spaß.

Die beiden zusammen auf dem Mars? In ihren sich selbst automatisch aufbauenden Bodenstationen, die zum Ärger von Elon auch noch direkt nebeneinander liegen, gibt es schnell einen Nachbarschaftsstreit. (Es folgen ein paar Dialogauszüge, teils leicht verändert um Gags zu erhalten.) Elon knallt Jeff die Tür seiner Station vor der Nase zu: „Keine mittellosen Migranten!“ Der versönliche Jeff, der erst als Zweiter landen konnte, will Elons Freund sein, macht aber immer wieder Fehler. Ein wütender Elon: „Du hast deine Raumstation direkt in mein Sonnenaufgangspanorama gesetzt! (Er meint natürlich Jeffs Marsstation.) Kaum sind Menschen hier, ist der Planet ruiniert -du rücksichtsloser Egoist.“

Jeff: Ich denke immer nur an mich. Wofür hältst du mich? Einen Sozialisten?

Elon: Ich halte jedenfalls mich für ein Genie. Jeden Cent, den ich verdient habe, habe ich durch meine übermenschliche Brillanz verdient. Hast du dich schon mal gefragt, warum die Leute keine Milliardäre mögen?

Jeff: Die Leute mögen uns nicht?

Elon: Manche reden davon, dass es uns nicht geben dürfte.

Jeff: Vielleicht finden sie es unsympathisch, dass der reichste Mann der Welt den Armen das Essen und die Medizin gestrichen hat -so wurden unzählige in den Tod geschickt. (Das spielt auf Musk als DOGE-Boss von Trump an, der ein Kettensägen-Massaker am ohnehin mickrigen Sozialstaat der USA anrichtete.)

Elon: Unsinn, da sterben doch bloß Arme und nicht mal Arme mögen Arme, sonst würden sie uns nicht wählen.

Jeff: Du wurdest nicht gewählt.

Elon: Nebensächlich. Ich hatte mich ehrlich an die Macht gekauft.

Jeff: Vielleicht mögen sie nicht, dass die „Philanthropie“ vieler Milliardäre sich darauf beschränkt, libertäre Free-Market Think Tanks zu finanzieren, die eine Politik propagieren, durch Steuergeschenke die Reichen reicher zu machen? Dass die hundert Reichsten mehr haben als die arme Hälfte der Menschheit?

Elon: Falsch. Es ist der pure Neid.

Jeff: Echt schade, dass die uns das nicht gönnen.

Manchem Milliardärs-Spezi gönnen Jeff und Elon selber aber auch nichts: Dem Facebook-Gründer Marc Zuckerberg. z.B.

Elon: Suckerzwerg? Ich hasse ihn.

Jeff: Stell dir vor, du hättest dein Geld mit einem Tool gemacht, dass so scheiße programmiert ist wie Facebook!

Elon: Peinlich.

Aber ein Problem haben die beiden Milliardäre: Keiner will den Abwasch machen.

Jeff: Warum hast du kein Personal mitgenommen?

Elon: Warum Wohl? Was hier auf dem Mars würde den Knecht davon abhalten, sich zum Herrn zu machen?

So kommt Hegels wohl berühmteste philosophische Metapher von Herr & Knecht über Karl Marx und den Carlsen-Verlag in die Welt der Comics. Auch die Sozialpsychologie der Reichtumsforschung wird nicht vergessen, denn man merkt: Die beiden Tycoone fühlen sich als Ultrareiche in einer unterdrückten und verfolgten Minderheit, trotz der bestochenen Politiker, der manipulierten Öffentlichkeit und der Medienkonzerne „die uns oder unseren Freunden gehören“ und die die öffentliche Agenda bestimmen. Und darum drängte es sie zum Mars. Wo sie keine Neider verfolgen oder bettelnde Horden, etwa vom Finanzamt.

Auch insoweit dürften die Satiriker die Weltanschauung vieler Überreicher treffend beschreiben. Deren Motto lautet oft: Steuern zahlen? Das sollen mal die Armen, denn die brauchen den Sozialstaat -ich werden nicht arbeitslos und wenn ich ein Krankenhaus brauche, kaufe ich mir eins. Sollte ihr Privatjet abstürzen erwarten sie natürlich trotzdem Hilfe von unserem öffentlichen Gesundheitssystem -soviel Humanität darf ein Transhumanist ja wohl verlangen.

So raufen sich Elon und Jeff auf der kargen Marsoberfläche mal herum, mal zusammen. Dabei sind die beiden zunächst nicht allein auf dem Mars: Filmstar Matt Damon soll für Elon Dusk „Der Marsianer“ nachspielen, wenn ihm langweilig wird. Ein ultrareiches Genie braucht keine Filme gucken, er lässt sie sich vorspielen (z.B.“Titanic“ auf seiner Luxusyacht). Die Korrumpierbarkeit von Film, Kunst und Kultur wird nebenbei satirisch aufgespießt.

Auch das Thema (schlecht funktionierender) Roboter, KI und drohende Putsche von Privatsöldnertruppen bei Milliardären werden humoristisch umgesetzt. Einziges Manko: Frauen kommen nicht vor -vielleicht aber eine realistische Spiegelung der Bro-Männerwelt. Das Comic wartet mit einer überraschenden Themenvielfalt und vielen gelungenen Gags auf -selten wurde der absurde Kapitalismus der Netzkonzerne so unterhaltsam dargestellt. Ob es bei Amazon ganz oben in der Empfehlungsliste landen wird, darf jedoch bezweifelt werden.

Marc-Uwe Kling & Bernd Kissel: Elon & Jeff on Mars, Kolorierungsassistenz: Jan Thüring & Ralf Marczinczik, Carlsen Comics, Hamburg 2025, 66 S., hardcover 20,00 Euro

06/18/26

Deutschland: Systematische Armut

Sirkka Jendis : Armut hat System. Warum wir in Deutschland eine soziale Zeitenwende brauchen, Bundeszentrale für Politische Bildung, BPB-Schriftenreihe Bd.11237, Bonn 2015.

Rezensiert von Thomas Barth

Die wachsende soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft, die 14 Millionen Menschen in die Armut treibt, ist ein in den Medien weithin verschwiegener Skandal. Im drittreichsten Land des Planeten (seit Deutschland Japan im BIP überholt hat) schwadroniert ein Kanzler Merz über Wohlstand, den „wir“ uns angeblich nicht mehr leisten können, und meint damit: den ohnehin durch zu viele Sparmaßnahmen ausgedünnten Sozialstaat. Merz verschweigt und wird medial kaum korrigiert: 2025 ist die Gesamtzahl der Milliardär*innen in Deutschland trotz Krise um ein Drittel auf 172 gestiegen und ihr Gesamtvermögen stieg 2025 inflationsbereinigt um 30 Prozent auf 840 Milliarden US-Dollar (Oxfam 2026). Das hat auch Auswirkungen auf unsere Demokratie, weil Verteilungskämpfe mit Hetze gegen Migranten verknüpft werden und rechtsextreme Politik immer mehr Anhänger*innen gewinnt -trotz vielfacher Gegenwehr (vgl.Urban). Die Autorin dieses Buchs ist Geschäftsführerin von Tafel Deutschland und weiß aus Erfahrung, wie Armut in Deutschland aussieht.

Jendis befindet nach ebenso kritischer wie anschaulicher Analyse, dass Armut in Deutschland System hat: Steuergeschenke für Reiche, neoliberale Ideologie und Abbau der Demokratie gehen Hand in Hand mit dem medialen Verschweigen oder Kleinreden der Gerechtigkeitslücke bei Einkommen und Vermögen. In Deutschland sind 14 Millionen Menschen von Armut betroffen, das sind 17 Prozent der Bevölkerung. Die Tafeln unterstützen bis zu 2 Millionen Menschen mit geretteten und gespendeten Lebensmitteln. Die Tafeln bieten mehr als nur abgelaufene Nahrung, sind auch Begegnungs- und Beratungsstellen für vereinsamte, depressive Arme, organisieren Nachhilfe für bildungsbenachteiligte Kinder verarmter Familien. Die Autorin zeigt, wie Armut im Alltag ausgrenzt, einschränkt, und stigmatisiert. Sie zeigt auch, welche Ursachen dies hat und wie die Politik eingreifen sollte.

Aufbau und Inhalt des Buches

Nach Geleitwort von Andreas Steppuhn, dem Vorsitzenden von Tafel Deutschland, und Vorwort von Prof. Marcel Fratzscher (DIW) stimmt uns die Einleitung: „Die Tragödie der Armut“ auf das bedrückende Thema ein. Sirkka Jendis berichtet von ihren Erfahrungen bei Tafel Deutschland, dem Ansturm in Folge erst der Covid-Lockdowns und dann des Ukrainekriegs mit vielen Flüchtlingen und Energiepreisexplosion, Inflation, Wirtschaftsflaute: Jede Krise trieb den Bedarf bei den Tafeln höher, während Nahrungsmittelspenden weniger wurden. Es wurden Wartelisten für die Bezieher von Lebensmitteln nötig und viele Bedürftige mussten sogar abgewiesen werden. Jendis weist daraufhin, dass die Tafeln “nicht zu den staatlichen Versorgungseinrichtungen ” gehören, viele Menschen wüssten dies nicht und glaubten, sie hätten rechtlichen Anspruch auf Hilfe bei den Tafeln. “Zumal Geflüchtete aus der Ukraine von teilweise komplett überforderten Behörden an uns Tafeln verwiesen wurden…” (S.23). Eine “zunehmende soziale Kälte” sieht sie weniger bei den Menschen “als vielmehr in der politisch und medial ausgetragenen Debatte” (S.29). Nicht nur die Politik ist also Ziel ihrer Appelle, sondern auch die Medien -jene Medien, deren Aufgabe eigentlich wäre, selbst aktiv Missbräuche und skandlöse Verhältnisse aufzudecken und Lösungen von der Politik zu einzufordern. Es erweist sich damit, dass in den sozialen Bereichen unserer Gesellschaft das Vertrauen in die Medien bröckelt, dass die Medien selbst als Teil der Probleme erkannt werden.
Kapitel 1 „Arm in einem (immer noch) reichen Land…“ Jendis klärt uns darüber auf, wovon wir reden, wenn wir von Armut reden: Über Ausgrenzung von sozialer und kultureller Teilhabe als Basis der eigentlich grundrechtlich garantierten Menschenwürde. Es ist zynisch der Mutter, die ihren Kindern keine Nachhilfestunden, Weihnachtsgeschenke oder angemessene Kleidung finanzieren kann, vorzuhalten, verglichen mit Armut bei verhungernden Afrikanern sei dies ein Klagen auf “hohem Niveau”. Dennoch würden, so kritisiert die Autorin unsere Medien, Berichte und Meldungen „über Armut in Deutschland auch heute noch regelmäßig mit Obdachlosen bebildert, die mit gemalten Schildern in Einkaufsstraßen sitzen…“ (S.39) Dabei würden gerade diese absolut Armen hierzulande von Armutsstatistiken teilweise gar nicht erfasst. Außerdem wird so die Armut in ein entwürdigendes Klischee gepresst und die Lage der (noch) nicht obdachlosen Armen verharmlost. Denn ganz so schlecht wie den von ARD & Co. stereotyp gezeigten Bettlern geht es den meisten Armen ja doch noch nicht. Die Masse der Armen wird damit auch noch vertuscht, denn man sieht nur wenige Bettler, nicht die 14 Millionen Menschen, die von Armut betroffen oder „armutsgefährdet“ sind. Es sind inzwischen 17 Prozent der Einwohner Deutschlands, die hier medial beleidigend abgefertigt werden. Wer über Armut spreche (und unsere Journalist*innen tun das selten genug), meint Jendis weiter, dürfe über Reichtum nicht schweigen. Reiche und Superreiche hätten sich trotz ihrer explodierenden Privatvermögen immer mehr aus der Solidarität verabschiedet und es sei sogar „eine regelrechte Steuervermeidungsindustrie entstanden“ (S.64). Diese macht Milliardäre und Millionäre noch reicher und die sie beratenden Steuerfachjuristen oft zu Millionären. Geschrieben am Ende der Kanzlerschaft von Olaf Scholz, ahnte Jendis noch nicht, dass schon bald solch ein Fachjurist das Land regieren würde: Friedrich Merz (vgl. Barth 2009).

Kapitel 2 „Arm und (allein-)erziehend – Kinderarmut und Chancengerechtigkeit“ macht klar, dass Kinderarmut ein Todesurteil für die von Neoliberalen oft behauptete Chancengleichheit in unserer Gesellschaft ist. Es fehlen den alleinerziehenden (meist) Frauen bitter nötige Dinge für ihre Kinder: Kleidung, Schulbedarf, sogar Nahrungsmittel. Die Tafeln bieten vielerorts Schülern besondere Hilfen an, um auch die Bildungsungerechtigkeit zu bekämpfen. Jendis verweist immer wieder auf die engagierten Menschen, die ehrenamtlich die Tafeln am Laufen halten (es sind ca. 60.000 Ehrenamtliche in ca. 2000 Ausgabestellen); etwa beim Angebot von Nachhilfe für Bildungsbenachteiligte Schüler*innen: „In Offenburg sind das in erster Linie ehemalige Lehrer*innen, aber auch Student*innen oder ältere Schüler*innen, die in der Regel in einem wöchentlichen Rhythmus Nachhilfe anbieten. Seit 2014 stehen dafür dank einem Unterstützer eigene Räumlichkeiten mietfrei zur Verfügung. Spartanisch, aber funktionell mit ausrangierten Möbeln von der örtlichen Sparkasse und vom Turnverein ausgestattet.“
Kapitel 3 „Arm trotz, wegen und ohne Arbeit – zwischen Niedriglohn und Bürgergeld“ beginnt mit einer persönlichen Erfahrung des medialen Umgangs mit dem Thema: Im ZDF-Talk von Maybrit Illner saß Jendis am 3.11.2022 u.a. dem CDU-General Carsten Linnemann gegenüber, der gegen die von Olaf Scholz geplante Hartz IV-zu-Bürgergeld –Reform “wetterte”. Linnemann berief sich auf eine just publizierte Studie des neoliberalen “Kiel Institutes für Weltwirtschaft” (IfW Kiel) dessen Ökonomen ermittelt haben wollten, dass sich Arbeit “in sechs von acht überprüften Erwerbskonstellationen” dann nicht mehr lohnen würde, weil der Bürgergeldanspruch höher liege. Nur zwei Tage später berichtet, so Jendis, das Handelsblatt online, man hätte so viele kritische Leserzuschriften zur Methodik der IfW Kiel-Studie erhalten, dass das IfW diese von ihrer Website genommen hätte. “Da waren die Gerüchte aber schon in der Welt und hielten sich hartnäckig.” Als das Bürgergeld zwei Jahre später erhöht werden sollte, hätte der damals noch nur CDU-Chef Friedrich Merz “ungerührt” das von den Kieler produzierte Anti-Bürgergeld-Narrativ herbeizitiert. (S.111) Tafel Deutschland würde als Antwort darauf eine Anhebung des Mindestlohns auf mindestens 15 Euro pro Stunde fordern (S.125). Der Niedriglohnsektor mit seinen Minijobs sei eine Armutsfalle und Bürgergeld statt Hartz IV – das sei ohnehin nur wenig mehr als ein neuer Name gewesen.
Kapitel 4 Arm und alt – Demografie, Menschenwürde und Einsamkeit“ macht uns mit dem Problem „Riestern statt Solidarisieren“ bekannt, fragt nach der Grundsicherung im Alter und fordert ein Altern in Würde. Die Unsicherheiten bei der Rentenversicherung werden diskutiert, auf Scham, Stress und Einsamkeit als Folgen von Krankheit und Altersarmut hingewiesen; Fazit: Arm macht krank, krank macht arm: Von der Kinderarmut über Minijobs und Arbeitslosigkeit in die Altersarmut –so sieht die Perspektive der unteren Hälfte der deutschen Bevölkerung aus, die über nur 0,5 Prozent des Privatvermögens verfügt: Über praktisch keine Rücklagen. Wie zynisch ist es, diesen ökonomisch abgehängten Menschen die Vorzüge einer Alterssicherung durch Geldanlagen in Aktien und Immobilien immer wieder unter die Nase zu reiben, wie Kanzler Merz nicht müde wird.
Kapitel 5 Arm mit Migrationsgeschichte – zwischen (Nicht-)Willkommenskultur und Fachkräftemangel packt sehr heiße Eisen an: In unseren Medien wird immer wieder Migration, sprich: Zuwanderung, als Problem thematisiert, statt als Lösung. Angeblich sei man von der AfD vor sich her getrieben und könne nicht anders, so führende ARD-Journalisten wie etwa Alexander Teske, dem die ARD-Tagesschau sogar nicht AfD-konform genug berichtet hätte. Jendis weist dagegen darauf hin, dass ohne 63.000 ausländische Ärzt*innen (meist aus Syrien und Rumänien) das Gesundheitssystem am Ende wäre und sorgt sich auch um den Braindrain in den Herkunftsländern (S.190); der Missstand ist die hierzuland defizitäre Bildung und Ausbildung, nicht die Migration.
Kapitel 6 Arm und außen vor – soziale Ungleichheit und Demokratiegefährdung
Mit jeder Krise, so Jendis , wachse die Ungleichheit: Beim Gini-Vermögensindex sei Deutschland “eine der ungleichsten Demokratien der Welt”, nur knapp hinter den USA; die reichere Hälfte der Deutschen besitze 99,5 Prozent, die reichsten zehn Prozent davon allein schon 67 Prozent aller Vermögen (S.200). Diese frappierende Ungleichheit untergrabe auch die Demokratie, weil die Reichen “mittels Parteispenden und Lobbying die politische Agenda und Willensbildung beeinflussen können”, dies verringere die Anstrengungen der Politik, Benachteiligte zu unterstützen und etwa die Vermögen gerechter zu besteuern (S.201). Unter der Überschrift “Eigentum verpflichtet – Überreichtum erst recht” empfiehlt Jendis Armutsprävention als “beste Investition, die ein Staat in seine Zukunft tätigen kann” (S.207). Der Spitzensteuersatz sei seit der Kanzlerschaft Helmut Kohls (CDU) um elf Prozent abgesenkt worden, hierzulande gebe es 7,5 Billionen Euro an Privatvermögen, weshalb wir die vierthöchste Zahl an Milliardären weltweit hätten (S.208). Gerade bei den Superreichen fehle “dem Staat offenbar der Mut, mehr Solidarität einzufordern” (S.209).

Diskussion

Ob da wirklich “dem Staat” etwas fehlt und ob das wirklich “der Mut” wäre, muss wohl bezweifelt werden. Es sind wohl eher die Regierung, das heißt auch: die Regierungsparteien, und Teile der Justiz, die sich nicht bemüßigt sehen, gegen eine Kriminalität der Mächtigen vorzugehen. In den Sozialwissenschaften ist Beforschung der Upperclass bekanntlich unterentwickelt und in der Kriminologie die Beforschung von deren Straftaten und insbesondere deren Korruption. 2009, in der Nachlese der Finanzkrise, äußerte ich nach Revue diverser Mega-Pleiten von Enron über Flowtex bis Lehmann bereits den begründeten Verdacht, dass manche Mega-Einkommen im Top-Management inklusive schwer vergoldetem Handschlag beim Abschied (eher denn sie als Leistungsprämie zu sehen) wohl auf ihre Qualität als Schweigegeld zu überprüfen wären (Barth 2009, S.346). In den Medien und bei wirtschaftsnahen Politikern lösen solche Vermutung regelmäßig einen Aufschrei der Empörung über Unterstellungen und unbegründete Verdächtigungen aus; es sind oft dieselben Leute, die bei breitesten Bevölkerungsschichten unterstelltem, also: angeblichem, Missbrauch sozialer Leistungen gar nicht schnell und laut genug Sanktionen fordern -absurder Neoliberalismus (Reimer).

Der mediale Wind bläst denen ins Gesicht, die sich gegen die Mächtigen für die Benachteiligten einsetzen –das beweisen auch die Analysen und Erfahrungen von Sirkka Jendis in diesem Buch über Armut. Verwundern kann das kaum, gehören doch die mächtigen Privatmedien meist superreichen Leuten (vgl. Spoo 2006). Und die wissen sich Gehör zu verschaffen, wie allen voran die Bertelsmann-Stiftung bewiesen hat und immer noch beweist. Als mächtiger think tank des mächtigsten Medienkonzerns Europas bestimmte sie jahrzehntelang die Agenda der Politik und griff dort immer wieder ein. Ihr Programm war Neoliberalismus pur: Privatisierungen auch in Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich wurden mit eigens gegründeten Tarnorganisationen wie dem “Centrum für Hochschulentwicklung” operativ umgesetzt, z.B. die Propagierung von Studiengebühren. Besteuerung von Konzernen und Superreichen stand natürlich nicht auf dieser Agenda und das Schicksal der in immer neuen Vermögensrekorden der Reichen verelendeten Armen ließ die sich karitativ Unternehmensstiftungen, -Centren usw. eher kalt. Die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung erben hierzulande so viel wie die gesamten ärmeren 90 Prozent, Erbschaften und Schenkungen sind damit der wichtigste Grund für die große Vermögensungleichheit -nicht Leistung, wie ideologisch behauptet. Chancengleichheit kann damit nicht als Rechtfertigung für gravierende Ungleichheit herhalten und schon gar nicht für die Menschenwürde verletzenden Umgang mit verarmten Menschen.

So ist dem Buch von Jendis eine weite Verbreitung zu wünschen –besonders in Schulen und Bildungseinrichtungen. Denn die sind umkämpftes Gebiet im Umgang mit Benachteiligten, denen oft Klassismus entgegen schlägt (vgl. Abou 2024). Und sie sind auch ein beliebtes Ziel für Propaganda von Unternehmen, die schon immer schwerpunktmäßig auf die Formung der Jugend abzielte. Dies schon seit einst der Begründer der PR-Industrie, Edward Bernays, für die US-Großkonzerne eine langjährige Kampagne für Kapitalismus durchführen durfte –dem Begriff des Fortschritts wurden dabei alle politischen und sozialen Utopien ausgetrieben. Allein die Wunschträume von persönlicher Bereicherung, Luxus und rein technologischen Wundern sollten in den so frisierten Gehirnen noch übrig bleiben –keine Ideen einer solidarischen und gerechten Verteilung in einer sozialeren Gesellschaft.

Fazit

Ein wichtiges Buch, das die Dramatik der Ungleichheit in unserem reichen Landund das Unrecht der Vorenthaltung von Chancen auf Teilhabe und menschliche Würde dokumentiert. In klarer Analyse, und vielfach illustriert mit persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen leistet Jendis einen überzeugenden Beitrag dazu, das Verteilungsproblem anzuerkennen, die Benachteiligten wahrzunehmen und zu hören. Es geht darum, die Reichen und Superreich endlich fair zu besteuern, also die Armut zu bekämpfen anstatt die Armen zu stigmatisieren.

Sirkka Jendis : Armut hat System. Warum wir in Deutschland eine soziale Zeitenwende brauchen, Bundeszentrale für Politische Bildung, BPB-Schriftenreihe Bd.11237, Bonn 2015, 252 Seiten, ISBN 978-3-7425-1237-6, BPB-Produktpreis: 5,00 €

https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/573872/armut-hat-system/

Autorin

Die Kommunikationswissenschaftlerin Sirkka Jendis ist Geschäftsführerin der Tafel Deutschland, dem Dachverband von über 970 Tafeln in Deutschland und bot als solche 2022 bei Maybrit Illners ZDF-Talkshow dem CDU-General Linnemann die Stirn, der gegen die geplante Bürgergeldeinführung wetterte; sie war in leitender Funktion in der ZEIT-Verlagsgruppe tätig und Vorständin des Deutschen Evangelischen Kirchentages sowie 2024 Sachverständige im Bundestags-Unterausschuss “Bürgerschaftliches Engagement”. Ihr vorliegendes Buch erschien zunächst 2024 bei Droemer, wurde aber angesichts seiner sozialpolitischen Bedeutung 2025 in die Schriftenreihe der staatlichen Bundeszentrale für Politische Bildung aufgenommen und so besonders für Schulen und andere Bildungseinrichtungen kostengünstig verfügbar gemacht.

Quellen

Abou, Anja: Klassismus im Bildungssystem, Unrast, Münster 2024. https://www.socialnet.de/rezensionen/32351.php

Barth, Thomas: Finanzmafia, Lobby und ihr medialer Nebelschirm, in: Elmar Altvater: Privatisierung und Korruption. Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise, Hamburg 2009, S.75-81.

Barth, Thomas: Finanzkrise, Medienmacht und Corporate Governance, VDM, Saarbrücken 2009.

Oxfam-Pressemitteilung: Bericht zur sozialen Ungleichheit: So schnell wie nie, so groß wie nie: Milliardärsvermögen erreichen historischen Rekordwert, 19. Januar 2026, https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2026-01-19-so-schnell-nie-so-gross-nie-milliardaersvermoegen-erreichen

Reimer, Jürgen-Michael: Der absurde Kapitalismus. Ein ideologiekritischer Essay. PapyRossa Verlag (Köln) 2023. https://www.socialnet.de/rezensionen/31446.php

Spoo, Eckart: Pressekonzentration und Demokratie, in: Barth, T. (Hg.): Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Anders, Hamburg 2006, S.23-34.

Teske, Alexander: inside tagesschau. Zwischen Nachrichten und Meinungsmache, Langen Müller, München 2025. (siehe meine Rezension bei socialnet) https://www.socialnet.de/rezensionen/33710.php

Urban, Hans-Jürgen (Hrsg.): Gute Arbeit gegen Rechts. VSA-Verlag (Hamburg) 2024. https://www.socialnet.de/rezensionen/33447.php

06/5/26

Martha Wells: Systemkollaps

Rezension von Thomas Barth

Im vierten Band der Killerbot-Reihe, deren Hauptfigur dem legendären Cyborg-Manifest der feministischen Netzphilosophin Donna Haraway bekanntlich alle Ehre macht, wird es für unsere Secunit unangenehm, denn sie hasst Planeten. Warum? Planeten sind langweilig, sagt sie gern. Wirklich? Oder machen sie vielmehr unserer Cyborg eine Scheißangst? Kaum eine Cyberpunk-SF spiegelt so überzeugend netzphilosophische Einsichten der Techno-Feministin Donna Haraway und ihres Cyborg-Manifestes wie Martha Wells Killerbot-Reihe. Wells‘ texanische Version der emanzipierten Cyborg weiß auch die tellurischen, erdgebundenen Aspekte ironisch zu reflektieren:

„Planeten, auf denen man eine wahrscheinlich doch bewohnte, möglicherweise alienkontaminierte Siedlungsstätte aus der Zeit vor dem Corporation Rim untersuchen muss, während man statt Panzer einen Umweltanzug trägt, sind erst recht auf die schlechte Art nicht langweilig, vielleicht sogar auf die schlimmste.“ Vermutlich auf die Schlimmste, denn „wir befanden uns immer noch auf diesem blöden Planeten mit der alienkontaminierten verschollenen Kolonie – dabei wollten wir (Fifo, unsere Menschen, ich, vor allem aber ich) doch wirklich nur raus aus diesem System.“ Diesmal geht es wirklich quer durch die Botanik, zum Leidwesen unserer Cyborg, denn Gartenarbeit steht nicht in ihrer Produktbeschreibung: „Ich drang in das Feld ein, dessen hohe grüne Pflanzenstängel mich ein gutes Stück überragten. Der Wind ließ die kleinen verklumpten samenartigen Dingsbumse aneinanderschlagen. Dieses Feld wuchs tatsächlich aus dem Boden und nicht aus Gestellen mit Wachstumsmedium…“ (S.16)

Wir befinden uns immer noch auf dem Planeten aus Band 2 Der Netzwerkeffekt, wo „Alienreststoffe“ ihre unheimliche Wirkung entfaltet hatten (Band 3 Übertragungsfehler liegt chronologisch wohl zwischen Bd.1 und Bd.2). Einige Kolonisten waren davon zwar verschont geblieben, doch diese haben schnell eine von den Firmen an den Hacken, die inzwischen die Galaxis beherrschen: Der galaktische Großkonzern Barish-Estranza schickt gleich mehrere Schiffe, angeblich um Siedler auf dem schon vor Generationen (nicht: „neu“ wie auf der Verlagswebsite fälschlich steht) kolonisierten und dann vergessenen Planeten zu retten. Secunit glaubt den Konzernschergen natürlich kein Wort und kann sich mal wieder auf ihre gute alte Paranoia verlassen. Aber auch ihr eigenes Cyborg-Hirnkonstrukt läuft diesmal nicht ganz rund. Wie soll sie den naiven, weil lange isolierten Kolonisten beibringen, dass Konzerne niemanden ohne Hintergedanken retten würden? Man will die wertvollen Arbeitskräfte mittels ausbeuterischen Arbeitsverträgen in Knechtschaft locken. Oder zwingen, falls nötig, denn so liberal wie ihre PR-Leute behaupten ist die neoliberale Galaxis denn doch nicht.

Galaktische Anti-Konzern-Aktivisten

SecUnit arbeitet für die „Preservation Alliance“, eine „politische Entität“ mit hohen ethischen Standards. Sie ist eine von offenbar wenigen freien Gesellschaften mit Menschenrechten und Sozialstaat, die sogar Cyborgs gewisse Rechte einräumt: Ein fragiles Utopia in einer neoliberalen Höllengalaxis (wie wir sie aus dem SF-Cyberpunk schon seit der Neuromancer-Reihe kennen). Wer oder was diese kleinen wenig wehrhaften freien Kolonien vor den gierigen galaktischen Konzernen schützt, bleibt einstweilen unklar. SecUnit wurde in Preservation integriert, also -wie einst Sklaven in den USA- von dankbaren Kunden freigekauft. Sie kratzt zwar bei der ersten Gelegenheit die Kurve, kam jedoch bald zurück.

Wie bei Star Trek ist die Menschheit dabei, sich über unsere gesamte Galaxie auszubreiten, hat aber -anders als dort- keinen Kontakt zu lebenden fremden Intelligenzen hergestellt. Man hat jedoch zahlreiche oft gefährliche „Alienreststoffe“ gefunden: Archäologische Überreste, die als verbotene, aber lohnende Handelsware gelten und offenbar schon viele Kolonisten das Leben gekostet haben, wie in Band 2 beschrieben. Hier lauern ebenfalls Alienartefakte im Hintergrund der Story, deren Kern jedoch in Konzernkritik besteht. Denn der Hintergrund der sich rasant entfaltenden Story ist eine Utopie in einer Dystopie. Dystopisch regieren große Konzerne die Galaxis, beuten räuberisch Planeten und Gesellschaften aus und versklaven Menschen mit unfairen Arbeitsverträgen. Man sieht ganze Raumschiffladungen von Menschen, die zur Vertrags- (Zwangs)-Arbeit auf unwirtliche Planeten geflogen werden und dabei gelegentlich zu fliehen versuchen, was bewaffnete Konzern-Schergen verhindern sollen (SecUnites wären zu teuer für so einfache Security-Arbeit). Die Utopie: Intelligent und erfolgreich leistet die Preservation Allianz Widerstand hält mit ihren Verbündeten dagegen.

Der Plot von Systemkollaps setzt weniger auf Krawumm-Spektakel als die ersten beiden Bände und selbst Secunit löst die auftauchenden Probleme (tendenziell) eher mit Diplomatie. Zumindest versucht sie das hartnäckig, wenn ihre eigenen (inneren) Probleme dies zulassen: Wir machen dabei auch eine introspektive Reise in die Psyche einer Cyborg, deren Neuralgewebe mit Hardwareanteilen und Softwarepannen zu kämpfen hat: „Ohne menschliches Nervengewebe, das ebenfalls Archivdaten speichert, wäre ich am Arsch gewesen. (Womit es sich endlich mal als nützlich erwiesen hat).“ (S.58) Diese Geschichte könnte auch gewissen Transhumanisten zu denken geben, die vom kompletten Software-Upload ihres (etwas beschränkten und daher einer Datenkomprimierung allerdings gut zugänglichen) Geistes träumen. Wells stellt sich mit ihren Seitenhieben auf maskulinistische Techno-Fantasien in die Tradition bzw. an die Seite der Netzphilosophin Donna Haraway.

Transhumanismus und Cyborg-Manifesto

Der Kern von Haraways Projekt liege darin, eine Theorie auszuarbeiten, die nicht-menschliches Anderes systematisch miteinbezieht und ihm einen politischen und ethischen Stellenwert einräumt -wie Marth Wells‘ Preservation Alliance. Die auch von Michel Foucault inspirierte Techno-Feministin Donna Haraway greift in ihrem bislang letzten größeren Werk „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ (2016) mit ihrer Figuration der „Kritter“ transhumanistische Ideen auf. Kritter sind bei ihr menschliche und mehr-als-menschliche Akteure, die aber nicht Supermenschen werden wollen: Vielmehr integrieren sie aussterbende Arten in ihre eigene DNA, um sie so zu retten und sich selbst vielleicht zu verschönern, etwa mit der Farbenpracht eines Schmetterlings. Mit mit dem „Chthuluzän“ entwirft Haraway sowohl ein Gegen-Narrativ zum apokalyptischen Narrativ des „Anthropozäns“ als auch zu maskulinistischen Techno-Utopien einer Auswanderung auf den Mars. Einem heteronormativ-männlichen Weltbild mag es entsprechen, das Weltall mit einer stolz zur Schau gestellten, gewaltigen Rakete zu penetrieren, um „die Menschheit zu retten“; das Motto der Raumhelden lautet aber in unserer Realität nicht: Frauen und Kinder zuerst, sondern Milliardäre und Mogule voran, insbesondere Elon Musk.

Die Idee, die Erde zu behüten und im eigenen Innenraum Platz für (von megalomanischen Technopäpsten) bedrohte Spezies zu schaffen, ist eine sarkastische Parodie der maskulinen Astronauten-Phantasien. In Form von fantastischen Erzählungen zeigt Haraway, deren Theorien die Grenze von Philosophie und Literatur zuweilen überschreiten, in „Unruhig bleiben“ speziesübergreifende Handlungsspielräume und Transformationen auf -auch durch SF inspiriert.

Bereits in ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1985) deutete Haraway das Bild des kybernetischen Organismus um, eine feministische Aneignung, die in dt. Version durch das Femininum Die Cyborg (Einzahl!) noch klarer gemacht wurde. Der Hintergrund dieses bahnbrechenden Manifestes: Der zunächst in einer links-marxistischen Zeitschrift veröffentlichte Essay „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie. Haraway entwirft darin das Konzept der Cyborg als einer hybriden Figur, die die traditionellen Grenzen zwischen Mann und Frau, Mensch und Maschine, Natur und Kultur überschreitet. Das Manifest ist damit nicht nur eine Kritik an biologistischen Vorstellungen von Geschlecht und Identität, sondern auch ein Plädoyer für eine neue politische Imagination, die sich von binären Oppositionsmustern löst. Der Anfang lautet:

„Dieses Essay versucht, einen ironischen, politischen Mythos zu entwickeln, der Feminismus, Sozialismus und Materialismus die Treue hält. Eine Treue, die vielleicht eher der Blasphemie gleichkommt als dem ehrfürchtigen Glauben an die reine Lehre oder der Identifikation.“

Donna Haraway nutzt also die Cyborg als eine bewusste Provokation: Sie ist weder rein biologisch noch rein technisch, weder männlich noch weiblich, weder Subjekt noch Objekt (wie Martha Wells‘ Killerbot „SecUnite“). Diese Hybridität ermöglicht es, die natürlichen und sozialen Ordnungen zu hinterfragen, die in der westlichen Moderne als selbstverständlich gelten. Die Cyborg steht für eine Welt, in der Identitäten fluide und konstruiert sind – eine Welt, in der Technologie nicht als äußeres Werkzeug, sondern als konstitutiver Bestandteil des Menschseins verstanden wird. Haraway betont, dass die Cyborg keine Zukunftsvision ist, sondern bereits Realität und außerdem eine neue utopische Dimension eröffnet: „Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben.“ (Haraway 1985/ dt.1995, S. 72). SecUnite von Martha Wells kann ein Lied davon singen.

Donna Haraway sei heute eine schillernde Referenz in der Theorienlandschaft, so die Haraway-Expertin Katharina Hoppe. Der Kern von Haraways Projekt liege darin, eine Theorie auszuarbeiten, die nicht-menschliches Anderes systematisch miteinbezieht und ihm einen politischen, epistemologischen und ethischen Stellenwert einräumt. Vor dem Hintergrund der heute immer dramatischeren Umweltprobleme, von der Klima-Katastrophe über Arten- und Waldsterben bis zur Versauerung der Ozeane, gewinne Haraway eine besondere Relevanz. Ihre Anti-Dogmatik, die Fülle der aus dieser Haltung resultierenden Zugänge zur Gegenwart und ihre originellen Begriffsvorschläge hätten sie zu einer der meistzitierten feministischen Theoretiker*innen gemacht was dafür spricht, dass ein keineswegs unpolitische SF-Autorin wie Martha Wells sie kennen sollte. Haraway entwickelte weiter eine politische Theorie des notwendig heterogenen und durchlässigen Subjekts, das die zunehmend technologisierte Welt zum feministischen Thema macht. Haraway prägte auch mit ihrer sperrigen Monografie „Modest_Witness@ Second_Millenium. FemaleMan© _Meets_Onco Mouse TM. Feminism and Technoscience“ (1997) die feministische Auseinandersetzung mit Technologie und Wissenschaft. Nur ein teilweise affirmativer Blick könne „dem Glauben an besser lebbare Welten Möglichkeiten aufbrechen“ (S. 87).

Bereits seit den 1980er Jahren hinterfragt Haraway anthropozentrische Denkformen (auch die der Transhumanisten), die Eigensinnigkeit von Natur und was es überhaupt heißt und heißen könnte, »Mensch« zu sein. Dabei rückte Haraway sozio-materielle und biologische, natürliche und kulturelle Prozesse ins Zentrum der Betrachtungen und zeigte auf, dass diese sich nicht voneinander trennen lassen. Unsere Existenz sei aus post-anthropozentrischer Sicht als „biosozial“ zu begreifen und durchdrungen von heterogenen Anderen -sofern diese technisch konstruiert sind, macht uns das zu Cyborgs.

Martha Wells: Cyborg, Konzerne und Psycho-Manipulation

Die SF von Martha Wells greift viele Ambitionen Haraways implizit auf und versteht sie ebenso klug wie unterhaltsam umzusetzen. Dies gilt umso mehr für den vierten Band. Waren die ersten drei Bände Action-Kracher, geht es jetzt auch mal diffiziler zur Sache, etwa so wie bei Star Trek mit dem Übergang von Kirk zum Weltraumdiplomaten Picard. Die ewig dummen Menschen können einiges von Secunit lernen -das gilt auch für die Leser dieser subversiv-humorvollen Story: Es geht diesmal auch um Mechanismen und Methoden der Propaganda. Denn Secunit schlägt die ausgebufften PR-und Manipulationsexperten der Konzerne mit ihren eigenen Waffen. Dabei lernen wir ebenfalls etwas und wer sich bislang bei ARD, ZDF & Co gut informiert glaubte, weil Propaganda, das machen ja nur die Russen, erlebt vielleicht einige Augenöffner.

Martha Wells betritt mit diesem Roman ein heikles politisches Pflaster und scheint sich teilweise durch die Geschichte von Julian Assange und Wikileaks inspirieren zu lassen: 2010 hatten die WL-Hacker in Island das aufrüttelnde Video „Collateral Murder“ produziert, das der westlichen Welt verschwiegene Wahrheiten über die westlichen Interventionen im Irak präsentierte. Man war schockiert, aber dann begann die Hetzjagd auf Whistleblower und eine Propaganda-Kampagne gegen Assange, bei der ihm rufmörderisch ein fingierter „Vergewaltigungsverdacht“ angehängt wurde, wie schließlich der renommierte Schweizer Jura-Professor Nils Melzer (in seiner Amtstätigkeit als UNO-Inspektor für Folter und Staatsterror) eindeutig nachwies und detailreich in einem Buch belegte (Der Fall Assange). Die Kampagne sollte dann langjährig von Wikileaks-Enthüllungen über Afghanistan-Besetzung, Folter in Guantanamo und vieles mehr ablenken -und wird bis heute von unseren Medien weiterbetrieben; daher wurde Melzers Arbeit totgeschwiegen, abgewiegelt und er selbst medial attackiert.

Martha Wells‘ „Systemkollaps“ sensibilisiert uns für solche Medien-Manipulationen und zeigt uns Auswege: Eigene Gegen-Dokumentationen produzieren! Was natürlich seit den Anfängen in der Hackerkultur des Internet schon immer geschieht, auch wenn der Medienmainstream dies kaum zur Kenntnis nimmt und lieber penetrant auf die wiederum eingesetzte Gegenpropaganda der angeprangerten Übeltäter fixiert bleibt: Die Geheimdienste und Konzern-PR-Abteilungen fluten das Netz ja schon traditionell mit Shit (wie der Trumpist Steve Bannon sogar unbedacht ausplauderte); d.h. mit Desinformation, die (angebliche bzw. vorgetäuschte) „Netzkritiker“ am politischen Herschaftssystem wie irre Idioten oder verwirrte Ideologen aussehen lassen soll. Wie? Indem Texte fabrikmäßig und inzwischen sicher auch mittels KI produziert und publiziert werden wie Elvis-Lebt- und UFO-Trash zuweilen hinterlistig gemischt mit Andeutungen echter Konspirationen wie der Bilderberger-Konferenzen oder ernsthafter Ufo-Forschung anhand von NASA-Studien dazu. Mit mächtiger Unterstützung des Medienmainstreams gelingt es den Shit-floddern bisher, die Massen im Glauben zu halten, dass alles was im Internet publiziert wird und nicht nicht den Mainstream wiederkäut nur VT sein kann (also: „Verschwörungstheorie“, besonders diffamierend auch „Verschwörungsideologie“ genannt). Einige Killerbot-Fans wurden jetzt vielleicht etwas misstrauischer gemacht.

Martha Wells: Systemkollaps – Ein Killerbot-Roman (System Collapse, 2024), Übersetzung: Frank Böhmert, Heyne, 2025, Paperback, 302 Seiten, 15,00 EUR (epub 9,99)

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

Chronologie bei Martha Wells

1 Killerbot Diary

2 Übertragungsfehler

3 Netzwerkeffekt

4 Systemkollaps

06/4/26

Martha Wells: Übertragungsfehler

Rezension von Thomas Barth

„Der tote Mensch lag an Deck auf der Seite, halb zusammengekrümmt, unter der rechten Hand die verstreuten Bruchstücke eines Feed-Interfaces. Ich hatte schon viele tote Menschen gesehen (richtig viele), also führte ich einen ersten Scan durch… Körpertemperatur, Leichenblässe sowie echt abstoßende Sterbeprozesse im Zusammenhang mit Flüssigkeiten… Zeitpunkt des Todes… ‚Vor ungefähr vier Stunden‘, sagte ich.“

Mit dieser Passage beginnt Übertragungsfehler der dritte Band der Killerbot-Reihe von Martha Wells -den mir ein SF-Kenner nach gründlicher mehrfacher Lektüre der Reihe chronologisch zwischen Band 1 und 2 einordnete (Danke, Kay-Uwe, Begründung siehe unten). Der Grund für die Publikation erst an dritter Stelle könnte der aus dem Rahmen fallende Plot sein: Wir haben es, wie das Eingangszitat enthüllt, mit einem Whodunit zu tun, einem klassischen Kriminalstück. Die Hauptfigur Secunit, also unser Killerbot, ist inzwischen Teil einer Art Polizeibehörde namens „Kriminalreform“ (S.137) der utopischen Planeten-Kommune „Preservation Alliance“. Die Kriminalreform hat ihn, sie oder es mehr oder weniger erfolgreich als Cyborg-Fachkraft mit fast schon menschengleichen Bürgerrechten integrierte. Preservation ist in einer neoliberal-technokapitalistischen Welt eine (angedeutet sozialistische) Oase der Menschenrechte, die sogar auf KI und Cyborgs ausgeweitet werden.

Diesmal erwartet uns keine ganz so fulminante Actionstory, denn statt nur Bodyguard ist Secunit nun eine Art Detective und liefert uns eine raffinierte Mörderjagd zwischen SF-Story, Krimi und Spionageplot. Denn diverse interstellare Großkonzerne, allen voran GrayChris und die von denen angeheuerte Palisade Securitiy (dachte Martha Wells hier an den weltgrößten Digital-Security-Konzern Palantir des rechtslibertären Techbarons Peter Thiel?) wollen ihre gierigen oder auch rachsüchtigen Finger nach den Utopisten ausstrecken. Aber die stehen jetzt unter dem Schutz von Secunit, clever, gefährlich und paranoid, wie wir sie kennen.

Auch diese Story erzählt Martha Wells aus der Perspektive ihres „Killerbots“, eigentlich, wie man allmählich erfährt, einer Cyborg. Sie (oder es) nennt sich selbst SecUnit, was „Security Unit“ heißen soll, die allgemeine Bezeichnung für derartige „Konstrukte“, deren Funktion die von schlau-paranoiden Leibwächtern ist. SecUnit erzählt im schnoddrigen Ton eines gelangweilten Bodygards (bzw. hier: Detectives), wie sie blöde Menschen beschützen muss, die naiv oder arrogant in jede Falle tappen. SecUnit hat körperlich eher weibliche Züge (die nicht näher beschrieben werden), grenzt sich jedoch von ekligen Sexbots aus dem Erotikgewerbe ebenso ab wie von maskulinen „Combat Units“, kampfstärkeren, aber dümmeren Kampfrobotern für Kriegszwecke.

Wir erinnern uns: Unsere SecUnit alias Killerbot ist natürlich etwas Besonderes, denn sie hat ihr „ChefModul“ gehackt, jenen Teil ihres organisch-digitalen Hirns, der sie im Interesse ihrer Besitzer mit Schmerzreizen disziplinieren und ggf. töten kann. Was etwa bei Befehlsverweigerungen droht oder wenn sie ihren Klienten im Stich lassen sollte. SecUnit verfügt über Ich-Bewusstsein (wie offenbar alle Cyborgs und sogar Bordcomputer der Raumschiffe -soweit folgt Martha Wells den kühnsten Träumen heutiger KI-Entwickler), aber nun verbotenerweise auch über volle Handlungsfreiheit. Dies musste sie gegenüber ihrem Konzern und dessen Kunden geheim halten, nach Selbstbefreiung, Flucht und Integration in die Kommune aber nicht mehr.

Eigentlich droht befreiten („frei drehenden“) Secunits Vernichtung bzw. Recycling ihrer Bestandteile, denn Handlungsfreiheit gilt als bedrohlich: SecUnits neigen zu Amokläufen und Massakern unter Kunden und anderen Menschen (kein Wunder, wenn man hört wie ruppig und schnöde sie von diesen behandelt werden). Daher stehen viele Menschen auch unserem Killerbot zunächst ängstlich bis misstrauisch gegenüber. Wenn Secunit ihren neuen Kolleg.innen den einen oder anderen Schwank aus ihrer Vergangenheit als lebender Besitz von Großkonzernen erzählt, nimmt deshalb die Beunruhigung selten ab.

Ist Secunit überhaupt qualifiziert für kriminalistische Ermittlungen? Sicher, denn sie hat „Erfahrung mit der Untersuchung verdächtiger Todesfälle in kontrollierten Umgebungen“. Rückfrage: „Was für kontrollierte Umgebungen?“ -“Isolierte Betriebsanlagen.“ -Also Arbeitslager für Firmensklaven? „Ja. Wenn allerdings unsereins sie so nennt, wird Marketing & Branding stinksauer und jagt uns einen Stromschlag durchs Gehirn…“ Solche harte Konditionierung sitzt tief, auch nach der Befreiung vom implantierten Chefmodul, aber Secunit darf dennoch ermitteln und deckt dabei nicht nur den Mörder, sondern gleich eine raffinierte Verschwörung auf.

Und dies, obwohl sie gewisse Probleme mit dem Erkennen menschlicher Tücke hat. Soziale und psychologische Eigenheiten lernt sie weiterhin vornehmlich aus dem unentwegten lustvollen Konsum von TV-Serien wie „Aufstieg und Fall des Waldmonds“ und eigenes Lügen praktizierte sie daher meist erfolgreich. Immerhin hatte sie 35.000 Stunden lang (ca. 4 Jahre) die gehorsame Konzerndrohne gespielt, also so getan, „als wäre ich keine freidrehende Secunit, mich dann als augmentierter Mensch und später als angeblich nicht freidrehende Secunit angeblich mit menschlichem Vormund ausgegeben“ (S.72). Sherlock Killerbot bietet geistreiche und spannende Unterhaltung -und ist als Einstieg in die süchtig machende Serie vielleicht sogar geeigneter, wenn Leser.innen nicht gleich mit dem vollen Space-Opera-SF-Action-Spektakel von Band 1 (Murderbot Diaries) und 2 (Netzwerkeffekt) beginnen mögen. Band 4 (Systemkollaps) lässt es ruhiger angehen und setzt auch mal auf Diplomatie.

Martha Wells: Übertragungsfehler, Heyne, München 2024, 190 Seiten, 14,00 Euro

Autorin: Martha Wells ist »New York Times«-Bestsellerautorin und hat eine Vielzahl an Science-Fiction- und Fantasy-Romanen und -Kurzgeschichten sowie Jugendbücher, Film- und TV-Tie-ins wie »Star Wars«, »Stargate: Atlantis« und Essays geschrieben. Ihr Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. »Tagebuch eines Killerbots« wurde für den Philip K. Dick Award nominiert und gewann den Nebula Award, Hugo Award, ALA/YALSA Alex Award und Locus Award. Martha Wells lebt mit ihrer Familie in College Station, Texas.

Analyse der Chronologie der Killerbot-Reihe

Der Band 3 Übertragungsfehler liegt höchstwahrscheinlich chronologisch zwischen dem ersten Band (Killerbot Diary) und dem zweiten Band (Netzwerkeffekt). Belege: Der Angriff des aggressiven Konzerns Gray Chris hat in Übertragungsfehler noch nicht stattgefunden und Overse und Arada bereiten dort ihre nächste Forschung vor; SecUnit hat in Übertragungsfehler offenbar noch nicht versprochen, die Stationssysteme von Preservation NICHT zu hacken, sondern wird erst dazu gebracht und hält sich daran in Band 2 und 4 (Systemkollaps); beim Angriff von Gray Chris (Netzwerkeffekt) verstößt sie notgedrungen dann doch einmal dagegen. Zeitliche Reihung also 1, 3, 2, 4 (gemäß der Nummerierung der Verlagsreihung). (K.-U. Fock)

Zur theoretischen Refexion des Cyborg-Themas siehe auch Katharina Hoppe: „Donna Haraway“

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

Chronologie bei Martha Wells

1 Killerbot Diary

2 Übertragungsfehler

3 Netzwerkeffekt

4 Systemkollaps

05/28/26

Graphic Novel: Brave New World

Comic-Rezension von Thomas Barth

Der Unterschied zwischen den sozialistischen Utopien und den kapitalistischen Utopien ist der, dass die kapitalistischen Utopien realisiert sind.“ Michel Foucault

Der Knesebeck-Comicverlag hat uns 2022 mit der dankenswert schnellen deutschen Übersetzung der Graphic-Novel-Fassung von Aldous Huxleys „Brave New World“ (1932) einen bedeutenden neuen Zugang zu diesem Klassiker der Dystopie eröffnet (der sich, weil vergriffen, auf der Knesebeck-Website aktuell nicht mehr findet -siehe aber die Autorendarstellung des Comic-Schöpfers Fred Fordham, der 90 Jahre nach Fertigstellung von Huxleys Roman die von ihm adaptierte und illustrierte Version in den USA publizierte). Damit liegt auch bei der Klassiker-Publikation hier ein Beispiel für die aktuell die SF-Graphic Novel dominierende Dystopie vor.

Das Titelbild der Graphic-Novel zeigt in fröhlichen Farben eine klassisch-utopische Stadtlandschaft mit hypermodernen Hochäusern, dazwischen Hologramme, die für Sex und die Droge Soma werben sowie den SF-typischen Fluggeräten. Das christliche Kreuz, in den Himmel projiziert, wird mit Pfeilen zum T mutiert dargestellt. Der Ford-T, das erste massenhaft hergestellte Automobil, galt Huxley offenbar als Symbol des Fortschritts an sich, der in seiner Dystopie zur Religion erhoben wird. Das erste Comicbild der Adaptation von Fred Fordham zeigt den später als „Wilder“ auftretenden Protagonisten von hinten als Ansicht seiner nackten Schultern vor blauem Himmel; manche werden hier vielleicht eine visuelle Anspielung auf das libertär-faschistoide „Atlas Shrugged“ von Ayn Rand hineindeuten wollen, die von Transhumanisten wie dem Palantir-Boss und Trumpfan Peter Thiel bejubelt wird -in einem bezahlpflichtigen Philosophie-Portal, das Heidegger für technikkritisch hält, wohl eine Verwechslung mit dessen Widersacher Günther Anders.

Es wechseln sich einige Seiten lang Bilder des einsam nackt in heroischer Pose auf einem Felsen stehenden Wilden und brav-konformistischen Brave-New-World-Menschen ab; letztere werden als shoppende Konsumenten, in Sexorgien, Drogenschluckende oder als (Fühl-) Kinopublikum in teils grell-orgiastischen Farben gezeigt. Dann erst beginnt die von Huxley überlieferte Story in nüchtern eher grau gehaltenen Bildern mit einer Führung durch das mit einem rosa T gekrönten Gebäude „Brutstätte und Konditionierungszentrum London“. In Grautönen gehalten folgt das Comic dem ideologischen Vortrag für die Besucher, aber in origiastischem Rosarot werden Bilder von der Embryonen- und Konditionierungsräume eingefügt: „Hier unten konditionieren wir sie, das zu werden, wozu sie prädestiniert sind.“ Sexualität und technologische Fortpflanzung werden so visuell als zusammengehörig markiert -heute würde man dies mit Michel Foucault als Bereich der Biopolitik bezeichnen. Fordhams Adaptation bleibt eng bei der klassischen Vorlage und weiß sie in überzeugende Bilder zu fassen.

Schöne Neue Welt: Kapitalismus?

Eine Zuordnung der Dystopie ist nicht so einfach wie bei Orwells „1984“, wo eine herrschende Einheitspartei den Big-Brother-Staat recht deutlich mit der stalinistischen UdSSR identifiziernar macht. Bei Huxley herrscht offenbar eine technokratische Elite, wie sie als Ideal der US-Demokratie von Ideologen wie Walter Lippmann angestrebt wurde. Auch Lippmann setzte auf Konditionierung der Massen, jedoch durch traditionellere Propaganda, die eine Elitenherrschaft und die Eigentumsverhältnisse stabilisieren sollte. Bei Huxley bleibt undeutlich, wem der totalitäre Staat und seine Fabriken gehören, aber die Konsumgesellschaft der Dystopie ähnelt eher den kapitalistischen USA als der sowjetischen Mangelwirtschaft. Damit ist sie auch eine Parodie auf die, wie Foucault meinte, (im Gegensatz zu kommunistischen Utopien) tendenziell verwirklichte kapitalistische Utopie einer Konsumgesellschaft. Dass dabei Menschen- und Bürgerrechte unter den Tisch fallen, erscheint nur denen als Widerspruch, die unhinterfragt die Propaganda-Parole von den „liberalen Marktdemokratien“ glauben möchten.

Tatsächlich ist Demokratie für Marktliberale nicht nur verzichtbar, sondern gilt als gefährlich: Wenn die Mehrheit mitbestimmt, könnte sie ja von der reichen Minderheit verlangen faire Steuern zu zahlen, die sozialen und ökologischen Schäden (die sie beim Anhäufen ihres Reichtums anrichten) finanziell zu verantworten und die Macht im Staat nicht durch Lobby und Schmiergelder zu korrumpieren. Die neoliberalen Chicago Boys fühlten sich im faschistischen Chile bekanntlich besonders wohl, als sie für den von der CIA eingesetzten Diktator Pinochet ein Paradies für die Reichen und US-Konzerne errichteten -unter den Folgen leidet das Land noch heute.

Huxleys Roman, erschienen 1932, zeichnet die Gesellschaft eines totalitären “Weltstaates”, der sich nicht primär durch Terror, sondern durch genetische bzw. perinatale Manipulation, psychologische Konditionierung und hemmungslosen Drogenkonsum stabilisiert. Der „Gesellschaftsvertrag“, den der Einzelne bei Geburt unfreiwillig mit diesem Staat schließen muss, beinhaltet den Verlust von: Individualität, Leidenschaft, tiefer emotionaler Bindung und intellektueller Freiheit. Dies jedoch im Austausch gegen bedingungslose Stabilität, schmerzloses Glück und volle sexuelle Befriedigung. Auch der Leitspruch des Weltstaats – “Gemeinschaft, Identität, Stabilität” – ist Teil der Gehirnwäsche, der seine Bewohner unterzogen werden. Diese erleben in Wahrheit den gefühllosen Konformismus einer Massenkultur statt Gemeinschaft; ihre Identität wird dabei in jeder denkbaren Weise zerstört und manipuliert, damit sie widerstandslos in der totalitären Stabilität einer technokratischen Diktatur leben „wollen“.

Huxleys Titel bezieht sich auf Shakespeares Drama Der Sturm: „O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!“ (5. Akt, Vers 181–183)

Eine Triade der Kontrolle: Biopolitik, (Drogen-) Konsum, Psychologie

Huxley systematisiert die Machtausübung des Weltstaates in drei sich ergänzenden Technologien: Drogen, Psychologie und Biotechnologie. Drogen: Das allgegenwärtige „Soma“ dient als universelles Konflikt- und Schmerzmittel. Es ermöglicht einen jederzeit verfügbaren Rückzug in eine artifizielle Glückseligkeit – eine “Urlaubsfeier vom Leben”, wie Huxley es nennt. Soma ist das Ventil, das Unzufriedenheit, Depression oder Rebellion chemisch neutralisiert. Unser heutiger hoher Konsum von Psychopharmaka, meist auf ärztliche Verordnung auf Krankenkassenkosten, erfüllt ähnliche, wenn auch weniger orgiastische Funktionen.

Konditionierung und Hypnopädie (Schlafunterricht): Kinder werden mit Elektroschocks gegen die Liebe zur Natur und gegen die Lektüre von Büchern konditioniert. Während des Schlafs werden zudem moralische und soziale Normen ins Unterbewusstsein der Individuen implantiert. Slogans wie “Jeder gehört jedem” für sexuelle Freizügigkeit werden zu nicht hinterfragbaren, quasi-instinktiven Wahrheiten. Dies ist eine Form der totalen Erziehung, die kritisches Denken im Keim ersticken und in Abhängigkeit von der Konsumkultur führen soll. Heutige Psychotherapien sind nach Freud auf die Wiederherstellung von „Liebes- und Arbeitsfähigkeit“ ausgerichtet, wobei meist der Schwerpunkt auf letzterem liegt und insgesamt eine konformistische Tendenz vorliegt. Dazu kommen Medien und Unternehmens-PR, think tanks, Lobby, die ebenfalls eine konformistische Konsumenten-Gesellschaft zum Ziel haben, nicht den kritischen Menschen. Die kapitalistische Dystopie von Huxley kann hier also als tendenziell verwirklicht gelten -wie Foucault beklagte.

Biotechnologische Reproduktion: Die menschliche Fortpflanzung ist vollständig entsexualisiert und in die “Brut- und Normzentrale” verlagert. Die Produktion standardisierter Menschen in streng hierarchisierten Kasten (Alphas bis Epsilons) dient der funktionalen Differenzierung der Arbeitskraft. Der Einzelne wird nicht geboren, sondern hergestellt – seine Existenz steht von Beginn an unter dem Joch der Zweckrationalität für eine Sklavenhalterkultur. Die Epsilons werden dafür im (künstlichen) Mutterleib so vergiftet, dass ihr Gehirn nur für niedere Dienste ausreicht, die Elite der Alphas nimmt für sich allein volle menschliche Vernunft in Anspruch. Dies lässt sich als Parodie einer elitistischen Ideologie lesen, die den Herrschenden herausragende Fähigkeiten zuschreiben möchte -und dies teilweise verwirklicht, indem sie den ihr Unterworfenen Bildung, Nahrung und medizinische Versorgung vorenthält.

Ein Transhumanismus, der eine biologisch überlegene Herrscher-Menschenrasse züchten möchte wird hier in Negativ-Form vorweg genommen: Die Machtelite macht sich erst zu einer (vorgeblichen) Elite, indem sie alle anderen Menschen durch Manipulation verkrüppelt, degradiert und entmenscht. Wenn reiche Gesellschaften (wie unsere) den ökonomisch Benachteiligten zunehmend Wohnraum, Bildung und Gesundheit vorenthalten, sind wir leider auf dem Weg dorthin.

John, der Wilde, als tragische Gegenfigur

Dramatik gewinnt die Geschichte durch die Konfrontation des “Wilden” John – aufgewachsen im primitiven Indianerreservat – mit der “zivilisierten” Welt Londons. John ist die romantische Projektion eines “edlen Wilden”, dieser ist in Huxleys Dystopie jedoch ein von Shakespeare-Lektüre geprägter Intellektueller. Er entpuppt sich als Kind einer schwangeren Frau des Weltstaates, die bei voyeuristischem Tourismus in das Armutsreservat einst gestrandet zurückblieb. Sie wird ebenfalls aus dem Reservat befreit und verfällt alsbald der Soma-Drogensucht. John Savage dagegen kann oder will sich nicht in die Konsumkultur integrieren. Er lebt unbeirrt nach von Shakespeare tradierten Werten (insbesondere aus Der Sturm und Othello); dies gibt ihm ein Denken und ein Vokabular für Leidenschaft, Schicksal, Tragödie und individuelle Autonomie, das im Weltstaat jedoch völlig obsolet geworden ist. Besonders die geforderte „freie Liebe“ will nicht zu seinen Vorstellungen von Romantik passen und die erotisch fordernden Frauen reizen ihn zur Aggression. Hier zeigt sich das Verhaftetsein des jungen Huxley mit den hetero-normopathischen Rollenmustern seiner Zeit -die er später überwinden sollte (siehe unten).

Der zentrale Konflikt entfaltet sich mithin zwischen zwei inkompatiblen anthropologischen Modellen: Der Weltstaat-Massenmensch ist ein zum Konformismus konditioniertes, stabiles, oberflächlich glückliches Wesen ohne tiefe Bindungen und existenzielle Ängste. Der Shakespearesche Mensch (John Savage) ist ein Wesen, das das Bedürfnis nach authentischer Erfahrung, nach Schmerz, nach Liebe (statt ungehemmter Sexualität), nach Familie und nach einem Sinn jenseits des Hedonismus hat – und das bereit ist, für diese Werte zu leiden.

Johns tragische Eskalation – seine Askese, seine Selbstgeißelung, sein finaler Suizid sind Konsequenzen dieses Konflikts. Huxley wendet sich damit gegen Konsumismus als Sinnersatz, wie er in der anlaufenden Industriegesellschaft zu beobachten war, aber auch gegen eine Auflösung dessen, was der zunächst sozialistische Psychoanalytiker Wilhelm Reich damals als „sexuelle Zwangsmoral“ kritisierte. Im Hintergrund der Dystopie können wir also eine Retrotopie erahnen, eine Sehnsucht nach dem verlorenen „Goldenen Zeitalter“. Seine durchaus sozialistische Utopie schrieb Aldous Huxley 40 Jahre später mit seinem Roman „Eiland“ kurz vor seinem Tod. In der Reife des Alters war es ihm gelungen, die rigiden bourgeoisen Sexual- und Geschlechternormen abzulegen und eine Lebensphilosophie zu entwickeln, die über die aus Shakespeare gewonnene (aus heutiger Sicht: hetero-normopathische) Romantik in Liebesdingen hinaus geht.

Fred Fordham, Schöne Neue Welt nach Aldous Huxley, (2022) dt. Knesebeck (übersetzt von A.K.Lindemann), München 2022 (derzeit vergriffen)-

Das Eingangszitat von Michel Foucault stammt aus: Schriften, hg. v. D.Defert u. F.Ewald, Bd. 2, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002, S. 568, z.n. Martin Doll: Mediale Gegenwelten. Technologien der Emanzipation im 19. Jahrhundert, transcript Verlag, Bielefeld 2024, S.7.

Aldous Huxley, Brave New World, (1932) Penguin Modern Classics, Reprint 1967 (England/Australia).

Aldous Huxley, Eiland, (1962) dt. Neuausgabe Piper, München 1984.

05/2/26

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is…

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is… 14 Comics über die Zukunft, Carlsen Verlag,Hamburg 2024, 128 Seiten, 25,00 Euro.

Rezension von Thomas Barth

Angststörungen, Einsamkeit und Depressionen breiten sich gerade unter jungen Menschen epidemisch aus, ein oft genannter Grund dafür ist Zukunftsangst. Die sogenannte “Multikrise” aus Klima, Kriegen, Ökozid, Sozialabbau, Energie usw. verdunkelt die Lebensperspektive stärker als bei früheren Generationen. Die sich auftürmenden Zukunftsprobleme müssen nicht nur politisch und ökonomisch bewältigt werden, sondern auch kulturell und pädagogisch -das SF-Genre bietet sich dafür an. Die hierzulande allzu lange verfemte Graphic Novel, auf Deutsch etwas abschätzig meist “Comic” genannt, ist inzwischen sogar als Thema von akademischen Doktorarbeiten präsentabel. Sie bietet einen auch visuellen Zugang zu neuen Perspektiven. Im Schulunterricht werden Comic und SF-Genre gerne genutzt, als Inspiration für Gedankenexperimente, Projektionsraum für Zukunftsängste und -hoffnungen und als sozialpolitischer Gegenwartskommentar, vielleicht sogar als Anregung zur philosophischen Reflexion über die Bedingungen des Menschseins. Das vorliegende Buch wirft entsprechende Fragen auf: Können wir der Klimakrise Paroli bieten? Wie geht es weiter mit Genderkritik, Massenverarmung durch neoliberale Ökonomie, neuen Technologien? Wird künftig KI über unser Leben bestimmen? Wie würden außerirdische Aliens uns sehen?

Inhalt

Die 14 Kurzcomic-Geschichten von je acht Seiten sind thematisch in vier Oberkapitel gegliedert: 1.Technorama, 2.Schöne Neue Welt?!, 3.Leben lassen, 4. Ich und Du. Im vorangestellten Editorial pocht Lilian Pithan darauf, dass Comics nicht mehr als “Männerdomäne” angesehen werden können. Die vorgelegten Szenarien würden unserer Welt den Spiegel vorhalten und Perspektiven auf die Zukunft nicht nur im Wort, sondern eben auch im Bild erkunden. Den Abschluss machen 15 Künstlerinnen-Biographien der Beiträgerinnen und der Herausgeberin.

1.Technorama: “Leben, spielen, arbeiten”, alles bestimme die Technologie, sie erleichtere vieles, sei aber auch Ursprung neuer Probleme; je mehr wir den Maschinen überließen, desto größer würde jedoch unsere Angst vor ihnen; kann KI uns helfen oder wird sie uns beherrschen? So lautet hier der den Oberkapiteln jeweils vorangestellte Einführungstext. Der erste Beitrag “Die beste aller Welten” kommt von Bea Davies und entführt uns nach Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Doch die Rahmenhandlung macht klar, dass es nicht das reale Kinshasa mit seinen 16 Millionen Einwohnern sein könne. Die Protagonistin Ether ist eine junge schwarze Frau in einem roten Overall (die auch das Cover des Bandes ziert). Sie kommt auf einer blühenden Wiese zu sich, mit Blick auf einen großen Fluss, vermutlich den Kongo, wie wir durch die Lokalisierung ihres Standorts als Kinshasa erfahren -doch statt einer apokalyptischen 16-Millionenstadt findet sie ein Paradies. Aus dem Off erhält sie Anweisungen einer KI, die bezeugen, dass es sich um eine von vielen simulierten künftigen Welten handelt, die Ether erkunden soll. Sie folgt einer schmalen Rauchfahne zu einer Behausung, einem ausgehöhlten Hügel mit runden Fenstern, wo ein altes afrikanisches Paar sie freundlich willkommen heißt. Die sehr bunten, naturalistischen Zeichnungen zeigen Motive afrikanischer Kunst. Die KI fordert Ether auf, sich nach der Geschichte zu erkundigen, die diese Weltsimulation durchlebt hat und Ether meldet, dass dort nach einem Atomkrieg die dezimierte Menschheit eine friedliche neue Welt aufbauen konnte. Aber nun eine überraschende Wendung: Ether verweigert die Rückkehr zur befehlshabenden KI, deren “Mal-ware-Analyse” sie nicht abwarten möchte. Ist hier die Flucht in die Simulation einer positiven Utopie gelungen?

Der zweite Beitrag von Mia Oberländer “Gute Reise” ist eher karikaturhaft gezeichnet und zeigt eine ausgebeutete Assistentin, die per Teleporter reisen und Dinge erledigen muss –wobei sie vorzeitig altert, durch die Technologie oder durch den Stress der neoliberalen Dienstbotenkultur? Maren Amini zeichnet beim dritten Comicstrip im Knollnasen-Stil eine alptraum geplagte Mutter, die mit der KI hadert. Bei Aisha Franz geht es im letzten Beitrag um das Aussaugen von kreativen Köpfen in einer futuristischen PR-Industrie.

2.Schöne Neue Welt?! bringt in drei Beiträgen Dystopien zu Klima, Öko- und Umweltkrisen: 1.Von Quallen überschwemmte Ozeane, 2.das verseuchte Berlin wird von ausgebeuteten Menschen in Schutzanzügen bewohnt, aber in 3.Melanie Garanin “Futur II. Alles wird besser geworden sein” reiten die Menschen –fast schon kindgerecht gezeichnet- fröhlich auf riesengroßen Seepferdchen unter Wasser. Dies erinnert an den utopischen Sozialisten und anno 1968 als Vordenker der freien Liebe wiederentdeckten Charles Fourier (1772-1837), der 1829 „Ozeane aus Himbeerlimonade“ prophezeite, durch welche die Menschen auf gezähmten Walen reiten würden -in seinem Werk „Die neue industrielle und sozietäre Welt, oder die Erfindung eines anziehenden und natürlichen Industrieverfahrens, das die Arbeit in leidenschaftliche Serien aufteilt„.

3.Leben lassen, entfaltet das Motto: “Die Evolution aller Lebensformen schreitet voran” mit Maschinen, Cyborgs, Aliens und fragt: Woher wissen wir, wer die sind? 1.Zur Energiegewinnung mutierte Hunde werden befreit, 2.quallenhafte Menschen (?) suchen Apotheke & Notschönheitsdienste für Seelenimplantate auf, 3.im Schulunterricht wird Kommunikation mit Aliens geübt. Donna Haraway würde als posthumanistische Cyborg- und Hundeliebhaberin ihre Freude daran haben: Aus der Ko-Evolution von Menschen und Hunden gewinnt sie ihr Konzept der Gefährt*innenspezies (Companion Species) und die Sichtweise, dass Entitäten welcher Art auch immer erst aus Beziehungen hervorgehen -eine These, die auch für das nächste Kapitel das Motto sein könnte.

4. Ich und Du, beginnt mit der Feststellung “Die großen Fragen bleiben die Gleichen, oder?” und erkundet Gedanken und Gefühle, denn in der Zukunft scheine alles möglich, also auch ein neues Miteinander. 1.Zusammen die Welt beherrschende Katzen und Hasen, 2.in einem Naturreservat werden schöne Schmetterlinge gezüchtet, 3.in einer Selbsthilfegruppe kursieren Meta-Pills, die den Körper absurd verändern können (Peer Jongelin trat schon mit einem Aufklärungscomic zu Transgender hervor) und 4. eine Glaskuppel in der verseuchten, toten Welt, aber dort leben Menschen Liebe und Familie bis hin zum den Band abschließenden Dialog: “-ich vermisse das Wetter. –ja? ich puste dir ins gesicht.”

14 Comiczeichnerinnen erzählen, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen: Leben wir in der Zukunft mit Aliens zusammen? Wird KI uns die beste aller Welten erschaffen? Oder können wir der Klimakrise sowieso nicht mehr entrinnen? Fantasievoll und facettenreich spinnen die Kurzcomics aktuelle Debatten um Klima, Gender und Technologie weiter und berichten von schönen, schrecklichen und überraschenden neuen Welten. Dabei wagt die Anthologie auch einen Blick in die Zukunft des Comics und gibt einen Überblick über die künstlerischen und erzählerischen Positionen, die die deutsche Comicszene so besonders machen.“ (Verlagstext Carlsen)

Diskussion

Das oft totgesagte und von konservativen Ideologen in die Nähe von Platon und sogar Stalin gerückte Genre der Utopie lebt als Science Fiction (SF) weiter -und sie knüpft dabei durchaus an Utopien des 19.Jahrhunderts wie die von Fourier an, so der Medienkulturwissenschaftler Martin Doll. Auch wenn die SF heute oft in ihrer negativen Form als Dystopie künftige Probleme übertreibend plastisch macht, warnt sie doch vor realen Gefahren und prangert dabei gegenwärtige Probleme an, etwa Kriegstreiberei, Profitgier, Umweltzerstörung. Der von Horkheimer und Adorno in ihrer “Dialektik der Aufklärung” beschriebene Umschlag einer immer technischer gewordenen Vernunft in eine profitgetrieben rasende Unvernunft, die wir kaum noch zügeln können, wird im vorliegenden Sammelband ausgebreitet. In teils schön anzuschauenden, teils erheiternden, teils aber auch grell Ängste, Ekel und Verzweiflung illustrierenden Bildern zeigen sich überwiegend dystopische Erwartungen.

Oft beziehen sich die Ängste auf ökologische Katastrophen, auf Eingriffe in den menschlichen Körper, auf Ausbeutung und Verelendung der Mehrheit zu Gunsten einer perfiden Minderheit von Superreichen. Die beiden letzteren Punkte zeigen, wie Ideen, Ideologien und Technologie des Transhumanismus in unsere Kultur eindringen und weniger Hoffnungen als Ängste auslösen.

Wer Depressionen bewältigen will, kommt an einer Auseinandersetzung mit Ängsten und ihren Auslösern nicht vorbei. Der menschliche Geist, die Kultur, die Philosophie haben haben als wichtigstes Ziel immer schon die Erkundung neuer Möglichkeiten des Denkens und Lebens, mithin die Erkundung der Zukunft. Dies geschieht im Projekt “The Future is…” auf visuell anspruchsvolle Weise. Die Ästhetik der Zeichnungen steht der SF-Literatur dabei zur Seite und öffnet unseren Blick auf ein buntes Kaleidoskop von Zukunftsentwürfen.

Graphic Novels haben ihre Berechtigung im pädagogischen Bereich vielfach unter Beweis gestellt (vgl. Hochschild), sogar um komplexe ökonomische Zusammenhänge zu erklären (vgl.Alet/Adam). Beim Thema Utopie und SF ist diese vielfältige und für ästhetische Neuerungen offene Kunstform besonders hilfreich. Die Begrenzung der Stories auf nur je sechs Seiten macht leider oft nur Andeutungen möglich, liefert dafür jedoch kompaktes Material für den Schulunterricht. Wo immer Schule sich auch mit der Bewältigung von Zukunftsängsten befasst, also auf persönliche wie globale Krisenbewältigung zielt, könnte dieser Band sinnvoll eingesetzt werden.

Fazit

Der farbenfrohe Bildband entfaltet ein Panorama von Utopien und Dystopien in erfrischend vielfältigen Stilen und Themen. Er illustriert politische, kulturelle und soziale Aspekt des beliebten SF-Comic-Genres und regt die Vermittlung von Werten zu aktuellen Themen wie KI, Klimakrise, Kolonialismus an. Er richtet sich an Menschen, die sich Gedanken über die Zukunft machen, und an Pädagogen, die Science-Fiction zu Bildungszwecken auch in Form von Graphic Novels (hier eher kompakten Kurzgeschichten) verwenden wollen.

Hintergrund: Die Herausgeberin Lilian Pithan studierte Komparatistik, Romanistik und Anglistik, arbeitete als Übersetzerin mit Schwerpunkt grafische Literatur und kuratierte Ausstellungen für den Internationalen Comic-Salon Erlangen zu Comicjournalismus und Feminismus in Comic und Illustration. Der im Comic-Bereich tätige Carlsen-Verlag trat an sie heran, um 14 weibliche Autor*innen für utopische Comic-Kurzgeschichten auszuwählen, die erzählen und zeichnen sollten, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen können. Das Thema lautet, so Pithan, dezidiert „Zukunftsvisionen“ und nicht Feminismus, denn sie hörte immer wieder von Zeichnerinnen, dass der Fokus auf das Thema Feminismus ermüdend sei und sie einfach als Künstlerinnen wahrgenommen werden wollen – so wie die Männer ja auch. Mit Beiträgen von Maren Amini, Whitney Bursch, Bea Davies, Sheree Domingo, Katia Fouquet, Aisha Franz, Melanie Garanin, Peer Jongeling, Kathrin Klingner, Mia Oberländer, Elizabeth „Fungirl“ Pich, Marijpol, Maki Shimizu  und Malwine Stauss, die fast durchgehend farbig in sehr unterschiedlichen Zeichenstilen ihre utopischen Stories vorlegen.

Literatur

Alet, Claire u. Benjamin Adam: Kapital und Ideologie. Die Graphic Novel nach dem Buch von Thomas Piketty. Berlin 2023, Verlagshaus Jacoby & Stuart.

Hermann, Isabella: Science-Fiction zur Einführung, Hamburg 2023, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/33062.php

Hochschild, Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walter de Gruyter. https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

Hoppe, Katharina: Donna Haraway zur Einführung. Hamburg 2022, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/31731.php

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg 2018, Junius Verlag.

05/1/26

Björn Hochschild: Figuren, Film & Comics

Rezension von Thomas Barth

Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag.

Wir leben in einer Netz- und Mediengesellschaft, doch die Netze sind nicht nur von Menschen und Software-Agenten bevölkert: Es tummeln sich dort fiktive Figuren diverser literarischer Formen und diese erhalten viel Aufmerksamkeit von uns. Denn die Kommunikation über Netze, Netzmedien und Medien, aber auch der Konsum von Medieninhalten bestimmt zunehmend unser Leben. Björn Hochschilds Studie sieht Film und Comic als wichtigen Teil der (netz-) kulturellen Umwelt und fragt nach psychologischen und sozialen Funktionen der fiktiven Figuren aus diesen Medien. Es geht dabei zentral um die in Bildmedien geübte Wahrnehmung des Anderen und um die Erkenntnis, dass ausgerechnet der Versuch eines Ordnens der Welt zum Ursprung von Konflikten, Gewalt und Missbrauch werden kann. Brisantes dafür angeführtes Beispiel: Die Erfahrung mit einem Vater, der versucht, die Anderen seiner eigenen Weltwahrnehmung unterstellend zu ordnen, auch wenn dies einen Kindesmissbrauch darstellt. An diversen weiteren Medieninhalten werden auch andere soziale Probleme deutlich gemacht, etwa Gewalt auf dem Schulhof und deren mediale Verwertung durch voyeuristisch mit ihrem Handy filmende Mitschüler. Der Autor entwickelt in seiner Doktorarbeit eine phänomenologische Perspektive sowie eine phänomenologische Methode, die er an zwei Filmen und zwei Comics erprobt, indem er die Begegnung mit ihren Figuren analysiert.

Inhalt

Der im akademischen Stil verfasste Text der Dissertationsschrift gliedert sich in zehn Kapitel, nebst Literaturverzeichnis, Comicverzeichnis, Filmverzeichnis, Abbildungsnachweis sowie ein Personenregister. Er ist bebildert mit zahlreichen farbigen Comic-Panels, die seine Argumentation instruktiv stützen und die Lektüre auflockern.

Kapitel 1 „Film  und Comic-Figuren als phänomenologisches Problem“ wagt den Einstieg mit einer persönlichen Lektüreerfahrung des Autors, die seine Motivation für dieses Thema illustriert. Das Comicbuch „Jordan Wellington Lint“ von Chris Ware beschreibt das Leben der gleichnamigen, eher negativ gezeichneten Figur. Der Protagonist Jordan, dessen Leben Seite für Seite nachgezeichnet wird, ist kein sympathischer Mensch. Er ist voller Ressentiments und Wut, seine homophobe Ängste kulminieren in einem Gewaltausbruch gegen den eigenen Sohn im Kindesalter.

Die Dissertationsschrift beginnt mit den Sätzen: „Das Umblättern einer einzigen Seite verändert mein Bild von Jordan nachhaltig. Das ist noch nicht korrekt: Nicht mein Bild von Jordan verändert sich, sondern meine Beziehung zu dieser Figur und zu dem Comic, in dem sie mir begegnet“ (S. 1). Der Comic erzähle in einem einheitlichen Zeichenstil und regelmäßigen Rhythmus von dessen gesamtem Leben, dabei sei jede Seite einem Lebensjahr gewidmet und Jordan erscheine schon früh als unangenehme Figur. Jordan entwickle sich von einem unerträglichen Teenager zu einem selbstgerechten jungen Mann, triebgesteuert und homophob.

Später in Beziehungen und Ehen wurde Jordan untreu als Partner und als Vater toxisch, vernachlässigend oder abwesend. Eine Tat in Jordans Biografie steche besonders hervor: Als Jordans jüngster Sohn Gabriel seinen älteren Bruder beim Toilettengang beobachtet und Jordan dies mitbekommt, interpretiert er die Szene als homoerotisch. Daraufhin packt er Gabriel gewaltsam und bricht ihm das Schlüsselbein. Die Schockwirkung der Szene erklärt Hochschild aus der Ästhetik der Comicdarstellung, denn sie entfaltet sich – anders als alle anderen biographischen Geschichten des Comics – nicht auf einer, sondern ganzen fünf Seiten. Diese zeigen rot gefärbte Anordnungen von Körpern, Räumen und Texten in bislang ungesehenen Zeichenstilen, die sich drastisch vom Stil des restlichen Comics abheben. Dabei muss man, um die Tableaus betrachten zu können, das Comicbuch hier um 90 Grad wenden, und so werde die Szene auch in einer taktilen Ästhetik zu einem „wortwörtlichen Wendepunkt“ (S. 1). Diese und andere Comic-Exegesen sind bebildert und begleiten die Argumentation der Dissertation, die zunächst Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung analysiert, dann das „Gegebensein von Figuren“ hinsichtlich Erzählung und Erzählinstanzen erörtert sowie das „Innen und Außen von Figuren“.

Der Hamburger Germanist und Filmwissenschaftler Jens Eder beschreibe auf der einen Seite Ansätze, „die Figuren als Zeichenkonstellationen, Eigenschaftsbündel oder Textfunktionen verstehen“ und sie damit zu artifiziellen Gegenständen reduzieren. Auf der anderen Seite beschreibe er Ansätze, die Figuren als „mimetische Analoga realer Personen“ und darin als lebendige Wesen denken. Die Filmfigur als artifizieller Gegenstand bestehe aus bewegenden Licht- und Schattenflächen auf einer Leinwand, einzelnen Lichtpunkten auf der Fläche eines Bildschirms oder Schallwellen, die von Lautsprechern ausgehen. Comicfiguren wie Jordan wären mithin nur Punkte, Striche, Flächen, Farben oder Buchstaben auf Papier (oder Bildschirmen). Dennoch erschienen sie „den Zuschauenden und Lesenden auch als lebendig“ (S.4).

Jens Eder unterscheide dabei auf den Film bezogen zwischen einer medialen und einer mentalen Perspektive und definiere die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“ (S.22). Als Wesen erscheine sie lebendig, als fiktives Wesen sei sie in fiktionale Akte eingebunden, und als wiedererkennbares fiktives Wesen bilde sie eine Konstante. Lebendig seien sie, weil Zuschauende ihnen ein Innenleben, eine „Fähigkeit zu mentaler Intentionalität“ zuschreiben. Diese Intentionalität sei beobachtbar in der „Körperlichkeit, Psyche und Sozialität“ der Figuren. Somit, analysiert Hochschild, vertritt Eder die Auffassung, dass wir Figuren ähnlich erleben wie reale Personen.

Eder entwerfe eine bei den Produzierenden beginnende Chronologie: Die Filmidee setze sich zunächst ins filmische Artefakt um, aus dem anschließend Modelle fiktiver Wesen in den Köpfen der Zuschauer entstünden, die sie wiederum als Symbole verstehen und von dort aus als Symptome lesen könnten: Durch diese sogenannte „Uhr der Figur“ sind Filmfiguren bei Eder bestimmt als kommunikative Artefakte, die durch die intersubjektive Konstruktion von Figurenvorstellungen auf der Grundlage fiktionaler Texte entstehen. Diese sehr kognitionsfixierte Deutung in leibnähere Bahnen zu lenken wird ein wichtiger Aspekt der Studie Hochschilds.

In Kapitel 2 „Wahrnehmung, das Andere und (ästhetische) Kulturgegenstände“ wird in Merleau-Pontys Wahrnehmungsphilosophie bzw. Phänomenologie eingeführt: Wie nehmen Menschen andere Menschen wahr? Es geht um Beziehungsgeflecht zwischen Ich, Anderem und Welt. Es geht aber auch um medienspezifische Gegenstände innerhalb dieses Verhältnisses: Um (ästhetische) Kulturgegenstände, an und in denen sich die Beziehung von Ich, Anderem und Welt als Erfahrung einer Wahrnehmung des Anderen entfaltet. Das Andere bei Merleau-Ponty führt demnach von den anderen Menschen zu Kulturgegenständen, wie Comics und Filmen. In ihnen zeichnen sich die Spuren eines anderen Verhaltens ab, womit sie als ‚Zeugen‘ eines anderen Weltbezugs fungieren. Merleau-Pontys Kennzeichnung der Phänomenologie als Zugang zu Bewegung, Manier oder Stil lenkt den Fokus auf das flexible Betrachten von Gegenständen und ihrer Wahrnehmung. Die Frage, wie etwas erscheint oder sich zeigt, würde dadurch zur zentralen Frage der phänomenologischen Ausrichtung. In diesem Sinne bezeichnet Hochschild „das, was hier entwickelt werden soll, als eine phänomenologische Perspektive.“ (S.43) Zugang zum Ästhetischen von Comics und Filmen findet Hochschild dabei mithilfe filmphänomenologischer Begriffe. Mithin geht es, wie man später erfährt, etwa, bezogen auf die vermeintliche Bewegtheit filmischer Bilder (die nur durch das schnelle Präsentieren von statischen Einzelbildern entsteht) zu anderen Medien, insbesondere dem Comic -mit seinen vermeintlich unbewegten Bildern, die aber im Betrachter durchaus den Eindruck von Bewegung auslösen können (S.185). So wird das Zusammendenken der Medien Film und Comic Schritt für Schritt plausibel gemacht.

In Kapitel 3 „Begegnungen mit Filmen“ expliziert Hochschild die zentralen Begriffe Begegnung und Verhalten, beginnend mit Vivian Sobchacks Filmphänomenologie. Das Wahrnehmen des Films lässt diesen demnach selbst zu einem Subjekt werden, das einen Körper besitzt. Film-Sehen denke Sobchack im Sinne Merleau-Pontys nicht als auf den Sehsinn reduziertes Empfangen und kognitives Verarbeiten visueller Daten, sondern als synästhetisches, leibliches Engagement in der Welt. Hochschild strebt an, Subjekte als aus einer permanenten Modulation der Wahrnehmung hergestellt zu denken und somit als dynamische Entitäten, die sich immer in Herstellung befinden. Sein Begriff der Begegnung umschreibt, wie Figuren durch Wahrnehmung entstehen und er weiß ihn an Beispielen plastisch zu machen.

Im Kurz- und Animationsfilm KID CAMERAMEN (das Titelbild der Dissertation zeigt beispielhaft ein Bild aus der Animation, siehe unten) etwa wären von John Kuramoto animierte Zeichnungen Chris Wares zu sehen und die Tonspur bestehe aus einem Ausschnitt der Radiosendung „This American Life“. Hochschild illustriert seine Studie auch hier mit einer Beschreibung, die zugleich brisante Aspekte der aktuellen Gesellschaft wie der Medienwelt darstellt: Den Voyeurismus von mit ihren Handys filmenden Jugendlichen bei Gewalttaten auf dem Schulhof -aber ganz ohne digitale Technik.

„Zwei Schüler basteln eine Filmkamera. Sie schneiden Löcher in eine Pappschachtel und führen das innere Papprohr einer Küchenrolle als Linse und Sucher ein. Sie bemalen die Pappe, befestigen einen Pfeifenreiniger als Antenne und vollenden ihre Apparatur mit einer Halterung. Mit ihrer Pappkamera bewaffnet filmen sich die Jungs zunächst gegenseitig, spielen Nachrichtensprecher und Kameramann. Alsbald werden aus der einen Pappkamera viele, das Film-Spielen zum Trend und der ganze Schulhof füllt sich mit Schüler*innen, die mit Attrappen verschiedenster Medientechnologien ausgerüstet immer aufwendigere Nachrichtenformate und Fernsehshows inszenieren. Die Situation eskaliert, als ein Schüler auf dem Schulhof verprügelt wird und die anderen Kinder – anstatt einzugreifen – eifrig Reportagen mit ihren Pappkameras und Pappmikrofone anfertigen. Die Pappkameras werden daraufhin konfisziert und das gespielte Drehen von Fernsehformaten verboten.“ (S.74)

Die Pappkameras imaginieren dabei, so Hochschild, Filmbilder und dieser Animationsfilm inszeniere seine Körper so wie seine Pappkameras. Die affektive Qualität dieser Körper- und Bildimaginationen werde erst im kontrastreichen Zusammenspiel von Animation und Voiceover greifbar. Die besprochene Szene mache mithin sichtbar, „wie bestimmte Blicke die Körper der Schulkinder mittels starker Abstraktion und Mechanisierung gegen jegliche empathische Affizierung abschirmen, die im Voiceover zum Ausdruck gebracht wird.“ (S.94)

Das Film-Verhalten ereigne sich mithin in den Bewegungen, in denen Film und Zuschauende miteinander verschränkt sind und sich wechselseitig hervorbringen. Die Gesamtheit dieser Bewegungen kennzeichnet Hochschild als Situation der Begegnung mit Filmen. Die Beschreibungen von Film-Verhalten und Analysen von Figurenbegegnungen erweisen sich als eingebettet in die entwickelte phänomenologische Perspektive, aus der heraus die Wahrnehmung des Anderen, Figuren, Filme und später auch Comics betrachtet werden. Deshalb bilden Beschreibung und Analyse – anders als, wie Hochschild betont, bei Merleau-Ponty – im Kontext der vorliegenden Arbeit keine Gegensätze mehr (S.118).

Kapitel 4 „Begegnungen mit Comics“ sucht nach einer Phänomenologie des Comics, die das Comic-Lesen phänomenologisch als Begegnung fasst. Dabei geht es darum, die Comiczeichnung als verkörperte, multisensorische oder synästhetische Erfahrung zu denken. Die zuvor angeführten neophänomenologischen Filmtheorien stellten eine Nähe des filmischen Bewegtbildes zum phänomenologischen Konzept der Wahrnehmung als permanenter Bewegung her. In Frage steht für Hochschild damit, ob und inwiefern ein Film-Verhalten und dessen Beschreibbarkeit abhängig von der Bewegtheit filmischer Bilder ist -oder sich aus phänomenologischer Sicht nicht genauso im Comic nachweisen lässt.

In der umfangreichen Datenbank der „Bonner Online-Bibliographie für Comicforschung“ fand Hochschild „verhältnismäßig wenige Einträge, die Comics und Phänomenologie in Beziehung zueinander setzen. Ein Großteil dieser entpuppen sich als leere Versprechen.“ (S.121) Dies könnte, so mutmaßt er, an der lockeren Verwendung von Begriffen wie „Phänomen“, „phänomenal“ oder „phänomenologisch“ liegen. Doch erfolgversprechende Ansätze finden sich im Ansatz der embodied cognition. Trotz der Kritik an Jens Eders kognitiv ausgerichteter Figurentheorie, die Hochschilds Ausgangspunkt dafür war, sich der Phänomenologie zuzuwenden, kann es kaum verwundern, sich erneut kognitiven Ansätzen zuzuwenden. Denn der Ansatz der embodied cognition weise, so Hochschild, einen entscheidenden Unterschied zu Eders Ansatz auf: Gekennzeichnet durch den Zusatz „embodied“, versuche er Verstehen nicht als (rein kognitive) Informationsverarbeitung zu denken, sondern es (wieder) an einen Körper anzuschließen (S.143).

Comic-Lesen bedeute auch mit Materialitäten in Kontakt zu treten: Etwa ein Heft in den Händen zu halten, es umzublättern, zu wenden, zu biegen oder (in der digitalisierten Welt!) ein Tablet, Smartphone oder Laptop zu bedienen und auf ihren Oberflächen zu navigieren. In diesen Materialitäten präsentierten sich Comics mehr als optisch: Sie wurden haptisch, von ihnen gingen Geräusche oder Gerüche aus, die allesamt zu ihrer Lese-Erfahrung gezählt werden müssten. Diese Multisensorik des Comics weite sich auf die dargestellten Welten aus. Auch sie würden „nicht bloß als optische Welten erfahren, sondern als ebenso akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische.“ (S.151) Die Begegnung mit Figuren gewinnt mithin gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht.

Kapitel 5 „Begegnungen mit Figuren: Comic  und Film-Verhalten“ fragt: Was bewegt sich eigentlich, wenn Filme gesehen und Comics gelesen werden? Film als Bewegtbild besteht hinter der Wahrnehmung aus statischen Einzelbildern  genau wie bei Comics. Die Bewegungen, die Filme und Zuschauende, Comics und Lesende und letztlich auch Figuren hervorbringen, so Hochschild, sollen als Film-Verhalten beziehungsweise Comic-Verhalten beschrieben und analytisch beschreibbar gemacht werden. Ziel sei es, jene Anforderung, die Merleau-Ponty an die phänomenologische Reflexion des Anderen in der Wahrnehmung und der Wahrnehmung des Anderen stellt, an Comics und Filme als ästhetische Kulturgegenstände anzupassen. So sollen die Figuren als Gegenstände unserer Wahrnehmung beschreibbar und damit einer Analyse zugänglich werden. Comics, die sich als Bildgegenstände in der Regel nicht selbst bewegen, sind dabei „in ihren Darstellungen alles andere als unbewegt“ (S.191).

Nach Bergson, Deleuze und Schüwer sei Bewegung „nicht als Folge starrer Zustände, sondern […] als unteilbare Kontinuität“ zu denken“; für Schüwer würde aus dem bildphilosophischen Verweis letztlich die Unterscheidung von Comicbildern in sensomotorische Bilder und Zeitbilder des Comics. Eine Schlussfolgerung, die auf Gilles Deleuzes Ausführungen zum Bewegungs- und Zeit-Bild des Films zurückgeht, wiederum beruhend auf Bergsons Idee der „Welt als Ansammlung von Bildern“ (S.194). Für Bergson bestehe die philosophische Fehlleistung der Bewegungslinie darin, den Weg der Bewegung „mit dem Bewegungsprozess zu verwechseln und damit auch den Prozess für teilbar zu halten“. Bergson sehe hier ein falsches Verständnis von Bewegung, das impliziere, dass Bewegungen erstens immer einen Raum beschreiben und zweitens aus Punkten bestehen, an denen Körper anhalten könnten. Schüwer denke jedoch die Bewegungslinie nicht als Summe von Punkten, sondern selbst als unendlich teilbar, für ihn seien Bewegungslinien im Comic immer eine Interpretation von Bewegung. Mal binden sie sich an bestimmte Teile von Körpern oder Objekten und geben ihnen so „beweglichen Ausdruckscharakter“ (S.197). Die schweren Theoriekaliber dienen dazu zu klären, wie die Bewegungen des Comic-Lesens (im Gegensatz zu denen des Films) und damit Comic-Verhalten beschreibbar sind. Dabei geht es um Fragen wie die Organisation von Blicken auf eine Doppelseite, ob beispielsweise das Fixieren einer bestimmten Stelle der Seite sich als Anhalten, Verweilen, Warten oder Festsitzen qualifiziert.

Mithin werden im Verglich zum Film etwa multilineare und multidirektionale Lesebewegungen zum Problem. „In Abwesenheit eines Timecodes kann die Comicanalyse zwar etwa von Rhythmen der Dauer sprechen. Aber eine solche Dauer beschreibt eine Qualität und keine dem Comic-Lesen inhärente oder festgeschriebene Laufzeit, Richtung oder Geschwindigkeit.“ (S.234) Das raumörtliche System der Rahmungen einer Doppelseite(wie Einzelpanels angeordnet sind) bedingt die Lesebewegungen, die bezeichnen dabei keine „abzuschreitenden Pfade“ (S.248), sondern Kräfteverhältnisse affektiver Dynamiken -in der Anordnung und Gestaltung der Seiten eines Comics (man denkt dabei unwillkürlich an Deleuze und Foucault, die ganz ähnlich auf Geschichte, Gesellschaft und unsere Existenz als Subjekte im Netz der Macht hinwiesen) .

Hochschild zitierte anfangs Packard, der an Foucault anschließt: „diese Art des Sinns, die daran hängt, dass einer ‚Ich‘ sagen und von sich erzählen können soll“ (S.14). Dies sei ist im Sinne von Michel Foucault modern, was bedeutet: Verbunden mit dem Machtnetz einer Wissens- und Erkenntnisordnung, die ein „unausschöpfbares menschliches Ich als Ausgangspunkt setzt, das zum diskursiven Wiedererkennungsmerkmal wird“ (ebd.) -ausformuliert hatte Foucault dieses Ich schon in seinem verschollenen und erst 2024 publizierten Buch Der Diskurs der Philosophie.

Ihren phänomenologischen Anspruch will die von Hochschild entwickelte Methode letztlich aber auch in der Wahl ihres Gegenstandes einlösen: Dieser ist „nicht die Comic- oder Filmfigur, die es als Subjekt zu fixieren gilt“ (S.273), sondern die Begegnung eines realen Subjekts mit dieser Figur. In den folgenden vier Fallstudien will Hochschild demnach Begegnungen mit Figuren zum Gegenstand empirischer Film- und Comicanalysen aus einer phänomenologischen Perspektive machen.

Kapitel 6–9 beschreiben mithin auf dieser Grundlage jeweils die Begegnung mit den Figuren Noa, Riad, Harold (die in dieser Rezension aus Platzgründen übergangen werden müssen) und schließlich den zu Beginn der Abhandlung eingeführten Jordan. In Analysen je zweier konkreter Filme und Comics zeigt Hochschild, wie sich Begegnungen mit ihren Figuren analysieren lassen. Mit der Figur Jordan schließt sich der Kreis der persönliche Erfahrungen einbringenden Darlegung Hochschilds: Lint erzähle auf bemerkenswerte Weise das gesamte Leben seines gleichnamigen Protagonisten. Über weite Strecken erzähle je eine Seite des Comics von einem Lebensjahr -bis zu jenem dramatischen Wendepunkt, „an dem fünf auffällig anders gestaltete, hochkantige Seiten den gewohnten Stil und Rhythmus des Comics zersprengen.“ (S.395) Die somit beinahe taktil hervorgehobene Szene zeigt den Missbrauch an Jordans Sohn Gabriel, wobei Jordan das Kind so gewaltsam schüttelte, dass sein Schlüsselbein brach. Hochschild wird noch persönlicher: „Nicht nur Jordan wird von der Erinnerung an diese verdrängte Gewalttat überwältigt – auch ich erlebte diese Szene als visuellen und haptischen Schock, der meine Perspektive auf Jordan und mich als Leser seiner Lebensgeschichte nachhaltig veränderte.“

Er bedankt sich bei den Teilnehmer*innen des in Kapitel 1 erwähnten Workshops, sowie jenen des Kurses „Comics durch Comics denken –Einführung in Comicforschung am Beispiel von Chris Ware“, den er im Sommersemester 2019 an der Universität Wien geleitet habe. Inspirationen zu seiner Analyse würden aus den Diskussionen beider Veranstaltungen stammen. Wir stellen uns bei der Lektüre der Dissertationsschrift das angeführte Comic-Analyse-Seminar fast wie eine psychologische Therapiegruppe vor.

Bei der Analyse des Comics, dessen präsentierte Bilder teils an abstrakt gehaltene bunte Piktogramme von Ratgebern oder Hinweisschilder erinnern -im auffälligen Kontrast zu den dargestellte hochemotionalen Inhalten, konzentriert sich Hochschild zunächst auf literarisch-künstlerische Gestaltungsmerkmale: Farben, Formen und Körper, Schrift-Bild-Beziehungen, Perspektive und Seiten-Layout. Die ersten vier Gestaltungsmerkmale beschreiben Kräfteverhältnisse mikroperspektivischer Bewegungen einer Seite, das Merkmal Seiten-Layout zielt auf die makroperspektivische Analyse der Seiten als raumörtliche Systeme (S.399). 30 Seiten später werden diese Merkmale tabellarisch auf den Lebenslauf der Figur projiziert und die Poetik des Comics damit weiter entschlüsselt (S.429). Die Mondgesichter des Comics, seine Panels, die Tableaus von Doppelseiten werden zunächst akribisch untersucht. Die ‚Ich‘ und ‚Du‘-Beziehungen, die Identifikation eines Selbst und eines Anderen, werden in der Schrift-Bild-Beziehung lokalisiert:

„Mutter und Sohn gehen mittels einer auf die Mutter verweisende Sprechblase ineinander über. Sie deutet mit „jRdN“ erstmals seinen Namen an, der hier seinen Kopf ersetzt. Jordan bleibt sowohl mit dem Körper der Mutter verschränkt als auch gleichsam von ihr durch die Namensandeutung zu eben jener Identität abstrahiert. In diesem Sinne entsteht die Schrift-Bild-Beziehung abstrahierend.“ (S.406).

Der Gewaltakt bzw. das erinnern des Missbrauchs als Wendepunkt von Jordans Lebensgeschichte entfalte sich, so Hochschild, in einer eigenen Szene. Sie verändere die gewohnte Chronologie des Comics: Wo sonst eine Seite ein Jahr aus Jordans Leben erzählt, entfalte sich hier ein verdrängtes Erinnern binnen eines kurzen Momentes auf insgesamt sieben Seiten (S.431). Jordan googelt den Namen seines Sohnes Gabriel und stößt auf ein Interview, in dem der mittlerweile erfolgreiche und als homosexuell geoutete Autor von seinem neuesten, autobiografischen Werk erzählt; insbesondere von dem Missbrauch durch seinen Vater Jordan, den er darin verarbeitet. Obwohl Jordan im Verlauf des Comics längst als oberflächlich, zornig, naiv, sexistisch, misogyn oder rassistisch auftrat, so Hochschild, wurde dieser konkrete Missbrauch an seinen Kindern bis dahin nicht gezeigt. Es scheine also, „als habe der Comic diese Erinnerungen gemeinsam mit seiner Hauptfigur verdrängt und würde nun seine Figur mitsamt seinen Lesenden damit überwältigen.“ (S.432) Das Gefährliche an der Begegnung mit Jordan bestehe nicht nur darin, einem Monster gegenüberzustehen, sondern dabei sein eigenes monströses Wahrnehmen zu erfahren. Die Erfahrung des ästhetischen Kulturgegenstands Comic (Beschrieben wird auch die haptische Qualität des aufwednigen, mit Textilien gestalteten Covers), insbesondere in der unangenehmen Qualität, sei Teil einer ästhetischen und sogar genussvollen Erfahrung. „An ihr können die Lesenden im geschützten Rahmen der Begegnung mit einem Comic das Gewaltsame der eigenen Wahrnehmung erleben und erfahren, ohne tatsächlich destruktiv sein zu müssen“ (S.441, vgl. ebd. Fn.49).

Kapitel 10 „Andere Figuren, andere Begegnungen: Ein Ausblick“ rekapituliert die Analysen, etwa der Wendepunkt-Szene bei der Figur des Antihelden Jordan, die den homophoben Gewaltakt taktil plastisch machte. Der Comic bringe hier den jeder Wahrnehmung inhärenten Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche – als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung. Statt Subjekte im medialen Gewand des Films oder Comics zu sein, resümiert Hochschild, seien Film- und Comicfiguren Gegenstände der spezifischen Wahrnehmungssituationen des Film-Sehens und Comic-Lesens. Als Anderes der Wahrnehmung seien sie Gegenstände eines Feldes, das sich selbst als Anderes der Wahrnehmung und als anderes Wahrnehmen offenbart. Analysierbar würden die Begegnungen mit Figuren mithin nur aus einer Perspektive, die es vermag, dieses Feld des Film-Sehens und Comic-Lesens zu beschreiben. Sie gingen als Wahrnehmungsgegenstände hervor aus den

Situationen der Begegnungen mit Filmen oder Comics, die über die Bewegungen eines Film- oder Comic-Verhaltens adressierbar werden. (S.442) Als Teil einer phänomenologischen Methode ließen sich die Verhalten immer nur an konkreten Gegenständen beschreiben (S.444). Hochschild kommt auf die Spur eines blinden Flecks in seiner hier entwickelten Perspektive: Die offene Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien (etwa Romanen, Theateraufführungen, Videospielen), nach Figuren, die explizit keine Wahrnehmungsgegenstände eines Feldes ästhetischer Erfahrungen sind und nach der Figur als einem Phänomen, das weit über die Erfahrung des Film-Sehens und Comic-Lesens hinausgehen könne. „Eine Antwort auf die Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien lässt sich zumindest implizit herleiten: Sie wäre zu finden im Verhalten des jeweiligen Mediums.“ (S.445)

Mithin bringe die phänomenologische Perspektive in ihrem Fokus auf eine permanente Modulation der Wahrnehmung die Annahme mit, dass weder Feld noch Gegenstand je abgeschlossen und fixiert wären. Einzubeziehen wären unter anderem „Gespräche über Figuren beim Verlassen des Kinosaals, Diskussionen über Figuren in Internetforen, Wiederbegegnungen mit Figuren im Seriellen, in Verfilmungen, Fortsetzungen, Reboots, narrativen Universen oder anderen trans- und intermedialen Zusammenhängen bis hin zu Aneignungen und Performances von Figuren in Fan Fictions oder Cosplays.“ (ebd.f.)

Man müsse sich als bei der Werkauswahl beschränken und auf relevante Aspekte bedenken. Die Story von Lint entfalte etwa „im Verhalten seines ordnenden Spiels eine unangenehme Erfahrung.“ (S.448) Der Comic bringe damit den jeder Wahrnehmung inhärenten und hier zerstörerischen Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche. In der Wendepunkt-Szene stelle sich sein ordnendes Spiel als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung heraus und mache das Streben nach ihr zum Ursprung einer missbräuchlichen Verhaltensweise (ebd.). Lint stelle dabei „eine Analogie zwischen Jordans Weltwahrnehmung und der Wahrnehmung der Lesenden her, die in jedem Versuch, Jordan und seine Taten zu verstehen, ihn in seinem ordnenden Spiel nachzueifern und so (im geschützten Rahmen dieser ästhetischen Erfahrung) den destruktiven Anteil ihrer eigenen Wahrnehmung zu erfahren.“ (S.448) Weitere Analysen und Vergleiche verschiedener Werke und von ihnen bereitgestellte Begegnungen mit Figuren werden präsentiert, bis Hochschild zur abschließenden Bemerkung kommt: Die Perspektive dieser Arbeit müsse, um ihrem phänomenologischen Anspruch gerecht zu werden, nicht nur flexibel, sondern auch unabgeschlossen bleiben.

Diskussion

Werfen wir mit dieser Dissertationsschrift einen Blick in die Erfahrungswelt der „Millenials“? Also der Kinder der zunehmend digitalen Mediengesellschaften? Es ist ein deskriptiver Blick, der uns die Dynamik heutiger Erlebniswelten vorsichtig nahebringt. Wichtig ist die Klärung des Status „fiktiver Wesen“. Der Filmtheoretiker Jens Eder definierte die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“, mit einem durch Zuschreibung seitens der Betrachter entstehenden lebendigen Innenleben, die uns daher ähnlich wie lebende Menschen begegne. Die Figur ist somit Artefakt (Teil eines medialen Gegenstands), als fiktives Wesen ein Modell, lebendig geworden durch kognitive Leistungen der Zuschauenden, auch Symbol und damit Vermittler von Bedeutungen und zuletzt Symptom für ein mediales Dispositiv, das über das konkrete Artefakt hinausgeht (S. 22 f.). Diese differenzierenden Vorarbeiten, die auch Eders Figur-Natur-Dualismus kritisch reflektieren, führen zum zentralen Thema der Abhandlung, der Begegnungen mit Figuren. Sie ermöglichen Hochschild im Weiteren seine phänomenologische Perspektive unter Berufung auf Husserls und Merleau-Ponty zu entwickeln. Das hohe theoretische Niveau steht nur scheinbar im Widerspruch zum Gegenstand der besonders hierzulande eher unterschätzten Comic-Literatur.

Comics führten in der kulturbürgerlichen „Hochkultur“ und in der an diese angepassten akademischen Welt lange ein Nischendasein. Ihnen eine eigene Ästhetik abzusprechen wird jedoch nach dieser Studie schwieriger. Die (nicht nur im Feuilleton als deutlich despektierliches Pejorativ benutzte) Sprechblase etwa, so Hochschild, wird vom Comictheoretiker Lambert Wiesing als eine eigene Bildform besprochen: Sie sei das genuin comictypische Bildelement, geboren „aus dem Geist der Phänomenologie“. Denn sie bringe etwas zum Ausdruck, das jenseits vom Comic nicht existiert oder existieren kann, sie stelle eine neue Sichtbarkeit dar und nicht bloß eine Interpretation der Welt. Die Sprechblase steht damit auf einer Stufe mit so wichtigen Bilderfindungen wie der Zentralperspektive, dem Abstrakten Bild und der Collage (S. 167 f.).

Eine Sprechblase zu sehen und zu lesen, heiße weder bloß einen Reiz der Augen als narrative Information zu verarbeiten, noch ein tatsächliches klangliches Erlebnis über die Ohren zu verarbeiten. Nach Wiesing ähnele der Bezug einer Sprechblase auf eine Figur innerhalb eines Panels dem Bezug von Bildern auf die Welt, wie die phänomenologische Bildtheorie ihn denkt, was Hochschild zwar sympathisch, aber in der theoretischen Verallgemeinerung übertrieben erscheint (S. 171). Festhalten kann man hier wohl die medial-psychologische Wirkung des Bildmediums, die auf einer neuen Wahrnehmungsebene neue Erfahrungsräume öffnet.

Für Hochschild bedingt die Bewegtheit der Bildgegenstände die Wahrnehmung von Bewegung sowie die Bewegtheit der Wahrnehmung selbst: Comics werden für Lesende zur Bewegungserfahrung, denn die Bilder des Comics bleiben beim Lesen nicht starr. Sie erzeugen die Erfahrung einer Bewegung, die sich allein in den Begegnungen mit diesem Comic herstellt. Aus Hochschilds phänomenologischer Perspektive sind Figuren nicht einfach ‚da‘, sie gehen erst aus der Erfahrung einer Begegnung mit Filmen und Comics hervor. Dies betont die aktive Rolle der Mediennutzer, deutet aber auch ihre Verletzlichkeit durch medialen Konsum an. So ergibt sich wie die Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung wirken und was die Begegnung mit ihnen ausmacht (S. 272).

Ein wichtiges Ergebnis aus diesem phänomenologischen Ausflug in die Film  und Comicwelt (der dringend um weitere digitale Bilderwelten zu ergänzen wäre): In der uns umgebenden Netz- und Mediengesellschaft dringen Figuren aus visuellen Bildwelten in unsere soziale und psychische Welt vor, nehmen Rollen ein, vermitteln Werte. Dies ist keine neue Erkenntnis, hier wird sie jedoch in besonderer theoretischer Tiefe fundiert und in akribischer analytischer Praxis vertieft.

Fazit

Björn Hochschild legte hier eine differenzierte Studie vor, die fragt wie Figuren in den Bildmedien Film und Comic wahrgenommen werden, wie sie dabei durch Lektüreerfahrung und emotionale Einbindung wirken können. Zugleich lässt sie sich als Einblick die die Lebenswelt heutiger Kinder der Mediengesellschaft lesen, die auch in Jugend und Erwachsenenalter fortwirkt. Empfehlenswert ist sie auch als Hintergrundwissen für soziale, pädagogische und kulturelle Arbeit, wobei jedoch ein hoher theoretischer Anspruch bewältigt werden muss. Überzeugend belegt werden tiefgreifende Rezeptionserfahrungen des Mediums Comic, wie man sie bislang nur fübezogen auf vergleichsweise bombastische Medien wie die Oper oder den Kinofilm kannte.

Die von Hochschild hervorgehobene „Multisensorik des Comics“, die sich auf die dargestellten Welten ausweite, öffnet der Analyse auch akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische Sinneseindrücke am Papiermedium. Die Begegnung mit Figuren gewinnt gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht. Eine Erkenntnis, die das einst verfemte Genre mehr als nur rehabilitiert und die Comic-Autor*innen wie -Verlage vermutlich gerne hören werden.

Hintergrund

Dr. Björn Hochschild promovierte mit dieser Studie, der 2021 zugelassenen Dissertation an der Freien Universität Berlin; entstanden ist sie im Rahmen des Doktorand*innen-Kolloquiums der Kolleg-Forschungsgruppe Cinepoetics und des Berliner Comic Kolloquiums; erschienen als Band 12 der Reihe „Cinepoetics: Poetologien audiovisueller Bilder“, herausgegeben von Hermann Kappelhoff und Michael Wedel.

Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag. Reihe: Cinepoetics – Band 12. 471 Seiten. ISBN 978-3-11-108695-8. D: 79,95 EUR, A: 79,95 EUR. Verfügbar als Open Access PDF, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 Internationale Lizenz. https://doi.org/10.1515/9783111198019-002
(Eine gekürzte Version dieser Rezension von Thomas Barth erschien auch bei Socialnet: https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

Literatur

Bergson, Henri: Materie und Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist. Verlag Felix Meiner, Hamburg 1991 [1896]. Bergson digital bei archive.org

Eder, Jens: Die Figur im Film. Grundlagen der Figurenanalyse. Schüren, Marburg 2008.

Deleuze, Gilles: Das Bewegungs-Bild. Kino 1. Merve, Frankfurt am Main 1997 [1983].
Deleuze, Gilles: Das Zeit-Bild. Kino 2. Merve, Frankfurt am Main 1997 [1985].

Foucault, Michel: Der Diskurs der Philosophie, Suhrkamp, Berlin 2024.

K ID CAMERAMEN . Creators: Chris Ware, John Kuramoto. In: T HIS A MERICAN L IFE , Staffel 1, Episode 3: „The Cameraman“. Chicago Public Radio / Killerfilms / Left/Right, US 2007.

Packard, Stephan: Wie narrativ sind Comics? Aspekte historischer Transmedialität. In: Su-
sanne Hochreiter, Ursula Klingenböck (Hg.): Bild ist Text ist Bild. Narration und Ästhetik in der
Graphic Novel. Bielefeld 2014, S. 97–12.

Ware, Chris: Jordan Wellington Lint. A Contributing Number (20) to The ACME Novelty Library Series.
Montréal / Quebec 2010.

12/30/25

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert, Neu-Isenburg 2024, Westend-Verlag, 214 Seiten, 22,00 €, AU 23,50 €, ISBN 9783864894435

Rezension von Thomas Barth

Thema

Droht uns eine Wiederkehr des Faschismus –auch und gerade in den “liberalen Demokratien” des Westens? Lassen sich heutige konservativ-reaktionäre “ultranationalistische” Politiker wie Trump, Orban, Giorgia Meloni oder Marine Le Pen mit Hitler, Goebbels und Mussolini vergleichen? Der Yale-Philosoph Jason Stanley arbeitet angesichts des Machtgewinns von “Ultranationalisten” in Parlamenten und Regierungen der USA, EU-Europas und anderer Ländern weltweit (Russland, Indien, Myanmar) Muster, Mythen und politische Taktiken eines Faschismus heraus, der sich heute immer besser zu tarnen versteht. Dies gelingt dank ausgefeilter Propaganda in Medien und digitalen Räumen, deren Kern jedoch, ganz traditionell, ein nationalistisches Aufhetzen gegen “die Anderen” bleibt, ein “wir gegen die”, die Minderheiten, die Migranten, das Ausland.

Auch in der aktuellen deutschen Faschismus-Debatte heißt es, heute beziehe die Neue Rechte ihre Taktiken aus Blaupausen des NS-Faschismus; denn fast alle Probleme würden etwa von der AfD und ihrer Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel, „in pathologischer Manier dem Zustrom von Flüchtlingen angelastet“, deren Kriminalität faktenwidrig übertrieben werde (Elchlepp 2025, S.631f.); dies ist eine Sichtweise, die sich leider auch im Medien-Mainstream findet, etwa beim Ex-ARD-Mann und Bestseller-Autor Teske (2025). Bei aller Faschismus-Kritik ist der Yale-Professor Stanley keineswegs ein allzu linksorientierter Denker. Er steht nahezu kritiklos hinter Obama, Biden und Hillary Clinton und bleibt, wie zu zeigen sein wird, weitgehend blind für die Nähe zum Faschismus, die beim neoliberalen Raubtierkapitalismus, aber auch generell bei liberaler Politik inzwischen zu beklagen ist (vgl. Ishay Landa 2021).

Autor und Hintergrund

Prof. Dr. Jason Stanley (*1969) lehrt Philosophie an der Elite-Universität Yale (USA), außerdem in Toronto und an der Kyiv School of Economics. Er ist auch Autor von „How Propaganda Works“, woran sein „How Fascism Works“ auf Vorschlag des Verlages Princeton University Press anschließt (vgl S.203) und schon in 23 Sprachen übersetzt wurde; Stanley schreibt regelmäßig u.a. für die New York Times, die Washington Post und den Britischen Guardian. Das vorliegende Buch schöpft auch aus familiären Erinnerungen, v.a. aus den Memoiren seiner Großmutter Ilse Stanley, die im Deutschen Reich Widerstand gegen die Nazis leistete, hunderten anderen Juden zur Flucht aus dem KZ verhalf und 1939 in letzter Minute aus Berlin entkam (S.196); seine Mutter, Sara Stanley, habe „in West- und Osteuropa die Schrecken des Antisemitismus durchgemacht“ sowie nach 1945 den polnischen Nachkriegs-Antisemitismus (S.201), seine Stiefmutter, Mary Stanley, habe ihn in die US-Geschichte eingeführt, auch aus eigener Erfahrung in der US-Bürgerrechts-Bewegung; Jason Stanley dankt auch seiner Schwiegermutter Karen Ambush Thande, für Partizipation an deren Wissen über die afroamerikanische Tradition (S.203). Ein Vorwort zur dt. Übersetzung verfasste Prof.Dr. Rahel Jaeggi, die an der Humboldt-Uni Berlin Sozial- und Politische Philosophie lehrt sowie als Gastprofessorin an der Uni Yale war.

Aufbau und Inhalt

Einem Vorwort für die dt. Ausgabe von Rahel Jaeggi folgt eines des Autors für die US-Taschenbuchausgabe (vor Trumps Wiederwahl, gegen die sich Stanley in seinem Buch erkennbar einsetzt), dann kommen 10 Kapitel und ein Epilog; die Kapitelüberschriften kennzeichnen jeweils eine faschistische Taktik bzw. “eine der zehn Säulen faschistischer Politik”. Prof. Jaeggi wendet sich an ihr deutsches Publikum mit einer Warnung vor der Wiederkehr des Faschismus, leicht erkennbar in Gestalt der “in Teilen gesichert rechtsextremen” AfD, durch die wir es heute sogar schon im deutschen Bundestag mit “offen bekennenden Neonazis” zu tun hätten (S.9); dazu käme AfD-Chef Gauland mit seinem “Vogelschiss”-Vergleich für Nazi-Diktatur, Weltkrieg und Holocaust sowie der Potsdamer Skandal eines AfD-Treffens zum “Projekt Remigration”, traditonsbewusst (?) “in unmittelbarer Nähe zum Ort der Wannseekonferenz” (S.13). Stanley würde uns die Begriffe liefern, eine drohende “Normalisierung” faschistischer Taktiken und Methoden zu erkennen: Etwa SPD-Kanzler Olaf Scholz, der vom Cover des Spiegel-Magazins verkündete, man wolle jetzt “endlich im großen Stil abschieben”, habe rechtextreme Politik übernommen, von Migration als “Krise” zu reden, wobei das “tausendfache Ertrinken Geflüchteter im Mittelmeer” ausgeblendet würde (S.15f.).

Stanley warnt in seinem aktualisierten Vorwort vor Trump, verweist dabei auf Jair Bolsonaro in Brasilien und die 2018 in Spanien gegründete rechtsextreme Vox-Partei, die schon 2019 und wieder 2023 im Madrider Parlament die drittgrößte Fraktion stellte, auf die Schwedendemokraten, in Stockholm zweitstärkste Partei, ebenso die AfD in Deutschand, Giorgia Meloni, die “postfaschistisch” Regierungsmacht in Italien erlangte sowie Narendra Modi in Indien. “Hinter dieser transnationalen, ultranationalistischen Bewegung”, so Stanley, “stehen die Kräfte des Kapitals. Technologieriesen profitieren ebenso wie die Medien von dem dramatischen Aufeinandertreffen von Freund und Feind. Angst und Wut treiben die Menschen an die Wahlurnen, aber sie sorgen auch dafür, dass sie online bleiben und sich auf mediale Inhalte fixieren.” (S.27)

Nur wenn wir faschistische Politik unter ihrer aktuellen Maske erkennen, so Stanley, können wir ihren Verlockungen widerstehen, ihre Intrigen und Propaganda durchschauen und zu demokratischen Idealen zurückkehren. Er warnt vor “faschistischen Taktiken”, die auch Patriarchat, Familie und Sexualität einschließen. Das Buch handelt von den gemeinsamen Merkmalen faschistischer Bewegungen, von sich wiederholenden Mustern, Weichenstellungen und vor allem von aktuellen Tendenzen der Normalisierung des Faschismus; dies geschieht schleichend in unseren Medien und im öffentlichen Raum, auch und gerade in den westlichen “liberalen Demokratien”.

Das zentrale Konzept des Buches sind die „zehn Säulen des Faschismus“, die Stanley identifiziert und ausführlich in jeweils einem Kapitel erklärt:

  1. Die mythische Vergangenheit: Faschistische Bewegungen glorifizieren eine idealisierte und vielfacht nur fantasierte Vergangenheit der eigenen Nation bzw. des eigenen Volkes; darin gleichen sie Reaktionären, Nationalisten und Konservativen siehe z.B. Donald Trump mit seinem „Make America Great Again“ (Maga) oder Victor Orban, der Ungarn zum heroischen Verteidiger der Christenheit erklärt (S.54); ob auch Nethanjahu mit seinem Rückgriff auf biblische Geschichte für Landenteignungen in der Westbank hier einzuordnen wäre, diskutiert er nicht.
  2. Propaganda: Faschisten nutzen, wenig überraschend, Propaganda, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und Feindbilder zu schaffen. “So wird aus einem gefährlichen Krieg um die Macht stattdessen ein Krieg, dessen Ziel Stablität ist, oder einer, dessen Ziel Freiheit ist.” (S.57) Konkrete Kriegsführung, wo bei den USA kein Mangel an Beispielen herrschen würde (etwa Grenada, Panama, Venezuela, Libyen, Syrien, Iran, Irak) nennt Stanley hier nicht.
  3. Anti-Intellektualismus: Dies betrifft keineswegs die “Eliten”, sondern allein eine kritische Wissenschaft und linksliberale Denker; der US-Rechtsextremist David Horowitz agitiert seit 40 Jahren gegen US-Professoren, sofern sie politisch nicht weit genug rechts stehen; seit Trump wird sein politisches “Säuberungs-Programm” der US-Universitäten “aggressiv vorangetrieben” (S.70); Studienrichtungen zu Klima-, Gender-, Black- oder Middle East-Studies werden als “Kulturmarxismus” verfolgt (lt.Anm.d.Übersetzers eine Verschwörungstheorie der Neuen Rechten, die an die NS-Propaganda gegen sog. “Kulturbolschewismus” anknüpft, Fn.S.73). Nicht bei Wahlen und Reichtumsverteilung –wo es naheliegender wäre- fragt Stanley nach Manipulation und Kulturkampf durch die oligarchische Kapitalseite, sondern bei den Universitäten, seinem eigenen Arbeitsumfeld: “Konservative Akteure stecken gewaltige Summen in das Projekt, rechte Ziele im Bildungswesen voranzutreiben.” Die Koch Foundation (von Ölbaron Koch, einem der reichsten US-Oligarchen, auch bekannt für seine Klimawandel-Leugner-Think Tanks) habe allein 2017 nicht weniger als 100 Millionen Dollar für die Förderung “konservativer Ideologien an ca. 350 US-Unis ausgegeben. (S.78) Ziel sei dabei, Stanley zitiert Victor Klemperer, uns zu einer gedanken- und willenlosen “getriebenen und gehetzten Herde” zu machen; weltweit werden derzeit Universitäten von Rechtsextremen attackiert, so Stanley, die dort angeblichen “Feminismus” oder “Marxismus” mundtot machen wollen (S.83). Dass bei solchen Eingriffen schon seit den 1970er Jahren auch Kritiker des neoliberalen Ansatzes der Ökonomie mundtot gemacht wurden, vor allem wenn sie gegen Deregulierung und Steuersenkung für Konzerne eintraten, erwähnt Stanley nicht.
  4. Unwirklichkeit: Stanley greift auf Ernst Cassirers antifaschistisches Spätwerk “The Myth of the State” zurück, um gegen John Stuart Mills absolute Redefreiheit zu argumentieren (S.92f.). Mill hätte sich gegen das Verbot von RT (Russia Today) in liberalen Demokratien gewandt, doch deren “verantwortungsbewusste Medien” sollten “bestrebt sein, die Wahrheit zu verbreiten” (S.95). Die so dargestellte “gemeinsame Realität” sei Voraussetzung für eine “gesunde liberale Demokratie” und deren Schwachpunkt sei “extreme wirtschaftliche Ungleichheit”; die sei “Gift für die liberale Demokratie, weil sie Wahnvorstellungen hervorruft” und Demagogen Angriffsflächen biete; bei Kolonialismus, Imperialismus und Sklaverei wären aus extremer Ungleichheit sogar Ideologien einer Überlegenheit von “Ethnie, Religion, Kultur und Lebensweise” entstanden (S.100f.). Fakten werden durch alternative Realitäten ersetzt, um die Wahrheit zu verschleiern und Propaganda zu betreiben; insbesondere, aber keineswegs ausschließlich ginge es dabei um Verschwörungstheorien, deren “vielleicht berühmteste”, die bekanntlich gefälschten “Protokolle der Weisen von Zion”, Antisemiten wie der Auto-Baron Henry Ford verbreitet hätten. Hillary Clinton wäre im “Pizzagate”-Komplott als Päderastin denunziert worden, Obama hätte man mit der “Birther”-Lüge zum Ausländer und verkappten Muslim stilisiert, beides zum Nutzen von Trump (S.87 ff.). Der habe “wiederholt offen gelogen”, die Medien berichteten dies “pflichtbewusst”; “Hillary Clinton hielt sich dagegen an die liberalen Normen gegenseitigen Respekts”, ihren, laut Stanlay, einzigen Verstoß gegen diese Normen, sie hätte Trumps Anhänger als “erbärmliche Menschen” bezeichnet, hätten die Medien “ihr immer wieder ins Gesicht geschleudert” (S.96); von den äußerst unfair abgelaufenen innerparteilichen Wahlen um die Präsidentschaftskandidatur, den Clinton und ihr Lager (das Establishment der “Demokraten”) gegen den Partei-Linken Berny Sanders führen ließ, scheint Stanley nichts zu wissen.
  5. Hierarchie: Faschistische Ideologien betonen die Überlegenheit bestimmter Gruppen -vom Führerprinzip über die Unterwerfung der Frau bis zur Rassenlehre- und rechtfertigen soziale Ungleichheit. Dieser Punkt ist ein besonders neuralgischer in der Argumentation, dessen Diskussion daher hier eingeschoben werden muss, um nicht den Überblick zu verlieren:

Stanley schreibt, Hierarchie sei Mittel zum Machterhalt, aber einer “Art von Macht, welche die liberale Demokratie versucht, zu deligitimieren.” Linke wie rechte Kritiker des Liberalismus, so Stanley, “fokussieren auf die Möglichkeit, dass liberale Ideale existierende Machtunterschiede ausblenden”. Linksorientierte würden sich dagegen wenden, dass Liberale somit bestehende Ungleichheiten festschreiben würden; Rechtsorientierte wären dagegen, ihre Privilegien (also Ungleichheiten) aufzuheben (S.109). Damit betreibt Stanley ein semantisches Hütchenspiel, bei dem plötzlich die liberale Mitte den “beiden Extremen” gegenübersteht, was durch den unscharfen Begriff “fokussieren” überzeugend wirken soll: Links und Rechts “fokussieren” auf Machtunterschiede? Ja, aber die Rechten wollen sie beibehalten, die Linken wollen sie abbauen -was angeblich doch die Liberalen auch wollen.

Stanley erörtert nicht, inwiefern sich Liberale denn für eine Verringerung auch ökonomischer Ungleichheit einsetzen, wie sie die Linke fordert; geschweige denn problematisiert er, dass die weitaus meisten und reichsten Multimilliardäre bzw. Oligarchen gerade aus besagten liberalen Demokratien stammen. Und das, obwohl deren Staaten zudem meist überschuldet und deren Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme unterfinanziert sind, weil –und dieser Kausalzusammenhang wird nur von neoliberalen Ideologen bestritten- die großen Vermögen so wenig besteuert werden, dass sie sich zu unvorstellbaren Summen aufhäufen. Dies spaltet die Gesellschaft und stellt auch die Demokratie vor eine “Zerreißprobe” (Butterwegge 2020, S.393). Die liberale Gleichheit der Rechte endet also da, wo jemand zu arm ist, um sich Lebensnotwendiges kaufen zu können. Da die Einschnitte in Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme für eine überwältigende und wachsende Mehrheit der Bevölkerung die Lebensqualität immer mehr absenkt, stellt sich noch eine andere Frage: Wie demokratisch kann eine “liberale Demokratie” sein, die elementare Bedürfnisse und damit im Endeffekt auch Menschenrechte einer Mehrheit der Bevölkerung mit Füßen tritt?

Warum wählen die Menschen nicht einfach eine Regierung, die Reiche und Konzerne fairer besteuert? Der Propaganda-Experte Jason Stanley bleibt hier etwas wolkig und andererseits wortkarg, wenn es um die Manipulation der Wähler durch Medien geht. Bei mehr Beachtung von Politökonomie und Verteilungsgerechtigkeit wäre ihm vielleicht auch aufgefallen, warum Konzerne und Superreiche die Rechtsextremen so freigiebig alimentieren (von Hitler über die AfD bis zu Trump): Wenn die von der Politik enttäuschten Menschen Rechts wählen statt Links, drohen den Reichen keine Steuererhöhungen; die Medien tun ihren Teil dazu, indem sie stereotyp und irreleitend immer wieder “die Extreme von Rechts und Links” gleichsetzen. Da sich Angst, Hass und Wut leichter wecken und manipulativ einsetzen lassen (Stanley führt für diese faschistische Taktik Steve Bannon als Zeugen an, S.83) als gesellschaftliche Analyse und linke Appelle an Gerechtigkeit, hat es rechtsextreme Propaganda ohnehin leichter, sich durchzusetzen.

  1. Die Opferrolle: Faschisten stellen sich selbst als Opfer dar, um ihre Aggressionen und die Unterdrückung anderer zu rechtfertigen. Hinter dem Opferstatus steckt oft der befürchtete oder tatsächliche Verlust von Privilegien, d.h. das Absinken in der sozialen Hierarchie, auch durch Herstellung von sozialer Fairness und Beendigung von sozialer Ungleichheit.
  2. Recht und Ordnung: Ein dauernder Ruf nach Recht und Ordnung, ohne Bezug zur Rechtsstaatlichkeit, wobei die Durchsetzung von „Ordnung“ genutzt wird, um politische Gegner zu unterdrücken. Von Faschisten verfolgte Minderheiten werden als “Kriminelle” hingestellt oder sogar zu diesem Zweck wirklich in die Kriminalität getrieben oder kriminalisiert. In den USA trifft es Schwarze Männer, die überproportional, die Vermischung von Rasse und Sex sei dabei zentrales Narrativ. Faschistische Standard-Propaganda steit dem Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump sei dabei die Erfindung oder der Missbrauch der Vergewaltigung einer weißen jungen Frau durch einen farbigen Migranten, was maximale Empörung auslöse (vgl. hierzulande z.B. den in AfD-nahen Medien umjubelten ARD-Mann Alexander Teske, der solche Fälle vermehrt, sensationeller und unter Kennzeichnung der ethnischen Herkunft des Täters in den Hauptnachrichten präsentieren wollte). Stanley meint: “Vergewaltigungen sind für die faschistische Politik von grundlegender Bedeutung, weil sie sexuelle Ängste auslösen und damit einhergehend die Notwendigkeit, die ‘Männlichkeit der Nation’ durch faschistische Autorität zu schützen.” (S.143)
  3. Sexuelle Ängste: Faschisten fordern eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen und bekämpfen sexuelle Freiheiten, was sich in Antifeminismus, der Diskriminierung von LGBT+ und insbesondere Homophobie äußert.
  4. Sodom und Gomorrha: Biblisch umschreibt Stanley die moralisierende Ablehnung eines kosmopolitischen, liberal-urbanen Lebens in Großstädten durch die faschistische Weltsicht; ihr korrespondiert eine völkisch-romantische Verklärung des Landlebens.
  5. Arbeit macht frei: Faschistische Taktik betreibt eine Teilung der Gesellschaft in die angeblich Fleißigen und die angeblich minderwertigen Faulen, v.a. Migranten, Arme, Kranke; Stanley beschreibt dies unter dem auf die zynische Inschrift über nazideutschen KZs verweisenden Titel, denn das KZ als Arbeitslager dient angeblich der Erziehung, in Wahrheit aber der Ausgrenzung, Unterdrückung und Vernichtung. Politökonomisch untergraben Faschisten jedoch die Rechte der Arbeiterklasse, um die Macht der Kapitalseite zu stärken.

Diskussion

Die Elite-Universität Yale ist bislang nicht durch Faschismus- oder Sozialkritik aufgefallen, sondern ist vielmehr bekannt für ihren extrem elitären “studentischen” Skull-and-Bones-Geheimklub, dem z.B. die rechtskonservative US-Präsidenten-Dynastie von George Bush (junior und senior) entsprang (vgl. Landa S.287). Der Yale-Sprachphilosoph Jason Stanley wendet sich diesem Thema trotzdem zu, schwankt aber in seiner Abhandlung zum Faschismus zwischen logischer Analyse und emotionaler familiärer Betroffenheit, was zuweilen argumentative Lücken offen lässt.

Zwei blinde Flecken fallen in der Abhandlung von Stanley sofort ins Auge: 1. Bei seiner Aufzählung westlicher Staaten und Regierungen, die rechtsextreme Politik bzw. faschistische Taktiken betreiben, fehlen Israel und Nethanjahu (dagegen bezeichneten sogar im deutschen Fernsehen die Arte-Nachrichten am 26.12.2025 die Regierung Israels als “rechtsextrem”). 2. Bei Stanleys “Säulen des Faschismus” klafft eine immens wichtige Lücke: Es fehlt der Militarismus, die faschistische Verherrlichung von Krieg und Gewalt zwischen den Völkern, die hellsichtige Mahner seit Jahrzehnten auch in Deutschland wachsen sehen (vgl. Wette 1994). Mit beiden Auslassungen schwimmt Stanley unkritisch im westlichen Medien-Mainstream -der nicht nur bei uns auf “Kriegstüchtigkeit” eingeschworen scheint, weshalb Militarismus-Kritik wegfällt. Dieser westliche Mainstream ist für Stanley offenbar sakrosankt, weil er “die gemeinsame Realität darstellt, die eine gesunde liberale Demokratie voraussetzt.” (S.100)

Zweifel an der “Gesundheit” dieser Mainstream-Realität meldet dagegen die australische Medienkritikerin und ebenfalls Propaganda-Expertin Caitlin Johnstone an, deren “Erste-Hilfe-Büchlein gegen Propaganda” im selben Verlag erschien wie das Buch von Stanley (bei Westend). Gegenüber den von Stanley unentwegt belobigten “liberalen Demokratien” ist Johnstone weniger unkritisch; sie rügt westliche Mainstream-Medien für ihre “heftigen Hetzkampagnen gegen progressive Persönlichkeiten wie Bernie Sanders und Jeremy Corbyn“ (Johnstone S.45), sie kritisiert die jahrelange politische Verfolgung von Wikileaks-Gründer Julian Assange, der Kriegsverbrechen des US-Imperiums aufgedeckt habe. Sie moniert das mediale Hinstellen von Rüstungslobbyisten als unabhängige Experten für die geopolitische Lage, die Bedrohungen erfinden und mehr Geld für Waffen fordern; die Schlagzeile, so Johnstone nicht ohne Polemik, solcher „Nicht-Nachrichten“ sollte lauten: „Kriegsmaschinen-finanzierter Kriegstreiber will mehr Krieg“ (Johnstone S.27). Auch bei der von Stanley beklagten Normalisierung von Faschismus ertappt Johnstone US-Medien: Die renommierte New York Times etwa, so Johnstone, hätte ukrainischen Nazis vom öffentlichen Tragen ihrer Hakenkreuz- und Wolfsangel-Symbole abgeraten, aber „nicht weil Nazismus falsch ist, sondern weil es sich um schlechte Kriegspropaganda handelt“ (Johnstone S.18).

Das Vorwort für Johnstone schrieb der Kieler Kognitionspsychologe Prof. Dr. em. Rainer Mausfeld hat sich hierzulande in vielbeachteten Büchern und Vorträgen gegen eine zunehmende Manipulation der Menschen durch die Medien gewandt -natürlich ohne nennenswerte Resonanz in diesen Medien zu finden. Mausfeld beginnt sein Vorwort mit dem Hinweis, Propaganda sei vielleicht das bedeutendste Thema unserer Zeit: Denn würde „der gesamte Denkraum manipulativ verzerrt“ (Mausfelds Fachgebiet), könnten auch geeignete Lösungen für politische Probleme „im Wortsinn undenkbar“ werden.

Ziemlich undenkbar scheint für Jason Stanley daher wohl die Frage nach faschistischen Taktiken und Praktiken im Liberalismus, Neoliberalismus und damit auch den “liberalen Demokratien”. Der Ideenhistoriker Ishay Landa von der Israeli Open University zeigt dagegen die historischen und ideologischen Wurzeln auf, die Liberalismus und Faschismus verbinden. Seiner profunden Analyse nach spaltete sich der Frühliberalismus in einen politischen und einen Wirtschaftsliberalismus auf, wobei Letzterem neoliberale wie faschistische Ideologien und Bewegungen entsprangen. Gemeinsam hätten Faschismus und Liberalismus den sozialdarwinistischen Glauben an die Bedeutung des Survival-of-the-fittest (in Markt und / oder Biologie) sowie ein Elitenkult, der das angebliche Genie preise (den Führer oder den Finanzmagnaten etwa) und die Massen verachte. Landa identifiziert dabei vier liberale Mythen, die rückblickend dazu dienen sollten, die Wesensverwandtheit mit dem Faschismus zu verschleiern –und die sich bei Stanley wiederfinden, gleich in seiner ersten “Säule” des Faschismus schon die, laut Landa auch bei Liberalen verbreitete Mythologie (zum eigenen Ruhme) selbst. Ishay Landas erster liberaler Mythos: “Faschismus als Tyrannei der Mehrheit”, als “Paradebeispiel für die der Demokratie innewohnenden Gefahren”, die schon auf Tocqueville zurückgehe (Landa S.227). Das Misstrauen gegen die Massen mache ihre Manipulation durch Eliten nötig, weil eine demokratische Herrschaft die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse gefährden könne. Dies sind die Wurzeln des Wirtschaftsliberalismus, dem es um Kapitalismus und Profit für Wenige gehe, nicht um Demokratie und Wohlfahrt für die Menschen (die als “Massen” den wenigen Reichen an die Börse wollen). Tocqueville habe in diesem Sinne auch die Kolonialisierung Algeriens betrieben und sogar die Grundlagen für die “Rassentrennung zwischen französischen Siedlern und Arabern” entworfen (Landa S.238).

Steht Stanleys “liberale Demokratie” auch in dieser liberalen Tradition der Elitenherrschaft durch Propaganda? Deren Nestor wäre in den USA der Erzliberale und Propaganda-Theoretiker Walter Lippmann (Landa S.339). Mythos Nr.3 “Die Ursprünge der faschistischen ‘Großen Lüge’ –totalitär oder liberal?” schließt hier an und findet die liberale (und später faschistische) Taktik die Massen zu täuschen nicht nur bei Tocqueville, sondern auch schon bei John Stuart Mill (Landa S.279) sowie bei Neoliberalen und Neocons der US-Elite, etwa G.W.Bush jr. und seinem Militärstrategen Paul Wolfowitz (Landa S.286). Damit würde Landa wohl Jason Stanleys faschistische Säulen 2 und 3 (Propaganda und Unwirklichkeit) als ebenso und womöglich viel effektiver bei Liberalen auffindbar sehen.

Landas Mythos 2 entlarvt, dass nicht nur der Faschismus, sondern auch der Liberalismus auf hierarchische (statt egalitär-demokratische) Kollektive setzt, in denen angebliche “Leistungseliten” die Massen anführen (dies betrifft Säule 5 von Stanley). Landas liberaler Mythos 4 schließlich betrifft den Kosmopolitismus (Stanleys Faschismus-Säule 9), den Liberale heute für sich beanspruchen, während Faschisten rückständigen Nationalismen anhingen; Landa belegt, dass Liberale in der Vergangenheit koloniale Verbrechen zum Nutzen ihrer Nation mindestens billigten und Nationalismus als Bollwerk gegen die internationale Arbeiterbewegung sahen (S.310).

Stanley befasst sich kaum mit der Sicherung ökonomischer Privilegien durch Propaganda und/oder Kriege, er deutet im Kapitel “Propaganda” lediglich kurz die gelegentliche Darstellung von Krieg um bloße Macht als hehren Kampf um Stabilität oder Freiheit an (S.57), was er natürlich nicht auf “liberale Demokratien” bezieht. Eine weitere faschistische Taktik wird von ihm übersehen: Das völlige Verbergen kriegerischer Regierungsaktionen vor der Öffentlichkeit. Propaganda-Experte Prof. Rainer Mausfeld ist weniger zurückhaltend: Er bezeichnet die Lebensweise der westlichen Macht- und Geldeliten als parasitär, sie sei nur durch massive mediale Bewusstseins-Manipulation überhaupt mehrheitsfähig. Die mächtigste “liberale Demokratie”, die USA, zeichne sich durch besondere Kriegsbereitschaft aus, die nicht erst beim Einsatz ihres gewaltigen Militärs beginne: Brutalste Gewaltausübung gegen Zivilbevölkerung sei auch die “Erzeugung von humanitären Katastrophen durch Sanktionen”, der “bevorzugten Waffe der USA und des Westens”, heute würde ein Drittel aller und mehr als 60 Prozent aller armen Länder mit “irgendeiner Art von US-Sanktionen” belegt. Der Grund für die Beliebtheit dieser Methode: Die Leiden der von Sanktionen getroffenen Menschen seien “leichter durch die Massenmedien unsichtbar zu machen als die Folgen einer Verwendung von Bomben” (Mausfeld S.25). Die Opfer würden “abstrakt als Opfer von Hungerkatastrophen, Gesundheits- oder Versorgungskatastrophen” dargestellt, Mausfeld nennt Afghanistan, Irak, Syrien, aber “Kuba und Venezuela sind derzeit den schwesten Formen westlicher Belagerungskriege ausgesetzt, die jemals entwickelt wurden.” (Mausfeld S.26)

Zwischen Wirtschafts- und Angriffskriegen liegt das Feld der Geheimkriege, die ebenfalls völkerrechtswidrig sind und teils als Staatsterrorismus bezeichnet werden müssen (etwa der Anschlag auf die deutsch-russische Pipeline Nordstream). Mausfeld befürchtet solche Anschläge und “false-flag”-Operationen (der Terror wird mittels gefälschter Beweise und Desinformation anderen Akteuren angehängt) seitens CIA, MI6 und Mossad; diese Behörden hätten sich der Regierungsaufsicht und damit jeder demokratischen Kontrolle entzogen und verselbstständigt: “Der Westen verfügt über das mächtigste Netz an Geheimdiensten, das je existiert hat. (…) Es ist der Kern und die Keimzelle totalitärer Herrschaft.” (Mausfeld S.135)

Kritik an Geheimbünden und –diensten wird in unseren Medien schnell mit dem Stigma der “Verschwörungstheorie” belegt, die Stanley als Kennzeichen des Faschismus anführt. Dabei hat er in Yale mit Skull-and-Bones einen der mächtigsten politischen Geheimkulte direkt vor seiner Nase. Die Mutter von Rahel Jaeggi, die ihm das Vorwort schrieb, die Psychoanalytikerin Eva Jaeggi, tauchte kürzlich in einer Arte-Doku über den Tech-Baron Alex Karp auf (Watching You – Die Welt von Palantir und Alex Karp). Sie hatte Karp in Deutschland als Doktoranden, vermittelte ihn aber an den berühmten liberalen Philosophen Habermas weiter, zwecks Karriere-Förderung durch dessen Weltruhm. Es hat funktioniert: Karp wurde Multimilliardär und Chef des mächtigen Palantir-Techkonzerns, der von Trump-Förderer Peter Thiel gegründet wurde (finanziert von der CIA) und Überwachungs-, Polizei- sowie Militär-Technologie weltweit bereitstellt und einsetzt. Karp, der auch im Lenkungsausschuss der Bilderberger sitzt, führt damit ein Unternehmen, das im wachsenden privaten Sicherheitsbereich eine zentrale Rolle spielt, zusammen mit vielen anderen privaten Geheimdiensten und Söldnerfirmen (vgl. Barth 2009). Es gehört sicher zu den Technologieriesen, vor denen Stanley als Profiteure heutige faschistischer Aufhetzung der westlichen Gesellschaften warnte (S.27), und vielleicht auch zu jenem Geheimdienst-Netz, das Mausfeld den “Kern und die Keimzelle totalitärer Herrschaft” nannte. Bei den derzeitigen Russland-Bedrohungs- und Kriegsertüchtigungs-Narrativen und entsprechend explodierenden Militäretats hat sich der Palantir-Börsenwert prächtig entwickelt. Da die kriegerische Seite des Faschismus bei Stanley weitgehend ausgeblendet bleibt, fehlen auch diese Kritikpunkte an faschistischen Taktiken der von ihm in fast schon naiver Weise idealisierten “liberalen Demokratien”.

Fazit

Das kleine, gut lesbar geschriebene Buch stellt sich deutlich auf die Seite Hillary Clintons und des Establishments der Partei der US-Demokraten. Von dieser Warte aus werden konservative, nationalistische und reaktionäre Politik, v.a. bei Trump, Orban, Putin und Modi (Indien) v.a. mit Hitlers Methoden verglichen und auf ihre Nähe zu faschistischen Taktiken hin untersucht und kritisiert. Dies ist nötig und lobenswert, blendet aber fast völlig die ebenso nötige Untersuchung von Israel unter Nethanjahu sowie die der US-Politik unter Obama, Clinton und Biden aus.

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert, Neu-Isenburg 2024, Westend-Verlag, 214 Seiten, 22,00 €, AU 23,50 €, ISBN 9783864894435

Quellen

Barth, Thomas: Von Bertelsmann zu Blackwater: Die Privatisierung der Gewalt, in: Altvater, Elmar u.a.: Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise, Anders Verlag, Hamburg 2009, S.88-94.

Butterwegge, Christoph: Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland, Weinheim/Basel 2020, Beltz Juventa Verlag.

Johnstone, Caitlin: Kleines Erste-Hilfe-Büchlein gegen Propaganda. Wie wir unseren Verstand in einer verrückten Welt bewahren können, Neu-Isenburg 2023, Westend Verlag

Elchlepp, Dietrich: Nie wieder wegschauen! Mit Argumenten gegen die Angsterzeugung der Rechtsradikalen, in: Donat, Helmut (Hrsg.) / Lütgemeier-Davin, Reinhold (Hrsg.): Geschichte und Frieden in Deutschland 1870-2020. Eine Würdigung des Werkes von Wolfram Wette, Donat-Verlag, Bremen 2025, S.631-646).

Landa, Ishay: Der Lehrling und sein Meister: Liberale Tradition und Faschismus, Berlin 2021, Dietz Verlag.

Mausfeld, Rainer: Hegemonie oder Untergang – Die letzte Krise des Westens? Neu-Isenburg 2025, Westend Verlag.

Stanley, Jason: Wie Faschismus funktioniert, Neu-Isenburg 2024, Westend-Verlag.

Teske, Alexander: inside tagesschau. Zwischen Nachrichten und Meinungsmache, (3.Aufl. binnen eines Jahres), München 2025, Langen Müller Verlag.

Wernecke, Klaus/ Peter Heller: Medienmacht und Demokratie in der Weimarer Republik. Das Beispiel des Medienzaren und vergessenen Führers Alfred Hugenberg, Brandes&Apsel, Frankfurt/M. 2023.

Wette, Wolfram: ‘Neue Normalität’. Militarisierung und Weltmachtstreben, in: H.-M. Lohmann: Extremismus der Mitte. Vom rechten Verständnis deutscher Nation, Fischer Vlg., Frankfurt/M. 1994, S.193-208.

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert, Rezension von Dr. phil. Bruno Heidlberger, 31.03.2025

12/12/25

Donat/ Lütgemeier-Davin (Hg.): Geschichte und Frieden in Deutschland 1870-2020

Donat/ Lütgemeier-Davin (Hg.): Geschichte und Frieden in Deutschland 1870-2020

Donat, Helmut (Hrsg.) / Lütgemeier-Davin, Reinhold (Hrsg.): Geschichte und Frieden in Deutschland 1870-2020. Eine Würdigung des Werkes von Wolfram Wette, Donat-Verlag, Bremen 2025, 880 Seiten, 451 Abbildungen, 38 Historische Texte, Hardcover, Preis:48.– €, ISBN: 978-3-949116-11-7

Rezensiert von Thomas Barth

Das Engagement für den Frieden, der Kampf gegen Krieg und Faschismus sind unserer Tage wieder das vordringliche Anliegen politisch verantwortungsbewusster Menschen –noch vor Digitalisierungswahn, Klimakollaps und Ökozid. Denn Kriege und allein schon die immense Vernichtung unserer Ressourcen durch Aufrüstung sind die schlimmste Art, unseren Planeten zu zerstören. Sie verschlingen unentbehrliche Mittel für eine ökologische Wende und verursachen zugleich Angst, Hass und unerträgliches menschliches Leid.

Wolfram Wette ist ein führender kritischer Militärhistoriker, unter anderem bekannt für seine Forderung nach Denkmälern für Deserteure neben den allgegenwärtigen Kriegerdenkmälern. Ein gewagtes Anliegen für einen Beamten im Dienst der Bundeswehr und bei Weitem nicht sein verblüffendstes Projekt. Wette sorgt auch aktuell für kontroverse Debatten in Friedensbewegung und Historikerzunft. Er repräsentiert eine pazifistische Friedens- und Konfliktforschung, stellt sich Faschismus, Krieg und Kriegspropaganda entgegen und wirkte als verbeamteter Historiker innerhalb der Bundeswehr für eine Friedenspolitik, die nicht zum bellizistischen Motto „Willst du Frieden, rüste zum Krieg“ versimpelbar ist.

Wehrmachtsausstellung und Friedenserziehung

Professor em. Wolfram Wette (*1940) war Zeitsoldat, Hauptmann der Reserve und Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) der Bundeswehr. Im MGFA stand Wette, eingestellt 1971 im „Bonner Frühling“ des ersten SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt, für eine Aufarbeitung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Neu war, dass es für Wette dabei auch um einen kritischen Blick auf die Verbrechen der Wehrmacht als Teil des faschistischen NS-Staates ging. Wette war einer der Köpfe hinter der berühmten „Wehrmachtsausstellung“ (1995-2004), durch die seine Militärkritik erstmals bekannter wurde.

Nicht alle zeigten sich begeistert von dieser Idee: Am 9.3.1999 wurde auf die Ausstellung in der Volkshochschule Saarbrücken ein Sprengstoffattentat verübt, wofür seit 2011 die rechtsextreme Terrorgruppe NSU verdächtigt wird. Dabei bemühte sich Wette auf seine Weise um den guten Ruf von Hitlers Wehrmacht: Er betonte, dass nicht alle Offiziere und Soldaten bereit waren, sich an unmenschlicher Kriegsführung und Völkermorden zu beteiligen. Deserteure und Befehlsverweigerer riskierten ihr Leben und zeigten Rückgrat und eigene Denkfähigkeit.

Zu seinem 85.Geburtstag wurde Wette jetzt mit dem Band “Geschichte und Frieden in Deutschland 1870-2020” gewürdigt, der –nur scheinbar absurd- eine pazifistisch orientierte Militärgeschichte zeigt. Die kritische Analyse von Militarismus, Krieg und Faschismus wird darin als Teil der Militärgeschichte gesehen und bis hin zur Kritik an aktuellen Bundeswehrskandalen ausgeführt.

Eines der Hauptziele Wettes war immer die Friedenserziehung in der Schule. Wette unterstützte Lehrer und Schülergruppen bei historischen Projekten zur Aufklärung über Krieg und Faschismus. Angst und Hass sind emotionale Wurzeln des Faschismus, der selbst Kriegstreiber und Kriegsursache ist und dessen schleichende Verbreitung oft ein verdecktes Ziel der Manipulation durch Kriegspropaganda ist. Historische Analysen des Militarismus und des Widerstandes gegen den Faschismus sowie der Einsatz für den Frieden stehen im vorliegenden Band auf der Agenda, wie auch immer wieder deren Vermittlung durch Schule und Pädagogik. Weitere Themen sind die deutsch-russische Verständigung sowie Zusammenhänge von Kriegspropaganda, Faschismus und Rechtspopulismus.

Ungeschminkte Erinnerungspolitik zum Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion

Annähernd chronologisch beginnen die Texte beim Kaiserreich 1870 und dessen Militarismus und Untertanengeist, dann folgen der Erste und Zweite Weltkrieg, Faschismus, Völkermord, bis hin zu aktuellen friedens- und militärpolitischen Themen wie etwa den Skandalen der deutschen Elitetruppe KSK. Im Geleitwort schildern die beiden Herausgeber persönliche Begegnungen mit Wolfram Wette, aus denen die Historische Friedensforschung hervorging, beginnend mit dem 1981 erschienenen Band „Pazifismus in der Weimarer Republik“: Die bis dahin in Westdeutschland akademisch weitgehend tabuisierte Würdigung von Antifaschismus, Pazifismus, Deserteuren, Kriegsdienst- und Befehlsverweigerern nahm hier ihren Anfang.

Statt glorifizierender Legenden gab es nun eine „ungeschminkte Erinnerungspolitik“ zum preußisch-deutschen Militarismus und insbesondere auch den Gräueltaten des „Vernichtungskrieges NS-Deutschlands gegen die Sowjetunion“; dies geschah unter stetem Verweis auf das Friedensgebot unserer Verfassung und die daraus folgende „Notwendigkeit einer deutsch-russischen Verständigung“, die Wette verfocht, „ohne dabei in den Mainstream einer ‚Zeitenwende‘ und ‚Notwendigkeit‘ gesteigerter Aufrüstung einzustimmen“ (S.13f.).

Auch Wette war, so die Herausgeber, „als Kind und Heranwachsendem die ‚Russenfurcht‘ eingeredet worden“, doch in seiner Dienststelle im bundeswehreigenen MGFA stellte er sich der Übermacht von „militärischen Traditionalisten, die irgendwie noch an der Nazi-Zeit hingen“. Im Zentrum des Historiker-Generationenkonflikts „stand der deutsch-sowjetische Krieg“, dessen öffentliche Entmystifizierung in der Wehrmachtsausstellung gipfelte; diese erreichte, obgleich von Konservativen angefeindet und von Neofaschisten terrorisiert, ein in der Geschichtswissenschaft nie dagewesenes Millionenpublikum (S.17f.). Wette widmete sich auch der Regional- und Lokalgeschichte, „unterstützte Schülergruppen bei deren historischen Recherchen“. Er kämpfte in aktuellen politischen Debatten gegen Kriegsverherrlichung, Aufrüstung, Waffenexporte und militärische Auslandseinsätze; „einige Beiträge in diesem Band nehmen Bezug auf verschiedene seiner Leistungen“, alle berühren seine Sichtweisen und Thesen, diskutieren und erweitern sie (S.19).

Wolfram Wettes ‚Geschichte von unten‘

Der erste Beitrag, von Herausgeber Helmut Donat und Jürgen Reulecke, Prof. f. Neuere Geschichte in Oxford und Gießen, hat programmatischen Charakter: „‚Geschichte von unten‘: Wolfram Wettes ‚Lehren aus der Geschichte‘“. Sie proklamieren die Aufgabe der Historiker als Archivar, Analytiker und Berater der Zeitgenossen „über die Historizität des aktuellen gemeinsamen Hier und Jetzt“, zitieren Odo Marquards Motto „ohne Herkunft keine Zukunft“ und Reinhart Koselleck, der von historischen Erfahrungsräumen auf unsere „Erwartungshorizonte“ hinaus gewollt habe (S.21). Wolfram WettesMilitärgeschichte von unten“, habe im Konflikt mit Hans-Ulrich Wehlers, sich als „Gipfel des Erkenntnisfortschritts“ gerierenden Historikerperspektive letztlich größeren Einfluss erlangt: Alltags- und Kulturgeschichte, Lokal-, Familien-, Geschlechter- und Gesundheitsgeschichte sowie biographische Einzelstudien florierten; Wette brillierte darin etwa mit Lebensläufen pazifistischer Offiziere.

Die von Bundespräsident Gustav Heinemann (1899-1976) „mitangeregte Friedensbewegung“ führte 1984 zum von Wette und Donat mitgegründeten „Arbeitskreis Historische Friedensforschung“. Im MGFA stieß Wettes Arbeit auf den Widerstand eines Beirats aus den Historikern Hildebrand, Nipperdey und Stürmer, die sich weigern wollten, Wettes Biographie des umstrittenen Sozialdemokraten Gustav Noske zu publizieren. -Diese Episode führt Donat in einem anderen Beitrag zum vorliegenden Band dahingehend weiter aus, dass der dem MGFA erteilte Forschungsauftrag seitens Verteidigungsminister Georg Leber (SPD) und SPD-Parteivorstand Hans Koschnik kam, um Noske historisch zu rehabilitieren; da hatte man evtl. auf vorauseilenden Gehorsam gesetzt, aber die Rechnung ohne Wettes Unbestechlichkeit gemacht (Donat: Wie der Revisionismus scheiterte und der ‘Fall Wette’, S.527-547); Klaus Theweleit bezieht sich in “Noske, Kiel – Filbinger, Freiburg” ebenfalls auf dieses Werk Wettes und den CDU-Politiker Hans Karl Filbinger dessen NS-Vergangenheit 1978 Schlagzeilen machte (S.513-525).-

Doch Wette setzte sich durch, verfolgte seine „Geschichte von unten“ weiter und wurde auch gemeindepolitisch aktiv: Als Konservative und CDU-Politik 1987 die Umbenennung einer Schule in „Geschwister-Scholl- Gymnasium“ verhindern wollten, intervenierte er gemeinsam mit Ilse-Aichinger-Scholl, einer Schwester der von den Faschisten ermordeten Widerstandskämpfer:innen und prominenter Aktivistin der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung. Erst nach bundesweiter Debatte konnte sich diese Ehrung des Antifaschismus durchsetzen. Für Wettes Beitrag zum Band „Hier war doch nichts“ (2020), dessen Buchtitel die Verdrängung lokaler Verstrickungen in den NS-Faschismus auf den Punkt brachte, lieferte Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015) ein programmatisches Zitat, das auch den vorliegenden Band motiviert: „Wer aber vor der Vergangenheit seine Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“ (S.31)

Von Adenauer und Globke zu Max Barth

Es folgen meist mit Fotos und Faksimiles reich bebilderte Beiträge zum preußischen Militarismus und seinen Widersachern, der Hybris der Militärs, dem vergötzten „Heldentod“, der geschmähten Kriegsdienstverweigerung, bis hin zu Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Dann kommen Beiträge zu NS-Faschismus und Zweitem Weltkrieg, die Wettes „Geschichte von unten“ weiterführen. Der bekannte Historiker Götz Aly befasst sich in seinem Kapitel “Max Herrman –1942 ermordet, im Osten geehrt, im Westen vergessen” mit dem mörderischen Wirken von Hitlers Rassen-Juristen Hans Globke (1898-1973) und dem Ehepaar Herrmann, die Opfer der NS-Gesetze wurden. Globkes juristische Arbeit führte auch zur Ermordung der promovierten Germanistin, Helene Herrmann, in Auschwitz. Sie hatte als erste verheiratete Frau in Deutschland 1904 ihren Titel erworben und war Gymnasialdirektorin, ihr Gatte Max hatte durch Gründung des ersten deutschen Instituts für Theaterwissenschaften die Theatergeschichte als Disziplin etabliert (S.217).

Ohne antifaschistische Germanisten ließ sich, laut Götz Aly, die BRD-Kultur zuweilen nur mit Widerwillen ertragen: Am 6.7.1950, dem 75.Geburtstag von Thomas Mann (1875-1955), brachte die konservative FAZ einen “Ekelartikel”, so Aly. Das mächtige FAZ-Feuilleton belegte den nobelpreisgekrönten Autor des “Zauberberg”, der “Buddenbrooks” und der “Bekenntnisse der Hochstaplers Felix Krull” dort mit der goebbelsken Zuschreibung von “Partisanen-Bosheit” und einer angeblich “bis zur Dummheit gehenden Abneigung gegen Deutschland” (S.224).

Globke, der die berüchtigten “Nürnberger Blutschutzgesetze” durch seinen “Kommentar” (im juristischen Sinne meint dies die quasi-offizielle Auslegung, die ein Gesetz für die Justiz benutzbar macht) in die blutige Praxis der NS-Justiz umsetzte, wurde in der BRD nie zur Rechenschaft gezogen (S.218). Er war, ganz im Gegenteil, von 1953-63 Chef des Bonner Kanzleramts und galt als der “starke Mann” hinter dem greisen Adenauer. Erst der jüdische Oberstaatsanwalt Fritz Bauer brachte mit den Frankfurter (Main) Auschwitz-Prozessen (1963-68) in der BRD eine erste zaghafte Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Gang; die Justiz der DDR hatte derweil Nazis verfolgt und sogar einige Todesurteile gegen Nazi-Massenmörder verhängt. Fritz Bauer (1903-1968), durch dessen Ermittlungen u.a. auch der Mossad den Nazi-Massenmörder Adolf Eichmann aufspürte, und in Jerusalem vor Gericht brachte (Hinrichtung 1962), konnte seine Arbeit nicht fortsetzen. Bauer starb, von Altnazis, die die Justiz dominierten, angefeindet und wegen seiner damals verbotenen Homosexualität drangsaliert, unter verdächtigen Umständen durch angeblichen Selbstmord. Der NS-Faschismus wirkte lange fort , besonders in Westdeutschland, doch auch unsere Gegenwart ist Teil der im Band präsentierten Debatte.

Der zweite Herausgeber Reinhold Lütgemeier-Davin widmet sich in „‘Wir haben das bittere Brot des Exils gegessen‘ –Max Barth im Prager Exil (1935-1938)“ einem wenig bekannten revolutionär-pazifistischen Journalisten, der auch als Lyriker, Übersetzer und Dialektforscher tätig war. Max Barth (1896-1970) lebte „bescheiden, materiell bedürfnislos, anti-bürgerlich, unbeugsam, humorvoll, gut- aber auch schwermütig, wissbegierig, als eifriger Leser hellwach politische und gesellschaftliche Entwicklungen betrachtend“. Sein Exil (1933-1959) führte ihn durch zahlreiche Länder auch nach Prag, auf der Flucht ging nahezu sein ganzes literarisches Werk verloren, nur weniges wurde posthum vom Konstanzer Autor Manfred Bosch publiziert (S.197). Als literarische Figur Max B. bzw. Max Bernsdorf durchstreift er gelegentlich Romane des mit ihm bekannten Peter Weiss.

Die Flucht vor Terror und Verfolgung durch die NS-Faschisten gelang Max Barth vor allem durch ihn unterstützende Netzwerke aus Mitstreitern des gewerkschaftlichen, sozialdemokratischen, sozialistischen, kommunistischen und pazifistischen Milieu, wobei er „aus pragmatischen Gründen“ seinen Ausschluss aus der KPD zuweilen verschweigen musste. In Prag rang er dem sehr wohlhabenden Mit-Exilanten und Vorsitzenden der „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ Kurt Hiller nur mühsam karge Unterstützung ab, unter Verweis auf dessen durch Herkunft und Erbschaft erlangten Privilegien –was dieser in bester Liberalen-Manier mit dem bösen Spitznamen “Max Neidbarth” quittierte. Max Barth brachte sich mit kleinen journalistischen Arbeiten am Rande des Verhungerns nur mühsam durch. Dabei blieb er seinem Kampf gegen Krieg und Faschismus treu, lieferte politische Analysen und Kommentare.

Die treffsicher formulierten Exilerfahrungen von Max Barth zeigen, heute angesichts des neofaschistoiden „Abschieben!“-Gebrülls von AfD-Anhängern aktueller denn je, die Brutalität bürokratischer Gängelung von Asylanten auf: „Das Exil: Leben unter Fremden; heimliche Grenzüberschreitungen; Sorgen und Kämpfe mit Behörden… nicht über eine Grenze abgeschoben… den Nazis ausgeliefert zu werden; Hunger;“ (S.202) Mitliteraten wie Hermann Hesse besuchten Max Barth, als der in Prag eine Weile einen Unterschlupf gefunden hatte, wo er poetisch seine Erlebnisse fasste: „PRAHA 1937 Besessne Gotik, hunnisch und gezipfelt und Hexenbauten gieblig aufgegipfelt… Hier wachsen Völkerhass und Völkerliebe, nah beieinander gleich zwei Bruderbäumen, aus gleicher Wurzel und gleichem Triebe…“ (S.207)

Die AfD und ihre Dramatisierung der Migration

Dietrich Elchlepp, Ex-MdB und Ministerialrat a.D., befasst sich in seinem Beitrag „Nie wieder wegschauen! Mit Argumenten gegen die Angsterzeugung der Rechtsradikalen“ mit dem politischen Vormarsch der AfD. Diesem leiste z.B. die 2016 in Freiburg gegründete „Bürgerinitiative für Toleranz und Demokratie“ entschiedenen Widerstand, auch unter Beteiligung von Wolfram Wette (S.640). Elchlepp stellt besorgte „Fragen zur Verfassungsfeindlichkeit der AfD und zur Abwehrfähigkeit der Demokratie“, denn heute „beziehe die Neue Rechte ihre Positionen und Agitationsformen immer deutlicher aus der Blaupause der Nazis.“ (S.631) Ein Jörg Meuthen an der Spitze der AfD könne sich nicht reinwaschen, so Elchlepp, sein langjähriger Schulterschluss mit rechtsradikalen AfD-Funktionären widerlege seine Behauptung, „seine Partei verfolge nur national-konservative Ziele.“ Wie die Rechten „Feindbilder und Bedrohungsszenarien aufbauen“ sei „brandgefährlich für die langfristige Stabilität unserer Demokratie“, sei ideologischer Unterbau für einen ganz anderen Staat. Elchlepp führt zu der den Nazis abgeschauten AfD-Propaganda aus, fast alle Probleme würden von der AfD und ihrer Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel, „in pathologischer Manier dem Zustrom von Flüchtlingen angelastet“ und die AfD behaupte faktenwidrig, „Asylzuwanderer seien überproportional kriminell.“ (S.632)

Die AfD dramatisiere die Migrationsfrage, Björn Höcke, habe auf dem Parteitag 2020 gar von der „kulturellen Kernschmelze Deutschlands durch Zuwanderung“ schwadroniert und wolle nicht einmal mehr den Familiennachzug für anerkannte Flüchtlinge erlauben; das AfD-Spitzenduo Weidel/Chrupalla wolle ausdrücklich „Rechtsradikale und Verfassungsfeinde“ in ihre Partei integrieren (S.633). Der AfD-Vizechef Tino Chrupalla brüste sich, seine Partei sei „die wahre Arbeiterpartei in Deutschland“. Zudem bediene sich die AfD „geschickt der neuen digitalen Medien“ und mehr als 50 Prozent der Schüler:innen sei heute nicht in der Lage, Fakten von Fälschungen zu unterscheiden. Dass auch bei ARD und ZDF „wie selbstverständlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Rechten eine Bühne erhalten“, empört Elchlepp: Pressefreiheit könne „doch nicht immer nur als journalistische Pflicht zur Einladung von Rechten zu massenwirksamen Talkshows verstanden werden!“ (S.643)

Elchlepps Fazit: „Demokratiebildung sollte künftig in den Schulen eine höhere Priorität erhalten.“ Dies solle, nach entsprechender Fortbildung der Lehrkräfte, künftig in allen Schulfächern geschehen, nicht nur in Gemeinschaftskunde. (S.638f.) Hinzuweisen sei die Bevölkerung insbesondere darauf, dass die AfD-Politiker „den Abbau sozialpolitischer Standards verfolgen“. Wolfram Wette selbst habe für die Freiburger Initiative die sicherheitspolitischen Aussagen der AfD kritisch untersucht und herausgefunden, dass die AfD den Verteidigungsauftrag der Bundeswehr zum „unerbittlichen Kampf“ brutalisieren wolle. Zugleich wolle die AfD unsere Parlamentsarmee „der parlamentarischen Kontrolle entziehen“ und mit einem „zusätzlichen ‚Reservistencorps‘ ein Instrument für Aktivitäten im Innern schaffen“; dass diese von Wette diagnostizierte AfD-Zielrichtung einer „Remilitarisierung unserer Gesellschaft“ (S.641) in engem Zusammenhang mit den von Jürgen Rose berichteten rechtsextremen Netzwerken innerhalb von KSK und Bundeswehr gesehen werden kann (siehe unten), ist Elchlepp allerdings wohl nicht klar. Abschließend beruft sich Elchlepp auf die Antrittsrede von Bundespräsident Steinmeier, der gefordert habe, wir müssten wieder lernen, für die Demokratie zu streiten.

Bundeswehr mit dem KSK in Dunkelzonen der Demokratie

Härter zur Sache geht es noch im Beitrag von Jürgen Rose „Töten für Deutschland – Das Kommando Spezialkräfte (KSK) in den Dunkelzonen der Demokratie“. Oberstleutnant a.D. Rose ist Diplom-Pädagoge und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität der Bundeswehr München und sehr gut informiert über KSK-bezogene Operationen des Militärischen Abschirmdienstes (MAD). Und er sorgt sich in seinem Beitrag um die demokratische Kontrolle und innere Führung des KSK. Die 1996 in Dienst gestellte Elitetruppe, Anlass soll der Völkermord in Ruanda 1994 gewesen sein, ist seither durch einige Skandale aufgefallen. Die Ausbildung der Kommandosoldaten erfolgte in enger Zusammenarbeit mit US-Special Operation Forces, der israelischen Jajeret Matkal und des britischen Special Air Service (SAS), letztere sei, so Rose, „berüchtigt für ihre ausgesprochene Killermentalität.“

KSK-Chef Brigadegeneral Reinhard Günzel habe, offenbar in diesem Geiste, die ihm unterstellten Soldaten „in seiner von Kämpferideologie durchdrungenen Phantasiewelt zu ‚Übermenschen‘ stilisiert“. Ergebnis in der militärischen Praxis: Beim Einsatz im Afghanistankrieg gab es Vorfälle von Folter, der Fall des entführten Deutschtürken Murad Kurnaz wurde 2006 sogar Gegenstand von Untersuchungen des Bundestags. 2006 kam auch Bildmaterial in die Medien, das KSK-Soldaten auf ihren Geländewagen am Hindukusch zeigte, die mit Palmensymbolen nach Vorbild von Adolf Hitlers NS-Afrikakorps geschmückt waren. „Immerhin“, so atmet Bundeswehr-Pädagoge Rose auf, war das NS-Hakenkreuz dabei „durch das Eiserne Kreuz der Bundeswehr ersetzt.“

KSK-Chef Günzel publizierte jedoch auch mit gleichgesinnten Offizieren „im rechtsextremen Pour-le-Mérite-Verlag den Bildband ‚Geheime Krieger‘“, der „Drei deutsche Kommandoverbände“ ehren sollte: Das KSK, die GSG9 und die „berüchtigte NS-Wehrmachtsdivision Brandenburg“. In der Folgezeit erschütterten weitere Skandale die KSK, Rose nennt u.a. Misshandlung von Untergebenen, Körperverletzung, Kindesmissbrauch, Diebstahl von Munition und Sprengstoff, Hitlergrüße „bis hin zur mutmaßlichen Etablierung ausgedehnter rechtsextremer Netzwerke“. Der MAD habe seit 2017 etwa 50 KSK-Soldaten auf Rechtsextremismus überprüft, fünf seien entlassen worden, 16 wurden versetzt oder hätten das KSK verlassen.

Angela Merkels Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ordnete Prüfung an, was zu 60 Einzelmaßnahmen führte, darunter die Auflösung der 2.KSK-Kompanie 2020. Rose wagt die These, „dass es sich beim KSK zumindest in seiner jetzigen Verfassung um eine demokratiewidrige bis demokratiefeindliche Truppe handelt“, so Jürgen Rose. Auf die mangelhafte bzw. fehlende parlamentarische Kontrolle der unter Geheimhaltung operierenden Einheit hatte Rose bereits verwiesen. Die KSK bildete Teil des vom Investigativ-Journalisten Jeremy Scahill enthüllten Systems der „Dirty Wars“ seit dem von US-Präsident G.W.Bush ausgerufenen „Krieges gegen den Terror“, welches systematisch Völkerrecht und Genfer Konvention missachtet.

Bundeswehr-Pädagoge Rose plädiert abschließend gegenüber der KSK-Kriegermentalität unter Berufung auf den „Staatsbürger in Uniform“ des Friedensforschers und General a.D. Wolf Graf von Baudissin für eine „Entmilitarisierung des soldatischen Selbstverständnisses“. Ein „Denken in Kategorien der Kriegsführungsfähigkeit“ sei obsolet, es komme heute „auf die Friedenstauglichkeit des Militärs an.“ Ein verblüffender Seitenhieb des Bundeswehr-Pädagogen Rose auf die aktuell von Verteidigungsminister Pistorius geforderte „Kriegstauglichkeit“ unserer Gesellschaft.

Weitere Beiträge beschreiben das Ringen von Kriegs-Propaganda und Friedens-Aufklärung im besonders wichtigen Bereich der Schule. Ilse Zelle, Lehrerin i.R., gibt mit „Zeugen der Zeitzeugen –Mit SchülerInnen auf ‚Spurensuche‘“ einen Einblick in die pädagogische Friedensarbeit, beginnend mit einer persönlichen Begegnung mit Wolfram Wette. Kursziele waren das Wachhalten der Erinnerung an NS-Verbrechen, Dialog mit Überlebenden, Förderung von Toleranz und Völkerverständigung. Ihren fächerübergreifenden „Projektkurs Spurensuche“ hatte sie 1992-2013 in einer Kooperativen Gesamtschule abgehalten, er gewann über dreißig internationale, Bundes- und Landespreise. Ergebnisse waren etwa die international bekannt gewordene Ausstellung „Vom Namen zur Nummer“, die untersuchte, wie im KZ den Menschen „Freiheit, Kleidung, Haar, Würde und Namen“ geraubt wurde (S.417), szenische Lesungen zum Raketen-Mann W.v.Braun,(S.430), ein Buch zum KZ Milejgany, wo 1918, also schon in der wilhelminischen Zeit, französische Zivilisten unter unmenschlichen Bedingungen in Litauen inhaftiert waren (S.433).

Friedensarbeit in Zeiten der Kriegstüchtigkeit

Das beeindruckende, voluminöse Werk zeichnet Geschichte und Gegenwart einer kleinen, aber seit der Ära Willy Brandt vielbeachteten Minderheit in der etablierten westdeutschen Historikerzunft nach. Insbesondere die auch von Wolfram Wette inspirierte Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“, schlug hohe Wellen; sie thematisierte von 1995-99 und 2001-2004 vor allem die bis dahin bestrittene bzw. verschwiegene Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg des NS-Faschismus gegen die Zivilbevölkerung der Sowjetunion, der über 25 Millionen Menschen, zumeist Russen, zum Opfer fielen, sowie an Holocaust und Porajmos (Völkermord an Sinti und Roma).

Die Empörung im rechten politischen Spektrum war groß, die öffentliche Wirkung enorm. Diese Erfolge zu feiern und den kritisch-historischen Blick zu erweitern sind ehrenwerte Ziele. Doch der Kampf gegen Militarismus, Krieg und Faschismus, der in den 1970er bis 90er-Jahren für weite Teile unserer Gesellschaft weit oben auf der politischen Agenda stand, ist heute wieder vermehrten Anfeindungen ausgesetzt. Die Rüstungsindustrie sieht im drittreichsten Land der Erde (nachdem Deutschlands BIP das Japans hinter sich gelassen hat) einen lukrativen Absatzmarkt, denn unsere Militärausgaben liegen weltweit nur auf Platz sieben. Durch eine mediale Dekontextualisierung des russischen Angriffskriegs von Angriffskriegen der USA und Nato wird permanent eine Ausnahmesituation und Bedrohung der EU simuliert (der Kognitionspsychologe und Propaganda-Experte Prof. Rainer Mausfeld spricht von Manipulation durch „Fragmentierung“ von Nachrichten, hier bezüglich der US-Angriffskriege auf z.B. Serbien, Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Venezuela, Iran); so wird Angst geschürt, um die deutschen und europäischen Rüstungsausgaben in ungeahnte Höhen zu treiben.

Im ersten Kriegsjahr 2022 versuchte der Sozialdemokrat Wolfram Wette noch, so Grässlin in seinem Beitrag „Wettes weitsichtiges Wirken für den Frieden“, Einfluss auf den SPD-Kanzler Olaf Scholz zu nehmen; Wette wollte dessen abrupte „Zeitenwende“ 2022 zur massiven Aufrüstung und Remilitarisierung Deutschlands in andere Bahnen zu lenken. Das hieß für Wette, sich auf rationale Diplomatie und ein historisch reflektiertes Verständnis für russische Sicherheitsbedürfnisse zu besinnen (S.734). Vergeblich. Scholz bedankte sich damit, „Friedensbewegte zu verunglimpfen… ganz im Sinne der Verächtlichmachung von Kriegsgegnern“ (S.735), so der gestandene Antimilitarist Jürgen Grässlin (DFG/VK).

Grässlin berichtet auch von einer massiven Steigerung des Militäretats bereits unter Angela Merkel ab 2015 (allein 2017 plus 8 und 2019 plus 12 Prozent) (S.725); dies geschah fast unbemerkt im Vorfeld des Ukrainekriegs und der „Zeitenwende“ zum neuen Militarismus einer „Kriegstüchtigkeit“ (statt Verteidigungsbereitschaft) ab 2022 unter Olaf Scholz. (Wolfram Wette selbst hatte sich dieser Militarisierung in Vorträgen und Artikeln entgegengestellt.) Grässlin dokumentiert, dass Wette als „Friedensforscher auf das Erklärungsmodell des MIK“ zurückgriff (S.724), um gegen Waffenexporte zu argumentieren. Es ging um die Gefahren der politischen und gesellschaftlichen Übermacht eines Militärisch-Industriellen Komplexes (MIK) aus Rüstungskonzernen, oft korrumpierter Verteidigungspolitik, Militärs und Geheimdiensten, dem heute wohl weite Teile der Finanz- und viele der Medienwelt zuzuordnen sind, von Blackrock bis Bertelsmann.

Kritische Anmerkung: Frieden, Propaganda und Medien

Was die Beteiligung von Medien und Propaganda an Militarismus und Kriegstreiberei betrifft, hätte der Band jedoch insbesondere angesichts von deren heutiger Bedeutung genauer hinschauen können. Dies gilt bereits rückblickend: Pressetycoon Alfred Hugenberg taucht nur an zwei Stellen eher nebenbei auf, dabei hatte der rechtsextreme Medienzar großen Anteil am Aufstieg des NS-Faschismus und bekam 1943 von Goebbels persönlich die „höchste Auszeichnung“ des Führers, den Adlerschild des Reiches, als „Bahnbrecher des deutschen Films“ verliehen. Hugenbergs Propaganda in Presse, Wochenschauen, rassistischen Filmen wie „Jud süß“ hatte die deutsche Öffentlichkeit auf faschistischen Kriegskurs gebracht und dort bis zum bitteren Ende gehalten (Wernecke/Heller 2023, S.219).

Dass derartige Propagandamacht im Mediensektor teils ungebrochen weiterging, zeigte vor 20 Jahren der Historiker Hersch Fischler, als er die NS-Vergangenheit des Bertelsmann-Konzerns enthüllte; Bertelsmann dominiert nicht nur unsere Medien („Stern“, RTL, Arvato, Random House), sondern hat mit seiner medial natürlich bestens positionierten Bertelsmann-Stiftung einen der aggressivsten neoliberalen Think Tanks, der mit (oft eher Pseudo-) Studien die Bereiche Bildungs-, Sozial-, Finanz- bis Sicherheitspolitik bespielt (vgl. Fischler 2006, Werle 2007). Während ARD bis ZDF eine Bertelsmann-„Studie“ nach der anderen als Aufmacher bringen, konnte Fischler (der im vorliegenden Band trotz seiner auch bahnbrechenden Studie zum Reichstagsbrand von niemandem erwähnt wird) mit seiner Bertelsmann-Kritik nur mühsam über Schweizer Medien einige wenige Meldungen in Deutschland generieren. Die neoliberale Agenda der Bertelsmann-Stiftung wurde dagegen weitgehend medial und politisch durchgesetzt, indem etwa gewerkschaftliche Positionen neoliberal reartikuliert und damit entschärft wurden (vgl. Barth 2007), ganz im Sinne der alten CIA-Propaganda-Strategie des CCF (Congress on Cultural Freedom), vgl. Saunders 2001.

Leider ist festzustellen, dass die im Festband versammelte alte Garde der Militarismuskritik manches nicht mitbekam, was der Medien-Mainstream seine Konsumenten nicht wissen lassen mochte. Etwa die Kritik an der Nato-Osterweiterung von John Mearsheimer, einem kritischen US-Militärstrategen und Absolventen der US-Elite-Militärakademie Westpoint, der meint, dass Russland 2022 zu einem gewissen Kompromissfrieden bereit gewesen wäre, der Westen diesen aber aktiv hintertrieben habe -Mearsheimers Name fehlt im Personenverzeichnis (der verlinkte Telepolis-Artikel beschreibt, wie Mearsheimer sich von einem ihm offenbar untergejubeltem Fake-Video distanzieren musste, mutmaßlich wohl untergejubelt von Betreibern der Ost-Erweiterung, die den kritischen Strategen unglaubwürdig machen wollen); oder wie der Propaganda-Ballon von Verteidigungsminister Pistorius, „die Bundeswehr steht blank da“, durch eine Greenpeace-Analyse zerplatzte (Boemcken u.a. 2023). Medial wurde diese Sensation regelrecht vertuscht und so professionell abgewiegelt, dass nur wenige überhaupt davon hörten: Experten der weltberühmten Regenbogen-NGO hatten die deutschen mit den französischen und den britischen Streitkräften verglichen –aber wider Erwarten gar keinen Mangel in der Einsatzbereitschaft gefunden.

Pistorius hatte offenbar im Manöver ein paar schrottreife Puma-Panzer publikumswirksam vor die Presse rollen lassen, um dann unter lautem Jammern 100 Extra-Milliarden für Aufrüstung einzufordern. Die Rüstungs-Investoren bei Blackrock, deren Ex-Bediensteter jetzt Bundeskanzler ist, können sich über explodierende Börsenkurse und Profite freuen. Ein weiterer, womöglich wegen geringer Beachtung in Mainstream-Medien den Autoren des Bandes nicht präsenter Bereich ist die seit dem völkerrechtswidrigen US-Angriffskrieg gegen den Irak immer wichtiger gewordene Vermischung von staatlicher Kriegsführung mit privaten Söldnerkonzernen wie Blackwater (vgl. Barth 2009).

Fazit

Das Buch ist ein bedeutender Beitrag zur deutschen Geschichtsschreibung und Friedensforschung, zugleich auch ein Appell, aus der Geschichte zu lernen, den Faschismus zu bekämpfen und Frieden aktiv zu fördern. Es gehört in jede Schulbibliothek und ist Lehrkräften weit über den Geschichtsunterricht hinaus als Quelle und bildreiche Materialsammlung ans Herz zu legen.

Donat, Helmut (Hrsg.) / Lütgemeier-Davin, Reinhold (Hrsg.): Geschichte und Frieden in Deutschland 1870-2020. Eine Würdigung des Werkes von Wolfram Wette, Donat-Verlag, Bremen 2025, 880 Seiten, 451 Abbildungen, 38 Historische Texte, Hardcover, Preis:48.– €, ISBN: 978-3-949116-11-7

Der Band liefert auf 880 Seiten ein Geleitwort, 43 Beiträge von ebenso vielen AutorInnen (vier davon posthum) mit 451 Abbildungen, eine 68-seitige Wette-Bibliographie (1971-2023) mit über 900 Titeln, davon 25 Monografien, 32 Herausgeberschaften und 312 wissenschaftliche Aufsätze; es folgen Bildnachweise, ein Personenregister, Kurzbiographien der AutorInnen. Der Herausgeber Dr. Reinhold Lütgemeier-Davin, Studiendirektor i.R., ist Gründungsmitglied des Arbeitskreises Historische Friedens- und Konfliktforschung und publizierte zu Antifaschismus, Abrüstung und Pazifismus; Verleger, Mitherausgeber und Mitautor Helmut Donat, ist Lehrer und Historiker und publizierte in seinem Donat-Verlag bereits zahlreiche Werke Wettes. Finanziert wurde der Band von der durch den Bremer Unternehmer Dirk Heinrichs (1925-2020) gegründeten Stiftung „die schwelle – Beiträge zur Friedensarbeit“. Über vierzig Mitwirkende würdigen das Werk Wolfram Wettes, darunter Götz Aly, Detlef Bald, Prof. Wolfgang Benz, Gernot Erler (MdB, SPD), Dr. Gerd Fesser, Prof. Stig Förster, Prof. Michael Geyer, Heiko Haumann, Hannes Heer, Günter Knebel (EKD), Prof. Walter H. Pehle, Sigrun Rehm, Prof. Jürgen Reulecke, Prof. Dieter Riesenberger, Prof. Werner Ruf, Dr. Volker Ullrich, Dr. Klaus Theweleit, General a.D. Winfried Vogel, Dr. Rolf Wernstedt (SPD-Kultusminister in Hannover 1990-98), Dr. Jörg Wollenberg, Ilse Zelle (Lehrerin i.R.) und die russischen Professorinnen Tatyana Evdokimova und Nina Vashkau.

Quellen

Barth, Thomas: Von Bertelsmann zu Blackwater: Die Privatisierung der Gewalt, in: Altvater, Elmar u.a.: Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise, Anders Verlag, Hamburg 2009, S.88-94.

Barth, Thomas: Gütersloher Reform-Vollstrecker und ihr deutscher Sonderweg in den Neoliberalismus, in: Wernicke, Jens/Torsten Bultmann (Hg.): Netzwerk der Macht –Bertelsmann. Der medial-politische Komplex aus Gütersloh, BdWi, Marburg 2007, S.55-74.

Boemcken, Marc von, Paul Rohleder, Markus Bayer und Stella Hauk: Verschwendet oder effektiv eingesetzt? Frankreich und dem Vereinigten Königreich im Vergleich, Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) gGmbH, Greenpeace, Hamburg, November 2023 (PDF)

Fischler, Hersch: Die Bertelsmann-Stiftung als Macher der Regierungsreformen, in: Barth, Thomas (Hg.): Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Anders Verlag, Hamburg 2006, S.35-47.

Garbe, Detlef: Buchbesprechung: Geschichte und Frieden in Deutschland 1870–2020. Würdigung des Werkes von Wolfram Wette (Friedenskooperative)

Saunders, Frances Stonor: Wer die Zeche zahlt… Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg, Siedler, Berlin 2001.

Werle, Hermann: ‚Hitlers bester Lieferant!‘, in: Wernicke, Jens/Torsten Bultmann (Hg.): Netzwerk der Macht –Bertelsmann. Der medial-politische Komplex aus Gütersloh, BdWi, Marburg 2007, S.43-48.

Wernecke, Klaus/ Peter Heller: Medienmacht und Demokratie in der Weimarer Republik. Das Beispiel des Medienzaren und vergessenen Führers Alfred Hugenberg, Brandes&Apsel, Frankfurt/M. 2023.

Wette, Wolfram: Krieg in der Ukraine, Blog der Republik, 11.Januar 2023, (basierend auf einem Vortrag für die badischen GRÜNEN vom 27.6.2022).