12/8/25

Starke Frauen: Bertha Benz

Heike Wolter und Julia Christof, Illustrationen von Anika Slawinski: Bertha Benz – Die erste Autofahrerin (Starke Frauen), edition riedenburg, Salzburg 2022, 72S., 14,90 Euro

Rezension von Thomas Barth

Dieses Kinderbuch ist eine Streitschrift für Frauenemanzipation und gegen Patriarchat und festgelegte Frauenrollen. Viele kennen den Mercedes als Limousine des oberen Preissegments für die gehobene Bourgeoisie und solche, die dazu gehören wollen. Wenige kennen den Erfinder dahinter, Carl Benz (1844-1929), und kaum jemand seine Ehefrau und Mitstreiterin, Bertha Benz (1849-1944).

„Die erste Fahrerin eines Autos und – zusammen mit ihrem Mann – auch die Erfinderin des Automobils war diese Frau, die mutig losbrauste… Sie brachte das Auto auf die Straße und bewies: Echte Pferde sind für weite Strecken nicht genug! Bertha Benz machte mobil und zeigte uns, dass auch Frauen fahren können. Und dass sie außerdem clevere Ideen für Motor, Sprit und Geschäfte haben.“

In stilvollen, aber dennoch kindgerechten Bildern werden die jungen Leserinnen in die Biographie einer starken Frau und zugleich in die Technikgeschichte der hierzulande zu hochverehrten „Auto-Gesellschaft“ eingeführt. Man erfährt, dass der Erfinder Carl Benz auch einen Fernsprechapparat und Maschinen zur Fertigung von Schuhwerk und Tabakwaren erfand, ohne jedoch damit zu ökonomischem Erfolg zu gelangen. Bertha hielt zu ihm und wird als starke Frau hinter dem genialen Mann gezeigt, die vor allem sein Projekt eines selbstfahrenden Wagens unterstützt. Als das Gefährt endlich funktioniert, verweigern die Beamten des Patentamts jedoch seine Patentierung: Sie können nicht erkennen, was daran sensationell neu sein soll -ein Wagen mit Motor statt Pferden bleibt für sie einfach ein Wagen und der Motor ist doch nur irgendein Motor. Aber Bertha hat die entscheidende Idee, die unsere westliche Industriekulturen mehr revolutionieren wird als alles andere (auch als die Computernetze zumindest bislang): Sie lässt ihren Gatten die einzelnen Teile seines Motors patentieren, die seinen Einsatz in einem Fahrzeug erst möglich machten. Dann läuft die Sache an: 1883 wird mit einem Investor wird die Mannheimer Gasmotorenfabrik gegründet, doch sie brauchen einen anderen Treibstoff. Bertha kommt auf die entscheidende Idee, Waschbenzin zu verwenden, das man damals zu Reinigungszwecken in Apotheken überall kaufen konnte.

Leider klärt das Buch an dieser Stelle nicht den naheliegenden Fehlschluss auf: Benzin wurde nicht erst so genannt, weil es dem Benz-Mobil die Freiheit zu langen Fahrten gab (durch Versorgung unterwegs in Apotheken). Es hieß schon vorher so und es war ein seltsamer Zufall der Technikgeschichte, dass ein Erfinder-Ehepaar namens Benz auf Benzin die Revolution des Transportwesens aufbauen konnte. „Benzin“ kommt aus dem Arabischen über die katalanische Umformung von luban gawi, die das lu wegließ; es bedeutete „javanischer Weihrauch“, ein beliebtes Baumharz für religiöse Zwecke, das eigentlich von den Arabern aber aus Sumatra importiert und an die Katalanen weiterverkauft wurde. Aus dem katalanischen benjui wurde das französische benzoin, dem das Erdölprodukt Benzol und das Gemisch Benzin seinen Namen verdankt (Kluge Etymologisches Wörterbuch).

An ihrem 36.Geburtstag, dem 3.Mai 1885, macht Bertha Benz als erste Frau der Welt eine Autofahrt -sie legt 20 Meter pferdelos zurück. Ein Jahr später bekommen sie endlich ein Patent auf die (buchstäblich) bahnbrechende Erfindung. Doch die Probleme gehen weiter: Bei Testfahrten scheuen die Pferde anderer Verkehrsteilnehmer vor dem ungewohnten Anblick, die Polizei schreitet ein und verbietet das nicht normale Fahrzeug. Doch nach einer kindgerecht abenteuerlich beschriebenen ersten (illegalen) Fahrt über mehr als 100 km, bei der Bertha ihre Hutnadel wie auch ein Strumpfband für Zwischenreparaturen verwendet, setzt sich die Erfindung durch.

Das Buch verschweigt jedoch auch dunkle Flecken von Berthas Biographie nicht: Nach dem Tod ihres Gatten wird sie zur Unterstützerin für Adolf Hitler. Hitlers Weltkrieg lehnte sie jedoch ab. Sie starb am 5.Mai 1944 ohne den Untergang des Nazi-Faschismus noch erleben zu dürfen. Im Buch und nach Ende des biographischen Textes finden sich zahlreiche Aufgaben für die jungen Leserinnen, die Fragen beantworten, eigene Ideen aufschreiben oder Zeichnungen einfügen können, etwa eine Bertha-Zeichnung mit Kleidung ergänzen, einmal aus damaliger Zeit, dann mit heutiger Mode.

Auch Kritik an der umweltzerstörenden Auto-Kultur wird schließlich auf S.56 noch eingebaut:

„Heute sind wir am Ende des Zeitalters der Automobile, wie Bertha und Carl sie entwickelten. Denn: Autos, die mit Benzin oder Diesel fahren, belasten die Umwelt. Und sie tragen dadurch zum Klimawandel bei. Bertha war eine kluge Frau. Wie würde sie auf diese Herausforderung reagieren?“ Als anzumalende Alternativen werden z.B. angeboten: Mitfahrgelegenheit, Car Sharing, Zug, Bus oder Bahn, Fahrrad oder zu Fuß gehen…

Diskussion

Für ökologisch besorgte Menschen bleiben diese Kritikpunkte vielleicht etwas zu unscheinbar oder kommen sehr spät im Buch, aber Denkanstöße werden immerhin gegeben. Was völlig fehlt ist leider Kritik an kolonialen Kriegen, Verbrechen und brutalster Ausbeutung, auf denen der Boom der Auto-Industrie ebenfalls basierte: Das Erdöl für Diesel und Benzin wurde durch Unterwerfung arabischer Völker und des Iran sowie folgende bis heute andauernde Kolonialkriege geraubt und in den Westen geschafft. Besonders unmenschlich war die Plünderung des Kongo durch den Belgischen König Leopold II, der sein Königreich zum reichsten Staat der Welt machte: Aus seinem „Blut-Kautschuk“ stellte man die Massen an Autoreifen her, die das Automobil rollen ließen. Etwa zehn Millionen Einwohner des Kongo wurden dabei massakriert, damit die übrigen geschundenen Menschen Kautschuk für den König ernteten. Millionen wurden verstümmelt, die rechte Hand abzuhacken war grausame Sitte -in Brüssel wissen die meisten Belgier nicht, warum es dort eine ekelhafte Süßigkeit gibt: Hände aus schwarzer Schokolade. Im Kongo, dessen Befreiung von der Kolonialherrschaft Belgiens blutig unterdrückt wurde (der erste gewählte Präsident, Patrice Lumumba (1925-1961), wurde nach einen Putsch von CIA und Belgiern zu Tode gefoltert) werden bis heute Menschen ausgebeutet. Kinder kratzen mit blutigen Fingern das Coltan für unsere Handys aus dem Boden.

Sicher, kein schönes Thema für ein Kinderbuch. Aber für Nazi-Faschismus und Zweiten Weltkrieg fanden die Autorinnen auch ein paar kindgerechte Sätze. Auch starke kluge Frauen wie die Autorinnen unterliegen leider einer allgegenwärtigen Ideologie des Antikommunismus. Deren Ziel ist es, die unfairen Eigentumsverhältnisse einer obszönen sozialen Ungleichheit zu bewahren. Alle sozialen, sozialistischen oder sonstwie progressiven Bestrebungen könnten dieses Regime des großen Kapitals und der superreichen Westoligarchen bedrohen und werden unter anderem durch rigorose Geschichtsfälschungen unterdrückt.

Die Wissenslücken der Autorinnen sind also Folge westlicher Propagandastrategien, die bis hinunter in Schulbücher die schlimmsten Menschheitsverbrechen verschweigen*, sofern sie von westlich-kapitalistischen Großmächten begangen wurden. Betont werden dagegen immer wieder die Verbrechen kommunistischer Großmächte (China, Sowjetunion), auch wenn diese kaum an Unmenschlichkeit und Brutalität der Kongogräuel, des afrikanischen Weltkrieges und des, von CIA und BND organisierten Indonesian Genocide 1964 heranreichen. Gemäß der in kapitalistischen „liberalen“ Demokratien herrschenden fanatisch-antikommunistischen Ideologie werden sogar die Untaten und Völkermorde der Nazi-Diktatur meist offen oder zumindest unterschwellig als „sozialistisch“ hingestellt. Angeblich, weil die Nationalsozialisten, ja auch nur „Sozialisten“ gewesen wären (eine Propagandalüge, die unterschlägt, dass Hitler viel Geld von „westlichen-liberalen“ Industriekonzernen erhielt, um gegen die verhassten Kommunisten vorzugehen); oder weil Faschisten und Sozialisten als „Ränder des politischen Spektrums“ sowieso fast das Gleiche wären -so die Propaganda-Kampagne einer angeblichen „Theorie des politischen Kreises“.

So „liberal“ sind die selbsternannten liberalen Demokratien des kapitalistischen Westblocks denn doch nicht, dass sie eine ausgewogene Bildung, akademische Forschung oder freie Medien zulassen würden, die einer Masse von Menschen die Wahrheit über historisch unangenehme Fakten mitteilen möchten -kleine Randmedien wie das Politblog Telepolis werden spätestens seit 2022 systematisch einem Mainstream angepasst. All das fehlt folglich auch im Bertha-Benz-Buch, aber vielleicht findet der tapfere kleine Riedenburg-Verlag ja eines Tages den Mut, auch dazu einen Band herauszubringen.

Trotz dieser Lücken handelt es sich um ein empfehlenswertes Buch, das auch für den (Grund-) Schulunterricht verwendet werden kann.

Heike Wolter und Julia Christof, Illustrationen von Anika Slawinski: Bertha Benz – Die erste Autofahrerin (Starke Frauen), edition riedenburg, Salzburg 2022, 14,90 Euro,
Umfang: 72 Seiten (20 ganzseitige Farbillustrationen, zahlreiche s/w-Illustrationen)
Format: 15,5 x 22 cm, Paperback, ISBN: 978-3-99082-109-1

Julia Christof ist Lehrerin für Geschichte, Englisch und Ethik.

Anika Slawinski ist Modedesignerin, Schneiderin, Autorin und weitgereiste Mutter von vier Kindern.

Heike Wolter ist Historikerin, Lektorin und Autorin.

*Anmerkung zum Schulbuchwissen deutscher Schüler:innen: Dominieren ideologisch einseitige Historiker?

Beispielsweise das einschlägige deutsche Schulbuch „DUDEN: Abiturwissen Geschichte“, Duden Schulbuchverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2011, informiert die deutschen Schüler nicht über die Kongogräuel, nicht über den brutal gestürzten Präsidenten Lumumba und schon gar nicht über die strikt totgeschwiegenen Massenmorde des Indonesian Genocide 1964/65. Verschwiegen wird selbstverständlich auch die dahinter stehende „Jakarta-Methode“ der CIA, die weltweit sozialistische Regierungen stürzen, sozialistische Bewegungen per Massenmord auslöschen und die westlichen Medien manipulieren soll. Alles nurrr rrrrussische Propaganda? Weit gefehlt! Enthüllt hat dies 2023 der kritische US-Journalist Vincent Bevins in seinem Buch „Die Jakarta-Methode“. Vincent Bevins schreibt für Leitmedien wie die New York Times, die Washington Post, den Guardian und war Korrespondent in Südostasien und Brasilien auch für die Los Angeles Times. Bevins spricht zahlreiche Sprachen und lebte jahrelang in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens.

Im Documenta-Skandal 2022 wurde eine verlogene Hasskampagne gegen indonesische Künstler gestartet, die den Ruf Deutschlands als liberale Demokratie weltweit abbröckeln ließ. Das empörte internationale Echo auf diese Eingriffe in die Kunstfreiheit wurde in deutschen Medien totgeschwiegen (wie auch weiterhin den Indonesian Genocide). Dieser Documenta-Skandal wurde höchstwahrscheinlich nur oder zumindest hauptsächlich inszeniert, um die deutsche (und CIA-) Verwicklung in eines der größten Menschheitsverbrechen weiter zu vertuschen.

Vgl. DUDEN S.224, wo nur viereinhalb -zudem sehr verlogene- Zeilen (!) zur Geschichte des Kongo stehen, die den Sieg der Portugiesen 1665 über das historische Königreich Kongo preisen -und dies als einzigen Eintrag zu diesem weltgeschichtlich bedeutenden und von zahlreichen Menschheitsverbrechen geschundenen Land; der DUDEN weiß nichts von der „Schatzkammer Afrikas“, wie gierige Europäer den Kongo gerne bezeichneten; nichts von einem Kongo, der die westlichen Industrienationen erst mit seinem herausgeschundenen Blut-Kautschuk motorisieren musste, sie dann mit Gold, Diamanten, Zinn noch reicher machte; von einem Kongo, der sogar das Uran für die US-amerikanischen Atombomben lieferte (wohl der Grund dafür, dass die CIA mit den Belgiern Lumumba massakrierte und einen jahrzehntelangen antikommunistischen Bürgerkrieg anzettelte); einem Kongo, der heute der Welt das für Handys nötige Coltan bereitstellen muss. Den Profit stecken andere in die Tasche, die an der Digitalisierung Milliarden verdienen, und die kongolesische Bevölkerung hungert weiter. Unsere Medien, Historiker und Schulbuchverlage schweigen verbissen zu zwei der wichtigsten Ländern der Weltgeschichte: Dem gewaltigen Kongo, der ohne die fortgesetzten Völkermorde, die Westmächte an seinen Einwohnern begingen, heute eine Nation von der Größe Brasiliens oder sogar Indiens sein könnte. Und von der größten muslimischen Nation Indonesien.

Denn „DUDEN Abiturwissen Geschichte“ bzw. das Duden-Autor:innen-Team von elf meist promovierten Historiker:innen, will 2011 auch nichts vom ersten in Indonesien frei gewählten und von Westmächten gestürzten Präsidenten Achmed Sukarno (1901-1970) gewusst haben: Sukarnos bedeutende Rolle bei der (im Band ohnehin sehr lapidar heruntergespielten) Gründung der Blockfreien Staaten wird vom DUDEN verschwiegen.

Ebenso verschwiegen wird der gegen Sukarno von der CIA inszenierte Putsch nebst Völkermord an bis zu 6 Millionen Menschen -bei Wikipedie angeblich nur bis zu drei Millionen. Diese Desinformationen kursieren nur, weil der prowestliche faschistische Diktator Suharto danach alles vertuschte (mit verbissener Hilfe der ach so freien und objektiven westlichen Medien). Und weil Suhartos Anhänger bis heute Indonesien beherrschen: So wurden die Verbrechen von CIA und BND bzw. ihrer faschistisch-islamistisch aufgehetzten einheimischen Helfershelfer unter Führung des grausamen Suharto nie wirklich aufgearbeitet (vgl. das Schweigen des DUDEN dazu, S.464); informiert werden die Schüler dagegen über z.B. Stalins Massenmord an tausenden polnischen Offizieren in Katyn 1939 sowie die Diktatur der „kommunistischen“ Roten Khmer in Kambodscha (S.474).

Bei dem einzigen in unseren Medien wenigstens zuweilen präsenten westlichen Menschheitsverbrechen, dem Vietnamkrieg, bleibt der DUDEN schweigsam, verwirrt die Schüler durch unsystematisch-defragmentierte Darstellung: Eine Vietnamkriegs-Karte auf S.426, aber ohne (!) Erklärungen im Text, der sich dort um Berlinkrise und DDR dreht (und die enge Beziehung der DDR zum sozialistischen Vietnam aber überhaupt nicht erwähnt); eine Erwähnung des französischen Kolonialkriegs auf S.456, und der Niederlage der Franzosen und Amerikaner -dazwischen nichts zu Vietnam außer einem Nebensatz, der eine Niederlage der USA zugibt, ohne freilich ihre Kriegsverbrechen zu erwähnen; dieser Nebensatz lautet, bezogen auf die Niederlage der Sowjets in Afghanistan: „Dies war eine Niederlage der östlichen Führungsmacht, vergleichbar der Niederlage der westlichen Großmacht USA im Vietnamkrieg der Jahre 1964 bis 1975.“ (S.436) Verschweigen, verwirren, defragmentieren: So funktioniert Kriegspropaganda, hier offenbar in einem mindestens bis 2011 von deutschen Historiker:innen weiter gekämpften Kalten Krieg.

Quellen:

Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode. Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt. PapyRossa Verlag (Köln) 2023.

DUDEN: Abiturwissen Geschichte, Duden Schulbuchverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2011.

Thomas Barth: Blinde Flecken in der documenta-Debatte, 21.9.2022, Südostasien-Net

Thomas Barth: Die Jakarta-Methode: Massenmorde unter falscher Flagge, telepolis, 11. März 2023

Thomas Barth: Scobel auf 3sat: Afrika als Schüler und Europa als Lehrmeister, telepolis 30. November 2024

05/13/13

Sören Ingwersen: Cha Cha Baby – Sonnenkind

Sören Ingwersen: Cha Cha Baby und Sonnenkind. Die mystischen Quellen digitaler Lebensformen

Rezension Thomas Barth Juni 2004

Seit je her, so eine zentrale These des Anglisten und Medienwissenschaftlers Sören Ingwersen, verbanden sich mit der Entwicklung neuer Technologien religiöse Vorstellungen, aber insbesondere im „digitalen Zeitalter“ erlangen diese auch populäre Kulturformen. Metaphysisch-religiöse Hoffnungen hätten immer schon die technologische Entwicklung inspiriert (S.13). Diese Antithese zum aufklärerischen Programm der Entzauberung der Welt qua Entmystifizierung nebst technologischem und sozialem Fortschritt entspricht postmoderner Kritik der Aufklärung, ist jedoch nicht das zentrale Thema Ingwersens. Vielmehr präsentiert er dem Leser die Protagonisten zweier Welten: Die heutigen Netzgurus und Apologeten des Cyberspace auf der einen, verstiegene Esoteriker des 19. und frühen 20.Jahrhunderts auf der anderen Seite treffen sich in ihren Vorstellungen von Körper, Erlösung und Unsterblichkeit.

„Schon immer verbanden sich mit der Entwicklung neuer Technologien religiöse Vorstellungen. Im digitalen Zeitalter treten diese stärker denn je in den Vordergrund. Viele Wissenschaftler und Cyberspace-Enthusiasten greifen bewusst oder unbewusst auf mystische Evolutionsmodelle und Erlösungsszenarien zurück, wenn sie für die Zukunft eine technologische Vervollkommnung des Menschen voraussagen. Diese Prognose lässt sich exemplarisch anhand der mythischen Erlöserfigur des »göttlichen Kindes« darstellen, dessen Figur an der Schwelle zum 19. Jahrhundert bei den Theosophen im Umkreis von Helena Blavatsky und Rudolf Steiner, bei den Münchner »Kosmikern« im Umkreis von Alfred Schuler sowie bei den »Ariosophen« im Umkreis des Lanz von Liebenfels eine prominente Stellung einnimmt. Bereits hier erscheint das »Sonnenkind« in technizistischen Kontexten und als Sinnbild einer Verehrung des Körpers, die paradoxerweise dessen Auflösung zur Folge hat.“ (Verlagstext)

Das digitale Zeitalter wird von Ingwersen zwar im Entstehen des heutigen WWW, dem World Wide Web, sowie der zu erwartenden näheren Zukunft lokalisiert. Der Ausgangspunkt seiner Analyse liegt jedoch im amerikanischen Fernsehen, in der von Fox TV produzierten Serie „Ally McBeal“. Dort erblickte eine „neue Internet-Pop-Ikone“ 1998 das Licht der Welt, das „Cha Cha Baby“ (S.7). Ursprünglich als Demonstrationsmodell einer Animationssoftware von der Firma „Unreal Pictures“ erstellt, bescherte der gelegentliche Auftritt in der beliebten Fernsehserie der Kunstfigur die Aufmerksamkeit einer Internet-Fangemeinde. Die Figur stellt ein nur mit Windel bekleidetes Baby bei Tanzbewegungen dar, die gemessen am Entwicklungsgrad offenkundig unmöglich sind. Die Tanzfigur erinnert Ingwersen an schamanistische Ekstasetechniken, in ihrer narzistisch-solipsistischen Abgeschlossenheit erkennt er einen Spiegel eigener simulativer Perfektion. Deutungen aus psychoanalytischer Sicht rücken laut Ingwersen das Cha Cha Baby in den Kontext pornografischer Darstellungen infantiler Sexualität und perversen Exhibitionismus, was im Einklang mit Jean Baudrillards These der Obszönität der Simulation sowie allgemeiner Tendenzen zur Ästhetisierung, Infantilisierung und Pornografisierung der Gesellschaft stehe. Bezogen auf das Individuum bedeute dies im Zeichen der „Selbstermächtigung des Subjekts“ das Ideal der Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Vorgaben, vom anderen Geschlecht und letztlich vom eigenen Körper. Das tanzende Kind werde so zur Ikone eines unbeschwert-freigeistigen Dandyismus stilisiert: „In den sogenannten >Avataren<, den computersimulierten Figuren, die ein mehr oder weniger eigenständiges >Leben< führen, findet der gegenwärtige Lebensästhet seinen Idealtypus >verkörpert<.“ (S.10)

Der Begriff des Avatars wurde, so Ingwersen, in seiner heutigen Bedeutung schon 1985 für grafisch simulierte Stellvertreter in der ersten grafisch dargestellten „Electric Community“ des japanischen Unternehmens Fujitsu geprägt und in den 90er Jahren im Science Fiction Genre des Cyberpunk auf virtuelle Doppelgänger im Cyberspace übertragen. In einer Fußnote dazu erfährt man, im angloamerikanischen Sprachraum sei ein „Avatar“ bereits seit dem 19.Jahrhundert als „Inbegriff von etwas“ oder „außergewöhnliche Erscheinung“ bekannt gewesen, vermutlich nach Einführung des Wortes durch die Theosophie. So widmet Ingwersen ein ganzes Kapitel dieser esoterischen Lehre, die auf die Neuplatoniker und den Kabbalisten Jakob Böhme zurückzuführen sei. Begonnen habe sie im dritten Jahrhundert als Versuch, eine gemeinsame Quelle aller religiösen Systeme zu finden, und wurde in ihrer modernen Form als Synthese von Wissenschaft, Religion und Philosophie 1875 wiederbelebt durch Helena Blavatsky. Sowohl die Anthroposophie Rudolf Steiners, als auch die Ariosophie als ideologische Wurzel des Nazi-Faschismus gingen auf die Theosophie zurück (S.108 f.). Somit führt Ingwersen den Begriff des Avatars letztlich auf die Mystikerin Helena P. Blavatsky (1831-1891) zurück, die mit diesem aus dem Sanskrit entlehnten Wort einen Gott im menschlichen Körper bezeichnet habe. Der Avatar stelle die Inkarnation eines Gottes dar, die ohne menschliche Seele keinen karmischen Gesetzen unterworfen sei (S.128). Nach Rudolf Steiner seien sogenannte Gottesboten übermenschliche Doppelwesen, die Theosophin Alice A. Bailey spreche von der Wiederkunft Christi als spirituellem Lichtbringer (S.129 f.). Der Jesus-Knabe sei als Bild des Menschen vor dem Fall in die fleischliche Existenz hier besonders hervorzuheben. In androgyner Geschlechtslosigkeit bzw. Doppelgeschlechtlichkeit könne „das Kind bzw. der kindliche Avatar auch als Reminiszenz an den frühen >Gottmenschen< verstanden werden“ (S.140). Im Avatar verbinde sich hochentwickelte Psyche mit unentwickelter Physis, der Theosophie werde der infantile Körper zum „fleischlichen Repräsentanten höchster Spiritualität“ (ebd.). Gnosis und Gnostizismus seien als frühchristliche Tradition extremer Weltabgewandtheit Ahnherren dieser Anschauung. Gnostische Askese erlaube zwecks Aufhebung der Geschlechtertrennung neben der Kastration nur die Doppelgeschlechtlichkeit, weshalb auch in der Gnosis der Androgyn auf göttliche Einheit verweise (S.144).

In diesem Bild trifft der Avatar das „Sonnenkind“, das Ingwersen in einer längeren Darstellung von Kosmikern und Ariosophen als zweiten tragenden Begriff seiner Analyse entwickelt. Neuheidnische Mythologen und „christliche Rassenforscher“, namentlich Alfred Schuler und Lanz von Liebensfels werden in ihren abstrusen Lehren ausführlich dargestellt, einschließlich ihrer Bezüge zur Nazi-Ideologie. Ein Exkurs über Schulers Sicht der „Swastika“, als Symbol energetisch-kosmischer Zeugung, welches später von Hitler als Hakenkreuz übernommen wurde, führt über das Sonnenrad zum hermaphroditischen Sonnenkind. Um diese Erlösergestalt ranke sich Schulers „Sonnenkindkult, der sich durch sein mystisch-energetisches Fundament (…) vom allgemeinen Kindheitskult um die letzte Jahrhunderwende abhebt“ (S.64). Das avatarische Cha Cha Baby stellt die Verbindung zum „digitalen Äther“ des Cyberspace her.

Gnostische Wurzeln findet Ingwersen auch hier: Die „Cybergnosis“ setze an Stelle der Seele die Information, das Universum sei ein universaler Hypertext und die menschliche Psyche gälte es digital zu replizieren. Ähnliche Vorstellungen hegte, laut Ingwersen, schon 1964 der Vater der Kybernetik, Norbert Wiener, der menschliches Leben telegrafisch übermitteln wollte. Heute verfolgten obskure Internet-Gemeinden der Extropier, der World Transhuman Association, der Technopaganisten etc. verschiedenste Wege der technischen Erlösung, etwa der Mensch solle sich „als Cyborg über digitale Transplantate mit dem globalen Bewusstsein vernetzen“, was „immer auch als Produkt des technologischen Unbewussten gelesen“ werden könne (S.163). Bezüglich des Cha Cha Babys schließt Ingwersen: „Vielleicht ist das ein Charakterzug der gegenwärtigen digitalen Lebensformen: Sie verheißen kein besseres Leben, sie sind das bessere Leben. Sie erlösen nicht, sie simulieren Erlösung.“ (S.187)

Resümierend ist die umfangreiche, gediegene Belesenheit des Autors hervorzuheben, die ihn allerdings verleitet, sich manchmal allzu ausführlich in Darstellungen von Anthropo-, Ario- und Theosophien zu verbreiten. Auch wäre neben Avatar- und Sonnenkind-Mythologie vielleicht der Bezug rassistischer Aspekte jener Esoterik zu Ideologien der heutigen Cybergurus von Interesse gewesen. Der Bezug von Sonnenkind und Baby-Avatar scheint zwar plausibel, vernachlässigt aber in philologischer Suche nach Mythen und Archetypen profanere Deutungsebenen. So könnte man im Cha Cha Baby auch die treffende Symbolisierung eines existenziellen Problems kulturell dominierender Schichten der 1990er Jahre sehen. Für Ally McBeal ist das Baby eine halluzinatorische Heimsuchung durch ihren Wunsch nach einem Kind, nach Liebe, Freundschaft und Menschlichkeit; dies alles kann sie aber nicht erreichen, da sie in einer Welt des hemmungslosen Strebens nach Karriere, Geld und Luxus lebt. Die Fun-Kultur der 90er reduzierte das Leben auf die Jagd nach Dollars zwecks Tanzparty nach Feierabend: Das dämonische Baby tanzt Cha Cha Cha und zeigt in seiner faszinierenden Monstrosität die Unvereinbarkeit dieses in analfixierte Habgier und oral-regressiven Hedonismus zerfallenden Lebensstils mit tieferen menschlichen Bedürfnissen. Resultierende Frustration und Reste freundschaftlicher Beziehungen unter diesen Lebensbedingungen waren die Hauptthemen der Ally McBeal-Serie. Aggressive Vernichtungsphantasien gegenüber dem Cha Cha Baby sind laut Ingwersen in seiner Fangemeinde weit verbreitet. Sie erklären sich aus der symbolischen Vernichtung des angedeuteten Widerspruches vielleicht eher denn aus seiner Herkunft aus einem Sonnenkind-Archetyp.

Sören Ingwersen: Cha Cha Baby und Sonnenkind. Die mystischen Quellen digitaler Lebensformen. Ludwig Verlag, Kiel 2002, 231 S., ISBN 3-933598-33-8, 19,90 Euro.

Sören Ingwersen, 1970 in Hamburg geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften, seit 2002 freier Kulturjournalist, Textchef des Klassikmagazins concerti, Redakteur des Magazins der TheaterGemeinde Hamburg, Leiter des Theaterressorts von SZENE HAMBURG und Chefredakteur des von ihm mitgegründeten Online-Theatermagazins GODOT. Er schreibt für Tageszeitungen sowie für verschiedene Klassik-Labels und liefert Textbeiträge für Die Deutsche Bühne.