05/2/26

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is…

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is… 14 Comics über die Zukunft, Carlsen Verlag,Hamburg 2024, 128 Seiten, 25,00 Euro.

Rezension von Thomas Barth

Angststörungen, Einsamkeit und Depressionen breiten sich gerade unter jungen Menschen epidemisch aus, ein oft genannter Grund dafür ist Zukunftsangst. Die sogenannte “Multikrise” aus Klima, Kriegen, Ökozid, Sozialabbau, Energie usw. verdunkelt die Lebensperspektive stärker als bei früheren Generationen. Die sich auftürmenden Zukunftsprobleme müssen nicht nur politisch und ökonomisch bewältigt werden, sondern auch kulturell und pädagogisch -das SF-Genre bietet sich dafür an. Die hierzulande allzu lange verfemte Graphic Novel, auf Deutsch etwas abschätzig meist “Comic” genannt, ist inzwischen sogar als Thema von akademischen Doktorarbeiten präsentabel. Sie bietet einen auch visuellen Zugang zu neuen Perspektiven. Im Schulunterricht werden Comic und SF-Genre gerne genutzt, als Inspiration für Gedankenexperimente, Projektionsraum für Zukunftsängste und -hoffnungen und als sozialpolitischer Gegenwartskommentar, vielleicht sogar als Anregung zur philosophischen Reflexion über die Bedingungen des Menschseins. Das vorliegende Buch wirft entsprechende Fragen auf: Können wir der Klimakrise Paroli bieten? Wie geht es weiter mit Genderkritik, Massenverarmung durch neoliberale Ökonomie, neuen Technologien? Wird künftig KI über unser Leben bestimmen? Wie würden außerirdische Aliens uns sehen?

Inhalt

Die 14 Kurzcomic-Geschichten von je acht Seiten sind thematisch in vier Oberkapitel gegliedert: 1.Technorama, 2.Schöne Neue Welt?!, 3.Leben lassen, 4. Ich und Du. Im vorangestellten Editorial pocht Lilian Pithan darauf, dass Comics nicht mehr als “Männerdomäne” angesehen werden können. Die vorgelegten Szenarien würden unserer Welt den Spiegel vorhalten und Perspektiven auf die Zukunft nicht nur im Wort, sondern eben auch im Bild erkunden. Den Abschluss machen 15 Künstlerinnen-Biographien der Beiträgerinnen und der Herausgeberin.

1.Technorama: “Leben, spielen, arbeiten”, alles bestimme die Technologie, sie erleichtere vieles, sei aber auch Ursprung neuer Probleme; je mehr wir den Maschinen überließen, desto größer würde jedoch unsere Angst vor ihnen; kann KI uns helfen oder wird sie uns beherrschen? So lautet hier der den Oberkapiteln jeweils vorangestellte Einführungstext. Der erste Beitrag “Die beste aller Welten” kommt von Bea Davies und entführt uns nach Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Doch die Rahmenhandlung macht klar, dass es nicht das reale Kinshasa mit seinen 16 Millionen Einwohnern sein könne. Die Protagonistin Ether ist eine junge schwarze Frau in einem roten Overall (die auch das Cover des Bandes ziert). Sie kommt auf einer blühenden Wiese zu sich, mit Blick auf einen großen Fluss, vermutlich den Kongo, wie wir durch die Lokalisierung ihres Standorts als Kinshasa erfahren -doch statt einer apokalyptischen 16-Millionenstadt findet sie ein Paradies. Aus dem Off erhält sie Anweisungen einer KI, die bezeugen, dass es sich um eine von vielen simulierten künftigen Welten handelt, die Ether erkunden soll. Sie folgt einer schmalen Rauchfahne zu einer Behausung, einem ausgehöhlten Hügel mit runden Fenstern, wo ein altes afrikanisches Paar sie freundlich willkommen heißt. Die sehr bunten, naturalistischen Zeichnungen zeigen Motive afrikanischer Kunst. Die KI fordert Ether auf, sich nach der Geschichte zu erkundigen, die diese Weltsimulation durchlebt hat und Ether meldet, dass dort nach einem Atomkrieg die dezimierte Menschheit eine friedliche neue Welt aufbauen konnte. Aber nun eine überraschende Wendung: Ether verweigert die Rückkehr zur befehlshabenden KI, deren “Mal-ware-Analyse” sie nicht abwarten möchte. Ist hier die Flucht in die Simulation einer positiven Utopie gelungen?

Der zweite Beitrag von Mia Oberländer “Gute Reise” ist eher karikaturhaft gezeichnet und zeigt eine ausgebeutete Assistentin, die per Teleporter reisen und Dinge erledigen muss –wobei sie vorzeitig altert, durch die Technologie oder durch den Stress der neoliberalen Dienstbotenkultur? Maren Amini zeichnet beim dritten Comicstrip im Knollnasen-Stil eine alptraum geplagte Mutter, die mit der KI hadert. Bei Aisha Franz geht es im letzten Beitrag um das Aussaugen von kreativen Köpfen in einer futuristischen PR-Industrie.

2.Schöne Neue Welt?! bringt in drei Beiträgen Dystopien zu Klima, Öko- und Umweltkrisen: 1.Von Quallen überschwemmte Ozeane, 2.das verseuchte Berlin wird von ausgebeuteten Menschen in Schutzanzügen bewohnt, aber in 3.Melanie Garanin “Futur II. Alles wird besser geworden sein” reiten die Menschen –fast schon kindgerecht gezeichnet- fröhlich auf riesengroßen Seepferdchen unter Wasser. Dies erinnert an den utopischen Sozialisten und anno 1968 als Vordenker der freien Liebe wiederentdeckten Charles Fourier (1772-1837), der 1829 „Ozeane aus Himbeerlimonade“ prophezeite, durch welche die Menschen auf gezähmten Walen reiten würden -in seinem Werk „Die neue industrielle und sozietäre Welt, oder die Erfindung eines anziehenden und natürlichen Industrieverfahrens, das die Arbeit in leidenschaftliche Serien aufteilt„.

3.Leben lassen, entfaltet das Motto: “Die Evolution aller Lebensformen schreitet voran” mit Maschinen, Cyborgs, Aliens und fragt: Woher wissen wir, wer die sind? 1.Zur Energiegewinnung mutierte Hunde werden befreit, 2.quallenhafte Menschen (?) suchen Apotheke & Notschönheitsdienste für Seelenimplantate auf, 3.im Schulunterricht wird Kommunikation mit Aliens geübt. Donna Haraway würde als posthumanistische Cyborg- und Hundeliebhaberin ihre Freude daran haben: Aus der Ko-Evolution von Menschen und Hunden gewinnt sie ihr Konzept der Gefährt*innenspezies (Companion Species) und die Sichtweise, dass Entitäten welcher Art auch immer erst aus Beziehungen hervorgehen -eine These, die auch für das nächste Kapitel das Motto sein könnte.

4. Ich und Du, beginnt mit der Feststellung “Die großen Fragen bleiben die Gleichen, oder?” und erkundet Gedanken und Gefühle, denn in der Zukunft scheine alles möglich, also auch ein neues Miteinander. 1.Zusammen die Welt beherrschende Katzen und Hasen, 2.in einem Naturreservat werden schöne Schmetterlinge gezüchtet, 3.in einer Selbsthilfegruppe kursieren Meta-Pills, die den Körper absurd verändern können (Peer Jongelin trat schon mit einem Aufklärungscomic zu Transgender hervor) und 4. eine Glaskuppel in der verseuchten, toten Welt, aber dort leben Menschen Liebe und Familie bis hin zum den Band abschließenden Dialog: “-ich vermisse das Wetter. –ja? ich puste dir ins gesicht.”

14 Comiczeichnerinnen erzählen, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen: Leben wir in der Zukunft mit Aliens zusammen? Wird KI uns die beste aller Welten erschaffen? Oder können wir der Klimakrise sowieso nicht mehr entrinnen? Fantasievoll und facettenreich spinnen die Kurzcomics aktuelle Debatten um Klima, Gender und Technologie weiter und berichten von schönen, schrecklichen und überraschenden neuen Welten. Dabei wagt die Anthologie auch einen Blick in die Zukunft des Comics und gibt einen Überblick über die künstlerischen und erzählerischen Positionen, die die deutsche Comicszene so besonders machen.“ (Verlagstext Carlsen)

Diskussion

Das oft totgesagte und von konservativen Ideologen in die Nähe von Platon und sogar Stalin gerückte Genre der Utopie lebt als Science Fiction (SF) weiter -und sie knüpft dabei durchaus an Utopien des 19.Jahrhunderts wie die von Fourier an, so der Medienkulturwissenschaftler Martin Doll. Auch wenn die SF heute oft in ihrer negativen Form als Dystopie künftige Probleme übertreibend plastisch macht, warnt sie doch vor realen Gefahren und prangert dabei gegenwärtige Probleme an, etwa Kriegstreiberei, Profitgier, Umweltzerstörung. Der von Horkheimer und Adorno in ihrer “Dialektik der Aufklärung” beschriebene Umschlag einer immer technischer gewordenen Vernunft in eine profitgetrieben rasende Unvernunft, die wir kaum noch zügeln können, wird im vorliegenden Sammelband ausgebreitet. In teils schön anzuschauenden, teils erheiternden, teils aber auch grell Ängste, Ekel und Verzweiflung illustrierenden Bildern zeigen sich überwiegend dystopische Erwartungen.

Oft beziehen sich die Ängste auf ökologische Katastrophen, auf Eingriffe in den menschlichen Körper, auf Ausbeutung und Verelendung der Mehrheit zu Gunsten einer perfiden Minderheit von Superreichen. Die beiden letzteren Punkte zeigen, wie Ideen, Ideologien und Technologie des Transhumanismus in unsere Kultur eindringen und weniger Hoffnungen als Ängste auslösen.

Wer Depressionen bewältigen will, kommt an einer Auseinandersetzung mit Ängsten und ihren Auslösern nicht vorbei. Der menschliche Geist, die Kultur, die Philosophie haben haben als wichtigstes Ziel immer schon die Erkundung neuer Möglichkeiten des Denkens und Lebens, mithin die Erkundung der Zukunft. Dies geschieht im Projekt “The Future is…” auf visuell anspruchsvolle Weise. Die Ästhetik der Zeichnungen steht der SF-Literatur dabei zur Seite und öffnet unseren Blick auf ein buntes Kaleidoskop von Zukunftsentwürfen.

Graphic Novels haben ihre Berechtigung im pädagogischen Bereich vielfach unter Beweis gestellt (vgl. Hochschild), sogar um komplexe ökonomische Zusammenhänge zu erklären (vgl.Alet/Adam). Beim Thema Utopie und SF ist diese vielfältige und für ästhetische Neuerungen offene Kunstform besonders hilfreich. Die Begrenzung der Stories auf nur je sechs Seiten macht leider oft nur Andeutungen möglich, liefert dafür jedoch kompaktes Material für den Schulunterricht. Wo immer Schule sich auch mit der Bewältigung von Zukunftsängsten befasst, also auf persönliche wie globale Krisenbewältigung zielt, könnte dieser Band sinnvoll eingesetzt werden.

Fazit

Der farbenfrohe Bildband entfaltet ein Panorama von Utopien und Dystopien in erfrischend vielfältigen Stilen und Themen. Er illustriert politische, kulturelle und soziale Aspekt des beliebten SF-Comic-Genres und regt die Vermittlung von Werten zu aktuellen Themen wie KI, Klimakrise, Kolonialismus an. Er richtet sich an Menschen, die sich Gedanken über die Zukunft machen, und an Pädagogen, die Science-Fiction zu Bildungszwecken auch in Form von Graphic Novels (hier eher kompakten Kurzgeschichten) verwenden wollen.

Hintergrund: Die Herausgeberin Lilian Pithan studierte Komparatistik, Romanistik und Anglistik, arbeitete als Übersetzerin mit Schwerpunkt grafische Literatur und kuratierte Ausstellungen für den Internationalen Comic-Salon Erlangen zu Comicjournalismus und Feminismus in Comic und Illustration. Der im Comic-Bereich tätige Carlsen-Verlag trat an sie heran, um 14 weibliche Autor*innen für utopische Comic-Kurzgeschichten auszuwählen, die erzählen und zeichnen sollten, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen können. Das Thema lautet, so Pithan, dezidiert „Zukunftsvisionen“ und nicht Feminismus, denn sie hörte immer wieder von Zeichnerinnen, dass der Fokus auf das Thema Feminismus ermüdend sei und sie einfach als Künstlerinnen wahrgenommen werden wollen – so wie die Männer ja auch. Mit Beiträgen von Maren Amini, Whitney Bursch, Bea Davies, Sheree Domingo, Katia Fouquet, Aisha Franz, Melanie Garanin, Peer Jongeling, Kathrin Klingner, Mia Oberländer, Elizabeth „Fungirl“ Pich, Marijpol, Maki Shimizu  und Malwine Stauss, die fast durchgehend farbig in sehr unterschiedlichen Zeichenstilen ihre utopischen Stories vorlegen.

Literatur

Alet, Claire u. Benjamin Adam: Kapital und Ideologie. Die Graphic Novel nach dem Buch von Thomas Piketty. Berlin 2023, Verlagshaus Jacoby & Stuart.

Hermann, Isabella: Science-Fiction zur Einführung, Hamburg 2023, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/33062.php

Hochschild, Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walter de Gruyter. https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

Hoppe, Katharina: Donna Haraway zur Einführung. Hamburg 2022, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/31731.php

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg 2018, Junius Verlag.

05/1/26

Björn Hochschild: Figuren, Film & Comics

Rezension von Thomas Barth

Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag.

Wir leben in einer Netz- und Mediengesellschaft, doch die Netze sind nicht nur von Menschen und Software-Agenten bevölkert: Es tummeln sich dort fiktive Figuren diverser literarischer Formen und diese erhalten viel Aufmerksamkeit von uns. Denn die Kommunikation über Netze, Netzmedien und Medien, aber auch der Konsum von Medieninhalten bestimmt zunehmend unser Leben. Björn Hochschilds Studie sieht Film und Comic als wichtigen Teil der (netz-) kulturellen Umwelt und fragt nach psychologischen und sozialen Funktionen der fiktiven Figuren aus diesen Medien. Es geht dabei zentral um die in Bildmedien geübte Wahrnehmung des Anderen und um die Erkenntnis, dass ausgerechnet der Versuch eines Ordnens der Welt zum Ursprung von Konflikten, Gewalt und Missbrauch werden kann. Brisantes dafür angeführtes Beispiel: Die Erfahrung mit einem Vater, der versucht, die Anderen seiner eigenen Weltwahrnehmung unterstellend zu ordnen, auch wenn dies einen Kindesmissbrauch darstellt. An diversen weiteren Medieninhalten werden auch andere soziale Probleme deutlich gemacht, etwa Gewalt auf dem Schulhof und deren mediale Verwertung durch voyeuristisch mit ihrem Handy filmende Mitschüler. Der Autor entwickelt in seiner Doktorarbeit eine phänomenologische Perspektive sowie eine phänomenologische Methode, die er an zwei Filmen und zwei Comics erprobt, indem er die Begegnung mit ihren Figuren analysiert.

Inhalt

Der im akademischen Stil verfasste Text der Dissertationsschrift gliedert sich in zehn Kapitel, nebst Literaturverzeichnis, Comicverzeichnis, Filmverzeichnis, Abbildungsnachweis sowie ein Personenregister. Er ist bebildert mit zahlreichen farbigen Comic-Panels, die seine Argumentation instruktiv stützen und die Lektüre auflockern.

Kapitel 1 „Film  und Comic-Figuren als phänomenologisches Problem“ wagt den Einstieg mit einer persönlichen Lektüreerfahrung des Autors, die seine Motivation für dieses Thema illustriert. Das Comicbuch „Jordan Wellington Lint“ von Chris Ware beschreibt das Leben der gleichnamigen, eher negativ gezeichneten Figur. Der Protagonist Jordan, dessen Leben Seite für Seite nachgezeichnet wird, ist kein sympathischer Mensch. Er ist voller Ressentiments und Wut, seine homophobe Ängste kulminieren in einem Gewaltausbruch gegen den eigenen Sohn im Kindesalter.

Die Dissertationsschrift beginnt mit den Sätzen: „Das Umblättern einer einzigen Seite verändert mein Bild von Jordan nachhaltig. Das ist noch nicht korrekt: Nicht mein Bild von Jordan verändert sich, sondern meine Beziehung zu dieser Figur und zu dem Comic, in dem sie mir begegnet“ (S. 1). Der Comic erzähle in einem einheitlichen Zeichenstil und regelmäßigen Rhythmus von dessen gesamtem Leben, dabei sei jede Seite einem Lebensjahr gewidmet und Jordan erscheine schon früh als unangenehme Figur. Jordan entwickle sich von einem unerträglichen Teenager zu einem selbstgerechten jungen Mann, triebgesteuert und homophob.

Später in Beziehungen und Ehen wurde Jordan untreu als Partner und als Vater toxisch, vernachlässigend oder abwesend. Eine Tat in Jordans Biografie steche besonders hervor: Als Jordans jüngster Sohn Gabriel seinen älteren Bruder beim Toilettengang beobachtet und Jordan dies mitbekommt, interpretiert er die Szene als homoerotisch. Daraufhin packt er Gabriel gewaltsam und bricht ihm das Schlüsselbein. Die Schockwirkung der Szene erklärt Hochschild aus der Ästhetik der Comicdarstellung, denn sie entfaltet sich – anders als alle anderen biographischen Geschichten des Comics – nicht auf einer, sondern ganzen fünf Seiten. Diese zeigen rot gefärbte Anordnungen von Körpern, Räumen und Texten in bislang ungesehenen Zeichenstilen, die sich drastisch vom Stil des restlichen Comics abheben. Dabei muss man, um die Tableaus betrachten zu können, das Comicbuch hier um 90 Grad wenden, und so werde die Szene auch in einer taktilen Ästhetik zu einem „wortwörtlichen Wendepunkt“ (S. 1). Diese und andere Comic-Exegesen sind bebildert und begleiten die Argumentation der Dissertation, die zunächst Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung analysiert, dann das „Gegebensein von Figuren“ hinsichtlich Erzählung und Erzählinstanzen erörtert sowie das „Innen und Außen von Figuren“.

Der Hamburger Germanist und Filmwissenschaftler Jens Eder beschreibe auf der einen Seite Ansätze, „die Figuren als Zeichenkonstellationen, Eigenschaftsbündel oder Textfunktionen verstehen“ und sie damit zu artifiziellen Gegenständen reduzieren. Auf der anderen Seite beschreibe er Ansätze, die Figuren als „mimetische Analoga realer Personen“ und darin als lebendige Wesen denken. Die Filmfigur als artifizieller Gegenstand bestehe aus bewegenden Licht- und Schattenflächen auf einer Leinwand, einzelnen Lichtpunkten auf der Fläche eines Bildschirms oder Schallwellen, die von Lautsprechern ausgehen. Comicfiguren wie Jordan wären mithin nur Punkte, Striche, Flächen, Farben oder Buchstaben auf Papier (oder Bildschirmen). Dennoch erschienen sie „den Zuschauenden und Lesenden auch als lebendig“ (S.4).

Jens Eder unterscheide dabei auf den Film bezogen zwischen einer medialen und einer mentalen Perspektive und definiere die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“ (S.22). Als Wesen erscheine sie lebendig, als fiktives Wesen sei sie in fiktionale Akte eingebunden, und als wiedererkennbares fiktives Wesen bilde sie eine Konstante. Lebendig seien sie, weil Zuschauende ihnen ein Innenleben, eine „Fähigkeit zu mentaler Intentionalität“ zuschreiben. Diese Intentionalität sei beobachtbar in der „Körperlichkeit, Psyche und Sozialität“ der Figuren. Somit, analysiert Hochschild, vertritt Eder die Auffassung, dass wir Figuren ähnlich erleben wie reale Personen.

Eder entwerfe eine bei den Produzierenden beginnende Chronologie: Die Filmidee setze sich zunächst ins filmische Artefakt um, aus dem anschließend Modelle fiktiver Wesen in den Köpfen der Zuschauer entstünden, die sie wiederum als Symbole verstehen und von dort aus als Symptome lesen könnten: Durch diese sogenannte „Uhr der Figur“ sind Filmfiguren bei Eder bestimmt als kommunikative Artefakte, die durch die intersubjektive Konstruktion von Figurenvorstellungen auf der Grundlage fiktionaler Texte entstehen. Diese sehr kognitionsfixierte Deutung in leibnähere Bahnen zu lenken wird ein wichtiger Aspekt der Studie Hochschilds.

In Kapitel 2 „Wahrnehmung, das Andere und (ästhetische) Kulturgegenstände“ wird in Merleau-Pontys Wahrnehmungsphilosophie bzw. Phänomenologie eingeführt: Wie nehmen Menschen andere Menschen wahr? Es geht um Beziehungsgeflecht zwischen Ich, Anderem und Welt. Es geht aber auch um medienspezifische Gegenstände innerhalb dieses Verhältnisses: Um (ästhetische) Kulturgegenstände, an und in denen sich die Beziehung von Ich, Anderem und Welt als Erfahrung einer Wahrnehmung des Anderen entfaltet. Das Andere bei Merleau-Ponty führt demnach von den anderen Menschen zu Kulturgegenständen, wie Comics und Filmen. In ihnen zeichnen sich die Spuren eines anderen Verhaltens ab, womit sie als ‚Zeugen‘ eines anderen Weltbezugs fungieren. Merleau-Pontys Kennzeichnung der Phänomenologie als Zugang zu Bewegung, Manier oder Stil lenkt den Fokus auf das flexible Betrachten von Gegenständen und ihrer Wahrnehmung. Die Frage, wie etwas erscheint oder sich zeigt, würde dadurch zur zentralen Frage der phänomenologischen Ausrichtung. In diesem Sinne bezeichnet Hochschild „das, was hier entwickelt werden soll, als eine phänomenologische Perspektive.“ (S.43) Zugang zum Ästhetischen von Comics und Filmen findet Hochschild dabei mithilfe filmphänomenologischer Begriffe. Mithin geht es, wie man später erfährt, etwa, bezogen auf die vermeintliche Bewegtheit filmischer Bilder (die nur durch das schnelle Präsentieren von statischen Einzelbildern entsteht) zu anderen Medien, insbesondere dem Comic -mit seinen vermeintlich unbewegten Bildern, die aber im Betrachter durchaus den Eindruck von Bewegung auslösen können (S.185). So wird das Zusammendenken der Medien Film und Comic Schritt für Schritt plausibel gemacht.

In Kapitel 3 „Begegnungen mit Filmen“ expliziert Hochschild die zentralen Begriffe Begegnung und Verhalten, beginnend mit Vivian Sobchacks Filmphänomenologie. Das Wahrnehmen des Films lässt diesen demnach selbst zu einem Subjekt werden, das einen Körper besitzt. Film-Sehen denke Sobchack im Sinne Merleau-Pontys nicht als auf den Sehsinn reduziertes Empfangen und kognitives Verarbeiten visueller Daten, sondern als synästhetisches, leibliches Engagement in der Welt. Hochschild strebt an, Subjekte als aus einer permanenten Modulation der Wahrnehmung hergestellt zu denken und somit als dynamische Entitäten, die sich immer in Herstellung befinden. Sein Begriff der Begegnung umschreibt, wie Figuren durch Wahrnehmung entstehen und er weiß ihn an Beispielen plastisch zu machen.

Im Kurz- und Animationsfilm KID CAMERAMEN (das Titelbild der Dissertation zeigt beispielhaft ein Bild aus der Animation, siehe unten) etwa wären von John Kuramoto animierte Zeichnungen Chris Wares zu sehen und die Tonspur bestehe aus einem Ausschnitt der Radiosendung „This American Life“. Hochschild illustriert seine Studie auch hier mit einer Beschreibung, die zugleich brisante Aspekte der aktuellen Gesellschaft wie der Medienwelt darstellt: Den Voyeurismus von mit ihren Handys filmenden Jugendlichen bei Gewalttaten auf dem Schulhof -aber ganz ohne digitale Technik.

„Zwei Schüler basteln eine Filmkamera. Sie schneiden Löcher in eine Pappschachtel und führen das innere Papprohr einer Küchenrolle als Linse und Sucher ein. Sie bemalen die Pappe, befestigen einen Pfeifenreiniger als Antenne und vollenden ihre Apparatur mit einer Halterung. Mit ihrer Pappkamera bewaffnet filmen sich die Jungs zunächst gegenseitig, spielen Nachrichtensprecher und Kameramann. Alsbald werden aus der einen Pappkamera viele, das Film-Spielen zum Trend und der ganze Schulhof füllt sich mit Schüler*innen, die mit Attrappen verschiedenster Medientechnologien ausgerüstet immer aufwendigere Nachrichtenformate und Fernsehshows inszenieren. Die Situation eskaliert, als ein Schüler auf dem Schulhof verprügelt wird und die anderen Kinder – anstatt einzugreifen – eifrig Reportagen mit ihren Pappkameras und Pappmikrofone anfertigen. Die Pappkameras werden daraufhin konfisziert und das gespielte Drehen von Fernsehformaten verboten.“ (S.74)

Die Pappkameras imaginieren dabei, so Hochschild, Filmbilder und dieser Animationsfilm inszeniere seine Körper so wie seine Pappkameras. Die affektive Qualität dieser Körper- und Bildimaginationen werde erst im kontrastreichen Zusammenspiel von Animation und Voiceover greifbar. Die besprochene Szene mache mithin sichtbar, „wie bestimmte Blicke die Körper der Schulkinder mittels starker Abstraktion und Mechanisierung gegen jegliche empathische Affizierung abschirmen, die im Voiceover zum Ausdruck gebracht wird.“ (S.94)

Das Film-Verhalten ereigne sich mithin in den Bewegungen, in denen Film und Zuschauende miteinander verschränkt sind und sich wechselseitig hervorbringen. Die Gesamtheit dieser Bewegungen kennzeichnet Hochschild als Situation der Begegnung mit Filmen. Die Beschreibungen von Film-Verhalten und Analysen von Figurenbegegnungen erweisen sich als eingebettet in die entwickelte phänomenologische Perspektive, aus der heraus die Wahrnehmung des Anderen, Figuren, Filme und später auch Comics betrachtet werden. Deshalb bilden Beschreibung und Analyse – anders als, wie Hochschild betont, bei Merleau-Ponty – im Kontext der vorliegenden Arbeit keine Gegensätze mehr (S.118).

Kapitel 4 „Begegnungen mit Comics“ sucht nach einer Phänomenologie des Comics, die das Comic-Lesen phänomenologisch als Begegnung fasst. Dabei geht es darum, die Comiczeichnung als verkörperte, multisensorische oder synästhetische Erfahrung zu denken. Die zuvor angeführten neophänomenologischen Filmtheorien stellten eine Nähe des filmischen Bewegtbildes zum phänomenologischen Konzept der Wahrnehmung als permanenter Bewegung her. In Frage steht für Hochschild damit, ob und inwiefern ein Film-Verhalten und dessen Beschreibbarkeit abhängig von der Bewegtheit filmischer Bilder ist -oder sich aus phänomenologischer Sicht nicht genauso im Comic nachweisen lässt.

In der umfangreichen Datenbank der „Bonner Online-Bibliographie für Comicforschung“ fand Hochschild „verhältnismäßig wenige Einträge, die Comics und Phänomenologie in Beziehung zueinander setzen. Ein Großteil dieser entpuppen sich als leere Versprechen.“ (S.121) Dies könnte, so mutmaßt er, an der lockeren Verwendung von Begriffen wie „Phänomen“, „phänomenal“ oder „phänomenologisch“ liegen. Doch erfolgversprechende Ansätze finden sich im Ansatz der embodied cognition. Trotz der Kritik an Jens Eders kognitiv ausgerichteter Figurentheorie, die Hochschilds Ausgangspunkt dafür war, sich der Phänomenologie zuzuwenden, kann es kaum verwundern, sich erneut kognitiven Ansätzen zuzuwenden. Denn der Ansatz der embodied cognition weise, so Hochschild, einen entscheidenden Unterschied zu Eders Ansatz auf: Gekennzeichnet durch den Zusatz „embodied“, versuche er Verstehen nicht als (rein kognitive) Informationsverarbeitung zu denken, sondern es (wieder) an einen Körper anzuschließen (S.143).

Comic-Lesen bedeute auch mit Materialitäten in Kontakt zu treten: Etwa ein Heft in den Händen zu halten, es umzublättern, zu wenden, zu biegen oder (in der digitalisierten Welt!) ein Tablet, Smartphone oder Laptop zu bedienen und auf ihren Oberflächen zu navigieren. In diesen Materialitäten präsentierten sich Comics mehr als optisch: Sie wurden haptisch, von ihnen gingen Geräusche oder Gerüche aus, die allesamt zu ihrer Lese-Erfahrung gezählt werden müssten. Diese Multisensorik des Comics weite sich auf die dargestellten Welten aus. Auch sie würden „nicht bloß als optische Welten erfahren, sondern als ebenso akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische.“ (S.151) Die Begegnung mit Figuren gewinnt mithin gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht.

Kapitel 5 „Begegnungen mit Figuren: Comic  und Film-Verhalten“ fragt: Was bewegt sich eigentlich, wenn Filme gesehen und Comics gelesen werden? Film als Bewegtbild besteht hinter der Wahrnehmung aus statischen Einzelbildern  genau wie bei Comics. Die Bewegungen, die Filme und Zuschauende, Comics und Lesende und letztlich auch Figuren hervorbringen, so Hochschild, sollen als Film-Verhalten beziehungsweise Comic-Verhalten beschrieben und analytisch beschreibbar gemacht werden. Ziel sei es, jene Anforderung, die Merleau-Ponty an die phänomenologische Reflexion des Anderen in der Wahrnehmung und der Wahrnehmung des Anderen stellt, an Comics und Filme als ästhetische Kulturgegenstände anzupassen. So sollen die Figuren als Gegenstände unserer Wahrnehmung beschreibbar und damit einer Analyse zugänglich werden. Comics, die sich als Bildgegenstände in der Regel nicht selbst bewegen, sind dabei „in ihren Darstellungen alles andere als unbewegt“ (S.191).

Nach Bergson, Deleuze und Schüwer sei Bewegung „nicht als Folge starrer Zustände, sondern […] als unteilbare Kontinuität“ zu denken“; für Schüwer würde aus dem bildphilosophischen Verweis letztlich die Unterscheidung von Comicbildern in sensomotorische Bilder und Zeitbilder des Comics. Eine Schlussfolgerung, die auf Gilles Deleuzes Ausführungen zum Bewegungs- und Zeit-Bild des Films zurückgeht, wiederum beruhend auf Bergsons Idee der „Welt als Ansammlung von Bildern“ (S.194). Für Bergson bestehe die philosophische Fehlleistung der Bewegungslinie darin, den Weg der Bewegung „mit dem Bewegungsprozess zu verwechseln und damit auch den Prozess für teilbar zu halten“. Bergson sehe hier ein falsches Verständnis von Bewegung, das impliziere, dass Bewegungen erstens immer einen Raum beschreiben und zweitens aus Punkten bestehen, an denen Körper anhalten könnten. Schüwer denke jedoch die Bewegungslinie nicht als Summe von Punkten, sondern selbst als unendlich teilbar, für ihn seien Bewegungslinien im Comic immer eine Interpretation von Bewegung. Mal binden sie sich an bestimmte Teile von Körpern oder Objekten und geben ihnen so „beweglichen Ausdruckscharakter“ (S.197). Die schweren Theoriekaliber dienen dazu zu klären, wie die Bewegungen des Comic-Lesens (im Gegensatz zu denen des Films) und damit Comic-Verhalten beschreibbar sind. Dabei geht es um Fragen wie die Organisation von Blicken auf eine Doppelseite, ob beispielsweise das Fixieren einer bestimmten Stelle der Seite sich als Anhalten, Verweilen, Warten oder Festsitzen qualifiziert.

Mithin werden im Verglich zum Film etwa multilineare und multidirektionale Lesebewegungen zum Problem. „In Abwesenheit eines Timecodes kann die Comicanalyse zwar etwa von Rhythmen der Dauer sprechen. Aber eine solche Dauer beschreibt eine Qualität und keine dem Comic-Lesen inhärente oder festgeschriebene Laufzeit, Richtung oder Geschwindigkeit.“ (S.234) Das raumörtliche System der Rahmungen einer Doppelseite(wie Einzelpanels angeordnet sind) bedingt die Lesebewegungen, die bezeichnen dabei keine „abzuschreitenden Pfade“ (S.248), sondern Kräfteverhältnisse affektiver Dynamiken -in der Anordnung und Gestaltung der Seiten eines Comics (man denkt dabei unwillkürlich an Deleuze und Foucault, die ganz ähnlich auf Geschichte, Gesellschaft und unsere Existenz als Subjekte im Netz der Macht hinwiesen) .

Hochschild zitierte anfangs Packard, der an Foucault anschließt: „diese Art des Sinns, die daran hängt, dass einer ‚Ich‘ sagen und von sich erzählen können soll“ (S.14). Dies sei ist im Sinne von Michel Foucault modern, was bedeutet: Verbunden mit dem Machtnetz einer Wissens- und Erkenntnisordnung, die ein „unausschöpfbares menschliches Ich als Ausgangspunkt setzt, das zum diskursiven Wiedererkennungsmerkmal wird“ (ebd.) -ausformuliert hatte Foucault dieses Ich schon in seinem verschollenen und erst 2024 publizierten Buch Der Diskurs der Philosophie.

Ihren phänomenologischen Anspruch will die von Hochschild entwickelte Methode letztlich aber auch in der Wahl ihres Gegenstandes einlösen: Dieser ist „nicht die Comic- oder Filmfigur, die es als Subjekt zu fixieren gilt“ (S.273), sondern die Begegnung eines realen Subjekts mit dieser Figur. In den folgenden vier Fallstudien will Hochschild demnach Begegnungen mit Figuren zum Gegenstand empirischer Film- und Comicanalysen aus einer phänomenologischen Perspektive machen.

Kapitel 6–9 beschreiben mithin auf dieser Grundlage jeweils die Begegnung mit den Figuren Noa, Riad, Harold (die in dieser Rezension aus Platzgründen übergangen werden müssen) und schließlich den zu Beginn der Abhandlung eingeführten Jordan. In Analysen je zweier konkreter Filme und Comics zeigt Hochschild, wie sich Begegnungen mit ihren Figuren analysieren lassen. Mit der Figur Jordan schließt sich der Kreis der persönliche Erfahrungen einbringenden Darlegung Hochschilds: Lint erzähle auf bemerkenswerte Weise das gesamte Leben seines gleichnamigen Protagonisten. Über weite Strecken erzähle je eine Seite des Comics von einem Lebensjahr -bis zu jenem dramatischen Wendepunkt, „an dem fünf auffällig anders gestaltete, hochkantige Seiten den gewohnten Stil und Rhythmus des Comics zersprengen.“ (S.395) Die somit beinahe taktil hervorgehobene Szene zeigt den Missbrauch an Jordans Sohn Gabriel, wobei Jordan das Kind so gewaltsam schüttelte, dass sein Schlüsselbein brach. Hochschild wird noch persönlicher: „Nicht nur Jordan wird von der Erinnerung an diese verdrängte Gewalttat überwältigt – auch ich erlebte diese Szene als visuellen und haptischen Schock, der meine Perspektive auf Jordan und mich als Leser seiner Lebensgeschichte nachhaltig veränderte.“

Er bedankt sich bei den Teilnehmer*innen des in Kapitel 1 erwähnten Workshops, sowie jenen des Kurses „Comics durch Comics denken –Einführung in Comicforschung am Beispiel von Chris Ware“, den er im Sommersemester 2019 an der Universität Wien geleitet habe. Inspirationen zu seiner Analyse würden aus den Diskussionen beider Veranstaltungen stammen. Wir stellen uns bei der Lektüre der Dissertationsschrift das angeführte Comic-Analyse-Seminar fast wie eine psychologische Therapiegruppe vor.

Bei der Analyse des Comics, dessen präsentierte Bilder teils an abstrakt gehaltene bunte Piktogramme von Ratgebern oder Hinweisschilder erinnern -im auffälligen Kontrast zu den dargestellte hochemotionalen Inhalten, konzentriert sich Hochschild zunächst auf literarisch-künstlerische Gestaltungsmerkmale: Farben, Formen und Körper, Schrift-Bild-Beziehungen, Perspektive und Seiten-Layout. Die ersten vier Gestaltungsmerkmale beschreiben Kräfteverhältnisse mikroperspektivischer Bewegungen einer Seite, das Merkmal Seiten-Layout zielt auf die makroperspektivische Analyse der Seiten als raumörtliche Systeme (S.399). 30 Seiten später werden diese Merkmale tabellarisch auf den Lebenslauf der Figur projiziert und die Poetik des Comics damit weiter entschlüsselt (S.429). Die Mondgesichter des Comics, seine Panels, die Tableaus von Doppelseiten werden zunächst akribisch untersucht. Die ‚Ich‘ und ‚Du‘-Beziehungen, die Identifikation eines Selbst und eines Anderen, werden in der Schrift-Bild-Beziehung lokalisiert:

„Mutter und Sohn gehen mittels einer auf die Mutter verweisende Sprechblase ineinander über. Sie deutet mit „jRdN“ erstmals seinen Namen an, der hier seinen Kopf ersetzt. Jordan bleibt sowohl mit dem Körper der Mutter verschränkt als auch gleichsam von ihr durch die Namensandeutung zu eben jener Identität abstrahiert. In diesem Sinne entsteht die Schrift-Bild-Beziehung abstrahierend.“ (S.406).

Der Gewaltakt bzw. das erinnern des Missbrauchs als Wendepunkt von Jordans Lebensgeschichte entfalte sich, so Hochschild, in einer eigenen Szene. Sie verändere die gewohnte Chronologie des Comics: Wo sonst eine Seite ein Jahr aus Jordans Leben erzählt, entfalte sich hier ein verdrängtes Erinnern binnen eines kurzen Momentes auf insgesamt sieben Seiten (S.431). Jordan googelt den Namen seines Sohnes Gabriel und stößt auf ein Interview, in dem der mittlerweile erfolgreiche und als homosexuell geoutete Autor von seinem neuesten, autobiografischen Werk erzählt; insbesondere von dem Missbrauch durch seinen Vater Jordan, den er darin verarbeitet. Obwohl Jordan im Verlauf des Comics längst als oberflächlich, zornig, naiv, sexistisch, misogyn oder rassistisch auftrat, so Hochschild, wurde dieser konkrete Missbrauch an seinen Kindern bis dahin nicht gezeigt. Es scheine also, „als habe der Comic diese Erinnerungen gemeinsam mit seiner Hauptfigur verdrängt und würde nun seine Figur mitsamt seinen Lesenden damit überwältigen.“ (S.432) Das Gefährliche an der Begegnung mit Jordan bestehe nicht nur darin, einem Monster gegenüberzustehen, sondern dabei sein eigenes monströses Wahrnehmen zu erfahren. Die Erfahrung des ästhetischen Kulturgegenstands Comic (Beschrieben wird auch die haptische Qualität des aufwednigen, mit Textilien gestalteten Covers), insbesondere in der unangenehmen Qualität, sei Teil einer ästhetischen und sogar genussvollen Erfahrung. „An ihr können die Lesenden im geschützten Rahmen der Begegnung mit einem Comic das Gewaltsame der eigenen Wahrnehmung erleben und erfahren, ohne tatsächlich destruktiv sein zu müssen“ (S.441, vgl. ebd. Fn.49).

Kapitel 10 „Andere Figuren, andere Begegnungen: Ein Ausblick“ rekapituliert die Analysen, etwa der Wendepunkt-Szene bei der Figur des Antihelden Jordan, die den homophoben Gewaltakt taktil plastisch machte. Der Comic bringe hier den jeder Wahrnehmung inhärenten Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche – als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung. Statt Subjekte im medialen Gewand des Films oder Comics zu sein, resümiert Hochschild, seien Film- und Comicfiguren Gegenstände der spezifischen Wahrnehmungssituationen des Film-Sehens und Comic-Lesens. Als Anderes der Wahrnehmung seien sie Gegenstände eines Feldes, das sich selbst als Anderes der Wahrnehmung und als anderes Wahrnehmen offenbart. Analysierbar würden die Begegnungen mit Figuren mithin nur aus einer Perspektive, die es vermag, dieses Feld des Film-Sehens und Comic-Lesens zu beschreiben. Sie gingen als Wahrnehmungsgegenstände hervor aus den

Situationen der Begegnungen mit Filmen oder Comics, die über die Bewegungen eines Film- oder Comic-Verhaltens adressierbar werden. (S.442) Als Teil einer phänomenologischen Methode ließen sich die Verhalten immer nur an konkreten Gegenständen beschreiben (S.444). Hochschild kommt auf die Spur eines blinden Flecks in seiner hier entwickelten Perspektive: Die offene Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien (etwa Romanen, Theateraufführungen, Videospielen), nach Figuren, die explizit keine Wahrnehmungsgegenstände eines Feldes ästhetischer Erfahrungen sind und nach der Figur als einem Phänomen, das weit über die Erfahrung des Film-Sehens und Comic-Lesens hinausgehen könne. „Eine Antwort auf die Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien lässt sich zumindest implizit herleiten: Sie wäre zu finden im Verhalten des jeweiligen Mediums.“ (S.445)

Mithin bringe die phänomenologische Perspektive in ihrem Fokus auf eine permanente Modulation der Wahrnehmung die Annahme mit, dass weder Feld noch Gegenstand je abgeschlossen und fixiert wären. Einzubeziehen wären unter anderem „Gespräche über Figuren beim Verlassen des Kinosaals, Diskussionen über Figuren in Internetforen, Wiederbegegnungen mit Figuren im Seriellen, in Verfilmungen, Fortsetzungen, Reboots, narrativen Universen oder anderen trans- und intermedialen Zusammenhängen bis hin zu Aneignungen und Performances von Figuren in Fan Fictions oder Cosplays.“ (ebd.f.)

Man müsse sich als bei der Werkauswahl beschränken und auf relevante Aspekte bedenken. Die Story von Lint entfalte etwa „im Verhalten seines ordnenden Spiels eine unangenehme Erfahrung.“ (S.448) Der Comic bringe damit den jeder Wahrnehmung inhärenten und hier zerstörerischen Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche. In der Wendepunkt-Szene stelle sich sein ordnendes Spiel als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung heraus und mache das Streben nach ihr zum Ursprung einer missbräuchlichen Verhaltensweise (ebd.). Lint stelle dabei „eine Analogie zwischen Jordans Weltwahrnehmung und der Wahrnehmung der Lesenden her, die in jedem Versuch, Jordan und seine Taten zu verstehen, ihn in seinem ordnenden Spiel nachzueifern und so (im geschützten Rahmen dieser ästhetischen Erfahrung) den destruktiven Anteil ihrer eigenen Wahrnehmung zu erfahren.“ (S.448) Weitere Analysen und Vergleiche verschiedener Werke und von ihnen bereitgestellte Begegnungen mit Figuren werden präsentiert, bis Hochschild zur abschließenden Bemerkung kommt: Die Perspektive dieser Arbeit müsse, um ihrem phänomenologischen Anspruch gerecht zu werden, nicht nur flexibel, sondern auch unabgeschlossen bleiben.

Diskussion

Werfen wir mit dieser Dissertationsschrift einen Blick in die Erfahrungswelt der „Millenials“? Also der Kinder der zunehmend digitalen Mediengesellschaften? Es ist ein deskriptiver Blick, der uns die Dynamik heutiger Erlebniswelten vorsichtig nahebringt. Wichtig ist die Klärung des Status „fiktiver Wesen“. Der Filmtheoretiker Jens Eder definierte die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“, mit einem durch Zuschreibung seitens der Betrachter entstehenden lebendigen Innenleben, die uns daher ähnlich wie lebende Menschen begegne. Die Figur ist somit Artefakt (Teil eines medialen Gegenstands), als fiktives Wesen ein Modell, lebendig geworden durch kognitive Leistungen der Zuschauenden, auch Symbol und damit Vermittler von Bedeutungen und zuletzt Symptom für ein mediales Dispositiv, das über das konkrete Artefakt hinausgeht (S. 22 f.). Diese differenzierenden Vorarbeiten, die auch Eders Figur-Natur-Dualismus kritisch reflektieren, führen zum zentralen Thema der Abhandlung, der Begegnungen mit Figuren. Sie ermöglichen Hochschild im Weiteren seine phänomenologische Perspektive unter Berufung auf Husserls und Merleau-Ponty zu entwickeln. Das hohe theoretische Niveau steht nur scheinbar im Widerspruch zum Gegenstand der besonders hierzulande eher unterschätzten Comic-Literatur.

Comics führten in der kulturbürgerlichen „Hochkultur“ und in der an diese angepassten akademischen Welt lange ein Nischendasein. Ihnen eine eigene Ästhetik abzusprechen wird jedoch nach dieser Studie schwieriger. Die (nicht nur im Feuilleton als deutlich despektierliches Pejorativ benutzte) Sprechblase etwa, so Hochschild, wird vom Comictheoretiker Lambert Wiesing als eine eigene Bildform besprochen: Sie sei das genuin comictypische Bildelement, geboren „aus dem Geist der Phänomenologie“. Denn sie bringe etwas zum Ausdruck, das jenseits vom Comic nicht existiert oder existieren kann, sie stelle eine neue Sichtbarkeit dar und nicht bloß eine Interpretation der Welt. Die Sprechblase steht damit auf einer Stufe mit so wichtigen Bilderfindungen wie der Zentralperspektive, dem Abstrakten Bild und der Collage (S. 167 f.).

Eine Sprechblase zu sehen und zu lesen, heiße weder bloß einen Reiz der Augen als narrative Information zu verarbeiten, noch ein tatsächliches klangliches Erlebnis über die Ohren zu verarbeiten. Nach Wiesing ähnele der Bezug einer Sprechblase auf eine Figur innerhalb eines Panels dem Bezug von Bildern auf die Welt, wie die phänomenologische Bildtheorie ihn denkt, was Hochschild zwar sympathisch, aber in der theoretischen Verallgemeinerung übertrieben erscheint (S. 171). Festhalten kann man hier wohl die medial-psychologische Wirkung des Bildmediums, die auf einer neuen Wahrnehmungsebene neue Erfahrungsräume öffnet.

Für Hochschild bedingt die Bewegtheit der Bildgegenstände die Wahrnehmung von Bewegung sowie die Bewegtheit der Wahrnehmung selbst: Comics werden für Lesende zur Bewegungserfahrung, denn die Bilder des Comics bleiben beim Lesen nicht starr. Sie erzeugen die Erfahrung einer Bewegung, die sich allein in den Begegnungen mit diesem Comic herstellt. Aus Hochschilds phänomenologischer Perspektive sind Figuren nicht einfach ‚da‘, sie gehen erst aus der Erfahrung einer Begegnung mit Filmen und Comics hervor. Dies betont die aktive Rolle der Mediennutzer, deutet aber auch ihre Verletzlichkeit durch medialen Konsum an. So ergibt sich wie die Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung wirken und was die Begegnung mit ihnen ausmacht (S. 272).

Ein wichtiges Ergebnis aus diesem phänomenologischen Ausflug in die Film  und Comicwelt (der dringend um weitere digitale Bilderwelten zu ergänzen wäre): In der uns umgebenden Netz- und Mediengesellschaft dringen Figuren aus visuellen Bildwelten in unsere soziale und psychische Welt vor, nehmen Rollen ein, vermitteln Werte. Dies ist keine neue Erkenntnis, hier wird sie jedoch in besonderer theoretischer Tiefe fundiert und in akribischer analytischer Praxis vertieft.

Fazit

Björn Hochschild legte hier eine differenzierte Studie vor, die fragt wie Figuren in den Bildmedien Film und Comic wahrgenommen werden, wie sie dabei durch Lektüreerfahrung und emotionale Einbindung wirken können. Zugleich lässt sie sich als Einblick die die Lebenswelt heutiger Kinder der Mediengesellschaft lesen, die auch in Jugend und Erwachsenenalter fortwirkt. Empfehlenswert ist sie auch als Hintergrundwissen für soziale, pädagogische und kulturelle Arbeit, wobei jedoch ein hoher theoretischer Anspruch bewältigt werden muss. Überzeugend belegt werden tiefgreifende Rezeptionserfahrungen des Mediums Comic, wie man sie bislang nur fübezogen auf vergleichsweise bombastische Medien wie die Oper oder den Kinofilm kannte.

Die von Hochschild hervorgehobene „Multisensorik des Comics“, die sich auf die dargestellten Welten ausweite, öffnet der Analyse auch akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische Sinneseindrücke am Papiermedium. Die Begegnung mit Figuren gewinnt gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht. Eine Erkenntnis, die das einst verfemte Genre mehr als nur rehabilitiert und die Comic-Autor*innen wie -Verlage vermutlich gerne hören werden.

Hintergrund

Dr. Björn Hochschild promovierte mit dieser Studie, der 2021 zugelassenen Dissertation an der Freien Universität Berlin; entstanden ist sie im Rahmen des Doktorand*innen-Kolloquiums der Kolleg-Forschungsgruppe Cinepoetics und des Berliner Comic Kolloquiums; erschienen als Band 12 der Reihe „Cinepoetics: Poetologien audiovisueller Bilder“, herausgegeben von Hermann Kappelhoff und Michael Wedel.

Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag. Reihe: Cinepoetics – Band 12. 471 Seiten. ISBN 978-3-11-108695-8. D: 79,95 EUR, A: 79,95 EUR. Verfügbar als Open Access PDF, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 Internationale Lizenz. https://doi.org/10.1515/9783111198019-002
(Eine gekürzte Version dieser Rezension von Thomas Barth erschien auch bei Socialnet: https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

Literatur

Bergson, Henri: Materie und Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist. Verlag Felix Meiner, Hamburg 1991 [1896]. Bergson digital bei archive.org

Eder, Jens: Die Figur im Film. Grundlagen der Figurenanalyse. Schüren, Marburg 2008.

Deleuze, Gilles: Das Bewegungs-Bild. Kino 1. Merve, Frankfurt am Main 1997 [1983].
Deleuze, Gilles: Das Zeit-Bild. Kino 2. Merve, Frankfurt am Main 1997 [1985].

Foucault, Michel: Der Diskurs der Philosophie, Suhrkamp, Berlin 2024.

K ID CAMERAMEN . Creators: Chris Ware, John Kuramoto. In: T HIS A MERICAN L IFE , Staffel 1, Episode 3: „The Cameraman“. Chicago Public Radio / Killerfilms / Left/Right, US 2007.

Packard, Stephan: Wie narrativ sind Comics? Aspekte historischer Transmedialität. In: Su-
sanne Hochreiter, Ursula Klingenböck (Hg.): Bild ist Text ist Bild. Narration und Ästhetik in der
Graphic Novel. Bielefeld 2014, S. 97–12.

Ware, Chris: Jordan Wellington Lint. A Contributing Number (20) to The ACME Novelty Library Series.
Montréal / Quebec 2010.

12/8/25

Starke Frauen: Bertha Benz

Heike Wolter und Julia Christof, Illustrationen von Anika Slawinski: Bertha Benz – Die erste Autofahrerin (Starke Frauen), edition riedenburg, Salzburg 2022, 72S., 14,90 Euro

Rezension von Thomas Barth

Dieses Kinderbuch ist eine Streitschrift für Frauenemanzipation und gegen Patriarchat und festgelegte Frauenrollen. Viele kennen den Mercedes als Limousine des oberen Preissegments für die gehobene Bourgeoisie und solche, die dazu gehören wollen. Wenige kennen den Erfinder dahinter, Carl Benz (1844-1929), und kaum jemand seine Ehefrau und Mitstreiterin, Bertha Benz (1849-1944).

„Die erste Fahrerin eines Autos und – zusammen mit ihrem Mann – auch die Erfinderin des Automobils war diese Frau, die mutig losbrauste… Sie brachte das Auto auf die Straße und bewies: Echte Pferde sind für weite Strecken nicht genug! Bertha Benz machte mobil und zeigte uns, dass auch Frauen fahren können. Und dass sie außerdem clevere Ideen für Motor, Sprit und Geschäfte haben.“

In stilvollen, aber dennoch kindgerechten Bildern werden die jungen Leserinnen in die Biographie einer starken Frau und zugleich in die Technikgeschichte der hierzulande zu hochverehrten „Auto-Gesellschaft“ eingeführt. Man erfährt, dass der Erfinder Carl Benz auch einen Fernsprechapparat und Maschinen zur Fertigung von Schuhwerk und Tabakwaren erfand, ohne jedoch damit zu ökonomischem Erfolg zu gelangen. Bertha hielt zu ihm und wird als starke Frau hinter dem genialen Mann gezeigt, die vor allem sein Projekt eines selbstfahrenden Wagens unterstützt. Als das Gefährt endlich funktioniert, verweigern die Beamten des Patentamts jedoch seine Patentierung: Sie können nicht erkennen, was daran sensationell neu sein soll -ein Wagen mit Motor statt Pferden bleibt für sie einfach ein Wagen und der Motor ist doch nur irgendein Motor. Aber Bertha hat die entscheidende Idee, die unsere westliche Industriekulturen mehr revolutionieren wird als alles andere (auch als die Computernetze zumindest bislang): Sie lässt ihren Gatten die einzelnen Teile seines Motors patentieren, die seinen Einsatz in einem Fahrzeug erst möglich machten. Dann läuft die Sache an: 1883 wird mit einem Investor wird die Mannheimer Gasmotorenfabrik gegründet, doch sie brauchen einen anderen Treibstoff. Bertha kommt auf die entscheidende Idee, Waschbenzin zu verwenden, das man damals zu Reinigungszwecken in Apotheken überall kaufen konnte.

Leider klärt das Buch an dieser Stelle nicht den naheliegenden Fehlschluss auf: Benzin wurde nicht erst so genannt, weil es dem Benz-Mobil die Freiheit zu langen Fahrten gab (durch Versorgung unterwegs in Apotheken). Es hieß schon vorher so und es war ein seltsamer Zufall der Technikgeschichte, dass ein Erfinder-Ehepaar namens Benz auf Benzin die Revolution des Transportwesens aufbauen konnte. „Benzin“ kommt aus dem Arabischen über die katalanische Umformung von luban gawi, die das lu wegließ; es bedeutete „javanischer Weihrauch“, ein beliebtes Baumharz für religiöse Zwecke, das eigentlich von den Arabern aber aus Sumatra importiert und an die Katalanen weiterverkauft wurde. Aus dem katalanischen benjui wurde das französische benzoin, dem das Erdölprodukt Benzol und das Gemisch Benzin seinen Namen verdankt (Kluge Etymologisches Wörterbuch).

An ihrem 36.Geburtstag, dem 3.Mai 1885, macht Bertha Benz als erste Frau der Welt eine Autofahrt -sie legt 20 Meter pferdelos zurück. Ein Jahr später bekommen sie endlich ein Patent auf die (buchstäblich) bahnbrechende Erfindung. Doch die Probleme gehen weiter: Bei Testfahrten scheuen die Pferde anderer Verkehrsteilnehmer vor dem ungewohnten Anblick, die Polizei schreitet ein und verbietet das nicht normale Fahrzeug. Doch nach einer kindgerecht abenteuerlich beschriebenen ersten (illegalen) Fahrt über mehr als 100 km, bei der Bertha ihre Hutnadel wie auch ein Strumpfband für Zwischenreparaturen verwendet, setzt sich die Erfindung durch.

Das Buch verschweigt jedoch auch dunkle Flecken von Berthas Biographie nicht: Nach dem Tod ihres Gatten wird sie zur Unterstützerin für Adolf Hitler. Hitlers Weltkrieg lehnte sie jedoch ab. Sie starb am 5.Mai 1944 ohne den Untergang des Nazi-Faschismus noch erleben zu dürfen. Im Buch und nach Ende des biographischen Textes finden sich zahlreiche Aufgaben für die jungen Leserinnen, die Fragen beantworten, eigene Ideen aufschreiben oder Zeichnungen einfügen können, etwa eine Bertha-Zeichnung mit Kleidung ergänzen, einmal aus damaliger Zeit, dann mit heutiger Mode.

Auch Kritik an der umweltzerstörenden Auto-Kultur wird schließlich auf S.56 noch eingebaut:

„Heute sind wir am Ende des Zeitalters der Automobile, wie Bertha und Carl sie entwickelten. Denn: Autos, die mit Benzin oder Diesel fahren, belasten die Umwelt. Und sie tragen dadurch zum Klimawandel bei. Bertha war eine kluge Frau. Wie würde sie auf diese Herausforderung reagieren?“ Als anzumalende Alternativen werden z.B. angeboten: Mitfahrgelegenheit, Car Sharing, Zug, Bus oder Bahn, Fahrrad oder zu Fuß gehen…

Diskussion

Für ökologisch besorgte Menschen bleiben diese Kritikpunkte vielleicht etwas zu unscheinbar oder kommen sehr spät im Buch, aber Denkanstöße werden immerhin gegeben. Was völlig fehlt ist leider Kritik an kolonialen Kriegen, Verbrechen und brutalster Ausbeutung, auf denen der Boom der Auto-Industrie ebenfalls basierte: Das Erdöl für Diesel und Benzin wurde durch Unterwerfung arabischer Völker und des Iran sowie folgende bis heute andauernde Kolonialkriege geraubt und in den Westen geschafft. Besonders unmenschlich war die Plünderung des Kongo durch den Belgischen König Leopold II, der sein Königreich zum reichsten Staat der Welt machte: Aus seinem „Blut-Kautschuk“ stellte man die Massen an Autoreifen her, die das Automobil rollen ließen. Etwa zehn Millionen Einwohner des Kongo wurden dabei massakriert, damit die übrigen geschundenen Menschen Kautschuk für den König ernteten. Millionen wurden verstümmelt, die rechte Hand abzuhacken war grausame Sitte -in Brüssel wissen die meisten Belgier nicht, warum es dort eine ekelhafte Süßigkeit gibt: Hände aus schwarzer Schokolade. Im Kongo, dessen Befreiung von der Kolonialherrschaft Belgiens blutig unterdrückt wurde (der erste gewählte Präsident, Patrice Lumumba (1925-1961), wurde nach einen Putsch von CIA und Belgiern zu Tode gefoltert) werden bis heute Menschen ausgebeutet. Kinder kratzen mit blutigen Fingern das Coltan für unsere Handys aus dem Boden.

Sicher, kein schönes Thema für ein Kinderbuch. Aber für Nazi-Faschismus und Zweiten Weltkrieg fanden die Autorinnen auch ein paar kindgerechte Sätze. Auch starke kluge Frauen wie die Autorinnen unterliegen leider einer allgegenwärtigen Ideologie des Antikommunismus. Deren Ziel ist es, die unfairen Eigentumsverhältnisse einer obszönen sozialen Ungleichheit zu bewahren. Alle sozialen, sozialistischen oder sonstwie progressiven Bestrebungen könnten dieses Regime des großen Kapitals und der superreichen Westoligarchen bedrohen und werden unter anderem durch rigorose Geschichtsfälschungen unterdrückt.

Die Wissenslücken der Autorinnen sind also Folge westlicher Propagandastrategien, die bis hinunter in Schulbücher die schlimmsten Menschheitsverbrechen verschweigen*, sofern sie von westlich-kapitalistischen Großmächten begangen wurden. Betont werden dagegen immer wieder die Verbrechen kommunistischer Großmächte (China, Sowjetunion), auch wenn diese kaum an Unmenschlichkeit und Brutalität der Kongogräuel, des afrikanischen Weltkrieges und des, von CIA und BND organisierten Indonesian Genocide 1964 heranreichen. Gemäß der in kapitalistischen „liberalen“ Demokratien herrschenden fanatisch-antikommunistischen Ideologie werden sogar die Untaten und Völkermorde der Nazi-Diktatur meist offen oder zumindest unterschwellig als „sozialistisch“ hingestellt. Angeblich, weil die Nationalsozialisten, ja auch nur „Sozialisten“ gewesen wären (eine Propagandalüge, die unterschlägt, dass Hitler viel Geld von „westlichen-liberalen“ Industriekonzernen erhielt, um gegen die verhassten Kommunisten vorzugehen); oder weil Faschisten und Sozialisten als „Ränder des politischen Spektrums“ sowieso fast das Gleiche wären -so die Propaganda-Kampagne einer angeblichen „Theorie des politischen Kreises“.

So „liberal“ sind die selbsternannten liberalen Demokratien des kapitalistischen Westblocks denn doch nicht, dass sie eine ausgewogene Bildung, akademische Forschung oder freie Medien zulassen würden, die einer Masse von Menschen die Wahrheit über historisch unangenehme Fakten mitteilen möchten -kleine Randmedien wie das Politblog Telepolis werden spätestens seit 2022 systematisch einem Mainstream angepasst. All das fehlt folglich auch im Bertha-Benz-Buch, aber vielleicht findet der tapfere kleine Riedenburg-Verlag ja eines Tages den Mut, auch dazu einen Band herauszubringen.

Trotz dieser Lücken handelt es sich um ein empfehlenswertes Buch, das auch für den (Grund-) Schulunterricht verwendet werden kann.

Heike Wolter und Julia Christof, Illustrationen von Anika Slawinski: Bertha Benz – Die erste Autofahrerin (Starke Frauen), edition riedenburg, Salzburg 2022, 14,90 Euro,
Umfang: 72 Seiten (20 ganzseitige Farbillustrationen, zahlreiche s/w-Illustrationen)
Format: 15,5 x 22 cm, Paperback, ISBN: 978-3-99082-109-1

Julia Christof ist Lehrerin für Geschichte, Englisch und Ethik.

Anika Slawinski ist Modedesignerin, Schneiderin, Autorin und weitgereiste Mutter von vier Kindern.

Heike Wolter ist Historikerin, Lektorin und Autorin.

*Anmerkung zum Schulbuchwissen deutscher Schüler:innen: Dominieren ideologisch einseitige Historiker?

Beispielsweise das einschlägige deutsche Schulbuch „DUDEN: Abiturwissen Geschichte“, Duden Schulbuchverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2011, informiert die deutschen Schüler nicht über die Kongogräuel, nicht über den brutal gestürzten Präsidenten Lumumba und schon gar nicht über die strikt totgeschwiegenen Massenmorde des Indonesian Genocide 1964/65. Verschwiegen wird selbstverständlich auch die dahinter stehende „Jakarta-Methode“ der CIA, die weltweit sozialistische Regierungen stürzen, sozialistische Bewegungen per Massenmord auslöschen und die westlichen Medien manipulieren soll. Alles nurrr rrrrussische Propaganda? Weit gefehlt! Enthüllt hat dies 2023 der kritische US-Journalist Vincent Bevins in seinem Buch „Die Jakarta-Methode“. Vincent Bevins schreibt für Leitmedien wie die New York Times, die Washington Post, den Guardian und war Korrespondent in Südostasien und Brasilien auch für die Los Angeles Times. Bevins spricht zahlreiche Sprachen und lebte jahrelang in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens.

Im Documenta-Skandal 2022 wurde eine verlogene Hasskampagne gegen indonesische Künstler gestartet, die den Ruf Deutschlands als liberale Demokratie weltweit abbröckeln ließ. Das empörte internationale Echo auf diese Eingriffe in die Kunstfreiheit wurde in deutschen Medien totgeschwiegen (wie auch weiterhin den Indonesian Genocide). Dieser Documenta-Skandal wurde höchstwahrscheinlich nur oder zumindest hauptsächlich inszeniert, um die deutsche (und CIA-) Verwicklung in eines der größten Menschheitsverbrechen weiter zu vertuschen.

Vgl. DUDEN S.224, wo nur viereinhalb -zudem sehr verlogene- Zeilen (!) zur Geschichte des Kongo stehen, die den Sieg der Portugiesen 1665 über das historische Königreich Kongo preisen -und dies als einzigen Eintrag zu diesem weltgeschichtlich bedeutenden und von zahlreichen Menschheitsverbrechen geschundenen Land; der DUDEN weiß nichts von der „Schatzkammer Afrikas“, wie gierige Europäer den Kongo gerne bezeichneten; nichts von einem Kongo, der die westlichen Industrienationen erst mit seinem herausgeschundenen Blut-Kautschuk motorisieren musste, sie dann mit Gold, Diamanten, Zinn noch reicher machte; von einem Kongo, der sogar das Uran für die US-amerikanischen Atombomben lieferte (wohl der Grund dafür, dass die CIA mit den Belgiern Lumumba massakrierte und einen jahrzehntelangen antikommunistischen Bürgerkrieg anzettelte); einem Kongo, der heute der Welt das für Handys nötige Coltan bereitstellen muss. Den Profit stecken andere in die Tasche, die an der Digitalisierung Milliarden verdienen, und die kongolesische Bevölkerung hungert weiter. Unsere Medien, Historiker und Schulbuchverlage schweigen verbissen zu zwei der wichtigsten Ländern der Weltgeschichte: Dem gewaltigen Kongo, der ohne die fortgesetzten Völkermorde, die Westmächte an seinen Einwohnern begingen, heute eine Nation von der Größe Brasiliens oder sogar Indiens sein könnte. Und von der größten muslimischen Nation Indonesien.

Denn „DUDEN Abiturwissen Geschichte“ bzw. das Duden-Autor:innen-Team von elf meist promovierten Historiker:innen, will 2011 auch nichts vom ersten in Indonesien frei gewählten und von Westmächten gestürzten Präsidenten Achmed Sukarno (1901-1970) gewusst haben: Sukarnos bedeutende Rolle bei der (im Band ohnehin sehr lapidar heruntergespielten) Gründung der Blockfreien Staaten wird vom DUDEN verschwiegen.

Ebenso verschwiegen wird der gegen Sukarno von der CIA inszenierte Putsch nebst Völkermord an bis zu 6 Millionen Menschen -bei Wikipedie angeblich nur bis zu drei Millionen. Diese Desinformationen kursieren nur, weil der prowestliche faschistische Diktator Suharto danach alles vertuschte (mit verbissener Hilfe der ach so freien und objektiven westlichen Medien). Und weil Suhartos Anhänger bis heute Indonesien beherrschen: So wurden die Verbrechen von CIA und BND bzw. ihrer faschistisch-islamistisch aufgehetzten einheimischen Helfershelfer unter Führung des grausamen Suharto nie wirklich aufgearbeitet (vgl. das Schweigen des DUDEN dazu, S.464); informiert werden die Schüler dagegen über z.B. Stalins Massenmord an tausenden polnischen Offizieren in Katyn 1939 sowie die Diktatur der „kommunistischen“ Roten Khmer in Kambodscha (S.474).

Bei dem einzigen in unseren Medien wenigstens zuweilen präsenten westlichen Menschheitsverbrechen, dem Vietnamkrieg, bleibt der DUDEN schweigsam, verwirrt die Schüler durch unsystematisch-defragmentierte Darstellung: Eine Vietnamkriegs-Karte auf S.426, aber ohne (!) Erklärungen im Text, der sich dort um Berlinkrise und DDR dreht (und die enge Beziehung der DDR zum sozialistischen Vietnam aber überhaupt nicht erwähnt); eine Erwähnung des französischen Kolonialkriegs auf S.456, und der Niederlage der Franzosen und Amerikaner -dazwischen nichts zu Vietnam außer einem Nebensatz, der eine Niederlage der USA zugibt, ohne freilich ihre Kriegsverbrechen zu erwähnen; dieser Nebensatz lautet, bezogen auf die Niederlage der Sowjets in Afghanistan: „Dies war eine Niederlage der östlichen Führungsmacht, vergleichbar der Niederlage der westlichen Großmacht USA im Vietnamkrieg der Jahre 1964 bis 1975.“ (S.436) Verschweigen, verwirren, defragmentieren: So funktioniert Kriegspropaganda, hier offenbar in einem mindestens bis 2011 von deutschen Historiker:innen weiter gekämpften Kalten Krieg.

Quellen:

Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode. Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt. PapyRossa Verlag (Köln) 2023.

DUDEN: Abiturwissen Geschichte, Duden Schulbuchverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2011.

Thomas Barth: Blinde Flecken in der documenta-Debatte, 21.9.2022, Südostasien-Net

Thomas Barth: Die Jakarta-Methode: Massenmorde unter falscher Flagge, telepolis, 11. März 2023

Thomas Barth: Scobel auf 3sat: Afrika als Schüler und Europa als Lehrmeister, telepolis 30. November 2024

04/23/20

Graphic Novel-Rezension: Transgender Digitalkultur

Hermine Humboldt

Peer Jongeling: „Hattest du eigentlich schon die Operation?“, Berlin 2020.

Als 2016 der Kulturphilosoph Felix Stalder seine „Kultur der Digitalität“ entwarf, begann er seinen Ausflug ins 21.Jahrhundert mit dem Gesangswettbewerb ESC 2014, den die glamouröse Diva mit Bart, Conchita Wurst, souverän gegen alle sexistischen Anfeindungen gewann. Damals galt es ein Zeichen zu setzen für Diversität und das Recht des Individuums, sich selbst zu definieren. Ein Zeichen gegen das immer aggressivere Maulen und Pöbeln der Homophobie-geschüttelten Reaktionäre, der braunen Brüder und Nationalisten mit ihrem Geraune über angeblichen Kulturverfall, Dekadenz und ein drohendes „Gayropa“. Wenn Trump und Putin etwas verbindet -außer dubiosen Immoblien-Deals in Moskau-, dann wohl die Kunst, auf diesen dunklen Ängsten des Mainstreams ihre Propaganda-Tarantella zu spielen. Felix Stalder sieht hier die Wurzel einer Vielfalt feiernden „Kultur der Digitalität“, deren Netzmedien und Digitalkultur der Diversität nur technologisch zum Durchbruch verhalfen.

Was ist aber mit unserer Conchita und allen anderen Queer- und Trans-Menschen? Heteronormalos genießen die Kulturvielfalt auf Sofa, Smartphone usw., selbst im träge-konservativen ZDF-Krimi tummeln sich inzwischen einige homosexuelle, farbige oder sonst nicht „Normale“ in der hölzernen Handlung. Aber bis das ESC-Spektakel wirklich in der zwischenmenschlichen Alltagskultur Schule macht, ist noch ein langer Weg. Peer Jongeling geht ihn und widmet dem heißen Thema ein sozialkritisches Comic, umschifft dabei heikle Fallgruben. Es geht um Erotik und Körperlichkeit, doch die tonnenförmig an Pinguine erinnernden Figuren lassen auch bei Sexszenen kaum voyeuristische Blickweisen aufkommen. Und karikaturhaft-humoristische Pointen lockern die ernste Story auf.

Ein Himmel voller Gender-Sternchen

Immer noch regen sich manche KritikerInnen über Schreiber*innen auf, die diese oder jene Gender-Schreibweise bevorzugen, derweil haben reale Transgender ernstere Probleme: Anfeindungen, Diskriminierung, Outing, Kleiderkauf, Namensänderung bis hin zur Frage nach der operativen Geschlechtsumwandlung. „Ari, Lilly, Paul und Ray erzählen aus ihrem Leben als Transgender“, erklärt das grellrote Backcover, verziert mit blaugrün-floralen Ornamenten, aus denen sich menschliche Arme schlängeln. Autorin Peer Jongeling tritt einleitend selbst auf:

„Hallo ich bin Peer! In diesem Heft habe ich mehrere Kurzgeschichten zum Thema Transidentität zusammengefasst. Sie basieren auf wahren Gegebenheiten und verarbeiten sowohl Erfahrungen von Trans-Personen als auch persönliche Erlebnisse. Die Protagonisten sind frei erfunden und stellen keine echten Personen dar. Ebenso sind sie individuelle Charaktere und keine verallgemeinernde Repräsentation von transidenten Menschen. Tschüss und viel Spass.“

Die Story beginnt lehrbuchartig: „Mein Name ist Paul. Auf diesen Seiten werden ein paar wichtige Begriffe erklärt,“ verkündet eine der Hauptpersonen für die erste von zwei Doppelseiten mit Erklärungs-Sprechblasen, die aus quasi vom Einband her herüber wuchernden Pflanzen sprießen. Von „Transgender, Trans, Transident: Personen, die sich mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren können.“ über „Misgendern: Als ein Geschlecht adressiert werden, welches nicht der Identität entspricht.“ und „Dysphorie: Das Unwohlsein mit dem eigenen Körper. Für Trans-Personen oft auf Geschlechtsmerkmale bezogen.“ bis zu „Passing: Trans-Menschen, die aussehen ‚wie‘ ihr angestrebtes Geschlecht. Kritisierter Begriff, da impliziert wird, dass sie nur so aussehen.“ So werden neun Genderbegriffe erklärt.

Dann geht es los -mit dem tränenreichen Outing: „Mama ich bin keine Frau und ich möchte ab jetzt als Mann leben. Ich bin Transgender.“ „Was ist denn Transgender?“ Beim folgenden „Shopping mit Lilly“ geht’s um den Kleiderkauf, wo neben unpassenden Größen auch andere KundInnen nerven: „Mama, was ist das da?“ – „Ich bin kein ‚Dasda‘, ich bin eine Frau.“ „Und wieso ist deine Stimme so tief?“ – „Das geht dich nichts an!“ Beim Bezahlen nörgelt der Kassierer über die Kreditkarte: „Da steht ein Männername drauf, Sie können nur mit ihrer eigenen Karte zahlen.“

Noch unangenehmer wird es für den männlichen Trans-Menschen bei der gynökologischen Untersuchung seiner zu Identität und Aussehen (noch?) nicht passenden Unterleibsorgane. Nicht viel einfacher ist die amtliche Vornamens- und Personenstandsänderung, bei der eine psychologische Begutachtung mit sehr intimen Fragen ansteht: „Und wie oft masturbieren Sie im Monat?“ Harmloser ist das Trans-Bettgeflüster und die Besuche von Party oder Fitness-Club. Ein pädagogisch wertvoller Einblick in die Mensch*innen hinter dem Gender-Sternchen, der z.B. die Frage aufwirft, ob die standardmäßig gestellte Frage nach dem Geschlecht seitens Behörden, Arbeitgebern, Firmen usw. noch zeitgemäß ist. Nach unserer „Rasse“ fragt uns schließlich auch keiner mehr (hoffentlich bleibt das auch so). Die Kultur der Digitalität braucht Diversität und Hybridisierung, die zuletzt auch unsere Körper erfasst. Vorsicht und Rücksicht sind dabei die wichtigsten Forderungen -und keineswegs mehr betrifft dies eine ferne Utopie.

Peer Jongeling: „Hattest du eigentlich schon die Operation?“, Berlin: Jaja-Verlag 2020, 40 S., 11,00 Euro, https://www.jajaverlag.com/autoren/peer-jongeling/

www.peerjongeling.de

03/23/20

Graphic Novel-Rezension: Gen Z Subjekt Bewusstseinsstrom

Hermine Humboldt

Paulina Stulin: Bei mir zu Hause, Berlin 2020

Der Einband zeigt aus der Perspektive einer Taube das Dach des im Titel genannten Hauses. Des Daches, unter dem die Comicautorin lebt. Sie selbst sitzt mit einer Kaffeetasse im offenen Klappfenster und lässt ihren Geist die heutige Subjektivität erkunden -in den Bildern einer Graphic Novel, die ein Graphic Diary ist.

Der Ziegelstein von Comic-Book liegt 615 Seiten schwer in der Hand wie ein Lexikon. Oder wie der Ulysses von James Joyce. Dessen Erzählweise im Bewusstseinsstrom eifert das grafische Tagebuch von Paulina Stulin teilweise nach. Für eine Künstlerin ist es jedoch ein realistisch-bodenständiges Bewusstsein, das da in Bildern auf die Leserin einströmt. Oder ist das nur wieder eines der uns allen andressierten Klischees, gegen die Paulina tapfer ankämpft? Die verträumte Fantastin mit der Feder der Muse? Welcher Muse? Wohl weniger Thalia (Komödie) als Kalliope (Epos), am ehesten vielleicht doch Melpomene (Tragödie). Es geht weniger um Träume als um gelebte Politik der streitbaren Frau, um Rassismus, Kapitalismus und die sexistische Zurichtung von Frauen, um dümmliche Zeitgenossen, AfD-Propagandisten, auch den Kampf gegen die eigene Bequemlichkeit als relativ privilegierte Bohemienne, einen Kampf mit den Verlockungen fetter Speisen und schlanker Jünglinge. Dabei schont sich die Autorin nicht, es ist keine Chronik verlogener Selfies, die eitel Sonnenschein vorspiegeln sollen.

Augen Blicke Perspektiven

Der Einband zeigt, vielleicht aus der Perspektive einer auf einem Erker hockenden Taube, das Dach des im Titel genannten Hauses, des Hauses, unter dem die Comicautorin lebt. Sie selbst sitzt in schwarzer Jeans und gleichfarbigem Trägerhemd mit der Kaffeetasse im offenen Klappfenster. Weniger verträumt als energisch schaut sie über die mit vier- bis fünfstöckigen Mietshäusern bebaute Straße hinweg in einen hellblauen Himmel, den ein kleiner Möwenschwarm bevölkert. Das dachziegelrote Backcover beantwortet die selbst gestellte Frage: „Wie fühlt es sich an, in den späten Zehnerjahren des 21.Jahrhunderts auf der Welt zu sein? Auf diese Frage gibt es 7 Milliarden Antworten. Eine davon ist dieses Comic.

Lässt frau unter einigem Kraftaufwand die gut 600 Seiten als Daumenkino noch einmal passieren, überwiegen Schwarz und dunkle gedeckte Farben, unterbrochen von hellen Passagen mit viel nackter Haut und einigen rot-orangenen Einsprengseln von Lagerfeuerromantik, Party oder Drogenrausch. Obwohl mich anfangs die Normalität, um nicht zu sagen Banalität der Ereignisse leicht irritierte, hat mich die Story schnell gepackt, ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Das erste Bild zeigt das schöne braune Auge der Künstlerin, einen weiblichen Blick, sehr offen, vielleicht staunend, vielleicht nachdenklich. Frau blättert um und sieht, was sie sieht: Eine Taube auf einem Mauervorsprung durch das Dachfenster ihrer Studentinnenbude. Darunter: Ihr Gesicht ab Nase abwärts, eine Zigarette in sexy geschwungenen Lippen wird entzündet. Nächste Seite: Ihr Blick auf den Rauch der zur Zimmerdecke strömt. Ihr Finger schnippt Glut in den Aschenbecher. Dann ihre Augen, diesmal als Augenpaar, mit müdem Blick, desillusioniert.

Nächste Seite: Die Rauchende sitzt auf dem Bett, jetzt trauriger, fast verzweifelter Blick. Sie zieht. Rauch steigt auf. Nächste Seite: Ein Bärtiger, ebenfalls traurig rauchend. Acht schweigende Seiten, wir ahnen dass die beiden Gegenübersitzenden Probleme haben. Er spricht zuerst: „Komisch, ich hätte nicht gedacht, dass es so abgeklärt mit uns zu Ende geht.“ Aha. Wir sind in einer Trennungsszene. Die zieht sich über acht Seiten, mit einigen Sprechblasen voller Vorwürfe, aber es bleibt bei einer Vernunfttrennung. Dann vier Seiten sie allein beim schmollen, Musikhören, putzen, Joga, am Computer. Dann 17 Seiten schwarzer Tönung: Sie trifft ihn abends wieder beim Imbiss, diesmal wird der Streit lauter, endet in gemeinsamem Schweigen. Nächster Morgen: Sonnenaufgang über den Dächern von Darmstadt, sieben Seiten Stadtlandschaft, dann sind wir beim Titelbild des Bandes, etwas verschobener Bildausschnitt, und verstehen nun den entschlossenen Blick der Kaffeetrinkerin: Es muss sich etwas ändern. Aber erst wird Bilanz gezogen: „Dreizehn Jahre wohne ich nun schon hier. Meine Höhle in der Höhe. Mein Elfenbeinturm. Hier ist der sicherste Ort der Welt.“ Von dem aus sich Paulina ins Leben stürzt.

Politik Argumente Schwächen

Die Bilder entfalten Sogwirkung. Sie trifft Freunde, schleppt sich Lover ab, nimmt Drogen, OP nach Fahrradunfall, Urlaub in Spanien mit Exibitionist am Strand und Magic Mushrooms, heiße Diskussionen auf Parties, bei denen sie mit ihren Ansichten aneckt, als „Linksradikale“ angebrüllt wird. Bei solchen Partie-Polit-Diskussionen offenbart Paulina Stulin leider argumentative Schwächen, die wohl zeigen, dass sie sich -obwohl erklärte Linke- sich nicht wirklich aus linken Medien informiert. Was sie vorbringt ist ein durch linke Sichtweise gefilterter Mainstream, der dort gegen einen rechtsgefilterten Mainstream steht: Es entsteht eine inhaltlich flache Debatte adressatlosen Moralisierens, die als Minimalkonsens nur die Gefahr des Neofaschismus kennt. Kritik an westlichen Herrschenden, ob politische oder ökonomische Machteliten, wird dadurch wie in orwellscher Big-Brother-Hirnwäsche unmöglich gemacht. Ein Dialog der Protagonistin mit einem Party-Normalo:

„Pauli, du willst mit doch jetzt nicht erzählen, dass du ernsthaft glaubst, dass wir ganz Syrien nach Deutschland holen können!“ „Was willst du sonst machen, wenn Menschen versuchen, die Grenzen zu passieren? Sie abknallen?“ „Ich will gar nichts!“ (Der Typ schreit mit wutverzerrtem Gesicht.) „Also ja?“ (Paulina guckt erst mit offenem Mund, fängt dann an zu weinen.) „“Na sehr schön, jetzt leg noch ein paar Tränen drauf, um mir reinzudrücken, wie fies und gemein ich bin… Du geilst dich doch grad nur an deiner eigenen Betroffenheit auf, sonst nichts!“ (Andere Partygäste intervenieren, man fühlt sich im Vergnügen unangenehm belästigt.) „Ey, ihr beiden, macht euch mal locker!“ Paulina verlässt die Party, geht einsam und frustriert nach Hause (S.447-58).

Paulina hat leider das Scheinargument „Wir können doch nicht alle ins Land lassen“ nicht als solches erkannt: Aus „wir können nicht alle“ folgt nicht logisch, dass wir die ein oder zwei Millionen, die jetzt noch kommen könnten, draußen lassen müssen. Aus: „Du kannst ja nicht die ganze Luft in diesem Raum einatmen“ folgt schließlich auch nicht, dass du jetzt ersticken musst. Außerdem: Diese zwei Millionen könnten wir relativ leicht aufnehmen und integrieren -eine linke Umverteilungspolitik nebst Reichen- und Erbschaftssteuern und neu geschaffenen Arbeitsplätzen vorausgesetzt. Auch so etwas zu fordern fällt Paulina nicht ein -trotzdem wird sie vom „Party-Normalo“ als „linksradikale“ Ideologin angepöbelt.

Auf die Frage nach den Fluchtursachen besagter Syrer kommt Paulina auch nicht, also auf die von Westmachthabern, -Geheimdiensten, -Konzernen überall angezettelten Kriege, Bürgerkriege und Wirtschaftskriege -wie etwa in Irak, Venezuela, hier: Syrien, wo die ersten Unruhen gegen Assad von Außen gesteuert waren. Es waren nur in unseren Leitmedien ein paar Jugendliche allein, die Assad mit Graffiti ärgerten, verschwiegen werden immer wieder gewaltsame Terrorakte gegen Polizisten, die Gegengewalt provozieren sollten. Warum? Um den Nato-Staaten einen Kriegsgrund zu liefern, um die Abramowitz-Doktrin der USA umzusetzen, eine Hauptaufgabe der CIA. Nachlesbar wäre das in Medienkritik an unserem Mainstream, in der Enthüllung seiner Propaganda (z.B.MH17), in Geschichtsbüchern nicht westregime-treuer Historiker wie Daniele Ganser.

Aber all das wird täglich totgeschwiegen eben vom Medien-Mainstream, den Paulina überwiegend zu konsumieren scheint -also hat sie z.B. auch ökonomisches Unrecht oder  WikiLeaks und Julian Assange  eher nicht auf ihrem Schirm… Bücherlesen gehört laut ihrem Graphic Diary leider eher nicht zu ihren Aktivitäten und linke Politblogs wohl auch eher nicht -die Mainstream-Medien-Hypnose, von der Nobelpreisträger Harold Pinter in seiner Nobelspeech sprach, wirkt eben auch auf viele Menschen, die mit dem Herzen links stehen. Sie werden desinformiert, verwirrt und von wirksamer Politik nachhaltig abgelenkt. Darum sind die Machtverhältnisse bei uns so, wie sie sind.

Da bleibt Paulina mangels Argumenten oft nur der Gefühlsausbruch, aber oft auch die herzerfrischende Aktion: Auf der Straße, es ist wohl gerade Wahlkampfzeit, greift sich Paulina am AfD-Stand alle Broschüren und rennt weg, sie fetzt AfD-Aufkleber von Laternenmasten. Sie brüskiert auch bourgeoise Bürgerinitiativler, die Unterschriften für eine Umgehungsstraße sammeln, reißt ihnen die Liste mit schon gesammelten Namen weg und zerfetzt sie: Umgehungsstraßen produzieren nur neuen Autoverkehr! Baut lieber Verkehrsberuhigungen und fördert den ÖPNV!

Großstädtischer Alltag, mit Arbeit, Leute treffen, Einsamkeit, Fressorgien, gefolgt von Diät und Abspecken, Demos für Solidarität mit Flüchtlingen und gegen die Klimaverbrechen unserer Zeit. Ein ganz normales Leben eben. In einem empfehlenswerten Comic.

Paulina Stulin: Bei mir zu Hause, Berlin: Jaja-Verlag 2020, 615 S., 35,00 Euro