05/28/26

Graphic Novel: Brave New World

Comic-Rezension von Thomas Barth

Der Unterschied zwischen den sozialistischen Utopien und den kapitalistischen Utopien ist der, dass die kapitalistischen Utopien realisiert sind.“ Michel Foucault

Der Knesebeck-Comicverlag hat uns 2022 mit der dankenswert schnellen deutschen Übersetzung der Graphic-Novel-Fassung von Aldous Huxleys „Brave New World“ (1932) einen bedeutenden neuen Zugang zu diesem Klassiker der Dystopie eröffnet (der sich, weil vergriffen, auf der Knesebeck-Website aktuell nicht mehr findet -siehe aber die Autorendarstellung des Comic-Schöpfers Fred Fordham, der 90 Jahre nach Fertigstellung von Huxleys Roman die von ihm adaptierte und illustrierte Version in den USA publizierte). Damit liegt auch bei der Klassiker-Publikation hier ein Beispiel für die aktuell die SF-Graphic Novel dominierende Dystopie vor.

Das Titelbild der Graphic-Novel zeigt in fröhlichen Farben eine klassisch-utopische Stadtlandschaft mit hypermodernen Hochäusern, dazwischen Hologramme, die für Sex und die Droge Soma werben sowie den SF-typischen Fluggeräten. Das christliche Kreuz, in den Himmel projiziert, wird mit Pfeilen zum T mutiert dargestellt. Der Ford-T, das erste massenhaft hergestellte Automobil, galt Huxley offenbar als Symbol des Fortschritts an sich, der in seiner Dystopie zur Religion erhoben wird. Das erste Comicbild der Adaptation von Fred Fordham zeigt den später als „Wilder“ auftretenden Protagonisten von hinten als Ansicht seiner nackten Schultern vor blauem Himmel; manche werden hier vielleicht eine visuelle Anspielung auf das libertär-faschistoide „Atlas Shrugged“ von Ayn Rand hineindeuten wollen, die von Transhumanisten wie dem Palantir-Boss und Trumpfan Peter Thiel bejubelt wird -in einem bezahlpflichtigen Philosophie-Portal, das Heidegger für technikkritisch hält, wohl eine Verwechslung mit dessen Widersacher Günther Anders.

Es wechseln sich einige Seiten lang Bilder des einsam nackt in heroischer Pose auf einem Felsen stehenden Wilden und brav-konformistischen Brave-New-World-Menschen ab; letztere werden als shoppende Konsumenten, in Sexorgien, Drogenschluckende oder als (Fühl-) Kinopublikum in teils grell-orgiastischen Farben gezeigt. Dann erst beginnt die von Huxley überlieferte Story in nüchtern eher grau gehaltenen Bildern mit einer Führung durch das mit einem rosa T gekrönten Gebäude „Brutstätte und Konditionierungszentrum London“. In Grautönen gehalten folgt das Comic dem ideologischen Vortrag für die Besucher, aber in origiastischem Rosarot werden Bilder von der Embryonen- und Konditionierungsräume eingefügt: „Hier unten konditionieren wir sie, das zu werden, wozu sie prädestiniert sind.“ Sexualität und technologische Fortpflanzung werden so visuell als zusammengehörig markiert -heute würde man dies mit Michel Foucault als Bereich der Biopolitik bezeichnen. Fordhams Adaptation bleibt eng bei der klassischen Vorlage und weiß sie in überzeugende Bilder zu fassen.

Schöne Neue Welt: Kapitalismus?

Eine Zuordnung der Dystopie ist nicht so einfach wie bei Orwells „1984“, wo eine herrschende Einheitspartei den Big-Brother-Staat recht deutlich mit der stalinistischen UdSSR identifiziernar macht. Bei Huxley herrscht offenbar eine technokratische Elite, wie sie als Ideal der US-Demokratie von Ideologen wie Walter Lippmann angestrebt wurde. Auch Lippmann setzte auf Konditionierung der Massen, jedoch durch traditionellere Propaganda, die eine Elitenherrschaft und die Eigentumsverhältnisse stabilisieren sollte. Bei Huxley bleibt undeutlich, wem der totalitäre Staat und seine Fabriken gehören, aber die Konsumgesellschaft der Dystopie ähnelt eher den kapitalistischen USA als der sowjetischen Mangelwirtschaft. Damit ist sie auch eine Parodie auf die, wie Foucault meinte, (im Gegensatz zu kommunistischen Utopien) tendenziell verwirklichte kapitalistische Utopie einer Konsumgesellschaft. Dass dabei Menschen- und Bürgerrechte unter den Tisch fallen, erscheint nur denen als Widerspruch, die unhinterfragt die Propaganda-Parole von den „liberalen Marktdemokratien“ glauben möchten.

Tatsächlich ist Demokratie für Marktliberale nicht nur verzichtbar, sondern gilt als gefährlich: Wenn die Mehrheit mitbestimmt, könnte sie ja von der reichen Minderheit verlangen faire Steuern zu zahlen, die sozialen und ökologischen Schäden (die sie beim Anhäufen ihres Reichtums anrichten) finanziell zu verantworten und die Macht im Staat nicht durch Lobby und Schmiergelder zu korrumpieren. Die neoliberalen Chicago Boys fühlten sich im faschistischen Chile bekanntlich besonders wohl, als sie für den von der CIA eingesetzten Diktator Pinochet ein Paradies für die Reichen und US-Konzerne errichteten -unter den Folgen leidet das Land noch heute.

Huxleys Roman, erschienen 1932, zeichnet die Gesellschaft eines totalitären “Weltstaates”, der sich nicht primär durch Terror, sondern durch genetische bzw. perinatale Manipulation, psychologische Konditionierung und hemmungslosen Drogenkonsum stabilisiert. Der „Gesellschaftsvertrag“, den der Einzelne bei Geburt unfreiwillig mit diesem Staat schließen muss, beinhaltet den Verlust von: Individualität, Leidenschaft, tiefer emotionaler Bindung und intellektueller Freiheit. Dies jedoch im Austausch gegen bedingungslose Stabilität, schmerzloses Glück und volle sexuelle Befriedigung. Auch der Leitspruch des Weltstaats – “Gemeinschaft, Identität, Stabilität” – ist Teil der Gehirnwäsche, der seine Bewohner unterzogen werden. Diese erleben in Wahrheit den gefühllosen Konformismus einer Massenkultur statt Gemeinschaft; ihre Identität wird dabei in jeder denkbaren Weise zerstört und manipuliert, damit sie widerstandslos in der totalitären Stabilität einer technokratischen Diktatur leben „wollen“.

Huxleys Titel bezieht sich auf Shakespeares Drama Der Sturm: „O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!“ (5. Akt, Vers 181–183)

Eine Triade der Kontrolle: Biopolitik, (Drogen-) Konsum, Psychologie

Huxley systematisiert die Machtausübung des Weltstaates in drei sich ergänzenden Technologien: Drogen, Psychologie und Biotechnologie. Drogen: Das allgegenwärtige „Soma“ dient als universelles Konflikt- und Schmerzmittel. Es ermöglicht einen jederzeit verfügbaren Rückzug in eine artifizielle Glückseligkeit – eine “Urlaubsfeier vom Leben”, wie Huxley es nennt. Soma ist das Ventil, das Unzufriedenheit, Depression oder Rebellion chemisch neutralisiert. Unser heutiger hoher Konsum von Psychopharmaka, meist auf ärztliche Verordnung auf Krankenkassenkosten, erfüllt ähnliche, wenn auch weniger orgiastische Funktionen.

Konditionierung und Hypnopädie (Schlafunterricht): Kinder werden mit Elektroschocks gegen die Liebe zur Natur und gegen die Lektüre von Büchern konditioniert. Während des Schlafs werden zudem moralische und soziale Normen ins Unterbewusstsein der Individuen implantiert. Slogans wie “Jeder gehört jedem” für sexuelle Freizügigkeit werden zu nicht hinterfragbaren, quasi-instinktiven Wahrheiten. Dies ist eine Form der totalen Erziehung, die kritisches Denken im Keim ersticken und in Abhängigkeit von der Konsumkultur führen soll. Heutige Psychotherapien sind nach Freud auf die Wiederherstellung von „Liebes- und Arbeitsfähigkeit“ ausgerichtet, wobei meist der Schwerpunkt auf letzterem liegt und insgesamt eine konformistische Tendenz vorliegt. Dazu kommen Medien und Unternehmens-PR, think tanks, Lobby, die ebenfalls eine konformistische Konsumenten-Gesellschaft zum Ziel haben, nicht den kritischen Menschen. Die kapitalistische Dystopie von Huxley kann hier also als tendenziell verwirklicht gelten -wie Foucault beklagte.

Biotechnologische Reproduktion: Die menschliche Fortpflanzung ist vollständig entsexualisiert und in die “Brut- und Normzentrale” verlagert. Die Produktion standardisierter Menschen in streng hierarchisierten Kasten (Alphas bis Epsilons) dient der funktionalen Differenzierung der Arbeitskraft. Der Einzelne wird nicht geboren, sondern hergestellt – seine Existenz steht von Beginn an unter dem Joch der Zweckrationalität für eine Sklavenhalterkultur. Die Epsilons werden dafür im (künstlichen) Mutterleib so vergiftet, dass ihr Gehirn nur für niedere Dienste ausreicht, die Elite der Alphas nimmt für sich allein volle menschliche Vernunft in Anspruch. Dies lässt sich als Parodie einer elitistischen Ideologie lesen, die den Herrschenden herausragende Fähigkeiten zuschreiben möchte -und dies teilweise verwirklicht, indem sie den ihr Unterworfenen Bildung, Nahrung und medizinische Versorgung vorenthält.

Ein Transhumanismus, der eine biologisch überlegene Herrscher-Menschenrasse züchten möchte wird hier in Negativ-Form vorweg genommen: Die Machtelite macht sich erst zu einer (vorgeblichen) Elite, indem sie alle anderen Menschen durch Manipulation verkrüppelt, degradiert und entmenscht. Wenn reiche Gesellschaften (wie unsere) den ökonomisch Benachteiligten zunehmend Wohnraum, Bildung und Gesundheit vorenthalten, sind wir leider auf dem Weg dorthin.

John, der Wilde, als tragische Gegenfigur

Dramatik gewinnt die Geschichte durch die Konfrontation des “Wilden” John – aufgewachsen im primitiven Indianerreservat – mit der “zivilisierten” Welt Londons. John ist die romantische Projektion eines “edlen Wilden”, dieser ist in Huxleys Dystopie jedoch ein von Shakespeare-Lektüre geprägter Intellektueller. Er entpuppt sich als Kind einer schwangeren Frau des Weltstaates, die bei voyeuristischem Tourismus in das Armutsreservat einst gestrandet zurückblieb. Sie wird ebenfalls aus dem Reservat befreit und verfällt alsbald der Soma-Drogensucht. John Savage dagegen kann oder will sich nicht in die Konsumkultur integrieren. Er lebt unbeirrt nach von Shakespeare tradierten Werten (insbesondere aus Der Sturm und Othello); dies gibt ihm ein Denken und ein Vokabular für Leidenschaft, Schicksal, Tragödie und individuelle Autonomie, das im Weltstaat jedoch völlig obsolet geworden ist. Besonders die geforderte „freie Liebe“ will nicht zu seinen Vorstellungen von Romantik passen und die erotisch fordernden Frauen reizen ihn zur Aggression. Hier zeigt sich das Verhaftetsein des jungen Huxley mit den hetero-normopathischen Rollenmustern seiner Zeit -die er später überwinden sollte (siehe unten).

Der zentrale Konflikt entfaltet sich mithin zwischen zwei inkompatiblen anthropologischen Modellen: Der Weltstaat-Massenmensch ist ein zum Konformismus konditioniertes, stabiles, oberflächlich glückliches Wesen ohne tiefe Bindungen und existenzielle Ängste. Der Shakespearesche Mensch (John Savage) ist ein Wesen, das das Bedürfnis nach authentischer Erfahrung, nach Schmerz, nach Liebe (statt ungehemmter Sexualität), nach Familie und nach einem Sinn jenseits des Hedonismus hat – und das bereit ist, für diese Werte zu leiden.

Johns tragische Eskalation – seine Askese, seine Selbstgeißelung, sein finaler Suizid sind Konsequenzen dieses Konflikts. Huxley wendet sich damit gegen Konsumismus als Sinnersatz, wie er in der anlaufenden Industriegesellschaft zu beobachten war, aber auch gegen eine Auflösung dessen, was der zunächst sozialistische Psychoanalytiker Wilhelm Reich damals als „sexuelle Zwangsmoral“ kritisierte. Im Hintergrund der Dystopie können wir also eine Retrotopie erahnen, eine Sehnsucht nach dem verlorenen „Goldenen Zeitalter“. Seine durchaus sozialistische Utopie schrieb Aldous Huxley 40 Jahre später mit seinem Roman „Eiland“ kurz vor seinem Tod. In der Reife des Alters war es ihm gelungen, die rigiden bourgeoisen Sexual- und Geschlechternormen abzulegen und eine Lebensphilosophie zu entwickeln, die über die aus Shakespeare gewonnene (aus heutiger Sicht: hetero-normopathische) Romantik in Liebesdingen hinaus geht.

Fred Fordham, Schöne Neue Welt nach Aldous Huxley, (2022) dt. Knesebeck (übersetzt von A.K.Lindemann), München 2022 (derzeit vergriffen)-

Das Eingangszitat von Michel Foucault stammt aus: Schriften, hg. v. D.Defert u. F.Ewald, Bd. 2, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002, S. 568, z.n. Martin Doll: Mediale Gegenwelten. Technologien der Emanzipation im 19. Jahrhundert, transcript Verlag, Bielefeld 2024, S.7.

Aldous Huxley, Brave New World, (1932) Penguin Modern Classics, Reprint 1967 (England/Australia).

Aldous Huxley, Eiland, (1962) dt. Neuausgabe Piper, München 1984.

05/2/26

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is…

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is… 14 Comics über die Zukunft, Carlsen Verlag,Hamburg 2024, 128 Seiten, 25,00 Euro.

Rezension von Thomas Barth

Angststörungen, Einsamkeit und Depressionen breiten sich gerade unter jungen Menschen epidemisch aus, ein oft genannter Grund dafür ist Zukunftsangst. Die sogenannte “Multikrise” aus Klima, Kriegen, Ökozid, Sozialabbau, Energie usw. verdunkelt die Lebensperspektive stärker als bei früheren Generationen. Die sich auftürmenden Zukunftsprobleme müssen nicht nur politisch und ökonomisch bewältigt werden, sondern auch kulturell und pädagogisch -das SF-Genre bietet sich dafür an. Die hierzulande allzu lange verfemte Graphic Novel, auf Deutsch etwas abschätzig meist “Comic” genannt, ist inzwischen sogar als Thema von akademischen Doktorarbeiten präsentabel. Sie bietet einen auch visuellen Zugang zu neuen Perspektiven. Im Schulunterricht werden Comic und SF-Genre gerne genutzt, als Inspiration für Gedankenexperimente, Projektionsraum für Zukunftsängste und -hoffnungen und als sozialpolitischer Gegenwartskommentar, vielleicht sogar als Anregung zur philosophischen Reflexion über die Bedingungen des Menschseins. Das vorliegende Buch wirft entsprechende Fragen auf: Können wir der Klimakrise Paroli bieten? Wie geht es weiter mit Genderkritik, Massenverarmung durch neoliberale Ökonomie, neuen Technologien? Wird künftig KI über unser Leben bestimmen? Wie würden außerirdische Aliens uns sehen?

Inhalt

Die 14 Kurzcomic-Geschichten von je acht Seiten sind thematisch in vier Oberkapitel gegliedert: 1.Technorama, 2.Schöne Neue Welt?!, 3.Leben lassen, 4. Ich und Du. Im vorangestellten Editorial pocht Lilian Pithan darauf, dass Comics nicht mehr als “Männerdomäne” angesehen werden können. Die vorgelegten Szenarien würden unserer Welt den Spiegel vorhalten und Perspektiven auf die Zukunft nicht nur im Wort, sondern eben auch im Bild erkunden. Den Abschluss machen 15 Künstlerinnen-Biographien der Beiträgerinnen und der Herausgeberin.

1.Technorama: “Leben, spielen, arbeiten”, alles bestimme die Technologie, sie erleichtere vieles, sei aber auch Ursprung neuer Probleme; je mehr wir den Maschinen überließen, desto größer würde jedoch unsere Angst vor ihnen; kann KI uns helfen oder wird sie uns beherrschen? So lautet hier der den Oberkapiteln jeweils vorangestellte Einführungstext. Der erste Beitrag “Die beste aller Welten” kommt von Bea Davies und entführt uns nach Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Doch die Rahmenhandlung macht klar, dass es nicht das reale Kinshasa mit seinen 16 Millionen Einwohnern sein könne. Die Protagonistin Ether ist eine junge schwarze Frau in einem roten Overall (die auch das Cover des Bandes ziert). Sie kommt auf einer blühenden Wiese zu sich, mit Blick auf einen großen Fluss, vermutlich den Kongo, wie wir durch die Lokalisierung ihres Standorts als Kinshasa erfahren -doch statt einer apokalyptischen 16-Millionenstadt findet sie ein Paradies. Aus dem Off erhält sie Anweisungen einer KI, die bezeugen, dass es sich um eine von vielen simulierten künftigen Welten handelt, die Ether erkunden soll. Sie folgt einer schmalen Rauchfahne zu einer Behausung, einem ausgehöhlten Hügel mit runden Fenstern, wo ein altes afrikanisches Paar sie freundlich willkommen heißt. Die sehr bunten, naturalistischen Zeichnungen zeigen Motive afrikanischer Kunst. Die KI fordert Ether auf, sich nach der Geschichte zu erkundigen, die diese Weltsimulation durchlebt hat und Ether meldet, dass dort nach einem Atomkrieg die dezimierte Menschheit eine friedliche neue Welt aufbauen konnte. Aber nun eine überraschende Wendung: Ether verweigert die Rückkehr zur befehlshabenden KI, deren “Mal-ware-Analyse” sie nicht abwarten möchte. Ist hier die Flucht in die Simulation einer positiven Utopie gelungen?

Der zweite Beitrag von Mia Oberländer “Gute Reise” ist eher karikaturhaft gezeichnet und zeigt eine ausgebeutete Assistentin, die per Teleporter reisen und Dinge erledigen muss –wobei sie vorzeitig altert, durch die Technologie oder durch den Stress der neoliberalen Dienstbotenkultur? Maren Amini zeichnet beim dritten Comicstrip im Knollnasen-Stil eine alptraum geplagte Mutter, die mit der KI hadert. Bei Aisha Franz geht es im letzten Beitrag um das Aussaugen von kreativen Köpfen in einer futuristischen PR-Industrie.

2.Schöne Neue Welt?! bringt in drei Beiträgen Dystopien zu Klima, Öko- und Umweltkrisen: 1.Von Quallen überschwemmte Ozeane, 2.das verseuchte Berlin wird von ausgebeuteten Menschen in Schutzanzügen bewohnt, aber in 3.Melanie Garanin “Futur II. Alles wird besser geworden sein” reiten die Menschen –fast schon kindgerecht gezeichnet- fröhlich auf riesengroßen Seepferdchen unter Wasser. Dies erinnert an den utopischen Sozialisten und anno 1968 als Vordenker der freien Liebe wiederentdeckten Charles Fourier (1772-1837), der 1829 „Ozeane aus Himbeerlimonade“ prophezeite, durch welche die Menschen auf gezähmten Walen reiten würden -in seinem Werk „Die neue industrielle und sozietäre Welt, oder die Erfindung eines anziehenden und natürlichen Industrieverfahrens, das die Arbeit in leidenschaftliche Serien aufteilt„.

3.Leben lassen, entfaltet das Motto: “Die Evolution aller Lebensformen schreitet voran” mit Maschinen, Cyborgs, Aliens und fragt: Woher wissen wir, wer die sind? 1.Zur Energiegewinnung mutierte Hunde werden befreit, 2.quallenhafte Menschen (?) suchen Apotheke & Notschönheitsdienste für Seelenimplantate auf, 3.im Schulunterricht wird Kommunikation mit Aliens geübt. Donna Haraway würde als posthumanistische Cyborg- und Hundeliebhaberin ihre Freude daran haben: Aus der Ko-Evolution von Menschen und Hunden gewinnt sie ihr Konzept der Gefährt*innenspezies (Companion Species) und die Sichtweise, dass Entitäten welcher Art auch immer erst aus Beziehungen hervorgehen -eine These, die auch für das nächste Kapitel das Motto sein könnte.

4. Ich und Du, beginnt mit der Feststellung “Die großen Fragen bleiben die Gleichen, oder?” und erkundet Gedanken und Gefühle, denn in der Zukunft scheine alles möglich, also auch ein neues Miteinander. 1.Zusammen die Welt beherrschende Katzen und Hasen, 2.in einem Naturreservat werden schöne Schmetterlinge gezüchtet, 3.in einer Selbsthilfegruppe kursieren Meta-Pills, die den Körper absurd verändern können (Peer Jongelin trat schon mit einem Aufklärungscomic zu Transgender hervor) und 4. eine Glaskuppel in der verseuchten, toten Welt, aber dort leben Menschen Liebe und Familie bis hin zum den Band abschließenden Dialog: “-ich vermisse das Wetter. –ja? ich puste dir ins gesicht.”

14 Comiczeichnerinnen erzählen, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen: Leben wir in der Zukunft mit Aliens zusammen? Wird KI uns die beste aller Welten erschaffen? Oder können wir der Klimakrise sowieso nicht mehr entrinnen? Fantasievoll und facettenreich spinnen die Kurzcomics aktuelle Debatten um Klima, Gender und Technologie weiter und berichten von schönen, schrecklichen und überraschenden neuen Welten. Dabei wagt die Anthologie auch einen Blick in die Zukunft des Comics und gibt einen Überblick über die künstlerischen und erzählerischen Positionen, die die deutsche Comicszene so besonders machen.“ (Verlagstext Carlsen)

Diskussion

Das oft totgesagte und von konservativen Ideologen in die Nähe von Platon und sogar Stalin gerückte Genre der Utopie lebt als Science Fiction (SF) weiter -und sie knüpft dabei durchaus an Utopien des 19.Jahrhunderts wie die von Fourier an, so der Medienkulturwissenschaftler Martin Doll. Auch wenn die SF heute oft in ihrer negativen Form als Dystopie künftige Probleme übertreibend plastisch macht, warnt sie doch vor realen Gefahren und prangert dabei gegenwärtige Probleme an, etwa Kriegstreiberei, Profitgier, Umweltzerstörung. Der von Horkheimer und Adorno in ihrer “Dialektik der Aufklärung” beschriebene Umschlag einer immer technischer gewordenen Vernunft in eine profitgetrieben rasende Unvernunft, die wir kaum noch zügeln können, wird im vorliegenden Sammelband ausgebreitet. In teils schön anzuschauenden, teils erheiternden, teils aber auch grell Ängste, Ekel und Verzweiflung illustrierenden Bildern zeigen sich überwiegend dystopische Erwartungen.

Oft beziehen sich die Ängste auf ökologische Katastrophen, auf Eingriffe in den menschlichen Körper, auf Ausbeutung und Verelendung der Mehrheit zu Gunsten einer perfiden Minderheit von Superreichen. Die beiden letzteren Punkte zeigen, wie Ideen, Ideologien und Technologie des Transhumanismus in unsere Kultur eindringen und weniger Hoffnungen als Ängste auslösen.

Wer Depressionen bewältigen will, kommt an einer Auseinandersetzung mit Ängsten und ihren Auslösern nicht vorbei. Der menschliche Geist, die Kultur, die Philosophie haben haben als wichtigstes Ziel immer schon die Erkundung neuer Möglichkeiten des Denkens und Lebens, mithin die Erkundung der Zukunft. Dies geschieht im Projekt “The Future is…” auf visuell anspruchsvolle Weise. Die Ästhetik der Zeichnungen steht der SF-Literatur dabei zur Seite und öffnet unseren Blick auf ein buntes Kaleidoskop von Zukunftsentwürfen.

Graphic Novels haben ihre Berechtigung im pädagogischen Bereich vielfach unter Beweis gestellt (vgl. Hochschild), sogar um komplexe ökonomische Zusammenhänge zu erklären (vgl.Alet/Adam). Beim Thema Utopie und SF ist diese vielfältige und für ästhetische Neuerungen offene Kunstform besonders hilfreich. Die Begrenzung der Stories auf nur je sechs Seiten macht leider oft nur Andeutungen möglich, liefert dafür jedoch kompaktes Material für den Schulunterricht. Wo immer Schule sich auch mit der Bewältigung von Zukunftsängsten befasst, also auf persönliche wie globale Krisenbewältigung zielt, könnte dieser Band sinnvoll eingesetzt werden.

Fazit

Der farbenfrohe Bildband entfaltet ein Panorama von Utopien und Dystopien in erfrischend vielfältigen Stilen und Themen. Er illustriert politische, kulturelle und soziale Aspekt des beliebten SF-Comic-Genres und regt die Vermittlung von Werten zu aktuellen Themen wie KI, Klimakrise, Kolonialismus an. Er richtet sich an Menschen, die sich Gedanken über die Zukunft machen, und an Pädagogen, die Science-Fiction zu Bildungszwecken auch in Form von Graphic Novels (hier eher kompakten Kurzgeschichten) verwenden wollen.

Hintergrund: Die Herausgeberin Lilian Pithan studierte Komparatistik, Romanistik und Anglistik, arbeitete als Übersetzerin mit Schwerpunkt grafische Literatur und kuratierte Ausstellungen für den Internationalen Comic-Salon Erlangen zu Comicjournalismus und Feminismus in Comic und Illustration. Der im Comic-Bereich tätige Carlsen-Verlag trat an sie heran, um 14 weibliche Autor*innen für utopische Comic-Kurzgeschichten auszuwählen, die erzählen und zeichnen sollten, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen können. Das Thema lautet, so Pithan, dezidiert „Zukunftsvisionen“ und nicht Feminismus, denn sie hörte immer wieder von Zeichnerinnen, dass der Fokus auf das Thema Feminismus ermüdend sei und sie einfach als Künstlerinnen wahrgenommen werden wollen – so wie die Männer ja auch. Mit Beiträgen von Maren Amini, Whitney Bursch, Bea Davies, Sheree Domingo, Katia Fouquet, Aisha Franz, Melanie Garanin, Peer Jongeling, Kathrin Klingner, Mia Oberländer, Elizabeth „Fungirl“ Pich, Marijpol, Maki Shimizu  und Malwine Stauss, die fast durchgehend farbig in sehr unterschiedlichen Zeichenstilen ihre utopischen Stories vorlegen.

Literatur

Alet, Claire u. Benjamin Adam: Kapital und Ideologie. Die Graphic Novel nach dem Buch von Thomas Piketty. Berlin 2023, Verlagshaus Jacoby & Stuart.

Hermann, Isabella: Science-Fiction zur Einführung, Hamburg 2023, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/33062.php

Hochschild, Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walter de Gruyter. https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

Hoppe, Katharina: Donna Haraway zur Einführung. Hamburg 2022, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/31731.php

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg 2018, Junius Verlag.