12/8/25

Starke Frauen: Bertha Benz

Heike Wolter und Julia Christof, Illustrationen von Anika Slawinski: Bertha Benz – Die erste Autofahrerin (Starke Frauen), edition riedenburg, Salzburg 2022, 72S., 14,90 Euro

Rezension von Thomas Barth

Dieses Kinderbuch ist eine Streitschrift für Frauenemanzipation und gegen Patriarchat und festgelegte Frauenrollen. Viele kennen den Mercedes als Limousine des oberen Preissegments für die gehobene Bourgeoisie und solche, die dazu gehören wollen. Wenige kennen den Erfinder dahinter, Carl Benz (1844-1929), und kaum jemand seine Ehefrau und Mitstreiterin, Bertha Benz (1849-1944).

„Die erste Fahrerin eines Autos und – zusammen mit ihrem Mann – auch die Erfinderin des Automobils war diese Frau, die mutig losbrauste… Sie brachte das Auto auf die Straße und bewies: Echte Pferde sind für weite Strecken nicht genug! Bertha Benz machte mobil und zeigte uns, dass auch Frauen fahren können. Und dass sie außerdem clevere Ideen für Motor, Sprit und Geschäfte haben.“

In stilvollen, aber dennoch kindgerechten Bildern werden die jungen Leserinnen in die Biographie einer starken Frau und zugleich in die Technikgeschichte der hierzulande zu hochverehrten „Auto-Gesellschaft“ eingeführt. Man erfährt, dass der Erfinder Carl Benz auch einen Fernsprechapparat und Maschinen zur Fertigung von Schuhwerk und Tabakwaren erfand, ohne jedoch damit zu ökonomischem Erfolg zu gelangen. Bertha hielt zu ihm und wird als starke Frau hinter dem genialen Mann gezeigt, die vor allem sein Projekt eines selbstfahrenden Wagens unterstützt. Als das Gefährt endlich funktioniert, verweigern die Beamten des Patentamts jedoch seine Patentierung: Sie können nicht erkennen, was daran sensationell neu sein soll -ein Wagen mit Motor statt Pferden bleibt für sie einfach ein Wagen und der Motor ist doch nur irgendein Motor. Aber Bertha hat die entscheidende Idee, die unsere westliche Industriekulturen mehr revolutionieren wird als alles andere (auch als die Computernetze zumindest bislang): Sie lässt ihren Gatten die einzelnen Teile seines Motors patentieren, die seinen Einsatz in einem Fahrzeug erst möglich machten. Dann läuft die Sache an: 1883 wird mit einem Investor wird die Mannheimer Gasmotorenfabrik gegründet, doch sie brauchen einen anderen Treibstoff. Bertha kommt auf die entscheidende Idee, Waschbenzin zu verwenden, das man damals zu Reinigungszwecken in Apotheken überall kaufen konnte.

Leider klärt das Buch an dieser Stelle nicht den naheliegenden Fehlschluss auf: Benzin wurde nicht erst so genannt, weil es dem Benz-Mobil die Freiheit zu langen Fahrten gab (durch Versorgung unterwegs in Apotheken). Es hieß schon vorher so und es war ein seltsamer Zufall der Technikgeschichte, dass ein Erfinder-Ehepaar namens Benz auf Benzin die Revolution des Transportwesens aufbauen konnte. „Benzin“ kommt aus dem Arabischen über die katalanische Umformung von luban gawi, die das lu wegließ; es bedeutete „javanischer Weihrauch“, ein beliebtes Baumharz für religiöse Zwecke, das eigentlich von den Arabern aber aus Sumatra importiert und an die Katalanen weiterverkauft wurde. Aus dem katalanischen benjui wurde das französische benzoin, dem das Erdölprodukt Benzol und das Gemisch Benzin seinen Namen verdankt (Kluge Etymologisches Wörterbuch).

An ihrem 36.Geburtstag, dem 3.Mai 1885, macht Bertha Benz als erste Frau der Welt eine Autofahrt -sie legt 20 Meter pferdelos zurück. Ein Jahr später bekommen sie endlich ein Patent auf die (buchstäblich) bahnbrechende Erfindung. Doch die Probleme gehen weiter: Bei Testfahrten scheuen die Pferde anderer Verkehrsteilnehmer vor dem ungewohnten Anblick, die Polizei schreitet ein und verbietet das nicht normale Fahrzeug. Doch nach einer kindgerecht abenteuerlich beschriebenen ersten (illegalen) Fahrt über mehr als 100 km, bei der Bertha ihre Hutnadel wie auch ein Strumpfband für Zwischenreparaturen verwendet, setzt sich die Erfindung durch.

Das Buch verschweigt jedoch auch dunkle Flecken von Berthas Biographie nicht: Nach dem Tod ihres Gatten wird sie zur Unterstützerin für Adolf Hitler. Hitlers Weltkrieg lehnte sie jedoch ab. Sie starb am 5.Mai 1944 ohne den Untergang des Nazi-Faschismus noch erleben zu dürfen. Im Buch und nach Ende des biographischen Textes finden sich zahlreiche Aufgaben für die jungen Leserinnen, die Fragen beantworten, eigene Ideen aufschreiben oder Zeichnungen einfügen können, etwa eine Bertha-Zeichnung mit Kleidung ergänzen, einmal aus damaliger Zeit, dann mit heutiger Mode.

Auch Kritik an der umweltzerstörenden Auto-Kultur wird schließlich auf S.56 noch eingebaut:

„Heute sind wir am Ende des Zeitalters der Automobile, wie Bertha und Carl sie entwickelten. Denn: Autos, die mit Benzin oder Diesel fahren, belasten die Umwelt. Und sie tragen dadurch zum Klimawandel bei. Bertha war eine kluge Frau. Wie würde sie auf diese Herausforderung reagieren?“ Als anzumalende Alternativen werden z.B. angeboten: Mitfahrgelegenheit, Car Sharing, Zug, Bus oder Bahn, Fahrrad oder zu Fuß gehen…

Diskussion

Für ökologisch besorgte Menschen bleiben diese Kritikpunkte vielleicht etwas zu unscheinbar oder kommen sehr spät im Buch, aber Denkanstöße werden immerhin gegeben. Was völlig fehlt ist leider Kritik an kolonialen Kriegen, Verbrechen und brutalster Ausbeutung, auf denen der Boom der Auto-Industrie ebenfalls basierte: Das Erdöl für Diesel und Benzin wurde durch Unterwerfung arabischer Völker und des Iran sowie folgende bis heute andauernde Kolonialkriege geraubt und in den Westen geschafft. Besonders unmenschlich war die Plünderung des Kongo durch den Belgischen König Leopold II, der sein Königreich zum reichsten Staat der Welt machte: Aus seinem „Blut-Kautschuk“ stellte man die Massen an Autoreifen her, die das Automobil rollen ließen. Etwa zehn Millionen Einwohner des Kongo wurden dabei massakriert, damit die übrigen geschundenen Menschen Kautschuk für den König ernteten. Millionen wurden verstümmelt, die rechte Hand abzuhacken war grausame Sitte -in Brüssel wissen die meisten Belgier nicht, warum es dort eine ekelhafte Süßigkeit gibt: Hände aus schwarzer Schokolade. Im Kongo, dessen Befreiung von der Kolonialherrschaft Belgiens blutig unterdrückt wurde (der erste gewählte Präsident, Patrice Lumumba (1925-1961), wurde nach einen Putsch von CIA und Belgiern zu Tode gefoltert) werden bis heute Menschen ausgebeutet. Kinder kratzen mit blutigen Fingern das Coltan für unsere Handys aus dem Boden.

Sicher, kein schönes Thema für ein Kinderbuch. Aber für Nazi-Faschismus und Zweiten Weltkrieg fanden die Autorinnen auch ein paar kindgerechte Sätze. Auch starke kluge Frauen wie die Autorinnen unterliegen leider einer allgegenwärtigen Ideologie des Antikommunismus. Deren Ziel ist es, die unfairen Eigentumsverhältnisse einer obszönen sozialen Ungleichheit zu bewahren. Alle sozialen, sozialistischen oder sonstwie progressiven Bestrebungen könnten dieses Regime des großen Kapitals und der superreichen Westoligarchen bedrohen und werden unter anderem durch rigorose Geschichtsfälschungen unterdrückt.

Die Wissenslücken der Autorinnen sind also Folge westlicher Propagandastrategien, die bis hinunter in Schulbücher die schlimmsten Menschheitsverbrechen verschweigen*, sofern sie von westlich-kapitalistischen Großmächten begangen wurden. Betont werden dagegen immer wieder die Verbrechen kommunistischer Großmächte (China, Sowjetunion), auch wenn diese kaum an Unmenschlichkeit und Brutalität der Kongogräuel, des afrikanischen Weltkrieges und des, von CIA und BND organisierten Indonesian Genocide 1964 heranreichen. Gemäß der in kapitalistischen „liberalen“ Demokratien herrschenden fanatisch-antikommunistischen Ideologie werden sogar die Untaten und Völkermorde der Nazi-Diktatur meist offen oder zumindest unterschwellig als „sozialistisch“ hingestellt. Angeblich, weil die Nationalsozialisten, ja auch nur „Sozialisten“ gewesen wären (eine Propagandalüge, die unterschlägt, dass Hitler viel Geld von „westlichen-liberalen“ Industriekonzernen erhielt, um gegen die verhassten Kommunisten vorzugehen); oder weil Faschisten und Sozialisten als „Ränder des politischen Spektrums“ sowieso fast das Gleiche wären -so die Propaganda-Kampagne einer angeblichen „Theorie des politischen Kreises“.

So „liberal“ sind die selbsternannten liberalen Demokratien des kapitalistischen Westblocks denn doch nicht, dass sie eine ausgewogene Bildung, akademische Forschung oder freie Medien zulassen würden, die einer Masse von Menschen die Wahrheit über historisch unangenehme Fakten mitteilen möchten -kleine Randmedien wie das Politblog Telepolis werden spätestens seit 2022 systematisch einem Mainstream angepasst. All das fehlt folglich auch im Bertha-Benz-Buch, aber vielleicht findet der tapfere kleine Riedenburg-Verlag ja eines Tages den Mut, auch dazu einen Band herauszubringen.

Trotz dieser Lücken handelt es sich um ein empfehlenswertes Buch, das auch für den (Grund-) Schulunterricht verwendet werden kann.

Heike Wolter und Julia Christof, Illustrationen von Anika Slawinski: Bertha Benz – Die erste Autofahrerin (Starke Frauen), edition riedenburg, Salzburg 2022, 14,90 Euro,
Umfang: 72 Seiten (20 ganzseitige Farbillustrationen, zahlreiche s/w-Illustrationen)
Format: 15,5 x 22 cm, Paperback, ISBN: 978-3-99082-109-1

Julia Christof ist Lehrerin für Geschichte, Englisch und Ethik.

Anika Slawinski ist Modedesignerin, Schneiderin, Autorin und weitgereiste Mutter von vier Kindern.

Heike Wolter ist Historikerin, Lektorin und Autorin.

*Anmerkung zum Schulbuchwissen deutscher Schüler:innen: Dominieren ideologisch einseitige Historiker?

Beispielsweise das einschlägige deutsche Schulbuch „DUDEN: Abiturwissen Geschichte“, Duden Schulbuchverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2011, informiert die deutschen Schüler nicht über die Kongogräuel, nicht über den brutal gestürzten Präsidenten Lumumba und schon gar nicht über die strikt totgeschwiegenen Massenmorde des Indonesian Genocide 1964/65. Verschwiegen wird selbstverständlich auch die dahinter stehende „Jakarta-Methode“ der CIA, die weltweit sozialistische Regierungen stürzen, sozialistische Bewegungen per Massenmord auslöschen und die westlichen Medien manipulieren soll. Alles nurrr rrrrussische Propaganda? Weit gefehlt! Enthüllt hat dies 2023 der kritische US-Journalist Vincent Bevins in seinem Buch „Die Jakarta-Methode“. Vincent Bevins schreibt für Leitmedien wie die New York Times, die Washington Post, den Guardian und war Korrespondent in Südostasien und Brasilien auch für die Los Angeles Times. Bevins spricht zahlreiche Sprachen und lebte jahrelang in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens.

Im Documenta-Skandal 2022 wurde eine verlogene Hasskampagne gegen indonesische Künstler gestartet, die den Ruf Deutschlands als liberale Demokratie weltweit abbröckeln ließ. Das empörte internationale Echo auf diese Eingriffe in die Kunstfreiheit wurde in deutschen Medien totgeschwiegen (wie auch weiterhin den Indonesian Genocide). Dieser Documenta-Skandal wurde höchstwahrscheinlich nur oder zumindest hauptsächlich inszeniert, um die deutsche (und CIA-) Verwicklung in eines der größten Menschheitsverbrechen weiter zu vertuschen.

Vgl. DUDEN S.224, wo nur viereinhalb -zudem sehr verlogene- Zeilen (!) zur Geschichte des Kongo stehen, die den Sieg der Portugiesen 1665 über das historische Königreich Kongo preisen -und dies als einzigen Eintrag zu diesem weltgeschichtlich bedeutenden und von zahlreichen Menschheitsverbrechen geschundenen Land; der DUDEN weiß nichts von der „Schatzkammer Afrikas“, wie gierige Europäer den Kongo gerne bezeichneten; nichts von einem Kongo, der die westlichen Industrienationen erst mit seinem herausgeschundenen Blut-Kautschuk motorisieren musste, sie dann mit Gold, Diamanten, Zinn noch reicher machte; von einem Kongo, der sogar das Uran für die US-amerikanischen Atombomben lieferte (wohl der Grund dafür, dass die CIA mit den Belgiern Lumumba massakrierte und einen jahrzehntelangen antikommunistischen Bürgerkrieg anzettelte); einem Kongo, der heute der Welt das für Handys nötige Coltan bereitstellen muss. Den Profit stecken andere in die Tasche, die an der Digitalisierung Milliarden verdienen, und die kongolesische Bevölkerung hungert weiter. Unsere Medien, Historiker und Schulbuchverlage schweigen verbissen zu zwei der wichtigsten Ländern der Weltgeschichte: Dem gewaltigen Kongo, der ohne die fortgesetzten Völkermorde, die Westmächte an seinen Einwohnern begingen, heute eine Nation von der Größe Brasiliens oder sogar Indiens sein könnte. Und von der größten muslimischen Nation Indonesien.

Denn „DUDEN Abiturwissen Geschichte“ bzw. das Duden-Autor:innen-Team von elf meist promovierten Historiker:innen, will 2011 auch nichts vom ersten in Indonesien frei gewählten und von Westmächten gestürzten Präsidenten Achmed Sukarno (1901-1970) gewusst haben: Sukarnos bedeutende Rolle bei der (im Band ohnehin sehr lapidar heruntergespielten) Gründung der Blockfreien Staaten wird vom DUDEN verschwiegen.

Ebenso verschwiegen wird der gegen Sukarno von der CIA inszenierte Putsch nebst Völkermord an bis zu 6 Millionen Menschen -bei Wikipedie angeblich nur bis zu drei Millionen. Diese Desinformationen kursieren nur, weil der prowestliche faschistische Diktator Suharto danach alles vertuschte (mit verbissener Hilfe der ach so freien und objektiven westlichen Medien). Und weil Suhartos Anhänger bis heute Indonesien beherrschen: So wurden die Verbrechen von CIA und BND bzw. ihrer faschistisch-islamistisch aufgehetzten einheimischen Helfershelfer unter Führung des grausamen Suharto nie wirklich aufgearbeitet (vgl. das Schweigen des DUDEN dazu, S.464); informiert werden die Schüler dagegen über z.B. Stalins Massenmord an tausenden polnischen Offizieren in Katyn 1939 sowie die Diktatur der „kommunistischen“ Roten Khmer in Kambodscha (S.474).

Bei dem einzigen in unseren Medien wenigstens zuweilen präsenten westlichen Menschheitsverbrechen, dem Vietnamkrieg, bleibt der DUDEN schweigsam, verwirrt die Schüler durch unsystematisch-defragmentierte Darstellung: Eine Vietnamkriegs-Karte auf S.426, aber ohne (!) Erklärungen im Text, der sich dort um Berlinkrise und DDR dreht (und die enge Beziehung der DDR zum sozialistischen Vietnam aber überhaupt nicht erwähnt); eine Erwähnung des französischen Kolonialkriegs auf S.456, und der Niederlage der Franzosen und Amerikaner -dazwischen nichts zu Vietnam außer einem Nebensatz, der eine Niederlage der USA zugibt, ohne freilich ihre Kriegsverbrechen zu erwähnen; dieser Nebensatz lautet, bezogen auf die Niederlage der Sowjets in Afghanistan: „Dies war eine Niederlage der östlichen Führungsmacht, vergleichbar der Niederlage der westlichen Großmacht USA im Vietnamkrieg der Jahre 1964 bis 1975.“ (S.436) Verschweigen, verwirren, defragmentieren: So funktioniert Kriegspropaganda, hier offenbar in einem mindestens bis 2011 von deutschen Historiker:innen weiter gekämpften Kalten Krieg.

Quellen:

Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode. Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt. PapyRossa Verlag (Köln) 2023.

DUDEN: Abiturwissen Geschichte, Duden Schulbuchverlag, Berlin/Mannheim/Zürich 2011.

Thomas Barth: Blinde Flecken in der documenta-Debatte, 21.9.2022, Südostasien-Net

Thomas Barth: Die Jakarta-Methode: Massenmorde unter falscher Flagge, telepolis, 11. März 2023

Thomas Barth: Scobel auf 3sat: Afrika als Schüler und Europa als Lehrmeister, telepolis 30. November 2024

06/6/19

Cyberstalking: Das Digitale Patriarchat

Cyber-Stalking: Beraterinnen fordern staatliche Meldestelle

Stalking, Überwachung, Datenklau: Gewalt gegen Frauen findet heute oft mit technologischer Unterstützung statt. Eine Berliner Beratungsstelle für Cyberstalking hat das erste Jahr der Arbeit ausgewertet und stellt Zahlen vor. Sie liefern erste Indizien dafür, wer die Täter sind und welche Wege sie wählen.

Chris Köver Netzpolitik, 31. Mai 2019

Seit einem Jahr berät die IT-Expertin Leena Simon in Berlin Frauen, die nicht mehr weiter wissen. Weil Partner oder Ex-Partner scheinbar immer wissen, wo sie sind und was sie als nächstes tun wollen. Weil intime Bilder von ihnen für alle gut sichtbar im Netz stehen, manchmal gemeinsam mit ihrer Telefonnummer. Weil sie fürchten, den Verstand zu verlieren, und nicht mehr wissen, wem sie noch trauen können.

In Berlin gibt es für sie seit einem Jahr eine eigene Anlaufstelle: das Anti-Stalking-Projekt, in dem Simon arbeitet, gemeinsam mit zwei weiteren Beraterinnen, die die Frauen psychologisch begleiten. Das ist dringend notwendig, denn die meisten, die zu ihnen kommen, sind aufgewühlt. Sie können nicht mehr schlafen, haben sich oft völlig aus dem Netz zurückgezogen, misstrauen ihren Geräten. Cyberstalking ist ein Angriff auf die Psyche, sagt Simon, oft mit großem Erfolg.

Wo sind die Zahlen?

Cyberstalking ist Nachstellung und Bedrohung mit Hilfe digitaler Technologie: Täter spähen die E Mails und Nachrichten der Frauen aus, überwachen sie mit Hilfe ihres Telefons oder posten falsche Angaben und intime Bilder im Netz.

Wie viele von dieser digitalen Gewalt betroffen sind, wie sie sich auswirkt, welche Angriffsvektoren besonders häufig gewählt werden und wer die Täter sind, dazu gibt es in Deutschland so gut wie keine Zahlen. In der Kriminalstatistik wird Stalking erfasst, aber nicht, wie oft dabei digitale Kanäle genutzt werden, Cyberstalking ist in Deutschland kein eigener Straftatbestand. Ohnehin kommt es selten zu Anzeigen und noch seltener zu Verurteilungen. Expert:innen gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus.

Auch die Studienlage ist dünn – und es besteht keine Absicht, das zu ändern. Das zeigte zuletzt eine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag an die Bundesregierung. Im Rest von Europa sieht es kaum besser aus. Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen der EU (EIGE), das sich im Jahr 2017 einen Überblick verschafft hat, kritisiert, dass es in der EU bislang keine nach Geschlechtern differenzierte Studie zu Digitaler Gewalt und ihren Auswirkungen gibt – obwohl bisherige Erhebungen nahelegen, dass vor allem Frauen davon betroffen sind.

Alte Gewalt mit neuen Technologien

Umso wichtiger ist es, Zahlen aus der Praxis der Beratungsstellen zu erfahren, wie das Anti-Stalking-Projekt sie diese Woche in Berlin vorstellte. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, betonen Simon und ihre Kollegin Paola Rouba, sie seien keine Wissenschaftlerinnen. Trotzdem liefern sie Indizien.

Ausgewertet haben die Beraterinnen das vergangene Jahr seit Eröffnung der Beratungsstelle im April 2018. Absolute Zahlen wollten sie nicht nennen, die Tendenz sei aber steigend. Schon in den ersten fünf Monaten dieses Jahres seien mehr Frauen gekommen als im gesamten vergangenen Jahr.

In den allermeisten Fällen handelte es sich bei den Tätern um Männer. In mehr als 40 Prozent der Fälle waren es Partner oder Ex-Partner, die drohten, überwachten, einschüchterten. Etwa 20 Prozent kamen aus dem Bekanntenkreis, 15 Prozent waren Kollegen. Nur jeder zehnte Fall ging von einem Fremden aus.

Das bestätigt die Einschätzung von Expertinnen, dass es sich bei Cyberstalking und anderen Formen digitaler Gewalt um nichts grundlegend Neues handelt. Es sind vielmehr die altbekannten Formen von Gewalt in der Partnerschaft, die jetzt ihre digitale Entsprechung finden. Männer, die Partnerinnen einschüchtern und kontrollieren wollen, haben dafür neue Technologien zur Verfügung und nutzen sie.

Und ebenso wie sich Partnergewalt quer durch alle Altersgruppen und Bildungsschichten zieht, scheint das auch für die digitale Gewalt zu gelten. Die Betroffenen kamen aus allen Altersgruppen, von 18 bis über 50 Jahre (das Projekt berät keine Minderjährigen).

Hyperwachsamkeit und Verunsicherung

In den meisten Fällen kommen die Frauen mit Fragen zur IT-Sicherheit, berichtet Paola Rouba, die die Frauen psychologisch unterstützt. Sie wollen wissen, wie sie ihre Geräte und Konten schützen können. Leena Simon unterstützt sie dabei. Manchmal ist schon etwas vorgefallen, steht ein Bild im Netz oder jemand missbraucht einen Account.

Einige Frauen kommen jedoch auch präventiv. Sie planen, sich von einem Partner zu trennen, der „IT-Kenntnisse“ hat, und wollen wissen, wie sie sich absichern. „Wir haben inzwischen einen eigene Kategorie“, sagt Simon, „die heißt ‚Ex mit Computerkenntnissen’.“

Viele der Frauen werden verfolgt oder haben zumindest diesen Eindruck. Oft sei das gar nicht klar zu trennen, berichten die Beraterinnen. Denn ein Ziel von Stalking ist die psychologische Verunsicherung. Die Betroffenen werden dann hyperwachsam, sehen überall Anzeichen, können oft nicht mehr unterscheiden, wo Geräte spinnen und wo tatsächlich eine Bedrohung vorliegt. Weil das Wissen auch bei der Polizei und in vielen Beratungsstellen fehlt, wurde ihnen an anderen Stellen schon nicht geglaubt, was sie zusätzlich verunsichert.

Wie schützt man sich gegen jemanden, der einen kennt?

In dieser Situation geht es in der Beratung vor allem darum, die Frauen zu beruhigen und wieder handlungsfähig zu machen. Wo ist die Sicherheitslücke und wie könnte man sie schließen? Welche Möglichkeiten gibt es, wieder überhaupt ins Netz zu kommen? Weil die Männer häufig als inoffizielle IT-Administratoren in der Beziehung die Geräte und Passwörter ihrer Partnerinnen einrichten, zeigt Simon den Frauen zunächst, wie sie selbst die Kontrolle über ihre Geräte, Netzwerke und Accounts zurückgewinnen.

Herkömmliche Maßnahmen, mit denen man sich gegen die Überwachung von Datenkonzernen wie Facebook, Google oder Amazon schützen kann, reichten hier nicht. Denn die Bedrohungslage einer Frau, die es mit Cyberstalking als persönlichem Angriff zu tun hat, ist eine ganz andere als die massenhafte Überwachung von Konsument:innen. Durch die Beziehung haben die Täter sehr privates Wissen über ihre Zielperson, kennen ihre Gewohnheiten und Schwachstellen. Sie brauchen oft gar keinen Zugriff auf Konten oder Daten, sondern können diese erraten. Bei den Frauen entsteht trotzdem der Eindruck, sie hätten Zugriff auf ihre Geräte. Wie man mit dieser Fehlwahrnehmung umgeht, das ist eines von vielen Problemen, die Beraterinnen haben.

Keine Staatstrojaner, keine Klarnamenpflicht!

Simon und ihre Kolleginnen wollen ihre Arbeit nicht nur präsentieren, sie stellen auch Forderungen an die Politik. Einiges davon ist naheliegend, etwa die Forderung nach mehr Ressourcen für die Beratung und nach Schulungen bei der Polizei, damit Beamt:innen digitale Gewalt besser einordnen könnten.

Andere Punkte machen deutlich, wie stark sich das Problem mit anderen netzpolitischen Baustellen überschneidet. So fordern Simon und ihre Kolleginnen die Abschaffung von Staatstrojanern. Wenn die dafür notwendigen Sicherheitslücken nicht geschlossen würden, sei es im Grunde unmöglich, betroffenen Frauen zu helfen – gerade wenn der Ex-Partner tatsächlich „IT-Kenntnisse“ hat.

Auch das von Innenminister Horst Seehofer ins Spiel gebrachte Verbot des Anonymisierungsdienstes Tor wäre für ihre Arbeit ein Desaster, sagt Simon. Das Betriebssystem Tails, das auf Tor basiert, sei für die Frauen oft die einzige Möglichkeit, überhaupt noch an ihrem Stalker vorbei ins Netz zu gelangen. „Das ist meine Möglichkeit, die Frauen zurück ins Leben zu bringen, und das wird mit dem Angriff auf Tor untergraben“, sagt Simon. Eine Klarnamenspflicht im Netz, wie sie Unionspolitiker fordern, sei vor diesem Hintergrund ebenfalls ein Riesenproblem.

Stattdessen fordern die Beraterinnen ein Recht auf Verschlüsselung, gerade in der Kommunikation mit Behörden. Außerdem müsse es auch ohne das Hochladen eines Personalausweises möglich sein, Schmähaccounts auf Twitter und anderen Social-Media-Plattformen zu melden. Bewerbungen, aber auch die Interaktion mit dem Jobcenter und das Kaufen von Bahntickets müssen auch offline weiter möglich sein, denn wer digital überwacht wird oder das fürchtet, ist auf diese analogen Schlupflöcher angewiesen.

Staatliche Meldestelle statt Facebook-Jura

Bei der Polizei müssten Beamt:innen geschult werden, um digitale Gewalt besser einordnen zu können. Vor allem brauche es aber mehr Ressourcen für die forensische Untersuchung von Geräten. Weder die Beratungsstellen noch die Polizei könne derzeit die Mobiltelefone oder Computer von Betroffenen auswerten.

Die Beraterinnen fordern die Einrichtung einer staatlichen Meldestelle für Rechtsverstöße im Netz. Wenn etwa Bilder oder Adresse und Telefonnummer ohne Einverständnis veröffentlicht wurden, dann könne das nicht nur in die Zuständigkeit und De-facto-Legislatur von Twitter oder Facebook fallen, sagt Simon. Hier müsse eine staatliche Stelle geschaffen werden, bei der Betroffene solche Fälle melden könnten und die ihre Rechte bei den Plattformen durchsetzt.

Chris Köver recherchiert und schreibt über Migration, biometrische Überwachung, digitale Gewalt und Jugendschutz. Recherche-Anregungen und -Hinweise gerne per Mail oder via Signal (ckoever.24). Seit 2018 bei netzpolitik.org. Hat Kulturwissenschaften studiert und bei Zeit Online mit dem Schreiben begonnen, später das Missy Magazine mitgegründet und geleitet. Ihre Arbeit wurde ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis Informatik, dem Grimme-Online-Award und dem Rainer-Reichert-Preis zum Tag der Pressefreiheit. Kontakt: E-Mail (OpenPGP), BlueSky, Mastodon, Signal: ckoever.24

Artikel übernommen aus Netzpolitik.org