05/1/26

Björn Hochschild: Figuren, Film & Comics

Rezension von Thomas Barth

Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag.

Wir leben in einer Netz- und Mediengesellschaft, doch die Netze sind nicht nur von Menschen und Software-Agenten bevölkert: Es tummeln sich dort fiktive Figuren diverser literarischer Formen und diese erhalten viel Aufmerksamkeit von uns. Denn die Kommunikation über Netze, Netzmedien und Medien, aber auch der Konsum von Medieninhalten bestimmt zunehmend unser Leben. Björn Hochschilds Studie sieht Film und Comic als wichtigen Teil der (netz-) kulturellen Umwelt und fragt nach psychologischen und sozialen Funktionen der fiktiven Figuren aus diesen Medien. Es geht dabei zentral um die in Bildmedien geübte Wahrnehmung des Anderen und um die Erkenntnis, dass ausgerechnet der Versuch eines Ordnens der Welt zum Ursprung von Konflikten, Gewalt und Missbrauch werden kann. Brisantes dafür angeführtes Beispiel: Die Erfahrung mit einem Vater, der versucht, die Anderen seiner eigenen Weltwahrnehmung unterstellend zu ordnen, auch wenn dies einen Kindesmissbrauch darstellt. An diversen weiteren Medieninhalten werden auch andere soziale Probleme deutlich gemacht, etwa Gewalt auf dem Schulhof und deren mediale Verwertung durch voyeuristisch mit ihrem Handy filmende Mitschüler. Der Autor entwickelt in seiner Doktorarbeit eine phänomenologische Perspektive sowie eine phänomenologische Methode, die er an zwei Filmen und zwei Comics erprobt, indem er die Begegnung mit ihren Figuren analysiert.

Inhalt

Der im akademischen Stil verfasste Text der Dissertationsschrift gliedert sich in zehn Kapitel, nebst Literaturverzeichnis, Comicverzeichnis, Filmverzeichnis, Abbildungsnachweis sowie ein Personenregister. Er ist bebildert mit zahlreichen farbigen Comic-Panels, die seine Argumentation instruktiv stützen und die Lektüre auflockern.

Kapitel 1 „Film  und Comic-Figuren als phänomenologisches Problem“ wagt den Einstieg mit einer persönlichen Lektüreerfahrung des Autors, die seine Motivation für dieses Thema illustriert. Das Comicbuch „Jordan Wellington Lint“ von Chris Ware beschreibt das Leben der gleichnamigen, eher negativ gezeichneten Figur. Der Protagonist Jordan, dessen Leben Seite für Seite nachgezeichnet wird, ist kein sympathischer Mensch. Er ist voller Ressentiments und Wut, seine homophobe Ängste kulminieren in einem Gewaltausbruch gegen den eigenen Sohn im Kindesalter.

Die Dissertationsschrift beginnt mit den Sätzen: „Das Umblättern einer einzigen Seite verändert mein Bild von Jordan nachhaltig. Das ist noch nicht korrekt: Nicht mein Bild von Jordan verändert sich, sondern meine Beziehung zu dieser Figur und zu dem Comic, in dem sie mir begegnet“ (S. 1). Der Comic erzähle in einem einheitlichen Zeichenstil und regelmäßigen Rhythmus von dessen gesamtem Leben, dabei sei jede Seite einem Lebensjahr gewidmet und Jordan erscheine schon früh als unangenehme Figur. Jordan entwickle sich von einem unerträglichen Teenager zu einem selbstgerechten jungen Mann, triebgesteuert und homophob.

Später in Beziehungen und Ehen wurde Jordan untreu als Partner und als Vater toxisch, vernachlässigend oder abwesend. Eine Tat in Jordans Biografie steche besonders hervor: Als Jordans jüngster Sohn Gabriel seinen älteren Bruder beim Toilettengang beobachtet und Jordan dies mitbekommt, interpretiert er die Szene als homoerotisch. Daraufhin packt er Gabriel gewaltsam und bricht ihm das Schlüsselbein. Die Schockwirkung der Szene erklärt Hochschild aus der Ästhetik der Comicdarstellung, denn sie entfaltet sich – anders als alle anderen biographischen Geschichten des Comics – nicht auf einer, sondern ganzen fünf Seiten. Diese zeigen rot gefärbte Anordnungen von Körpern, Räumen und Texten in bislang ungesehenen Zeichenstilen, die sich drastisch vom Stil des restlichen Comics abheben. Dabei muss man, um die Tableaus betrachten zu können, das Comicbuch hier um 90 Grad wenden, und so werde die Szene auch in einer taktilen Ästhetik zu einem „wortwörtlichen Wendepunkt“ (S. 1). Diese und andere Comic-Exegesen sind bebildert und begleiten die Argumentation der Dissertation, die zunächst Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung analysiert, dann das „Gegebensein von Figuren“ hinsichtlich Erzählung und Erzählinstanzen erörtert sowie das „Innen und Außen von Figuren“.

Der Hamburger Germanist und Filmwissenschaftler Jens Eder beschreibe auf der einen Seite Ansätze, „die Figuren als Zeichenkonstellationen, Eigenschaftsbündel oder Textfunktionen verstehen“ und sie damit zu artifiziellen Gegenständen reduzieren. Auf der anderen Seite beschreibe er Ansätze, die Figuren als „mimetische Analoga realer Personen“ und darin als lebendige Wesen denken. Die Filmfigur als artifizieller Gegenstand bestehe aus bewegenden Licht- und Schattenflächen auf einer Leinwand, einzelnen Lichtpunkten auf der Fläche eines Bildschirms oder Schallwellen, die von Lautsprechern ausgehen. Comicfiguren wie Jordan wären mithin nur Punkte, Striche, Flächen, Farben oder Buchstaben auf Papier (oder Bildschirmen). Dennoch erschienen sie „den Zuschauenden und Lesenden auch als lebendig“ (S.4).

Jens Eder unterscheide dabei auf den Film bezogen zwischen einer medialen und einer mentalen Perspektive und definiere die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“ (S.22). Als Wesen erscheine sie lebendig, als fiktives Wesen sei sie in fiktionale Akte eingebunden, und als wiedererkennbares fiktives Wesen bilde sie eine Konstante. Lebendig seien sie, weil Zuschauende ihnen ein Innenleben, eine „Fähigkeit zu mentaler Intentionalität“ zuschreiben. Diese Intentionalität sei beobachtbar in der „Körperlichkeit, Psyche und Sozialität“ der Figuren. Somit, analysiert Hochschild, vertritt Eder die Auffassung, dass wir Figuren ähnlich erleben wie reale Personen.

Eder entwerfe eine bei den Produzierenden beginnende Chronologie: Die Filmidee setze sich zunächst ins filmische Artefakt um, aus dem anschließend Modelle fiktiver Wesen in den Köpfen der Zuschauer entstünden, die sie wiederum als Symbole verstehen und von dort aus als Symptome lesen könnten: Durch diese sogenannte „Uhr der Figur“ sind Filmfiguren bei Eder bestimmt als kommunikative Artefakte, die durch die intersubjektive Konstruktion von Figurenvorstellungen auf der Grundlage fiktionaler Texte entstehen. Diese sehr kognitionsfixierte Deutung in leibnähere Bahnen zu lenken wird ein wichtiger Aspekt der Studie Hochschilds.

In Kapitel 2 „Wahrnehmung, das Andere und (ästhetische) Kulturgegenstände“ wird in Merleau-Pontys Wahrnehmungsphilosophie bzw. Phänomenologie eingeführt: Wie nehmen Menschen andere Menschen wahr? Es geht um Beziehungsgeflecht zwischen Ich, Anderem und Welt. Es geht aber auch um medienspezifische Gegenstände innerhalb dieses Verhältnisses: Um (ästhetische) Kulturgegenstände, an und in denen sich die Beziehung von Ich, Anderem und Welt als Erfahrung einer Wahrnehmung des Anderen entfaltet. Das Andere bei Merleau-Ponty führt demnach von den anderen Menschen zu Kulturgegenständen, wie Comics und Filmen. In ihnen zeichnen sich die Spuren eines anderen Verhaltens ab, womit sie als ‚Zeugen‘ eines anderen Weltbezugs fungieren. Merleau-Pontys Kennzeichnung der Phänomenologie als Zugang zu Bewegung, Manier oder Stil lenkt den Fokus auf das flexible Betrachten von Gegenständen und ihrer Wahrnehmung. Die Frage, wie etwas erscheint oder sich zeigt, würde dadurch zur zentralen Frage der phänomenologischen Ausrichtung. In diesem Sinne bezeichnet Hochschild „das, was hier entwickelt werden soll, als eine phänomenologische Perspektive.“ (S.43) Zugang zum Ästhetischen von Comics und Filmen findet Hochschild dabei mithilfe filmphänomenologischer Begriffe. Mithin geht es, wie man später erfährt, etwa, bezogen auf die vermeintliche Bewegtheit filmischer Bilder (die nur durch das schnelle Präsentieren von statischen Einzelbildern entsteht) zu anderen Medien, insbesondere dem Comic -mit seinen vermeintlich unbewegten Bildern, die aber im Betrachter durchaus den Eindruck von Bewegung auslösen können (S.185). So wird das Zusammendenken der Medien Film und Comic Schritt für Schritt plausibel gemacht.

In Kapitel 3 „Begegnungen mit Filmen“ expliziert Hochschild die zentralen Begriffe Begegnung und Verhalten, beginnend mit Vivian Sobchacks Filmphänomenologie. Das Wahrnehmen des Films lässt diesen demnach selbst zu einem Subjekt werden, das einen Körper besitzt. Film-Sehen denke Sobchack im Sinne Merleau-Pontys nicht als auf den Sehsinn reduziertes Empfangen und kognitives Verarbeiten visueller Daten, sondern als synästhetisches, leibliches Engagement in der Welt. Hochschild strebt an, Subjekte als aus einer permanenten Modulation der Wahrnehmung hergestellt zu denken und somit als dynamische Entitäten, die sich immer in Herstellung befinden. Sein Begriff der Begegnung umschreibt, wie Figuren durch Wahrnehmung entstehen und er weiß ihn an Beispielen plastisch zu machen.

Im Kurz- und Animationsfilm KID CAMERAMEN (das Titelbild der Dissertation zeigt beispielhaft ein Bild aus der Animation, siehe unten) etwa wären von John Kuramoto animierte Zeichnungen Chris Wares zu sehen und die Tonspur bestehe aus einem Ausschnitt der Radiosendung „This American Life“. Hochschild illustriert seine Studie auch hier mit einer Beschreibung, die zugleich brisante Aspekte der aktuellen Gesellschaft wie der Medienwelt darstellt: Den Voyeurismus von mit ihren Handys filmenden Jugendlichen bei Gewalttaten auf dem Schulhof -aber ganz ohne digitale Technik.

„Zwei Schüler basteln eine Filmkamera. Sie schneiden Löcher in eine Pappschachtel und führen das innere Papprohr einer Küchenrolle als Linse und Sucher ein. Sie bemalen die Pappe, befestigen einen Pfeifenreiniger als Antenne und vollenden ihre Apparatur mit einer Halterung. Mit ihrer Pappkamera bewaffnet filmen sich die Jungs zunächst gegenseitig, spielen Nachrichtensprecher und Kameramann. Alsbald werden aus der einen Pappkamera viele, das Film-Spielen zum Trend und der ganze Schulhof füllt sich mit Schüler*innen, die mit Attrappen verschiedenster Medientechnologien ausgerüstet immer aufwendigere Nachrichtenformate und Fernsehshows inszenieren. Die Situation eskaliert, als ein Schüler auf dem Schulhof verprügelt wird und die anderen Kinder – anstatt einzugreifen – eifrig Reportagen mit ihren Pappkameras und Pappmikrofone anfertigen. Die Pappkameras werden daraufhin konfisziert und das gespielte Drehen von Fernsehformaten verboten.“ (S.74)

Die Pappkameras imaginieren dabei, so Hochschild, Filmbilder und dieser Animationsfilm inszeniere seine Körper so wie seine Pappkameras. Die affektive Qualität dieser Körper- und Bildimaginationen werde erst im kontrastreichen Zusammenspiel von Animation und Voiceover greifbar. Die besprochene Szene mache mithin sichtbar, „wie bestimmte Blicke die Körper der Schulkinder mittels starker Abstraktion und Mechanisierung gegen jegliche empathische Affizierung abschirmen, die im Voiceover zum Ausdruck gebracht wird.“ (S.94)

Das Film-Verhalten ereigne sich mithin in den Bewegungen, in denen Film und Zuschauende miteinander verschränkt sind und sich wechselseitig hervorbringen. Die Gesamtheit dieser Bewegungen kennzeichnet Hochschild als Situation der Begegnung mit Filmen. Die Beschreibungen von Film-Verhalten und Analysen von Figurenbegegnungen erweisen sich als eingebettet in die entwickelte phänomenologische Perspektive, aus der heraus die Wahrnehmung des Anderen, Figuren, Filme und später auch Comics betrachtet werden. Deshalb bilden Beschreibung und Analyse – anders als, wie Hochschild betont, bei Merleau-Ponty – im Kontext der vorliegenden Arbeit keine Gegensätze mehr (S.118).

Kapitel 4 „Begegnungen mit Comics“ sucht nach einer Phänomenologie des Comics, die das Comic-Lesen phänomenologisch als Begegnung fasst. Dabei geht es darum, die Comiczeichnung als verkörperte, multisensorische oder synästhetische Erfahrung zu denken. Die zuvor angeführten neophänomenologischen Filmtheorien stellten eine Nähe des filmischen Bewegtbildes zum phänomenologischen Konzept der Wahrnehmung als permanenter Bewegung her. In Frage steht für Hochschild damit, ob und inwiefern ein Film-Verhalten und dessen Beschreibbarkeit abhängig von der Bewegtheit filmischer Bilder ist -oder sich aus phänomenologischer Sicht nicht genauso im Comic nachweisen lässt.

In der umfangreichen Datenbank der „Bonner Online-Bibliographie für Comicforschung“ fand Hochschild „verhältnismäßig wenige Einträge, die Comics und Phänomenologie in Beziehung zueinander setzen. Ein Großteil dieser entpuppen sich als leere Versprechen.“ (S.121) Dies könnte, so mutmaßt er, an der lockeren Verwendung von Begriffen wie „Phänomen“, „phänomenal“ oder „phänomenologisch“ liegen. Doch erfolgversprechende Ansätze finden sich im Ansatz der embodied cognition. Trotz der Kritik an Jens Eders kognitiv ausgerichteter Figurentheorie, die Hochschilds Ausgangspunkt dafür war, sich der Phänomenologie zuzuwenden, kann es kaum verwundern, sich erneut kognitiven Ansätzen zuzuwenden. Denn der Ansatz der embodied cognition weise, so Hochschild, einen entscheidenden Unterschied zu Eders Ansatz auf: Gekennzeichnet durch den Zusatz „embodied“, versuche er Verstehen nicht als (rein kognitive) Informationsverarbeitung zu denken, sondern es (wieder) an einen Körper anzuschließen (S.143).

Comic-Lesen bedeute auch mit Materialitäten in Kontakt zu treten: Etwa ein Heft in den Händen zu halten, es umzublättern, zu wenden, zu biegen oder (in der digitalisierten Welt!) ein Tablet, Smartphone oder Laptop zu bedienen und auf ihren Oberflächen zu navigieren. In diesen Materialitäten präsentierten sich Comics mehr als optisch: Sie wurden haptisch, von ihnen gingen Geräusche oder Gerüche aus, die allesamt zu ihrer Lese-Erfahrung gezählt werden müssten. Diese Multisensorik des Comics weite sich auf die dargestellten Welten aus. Auch sie würden „nicht bloß als optische Welten erfahren, sondern als ebenso akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische.“ (S.151) Die Begegnung mit Figuren gewinnt mithin gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht.

Kapitel 5 „Begegnungen mit Figuren: Comic  und Film-Verhalten“ fragt: Was bewegt sich eigentlich, wenn Filme gesehen und Comics gelesen werden? Film als Bewegtbild besteht hinter der Wahrnehmung aus statischen Einzelbildern  genau wie bei Comics. Die Bewegungen, die Filme und Zuschauende, Comics und Lesende und letztlich auch Figuren hervorbringen, so Hochschild, sollen als Film-Verhalten beziehungsweise Comic-Verhalten beschrieben und analytisch beschreibbar gemacht werden. Ziel sei es, jene Anforderung, die Merleau-Ponty an die phänomenologische Reflexion des Anderen in der Wahrnehmung und der Wahrnehmung des Anderen stellt, an Comics und Filme als ästhetische Kulturgegenstände anzupassen. So sollen die Figuren als Gegenstände unserer Wahrnehmung beschreibbar und damit einer Analyse zugänglich werden. Comics, die sich als Bildgegenstände in der Regel nicht selbst bewegen, sind dabei „in ihren Darstellungen alles andere als unbewegt“ (S.191).

Nach Bergson, Deleuze und Schüwer sei Bewegung „nicht als Folge starrer Zustände, sondern […] als unteilbare Kontinuität“ zu denken“; für Schüwer würde aus dem bildphilosophischen Verweis letztlich die Unterscheidung von Comicbildern in sensomotorische Bilder und Zeitbilder des Comics. Eine Schlussfolgerung, die auf Gilles Deleuzes Ausführungen zum Bewegungs- und Zeit-Bild des Films zurückgeht, wiederum beruhend auf Bergsons Idee der „Welt als Ansammlung von Bildern“ (S.194). Für Bergson bestehe die philosophische Fehlleistung der Bewegungslinie darin, den Weg der Bewegung „mit dem Bewegungsprozess zu verwechseln und damit auch den Prozess für teilbar zu halten“. Bergson sehe hier ein falsches Verständnis von Bewegung, das impliziere, dass Bewegungen erstens immer einen Raum beschreiben und zweitens aus Punkten bestehen, an denen Körper anhalten könnten. Schüwer denke jedoch die Bewegungslinie nicht als Summe von Punkten, sondern selbst als unendlich teilbar, für ihn seien Bewegungslinien im Comic immer eine Interpretation von Bewegung. Mal binden sie sich an bestimmte Teile von Körpern oder Objekten und geben ihnen so „beweglichen Ausdruckscharakter“ (S.197). Die schweren Theoriekaliber dienen dazu zu klären, wie die Bewegungen des Comic-Lesens (im Gegensatz zu denen des Films) und damit Comic-Verhalten beschreibbar sind. Dabei geht es um Fragen wie die Organisation von Blicken auf eine Doppelseite, ob beispielsweise das Fixieren einer bestimmten Stelle der Seite sich als Anhalten, Verweilen, Warten oder Festsitzen qualifiziert.

Mithin werden im Verglich zum Film etwa multilineare und multidirektionale Lesebewegungen zum Problem. „In Abwesenheit eines Timecodes kann die Comicanalyse zwar etwa von Rhythmen der Dauer sprechen. Aber eine solche Dauer beschreibt eine Qualität und keine dem Comic-Lesen inhärente oder festgeschriebene Laufzeit, Richtung oder Geschwindigkeit.“ (S.234) Das raumörtliche System der Rahmungen einer Doppelseite(wie Einzelpanels angeordnet sind) bedingt die Lesebewegungen, die bezeichnen dabei keine „abzuschreitenden Pfade“ (S.248), sondern Kräfteverhältnisse affektiver Dynamiken -in der Anordnung und Gestaltung der Seiten eines Comics (man denkt dabei unwillkürlich an Deleuze und Foucault, die ganz ähnlich auf Geschichte, Gesellschaft und unsere Existenz als Subjekte im Netz der Macht hinwiesen) .

Hochschild zitierte anfangs Packard, der an Foucault anschließt: „diese Art des Sinns, die daran hängt, dass einer ‚Ich‘ sagen und von sich erzählen können soll“ (S.14). Dies sei ist im Sinne von Michel Foucault modern, was bedeutet: Verbunden mit dem Machtnetz einer Wissens- und Erkenntnisordnung, die ein „unausschöpfbares menschliches Ich als Ausgangspunkt setzt, das zum diskursiven Wiedererkennungsmerkmal wird“ (ebd.) -ausformuliert hatte Foucault dieses Ich schon in seinem verschollenen und erst 2024 publizierten Buch Der Diskurs der Philosophie.

Ihren phänomenologischen Anspruch will die von Hochschild entwickelte Methode letztlich aber auch in der Wahl ihres Gegenstandes einlösen: Dieser ist „nicht die Comic- oder Filmfigur, die es als Subjekt zu fixieren gilt“ (S.273), sondern die Begegnung eines realen Subjekts mit dieser Figur. In den folgenden vier Fallstudien will Hochschild demnach Begegnungen mit Figuren zum Gegenstand empirischer Film- und Comicanalysen aus einer phänomenologischen Perspektive machen.

Kapitel 6–9 beschreiben mithin auf dieser Grundlage jeweils die Begegnung mit den Figuren Noa, Riad, Harold (die in dieser Rezension aus Platzgründen übergangen werden müssen) und schließlich den zu Beginn der Abhandlung eingeführten Jordan. In Analysen je zweier konkreter Filme und Comics zeigt Hochschild, wie sich Begegnungen mit ihren Figuren analysieren lassen. Mit der Figur Jordan schließt sich der Kreis der persönliche Erfahrungen einbringenden Darlegung Hochschilds: Lint erzähle auf bemerkenswerte Weise das gesamte Leben seines gleichnamigen Protagonisten. Über weite Strecken erzähle je eine Seite des Comics von einem Lebensjahr -bis zu jenem dramatischen Wendepunkt, „an dem fünf auffällig anders gestaltete, hochkantige Seiten den gewohnten Stil und Rhythmus des Comics zersprengen.“ (S.395) Die somit beinahe taktil hervorgehobene Szene zeigt den Missbrauch an Jordans Sohn Gabriel, wobei Jordan das Kind so gewaltsam schüttelte, dass sein Schlüsselbein brach. Hochschild wird noch persönlicher: „Nicht nur Jordan wird von der Erinnerung an diese verdrängte Gewalttat überwältigt – auch ich erlebte diese Szene als visuellen und haptischen Schock, der meine Perspektive auf Jordan und mich als Leser seiner Lebensgeschichte nachhaltig veränderte.“

Er bedankt sich bei den Teilnehmer*innen des in Kapitel 1 erwähnten Workshops, sowie jenen des Kurses „Comics durch Comics denken –Einführung in Comicforschung am Beispiel von Chris Ware“, den er im Sommersemester 2019 an der Universität Wien geleitet habe. Inspirationen zu seiner Analyse würden aus den Diskussionen beider Veranstaltungen stammen. Wir stellen uns bei der Lektüre der Dissertationsschrift das angeführte Comic-Analyse-Seminar fast wie eine psychologische Therapiegruppe vor.

Bei der Analyse des Comics, dessen präsentierte Bilder teils an abstrakt gehaltene bunte Piktogramme von Ratgebern oder Hinweisschilder erinnern -im auffälligen Kontrast zu den dargestellte hochemotionalen Inhalten, konzentriert sich Hochschild zunächst auf literarisch-künstlerische Gestaltungsmerkmale: Farben, Formen und Körper, Schrift-Bild-Beziehungen, Perspektive und Seiten-Layout. Die ersten vier Gestaltungsmerkmale beschreiben Kräfteverhältnisse mikroperspektivischer Bewegungen einer Seite, das Merkmal Seiten-Layout zielt auf die makroperspektivische Analyse der Seiten als raumörtliche Systeme (S.399). 30 Seiten später werden diese Merkmale tabellarisch auf den Lebenslauf der Figur projiziert und die Poetik des Comics damit weiter entschlüsselt (S.429). Die Mondgesichter des Comics, seine Panels, die Tableaus von Doppelseiten werden zunächst akribisch untersucht. Die ‚Ich‘ und ‚Du‘-Beziehungen, die Identifikation eines Selbst und eines Anderen, werden in der Schrift-Bild-Beziehung lokalisiert:

„Mutter und Sohn gehen mittels einer auf die Mutter verweisende Sprechblase ineinander über. Sie deutet mit „jRdN“ erstmals seinen Namen an, der hier seinen Kopf ersetzt. Jordan bleibt sowohl mit dem Körper der Mutter verschränkt als auch gleichsam von ihr durch die Namensandeutung zu eben jener Identität abstrahiert. In diesem Sinne entsteht die Schrift-Bild-Beziehung abstrahierend.“ (S.406).

Der Gewaltakt bzw. das erinnern des Missbrauchs als Wendepunkt von Jordans Lebensgeschichte entfalte sich, so Hochschild, in einer eigenen Szene. Sie verändere die gewohnte Chronologie des Comics: Wo sonst eine Seite ein Jahr aus Jordans Leben erzählt, entfalte sich hier ein verdrängtes Erinnern binnen eines kurzen Momentes auf insgesamt sieben Seiten (S.431). Jordan googelt den Namen seines Sohnes Gabriel und stößt auf ein Interview, in dem der mittlerweile erfolgreiche und als homosexuell geoutete Autor von seinem neuesten, autobiografischen Werk erzählt; insbesondere von dem Missbrauch durch seinen Vater Jordan, den er darin verarbeitet. Obwohl Jordan im Verlauf des Comics längst als oberflächlich, zornig, naiv, sexistisch, misogyn oder rassistisch auftrat, so Hochschild, wurde dieser konkrete Missbrauch an seinen Kindern bis dahin nicht gezeigt. Es scheine also, „als habe der Comic diese Erinnerungen gemeinsam mit seiner Hauptfigur verdrängt und würde nun seine Figur mitsamt seinen Lesenden damit überwältigen.“ (S.432) Das Gefährliche an der Begegnung mit Jordan bestehe nicht nur darin, einem Monster gegenüberzustehen, sondern dabei sein eigenes monströses Wahrnehmen zu erfahren. Die Erfahrung des ästhetischen Kulturgegenstands Comic (Beschrieben wird auch die haptische Qualität des aufwednigen, mit Textilien gestalteten Covers), insbesondere in der unangenehmen Qualität, sei Teil einer ästhetischen und sogar genussvollen Erfahrung. „An ihr können die Lesenden im geschützten Rahmen der Begegnung mit einem Comic das Gewaltsame der eigenen Wahrnehmung erleben und erfahren, ohne tatsächlich destruktiv sein zu müssen“ (S.441, vgl. ebd. Fn.49).

Kapitel 10 „Andere Figuren, andere Begegnungen: Ein Ausblick“ rekapituliert die Analysen, etwa der Wendepunkt-Szene bei der Figur des Antihelden Jordan, die den homophoben Gewaltakt taktil plastisch machte. Der Comic bringe hier den jeder Wahrnehmung inhärenten Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche – als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung. Statt Subjekte im medialen Gewand des Films oder Comics zu sein, resümiert Hochschild, seien Film- und Comicfiguren Gegenstände der spezifischen Wahrnehmungssituationen des Film-Sehens und Comic-Lesens. Als Anderes der Wahrnehmung seien sie Gegenstände eines Feldes, das sich selbst als Anderes der Wahrnehmung und als anderes Wahrnehmen offenbart. Analysierbar würden die Begegnungen mit Figuren mithin nur aus einer Perspektive, die es vermag, dieses Feld des Film-Sehens und Comic-Lesens zu beschreiben. Sie gingen als Wahrnehmungsgegenstände hervor aus den

Situationen der Begegnungen mit Filmen oder Comics, die über die Bewegungen eines Film- oder Comic-Verhaltens adressierbar werden. (S.442) Als Teil einer phänomenologischen Methode ließen sich die Verhalten immer nur an konkreten Gegenständen beschreiben (S.444). Hochschild kommt auf die Spur eines blinden Flecks in seiner hier entwickelten Perspektive: Die offene Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien (etwa Romanen, Theateraufführungen, Videospielen), nach Figuren, die explizit keine Wahrnehmungsgegenstände eines Feldes ästhetischer Erfahrungen sind und nach der Figur als einem Phänomen, das weit über die Erfahrung des Film-Sehens und Comic-Lesens hinausgehen könne. „Eine Antwort auf die Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien lässt sich zumindest implizit herleiten: Sie wäre zu finden im Verhalten des jeweiligen Mediums.“ (S.445)

Mithin bringe die phänomenologische Perspektive in ihrem Fokus auf eine permanente Modulation der Wahrnehmung die Annahme mit, dass weder Feld noch Gegenstand je abgeschlossen und fixiert wären. Einzubeziehen wären unter anderem „Gespräche über Figuren beim Verlassen des Kinosaals, Diskussionen über Figuren in Internetforen, Wiederbegegnungen mit Figuren im Seriellen, in Verfilmungen, Fortsetzungen, Reboots, narrativen Universen oder anderen trans- und intermedialen Zusammenhängen bis hin zu Aneignungen und Performances von Figuren in Fan Fictions oder Cosplays.“ (ebd.f.)

Man müsse sich als bei der Werkauswahl beschränken und auf relevante Aspekte bedenken. Die Story von Lint entfalte etwa „im Verhalten seines ordnenden Spiels eine unangenehme Erfahrung.“ (S.448) Der Comic bringe damit den jeder Wahrnehmung inhärenten und hier zerstörerischen Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche. In der Wendepunkt-Szene stelle sich sein ordnendes Spiel als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung heraus und mache das Streben nach ihr zum Ursprung einer missbräuchlichen Verhaltensweise (ebd.). Lint stelle dabei „eine Analogie zwischen Jordans Weltwahrnehmung und der Wahrnehmung der Lesenden her, die in jedem Versuch, Jordan und seine Taten zu verstehen, ihn in seinem ordnenden Spiel nachzueifern und so (im geschützten Rahmen dieser ästhetischen Erfahrung) den destruktiven Anteil ihrer eigenen Wahrnehmung zu erfahren.“ (S.448) Weitere Analysen und Vergleiche verschiedener Werke und von ihnen bereitgestellte Begegnungen mit Figuren werden präsentiert, bis Hochschild zur abschließenden Bemerkung kommt: Die Perspektive dieser Arbeit müsse, um ihrem phänomenologischen Anspruch gerecht zu werden, nicht nur flexibel, sondern auch unabgeschlossen bleiben.

Diskussion

Werfen wir mit dieser Dissertationsschrift einen Blick in die Erfahrungswelt der „Millenials“? Also der Kinder der zunehmend digitalen Mediengesellschaften? Es ist ein deskriptiver Blick, der uns die Dynamik heutiger Erlebniswelten vorsichtig nahebringt. Wichtig ist die Klärung des Status „fiktiver Wesen“. Der Filmtheoretiker Jens Eder definierte die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“, mit einem durch Zuschreibung seitens der Betrachter entstehenden lebendigen Innenleben, die uns daher ähnlich wie lebende Menschen begegne. Die Figur ist somit Artefakt (Teil eines medialen Gegenstands), als fiktives Wesen ein Modell, lebendig geworden durch kognitive Leistungen der Zuschauenden, auch Symbol und damit Vermittler von Bedeutungen und zuletzt Symptom für ein mediales Dispositiv, das über das konkrete Artefakt hinausgeht (S. 22 f.). Diese differenzierenden Vorarbeiten, die auch Eders Figur-Natur-Dualismus kritisch reflektieren, führen zum zentralen Thema der Abhandlung, der Begegnungen mit Figuren. Sie ermöglichen Hochschild im Weiteren seine phänomenologische Perspektive unter Berufung auf Husserls und Merleau-Ponty zu entwickeln. Das hohe theoretische Niveau steht nur scheinbar im Widerspruch zum Gegenstand der besonders hierzulande eher unterschätzten Comic-Literatur.

Comics führten in der kulturbürgerlichen „Hochkultur“ und in der an diese angepassten akademischen Welt lange ein Nischendasein. Ihnen eine eigene Ästhetik abzusprechen wird jedoch nach dieser Studie schwieriger. Die (nicht nur im Feuilleton als deutlich despektierliches Pejorativ benutzte) Sprechblase etwa, so Hochschild, wird vom Comictheoretiker Lambert Wiesing als eine eigene Bildform besprochen: Sie sei das genuin comictypische Bildelement, geboren „aus dem Geist der Phänomenologie“. Denn sie bringe etwas zum Ausdruck, das jenseits vom Comic nicht existiert oder existieren kann, sie stelle eine neue Sichtbarkeit dar und nicht bloß eine Interpretation der Welt. Die Sprechblase steht damit auf einer Stufe mit so wichtigen Bilderfindungen wie der Zentralperspektive, dem Abstrakten Bild und der Collage (S. 167 f.).

Eine Sprechblase zu sehen und zu lesen, heiße weder bloß einen Reiz der Augen als narrative Information zu verarbeiten, noch ein tatsächliches klangliches Erlebnis über die Ohren zu verarbeiten. Nach Wiesing ähnele der Bezug einer Sprechblase auf eine Figur innerhalb eines Panels dem Bezug von Bildern auf die Welt, wie die phänomenologische Bildtheorie ihn denkt, was Hochschild zwar sympathisch, aber in der theoretischen Verallgemeinerung übertrieben erscheint (S. 171). Festhalten kann man hier wohl die medial-psychologische Wirkung des Bildmediums, die auf einer neuen Wahrnehmungsebene neue Erfahrungsräume öffnet.

Für Hochschild bedingt die Bewegtheit der Bildgegenstände die Wahrnehmung von Bewegung sowie die Bewegtheit der Wahrnehmung selbst: Comics werden für Lesende zur Bewegungserfahrung, denn die Bilder des Comics bleiben beim Lesen nicht starr. Sie erzeugen die Erfahrung einer Bewegung, die sich allein in den Begegnungen mit diesem Comic herstellt. Aus Hochschilds phänomenologischer Perspektive sind Figuren nicht einfach ‚da‘, sie gehen erst aus der Erfahrung einer Begegnung mit Filmen und Comics hervor. Dies betont die aktive Rolle der Mediennutzer, deutet aber auch ihre Verletzlichkeit durch medialen Konsum an. So ergibt sich wie die Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung wirken und was die Begegnung mit ihnen ausmacht (S. 272).

Ein wichtiges Ergebnis aus diesem phänomenologischen Ausflug in die Film  und Comicwelt (der dringend um weitere digitale Bilderwelten zu ergänzen wäre): In der uns umgebenden Netz- und Mediengesellschaft dringen Figuren aus visuellen Bildwelten in unsere soziale und psychische Welt vor, nehmen Rollen ein, vermitteln Werte. Dies ist keine neue Erkenntnis, hier wird sie jedoch in besonderer theoretischer Tiefe fundiert und in akribischer analytischer Praxis vertieft.

Fazit

Björn Hochschild legte hier eine differenzierte Studie vor, die fragt wie Figuren in den Bildmedien Film und Comic wahrgenommen werden, wie sie dabei durch Lektüreerfahrung und emotionale Einbindung wirken können. Zugleich lässt sie sich als Einblick die die Lebenswelt heutiger Kinder der Mediengesellschaft lesen, die auch in Jugend und Erwachsenenalter fortwirkt. Empfehlenswert ist sie auch als Hintergrundwissen für soziale, pädagogische und kulturelle Arbeit, wobei jedoch ein hoher theoretischer Anspruch bewältigt werden muss. Überzeugend belegt werden tiefgreifende Rezeptionserfahrungen des Mediums Comic, wie man sie bislang nur fübezogen auf vergleichsweise bombastische Medien wie die Oper oder den Kinofilm kannte.

Die von Hochschild hervorgehobene „Multisensorik des Comics“, die sich auf die dargestellten Welten ausweite, öffnet der Analyse auch akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische Sinneseindrücke am Papiermedium. Die Begegnung mit Figuren gewinnt gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht. Eine Erkenntnis, die das einst verfemte Genre mehr als nur rehabilitiert und die Comic-Autor*innen wie -Verlage vermutlich gerne hören werden.

Hintergrund

Dr. Björn Hochschild promovierte mit dieser Studie, der 2021 zugelassenen Dissertation an der Freien Universität Berlin; entstanden ist sie im Rahmen des Doktorand*innen-Kolloquiums der Kolleg-Forschungsgruppe Cinepoetics und des Berliner Comic Kolloquiums; erschienen als Band 12 der Reihe „Cinepoetics: Poetologien audiovisueller Bilder“, herausgegeben von Hermann Kappelhoff und Michael Wedel.

Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag. Reihe: Cinepoetics – Band 12. 471 Seiten. ISBN 978-3-11-108695-8. D: 79,95 EUR, A: 79,95 EUR. Verfügbar als Open Access PDF, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 Internationale Lizenz. https://doi.org/10.1515/9783111198019-002
(Eine gekürzte Version dieser Rezension von Thomas Barth erschien auch bei Socialnet: https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

Literatur

Bergson, Henri: Materie und Gedächtnis. Eine Abhandlung über die Beziehung zwischen Körper und Geist. Verlag Felix Meiner, Hamburg 1991 [1896]. Bergson digital bei archive.org

Eder, Jens: Die Figur im Film. Grundlagen der Figurenanalyse. Schüren, Marburg 2008.

Deleuze, Gilles: Das Bewegungs-Bild. Kino 1. Merve, Frankfurt am Main 1997 [1983].
Deleuze, Gilles: Das Zeit-Bild. Kino 2. Merve, Frankfurt am Main 1997 [1985].

Foucault, Michel: Der Diskurs der Philosophie, Suhrkamp, Berlin 2024.

K ID CAMERAMEN . Creators: Chris Ware, John Kuramoto. In: T HIS A MERICAN L IFE , Staffel 1, Episode 3: „The Cameraman“. Chicago Public Radio / Killerfilms / Left/Right, US 2007.

Packard, Stephan: Wie narrativ sind Comics? Aspekte historischer Transmedialität. In: Su-
sanne Hochreiter, Ursula Klingenböck (Hg.): Bild ist Text ist Bild. Narration und Ästhetik in der
Graphic Novel. Bielefeld 2014, S. 97–12.

Ware, Chris: Jordan Wellington Lint. A Contributing Number (20) to The ACME Novelty Library Series.
Montréal / Quebec 2010.

12/6/24

Michel Foucault: Philosophie Diskurs Netz

Michel Foucault: Der Diskurs der Philosophie, Suhrkamp, Berlin 2024, 349 S.

Rezension von Thomas Barth

Der Netzphilosoph Michel Foucault begann nicht erst mit seiner Theorie der Machtnetze in Netzstrukturen zu denken, wie das vorliegende Buch zeigt: Schon seine Diskursanalyse und Archäologie zielten auf das „Netz des philosophischen Diskurses“ als Teil eines Diskursuniversums. Denn Kultur sei ein Netz von Beziehungen, das Sprechakte und Diskurse, aber auch Objekte, Materialien und Institutionen zu einem Diskurs-Archiv verbinde. Der „fröhliche Positivist“ nahm lockere 50 Jahre den heute postulierten „material turn“ der Geisteswissenschaften vorweg. Alphabete, Bibliotheken, Buchdruck schufen demnach neue Netzwerke der Zirkulation der Diskurse, die sich, wie der 1966 von Foucault verfasste Text bereits andeutete, in Daten-, Computer- und Kommunikationsnetzen fortsetzen würden.

Ausgangspunkt ist eine nietzscheanische Philosophie der Zeitdiagnostik, und viele sagen ja auch, unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unsere Zeit seien krank. Doch welchen Arzt können wir für sie rufen? Foucault erklärt uns: Den Philosophen. Denn schon seit Beginn der griechischen Philosophie laute deren Daseinsberechtigung „interpretieren und heilen“ (S.14). Dies überrascht, gilt Foucault doch als harscher Kritiker der Humanwissenschaften und Heilberufe, insbesondere der Kriminologie, Psychologie und Psychiatrie. In jungen Jahren selbst psychiatrisiert, entwickelte er eine Machttheorie, die neben Justiz und Strafvollzug besonders vordergründig wohlmeinende Zugriffe der Gesellschaft auf das Subjekt kritisiert. Dafür erarbeitete Foucault einen ganz eigenen methodisch-theoretischen Zugang über die (post-) strukturalistische Analyse gesellschaftlicher und kultureller Diskurse. Seine Konzepte sind heute ein fester Bestandteil unterschiedlichster Disziplinen und Ansätze in den Geisteswissenschaften, etwa Queer- und Genderstudies, Pädagogik, Pflege-, Sozial- und Medienwissenschaften, Disability Studies (Kammler/Parr 2007).

Autor und Hintergrund

Michel Foucault (1926-1984) lehrte ab 1970 am renommierten College de France in Paris, war sozialpolitisch engagiert und gilt heute zunehmend als einer der wichtigsten Denker des 20.Jahrhunderts. In Deutschland jahrzehntelang nur schleppend rezipiert, wird er heute in den meisten Geisteswissenschaften immer mehr wahrgenommen. Seine (Ideen-) Geschichten des Wahnsinns, der Medizin, des Gefängnisses sowie sein vierbändiges Werk „Sexualität und Wahrheit“ sind Meilensteine der Sozialphilosophie. Foucault lehnte jedoch disziplinäre Zuordnungen ebenso ab, wie Bekenntnisse zu Denkschulen oder –richtungen wie dem Poststrukturalismus oder der Postmoderne. Das vorliegende, schon 1966 verfasste Buch wurde von Foucault nie publiziert, posthume Publikationen hatte er testamentarisch untersagt. Seine Erben und Nachlassverwalter setzen sich seit Jahren darüber hinweg und im Suhrkampverlag erschienen diverse posthume Werke, etwa Sammlungen von transkribierten Tonbandmitschnitten seiner Vorlesungen. Das vorliegende Buchmanuskript fällt zwischen Foucaults bahnbrechendes Buch „Die Ordnung der Dinge“, das ihn international auch als Widersacher Sartres berühmt machte, und dessen Fortsetzung „Die Archäologie des Wissens“.

Aufbau und Inhalt

Ein Vorwort von Francois Ewald, editorische Anmerkungen, 15 Kapitel mit je eigenen Fuß- und Endnoten bilden den Kern des Textes. Ein Anhang mit Notizen Foucaults, die dem Text verbunden erschienen, und einer einordnenden und zusammenfassenden „Situierung“ durch Orazio Irrera und Daniele Lorenzini lassen den Leser an der editorischen Arbeit des anfangs elfköpfigen Redaktionskomitees (Daniel Defert verstarb während des Projekts) teilnehmen. Fußnoten dokumentieren Probleme mit dem Text, etwa die Ergänzung fehlender oder unleserlicher Wörter, sowie seltener falscher Angaben Foucaults, auch von ihm durchgestrichene Passagen werden hier dokumentiert und zeigen Varianten des Textes, die der Autor erwogen hatte. Die teilweise umfangreichen Endnoten der Kapitel liefern hilfreiche Anmerkungen der Herausgeber und erklären biographische, zeitgeschichtliche, theoretische Hintergründe.

1. Die Diagnose führt die Philosophie als diagnostisches Unternehmen ein, nach Nietzsche solle sie „Arzt der Cultur“ sein (S.17), könne aber nicht heilen, sondern nur „sagen, was ist“ (ebd.).

2. Jetzt erklärt das „Heute“ des Philosophen, der in der Triade des „Ich-Hier-Jetzt“ den Alltagsdiskurs überschreitet und sich von Literatur und Wissenschaft abgrenzt. Endnote 2 ordnet Foucaults Ansatz theoretisch zwischen Philosophie und Philologie ein (Roman Jakobson, de Saussure, Levi-Strauss, Althusser, Lacan, Husserl, Sartre, Merleau-Ponti, Todorov).

3. Der philosophische Diskurs und der wissenschaftliche Diskurs grenzt Philosophie von Wissenschaft ab, deren Erkenntnisse nicht so eng an das sprechende Subjekt gebunden seien. Für den Wahrheitsgehalt der Wissenschaft sei nur wichtig was gesagt würde, aber nicht wo, wann und von wem; Philosophie bedürfe des „Ich-Hier-Jetzt“, weshalb „von Descart bis Kant und von Kant bis Husserl das gleiche Projekt von Neuem begonnen“ (S.35) und „die Frage des Subjekts so hartnäckig“ (S.40) gestellt wurde.

4. Fiktion und Philosophie grenzt Philosophie von Literatur bzw. Fiktion ab, deren Werke zwar auch an das sprechende (zuweilen fiktive) Subjekt gebunden seien, aber nicht dazu bestimmt, wahr zu sein (S.52); Philosophie ziele vordringlich auf Wahrheit, Vernunft und insbesondere auf das Wesen des Subjekts (S.60).

5. Die Philosophie und der Alltag grenzt Philosophie vom Alltagsdiskurs ab, da sie eine kritische Funktion ausübe, alles „was stumm ist“ in eine Rede übertrage, zur „Kritik allen Wissens“ werde, zum „Diskurs aller anderen Diskurse“ (S.77).

6. Die Geburt des philosophischen Diskurses vertieft die These der Singularität des philosophischen Diskurses seit Descartes, auch anhand der neuen Diskursmodi seit Cervantes und Galilei: Literatur, Wissenschaft und Gott selbst hätten „anders zu sprechen“ begonnen (S.96), der philosophische Diskurs hätte den Anspruch erhoben, „durch die Wahrheit des Jetzt, das ihn trägt, zur Wahrheit zu gelangen“ (S.100).

7. Die allgemeine Anordnung des philosophischen Diskurses entwickelt dessen vier Grundaufgaben und Funktionen (Begründung, Interpretation, Kritik, Kommentar) und entlang dieser Hauptlinien das „gesamte Netz des philosophischen Diskurses“ (S.105); die alten metaphysischen Fragen nach Gott, Welt und Seele werden insofern neu beantwortet, als Gott nun optional würde, die zuvor beseelte Welt nur noch leerer Raum nebst relativer Zeit sei und von der unsterblichen Seele ein geistiges Prinzip, „ein reines Subjekt“ mit Innerlichkeit und Körper verbleibe (S.115), was man aber „nicht mit dem Ende der Metaphysik verwechseln“ dürfe (S.116); Kant habe Gott, Seele und Welt als Illusionen betrachtet und der Metaphysik eine neue Ontologie entgegengesetzt.

8. Die zwei Modelle des Diskurses zeigt zwei philosophische Serien von Wahlmöglichkeiten auf: 1. Enthüllung, Ursprung, Schein, Enzyklopädie sowie 2. Manifestation, Bedeutung, Unbewusstes, Gedächtnis; die jeweiligen Entscheidungen dekliniert Foucault anhand seiner vier Diskursfunktionen: So kann etwa die Funktion der Begründung des Diskurses durch eine Theorie der Enthüllung oder der Manifestation ausgeübt werden; Modell Eins begründet sich als Enthüllung der Wahrheit, interpretiert dies als Entdeckung ihres Ursprungs, kritisiert mittels einer Theorie des überwundenen Scheins und kommentiert den Logos der Welt in enzyklopädischer Form; Modell Zwei begründet sich als Manifestation der Wahrheit in den Phänomenen des Hier und Jetzt des Subjekts, das nicht nach deren Ursprung, sondern nach ihrer Bedeutung fragt und die Kritikfunktion gegen sein eigenes Unbewusstes richtet; kommentiert wird hier nicht mehr als Enzyklopädie der Wahrheit, sondern als Gedächtnis, das die „Versöhnung der Erfahrung mit dem, was in ihr fremd ist“ festhält, also das, was Foucault als „Ent-Entfremdung“ bezeichnet (S.139f.). Modell Eins steht für Philosophie, die sich auf dem Weg linearen Fortschritts zu universalen Wahrheiten und aufgeklärten Werten glaubt; Modell Zwei eröffnet in den „Beziehungen des Subjekts und der Geschichte ein unendliches Labyrinth“ und eine „unaufhörliche Unruhe“ (S.141f.).

9. Philosophie, Metaphysik, Ontologie erörtert die beiden Modelle in ihren Beziehungen zu Ontologie und Metaphysik; 1. die vorkantische Philosophie der Enthüllung als Metaphysik der Repräsentation und Ontologie innerhalb des Diskurses; 2. die nachkantische Philosophie der Manifestation als Anthropologie und Ontologie außerhalb des Diskurses; im 1. Modell enthüllt sich dem Subjekt des Philosophen die Existenz der Seele, deren Analyse „offenbart, dass Gott existiert, …der die Ordnung der Welt garantiert“ (S.155); im 2.Modell kann das Subjekt „nur als phänomenale Manifestation erscheinen… weit davon entfernt, auf eine tiefere Existenz zu verweisen“ entdeckt es nicht die Ordnung der Natur, sondern nur die Bedeutungen, die der Mensch ihr zuschreibt, entdeckt es „nur das Sein des Menschen, das über all die Dinge der Welt und die Ereignisse der Geschichte zum Ausdruck kommt“; dieser „anthropologische Zirkel“ führe zu zwei gegensätzlichen Philosophien: Der Positivismus sucht im biologischen, sozialen und psychologischen Sein des Menschen Aufschluss „über das Sein der Phänomene“; die anderen Philosophen wollen „das Sein der Endlichkeit von all den Bedingungen, die ihm auf der Ebene der Phänomene zugewiesen werden können, lösen“, um ein grundlegenderes Fundament zu finden. Diese Philosophen sehen sich selbst in ihrem Sein „zu einem Phänomen der Geschichte geworden“ (S.156f), das Sein der Geschichte wird sichtbar in philosophischen Diskursen, die sich selbst „unaufhörlich die Frage nach ihrem Verhältnis zur Geschichte“ stellen; erst die kantische Kritik brachte die „systematische Verschiebung der Elemente“ vom ersten zum zweiten Modell (S.158). Nun wurde deutlich, warum Foucault in seinem 7.Kapitel Kants Werk als „den Gravitationspunkt der gesamten abendländischen Philosophie“ sah (S.116).

Kant, dem –was Foucault nicht erwähnt– auch bedeutende Einsichten der Astrophysik zuzurechnen sind, etwa dass sich das Sonnensystem überhaupt entwickelt haben könnte, dass dies Milliarden Jahre gedauert haben könnte (Kants zeitgenössische Physiker bezifferten das Alter der Erde eher mit Zehntausenden von Jahren) sowie dass dies in einer Scheibenform geschah, standen die Erkenntnisfortschritte der Physik vor Augen, „während die Metaphysik endlos weiter dieselben Debatten führte“ (S.159); folgerichtig strebte Kant nach besserer Legitimation der Philosophie durch Suche nach Methoden und Formen der Erkenntnis: „Die Idee von einer Dialektik als Analyse der Bedingungen und Notwendigkeiten der Täuschung tritt an die Stelle der Idee einer Enzyklopädie der Wahrheit.“ (S.160)

Damit stehe Kants Werk „genau im Zentrum, im Gleichgewichtspunkt der gesamten abendländischen Philosophie“, womit Kant für den philosophischen Diskurs, „wie die Logiker sagen würden, eine neue Semantik gefunden“ habe (ebd.). Weiterentwicklungen sieht Foucault bei Fichte in der Lehre vom absoluten Ich mit reiner Subjektivität sowie in der Phänomenologie von Hegel bis Husserl, die transzendentale Subjektivität an den impliziten Horizont der empirischen Inhalte zu binden“ suche (S.167 Fn 12). Tatsächlich könne, so Foucault, der philosophische Diskurs nach der „Zerstörung der Metaphysik“ nur durch eine „Theorie der Repräsentation“ oder „mittels einer Analyse des Seins des Menschen eine Beziehung zum Sein haben.“ (S.165)

10. Beschreibung der Philosophie zeigt vier Haupttypen der Philosophiegeschichte als funktionale Elemente des philosophischen Diskurses und grenzt Foucaults eigenen Ansatz davon ab, der die Philosophiegeschichte in seiner funktionalen Beschreibung der Philosophie als Teil derselben einbezieht (S.185); die Philosophiegeschichte wendet sich als Teil des philosophischen Diskurses in der Funktion der Legitimation den Systemen zu, im Kommentar der Erfahrung, in der Kritik der Ideologie, in der Interpretation der Entzifferung einer Philosophie; für die Ideologisierung der Philosophie bedeutet dies, „dass die Philosophie tatsächlich… selbst eine Praxis darstellt und dass sie das Gesicht der Welt wirklich verändern kann, allerdings unter der Bedingung, dass sie demselben Diskursmodus angehört wie die politischen oder alltäglichen Aussagen.“ (S.183) Foucault geht es aber darum, den philosophischen Diskurs von außerhalb einzelner Werke zu analysieren (S.188).

11. Der neue Wandel fragt nach der Legitimation des Ansatz von Foucault selbst, die Philosophie als nur „eine Diskursform unter anderen“ (S.199) und verweist dabei auf die Krise der Philosophie, die, ihrer Gegenstände, Konzepte und Methoden beraubt, nur noch sich selbst in Frage stellen könne; mit Friedrich Nietzsche könne die Philosophie sich jedoch statt an der Wissenschaft an der Poesie orientieren, eine „Zersplitterung des philosophierenden Subjekts, seine multiple Existenz, seine Zerstreuung in alle Winde des Diskurses“ (S.216) lege nahe, „den Philosophen als reale Figur zu entlassen und aus seiner inhaltsleeren Identität eine Vielheit von Masken oder Gesichtern hervorgehen zu lassen“ (S.213), um von nun an „jeden Wahnsinn“ auch danach zu befragen „was er in seinem Abgrund an Philosophie aussagen kann“ (S.218).

12. Denken nach Nietzsche erörtert die postnietzscheanische Neuordnung der Diskurse; der logische Empirismus wolle aus dem philosophischen Diskurs alles als metaphysisch ausschließen, was nicht mit den Mitteln der Wissenschaft verifizierbar sei; eine politisch verstandene Philosophie wolle dagegen alles als metaphysisch verwerfen, was seinen Praxisbezug nur aus Kritik des Scheins oder des Impliziten herstelle und sich in Freiheit, Aktivität und Geschichte der Menschen involvieren (S.229f); postnietzscheanisch sei Husserls Phänomenologie aufgrund ihres radikalen Vorhabens, „zu den Sachen selbst zurückzukehren“, jedoch zugleich „die komplexeste, historisch überladenste Organisation, die man in den letzten drei Jahrhunderten aufkommen sah“ (S.240).

13. Das Archiv stellt die Frage nach der Sprache und postuliert die Konstituierung eines integralen Archivs als kultureller Form der Auswahl, Aufbewahrung und Zirkulation der Diskurse; der gegenwärtige Wandel unserer Kultur lässt sich anhand des Interesses an der Sprache charakterisieren, daran, dass formale Systeme, wie Sprachen, aus Symbolen mit Regeln bestehen (S.246), dass Literatur, Musik, Kunst sich entsprechend formaler Möglichkeiten entfalten, in einem neu organisierten Diskursuniversum; Kultur ist ein Netz von Beziehungen, das Sprechakte, Formen des Diskurses, Objekte, Materialien, Institutionen zu einem Diskurs-Archiv verbindet; es bildet ein System der Zwänge von Sprache und Geschichte, seine Gesetze untersucht die Disziplin der Archäologie (S.262).

14. Die Geschichte des Diskurs-Archivs verdeutlicht die Unmöglichkeit für jede Kultur, aus dem System ihres eigenen Diskurs-Archivs auszubrechen; die Archäologie als „Analyse des Diskurs-Archivs fungiert als eine Art immanente Ethnologie“ unserer Kultur, „dessen was als Bedingung, Element und Raum für alles dient, was wir sagen und denken können“ (267); Alphabete, Bibliotheken, Buchdruck schufen neue Netzwerke der Zirkulation der Diskurse, zahlreiche Brüche machen es unmöglich, „eine Gesamtgeschichte des Diskursarchivs“ zu schreiben (S.278); Endnote 15 konkretisiert durch Zitat aus Foucaults Buch „Die Archäologie des Wissens“: das Archiv umfasse also „ein privilegiertes Gebiet: gleichzeitig uns nahe, aber von unserer Aktualität abgehoben… es ist das, was uns außerhalb von uns begrenzt“ (S.281).

15 Der heutige Wandel beschließt das Buch mit der Einführung des Begriffs eines „integralen Archivs“, das unsere heutige Kultur von ihren Vorgängerinnen unterscheide; unsere Kultur habe sich die Aufgabe gestellt, „im Grunde alles vom Diskurs aufzubewahren“ (282); das Archiv dehne sich immer mehr aus, werde überhäuft, verliere seine Selektivität, es sei „anstatt der Ort der Rekonstruktion von Sprechakten zu sein, nur der Raum für die Aneinanderreihung von Diskursen… ein Netz neutraler Diskurse… Insofern ein Diskurs im Archiv gegeben ist, kann er durch Akte reaktiviert werden, die… dem ursprünglichen Akt absolut fremd sein können (Kommentare, Suche nach einem verborgenen Sinn, linguistische Analyse, Definition und Klassifizierung von Themen, Katalogisierung von Bildern und rhetorischen Figuren, Übersetzung in eine formale Sprache, Zerlegung im Hinblick auf eine statistische Auswertung…)“ (S.284f); die Diskursivität, durch die sich nunmehr die Erfahrung definiere, komme „immer nur dem Diskurs selbst zu“ (S.290); Fußnote a enthält eine offenbar verworfene Variante des letzten Kapitels, die verstärkt auf den Systembegriff setzt und sich abschließend auf Wittgenstein beruft (S.292).

Der Anhang enthält einige Notizen Foucaults, darunter recht instruktive Tabellen seines funktionalen Diskursmodells, und die „Situierung“ von Orazio Irrera und Daniele Lorenzini (S.305-345). Die beiden Editoren bescheinigen Foucault eine „entschieden originelle Antwort“ auf die seinerzeit heiß diskutierte Frage: „Was ist Philosophie?“ (S.309) und ordnen den Text in die damalige Debatte ein, die durch Foucaults Werk „Die Ordnung der Dinge“ befeuert wurde, unter anderem werden Sartre, Althusser, Merloth-Ponty, Derrida und Heidegger genannt. Foucault stelle im vorliegenden Buch die Philosophie als spezifische Art von Diskurs dar, der eine singuläre Beziehung zu seiner eigenen Aktualität unterhalte; der Mythos einer Geschichte, die aus tiefgründiger Bestimmung „von einem geheimen Ursprung zur Klarheit eines Horizonts verläuft“ könne verworfen werden (S.324); einen „blinden Fleck in der Foucaultschen Archäologie“ zeige zwar die Frage, von wo aus denn seine Diskursanalyse die in sich abgeschlossenen Diskursnetze von außen betrachten könne (S.336), doch er habe von Gaston Bachelard die Methode übernommen, Diskurse von ihren marginalisierten Rändern her zu analysieren; es ging Foucault „sein ganzes Leben lang“ darum, so ihr Schlusssatz, „seine eigene Kultur -und uns- in eine Falle zu locken, um die Möglichkeit zu eröffnen, anders zu denken und zu leben.“

Diskussion

Foucault habe wenig über Philosophie geschrieben, seine Themen seien nicht die der Philosophen: der Wahnsinn, das Krankenhaus, das Gefängnis, die Sexualität; so begann 1991 der Foucault-Kritiker Rudi Visker seine Abrechnung mit den Widersprüchen, in die sich Foucault mit seiner Kritik der Humanwissenschaften verwickelt habe. Das „Foucault-Lexikon“ des Wissenschaftstheoretikers Michael Ruoff kennt nur das Stichwort „Philosophie (praktizierte)“, für das es ganze vier Absätze übrig hat und Foucault so zitiert: „vielleicht ist Philosophie die allgemeinste kulturelle Form, in der wir darüber nachdenken können, was der Westen ist.“ Foucault habe die Bezeichnung „Philosoph“ 1970 deutlich abgelehnt, sie sei ein „Professorenberuf“; der späte Foucault, der eine Ethik der Sorge um sich selbst entwickelte, habe in der Philosophie aber jene Form des Denkens entdeckt, welche „die Bedingungen und Grenzen des Zugangs des Subjekts zur Wahrheit zu bestimmen versucht.“ (S.165f)

Das größte Hindernis für die deutsche Foucault-Rezeption war vermutlich die eloquente Polemik, die der staatstragende „Großdenker“ Jürgen Habermas 1985, also ein Jahr nach Foucaults Tod, mit „Der philosophische Diskurs der Moderne“ vorlegte; eine Abrechnung mit der französischen Postmoderne, als deren technokratische Ausgeburt er die Systemtheorie Niklas Luhmanns sah; insbesondere mit Foucaults Machttheorie geht Habermas hart ins Gericht, sucht Foucault in die Nähe des in Deutschland mehr als in Frankreich als Nazi-Philosophen gesehenen Heideggers zu rücken. Der Nachfolger Habermas‘ im Amt des Frankfurter Schuldirektors, Axel Honneth, ließ dort 2001 eine vielbeachtete „Foucault-Konferenz“ stattfinden, die eine differenziertere Sicht zeigte; in seinem Einführungstext zum Tagungsband scheint Honneth Abbitte für Habermas‘ Polemik leisten zu wollen, grenzt Foucault pointiert von Heidegger ab, stellt ihn in die Tradition des späten Wittgenstein. Foucaults Ziel sei die Subversion der gegebenen Gesellschaftsform gewesen, sein Werk habe in den Humanwissenschaften hergebrachte Begriffe des Sozialen, der Macht, des Wissens, des Subjekts tiefgreifend verändert. Foucault habe den „paradigmenbildenden Kern einer Disziplin, sei es die der Psychoanalyse, der Sexualwissenschaft oder der Kriminologie“ in seiner konstitutiven Evidenz entzaubert (S.17). Die Kritische Theorie seiner Frankfurter Schule, so Honneth, hätte bei unvoreingenommener Auseinandersetzung viel früher von den Einsichten Foucaults lernen können. 1988 hatte sich Honneth selbst noch polemisch an Foucault gerieben, dessen Machttheorie habe „am Ende zu einer systemtheoretisch reduzierten Version der Dialektik der Aufklärung verkümmern“ müssen (S.142).

Die von Suhrkamp als „kleine Sensation“ gefeierte Publikation des Diskurs der Philosophie zeigt das ungebrochene Interesse einer immer noch wachsenden Leserschaft an einem Denker, der gegenwärtige Machtregime mit seiner Kritik ins Mark traf und viele Menschen zum Widerstand motivierte. Das Buch, das der „Philosoph mit der Maske“ seinen zeitgenössischen Lesern offenbar vorenthalten wollte, ist unter anderem eine tiefgreifende Begründung seiner Ablehnung jeglicher „Großtheorien“, mit denen „Großdenker“ wie Habermas auf die universale Geltung westlicher Werte und ihrer globalen Normativität pochen. Foucault verweist demgegenüber auf die Verstrickung des erkennenden Subjekts in das Labyrinth seiner eigenen und der Geschichte der Philosophie, der allgemeinsten kulturellen Form, „in der wir darüber nachdenken können, was der Westen ist“. Die vermeintlich ewigen Werte westlicher Aufklärung, ihrer liberalen Demokratien –die er keineswegs ablehnt, sondern nur deren Unwilligkeit zu Analyse und Selbstkritik eigener Machtstrukturen–, verblassen für Foucault hinter „dem Ereignis“, das man vielleicht heute mit den Namen Guantanamo oder Belmarsh (wo man Julian Assange gefangen hielt) bezeichnen könnte.

Fazit

Das nicht einfache, aber elegant formulierte Buch stellt Foucaults Diskursanalyse der Philosophie in die Traditionen Kants und Nietzsches. Michel Foucault scheut sich nicht, die Philosophie im Sinne seines den Strukturalismus weit überschreitenden Ansatzes komplett neu zu denken. Mit seiner auf eine Gegenwartsdiagnostik zielenden Argumentation richtet sich das Buch an Studierende der Philosophie, Kultur- und Sozialwissenschaften, aber auch an Interessierte anderer Fachrichtungen.

Michel Foucault: Der Diskurs der Philosophie, Suhrkamp Verlag, Berlin 2024, 349 S., 34,00 Euro. ISBN: 978-3-518-58811-6

Verlagswerbung zum Buch: Was ist Philosophie? Und welche Rolle spielt sie in der Gegenwartsgesellschaft? Zwischen Juli und Oktober 1966, einige Monate nachdem er durch das Erscheinen von Die Ordnung der Dinge schlagartig zum neuen Star der Philosophie aufgestiegen war, gab Michel Foucault in einem sorgfältig durchkomponierten Manuskript seine Antwort auf diese bis heute viel diskutierten Fragen. Im Gegensatz zu denjenigen, die entweder das Wesen der Philosophie enthüllen oder sie gleich für tot erklären wollen, begreift Foucault sie als einen Diskurs, dessen Ökonomie im Vergleich mit anderen Diskursen – wissenschaftlichen, literarischen, alltäglichen, religiösen – herausgearbeitet werden muss. Der Diskurs der Philosophie schlägt somit eine neue Art und Weise der Philosophiegeschichtsschreibung vor, die von der reinen Kommentierung der großen Denker wegführt. Nietzsche nimmt allerdings einen besonderen Platz ein, da er eine neue Epoche einleitet, in der die Philosophie zur Gegenwartsdiagnose wird: Von nun an ist es ihre Aufgabe, einer Gesellschaft zu erklären, was ihr Zeitalter ausmacht. Nirgendwo hat Michel Foucault die Ambitionen seines intellektuellen Programms so deutlich gemacht wie in diesem Werk, das fast 60 Jahre nach seiner Niederschrift nun erstmals veröffentlicht wird. Eine kleine Sensation!

Literatur / Quellen

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus, Centaurus Verlag, Pfaffenweiler 1997.

Barth, Thomas: Thomas Barth: Blick, Diskurs und Macht: Michael Foucault und das Medien-Dispositiv. In: MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, Jg. 22 (2005) Nr. 1, S. 8–14 PDF fid-media

Barth, Thomas: Foucaults Macht-Wissens-Netze, Netzphilosophie 21.11.2014

Barth, Thomas: Rezension – Foucault: Der Diskurs der Philosophie, socialnet 30.12.2024

Barth, Thomas: Foucault: Philosophie gegen die wertebasierte Weltordnung, Telepolis 13.4.2025

Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt/M. 1985, Suhrkamp Verlag

Honneth, Axel: Foucault und Adorno: Zwei Formen einer Kritik der Moderne, in: Peter Kemper (Hg.): „Postmoderne“ oder der Kampf um die Zukunft. Die Kontroverse in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1988, Fischer Verlag, S.127-144

Honneth, Axel u. Martin Saar (Hg.): Michel Foucault. Zwischenbilanz einer Rezeption. Frankfurter Foucault-Konferenz 2001, Frankfurt/M. 2003, Suhrkamp Verlag

Kammler, Clemens und Rolf Parr: Foucault in den Kulturwissenschaften: Eine Bestandsaufnahme, Heidelberg 2007, Synchron Verlag

Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt/M. 1974, Suhrkamp Verlag

Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1981, Suhrkamp Verlag

Foucault, Michel: Der Diskurs der Philosophie, Berlin 2024, Suhrkamp Verlag

Pollmann, Christopher: Das Virtuelle Panoptikum, Rezension von Thomas Barth „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus“, tageszeitung (taz) 3.2.1998

Visker, Rudi: „Foucault“: Genealogie als Kritik, München 1991, UTB W.Fink Verlag

07/19/23

Herbert Marcuse & Computernetze

Thomas Barth

Herbert Marcuse (1898-1979)

Am 19.juli1898, heute vor 125 Jahren, wurde Herbert Marcuse (1898-1979) in Berlin geboren. Er gilt heute als eine Ikone eines humanistischen Marxismus und der 1968er-Studentenproteste und neben Adorno als großer Gegenspieler des konservativ-nazistischen Philosophen Martin Heidegger. Im Dienste von OSS (CIA) arbeitete er gegen den Nazi-Faschismus. Schon 1976 äußerte Marcuse sich warnend-reflektierend, aber zugleich optimistisch in einem Interview zur damals sich ankündigenden Zukunft der Computertechnologie:

Die Entwicklung der Technologie heute, kann zu einem Zustand führen, verglichen mit dem „1984“ (von George Orwell) gar nichts ist. Aber auch zum Gegenteil. Fast alle Ergebnisse der Wissenschaft und Technologie, die heute destruktiven Zwecken dienen, können -soweit ich es überblicken kann und wagen kann auszudrücken- können auch zu emanzipatorischen Zwecken eingesetzt werden. Ich kann mir z.B. vorstellen, dass ein Computer in einer sozialistischen Gesellschaft dazu gebraucht wird, so schnell und sicher wie möglich festzustellen, in welchen Gegenden des Landes welche Bedürfnisse noch nicht erfüllt sind und Prioritäten danach zu bemessen.“ Herbert Marcuse 1976

Was Marcuse hier andeutet versuchte der Sozialist Salvador Allende (1908-1973) in Chile bis zu seinem Sturz durch einen von der CIA inszenierten Militärputsch tatsächlich zu verwirklichen -mangels Internet noch durch ein Netz von Fax-Geräten zwischen Ministerien und Betrieben. Im heutigen China zeigt sich leider, dass die Überwachung als negative Möglichkeit des Internet mit der ökonomischen Potentialität der Netze allzuleicht kombinierbar ist.

Zu Marcuses Biographie

Während der deutschen Novemberrevolution 1918/19 betätigte Marcuse sich früh politisch als Mitglied eines Berliner Arbeiter- und Soldatenrates. Sein in Berlin begonnenes Studium der Germanistik und Philosophie setzte er in Freiburg im Breisgau bei Martin Heidegger fort. Wie viele seiner Generation war er von dem Philosophen und seiner Schrift Sein und Zeit fasziniert. Seine zur gleichen Zeit erfolgte Rezeption der erstmals publizierten „ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ von Karl Marx machte ihn laut Jürgen Habermas zum ersten „Heidegger-Marxisten“. (Vgl.für alle folgenden Daten Wikipedia)

1922 wurde Marcuse mit einer Arbeit über den deutschen Künstlerroman von Philipp Witkop promoviert und war danach im Buchhandel und Verlagswesen in Berlin tätig. 1924 heiratete er die Mathematikerin und Statistikerin Sophie Wertheim, die er an der Universität Freiburg kennengelernt hatte. 1928 setzte er seine Philosophiestudien bei Edmund Husserl und Martin Heidegger fort und gehörte zu Heideggers engerem Schülerkreis. Einerseits bewunderte er Heideggers „Konkrete Philosophie“ und dessen Versicherung, dass die Geschichtlichkeit als Grundbestimmtheit des Daseins „auch eine ‚Destruktion‘ der bisherigen Geschichte“ forderte. Zu diesem Zeitpunkt war Heidegger, der mit seinem Monumentalwerk „Sein und Zeit“ seine Inthronisation auf den Lehrstuhl seines Doktorvaters, des berühmten Phänomenologen Husserl, abzielte, noch nicht absehbar als späterer Nazi-Philosoph. In Heideggers Werk wurde die Geschichte als transzendentaler Faktor erkannt -eine Stelle, an der man links abbiegen konnte, wie Marcuse in Richtung einer marxistischen Utopie, oder rechts in Richtung auf einen faschistischen Umsturz im Sinne einer Retrotopie. Die demagogische Gleichsetzung von Retrotopie (der klassisch konservative Traum von vergangenen, angeblich Goldenenen Zeiten) und Utopie (der Suche nach einem bewussten Weg in die durch unsere Freiheit gegebene Unbestimmtheit der menschlichen Zukunft) ist Basis einer ideologisch-propagandistischen Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus.

Andererseits kritisierte Marcuse bereits damals schon Heideggers Individualismus und mangelnde materiale Konstitution der Geschichte, die er bei Wilhelm Dilthey stärker ausgeprägt sah. Seine Absicht, sich bei Heidegger in Freiburg über Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit zu habilitieren, blieb aufgrund von Heideggers Ablehnung unerfüllt. Heideggers Weg in den Faschismus zeichnete sich vielleicht auch durch diese Ignoranz oder Furcht angesichts der Ideen Marcuses ab. Marcuse emigrierte nach Hitlers Machtübernahme, Heidegger bekannte sich zum Nazismus und machte auf Husserls Lehrstuhl Karriere in der faschistischen Hochschulwelt des von ihm freudig begrüßten Dritten Reiches.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verließ Marcuse im Mai 1933 Deutschland und ging in die Schweiz. Auf Empfehlung von Husserl war er in Genf für die Zweigstelle des aus Frankfurt am Main emigrierten Instituts für Sozialforschung, das von Max Horkheimer geleitet wurde, etwa ein Jahr lang tätig. Kurzfristig arbeitete Marcuse auch für die Pariser Außenstelle des Instituts, bevor er Ende Juni 1934 endgültig in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierte. In der Zeitschrift des Instituts für Sozialforschung erschien 1934 Marcuses Aufsatz Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung, in dem er sich unter anderem mit Heideggers Stellung zum Nationalsozialismus auseinandersetzt. Er referiert darin insbesondere Heideggers Rektoratsrede, in der ausgeführt wird, die Wissenschaft solle dem Dienst am Volk gewidmet werden. Die geistige Bewegung sei Macht zur Bewahrung der „erd- und bluthaften“ Kräfte des Volkes; darüber hinaus zitiert er einen Satz Heideggers aus der Freiburger Studentenzeitung vom November 1933: „Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.“

In der Emigration wurde er in New York Mitglied des Instituts für Sozialforschung und arbeitete zunächst eng mit Max Horkheimer zusammen. Im nach New York übergesiedelten Institut für Sozialforschung erhielt Marcuse eine feste Anstellung. Horkheimer wies ihm die Funktion des zweiten Philosophen nach ihm zu (unter Brüskierung von T.W.Adorno, den Horkehimer unterdesse an der „Dialektik der Aufklärung“ arbeiten ließ, die später auch Horkheimers Ruhm maßgeblich begründen sollte).

1937 veröffentlichte Marcuse, (formal!) zusammen mit Horkheimer, in der Zeitschrift für Sozialforschung den Aufsatz „Philosophie und kritische Theorie“, in dem er den von Horkheimer zuvor veröffentlichten programmatischen Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“ korrigierend erweiterte: Gut kantianisch ergänzte Marcuse Horkheimers Deutung um den normativen philosophischen Grundbegriff der Vernunft (der Freiheit und Autonomie einschließe). Horkheimer ging es in seiner produktivsten Phase um die „Aufhebung der Philosophie in Gesellschaftstheorie“; im ersten Teil des gemeinsamen Aufsatzes bekannte er sich nunmehr zum „philosophischen Charakter der kritischen Theorie“. Hauke Brunkhorst und Gertrud Koch werten Marcuses Aufsatz als „wichtigsten Anteil am Programm der frühen Kritischen Theorie“ (Hauke Brunkhorst und Gertrud Koch: Herbert Marcuse. Eine Einführung. Panorama Verlag, Wiesbaden 2005, S. 38). 1940 wurde Marcuse Staatsbürger der USA.

Marcuse beim OSS (später die CIA)

1942 nahm Marcuse eine neue Stellung in Washington, D.C. ein: Er arbeitete beim Office of Strategic Services (OSS), Amerikas erstem Geheimdienst, am Kampf gegen den Nazi-Faschismus mit. Im OSS war er in deren Forschungs- und Analyseabteilung (Research and Analysis Branch) mit einer Gruppe für den Dienst im antifaschistischen Kampf tätig. Die Gruppe erarbeitete Hintergrundinformationen und praktische Ratschläge im Rahmen eines umfassenden Programms für die künftige Militärregierung in Deutschland. Zu der Gruppe zählten deutsch-jüdische Emigranten und amerikanische Geistes- und Sozialwissenschaftler, unter anderem H. Stuart Hughes, Barrington Moore, Jr., Paul Sweezy, Carl Schorske, Franz Neumann und Otto Kirchheimer. Mit Neumann und Kirchheimer war Marcuse in der Mitteleuropa-Sektion tätig, die unter der Leitung von Eugene N. Anderson mit über 40 Analytikern unterschiedlicher politischer und kultureller Herkunft besetzt war.

Der Politologe Franz Neumann (1900-1954) war aufgrund seiner Strukturanalyse des nationalsozialistischen Systems, Behemoth, die als beste und gründlichste Analyse des Nazi-Regimes galt, das intellektuelle Haupt der Gruppe. Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944 ist ein Standardwerk der Politischen Soziologie und Staatstheorie. Es wurde von Franz Neumann in den Jahren 1941 bis 1944 während seines Exils in den USA verfasst und wurde zuerst 1942, in erweiterter Form 1944 veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung erschien erst 1977. In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Bundesrichter Robert H. Jackson und dem amerikanischen Hauptankläger Telford Taylor verfasste er mehrere Anklageschriften für die Nürnberger Prozesse. 1946 nahm er für die USA an ihnen teil. Ian Buruma urteilt, Neumann sei „der wichtigste Kopf hinter der Entnazifizierung“ in Deutschland gewesen. -er kam 1954 durch einen Autounfall in der Schweiz ums Leben.

Zu Marcuses Aufgaben gehörte es, die politisch Verantwortlichen und die gesellschaftlichen Stützen des Naziregimes zu identifizieren sowie die Kräfte zu benennen, die für den Aufbau eines demokratischen Deutschlands zur Verfügung stünden. In einem Brief an Horkheimer beschrieb Marcuse, dass seine Funktion darin bestünde, „Vorschläge zu machen, wie dem amerikanischen Volk der Feind zu präsentieren ist, in Presse, Film, Propaganda etc“. Ein enger Mitarbeiter von Kirchheimer erinnerte sich, dass es dank Marcuse in der mitteleuropäischen Abteilung zuging, „als hätte sich der linkshegelianische Weltgeist vorübergehend […] angesiedelt“.

Danach arbeitete Marcuse für die 1946 gegründete Nachfolgeinstitution, das Office of Intelligence Research, die dem US-Außenministerium unterstellt war. Für eine weitere OSS-Nachfolgeorganisation, das Committee on World Communism (CWC), arbeitete er bis 1951, zeitweise auch als Europasektions-Leiter. Unter seiner Leitung erarbeitete das CWC wissenschaftliche Ergebnisse im Dienste der psychologischen Kriegsführung. Die Beobachtung und Analysen schlossen auch die kommunistischen Parteien außerhalb der Sowjetunion und die internationalen kommunistischen Organisationen ein.

Nach dem Ausscheiden aus dem Institut für Sozialforschung 1942 schrieb Marcuse während des Zweiten Weltkriegs und danach bis 1951 zahlreiche Aufsätze, Expertisen und Memoranden für verschiedene Unterabteilungen des amerikanischen Geheimdienstes. Sie wurden posthum in der Publikation Im Kampf gegen Nazideutschland veröffentlicht und stammen aus einem staatlichen Archiv. Von den 31 veröffentlichten Arbeiten, die das Trio Neumann/Kirchheimer/Marcuse in alleiniger oder Ko-Autorschaft für den Geheimdienst verfasst hat, gehen auf Marcuse dreizehn zurück (einer davon gemeinsam mit Felix Gilbert, ein anderer mit Neumann). Seine Beiträge, die von 1943 an datieren, gehen bereits von der bevorstehenden Niederlage Deutschlands aus. Sie erstellen ein Tableau der sozialen Schichten mit ihren herrschenden und beherrschten Gruppen im nationalsozialistischen Deutschland, halten dessen Gleichsetzung mit dem preußischen Militarismus für ideologisch irreführend, entwerfen Muster des Zusammenbruchs nach der Niederlage, geben der avisierten Militärregierung Ratschläge und Hinweise für die Entnazifizierung und den Wiederaufbau mit demokratischen Parteien und Gewerkschaften. In einer Analyse der Kommunistischen Partei Deutschlands bescheinigt Marcuse ihr den „bestorganisierten und effektivsten Untergrund in Deutschland“. Ihre mögliche Rolle im Nachkriegsdeutschland sieht er abhängig von der Unterstützung durch die Arbeiterschaft und ihrem Verhältnis zur Sozialdemokratischen Partei.

Der abschließende Beitrag des Dokumentenbandes „Im Kampf gegen Nazideutschland“ bildet der Überblick „Die Potentiale des Weltkommunismus“ aus Marcuses Feder. In ihm werden die Entwicklung des Weltkommunismus, seine Programmatik und Pläne dargestellt. Hervorgehoben wird die Tatsache, dass, entgegen marxscher Annahme, der Kommunismus nur in den weniger industrialisierten Ländern Fuß fassen konnte und dass die nationalen kommunistischen Parteien vollständig den innen- und außenpolitischen Interessen der Sowjetunion untergeordnet wurden. Die Stärke der kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich führt Marcuse auf besondere nationale Bedingungen zurück, etwa die Rolle der Kommunisten in der Résistance, die Betonung nationaler Interessen gegenüber dem „ausländischen Imperialismus“ und die kluge Kombination von marxistischen Politikzielen mit realistischen ökonomischen Forderungen. Neben diesen Beiträgen enthält Marcuses Nachlass Manuskripte, die im Zusammenhang mit seiner Arbeit für den Geheimdienst entstanden; sie wurden in der Publikation „Feindanalysen“ zusammengefasst.

In einer umfangreichen Studie über die Denksysteme im Kalten Krieg resümiert Tim B. Müller „Marcuses Jahrzehnt im Geheimdienst“: Er und seine Freunde hätten einen bedeutenden Beitrag zur deutschlandpolitischen Debatte, zum Verständnis des Kommunismus und zur strategischen Diskussion im amerikanischen Regierungsapparat geleistet, wobei alle ihre Analysen für eine Politik der Entspannung plädierten. Ihre Einsichten wurden jedoch im Gegensatz zu ihrer Intention überwiegend für eine Politik des Kalten Krieges, d.h. der globalen Eskalation und weltweiten oft vor der westlichen Öffentlichkeit geheim gehaltenen Kriegsführung instrumentalisiert. Marcuse wusste offenbar nichts von der Jakarta-Methode der CIA, die eine dem Völkermord nahezu gleiche Vernichtungsstrategie gegen alle „Kommunisten“ (dazu zählte man Sozialisten, Sozialdemokraten, Progressive, Gewerkschafter) zu verfolgen -wie sie sich in beispielloser Unmenschlichkeit beim Massenmord an mehreren Millionen KP-Mitglieder nebst deren Familien in Indonesien 1964/65 manifestierte, aber auch in zahlreichen anderen Ländern. Ziel war immer eine prowestliche faschistische meist Militärdiktatur.

Die Propaganda-Strategie, die Unmenschlichkeiten der Sowjet-Staaten immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und auszumalen, die Unmenschlichkeiten des Westenen aber zu verschweigen oder als Einezelfälle zu relativieren, blieb offensichtlich auch nicht ohne Wirkung auf Marcuse. Denn nach dem Ausscheiden aus dem Geheimdienst betrieb er weiterhin Studien über den Sowjet-Marxismus 1952/53 am Russian Institute der New Yorker Columbia University, einem Prestigeprojekt der Rockefeller-Stiftung, und an dem Russian Research Center der Harvard University (1954/55). Er war also ein Kollege der beiden „Kommunistenfresser“ Zbigniew Brzezinski und Samuel Huntington, den Nestoren des PNAC (Project for the New American Century).

Marcuse versus Heidegger

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Herbert Marcuse nicht nach Deutschland zurück, sondern lehrte an amerikanischen Universitäten. 1956 heiratete Marcuse Inge Neumann, Dozentin für moderne Sprachen an der San Diego State University und Witwe seines 1954 ums Leben gekommenen Freundes Franz Neumann. Im selben Jahr erhielt er seine erste Professur für Philosophie und Politikwissenschaft an der Brandeis University in Waltham (Massachusetts). 1964 wurde er Professor für Politikwissenschaft an der University of California, San Diego. Neben seiner dortigen Lehrtätigkeit nahm er 1965 eine außerordentliche Professur an der Freien Universität Berlin an.

Marcuse wandte sich 1947 an Heidegger und forderte ihn auf, sich öffentlich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, was dieser jedoch mit der Begründung ablehnte, dass er sich nicht mit jenen ehemaligen Nazianhängern gemein machen mochte, die in „der widerlichsten Weise ihren Gesinnungswechsel“ bekundet hätten. In einem Antwortbrief reagierte Marcuse empört auf Heideggers Gleichsetzung der Judenvernichtung mit der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Die Korrespondenz brach damit ab. In den sechziger und siebziger Jahren wurde Herbert Marcuse zu einem der wichtigsten Theoretiker der studentischen Protestbewegung, die er aktiv mit Sympathie und Engagement begleitete. An der Utopie eines „Reichs der Freiheit“ (Marx) als sozialistischer Gesellschaftsform hielt er Zeit seines Lebens fest -auch im Sinne seines Kampfes gegen den Faschismus, der ihn in Opposition zu Heidegger gebracht hatte.

Bereits in dem 1934 in der Zeitschrift für Sozialforschung veröffentlichten Aufsatz Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung befasste sich Marcuse mit dem Phänomen des Faschismus. Er vertrat darin die These, dass der Liberalismus „den total-autoritären Staat aus sich selbst ‚erzeugt‘: als seine eigene Vollendung auf einer fortgeschrittenen Stufe der Entwicklung“. Im Rahmen seiner Arbeiten für den amerikanischen Geheimdienst während der 1940er Jahre machte er als machtvolles Instrument des Nationalsozialismus die „technologische Rationalität“ verantwortlich. Sie mache die Menschen zu bloßen Anhängseln der Maschinerie und unterwerfe „alle Maßstäbe und Werte, alle Denk- und Verhaltensmuster […] der Produktions-, Destruktions- und Herrschaftsmaschinerie“.

Im nationalsozialistischen Staat identifizierte Marcuse fünf herrschende Gruppen, die an den politischen Entscheidungen beteiligt und Hauptnutznießer der Politik seien: 1. die Führung der NSDAP und der ihnen angeschlossenen Organisationen, 2. die oberen Ränge der staatlich-politischen Bürokratie, 3. das Oberkommando der Wehrmacht, 4. die Führung der Großunternehmen, 5. den Landadel. Marcuse folgte damit der Analyse Franz Neumanns, wonach das nationalsozialistische Regime nicht so monolithisch strukturiert war wie die von Friedrich Pollock und Max Horkheimer vertretene Theorie des Staatskapitalismus unterstellte. Für Neumann setzte sich die herrschende Klasse aus den Eliten der Partei, der Wehrmachtsführung, der Monopolwirtschaft und der Ministerialbürokratie zusammen. Als Rektor an der Freiburger Universität war der Star-Philosoph der Nazis, Martin Heidegger wohl der letztgenannten Gruppe zugehörig.

Im eingangs zitierten Interview, in dem er auch dafür eintrat neben Hegel auch Kant als Wegbereiter der Marxschen Wendung der Philosophie von der Theorie zur Praxis anzusehen, wird Marcuse auf Heidegger angesprochen und will sich nicht völlig von dessen Philosophie distanzieren; sie enthalte in abstrusen Texten durchaus brauchbare Ideen. Auch ihr gemeinsamer Lehrer Husserl, an den Heidegger anknüpfte, sei noch immer philosophisch bedeutsam. Doch Heidegger sei schon vor seinem offenen Auftreten als Faschist 1933 in „grauer Abstraktion“ befangen gewesen, habe in „Sein und Zeit“ dem Tod eine zu hohe Bedeutung zugeschrieben, dagegen fehle die Libido, die Lust völlig. (Diese Fehlstelle teilt Heidegger allerdings mit den meisten Philosophen -mit der großen Ausnahme von Marcuse selbst, könnte man einwenden.) Im Interview auf „seinen Antipoden“ Popper angesprochen, kritisiert Marcuse dessen propagandistische Verwendung des Begriffes „Utopie“, den man daher heute nicht mehr verwenden könne. Es sei den Anti-Marxisten gelungen die „Utopie“ vollkommen mit den totalitären Auswüchsen des Sowjetmarxismus gleichzusetzen. Außerdem seien Vorstellungen einer Welt, in der alle Menschen auskömmlich leben können angesichts des technischen und ökonomischen Fortschritts heute nicht mehr u-topisch, d.h. ortlos, sondern real: Man könne sie realisieren auch ohne totalitäre Herrschaftsformen. Technologie sei dafür von destruktiv-unterdrückenden Zwecken (Militär, Überwachung) auf menschlich wünschbare Bereiche, etwa den Umweltschutz (1976 eine „revolutionäre“ Anmerkung) anzuwenden.

Marcuse und die Frankfurter Schule

Die 1932 im Rahmen der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe erstmals veröffentlichten Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von Karl Marx veranlassten ihn zu einer frühen Analyse, die im gleichen Jahr in einer sozialdemokratischen Zeitschrift veröffentlicht wurde. Marx’ Jugendschriften von 1844 beeinflussten Marcuses Philosophieren erheblich. Wann immer er in späteren Schriften auf Marx zu sprechen kommt, bildet die Kategorie der „entfremdeten Arbeit“ den Ausgangspunkt. Die ihn als Marx-Kenner ausweisende veröffentlichte Arbeit und die Distanzierung von Heidegger in seiner Hegel-Schrift empfahlen ihn gewissermaßen dem Frankfurter Institut. Gleichwohl unterschied sich sein Marxismus von dem der Frankfurter Philosophen durch seine anthropologische Färbung. Marcuses Kontaktaufnahme zum Frankfurter Institut erfolgte, als dieses bereits die Verlegung seines Sitzes ins Ausland plante.

Als Erster folgte Marcuse Horkheimer im Mai 1941 an die Westküste nach Los Angeles, um mit ihm das von Horkheimer geplante Dialektik-Buch in Angriff zu nehmen. Aber offensichtlich war auch Theodor W. Adorno dafür vorgesehen. Hoffte Horkheimer anfangs noch, aus Marcuse, Adorno und sich selbst „ein gutes Gespann zu machen“, sah sich Marcuse doch durch die ökonomische Situation des Instituts und das Drängen Max Horkheimers dazu genötigt, 1942 eine neue Stellung in Washington, D.C. beim Office of Strategic Services (OSS), Amerikas erstem Geheimdienst, anzunehmen. Dazu beigetragen hat möglicherweise auch Adornos beharrliches Werben um Horkheimers Gunst, wobei er nicht davor zurückschreckte, Marcuse als „einen durch Judentum verhinderten Faszisten“ herabzusetzen, und seine, wie Stefan Breuer (Professor für Soziologie der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik), schreibt, fortwährend geübte „ätzende Kritik“ an Marcuses Beiträgen (Stefan Breuer: Kritische Theorie. Mohr Siebeck, Tübingen 2016, S. 174.).

Dem Institutskollegen Erich Fromm war Marcuse erst in der Emigration persönlich begegnet, wobei ihm bewusst war, dass dieser bereits in den Entstehungsjahren des Instituts eine wesentliche Rolle gespielt hatte. In einem Gespräch mit Habermas und anderen in Starnberg im Juli 1977 betonte Marcuse rückblickend die Bedeutung, die der frühe Erich Fromm mit seiner Vermittlung von Marx und Freud für die Formationsperiode der Kritischen Theorie gespielt habe. Seine „radikale marxistische Sozialpsychologie“ habe Fromm jedoch später revidiert. In den ausgehenden 1930er Jahren reagierten die Frankfurter Kollegen mit Unbehagen auf Fromms Abneigung gegen die freudsche Orthodoxie. Fromm hatte Freuds Auffassung infrage gestellt, dass die libidinösen Triebe die alles entscheidende Rolle spielen.

Die Kontroverse Marcuses mit dem „Revisionisten“ Erich Fromm begann 1955 mit der Publikation Eros and Civilization. Marcuse kritisierte Fromm, weil er sich von der Triebbasis der menschlichen Persönlichkeit entfernt und stattdessen ein „positives Denken“ übernommen habe. Der Kontroverse lagen zwei grundlegende Fragen zugrunde: 1. Wie interpretieren wir Freuds Ideen heute? 2. Wie ist das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis in der Anwendung der psychoanalytischen Theorie auf Geschichte und Gesellschaft zu bestimmen? Während Marcuse dem späten Fromm vorwarf, die wichtigsten Theorien Freuds preisgegeben zu haben, vornehmlich die des Primats der Sexualität und des Todestriebs, verteidigte der Fromm-Biograph Daniel Burston Fromm darin, dass er Freud in seinen historischen und kulturellen Zusammenhang gestellt habe, um so zu unterscheiden, welche Elemente seines Denkens von dauerhafter Bedeutung und welche seiner Zeit und Kultur verpflichtet waren. In seiner Schrift Der angebliche Radikalismus von Herbert Marcuse wirft Fromm Marcuse eine „entscheidende Fehlinterpretation der Freudschen Position“ vor. Demnach interpretiere er Freud, der doch ein typischer Vertreter des Bürgertums und ein Gegner des Sozialismus gewesen sei, als einen revolutionären Denker. Da Marcuse zudem ausdrücklich auf klinische Beobachtungen und Erfahrungen verzichtete, sei ein Verstehen der psychoanalytischen Theorie ernstlich behindert. Die Kontroverse wurde auch in der Zeitschrift Dissent, wie Stuart Jeffries schreibt, derart „erbittert“ ausgetragen, dass sie „Fromms Verbannung aus der Sphäre der Kritischen Theorie markierte“ und die Freundschaft zwischen Marcuse und Fromm beendete.

Die Werke Triebstruktur und Gesellschaft und Der eindimensionale Mensch sowie die Schriften zur Repressiven Toleranz 1965 und zu dem Sammelband Studien über Autorität und Familie von 1936 gehören zu den wichtigsten Arbeiten der Kritischen Theorie und zählten zu den Standardwerken der Studentenbewegung in aller Welt, vorwiegend in den USA und Deutschland. Sein Engagement zugunsten seiner Schülerin Angela Davis, seine Stellungnahmen gegen den Vietnamkrieg und für die Studentenbewegung machten ihn zum Protagonisten der Neuen Linken. Angela Davis, die sich mit den Black Panthers solidarisierte und später selbst Professorin für Philosophie an der University of California wurde, schätzte an Marcuse sein Engagement gegen den Rassismus und den Vietnamkrieg. 1967 und 1969 verbrachte er mehrere Monate in Europa. Marcuse hielt Vorträge mit Diskussionen vor Studenten in Berlin, Paris, London und Rom. Die rebellierenden Studenten in Berkeley, Berlin, Frankfurt, New York und Paris sahen in ihm ihren wichtigsten Lehrer. In Paris hielten protestierende Studenten ein Schild hoch mit den Worten „Marx, Mao, Marcuse“. Literarisch schlugen sich Marcuses Aktivitäten in dem Essay Versuch über die Befreiung (1969) nieder. In ihm verarbeitete er nicht nur den französischen Mai 1968 und die studentische Revolte, sondern auch die internationalen Befreiungsbewegungen unter dem Schlagwort „Die große Weigerung“.

Für Jürgen Habermas war Marcuse der einzige aus der Frankfurter Schule, „der eine direkte politische Rolle übernahm“. Dass er dabei für die rebellierenden Studenten Partei ergriff, brachte ihn in offenen Konflikt mit den Frankfurter Institutsleitern, denen er im Umgang mit den Studenten falsches Verhalten vorwarf, etwa den von ihnen veranlassten Polizeieinsatz gegen die Institutsbesetzer. In einem Brief an Horkheimer hielt Adorno einen Bruch mit Marcuse für nicht mehr vermeidbar.

Marcuse schrieb im Juni 1969 an Adorno, dass das Institut nicht mehr „unser altes Institut“ sei, und konstatierte „tiefste Divergenz zwischen uns“ in der Beurteilung der außerparlamentarischen Opposition. Beide bemühten sich noch um eine persönliche Aussprache, zu der sie sich in der Schweiz treffen wollten, die aber durch Adornos plötzlichen Tod nicht mehr zustande kam. In einem Fernseh-Gespräch, das Marcuse zwei Wochen nach Adornos Tod führte, relativierte er die Kontroverse mit Adorno: den Differenzen habe „eine Gemeinsamkeit und Solidarität [zugrunde gelegen], die durch sie in keiner Weise geschwächt worden sind“.

Mit Habermas, der Adornos Position in der Auseinandersetzung mit den Studenten geteilt hatte, blieb Marcuse bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden. Despektierlich fiel indes sein Urteil über Horkheimer aus: In einem Gespräch von 1974 mit dem amerikanischen Soziologen Philip Slater bezeichnete er Horkheimers letzte Arbeiten als „beneath criticism“ and „betrayal of critical theory“. Durch seine Schlüsselrolle in den Protestbewegungen wurde er zur Zielscheibe der einsetzenden politischen Reaktion. In den USA führte dies dazu, dass sein Vertrag an der Universität Brandeis 1965 nicht mehr verlängert wurde. Zeitweise musste er sich sogar versteckt halten. So verließ er im Sommer 1968 nach einer Morddrohung des Ku-Klux-Klan auf Anraten des FBI und einiger Kollegen mit seiner Lebensgefährtin Erica Sherover, die 1976 seine dritte Ehefrau wurde, sein Haus in La Jolla, Kalifornien, und hielt sich im Norden des Landes verborgen. Der Gouverneur Ronald Reagan forderte während eines Wahlkampfes die University of California auf, Marcuse zu entlassen. Marcuse starb 1979 während eines Deutschlandbesuchs bei Jürgen Habermas in Starnberg an den Folgen eines Hirnschlags.

Nach seinem Tod wurde der Leichnam in Österreich kremiert und die Urne von seiner Frau in die USA überführt. Die Asche wurde jedoch nicht bestattet, geriet in Vergessenheit und gelangte erst im Jahr 2003 in den Besitz seines Sohnes Peter und seines Enkels Harold. Die Nachkommen entschlossen sich schließlich dazu, Marcuse in seiner Geburtsstadt Berlin bestatten zu lassen. Die Beerdigung fand im Sommer 2003 unter großer Anteilnahme der Medien auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin statt, auf dem zahlreiche prominente Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte fanden. Der Entwurf des Grabsteins stammt von Bruno Flierl, Architekturkritiker, Städteplaner und Freund Peter Marcuses. Der Stein, auf dem der Ausspruch „weitermachen !“ zu lesen ist, assoziiert sowohl ein Katheder als auch eine 1, womit an Marcuses Hauptwerk Der eindimensionale Mensch erinnert wird.

Quellen

Herbert Marcuse im Interview mit Ivo Frenzel und Willy Hochkeppel 1976, vgl. Youtube (Google/Alphabet), 2010 Kanal „Denken tut gut“.

Herbert Marcuse: Feindanalysen. Über die Deutschen. zu Klampen, Lüneburg 1998.

Franz Neumann, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer: Im Kampf gegen Nazideutschland. Berichte für den amerikanischen Geheimdienst 1943–1949. Campus, Frankfurt am Main 2016.

Stefan Breuer: Die Krise der Revolutionstheorie. Negative Vergesellschaftung und Arbeitsmetaphysik bei Herbert Marcuse. Syndikat, Frankfurt am Main 1977.

Stefan Breuer: Kritische Theorie. Mohr Siebeck, Tübingen 2016.

Tim B. Müller: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg. Hamburger Edition, Hamburg 2010.