Björn Hochschild: Figuren, Film & Comics
Rezension von Thomas Barth
Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag.
Wir leben in einer Netz- und Mediengesellschaft, doch die Netze sind nicht nur von Menschen und Software-Agenten bevölkert: Es tummeln sich dort fiktive Figuren diverser literarischer Formen und diese erhalten viel Aufmerksamkeit von uns. Denn die Kommunikation über Netze, Netzmedien und Medien, aber auch der Konsum von Medieninhalten bestimmt zunehmend unser Leben. Björn Hochschilds Studie sieht Film und Comic als wichtigen Teil der (netz-) kulturellen Umwelt und fragt nach psychologischen und sozialen Funktionen der fiktiven Figuren aus diesen Medien. Es geht dabei zentral um die in Bildmedien geübte Wahrnehmung des Anderen und um die Erkenntnis, dass ausgerechnet der Versuch eines Ordnens der Welt zum Ursprung von Konflikten, Gewalt und Missbrauch werden kann. Brisantes dafür angeführtes Beispiel: Die Erfahrung mit einem Vater, der versucht, die Anderen seiner eigenen Weltwahrnehmung unterstellend zu ordnen, auch wenn dies einen Kindesmissbrauch darstellt. An diversen weiteren Medieninhalten werden auch andere soziale Probleme deutlich gemacht, etwa Gewalt auf dem Schulhof und deren mediale Verwertung durch voyeuristisch ihr Handy benutzende Mitschüler. Der Autor entwickelt in seiner Doktorarbeit eine phänomenologische Perspektive sowie eine phänomenologische Methode, die er an zwei Filmen und zwei Comics erprobt, indem er die Begegnung mit ihren Figuren analysiert.
Inhalt
Der im akademischen Stil verfasste Text der Dissertationsschrift gliedert sich in zehn Kapitel, nebst Literaturverzeichnis, Comicverzeichnis, Filmverzeichnis, Abbildungsnachweis sowie ein Personenregister. Er ist bebildert mit zahlreichen farbigen Comic-Panels, die seine Argumentation instruktiv stützen und die Lektüre auflockern.
Kapitel 1 „Film und Comic-Figuren als phänomenologisches Problem“ wagt den Einstieg mit einer persönlichen Lektüreerfahrung des Autors, die seine Motivation für dieses Thema illustriert. Das Comicbuch „Jordan Wellington Lint“ von Chris Ware beschreibt das Leben der gleichnamigen, eher negativ gezeichneten Figur. Der Protagonist Jordan, dessen Leben Seite für Seite nachgezeichnet wird, ist kein sympathischer Mensch. Er ist voller Ressentiments und Wut, seine homophobe Ängste kulminieren in einem Gewaltausbruch gegen den eigenen Sohn im Kindesalter.
Die Dissertationsschrift beginnt mit den Sätzen: „Das Umblättern einer einzigen Seite verändert mein Bild von Jordan nachhaltig. Das ist noch nicht korrekt: Nicht mein Bild von Jordan verändert sich, sondern meine Beziehung zu dieser Figur und zu dem Comic, in dem sie mir begegnet“ (S. 1). Der Comic erzähle in einem einheitlichen Zeichenstil und regelmäßigen Rhythmus von dessen gesamtem Leben, dabei sei jede Seite einem Lebensjahr gewidmet und Jordan erscheine schon früh als unangenehme Figur. Jordan entwickle sich von einem unerträglichen Teenager zu einem selbstgerechten jungen Mann, triebgesteuert und homophob.
Später in Beziehungen und Ehen wurde Jordan untreu als Vater und Partner toxisch, vernachlässigend oder abwesend. Eine Tat in Jordans Biografie steche besonders hervor: Als Jordans jüngster Sohn Gabriel seinen älteren Bruder beim Toilettengang beobachtet und Jordan dies mitbekommt, interpretiert er die Szene als homoerotisch. Daraufhin packt er Gabriel gewaltsam und bricht ihm das Schlüsselbein. Die Schockwirkung der Szene erklärt Hochschild aus der Ästhetik der Comicdarstellung, denn sie entfaltet sich – anders als alle anderen biographischen Geschichten des Comics – nicht auf einer, sondern ganzen fünf Seiten. Diese zeigen rot gefärbte Anordnungen von Körpern, Räumen und Texten in bislang ungesehenen Zeichenstilen, die sich drastisch vom Stil des restlichen Comics abheben. Dabei muss man, um die Tableaus betrachten zu können, das Comicbuch hier um 90 Grad wenden, und so werde die Szene auch in einer taktilen Ästhetik zu einem „wortwörtlichen Wendepunkt“ (S. 1). Diese und andere Comic-Exegesen sind bebildert und begleiten die Argumentation der Dissertation, die zunächst Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung analysiert, dann das „Gegebensein von Figuren“ hinsichtlich Erzählung und Erzählinstanzen erörtert sowie das „Innen und Außen von Figuren“.
Der Hamburger Germanist und Filmwissenschaftler Jens Eder beschreibe auf der einen Seite Ansätze, „die Figuren als Zeichenkonstellationen, Eigenschaftsbündel oder Textfunktionen verstehen“ und sie damit zu artifiziellen Gegenständen reduzieren. Auf der anderen Seite beschreibe er Ansätze, die Figuren als „mimetische Analoga realer Personen“ und darin als lebendige Wesen denken. Die Filmfigur als artifizieller Gegenstand bestehe aus bewegenden Licht- und Schattenflächen auf einer Leinwand, einzelnen Lichtpunkten auf der Fläche eines Bildschirms oder Schallwellen, die von Lautsprechern ausgehen. Comicfiguren wie Jordan wären mithin nur Punkte, Striche, Flächen, Farben oder Buchstaben auf Papier (oder Bildschirmen). Dennoch erschienen sie „den Zuschauenden und Lesenden auch als lebendig“ (S.4).
Jens Eder unterscheide dabei auf den Film bezogen zwischen einer medialen und einer mentalen Perspektive und definiere die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“ (S.22). Als Wesen erscheine sie lebendig, als fiktives Wesen sei sie in fiktionale Akte eingebunden, und als wiedererkennbares fiktives Wesen bilde sie eine Konstante. Lebendig seien sie, weil Zuschauende ihnen ein Innenleben, eine „Fähigkeit zu mentaler Intentionalität“ zuschreiben. Diese Intentionalität sei beobachtbar in der „Körperlichkeit, Psyche und Sozialität“ der Figuren. Somit, analysiert Hochschild, vertritt Eder die Auffassung, dass wir Figuren ähnlich erleben wie reale Personen.
Eder entwerfe eine bei den Produzierenden beginnende Chronologie: Die Filmidee setze sich zunächst ins filmische Artefakt um, aus dem anschließend Modelle fiktiver Wesen in den Köpfen der Zuschauer entstünden, die sie wiederum als Symbole verstehen und von dort aus als Symptome lesen könnten: Durch diese sogenannte „Uhr der Figur“ sind Filmfiguren bei Eder bestimmt als kommunikative Artefakte, die durch die intersubjektive Konstruktion von Figurenvorstellungen auf der Grundlage fiktionaler Texte entstehen. Diese sehr kognitionsfixierte Deutung in leibnähere Bahnen zu lenken wird ein wichtiger Aspekt der Studie Hochschilds.
In Kapitel 2 „Wahrnehmung, das Andere und (ästhetische) Kulturgegenstände“ wird in Merleau-Pontys Wahrnehmungsphilosophie bzw. Phänomenologie eingeführt: Wie nehmen Menschen andere Menschen wahr? Es geht um Beziehungsgeflecht zwischen Ich, Anderem und Welt. Es geht aber auch um medienspezifische Gegenstände innerhalb dieses Verhältnisses: Um (ästhetische) Kulturgegenstände, an und in denen sich die Beziehung von Ich, Anderem und Welt als Erfahrung einer Wahrnehmung des Anderen entfaltet. Das Andere bei Merleau-Ponty führt demnach von den anderen Menschen zu Kulturgegenständen, wie Comics und Filmen. In ihnen zeichnen sich die Spuren eines anderen Verhaltens ab, womit sie als ‚Zeugen‘ eines anderen Weltbezugs fungieren. Merleau-Pontys Kennzeichnung der Phänomenologie als Zugang zu Bewegung, Manier oder Stil lenkt den Fokus auf das flexible Betrachten von Gegenständen und ihrer Wahrnehmung. Die Frage, wie etwas erscheint oder sich zeigt, würde dadurch zur zentralen Frage der phänomenologischen Ausrichtung. In diesem Sinne bezeichnet Hochschild „das, was hier entwickelt werden soll, als eine phänomenologische Perspektive.“ (S.43) Zugang zum Ästhetischen von Comics und Filmen findet Hochschild dabei mithilfe filmphänomenologischer Begriffe. Mithin geht es, wie man später erfährt, etwa, bezogen auf die vermeintliche Bewegtheit filmischer Bilder (die nur durch das schnelle Präsentieren von statischen Einzelbildern entsteht) zu anderen Medien, insbesondere dem Comic -mit seinen vermeintlich unbewegten Bildern, die aber im Betrachter durchaus den Eindruck von Bewegung auslösen können (S.185). So wird das Zusammendenken der Medien Film und Comic Schritt für Schritt plausibel gemacht.
In Kapitel 3 „Begegnungen mit Filmen“ expliziert Hochschild die zentralen Begriffe Begegnung und Verhalten, beginnend mit Vivian Sobchacks Filmphänomenologie. Das Wahrnehmen des Films lässt diesen demnach selbst zu einem Subjekt werden, das einen Körper besitzt. Film-Sehen denke Sobchack im Sinne Merleau-Pontys nicht als auf den Sehsinn reduziertes Empfangen und kognitives Verarbeiten visueller Daten, sondern als synästhetisches, leibliches Engagement in der Welt. Hochschild strebt an, Subjekte als aus einer permanenten Modulation der Wahrnehmung hergestellt zu denken und somit als dynamische Entitäten, die sich immer in Herstellung befinden. Sein Begriff der Begegnung umschreibt, wie Figuren durch Wahrnehmung entstehen und er weiß ihn an Beispielen plastisch zu machen.
Im Kurz- und Animationsfilm KID CAMERAMEN etwa wären von John Kuramoto animierte Zeichnungen Chris Wares zu sehen (im Mondgesichter-Stil ähnlich wie „Charly Brown“) und die Tonspur bestehe aus einem Ausschnitt der Radiosendung „This American Life“. Hochschild illustriert seine Studie auch hier mit einer Beschreibung, die zugleich brisante Aspekte der aktuellen Gesellschaft wie der Medienwelt darstellt: Den Voyeurismus von mit ihren Handys filmenden Jugendlichen bei Gewalttaten auf dem Schulhof -aber ganz ohne digitale Technik.
„Zwei Schüler basteln eine Filmkamera. Sie schneiden Löcher in eine Pappschachtel und führen das innere Papprohr einer Küchenrolle als Linse und Sucher ein. Sie bemalen die Pappe, befestigen einen Pfeifenreiniger als Antenne und vollenden ihre Apparatur mit einer Halterung. Mit ihrer Pappkamera bewaffnet filmen sich die Jungs zunächst gegenseitig, spielen Nachrichtensprecher und Kameramann. Alsbald werden aus der einen Pappkamera viele, das Film-Spielen zum Trend und der ganze Schulhof füllt sich mit Schüler*innen, die mit Attrappen verschiedenster Medientechnologien ausgerüstet immer aufwendigere Nachrichtenformate und Fernsehshows inszenieren. Die Situation eskaliert, als ein Schüler auf dem Schulhof verprügelt wird und die anderen Kinder – anstatt einzugreifen – eifrig Reportagen mit ihren Pappkameras und Pappmikrofone anfertigen. Die Pappkameras werden daraufhin konfisziert und das gespielte Drehen von Fernsehformaten verboten.“ (S.74)
Die Pappkameras imaginieren dabei, so Hochschild, Filmbilder und dieser Animationsfilm inszeniere seine Körper so wie seine Pappkameras. Die affektive Qualität dieser Körper- und Bildimaginationen werde erst im kontrastreichen Zusammenspiel von Animation und Voiceover greifbar. Die besprochene Szene mache mithin sichtbar, „wie bestimmte Blicke die Körper der Schulkinder mittels starker Abstraktion und Mechanisierung gegen jegliche empathische Affizierung abschirmen, die im Voiceover zum Ausdruck gebracht wird.“ (S.94)
Das Film-Verhalten ereigne sich mithin in den Bewegungen, in denen Film und Zuschauende miteinander verschränkt sind und sich wechselseitig hervorbringen. Die Gesamtheit dieser Bewegungen kennzeichnet Hochschild als Situation der Begegnung mit Filmen. Die Beschreibungen von Film-Verhalten und Analysen von Figurenbegegnungen erweisen sich als eingebettet in die entwickelte phänomenologische Perspektive, aus der heraus die Wahrnehmung des Anderen, Figuren, Filme und später auch Comics betrachtet werden. Deshalb bilden Beschreibung und Analyse – anders als, wie Hochschild betont, bei Merleau-Ponty – im Kontext der vorliegenden Arbeit keine Gegensätze mehr (S.118).
Kapitel 4 „Begegnungen mit Comics“ sucht nach einer Phänomenologie des Comics, die das Comic-Lesen phänomenologisch als Begegnung fasst. Dabei geht es darum, die Comiczeichnung als verkörperte, multisensorische oder synästhetische Erfahrung zu denken. Die zuvor angeführten neophänomenologischen Filmtheorien stellten eine Nähe des filmischen Bewegtbildes zum phänomenologischen Konzept der Wahrnehmung als permanenter Bewegung her. In Frage steht für Hochschild damit, ob und inwiefern ein Film-Verhalten und dessen Beschreibbarkeit abhängig von der Bewegtheit filmischer Bilder ist -oder sich aus phänomenologischer Sicht nicht genauso im Comic nachweisen lässt.
In der umfangreichen Datenbank der „Bonner Online-Bibliographie für Comicforschung“ fand Hochschild „verhältnismäßig wenige Einträge, die Comics und Phänomenologie in Beziehung zueinander setzen. Ein Großteil dieser entpuppen sich als leere Versprechen.“ (S.121) Dies könnte, so mutmaßt er, an der lockeren Verwendung von Begriffen wie „Phänomen“, „phänomenal“ oder „phänomenologisch“ liegen. Doch erfolgversprechende Ansätze finden sich im Ansatz der embodied cognition. Trotz der Kritik an Jens Eders kognitiv ausgerichteter Figurentheorie, die Hochschilds Ausgangspunkt dafür war, sich der Phänomenologie zuzuwenden, kann es kaum verwundern, sich erneut kognitiven Ansätzen zuzuwenden. Denn der Ansatz der embodied cognition weise, so Hochschild, einen entscheidenden Unterschied zu Eders Ansatz auf: Gekennzeichnet durch den Zusatz „embodied“, versuche er Verstehen nicht als (rein kognitive) Informationsverarbeitung zu denken, sondern es (wieder) an einen Körper anzuschließen (S.143).
Comic-Lesen bedeute auch mit Materialitäten in Kontakt zu treten: Etwa ein Heft in den Händen zu halten, es umzublättern, zu wenden, zu biegen oder (in der digitalisierten Welt!) ein Tablet, Smartphone oder Laptop zu bedienen und auf ihren Oberflächen zu navigieren. In diesen Materialitäten präsentierten sich Comics mehr als optisch: Sie wurden haptisch, von ihnen gingen Geräusche oder Gerüche aus, die allesamt zu ihrer Lese-Erfahrung gezählt werden müssten. Diese Multisensorik des Comics weite sich auf die dargestellten Welten aus. Auch sie würden „nicht bloß als optische Welten erfahren, sondern als ebenso akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische.“ (S.151) Die Begegnung mit Figuren gewinnt mithin gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht.
Kapitel 5 „Begegnungen mit Figuren: Comic und Film-Verhalten“ fragt: Was bewegt sich eigentlich, wenn Filme gesehen und Comics gelesen werden? Film als Bewegtbild besteht hinter der Wahrnehmung aus statischen Einzelbildern genau wie bei Comics. Die Bewegungen, die Filme und Zuschauende, Comics und Lesende und letztlich auch Figuren hervorbringen, so Hochschild, sollen als Film-Verhalten beziehungsweise Comic-Verhalten beschrieben und analytisch beschreibbar gemacht werden. Ziel sei es, jene Anforderung, die Merleau-Ponty an die phänomenologische Reflexion des Anderen in der Wahrnehmung und der Wahrnehmung des Anderen stellt, an Comics und Filme als ästhetische Kulturgegenstände anzupassen. So sollen die Figuren als Gegenstände unserer Wahrnehmung beschreibbar und damit einer Analyse zugänglich werden. Comics, die sich als Bildgegenstände in der Regel nicht selbst bewegen, sind dabei „in ihren Darstellungen alles andere als unbewegt“ (S.191).
Nach Bergson, Deleuze und Schüwer sei Bewegung „nicht als Folge starrer Zustände, sondern […] als unteilbare Kontinuität“ zu denken“; für Schüwer würde aus dem bildphilosophischen Verweis letztlich die Unterscheidung von Comicbildern in sensomotorische Bilder und Zeitbilder des Comics. Eine Schlussfolgerung, die auf Gilles Deleuzes Ausführungen zum Bewegungs- und Zeit-Bild des Films zurückgeht, wiederum beruhend auf Bergsons Idee der „Welt als Ansammlung von Bildern“ (S.194). Für Bergson bestehe die philosophische Fehlleistung der Bewegungslinie darin, den Weg der Bewegung „mit dem Bewegungsprozess zu verwechseln und damit auch den Prozess für teilbar zu halten“. Bergson sehe hier ein falsches Verständnis von Bewegung, das impliziere, dass Bewegungen erstens immer einen Raum beschreiben und zweitens aus Punkten bestehen, an denen Körper anhalten könnten. Schüwer denke jedoch die Bewegungslinie nicht als Summe von Punkten, sondern selbst als unendlich teilbar, für ihn seien Bewegungslinien im Comic immer eine Interpretation von Bewegung. Mal binden sie sich an bestimmte Teile von Körpern oder Objekten und geben ihnen so „beweglichen Ausdruckscharakter“ (S.197). Die schweren Theoriekaliber dienen dazu zu klären, wie die Bewegungen des Comic-Lesens (im Gegensatz zu denen des Films) und damit Comic-Verhalten beschreibbar sind. Dabei geht es um Fragen wie die Organisation von Blicken auf eine Doppelseite, ob beispielsweise das Fixieren einer bestimmten Stelle der Seite sich als Anhalten, Verweilen, Warten oder Festsitzen qualifiziert.
Mithin werden im Verglich zum Film etwa multilineare und multidirektionale Lesebewegungen zum Problem. „In Abwesenheit eines Timecodes kann die Comicanalyse zwar etwa von Rhythmen der Dauer sprechen. Aber eine solche Dauer beschreibt eine Qualität und keine dem Comic-Lesen inhärente oder festgeschriebene Laufzeit, Richtung oder Geschwindigkeit.“ (S.234) Das raumörtliche System der Rahmungen einer Doppelseite(wie Einzelpanels angeordnet sind) bedingt die Lesebewegungen, die bezeichnen dabei keine „abzuschreitenden Pfade“ (S.248), sondern Kräfteverhältnisse affektiver Dynamiken -in der Anordnung und Gestaltung der Seiten eines Comics (man denkt dabei unwillkürlich an Deleuze und Foucault, die ganz ähnlich auf Geschichte, Gesellschaft und unsere Existenz als Subjekte im Netz der Macht hinwiesen) . Ihren phänomenologischen Anspruch will die so entwickelte Methode letztlich aber in der Wahl ihres Gegenstandes einlösen: Dieser ist „nicht die Comic- oder Filmfigur, die es als Subjekt zu fixieren gilt“ (S.273), sondern die Begegnung eines realen Subjekts mit dieser Figur. In den folgenden vier Fallstudien will Hochschild demnach Begegnungen mit Figuren zum Gegenstand empirischer Film- und Comicanalysen aus einer phänomenologischen Perspektive machen.
Kapitel 6–9 beschreiben mithin auf dieser Grundlage jeweils die Begegnung mit den Figuren Noa, Riad, Harold (die in dieser Rezension aus Platzgründen übergangen werden müssen) und schließlich den zu Beginn der Abhandlung eingeführten Jordan. In Analysen je zweier konkreter Filme und Comics zeigt Hochschild, wie sich Begegnungen mit ihren Figuren analysieren lassen. Mit der Figur Jordan schließt sich der Kreis der persönliche Erfahrungen einbringenden Darlegung Hochschilds: Lint erzähle auf bemerkenswerte Weise das gesamte Leben seines gleichnamigen Protagonisten. Über weite Strecken erzähle je eine Seite des Comics von einem Lebensjahr -bis zu jenem dramatischen Wendepunkt, „an dem fünf auffällig anders gestaltete, hochkantige Seiten den gewohnten Stil und Rhythmus des Comics zersprengen.“ (S.395) Die somit beinahe taktil hervorgehobene Szene zeigt den Missbrauch an Jordans Sohn Gabriel, wobei Jordan das Kind so gewaltsam schüttelte, dass sein Schlüsselbein brach. Hochschild wird noch persönlicher: „Nicht nur Jordan wird von der Erinnerung an diese verdrängte Gewalttat überwältigt – auch ich erlebte diese Szene als visuellen und haptischen Schock, der meine Perspektive auf Jordan und mich als Leser seiner Lebensgeschichte nachhaltig veränderte.“
Er bedankt sich bei den Teilnehmer*innen des in Kapitel 1 erwähnten Workshops, sowie jenen des Kurses „Comics durch Comics denken –Einführung in Comicforschung am Beispiel von Chris Ware“, den er im Sommersemester 2019 an der Universität Wien geleitet habe. Inspirationen zu seiner Analyse würden aus den Diskussionen beider Veranstaltungen stammen. Wir stellen uns bei der Lektüre der Dissertationsschrift das angeführte Comic-Analyse-Seminar fast wie eine psychologische Therapiegruppe vor.
Bei der Analyse des Comics, dessen präsentierte Bilder teils an abstrakt gehaltene bunte Piktogramme von Ratgebern oder Hinweisschilder erinnern -im auffälligen Kontrast zu den dargestellte hochemotionalen Inhalten, konzentriert sich Hochschild zunächst auf literarisch-künstlerische Gestaltungsmerkmale: Farben, Formen und Körper, Schrift-Bild-Beziehungen, Perspektive und Seiten-Layout. Die ersten vier Gestaltungsmerkmale beschreiben Kräfteverhältnisse mikroperspektivischer Bewegungen einer Seite, das Merkmal Seiten-Layout zielt auf die makroperspektivische Analyse der Seiten als raumörtliche Systeme (S.399). 30 Seiten später werden diese Merkmale tabellarisch auf den Lebenslauf der Figur projiziert und die Poetik des Comics damit weiter entschlüsselt (S.429). Die Mondgesichter des Comics, seine Panels, die Tableaus von Doppelseiten werden zunächst akribisch untersucht. Die ‚Ich‘ und ‚Du‘-Beziehungen, die Identifikation eines Selbst und eines Anderen, werden in der Schrift-Bild-Beziehung lokalisiert:
„Mutter und Sohn gehen mittels einer auf die Mutter verweisende Sprechblase ineinander über. Sie deutet mit „jRdN“ erstmals seinen Namen an, der hier seinen Kopf ersetzt. Jordan bleibt sowohl mit dem Körper der Mutter verschränkt als auch gleichsam von ihr durch die Namensandeutung zu eben jener Identität abstrahiert. In diesem Sinne entsteht die Schrift-Bild-Beziehung abstrahierend.“ (S.406).
Der Gewaltakt bzw. das erinnern des Missbrauchs als Wendepunkt von Jordans Lebensgeschichte entfalte sich, so Hochschild, in einer eigenen Szene. Sie verändere die gewohnte Chronologie des Comics: Wo sonst eine Seite ein Jahr aus Jordans Leben erzählt, entfalte sich hier ein verdrängtes Erinnern binnen eines kurzen Momentes auf insgesamt sieben Seiten (S.431). Jordan googelt den Namen seines Sohnes Gabriel und stößt auf ein Interview, in dem der mittlerweile erfolgreiche und als homosexuell geoutete Autor von seinem neuesten, autobiografischen Werk erzählt; insbesondere von dem Missbrauch durch seinen Vater Jordan, den er darin verarbeitet. Obwohl Jordan im Verlauf des Comics längst als oberflächlich, zornig, naiv, sexistisch, misogyn oder rassistisch auftrat, so Hochschild, wurde dieser konkrete Missbrauch an seinen Kindern bis dahin nicht gezeigt. Es scheine also, „als habe der Comic diese Erinnerungen gemeinsam mit seiner Hauptfigur verdrängt und würde nun seine Figur mitsamt seinen Lesenden damit überwältigen.“ (S.432) Das Gefährliche an der Begegnung mit Jordan bestehe nicht nur darin, einem Monster gegenüberzustehen, sondern dabei sein eigenes monströses Wahrnehmen zu erfahren. Die Erfahrung des ästhetischen Kulturgegenstands Comic (Beschrieben wird auch die haptische Qualität des aufwednigen, mit Textilien gestalteten Covers), insbesondere in der unangenehmen Qualität, sei Teil einer ästhetischen und sogar genussvollen Erfahrung. „An ihr können die Lesenden im geschützten Rahmen der Begegnung mit einem Comic das Gewaltsame der eigenen Wahrnehmung erleben und erfahren, ohne tatsächlich destruktiv sein zu müssen“ (S.441, vgl. ebd. Fn.49).
Kapitel 10 „Andere Figuren, andere Begegnungen: Ein Ausblick“ rekapituliert die Analysen, etwa der Wendepunkt-Szene bei der Figur des Antihelden Jordan, die den homophoben Gewaltakt taktil plastisch machte. Der Comic bringe hier den jeder Wahrnehmung inhärenten Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche – als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung. Statt Subjekte im medialen Gewand des Films oder Comics zu sein, resümiert Hochschild, seien Film- und Comicfiguren Gegenstände der spezifischen Wahrnehmungssituationen des Film-Sehens und Comic-Lesens. Als Anderes der Wahrnehmung seien sie Gegenstände eines Feldes, das sich selbst als Anderes der Wahrnehmung und als anderes Wahrnehmen offenbart. Analysierbar würden die Begegnungen mit Figuren mithin nur aus einer Perspektive, die es vermag, dieses Feld des Film-Sehens und Comic-Lesens zu beschreiben. Sie gingen als Wahrnehmungsgegenstände hervor aus den
Situationen der Begegnungen mit Filmen oder Comics, die über die Bewegungen eines Film- oder Comic-Verhaltens adressierbar werden. (S.442) Als Teil einer phänomenologischen Methode ließen sich die Verhalten immer nur an konkreten Gegenständen beschreiben (S.444). Hochschild kommt auf die Spur eines blinden Flecks in seiner hier entwickelten Perspektive: Die offene Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien (etwa Romanen, Theateraufführungen, Videospielen), nach Figuren, die explizit keine Wahrnehmungsgegenstände eines Feldes ästhetischer Erfahrungen sind und nach der Figur als einem Phänomen, das weit über die Erfahrung des Film-Sehens und Comic-Lesens hinausgehen könne. „Eine Antwort auf die Frage nach den Begegnungen mit Figuren in anderen Medien lässt sich zumindest implizit herleiten: Sie wäre zu finden im Verhalten des jeweiligen Mediums.“ (S.445)
Mithin bringe die phänomenologische Perspektive in ihrem Fokus auf eine permanente Modulation der Wahrnehmung die Annahme mit, dass weder Feld noch Gegenstand je abgeschlossen und fixiert wären. Einzubeziehen wären unter anderem „Gespräche über Figuren beim Verlassen des Kinosaals, Diskussionen über Figuren in Internetforen, Wiederbegegnungen mit Figuren im Seriellen, in Verfilmungen, Fortsetzungen, Reboots, narrativen Universen oder anderen trans- und intermedialen Zusammenhängen bis hin zu Aneignungen und Performances von Figuren in Fan Fictions oder Cosplays.“ (ebd.f.)
Man müsse sich als bei der Werkauswahl beschränken und auf relevante Aspekte bedenken. Die Story von Lint entfalte etwa „im Verhalten seines ordnenden Spiels eine unangenehme Erfahrung.“ (S.448) Der Comic bringe damit den jeder Wahrnehmung inhärenten und hier zerstörerischen Drang danach, die Welt zu ordnen, an die Oberfläche. In der Wendepunkt-Szene stelle sich sein ordnendes Spiel als leeres Versprechen einer Welt in Ordnung heraus und mache das Streben nach ihr zum Ursprung einer missbräuchlichen Verhaltensweise (ebd.). Lint stelle dabei „eine Analogie zwischen Jordans Weltwahrnehmung und der Wahrnehmung der Lesenden her, die in jedem Versuch, Jordan und seine Taten zu verstehen, ihn in seinem ordnenden Spiel nachzueifern und so (im geschützten Rahmen dieser ästhetischen Erfahrung) den destruktiven Anteil ihrer eigenen Wahrnehmung zu erfahren.“ (S.448) Weitere Analysen und Vergleiche verschiedener Werke und von ihnen bereitgestellte Begegnungen mit Figuren werden präsentiert, bis Hochschild zur abschließenden Bemerkung kommt: Die Perspektive dieser Arbeit müsse, um ihrem phänomenologischen Anspruch gerecht zu werden, nicht nur flexibel, sondern auch unabgeschlossen bleiben.
Diskussion
Werfen wir mit dieser Dissertationsschrift einen Blick in die Erfahrungswelt der „Millenials“? Also der Kinder der zunehmend digitalen Mediengesellschaften? Es ist ein deskriptiver Blick, der uns die Dynamik heutiger Erlebniswelten vorsichtig nahebringt. Wichtig ist die Klärung des Status „fiktiver Wesen“. Der Filmtheoretiker Jens Eder definierte die Filmfigur als „wiedererkennbares fiktives Wesen“, mit einem durch Zuschreibung seitens der Betrachter entstehenden lebendigen Innenleben, die uns daher ähnlich wie lebende Menschen begegne. Die Figur ist somit Artefakt (Teil eines medialen Gegenstands), als fiktives Wesen ein Modell, lebendig geworden durch kognitive Leistungen der Zuschauenden, auch Symbol und damit Vermittler von Bedeutungen und zuletzt Symptom für ein mediales Dispositiv, das über das konkrete Artefakt hinausgeht (S. 22 f.). Diese differenzierenden Vorarbeiten, die auch Eders Figur-Natur-Dualismus kritisch reflektieren, führen zum zentralen Thema der Abhandlung, der Begegnungen mit Figuren. Sie ermöglichen Hochschild im Weiteren seine phänomenologische Perspektive unter Berufung auf Husserls und Merleau-Ponty zu entwickeln. Das hohe theoretische Niveau steht nur scheinbar im Widerspruch zum Gegenstand der besonders hierzulande eher unterschätzten Comic-Literatur.
Comics führten in der kulturbürgerlichen „Hochkultur“ und in der an diese angepassten akademischen Welt lange ein Nischendasein. Ihnen eine eigene Ästhetik abzusprechen wird jedoch nach dieser Studie schwieriger. Die (nicht nur im Feuilleton als deutlich despektierliches Pejorativ benutzte) Sprechblase etwa, so Hochschild, wird vom Comictheoretiker Lambert Wiesing als eine eigene Bildform besprochen: Sie sei das genuin comictypische Bildelement, geboren „aus dem Geist der Phänomenologie“. Denn sie bringe etwas zum Ausdruck, das jenseits vom Comic nicht existiert oder existieren kann, sie stelle eine neue Sichtbarkeit dar und nicht bloß eine Interpretation der Welt. Die Sprechblase steht damit auf einer Stufe mit so wichtigen Bilderfindungen wie der Zentralperspektive, dem Abstrakten Bild und der Collage (S. 167 f.).
Eine Sprechblase zu sehen und zu lesen, heiße weder bloß einen Reiz der Augen als narrative Information zu verarbeiten, noch ein tatsächliches klangliches Erlebnis über die Ohren zu verarbeiten. Nach Wiesing ähnele der Bezug einer Sprechblase auf eine Figur innerhalb eines Panels dem Bezug von Bildern auf die Welt, wie die phänomenologische Bildtheorie ihn denkt, was Hochschild zwar sympathisch, aber in der theoretischen Verallgemeinerung übertrieben erscheint (S. 171). Festhalten kann man hier wohl die medial-psychologische Wirkung des Bildmediums, die auf einer neuen Wahrnehmungsebene neue Erfahrungsräume öffnet.
Für Hochschild bedingt die Bewegtheit der Bildgegenstände die Wahrnehmung von Bewegung sowie die Bewegtheit der Wahrnehmung selbst: Comics werden für Lesende zur Bewegungserfahrung, denn die Bilder des Comics bleiben beim Lesen nicht starr. Sie erzeugen die Erfahrung einer Bewegung, die sich allein in den Begegnungen mit diesem Comic herstellt. Aus Hochschilds phänomenologischer Perspektive sind Figuren nicht einfach ‚da‘, sie gehen erst aus der Erfahrung einer Begegnung mit Filmen und Comics hervor. Dies betont die aktive Rolle der Mediennutzer, deutet aber auch ihre Verletzlichkeit durch medialen Konsum an. So ergibt sich wie die Figuren als Gegenstände der Wahrnehmung wirken und was die Begegnung mit ihnen ausmacht (S. 272).
Ein wichtiges Ergebnis aus diesem phänomenologischen Ausflug in die Film und Comicwelt (der dringend um weitere digitale Bilderwelten zu ergänzen wäre): In der uns umgebenden Netz- und Mediengesellschaft dringen Figuren aus visuellen Bildwelten in unsere soziale und psychische Welt vor, nehmen Rollen ein, vermitteln Werte. Dies ist keine neue Erkenntnis, hier wird sie jedoch in besonderer theoretischer Tiefe fundiert und in akribischer analytischer Praxis vertieft.
Fazit
Björn Hochschild legte hier eine differenzierte Studie vor, die fragt wie Figuren in den Bildmedien Film und Comic wahrgenommen werden, wie sie dabei durch Lektüreerfahrung und emotionale Einbindung wirken können. Zugleich lässt sie sich als Einblick die die Lebenswelt heutiger Kinder der Mediengesellschaft lesen, die auch in Jugend und Erwachsenenalter fortwirkt. Empfehlenswert ist sie auch als Hintergrundwissen für soziale, pädagogische und kulturelle Arbeit, wobei jedoch ein hoher theoretischer Anspruch bewältigt werden muss. Überzeugend belegt werden tiefgreifende Rezeptionserfahrungen des Mediums Comic, wie man sie bislang nur fübezogen auf vergleichsweise bombastische Medien wie die Oper oder den Kinofilm kannte.
Die von Hochschild hervorgehobene „Multisensorik des Comics“, die sich auf die dargestellten Welten ausweite, öffnet der Analyse auch akustische, haptische, olfaktorische oder gustatorische Sinneseindrücke am Papiermedium. Die Begegnung mit Figuren gewinnt gegenüber dem Medium Film quasi materielle Substanz und damit emotionales wie sozialpsychologisches Gewicht. Eine Erkenntnis, die das einst verfemte Genre mehr als nur rehabilitiert und die Comic-Autor*innen wie -Verlage vermutlich gerne hören werden.
Hintergrund
Dr. Björn Hochschild promovierte mit dieser Studie, der 2021 zugelassenen Dissertation an der Freien Universität Berlin; entstanden ist sie im Rahmen des Doktorand*innen-Kolloquiums der Kolleg-Forschungsgruppe Cinepoetics und des Berliner Comic Kolloquiums; erschienen als Band 12 der Reihe „Cinepoetics: Poetologien audiovisueller Bilder“, herausgegeben von Hermann Kappelhoff und Michael Wedel.
Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walther de Gruyter Verlag. Reihe: Cinepoetics – Band 12. 471 Seiten. ISBN 978-3-11-108695-8. D: 79,95 EUR, A: 79,95 EUR. Verfügbar als Open Access, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 Internationale Lizenz. https://doi.org/10.1515/9783111198019-002
(Eine gekürzte Version dieser Rezension erschien auch bei Socialnet: https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php
