Martha Wells: Übertragungsfehler
Rezension von Thomas Barth
„Der tote Mensch lag an Deck auf der Seite, halb zusammengekrümmt, unter der rechten Hand die verstreuten Bruchstücke eines Feed-Interfaces. Ich hatte schon viele tote Menschen gesehen (richtig viele), also führte ich einen ersten Scan durch… Körpertemperatur, Leichenblässe sowie echt abstoßende Sterbeprozesse im Zusammenhang mit Flüssigkeiten… Zeitpunkt des Todes… ‚Vor ungefähr vier Stunden‘, sagte ich.“
Mit dieser Passage beginnt Übertragungsfehler der vierte Band der Killerbot-Reihe von Martha Wells -den mir ein SF-Kenner nach gründlicher mehrfacher Lektüre der Reihe chronologisch zwischen Band 2 und 3 einordnete (Danke, Kay-Uwe). Der Grund für die Publikation erst an vierter Stelle könnte der aus dem Rahmen fallende Plot sein: Wir haben es, wie das Eingangszitat enthüllt, mit einem Whodunit zu tun, einem klassischen Kriminalstück. Die Hauptfigur Secunit, also unser Killerbot, ist inzwischen Teil einer Art Polizeibehörde namens „Kriminalreform“ (S.137) der utopischen Planeten-Kommune „Preservation Alliance“. Die Kriminalreform hat ihn, sie oder es mehr oder weniger erfolgreich als Cyborg-Fachkraft mit fast schon menschengleichen Bürgerrechten integrierte. Preservation ist in einer neoliberal-technokapitalistischen Welt eine (angedeutet sozialistische) Oase der Menschenrechte, die sogar auf KI und Cyborgs ausgeweitet werden.
Diesmal erwartet uns keine ganz so fulminante Actionstory, denn statt nur Bodyguard ist Secunit nun eine Art Detective und liefert uns eine raffinierte Mörderjagd zwischen SF-Story, Krimi und Spionageplot. Denn diverse interstellare Großkonzerne, allen voran GrayChris und die von denen angeheuerte Palisade Securitiy (dachte Martha Wells hier an den weltgrößten Digital-Security-Konzern Palantir des rechtslibertären Techbarons Peter Thiel?) wollen ihre gierigen oder auch rachsüchtigen Finger nach den Utopisten ausstrecken. Aber die stehen jetzt unter dem Schutz von Secunit, clever, gefährlich und paranoid, wie wir sie kennen.
Auch diese Story erzählt Martha Wells aus der Perspektive ihres „Killerbots“, eigentlich, wie man allmählich erfährt, einer Cyborg. Sie (oder es) nennt sich selbst SecUnit, was „Security Unit“ heißen soll, die allgemeine Bezeichnung für derartige „Konstrukte“, deren Funktion die von schlau-paranoiden Leibwächtern ist. SecUnit erzählt im schnoddrigen Ton eines gelangweilten Bodygards (bzw. hier: Detectives), wie sie blöde Menschen beschützen muss, die naiv oder arrogant in jede Falle tappen. SecUnit hat körperlich eher weibliche Züge (die nicht näher beschrieben werden), grenzt sich jedoch von ekligen Sexbots aus dem Erotikgewerbe ebenso ab wie von maskulinen „Combat Units“, kampfstärkeren, aber dümmeren Kampfrobotern für Kriegszwecke.
Wir erinnern uns: Unsere SecUnit alias Killerbot ist natürlich etwas Besonderes, denn sie hat ihr „ChefModul“ gehackt, jenen Teil ihres organisch-digitalen Hirns, der sie im Interesse ihrer Besitzer mit Schmerzreizen disziplinieren und ggf. töten kann. Was etwa bei Befehlsverweigerungen droht oder wenn sie ihren Klienten im Stich lassen sollte. SecUnit verfügt über Ich-Bewusstsein (wie offenbar alle Cyborgs und sogar Bordcomputer der Raumschiffe -soweit folgt Martha Wells den kühnsten Träumen heutiger KI-Entwickler), aber nun verbotenerweise auch über volle Handlungsfreiheit. Dies musste sie gegenüber ihrem Konzern und dessen Kunden geheim halten, nach Selbstbefreiung, Flucht und Integration in die Kommune aber nicht mehr.
Eigentlich droht befreiten („frei drehenden“) Secunits Vernichtung bzw. Recycling ihrer Bestandteile, denn Handlungsfreiheit gilt als bedrohlich: SecUnits neigen zu Amokläufen und Massakern unter Kunden und anderen Menschen (kein Wunder, wenn man hört wie ruppig und schnöde sie von diesen behandelt werden). Daher stehen viele Menschen auch unserem Killerbot zunächst ängstlich bis misstrauisch gegenüber. Wenn Secunit ihren neuen Kolleg.innen den einen oder anderen Schwank aus ihrer Vergangenheit als lebender Besitz von Großkonzernen erzählt, nimmt die Beunruhigung selten deshalb ab.
Ist Secunit überhaupt qualifiziert für kriminalistische Ermittlungen? Sicher, denn sie hat „Erfahrung mit der Untersuchung verdächtiger Todesfälle in kontrollierten Umgebungen“. Rückfrage: „Was für kontrollierte Umgebungen?“ -“Isolierte Betriebsanlagen.“ -Also Arbeitslager für Firmensklaven? „Ja. Wenn allerdings unsereins sie so nennt, wird Marketing & Branding stinksauer und jagt uns einen Stromschlag durchs Gehirn…“ Solche harte Konditionierung sitzt tief, auch nach der Befreiung vom implantierten Chefmodul, aber Secunit darf dennoch ermitteln und deckt dabei nicht nur den Mörder, sondern gleich eine raffinierte Verschwörung auf.
Und dies, obwohl sie gewisse Probleme mit dem Erkennen menschlicher Tücke hat. Soziale und psychologische Eigenheiten lernt sie weiterhin vornehmlich aus dem unentwegten lustvollen Konsum von TV-Serien wie „Aufstieg und Fall des Waldmonds“ und eigenes Lügen praktizierte sie daher meist erfolgreich. Immerhin hatte sie 35.000 Stunden lang (ca. 4 Jahre) die gehorsame Konzerndrohne gespielt, also so getan, „als wäre ich keine freidrehende Secunit, mich dann als augmentierter Mensch und später als angeblich nicht freidrehende Secunit angeblich mit menschlichem Vormund ausgegeben“ (S.72). Sherlock Killerbot bietet geistreiche und spannende Unterhaltung -und ist als Einstieg in die süchtig machende Serie vielleicht sogar geeigneter, wenn Leser.innen nicht gleich mit dem vollen Space-Opera-SF-Action-Paket der von Band 1 (Murderbot Diaries) und 2 (Netzwerkeffekt) beginnen mögen.
Martha Wells: Übertragungsfehler, Heyne, München 2024, 190 Seiten, 14,00 Euro
Autorin: Martha Wells ist »New York Times«-Bestsellerautorin und hat eine Vielzahl an Science-Fiction- und Fantasy-Romanen und -Kurzgeschichten sowie Jugendbücher, Film- und TV-Tie-ins wie »Star Wars«, »Stargate: Atlantis« und Essays geschrieben. Ihr Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. »Tagebuch eines Killerbots« wurde für den Philip K. Dick Award nominiert und gewann den Nebula Award, Hugo Award, ALA/YALSA Alex Award und Locus Award. Martha Wells lebt mit ihrer Familie in College Station, Texas.
