10/5/25

Mareike Ernst: Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen

Rezension von Thomas Barth

Mareike Ernst: Einsamkeit -Modelle, Ursachen, Interventionen, UTB, Ernst Reinhardt Verlag, München 2024, 234 S.

Das Phänomen der Einsamkeit wird in den letzten Jahren zunehmend als gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderung wahrgenommen, denn Einsamkeit kann krank machen: Zusammenhänge mit Schlafstörungen, Ängsten, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Sterblichkeit sind belegt. Auch ein Zusammenhang von Einsamkeit mit der Nutzung „Sozialer Medien“, des Internets oder generell digitaler Medien ist immer wieder im Gespräch.

Die Psychologin Mareike Ernst bietet in ihrem Buch Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen eine umfassende und interdisziplinäre Analyse des Phänomens Einsamkeit. Die Autorin untersucht Einsamkeit vor allem aus psychologischer, soziologischer und medizinischer Perspektive und geht dabei in einem eigenen (leider sehr knappen, aber hier genauer zu betrachtenden) Kapitel auf das Thema Digitalisierung und Einsamkeit ein.

Existenzialismus und Solitude

Ernst beginnt mit philosophischen Überlegungen zur Einsamkeit. „Existenzielle Einsamkeit“ sei ein anthropologisches Faktum, das Getrenntsein von anderen. Sie verweist auf den Existenzialismus und nennt vor allem Jaspers, Sartre und Heidegger als Philosophen, die sich damit befasst hätten, und kommt dann zur „existenziellen Psychotherapie“ von Yalom, die den Menschen helfen wolle, die existenzielle Einsamkeit zu analysieren und, soweit nicht überwindbar, zu ertragen.

Ernst kommt von intuitiven Beschreibungen der Einsamkeit durch Emotionen von Traurigkeit, Schmerz, Leere, Unverständnis, Frustration und Gefühlen von Verlorenheit“ (S.9) zu einer präzisen Definition von Einsamkeit als subjektiv erlebtes, unangenehmes Gefühl, das entsteht, wenn die sozialen Beziehungen einer Person qualitativ oder quantitativ als unzureichend wahrgenommen werden. Sie grenzt Einsamkeit von verwandten Konzepten wie sozialer Exklusion, Isolation, Alleinsein oder Depression ab und betont, dass Einsamkeit nicht zwangsläufig mit objektivem Alleinsein einhergeht, sondern vielmehr eine Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich erlebten sozialen Beziehungen beschreibt.

Im Englischen stehe, so die Autorin, neben der negativ bewerteten lonelinessdie wünschenswerte solitude, für die es keine deutsche Entsprechung gibt (S.19). Belastend und gefährlich sei besonders eine chronische Einsamkeit, die in Deutschland 5-15 Prozent der Bevölkerung betreffe (S.25). Ernst schließt ihre Kapitel mit einer Zusammenfassung, Fallbeispielen und für ein Lehrbuch nützlichen Fragen zur Selbstüberprüfung ab. Hier etwa mit: „Mona ist 39 Jahre alt und lebt in einer großen Stadt in Norddeutschland…“ (S.29).

Ursachen und gesellschaftliche Perspektive

Nach Philosophie und Epidemiologie beschreibt Mareike Ernst die Ätiologie, die Ursachen der Einsamkeit. Die evolutionäre Theorie verweise auf den Menschen als Gruppenwesen, den das negative Einsamkeitsgefühl motiviere, sich nicht zu sehr zu vereinzeln. Das Teufelskreis-Modell verweise dagegen darauf, dass einsame Menschen soziale Fähigkeiten einbüßen würden, was ihre Isolation erhöhe. Psychodynamik und Persönlichkeit wären weitere Faktoren, was integrative Ansätze ratsame erscheinen lasse (auf Probleme eklektischer Modelle geht sie nicht weiter ein).

Die Frage der Digitalisierung taucht erst im Kapitel 4 „Gesellschaftliche Perspektiven auf Einsamkeit“ auf, neben zwei weiteren involvierten „Megatrends“: Der „Überalterung“ und der „Globalisierung“. Den Begriff der Megatrends entnimmt Mareike Ernst der Zukunftsforschung, deren Prognosen nahelegen würden: „Wir leben zwar länger, sind von Tausenden von Menschen umgeben und mit Millionen anderen digital vernetzt -aber dabei möglicherweise einsamer als je zuvor.“ (S.96). Dieser These will sie sich kritisch nähern und führt Studien an, die eine Steigerung der Einsamkeit über die letzten Generationen 2019 (für die USA) nicht bestätigen konnte. Zu verzeichnen seien geänderte Bildungsverläufe und Arbeitswelt, steigende Zahlen von Single-Haushalten (1950 nur 5 Prozent, heute über 40 Prozent für Deutschland); allein bei jungen Menschen, den emerging adults (18-29 Jährige) zeigten sich leicht gestiegene Vorkommen von Einsamkeit, verstärkt zuletzt durch die Covid-Pandemie (der sie viel Aufmerksamkeit widmet, wohl weil sie dort selbst forschte). Wie steht es aber um digitale Netze und die ihnen oft attestierte Wirkung der Vereinsamung ihrer Nutzer?

Digitalisierung und Einsamkeit

Mareike Ernst gibt zu bedenken, dass die Digitalisierung und die Nutzung sozialer Medien „bidirektional und dynamisch“ sei, also ambivalente Effekte auf das Einsamkeitserleben haben können (S.99). Zwei Hypothesen dominieren demnach die derzeitige Forschung: Die Verdrängungshypothese besage, dass bei einsamen Menschen digitale Medien die Humankontakte ersetzt und damit reduziert hätten; die Stimulationshypothese gehe dagegen davon aus, dass Digitalmedien den Einsamen eher helfen könnten, ihre Beziehungen zu anderen zu halten und sogar neue Menschen kennenzulernen (ebd.).

Einerseits erleichtern digitale Plattformen und soziale Netzwerke also den Kontakt zu anderen, insbesondere für Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder in isolierten Lebenssituationen. Andererseits zeige die Forschung, dass die intensive, aber oberflächliche Nutzung sozialer Medien das Gefühl von Einsamkeit sogar verstärken kann. Es zeigen sich entsprechende Ergebnisse in der Forschung, besonders bezüglich junger Menschen auf Social Media wie Instagram oder TikTok -was die Verdrängungshypothese stütze. Es sei in den Studien jedoch nicht zu unterscheiden, ob Einsamkeit durch die Mediennutzung gefördert würde oder ob Einsame vermehrt zu Digitalmedien greifen (S.100). Aus ihrer Sicht mangelt es derzeitiger Forschung auf diesem Gebiet an Längsschnittstudien, die Mediennutzung und Einsamkeit über einige Jahre hinweg an denselben Personen untersuchen. Sie bedenkt jedoch nicht, dass dabei die kurzen Innovationszyklen und ein entsprechend schnell sich wandelndes Nutzungsverhalten ein Problem sind. Angesichts aktueller pädagogischer Debatten um digitale Nutzungsbeschränkungen für junge Menschen fällt das Kapitel mit kaum drei von 200 Seiten leider sehr knapp aus, was auf die Notwendigkeit vermehrter interdisziplinärer Zusammenarbeit in der Einsamkeitsforschung hindeutet.

Der Nestor soziologischer Technikfolgen-Forschung, Arno Bammé, vermerkte etwa jüngst: „Das aktuell diskutierte Phänomen pandemischer „Einsamkeit“ ist nichts anderes als die Kehrseite der Medaille grenzenloser Individualisierung, ein sozialstrukturelles Phänomen analog dem der „strukturellen Gewalt“ (Galtung 1975)…“ (Fn.20, S.20). Bammé legt in seinem Buch „Sprache, Technik, Ökonomie: Von der analogen ‚Gemeinschaft‘ zur digitalen ‚Gesellschaft’“ (2024) umfassend dar, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in die Sozialgeschichte eingebettet sind -bis hin zur Prognose, dass wir derzeit in einem Epochenbruch stehen, der nur mit der „neolithischen Revolution“ (der Einführung von Ackerbau und Viehzucht) vergleichbar sei. Diese soziale Revolution, das Sesshaftwerden, hätte unsägliche Probleme über die damaligen Menschen gebracht: Kriege, Seuchen, ungerechte Eigentumsverhältnisse; analog würde uns derzeit die Revolution der Digitalisierung bislang noch kaum abschätzbare Probleme bescheren -darunter wohl auch die Einsamkeit, das einsame Sterben in der Stadt und ein immer mehr kommerzialisierter Umgang mit dem Tod.

Gesellschaftliche Folgen von Einsamkeit

Die gesellschaftliche Perspektive, so Mareike Ernst, sei bislang wenig beleuchtet, weil Einsamkeit als individuelles Problem gelte. In US-Umfragen wäre eine Korrelation mit konservativen Einstellungen gefunden worden, in deutschen und niederländischen Studien wäre Einsamkeit mit Entpolitisierung einhergegangen, bis hin zu geringerer Wahlbeteiligung. Im Covid-Kontext korrelierte Einsamkeit mit stärkerer Zustimmung zu „allgemeiner Verschwörungsmentalität“, Einkommen und Bildungsgrad wären dafür jedoch stärkere Faktoren gewesen. Eine Studie an deutschen Jugendlichen und Jungerwachsenen habe jedoch Einsamkeit korreliert mit politischer Radikalisierung und „Verschwörungsnarrativen“ gesehen (S.107). Dauerhafte Isolation und Einsamkeit könne folglich gesellschaftliche Werte erodieren, Partizipation und sozialen Zusammenhalt reduzieren und seien daher als Gefahr für die Demokratie zu sehen (S.109).

Zur Frage von Einsamkeit und Gesundheit verweist Ernst auf komplexe Wechselwirkungen mit psychischen und physischen Faktoren wie Vorerkrankungen, Mobilität, Übergewicht, Schlafqualität, Alkohol- und Tabakkonsum. Als ausgewiesener Stressfaktor verstärke Einsamkeit deren negative Wirkungen und werde selbst durch sie beeinflusst. Bei Forschungsmethoden setzt sie überwiegend auf quantitative Methoden, legt einen Schwerpunkt aber auf Behandlungsmöglichkeiten. Hier sieht sie kognitive Interventionen als bislang erfolgreichsten Weg, wobei den Patienten deren toxische Selbstwahrnehmung sowie Wahrnehmung anderer Menschen klarzumachen sei und ihre Erwartungen an Beziehungen Thema wären. Weniger erfolgreiche wären psychoedukative Anleitungen für bessere Sozialkompetenz und Beziehungsanbahnung gewesen (S.209).

Fazit: Das Buch zeigt, dass Einsamkeit erhebliche negative Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit hat. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen sowie einer insgesamt verminderten Lebenserwartung. Psychologisch wird Einsamkeit mit Gefühlen der Wertlosigkeit, Selbstzweifeln und sozialer Angst assoziiert, was wiederum die soziale Teilhabe erschwert und somit einen Teufelskreis erzeugt. Ernst betont also, dass die Digitalisierung zwar neue Möglichkeiten der Vernetzung bietet, aber auch Risiken birgt, insbesondere wenn sie zu einer Verringerung direkter sozialer Interaktionen führt. Zusammenfassend sieht Mareike Ernst die Digitalisierung als einen Faktor, der Einsamkeit sowohl lindern als auch verstärken kann – je nachdem, wie sie genutzt wird und in welchem sozialen Kontext sie eingebettet ist.

Mareike Ernst: Einsamkeit -Modelle, Ursachen, Interventionen, UTB, Ernst Reinhardt Verlag, München 2024, 234 S., 39,90 Euro, ISBN 978-3-8252-6229-7

Quellen

Arno Bammé: Sprache, Technik, Ökonomie: Von der analogen ‚Gemeinschaft‘ zur digitalen ‚Gesellschaft‘, Metropolis-Verlag, Marburg 2024.

Susanne Loke: Einsames Sterben und unentdeckte Tode in der Stadt. Über ein verborgenes gesellschaftliches Problem, transcript, Bielefeld 2023.

Thomas Barth: Filmkritik – Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an.

12/18/21

Ein Philosoph mit BigBrotherAward: Public Intellectual (2021)

Der BigBrotherAward 2021 in der Kategorie „Public Intellectual“ geht an den Philosophen und stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Julian Nida-Rümelin für seine öffentlich mehrfach geäußerte unhaltbare Behauptung, dass Datenschutz die Bekämpfung von Corona erschwert und Tausende von Toten zu verantworten habe.

Laudator.in: padeluun, Digitalcourage Video:DigitalcourageCC-BY 4.0

Der BigBrotherAward in der Kategorie „Public Intellectual“ geht an den Philosophen und stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Julian Nida-Rümelin, für seine öffentlich mehrfach geäußerte unhaltbare Behauptung, dass „der Datenschutz“ die Bekämpfung von Corona erschwert und Tausende von Toten zu verantworten habe.

Natürlich benötigen die Missklänge um die Corona-Pandemiebekämpfung einen Widerhall bei den BigBrotherAwards. Und ich habe lange gebraucht, um zu entscheiden, welchen Namen ich hier als Preisträgerin oder Preisträger nennen möchte. Über Coronapolitik, Sinn und Unsinn gibt es eine Menge zu sagen – was leider auch viele tun. Da komme ich auch noch zu.

Aber erst einmal meine Begründung, warum ich über Herrn Nida-Rümelin wirklich erzürnt bin.

Er sagte und wiederholte die Ansicht, dass (ich fasse da mal zusammen) „in Deutschland der Datenschutz eine vernünftige Warn-App verhindere. Anders als in Südkorea, wo man die Pandemie mit Apps ohne Datenschutz super in den Griff bekommen habe“.

Der Journalist Markus Beckedahl bezeichnete diese Sichtweise als „Talkshow-Mythos“ 1. Demnach wird die App in Südkorea nämlich vor allem dazu eingesetzt, um die Quarantänebestimmungen einzuhalten, weniger dazu, um Infektionsketten nachzuverfolgen und zu unterbrechen. Und der Blogger Linus Neumann, der hier an dieser Stelle auch schon einmal eine Laudatio gehalten hat, ergänzt2: „Die südkoreanische App hatte Ende Juli ein schweres Datenleck und Südkorea kämpft gerade mit der zweiten Welle. Einen Ausbruch im August hat Korea hingegen unter Kontrolle gebracht – mit einem Lockdown. Auch dieser ‚Erfolg‘ kann also nicht als argumentative Grundlage dienen für das, was Nida-Rümelin behauptet.“

Auch sonstige Behauptungen Nida-Rümelins zerpflückt Linus Neumann genüsslich in seinem Blog3.

Was treibt einen anscheinend klugen Mann wie Nida-Rümelin dazu, sich im Fernsehen, Radiosendungen, in Zeitungen dazu auszulassen, dass der Datenschutz „Tausende Corona-Tote zu verantworten hätte“? Wie klein muss sein großer Geist sein, damit der ihm nicht noch mal eine Warnung zuflüstert, bevor er so eine offensichtliche Dummheit in die Welt hinausruft?

Herr Nida-Rümelin ist Philosoph, Politiker, ehemaliger Kulturstaatsminister, stellvertretender Vorsitzender der Ethikrats. Dortselbst ist er Presseansprechpartner für Digitalisierung.

Schon im Mai letzten Jahres ließ er sich auf SWR14 aus. Im September 2020 haben wir das für die BigBrotherAwards noch ignoriert. „Don’t make stupid views famous.“ Leider hat der Denker Nida-Rümelin diese Chance nicht zum Denken genutzt. Bei der Unterhaltungssendung „Anne Will“5 im Dezember 2020 wiederholte er seine falschen Parolen gegen den Datenschutz.

Und dann, im März 2021 – da waren alle Fakten, auf die er sich gestützt hatte, längst komplett widerlegt – verbreitete er seine alternativen Meinungen erneut, diesmal über die Deutsche Presseagentur. Da dachte ich dann wirklich: Ach, Philosoph, hättest Du doch geschwiegen …

Nein, Julian Nida-Rümelin und Ihr anderen „Anti-Datenschutz“-Apologeten: Datenschutz tötet nicht. Datenschutz ist die dünne Membran, die uns alle vor der Barbarei staatlicher und kommerzieller Übergriffigkeiten schützt.

Datenschutz, beziehungsweise ‚Informationelle Selbstbestimmung‘, beziehungsweise „Menschenschutz“, vom Bundesverfassungsgericht 1983 aus den ersten zwei Absätzen des Grundgesetzes abgeleitet, seit der Inkraftsetzung der Datenschutzgrundverordnung ein weltweiter Innovationsmotor, ist ein Thema, das wie kein anderes das geschulte philosophische Denken fordert, weil diese verdammte digital vernetzte Welt nun mal nicht mit Hämmern und Nägeln vergleichbar und nicht mit mechanischen Modellen darstellbar ist.

Wir haben in den vergangenen 4 Jahrzehnten die Darstellung unserer Welt und unsere Kommunikation darüber in Nullen und Einsen zerlegt. Es sind Stromschwankungen, die potenziell gleichzeitig an Millionen und Milliarden Orten bis hinein in den erdnahen Orbit und das Universum gleichzeitig kopiert werden – völlig ohne dass das an der Ursprungsstelle erfahrbar ist.

Was das fürs Menschsein bedeutet, haben Sie, Herr Nida-Rümelin – genauso wie die anderen Schwachmaten, die zurzeit ein digitales Pro-Terrorgesetz nach dem anderen verabschieden – noch lange nicht durchdrungen. Darüber muss man nachdenken, bevor man den Erwachsenen reinredet. Da muss man zuhören, wenn die Erwachsenen drüber reden. Da muss man seinen Verstand gebrauchen, wenn man der Gesellschaft weiter helfen will.

(Ich bitte die Arroganz der vorstehenden Sätze zu entschuldigen: Sie sind meiner Verzweiflung geschuldet.)

Digitaler Menschen- und Gesellschaftsschutz braucht Präzision.

Ja, ich benenne das Wort Datenschutz jetzt mal zum besseren Verständnis um. Denn Datenschutz bedeutet nicht, dass Daten geschützt werden müssen – das wäre Datensicherheit – sondern, dass Menschen und Gesellschaft Schutz brauchen.

Also nochmal: Digitaler Menschen- und Gesellschaftsschutz braucht Präzision.

Digitaler Menschen- und Gesellschaftsschutz braucht geschultes Denken.

Digitaler Menschen- und Gesellschaftsschutz braucht Philosophie.

Das denkt sich nun mal nicht so schnell zwischen Häppchen und Interview.

Ich erwarte von einem studierten und lehrenden Philosophen, dass er nicht einfach wie jeder andere dahergelaufene Verschwörungsheini undurchdachten Blödsinn in die Welt hinausbläst. Oder erwarte ich da einfach zu viel? Hat mir mein gefährliches Halbwissen von Platons Traum der „Philosophenherrschaft“ schon selbst den Verstand vernebelt, so dass ich jetzt ent täuscht bin über meine Vorstellung von einer Denk-Elite, die nicht mehr als ungare Plattitüden ’raushaut?

Ich möchte hier auf gar keinen Fall einer keimenden Intellektuellenfeindlichkeit das Wort reden. Im Gegenteil.

Natürlich gehört es zum Beruf eines Philosophen, steile Thesen zu proklamieren – aber es gehört auch dazu, sich dem Diskurs zu stellen und diese Thesen prüfen und angreifen zu lassen, und aus dem Diskurs zu lernen. Und das Gelernte muss dann anschließend in neue Thesen eingebaut werden. Und dann, wenn man in vielen nervigen und beflügelnden Diskursen Festigkeit in seiner These erlangt hat, dann erst strebt man zu der großen Bühne und gibt das in die Gesellschaft, was die Gesellschaft als Gesamtes weiterbringt. Man wiederholt auf der großen Bühne nicht ein Jahr lang dumme Behauptungen – und schon gar nicht, wenn deren Faktenbasis inzwischen Stück für Stück komplett widerlegt worden ist.

Wumms.

Und jetzt frage ich mich, was mich selbst denn so von Herrn Nida-Rümelin unterscheidet (abgesehen davon, dass ich meinen Beruf als Künstler bezeichne). Ich stelle mich auch auf mehr oder weniger große Bühnen und postuliere Erkenntnisse. Aber auch, wenn ich das nicht wahrhaben will, bin ich auch nur ein älterer Herr, der ab und an ganz schön sauer ist und durchaus das Mitteilungsbedürfnis hat, andere an dieser Mißstimmung – mit dem Ziel der Verbesserung – teilhaben zu lassen.

Wenn ich mich in der Corona-Diskussion umgucke, sehe ich eine Kakophonie von vielen Herren und ein paar Damen, die einem ihre Erkenntnisse und Ansichten mit Kraft der von ihnen genutzten Medien um die Ohren hauen möchten. Schulen auf? Ja! Schulen zu? Ja! Lockdown? Ist doch gar kein Lockdown! Alles zumachen! Alles aufmachen? Spahn macht alles falsch! Datenschutz stinkt! Die Luca-App ist Betrug! Du genderst falsch! IP-Nummern sind keine personenziehbaren Daten! Doch, sind sie! Corona ist eine Absprache des World Economic Forums. Die wollen nur ID2020 durchbringen. Und Billionen über Impfungen einsacken. Putin ist ein lupenreiner Demokrat. Versammlungen sind grundsätzlich verboten. Das war doch nur satirisch gemeint!

In dieser Kakophonie hat Julian Nida-Rümelin als Denker mitgemacht. Und um es ganz schlicht auszudrücken: Er war nicht hilfreich.

Sollte ich Mitleid mit ihm haben, Verständnis zeigen? Ich kann es mal versuchen. Da stehen wir armen Toren, und ohne, dass es blitzt und donnert oder Asche regnet, bricht da eine Pandemie aus. Wir können sie nicht riechen, nicht schmecken. Wir können uns nicht in Feuersbrünste werfen und heldenhaft Frauen und Kinder retten. Wir sind dazu verdonnert, zur Seite zu gehen und Fachleute machen zu lassen.

Er und ich sind keine Pandemiefachleute.

Deshalb interessiert sich auch niemand für uns. Wir sind gar nicht gefragt. Das einzige, was ich Leuten hätte sagen können, war: Ich habe wissenschaftlich arbeitende Menschen in meinem Freundeskreis, die können Statistik verstehen und die sagten mir zu Beginn der Pandemie: Bunker Dich erst mal ein. Zumindest, bis weitere Informationen da sind.

Und dann hat man ein bisschen Zeit, um das Seuchenschutzgesetz zu lesen. Dann versteht man den gesetzlichen Auftrag des RKI. Versteht plötzlich den Unterschied zwischen Katastrophen- und Bürgerschutz. Man weiß dann, dass Seuchenschutz Länderrecht ist. Und dann entdeckt man, dass die Gesundheitsämter überhaupt nicht für die Bewältigung einer Pandemie aufgestellt sind. Dass in den vielen Jahren Gesetzgebung nichts getan wurde, um einer Pandemie zu begegnen. Aber es wurde ein schwachsinniges Gesetz nach dem anderen für den Fetisch „für mehr Sicherheit“ gemacht. In den Gesundheitsämtern sitzen sie mit Papier und Bleistift, Faxgeräten und Wählscheibentelefonen und schaffen es nicht, die Informationsmengen und Anforderungen, die auf sie einstürmen, zu bewältigen. Hier blicken wir auf mindestens 30 Jahre Staatsversagen. Und dann kam noch der Kanzlerkandidatsmachtkampf der CDU dazu, der nicht hilfreich war. Weil unter dem Eindruck dieses Machtkampfes nie klar war, welche Maßnahme wirklich sinnvoll war und welche nur den Gockeleien geschuldet war …

Aber der Datenschutz ist schuld? Ja?! Echt mal!

Ich weiß nicht, ob jemand hier im Raum mal auf einer „Corona-Leugner“-Demo war. Ich war es. Ich habe meinen Presseausweis eingesteckt, meinen Mundschutz aufgesetzt, und ich habe dort mit vielen Leuten gesprochen. Menschen, wie du und ich. Menschen, bei denen ich mir auch vorstellen konnte, dass sie auf einer unserer Demos mitlaufen könnten. Aber auch Menschen, denen geistige Führung fehlt, um eigenständig sein zu können. Die durch das, von dem sie denken, dass es Korruption sei, dieses Haudrauf-Gesetzemachen ohne Sinn und Verstand, so verunsichert sind, dass sie zu der nächstbesten wohlfeilen Erklärungsalternative greifen.

Ich kann es ihnen nicht wirklich verdenken. Zumal immer mehr Verwirrprofis Morgenluft wittern und nicht nur die dummen Klugen, sondern nun auch die bösen Schlauen mitspielen im Verwirrspiel. Die Leute da sind (mal von den komplett Verstrahlten abgesehen) wirklich überzeugt von ihren Einstellungen, von ihren Zweifeln und den ‚alternativen‘ Informationen, die sie sich einverleibt haben. Das sind die Menschen, die von denen, die fürs Denken bezahlt werden, allein gelassen worden sind. Nicht nur allein gelassen: Sie wurden dem strukturellen Populismus6 der sozialen Hetzwerke ausgeliefert. Allein gelassen nicht nur von Herrn Nida-Rümelin, sondern auch von den anderen Herren (und Damen) seines Kalibers.

Deshalb haben wir auch die Kategorie „Public Intellectual“ eingeführt – weil wir eigentlich so dringend Menschen brauchen, die denken können und anderen damit Wege weisen. Wie bitter, wenn Menschen wie Herr Nida-Rümelin diesen Auftrag so schändlich für billigen Populismus verraten.

Viele haben in dieser verfluchten Corona-Pandemie mit den notwendigen Einschränkungen von Freizügigkeit und existenzbedrohenden finanziellen Verlusten hier und da Dinge von sich gegeben, die man bei klarem Verstand so nicht gesagt hätte. All denen gegenüber müssen wir Barmherzigkeit walten lassen. Den Schauspielern, die sich jetzt für ihre komische Aktion schämen. Und den Leuten, die als Querdenker.innen ein paar gewissenlose Hetz-Trolle reich gemacht haben. Und die dabei nicht gemerkt haben, dass der Gebrauch ihres eigenen Verstandes eine Zeitlang in die Irre geführt hat. Ihnen allen – auch Herrn Nida-Rümelin – möchte ich zurufen: Wer A sagt, muss nicht immer wieder A sagen. Man kann auch erkennen, dass A falsch war.

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch, Julian Nida-Rümelin, zum BigBrotherAward 2021.

Jahr 2021

Kategorie Falsche Propheten

Laudator.in

padeluun, Digitalcourage

padeluun ist Künstler, hat Digitalcourage mitgegründet und ist seit 2024 Künstlerischer Leiter. Digitalcourage setzt sich seit 1987 für eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter ein und veranstaltet seit 2000 die BigBrotherAwards in Bielefeld.

Siehe auch die Kritik am Abwiegeln Nida-Rühmelins zum Armutsbericht 2026.