03/11/24

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft. Ein Erfahrungsbericht, Textem Verlag 2023

Buchkritik von Thomas Barth

Computer- und Machtnetze unserer technologischen Gesellschaften hängen am Wissenschaftssystem, dessen Anspruch auf Enthaltsamkeit in Machtfragen und neutrale Wahrheitsfindung Teil einer behaupteten Objektivität darstellen. Doch wie steht es um die internen Machtnetze im akademischen Betrieb? Und was heißt das generell für Bildung und Ausbildung der geistigen Elite? Unternehmen klagen unentwegt über den Fachkräftemangel, unsere Gesellschaft, unser Bildungssystem produziere zu wenig qualifizierten Nachwuchs. Doch straffe Hierarchien, prekäre Arbeitsbedingungen, jahrzehntelange Befristung und Machtmissbrauch im Wissenschaftsbetrieb machen die Universitäten manchmal zum Albtraum für Post-Docs. Das Beispiel einer anfangs enthusiastischen Studentin, später beinahe habilitierter Privatdozentin dokumentiert Karrierewahn, bis zu Hass und Sabotage gesteigertes Konkurrenzverhalten, Mobbing durch konspirierende Kolleg:innen, bürokratische Leitungen und selbstherrliche Professor:innen. Die Wissenschaft wird hinsichtlich ihrer menschenfeindlichen Organisation, aber auch ihrer generellen Achtlosigkeit gegen Mensch, Natur und Umwelt einer scharfen Kritik unterzogen.

Die Autorin legt in 22 Kapiteln ihre Erfahrungen und ihre Kritik vor, die Kapitelüberschriften zeichnen ihre akademische Karriere nach: Biologiestudium. Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft: Die goldene Zeit. Vom Promovieren und Projektbeantragen; Das ungrüne Pflanzeninstitut mit dem Drogenhersteller. Labortechnik, Chaos, Rechtlosigkeit; Das Institut des Monsterprofessors. Kalbshirne und Drangsalierungen; Ein kurzes Aufflammen guter wissenschaftlicher Arbeit; Das Institut der Professorenfreundin, der Hirsch-Index, die Gutachter und das Publizieren; Das Institut, das mir einen glorreichen Beginn und ein schreckliches Ende bescherte; Geräteherrscherinnen und Gerätefieber; Von Sprühnadeln und Polaritätswechseln: Der Themenklau; Der Folgeantrag und das Intermezzo mit der Haushaltsstelle. Anspannungs- und Angstzustände, Arbeitsschutz und Großgeräte; Wie ich die Gunst meines Habil-Papas verlor. Was ist eigenständige Forschungstätigkeit, Co-Autor*innen und die Huldigung ranghöherer Wissenschaftler*innen; Ich rette mich von der Haushaltsstelle auf die nächste Projektstelle. Erpressungsversuche, Arbeitszeitregelung, Fehltage, Dienstreisen, Atembeschwerden; Explosion geballter negativer Energie. Drohbriefe, Diffamierungen, Mobbing; Einzelzimmer; Das verspätete Habil-Gutachten, Flucht aus dem System; Coda. Was übrig bleibt; Ökologische Aspekte naturwissenschaftlicher Forschungsarbeit. Hochleistungstechniken, Stromverbrauch, Gifte; Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und die Industrie; »Wagnis Wissenschaft«; Die zwingend erforderliche Arbeitswut und der Reproduzierbarkeitswahn; Nötige Voraussetzungen für eine Karriere im Wissenschaftssystem; Die arbeitslose Wissenschaftlerin. Rückkehr zur Naturverbundenheit; Literaturverzeichnis.

Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft

Schon das erste Kapitel „Das Biologiestudium. Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft” zeigt grundsätzliche Kritik der Autorin an methodischer Entfremdung, am Umgang mit der Natur und ethische Bedenken hinsichtlich des Tierschutzes: Ein wichtiger Grund für ihre Spezialisierung auf Botanik. Die digital entfremdete Wissenschaft verbrauchte 2012 Jahr allein im Freistaat Sachsen 73.000 Tiere für wissenschaftliche Zwecke. Schon im zoologischen Grundpraktikum des Biologie-Grundstudiums würden Ratten und Frösche getötet und, zum Zwecke des Studiums ihrer Eingeweide, zerstückelt, oder „um an einem herausgerissenen Beinchen elektrisch ausgelöste Zuckungen zu beobachten” (S. 11).

Eine technisierte Naturwissenschaft entferne sich von der Natur und preise sie zugleich als ihr Untersuchungsobjekt. Die von ihr zu lösenden Probleme seien auch Folge unserer industrialisierten Lebensweise: „Erst verdrecken wir die Natur und dann wühlen wir im eigenverschuldeten Dreck herum, um diesen genauestens zu charakterisieren und uns viel darauf einzubilden, wie großartig wir dazu in der Lage sind.” (S. 14) Im nächsten Kapitel folgt die „Goldene Zeit” ihrer Doktorarbeit, in der sich das -bis auf den Tierschutz- glückliche Studium fortsetzte. Die „Technomanie” strahlte zwar in „aseptischem Glanz” (S. 18), aber die Forschung an der Wirkung von Arsen auf das Pflanzenwachstum in verseuchten Böden war auch eine sinnvolle Tätigkeit. Danach als Post-Doc begann das institutionelle Elend: Die Jagd auf immer nur ein bis zwei Jahre befristete Stellen, bis man „schließlich aus dem System entsorgt” wird (S. 21) in einer oft unangenehmen Laborwelt.

Kapitel Drei „Das Institut des Monsterprofessors. Kalbshirne und Drangsalierungen“ beschreibt einen anscheinend psychopathischen Professor als Vorgesetzten, der die Autorin durch fortgesetztes Mobbing in die Krankmeldung treibt. Selber fachlich unfähig, verlangt er von seinen Untergebenen höchsten Einsatz und die Kompetenzen, die ihm selbst fehlen. Demütigende Kritik, unfaire, herabwürdigende Beurteilungen und aggressive Beschimpfungen sind sein Kommunikationsstil, der die Autorin zuerst in widerständige Opposition und dann, auch mangels solidarischer Kolleg:innen, in eine psychische Krise treibt. Zuvor hatte sie bei diversen Institutionen und Personen um Hilfe nachgesucht: Der Ombudsmann für wissenschaftliches Fehlverhalten riet zu mehr Freizeit mit den Kollegen, die sich am Mobbing jedoch teils begeistert beteiligten. Die Frauenbeauftragte, eine Chemieprofessorin, erzählte ihr zum Trost von der eigenen, gescheiterten Ehe „und wie auch sie unter den Männern leiden musste“. „Die Gleichstellungsdame der Fakultät ermahnte mich, die geschilderten Zustände bloß nicht weiterzuerzählen.“ (S. 39)

Mikrophysik akademischer Macht

Doch es kommt noch schlimmer: Ein glücklich ergattertes Habil-Stipendium der DFG führt ins Dilemma der Mikrophysik akademischer Macht. Zunächst geht es um den kleinlichen Kampf um Zugang zu teuren Laborgeräten; eine Kollegin nennt die Autorin die „Geräteherrscherin”, weil sie den Zugang kontrolliert und willkürlich verweigert. Dann um die Jagd nach Publikationen, die den eigenen „1Hirsch-Index” hochtreiben, einen bibliometrischen Wert aus Anzahl der Artikel und Impact-Faktor der betreffenden Fachzeitschrift (S. 52). Schließlich um die Nennung ihres “Habil-Papa” genannten Professors bei ihren Fachpublikationen. Das Mobbing am Institut läuft über Gerüchteverbreitung, Beschwerdebriefe an Vorgesetzte, Verleumdungen, Beleidigungen bis hin zu einem anonymen Drohbrief, der sogar die Polizei beschäftigt. Die Forschungsarbeit leidet wie auch die Nerven der Biologin, die am Ende trotz genug Lehre und Forschung, ausgewiesen durch zahlreiche Fachartikel, sowie bester Bewertung durch zwei externe Professoren von ihrem eigenen Habil-Betreuer um die Karriere gebracht wird.

Ihr Fazit ist erschreckend: Das Wissenschaftssystem sei durch steile Hierarchien geprägt, weshalb für eine erfolgreiche Wissenschaftslaufbahn (für Naturwissenschaftler:innen) folgende Eigenschaften als förderlich zu notieren wären: schwere Computersucht; Fähigkeit zum Denken in starren Mustern und Bahnen; gedankenlose Verantwortungslosigkeit gegenüber Natur und Mitmenschen; Bereitschaft zur kritiklosen Affirmation des naturentfremdeten, naturzerstörenden wissenschaftlichen Systems; Fähigkeit zum Übersehen und Wegerklären von Forschungsergebnissen, die nicht ins derzeitige Wissenschaftsmodell hineinpassen; ausgeprägtes Konkurrenzdenken, das sich bis zum Kolleg*innenhass steigert; uneingeschränktes Untertanentum hinsichtlich des Umgangs mit Professoren und Arbeitsgruppenleitern sowie bedingungslose Unterordnung unter ihre Anweisungen; freiwilliges unwidersprochenes Übernehmen unentgeltlicher Aufgaben; widerspruchslose Akzeptanz vollkommener Recht-, Perspektiv- und Bedeutungslosigkeit der eigenen Person; Erdulden völliger Nichtigkeit der eigenen Ausbildung, Qualifikation und Arbeitsleistung (S. 148 f.).

Diskussion

Anne Christine Schmidt hat in ihrer mutigen Beschreibung aus einem Nähkästchen geplaudert, über das Wissenschaftler gewöhnlich den Mantel des Schweigens breiten. Man glaubt beinahe, es mit einer absonderlichen Sekte zu tun zu haben, die von ihren Jüngern totale Unterwerfung erwartet und ihnen eine Gehirnwäsche zuteil werden lässt. Dabei geht es um gesellschaftliche Privilegien, reiche Pfründe und großes öffentliches Ansehen, für das mit unfairen Mitteln gekämpft wird. Beispiel Publikation: Professoren, Laborleiter usw. erwarten sehr oft bei Fachartikeln als Autoren genannt zu werden, ohne echte Mitarbeit, nur für ein „Korrekturlesen”. So kommen absurd lange Publikationslisten zustande, die nicht auf wissenschaftliche Kompetenz oder Forscherfleiß verweisen, sondern auf skrupellosen Machtmissbrauch.

Bei der DFG hatten einige Begutachter dieses Problem des Machtmissbrauch zwecks wissenschaftlich-publizistischen Schmarotzertums scheinbar erkannt. Man forderte mehr „eigenständige Forschungstätigkeit” unserer Habilitandin dergestalt, dass sie ihrem Professor nicht mehr diese übliche Huldigung ranghöherer Wissenschaftler*innen zuteil werden lassen solle. Im Kapitel „Wie ich die Gunst meines Habil-Papas verlor” beschreibt sie, wie dieser darauf sauer reagierte und ihr das Leben zur Hölle machte. Der DFG-Gutachter hatte womöglich nicht bedacht, dass die Huldigungen mit nicht gerechtfertigten Autorschaften auf Machtmissbrauch beruhen und genau diese Macht sich nach seiner Intervention gegen den habilitierenden Nachwuchs richten würde. Die DFG ist selbst ein eher undurchsichtiger Verein, der jährlich milliardenschwere Staatsgelder an Antragsteller aus der Wissenschaft verteilt -sie ist rechtlich tatsächlich wie ein Kaninchenzüchterverein als e.V. organisiert. Anne Christine Schmidt wurde womöglich ein wohl gutgemeinter Versuch, für mehr Ehrlichkeit in der Wissenschaft zu sorgen, zum Verhängnis.

Sie hat hier gezeigt, wie die akademische Welt universitärer Forschung nicht nur die Freude am eigenen Fachgebiet, sondern an der Wissenschaft allgemein und zuletzt am eigenen Leben selbst abtöten kann. Ein von engstirniger Personal- und Einstellungspolitik geprägter Arbeitsmarkt tut ein Übriges, um hochqualifizierten Nachwuchs in Depressionen, Resignation und schließlich beruflichen Ausstieg zu treiben. „Zusammenfassung: Ich bin überqualifiziert und überspezialisiert und dadurch ungeeignet für die auf dem Arbeitsmarkt verfügbaren Arbeitsplätze.” (S. 153)

Seelisch beruhigt hätte vielleicht eine geisteswissenschaftlich fundierte Reflexion der Problematik: Die Lektüre der Biologin und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway hätte womöglich zu mehr Distanz und Überblick verhelfen können. Haraways Analyse des pariarchalen „modest man”, auf dem historisch der Objektivitätsanspruch moderner Naturwissenschaft basiert, hätte Schmidt zumindest die von ihr als „geisttötender Faktor” (S. 56) erlebte Verwendung des Passivs in Fachtexten vermutlich humorvoller und vor allem Macht- und Patriarchatskritischer erklärt als die Fachkolleg:innen in Zeitschriftenredaktionen (siehe Haraway-Rezension).

Fazit: Das kleine, sehr persönlich geschriebene Buch gibt einen intimen Einblick in die Abgründe der akademischen Wissenschaftspraxis, besonders der Labore. Es kritisiert Arbeitsklima, Abläufe und Haltung akademischer Biologen zur Natur, die Anwendung ihrer Ergebnisse in der Industrie und weiter unsere industrialisierte Lebensweise. Es richtet sich an Studierende der Naturwissenschaften, an Geisteswissenschaftler, die Naturwissenschaftler erforschen, aber auch allgemein an wissenschaftskritisch Interessierte.

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft. Ein Erfahrungsbericht. Reihe: Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden – Band 34, Textem Verlag 2023. 155 Seiten. ISBN 978-3-86485-286-2. D: 16,00 EUR.

Dr. rer. nat. Anne Christine Schmidt studierte Biologie, promovierte und ging als Post-Doc in die Forschung, wo sie neun Jahre lang für ihre Habilitation arbeitete, bevor sie durch ihren Beruf physisch und psychisch erkrankte und sich stattdessen der Arbeit als Gärtnerin widmete. Ihr Ausstieg erfolgte im Alter von 39 Jahren, nachdem ein ihr übel gesonnener Habil-Gutachter sein Gutachten offenbar im Einklang mit Universität und Institut jahrelang verschleppte und ihre Habilitierung mit allen Mitteln hintertrieb. Ihre als Albtraum erlebten Erfahrungen im Berufsfeld Wissenschaft beschrieb sie im vorliegenden Buch: „Ich arbeitete seit dem Beginn meiner Promotion wie eine Besessene an meinen Forschungen, veröffentlichte Publikation auf Publikation, kämpfte um Forschungsgelder und sprang von Stelle zu Stelle.”

12/13/19

The Professor and the Madman

Filmkritik von Thomas Barth

Ein pralles Historiendrama über ein erstaunliches Thema: Das erste umfassende Wörterbuch Oxford English Dictionary. Es geht um die Bändigung der führenden Kolonialsprache, vor welcher die Gelehrten Oxfords kapitulierten, die aber ein schottischer Autodidakt und ein paranoider Wundarzt meisterten.

Der Film The Professor and the Madman beginnt mit einem Knalleffekt. Ein viktorianischer Gentlemen zückt wutentbrannt im nächtlichen London seinen Colt und feuert auf einen Passanten. Er glaubt sich verfolgt, jagt den vermeintlichen Widersacher und tötet ihn. Es traf leider einen völlig Unschuldigen, zudem sechsfachen Familienvater, wie man im folgenden Gerichtsprozess erfährt. Der offensichtlich geisteskranke Täter wird in ein Irrenasyl gesteckt. Soweit die Vorgeschichte.

Alles beruht auf wahren Begebenheiten: An der renommierten Universität Oxford, geistiges Zentrum des global dominierenden Britischen Empire, ist man kurz davor das heute legendäre Oxford English Dictionary aufzugeben ehe auch nur der erste Band erschien. Zu schnell entwickelt sich die Sprache in den weltumspannenden Kolonien und durch den sozialen, technischen und ökonomischen Fortschritt. Doch dann taucht im Jahr 1877 der etwas ungehobelte Schotte James Murray (Mel Gibson) auf, ein autodidaktisches Sprachgenie, und findet Fürsprecher in der snobistischen Professorenschaft.

Der Film versteht es, den Kampf der Gelehrten um ihr Wörterbuch dramatisch zu inszenieren und deutet zugleich an, dass es um eine der Kolonialisierung des Erdballs parallele Eroberung der Sprache geht. Etwas anglozentrisch werden dabei zwar die Erfolge der französischen Enzyklopädisten ausgeblendet, aber dafür gibt es Einblicke in die Grausamkeiten des US-Bürgerkrieges und die menschenverachtende Medizin der zeitgenössischen Psychiatrie (Filmscript PDF)/Trailer).

Professor trifft Madman

Anfangs noch Autodidakt ohne Schulabschluss, hat Mr.Murray gegen zahlreiche Widerstände zu kämpfen. Obwohl einige Akademie-Schranzen neidisch gegen den Noch-nicht-Professor Murray intrigieren, gelingt ihm das unmöglich scheinenden: es geht endlich voran in Band 1 zum Buchstaben A, auch dank eines geheimnisvollen Gönners. Auf Murrays revolutionären Aufruf ans Volk der Leser (mittels massenhaft in Bücher gelegter Flugblätter) meldet sich William Chester Minor (Sean Penn). Dr.Minor liefert unglaublich viele Worterklärungen nebst Literaturquellen aus Werken der englischen Literatur seit dem 7.Jahrhundert. Erst später erfahren die entsetzten Gelehrten, dass besagter Dr.Minor als geisteskranker Mörder im berühmten Broadmoore-Irrenasyl einsitzt. Doch unerschrocken sucht Murray den verrückten Dr.Minor auf und es entwickelt sich eine fruchtbare kollegiale Freundschaft. 1884 erscheint der ersten Teil von Band 1 zum Buchstaben A.

Bluttaten und Lovestory

Geschickt werden Handlungsstränge verwoben: In Rückblenden wird die Untat von Minor in ihrer Geschichte aus dem US-Sezessionskrieg erklärt. Minor musste als Wundarzt der Nordstaatler einen Deserteur im Gesicht brandmarken und glaubt sich nun von diesem verfolgt. Aber er sieht seine Schuld der Witwe (Natalie Dormer) des Getöteten gegenüber ein und zwischen den beiden entspinnt sich eine Lovestory. Auch Murrays Ehe wird in einem Handlungsstrang verfolgt, was dem Film seinen human touch verleiht.

Am Ende verfällt Dr.Minor jedoch wieder dem Wahnsinn, wird von der damaligen Psychiatrie unmenschlichen Behandlungen unterzogen und begeht schließlich eine Selbstkastration (wie historisch belegt ist). Doch Murray bringt sein Werk soweit voran, dass es von der Queen anerkannt und damit vor einer Streichung der Gelder bewahrt wird. Die Vollendung erlebte er jedoch nicht mehr: Erst 1928 erschien der letzte Band, nach fast 50 Jahren lexikalischer Arbeit.

Mel Gibson und der Wahnsinn

Mel Gibson ist der Wahnsinn schon in die cineastische Wiege gelegt: Sein Debüt gelang ihm 1977 in einer Nebenrolle des Schizophrenie-Dramas I NEVER PROMISED YOU A ROSEGARDEN, sein Durchbruch kam als apokalyptischer MAD MAX (1979), später brillierte er als paranoider Taxifahrer in FLETCHERS VISIONEN (1997) gegen den diabolischen CIA-Arzt, der ihn in einem historischen belegten Psycho-Kriegsprogramm zum Superkiller machen wollte (in der Realwelt hieß die Operation MKUltra oder Artischocke).

Fast zwei Jahrzehnte soll sich Mel Gibson für die Verfilmung von Simon Winchesters Buch über die Entstehung des Oxford Dictionarys eingesetzt haben. Aber glücklich wurde er damit nicht: Voltage Pictures, die verantwortliche Produktionsfirma, blockierte fällige Budgetüberschreitungen und verweigerte Gibson einige Nachdrehs. Nachdem Gibsons Anwälte mit ihrer Klage scheiterten, distanzierten sich er und Regisseur/Drehbuchautor Farhad Safinia von The Professor and the Madman. Voltage Picture verpasste damit wohl aus Geiz, ein echtes Meisterwerk produziert zu haben, doch sehenswert ist der Film allemal.