Zwischen Krimi und Drama packt “ LUISA ” gleich zwei heiße Eisen an: Sexuellen Missbrauch und die (mangelhafte) Integration von Behinderten.
Die 22jährige Luisa (Celina Scharff ) ist vor kurzem von zu Hause in die kleine Wohngruppe einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung gezogen. Sie hat einen älteren Freund namens Anton (Dennis Seidel), der ebenfalls geistig behindert ist und auch dort wohnt. Beide arbeiten tagsüber als Hilfskräfte und schlafen nachts zusammen in einem Bett. Man sieht die Bewohner lachen und weinen, Party machen und ihren Alltag im Gemeinschaftsraum, wo sie eine ZDF-Show gucken (LUISA ist eine ZDF-Produktion). Während Krankenhäuser und Altenheime inzwischen häufiger als Drehorte in TV-Produktionen eingebaut werden, wird das Leben behinderter Menschen medial immer noch weitgehend ausgeblendet.
Als Luisa schwanger wird, ist für alle klar, dass Verdacht auf sexuellen Missbrauch besteht. Denn gleich zu Anfang erfährt man, dass Luisas Freund Anton zeugungsunfähig ist. Ein Busfahrer, mit dem Luisa flirtet und der sich -offenbar mit ihrem Einverständnis- einmal an der schönen jungen Frau selbst befriedigt, ist Hauptverdächtiger. Doch alle männlichen Angestellten der Einrichtung kommen in Betracht –und eigentlich auch weitere Bewohner, die dem Zuschauer andeutungsweise beim gelegentlichen Sex untereinander präsentiert werden. Doch LUISA thematisiert dies nicht –eine “positive Diskriminierung”? Es steigert jedenfalls die Dramatik: Bei Betreuern würde unbestreitbar der Tatbestand des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen vorliegen (Paragraph 174 StGB).
Es liegt ein großer Skandal in der Luft, der Heimleiter ist besorgt, dass die Heimaufsicht seine Einrichtung schließen wird, wenn die Öffentlichkeit von der Schwangerschaft erfährt. Luisa, die dazu fast bis zuletzt schweigt, wird, besonders von ihren empörten Eltern, zu einem Abbruch gedrängt.
Eine bald gerufene Kriminalkommissarin befragt Luisa sehr zurückhaltend und es entwickelt sich ein spannender Whodunit-Plot. Doch der Schwerpunkt des Films liegt auf der Situation der Behinderten, über deren Kopf hinweg vieles entschieden wird. Man hört öfter aus Zimmern der Bewohner die Pflegekräfte oder Eltern über sie reden –oder über diesen “Scheißjob”, den sie gerne wechseln würden. Nur einmal schreit Luisa durch ihre Zimmertür “Ich kann euch hören!” als ihre Eltern draußen darüber streiten, wie sie die Tochter am besten zu einer Abtreibung bewegen können.
Das Drehbuch wurde von der Regisseur*in Julia Roesler und Silke Merzhäuser, so die Filmwerbung, nach einer monatelangen Recherche in Wohneinrichtungen für Behinderte verfasst. Neben der bewegenden Geschichte von Luisa sollen Strukturen gezeigt werden, welche die extrem hohen Fallzahlen von Missbrauch an Frauen mit Behinderung ermöglichen. Bei der Drehbuchentwicklung wurde mit dem inklusiven Ensemble MEINE DAMEN UND HERREN aus Hamburg zusammengearbeitet, das auch einige behinderte Schauspieler*innen stellte –entsprechend realistisch sind die Heimbewohner dargestellt.
LUISA ist ein wertvoller Beitrag und kommt nicht zu früh. Das inklusive Krimidrama liefert neue Argumente für aktuelle Debatten um das “Ja heißt Ja” -statt des hierzulande geltenden “Nein heißt Nein” bei der Definition von einvernehmlichem Sex; schon die “Nein heißt Nein”-Regelung konnte erst nach einem medial gehypten “rassistischen Diskurs” um die Kölner Silvester-Übergriffe durchgesetzt werden (Rona Torenz S.8). Auch die Lage behinderter Menschen ist alles andere als rosig, wenn im unsozialen Gruselkabinett der Regierung Merz derzeit die magere Eingliederungshilfe für Behinderte offenbar unter Stichworten wie “Kostendeckelung” und “Mehrkostenvorbehalt” diskutiert wird (Uhlmann). Dabei stieg der deutsche Rüstungsetat 2025 um gigantische 25 Prozent, medial flankiert von absurd ausufernder, aber selten hinterfragter Kriegspropaganda. Der globale Finanzgigant Blackrock verdient bombig an der Militarisierung des drittreichsten Landes der Welt und Ex-Blackrock-Manager Merz könnte den Rotstift bei vielen benachteiligten Gruppen ansetzen. Erst 2023 hatte die UNO Deutschland für eine mangelhafte Inklusionspolitik gerügt und einen Abbau von diskriminierenden Sonderschulen und “Werkstätten für Behinderte” gefordert (Stettin) –wovon die Öffentlichkeit aber wenig oder nichts erfuhr. Vielleicht kann LUISA die Aufmerksamkeit für einen wichtigen, aber oft tabuisierten Bereich des Sozialstaats wecken.
Quellen
Stettin, Isabel: Abgemacht? In der UN-Behindertenrechtskonvention…, in Fluter –Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, Nr.1/2024, Themenheft “Barrieren”, S.15-17.
Uhlmann, Niki: Merz’ exklusiver Zirkel: Arbeitsgruppe des Kanzleramts untergräbt mit Kürzungsvorschlägen UN-Behindertenkonvention, Junge Welt 25./26.April2026, S.5.
Torenz, Lona: Ja heißt Ja? Feministische Debatten um einvernehmlichen Sex, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2019.
Ein pralles Historiendrama über ein erstaunliches Thema: Das erste umfassende Wörterbuch Oxford English Dictionary. Es geht um die Bändigung der führenden Kolonialsprache, vor welcher die Gelehrten Oxfords kapitulierten, die aber ein schottischer Autodidakt und ein paranoider Wundarzt meisterten.
Der Film The Professor and the Madman beginnt mit einem Knalleffekt. Ein viktorianischer Gentlemen zückt wutentbrannt im nächtlichen London seinen Colt und feuert auf einen Passanten. Er glaubt sich verfolgt, jagt den vermeintlichen Widersacher und tötet ihn. Es traf leider einen völlig Unschuldigen, zudem sechsfachen Familienvater, wie man im folgenden Gerichtsprozess erfährt. Der offensichtlich geisteskranke Täter wird in ein Irrenasyl gesteckt. Soweit die Vorgeschichte.
Alles beruht auf wahren Begebenheiten: An der renommierten Universität Oxford, geistiges Zentrum des global dominierenden Britischen Empire, ist man kurz davor das heute legendäre Oxford English Dictionaryaufzugeben ehe auch nur der erste Band erschien. Zu schnell entwickelt sich die Sprache in den weltumspannenden Kolonien und durch den sozialen, technischen und ökonomischen Fortschritt. Doch dann taucht im Jahr 1877 der etwas ungehobelte Schotte James Murray (Mel Gibson) auf, ein autodidaktisches Sprachgenie, und findet Fürsprecher in der snobistischen Professorenschaft.
Der Film versteht es, den Kampf der Gelehrten um ihr Wörterbuch dramatisch zu inszenieren und deutet zugleich an, dass es um eine der Kolonialisierung des Erdballs parallele Eroberung der Sprache geht. Etwas anglozentrisch werden dabei zwar die Erfolge der französischen Enzyklopädisten ausgeblendet, aber dafür gibt es Einblicke in die Grausamkeiten des US-Bürgerkrieges und die menschenverachtende Medizin der zeitgenössischen Psychiatrie (Filmscript PDF)/Trailer).
Professor trifft Madman
Anfangs noch Autodidakt ohne Schulabschluss, hat Mr.Murray gegen zahlreiche Widerstände zu kämpfen. Obwohl einige Akademie-Schranzen neidisch gegen den Noch-nicht-Professor Murray intrigieren, gelingt ihm das unmöglich scheinenden: es geht endlich voran in Band 1 zum Buchstaben A, auch dank eines geheimnisvollen Gönners. Auf Murrays revolutionären Aufruf ans Volk der Leser (mittels massenhaft in Bücher gelegter Flugblätter) meldet sich William Chester Minor (Sean Penn). Dr.Minor liefert unglaublich viele Worterklärungen nebst Literaturquellen aus Werken der englischen Literatur seit dem 7.Jahrhundert. Erst später erfahren die entsetzten Gelehrten, dass besagter Dr.Minor als geisteskranker Mörder im berühmten Broadmoore-Irrenasyl einsitzt. Doch unerschrocken sucht Murray den verrückten Dr.Minor auf und es entwickelt sich eine fruchtbare kollegiale Freundschaft. 1884 erscheint der ersten Teil von Band 1 zum Buchstaben A.
Bluttaten und Lovestory
Geschickt werden Handlungsstränge verwoben: In Rückblenden wird die Untat von Minor in ihrer Geschichte aus dem US-Sezessionskrieg erklärt. Minor musste als Wundarzt der Nordstaatler einen Deserteur im Gesicht brandmarken und glaubt sich nun von diesem verfolgt. Aber er sieht seine Schuld der Witwe (Natalie Dormer) des Getöteten gegenüber ein und zwischen den beiden entspinnt sich eine Lovestory. Auch Murrays Ehe wird in einem Handlungsstrang verfolgt, was dem Film seinen human touch verleiht.
Am Ende verfällt Dr.Minor jedoch wieder dem Wahnsinn, wird von der damaligen Psychiatrie unmenschlichen Behandlungen unterzogen und begeht schließlich eine Selbstkastration (wie historisch belegt ist). Doch Murray bringt sein Werk soweit voran, dass es von der Queen anerkannt und damit vor einer Streichung der Gelder bewahrt wird. Die Vollendung erlebte er jedoch nicht mehr: Erst 1928 erschien der letzte Band, nach fast 50 Jahren lexikalischer Arbeit.
Mel Gibson und der Wahnsinn
Mel Gibson ist der Wahnsinn schon in die cineastische Wiege gelegt: Sein Debüt gelang ihm 1977 in einer Nebenrolle des Schizophrenie-Dramas I NEVER PROMISED YOU A ROSEGARDEN, sein Durchbruch kam als apokalyptischer MAD MAX (1979), später brillierte er als paranoider Taxifahrer in FLETCHERS VISIONEN (1997) gegen den diabolischen CIA-Arzt, der ihn in einem historischen belegten Psycho-Kriegsprogrammzum Superkiller machen wollte (in der Realwelt hieß die Operation MKUltra oder Artischocke).
Fast zwei Jahrzehnte soll sich Mel Gibson für die Verfilmung von Simon Winchesters Buch über die Entstehung des Oxford Dictionarys eingesetzt haben. Aber glücklich wurde er damit nicht: Voltage Pictures, die verantwortliche Produktionsfirma, blockierte fällige Budgetüberschreitungen und verweigerte Gibson einige Nachdrehs. Nachdem Gibsons Anwälte mit ihrer Klage scheiterten, distanzierten sich er und Regisseur/Drehbuchautor Farhad Safinia von The Professor and the Madman. Voltage Picture verpasste damit wohl aus Geiz, ein echtes Meisterwerk produziert zu haben, doch sehenswert ist der Film allemal.
Science Fiction mit wenig Science, aber viel feministischer Fiction. Das bildschöne Teeny-Girl Uma lebt in einer Zukunft krasser Klassenunterschiede. Sie gehört aber glücklicherweise zu den Ups, den im Luxus schwimmenden Geldadligen. Pech für sie: Die rebellische Spätpubertierende hat sich in einen „Low“ verliebt, einen Proleten, der für seinen Lebensunterhalt… arbeiten muss (igitt!). Die Lows, so erfährt man später irgendwann nebenbei, schuften zu Hungerlöhnen, vegetieren in dreckigen Slums und sterben früh. Zu Gesicht bekommt man in PARADISE HILLS von den Lows aber nur ebenso adrette wie devote Domestiken. Zwei davon erwarten die süße Uma als sie zu Beginn des Films in einer Luxus-Anstalt namens Paradise erwacht und sofort den ersten Fluchtversuch startet.
Das von „Der Herzogin“ (Milla Jovovich) geleitete Paradise Hills ist ein Zentrum für Umerziehung, wo privilegierte junge Frauen nach Vorgaben ihrer Familien standesgemäß diszipliniert werden: Die Anstaltskluft, ein Korsettkleid aus weißen Trägern und Schnallen, kombiniert viktorianische Rüschen mit Lackleder, ergänzt mit zwangsweise verpasstem Neonhaar und Manga-Make-up. Uma wird umschwärmt von schönen jungen Männern, die den Mädels höflich dienernd ihr (karges) Luxusmenü servieren und sie nur mit Samthandschuhen anpacken, um sie mit weißen Lackledergurten zur (läppisch inszenierten) Brainwash-Behandlung festzuschnallen.
Hinter märchenhaftem Dekor, Tüllkostümen und rosengeschmückten Prachtterrassen (gedreht in Barzelona) lauert natürlich am Ende (Spoiler-Alarm!) das Unheimliche. Zunächst tunkt einen PARADISE HILLS jedoch tief in die Pink-Teeny-Fantasie von Prinzen und Einhörnern, gegen die sich Uma mit ihren drei bald ebenso rebellischen Zimmergenossinnen kräftig auflehnt. Mit sanfter Gewalt und fiesen Psychotricks drangsaliert die Herzogin ihre Mädels, die aber bocken, dass die stylishen Kulissen wackeln, die Handlung logische Lücken bekommt und die diabolische Milla Jovovich ihr wahres Vampirgesicht zeigen muss. Der humoristische (aber noch nicht der blutige) Höhepunkt ist erreicht, wenn die wegen Übergewicht behandelte Chloe (Danielle Macdonald) mit dem ganzen Wumms ihrer Adipositas einen Edelschergen umhaut und einem Psycho-Frankenstein auch noch die Brille wegfliegt. Dann entdecken die zornigen Manga-Schneewittchen endlich das dunkle Geheimnis der bösen Herzogin.
Kostüme und Kulissen überzeugen, Schauspiel und Filmhandwerk sind okay. Emma Roberts als Uma hält sich dabei zwar ganz gut, muss aber noch einiges lernen, wenn sie Nicole Kidman aus den WIFES of STEPFORD eines Tages toppen will. Die Story ist jedoch mau. Man muss wohl dümmlich, weiblich, jung sein, wenn man die erste Hälfte nicht als einschläfernde, weil überlange Luxuskram-Werbung erleben will. Eine durchdachte Dystopie oder kritisches Denken, das über pubertierendes Nicht-Anpassenwollen an altbackene Frauenrollen hinausgeht, sucht man leider vergebens. Damit bleibt PARADISE HILLS fast noch hinter debilen Youth-Age-Dystopien wie THE HUNGER GAMES zurück. Wenigsten handeln die Girls solidarisch und lassen sich nicht via Schönheitswettbewerb gegeneinander aufhetzen, was den Film in den Augen seiner Macher wohl schon zu einem politischen Fanal gegen neoliberale Angepasstheit und weibliche Geschlechterrollen machen dürfte.
Die junge Filmemacherin Alice Waddington (geb. 1990 in Spanien) wurde mit süßen 16 Assistentin eines Kameramanns und machte Karriere in Fotografie, Kostümdesign und -welche Überraschung- Modefilmen für Magazine wie Harper’s Bazaar. Ab dem zarten Alter von 20 wurde sie Creative Direktrice bei den Agenturen Leo Burnett und Social Noise. Ihr erster Kurzfilm, DISCO INFERNO (2015), wurde immerhin 65mal für Preise nominiert und räumte elf Preise ab -wieviele davon durch Agenturen wie Leo Burnett oder Social Noise bzw. deren Kumpels und Kumpelinen vergeben wurden, wollen wir mal lieber nicht nachrecherchieren.
Fazit: Ein Film, der alle aus den rosa Strapsen hauen wird, die bislang nur Schminktipps auf Youtube kannten.
Kinostart in Deutschland ist der 29. August. (erschien zuerst auf filmverliebt.de)
Michael Hastings starb 2013 bei Autounfall (?) bevor er CIA-Direktor Brennan kritisieren konnte
Fernseh-Krimi bringt zwar Kritik zu Big Data, vergisst aber realen Todesfall (US-Reporter Michael Hastings) und dämonisiert letztlich doch wieder die Hacker
von Thomas Barth
Spoilerfreie TV-Filmkritik nebst Essay über Hacker, Gefahren von Big Data und selbstfahrenden Autos sowie den mysteriösen Tod des US-Journalisten Michael Hastings, der CIA-Direktor Brennan kritisieren wollte (und schon den JSOC-General Stanley McChrystal mit einem Artikel zu Fall gebracht hatte).
Manche Besucher des 34. Chaos Communication Congress haben, just aus Leipzig heimgekehrt, beim Neujahrs-Tatort der ARD ihre Themen weiterverfolgen können. Wohl eher Zufall als cleveres Timing, vergaßen die Filmemacher einen durchaus möglichen Querverweis auf den Chaos Computer Club einzubauen. Doch die kritische Aufbereitung des Themas „autonomes Auto“ als Thriller im Big-Data-Milieu war prinzipiell lobenswert und dürfte in den PR-Abteilungen mancher Firma dieser Branche zu Herzrasen und Schweißausbrüchen geführt haben. Die Image-Beschädigung vor Millionenpublikum wieder wett zu machen, könnte einiges an Werbung und Lobbyisten-Arbeit kosten.
Die bildungsbürgerliche Süddeutsche (SZ) legt schon mal vor und bringt einen erregten Verriss: „Im „Tatort“ aus Saarbrücken geht es um Datendiebstahl und wie sich der auf die Privatsphäre auswirkt. Das ist ziemlich viel Kulturpessimismus zum Jahresauftakt.“ Nein. Ist es nicht. 15.000 Besucher (Rekord) des 34c3 würden dies vermutlich bestätigen. (Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.)
Mord Ex Machina: Der Plot
Düsterer Hacker knackt in dunklem Zimmer vor drei Bildschirmen einen Firmenrechner, soviel Klischee muss sein. Seine sexy Mithackerin Natascha wälzt sich derweil im Bett mit dem Justiziar des Big-Data-Unternehmens Conpact, Sebastian Feuerbach. Feuerbach hatte Streit mit seinem Freund und Geschäfts-Partner, dem „visionären“ Firmenboss Victor Rousseau, weil dieser ungehemmtes Big Data betreiben möchte -auch in hypermodernen, autonom fahrenden Autos. In einen dieser Prototypen steigt der virile Jurist und rauscht prompt durch die Leitplanke des Parkhochhauses.
Selbstmord oder Unfall? So rätselt Kommissar Stellbrink, kommt aber schnell darauf, dass dieses High-Tech-Mobil womöglich gehackt wurde. Doch das Hacker-Pärchen ist fein raus: Rousseau hatte sie engagiert, um nach Sicherheitslücken in seinem Firmennetz zu suchen. Nebenbei, erfährt man, sollte in die Bordcomputer der neuen Wagen eine Hintertür eingebaut werden, so dass die Firma Conpact alles mitschneiden kann, was die Dutzenden Kameras in und um den Wagen aufzeichnen. Brisant, denn die Bundesregierung ist der erste Kunde und will ihren Limousinenpark von Conpact auf autonomes Fahren umrüsten lassen…
Stellbrink muss sich durch hippe Firmenwelten, erotisch aufgeladene Beziehungen und eine terroristische Vergangenheit wühlen, um den Fall aufzuklären. Filmtitel und Idee ähneln zwar einem gleichnamigen Film der Sherlock-Verschnitt-Serie „Elementary“, aber besser gut geklaut als schlecht erfunden -und Tatort punktet mit ernsthafter Gesellschaftskritik am Phänomen Big Data.
Viele dubiose, kleine Firmen bevölkern den Datenmarkt. Doch beherrscht wird er von großen, international agierenden Konzernen, wie zum Beispiel Acxiom, Datalogix, Rapleaf, Core Logic oder PeekYou. Acxiom, einer der Branchenriesen, erwirtschaftet weltweit mehr als eine Milliarde US-Dollar pro Jahr und verwaltet über 15.000 Datenbanken für seine über 7000 Kunden. Der Konzern verfügt über 700 Millionen aktive Konsumentenprofile, darunter mehr als 40 Millionen aus Deutschland.“ c’t Digital gebrandmarkt – Wie Kundendaten gesammelt, gehandelt und genutzt werden
Der Hintergrund: Big Data und Cyberattacken
Spätestens seit Snowden wissen wir, dass Geheimdienste gerne solche Daten abschöpfen, sicher nicht nur aus Merkels Handy. Warum sollten Firmenbosse nicht auch selber zugreifen? Zumal wenn sie im Big Data-Business sind? Die Kritik an diesem Business wird von „Mord Ex Machina“ noch weiter getrieben: Der nicht sehr computer-affine Kommissar, der sich just nur mühsam auf einer Dating-Site bewegte, erfährt staunend vom Nutzer-Profiling, wo nach 68 „Likes“ auf Facebook seine Persönlichkeit nach dem „OCEAN“-Modell bewertet werden kann: Michal Kosinskis psychometrische Big-Data-Analyse machte 2016 Schlagzeilen, weil angeblich Trumps Wahlkampf und der Brexit mit so lancierter Werbung erfolgreich waren. Auch wenn dies übertrieben war -vor Datenklau und Profiling zu warnen ist sicher nicht falsch von den Tatort-Machern, zumal sie ihre Gesellschaftskritik filmisch überzeugend vermitteln: Einzelne Personen werden immer wieder sekundenlang eingefroren, vor verschwommenem Hintergrund unnatürlich scharf anvisiert: Wie unter dem Mikroskop von Netz-Profilern. Die SZ sieht das allerdings anders und nörgelt:
…und das Internet mal wieder ganz böse. Man sieht die Zuschauer auf dem Sofa förmlich mitschimpfen: „Ja, genau, dieses neumodische Internetzeug. Pfui!“ Angesichts dieser altbackenen, uninspirierten und kulturpessimistischen Heransgehensweise hilft alles nicht: Man muss einfach mit den Augen rollen. Und ganz tief seufzen. Nicht schon wieder. Carolin Gasteiger, SZ-Tatort-Fernsehkritik
Damit stellt sich die einst sozial-liberale SZ treu an die Seite der stramm-konservativen NZZ, die 2009 in ihrer wütenden Abrechnung mit den Tatort-Machern „Traurige Kommissare“, deren Gesellschaftskritik als „Feuilleton-Soziologie“ und „Gesinnungskitsch“ geißelt. Die Tatort-Helden hätten doch alle Probleme, so die NZZ, seien „Gutmenschen, Allesversteher und Betroffenheits-Betschwestern“ und würden zudem Schusswaffeneinsatz scheuen „wie der Teufel das Weihwasser“. Das ist sicher schlecht für die Schweizer Waffenindustrie, die bekanntlich die Verbrecher halb Europas mit Schießeisen versorgt. Aber wenn dann doch mal ein Till Schweiger im Rambo-Stil zur Knarre greift, ist es auch wieder nicht allen Recht zu machen: Die Zensurbehörde in Kiew monierte, dass dabei zu wenig Russen erschossen wurden. Die jüngste Kritik an Big Data und Roboter-Autos sollte dagegen weniger anecken, aber die SZ mault abschließend über die „altbackene“ Gesellschaftskritik:
„Jens Stellbrink zieht aus den verstörenden Erkenntnissen des Falles Konsequenzen: Der Kommissar löscht sein Online-Dating-Profil, holt einen Falke-Stadtplan aus der Schublade und wirft sein Smartphone vom Balkon. Das ist platt und verbohrt: Als könnte man den digitalen Entwicklungen und Herausforderungen so begegnen.“ SZ
Nikolai Kinski: netwars – gesellschaftskritisches multimedia project
Doch, liebe SZ, so leicht kann es manchmal sein: Smartphone weg und Profil löschen. Ach, hätte die SZ das „neumodische Internetzeug“ doch nur zu Recherchezwecken eingesetzt, dann hätte sie erfahren, dass die Kritik gar nicht so „altbacken“ sein kann, wenn sie etwa vom 34c3 geteilt wird. Oder dass der digital gemeuchelte Datenschützer Feuerbach nicht „platt und verbohrt“, sondern recht feinsinnig besetzt wurde: Der Darsteller Nikolai Kinski, ein Sohn Klaus Kinskis, lieh sein Konterfei zuvor dem preisgekrönten Netwars-Projekt (Grimme Online Award 2015).
Oder dass der kulturpessimistische Plot womöglich einen realen Vorläufer hatte: Den Fall des bei einem mysteriösen Autounfall getöteten CIA-Kritikers Michael Hastings. (Anm. Die SZ übte früher selber Digital-Kritik: In der Snowden-Hype durfte dort Daniel Ellsberg über die NSA als „Stasi von Amerika“ schimpfen).
Risiko Car-Hacking: Michael Hastings
Michael Hastings, kritischer US-Journalist, starb 2013 bei mysteriösem Unfall in neuem Mercedes als er aus Angst vor CIA untertauchen wollte (car hacking?)
Der erst 33-jährige Hastings starb 2013, was Fragen nach einem möglichen Hackerangriff auf sein Auto auslöste: Die Huffington Post warnte vor „conspiracy theories“; Wikileaks twitterte, der preisgekrönte Investigativ-Journalist Hastings hätte kurz vor dem Unfall versucht, die WikiLeaks-Juristin Jennifer Robinson zu kontaktieren; DER SPIEGEL will vom Thema car hacking nichts mitbekommen haben; USAtoday berichtete, Hastings hätte versucht, sich den Wagen seiner Nachbarin zu leihen, weil er fürchtete, an seinem Mercedes wäre herum gepfuscht worden; das Auto der Nachbarin wäre aber defekt gewesen -dann starb Hastings, der gerade an einer heißen Story zu CIA-Chef Brennan dran gewesen sein soll.
Michael Mahon Hastings (1980-2013) war ein US-amerikanischer Investigativjournalist und Schriftsteller. Er war Mitherausgeber des Rolling Stone und Korrespondent für BuzzFeed. Sein Artikel 2010 über den General, ehemaligen JSOC-Kommandeur und US-Oberbefehlshaber der NATO in Afghanistan, Stanley McChrystal, führte zu dessen umgehender Entlassung durch US-Präsident Barack Obama. Hastings arbeitete zuletzt, laut Aussage seiner Witwe Elise Jordan, an einer Geschichte über CIA-Director John O. Brennan, er fiel 2013 einem Autounfall zum Opfer, so der offizielle Polizeibericht. Allerdings zeichneten Kameras drei Explosionen auf, der Motorblock lag in erheblicher Entfernung. Es gab diverse weitere Indizien, Hinweise und auch Zeugenaussagen, unter anderem von WikiLeaks, Richard Clarke und dem „Buzz-Feed“-Chefredakteur Ben Smith, die insgesamt einen Mord wahrscheinlicher erscheinen lassen. (…)
Am Tag vor seinem Tod äußerte Hastings, sein Mercedes könnte manipuliert worden sein, und bat deshalb seine Freundin Jordanna Thigpen, ihm ihren Wagen zu leihen. Er fühle sich bedroht und wolle die Stadt verlassen. Stunden vor seinem Tod schrieb Hastings seinen Freunden und Arbeitskollegen in einer E-Mail das FBI würde seine Freunde befragen: „Ich bin an einer großen Geschichte dran und muss eine Weile vom Radar verschwinden.“ Die E-Mails wurden am 17. Juni 2013 gegen 14 Uhr verschickt. Gegen 4.20 Uhr des nächsten Dienstagmorgen, 18. Juni 2013, starb Hastings. Dem Polizeibericht nach saß er allein in seinem Mercedes C250 auf der nördlichen Highland Avenue in Hollywood, als er aus unbekannter Ursache die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. Das Auto kam von der Straße ab, durchbrach eine Leitplanke und fuhr ungebremst mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Palme. Der Mercedes explodierte in einem Feuerball, der Motorblock lag in auffällig großer Distanz vom Auto, und Hastings Leiche verbrannte so stark, dass der Gerichtsmediziner ihn erst zwei Tage später anhand seines Gebisses identifizieren konnte. Laut Polizeibericht war es ein selbst verschuldeter Autounfall, es konnten keine Beweise für eine Fremdeinwirkung festgestellt werden. Wikipedia (dt.)
Das FBI dementierte nach dem Todesfall, Hastings überwacht zu haben, was aber laut US-Wikipedia nicht stimmt. Die US-Behörden hatten ein Jahr zuvor begonnen, den kritischen Journalisten, einen Freund des TYT-Gründers Cenk Uygur, ins Visier zu nehmen. TYT (The Young Turk) ist ein kritisches US-Mediennetz, das den Mainstream-Medien die Stirn bietet und hierzulande kaum Beachtung findet (TYT zu Hastings Tod), aber mit dem kritischen US-TV (Amy Goodman) DEMOCRACY NOW! kooperiert, das zeitweise in deutschen Kabelnetzen übertragen wurde.
The FBI released a statement denying that Hastings was being investigated, at least not by their agency. This statement was incorrect as FBI had opened a file on Hastings as early as 2012 (see FBI files below). Wikipedia (engl.)
Diese in deutschen Medien auffällig selten erwähnte, beinahe totgeschiegene Geschichte zeigt: Man braucht womöglich kein komplett autonomes Fahrzeug, um jemanden digital zu verunfallen (wovor CCC-Hacker schon lange warnten). Die Anspielung auf Michael Hastings Tod haben die ARD-Filmemacher allerdings komplett übersehen (oder hatten sie Angst, den kaum bekannten Fall zu erwähnen?). Dabei liegt im eigenen Archiv eine NDR-Doku von 2014, bei der dieser Todesfall als mögliches Auto-Hack-Attentat angeführt wird, Titel: „Im Visier der Hacker – Wie gefährlich wird das Netz?“ (in der Mediathek der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, aber im freien webarchive dokumentiert).
„Ein brennender Unfallwagen im nächtlichen Los Angeles. Ein Mercedes als Trümmerhaufen, Ursache unklar, keine Zeugen. In den Flammen stirbt der US-Journalist Michael Hastings. Er recherchierte gerade an einer neuen Enthüllung. Seine letzte Story hatte einen Elite-General die Militärkarriere gekostet. Der Daimler-Konzern sieht angeblich keinen Grund, der Sache nachzugehen. Doch in der NDR-Reportage über die Risiken der Welt von morgen hält es der langjährige US-Sicherheitskoordinator Richard Clarke für durchaus möglich, dass der Wagen von außen gehackt wurde.“ ARD-Mediathek (webarchiv)
Im Tatort grämt sich eine Kommissarin angesichts des Mordes per Auto-Elektronik: „In zehn Jahren werden wir jede Menge autonom fahrende Autos auf der Straße haben -wer sagt mir dann, was ein Unfall war und was nicht?“ Willkommen in der Gegenwart liebes Tatort-Team. Oder, mit der gern gehörten Abschlussformel des Chaos Communication Congress zum Jahresende: „Guten Rutsch ins Jahr 1984!“ (padeluun)
Dämonisierung der Hacker
Unerfreulich am Tatort-Plot ist schließlich, dass leider doch wieder ein paar Hacker kräftig dämonisiert werden. Denn im Verlauf der Ermittlungen taucht eine frühere Hackergruppe auf, die 2002 eine „ethisch motivierte“ Cyberattacke verübte. Die Hacker hätten auf die „Gefahren der Digitalisierung hinweisen“ wollen, in dem sie in der Nacht des 29.9.2002 alle Ampeln von Nancy auf „Grün“ schalteten. Trotz Vorwarnung gelang es den Behörden nicht, den Anschlag auf das Verkehrsleitsystem zu vereiteln (daran, die Ampeln einfach abzuschalten, hatte man offenbar nicht gedacht). Ergebnis: Vier Todesopfer und 48 Verletzte, für die unsere Hacker verantwortlich zeichnen.
Und nicht genug -der Tatort zeigt dramatische Zeitungstitel zum frei erfundenen Hacker-Terrorangriff: “Une cyberattaque sur le feux de circulation“, “Les terroristes de l’internet -le nouveau danger“, „Nancy Crash: Beide Eltern zerquetscht“, daneben ein weinendes Kindergesicht; dann Überblendung ins Gesicht einer Hackerin, aus deren Auge eine Träne rollt. Das ist etwas dick aufgetragen und außerdem: Ethisch motivierte Hacker hätten sich darauf beschränkt, die Ampeln alle auf Rot zu schalten, statt Menschenleben zu riskieren. Doch so kommen selbst die vernünftigsten Warnungen vor digitaler Gefahr natürlich viel dämonischer rüber.
Der Film verbindet Humor mit knallharter Kritik am Kautschuk-Kolonialismus zu einem visionären Trip in versunkene Kulturen des Amazonas: Kolumbiens künftiger Kinoklassiker.
Die Hauptfigur von El abrazo de la serpiente (eigentlich: Die Umarmung der Schlange) ist erstmals im kolumbianischen Kino ein Indigeno (Indio): Der nach Vernichtung seines Volkes durch „die Kolumbianer“ allein im Dschungel lebende Schamane Karamakate muss sich zweimal in seinem Leben mit sonderbaren Weißen herumschlagen. Den jungen Karamakate (Nilbio Torres) sucht der todkranke deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijovet) auf, er will Heilung durch die geheimnisvolle Pflanze Yakruna.
Die heilige Blume Yakruna verheißt spirituelle Läuterung, verspricht aber auch besseres Kautschuk. 40 Jahre später findet der Botaniker Evans Schultes (Brionne Davis) den alten Schamanen (Antonio Bolívar); Evans sucht, geleitet von Grünbergs Reisebericht, die gleiche Pflanze. Beide Male lässt Karamakate sich widerwillig auf den Weißen ein, macht sich auf zwei abenteuerliche Reisen durch einen Dschungel, in dem einer faszinierenden Natur die Brutalität des Kolonialismus gegenübersteht.
Der Film des jungen Regie-Talents Ciro Guerra zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann; faszinierende, fast mystische Naturaufnahmen saugen den Blick in die visionäre Welt des Karamakate, durch die der weiße Forscher als komische Figur in eine brutale Handlung stolpert. Für Zuschauer und Karamakate verschmelzen beide Weiße zu einer Person; raffiniert gesetzte Zeitsprünge lassen beide Handlungsstränge parallel auf ihr ebenso dramatisches wie inspirierendes Ende zutreiben. Bildgewaltig, humorvoll und bewegend greift der Film auf reale Ereignisse und historische Forscherpersönlichkeiten zurück.
Gebrochene Figuren und spirituelle Drogen
Die beiden Forscher werden als gebrochene Figuren vorgeführt, der eine ein Irrer, der andere ein Betrüger. Theo, den sein treuer Gehilfe Manduca (Miguel D. Ramos) halbtot zu Karamakate schleppt, hängt in wahnsinniger Hartnäckigkeit an seinem Gepäck. Als der Schamane dies unterwegs kritisiert, “Du bist verrückt”, antwortet der Deutsche mit seligem Lächeln: “Ich weiß.” Theo will durch die Yakruna lernen zu träumen und verspricht Karamakate, dass er ihn zu letzten Überlebenden seines Stammes führen kann.
Evans will zu Anfang die heilige Yakruna von Karamakate für “viel Geld” kaufen und zeigt ihm zwei Ein-Dollar-Noten, doch der winkt ab, Geld stinke und sei nur etwas für Ameisen. Beide Forscher werden dennoch auch sympathisch dargestellt, Evans gewinnt den Schamanen für sich: “Ich habe mein Leben den Pflanzen gewidmet”; da findet Karamakate: “Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Weißen gehört habe.” Letztlich wird auch Evans zu einem Bewahrer der indigenen Kultur, die der Kolonialismus gnadenlos zerstört.
Optische Brillanz, überzeugende Darsteller in einer klugen Handlung und Bilder, welche die Fantasie nicht mehr loslassen, machen den Film zu einer faszinierenden Reise in die Welt des Amazonas. Die Kamera taucht tief in eine symbolisch aufgeladene Natur: Die Pflanzen des Dschungels sind mystischer Palast, rettende Heilkräuter, spirituelle Drogen und heilige Blume Yakruna. Eine lebendgebärende Boa windet sich in Schleim und aufplatzenden Eihüllen mit ihrem Nachwuchs, scheint ihre Kinder zu fressen. Karamakate träumt von einer Boa, die Theo das Unheil bringen wird. Oder ist der Weiße selber die Schlange, also die Gefahr? Schmetterlinge umschwärmen den mit halluzinogenen Tränken erleuchteten Karamakate wie Elfen. Ein Jaguar mit glänzendem Pelz beschleicht die Expedition als Verkörperung des Todes, bereit sich sein Opfer zu holen.
Chorrera: etnocidio cauchero
Doch wer nur in Naturromantik schwelgen will, sitzt hier im falschen Film. Das Grauen des Kolonialismus fokussiert sich in Chorrera, einer “Gedenkstätte für die Opfer der Kautschuk-Völkermords” (Presseheft). Das ärmliche Anwesen Chorrera war christliches Missionszentrum und Kautschuk-Sammelstelle der Caucheros, der Kautschukbarone. Beide Handlungsstränge treffen hier auf höllische Zustände kolonialer Verbrechen: Der junge Karamakate trifft mit Theo und Manduca auf einen bewaffneten Mönch inmitten Dutzender Indigeno-Kinder. Es sind Waisen, die man im Namen Jesu nach Versklaven ihrer Eltern bzw. dem Abschlachten ihrer Stämme durch Caucheros “eingesammelt” hat. Nun werden die Kinder christianisiert, indem ihre Sprache und Kultur, angeblich nur “Dummheit und Kannibalismus”, aus ihnen heraus geprügelt wird.
40 Jahre später findet der alte Karamakate mit dem Botaniker Evans in Chorrera eine Sekte vor, die sich um einen irren Messias schart, Reisende mordet und das “Schlechteste beider Welten” in sich vereint. Theos Assistent Manduca ist ein befreiter Kautschuk-Sklave mit furchtbaren Narben auf dem Rücken. Er bekommt einen Wutanfall, als sie im Wald auf einen Indigeno treffen, der offenbar durch Abschneiden des rechten Armes zum Kautschuk-Sammeln verdammt wurde. Wenn Theo durch den Belgier Bijovet verkörpert wird, weckt dies Erinnerungen an die Kongogräuel, jenen Kautschuk-Völkermord, durch den der Belgische König Leopold II zu sagenhaftem Reichtum kam. In Belgisch-Kongo wurde Hunderttausenden die rechte Hand abgeschnitten, viele Millionen starben. Ciro Guerra bietet jedoch keine billige Lösung an, etwa durch Besiegen des Caucheros in Indiana-Jones-Manier. Er zeigt Grausamkeit und Leiden in einer glaubwürdigen Handlung, die zum Nachdenken anregt.
Entlarvte Filmklischees
Ciro Guerra bricht nicht nur mit eingefahrenen Erzählstrukturen, Filmklischees und Sehgewohnheiten, er parodiert und entlarvt sie geradezu –von leichter Hand fast nebenbei. Er dreht einen Film über den Amazonas, man erwartet grünen Dschungel, bekommt aber einen Schwarzweißfilm. Das Format suggeriert zeitweise einen Dokumentarfilm nach dem Muster: Weißer Ethnologe zeigt uns exotische Indianer. Doch wenn dort vor gönnerhaft lächelnden Forschern die Eingeborenen tanzen würden, so sehen wir hier den Anthropologen Theo, wie er vor den johlenden und klatschenden Indigenos Volkstänze seiner deutschen Heimat zeigt.
Im Kanu diktiert Theo seinem treuen Gehilfen Manduca einen Brief an seine Frau im fernen Deutschland, die er womöglich nie mehr wiedersehen wird. An dieser Stelle würde in klassischer Hollywoodmanier die Gefühlsorgel aufgedreht, um dem Zuschauer qua Weichzeichner und Filmmusik die schmalzigen Gefühle zu geigen, die er oder sie haben soll. Zielzustand: Wahlweise in platt manipulierter Rührung versinken (Frauenfilm) oder sich (Actiongenre) in gerechter Mordlust auf den nächstbesten Feind stürzen zu wollen, der uns das Schnulzidyll versalzen hat. Nicht so bei Ciro Guerra, der Karamakate fragen lässt, was denn Manduca da für den Weißen mache. Manduca erläutert belustigt, dieser drücke seiner Frau seine Gefühle aus, was auch den Schamanen zu unbändigem Lachen reizt. “Und wenn du wieder in Deutschland bist, wirst du dann mir deine Gefühle ausdrücken?”, fragt der heitere Weise den erbosten Weißen.
Der Schamane ist dabei kein stereotyper “Weiser Medizinmann”, sondern schalkhaft und im Alter ratlos. Der alte Karamakate steht hilflos neben Evans vor einer mit Indigeno-Symbolen bemalten Felswand und kann nicht mehr erklären, was sie bedeuten. Sogar den Kokabrei Mambe muss Evans für die beiden zubereiten –der Schamane hat alles vergessen. (Das wäre etwa so, als würde man Albert Einstein vor einer Tafel mit seinen Formeln finden, doch er bekennt, nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee kochen zu können.) Doch Karamakate findet im Lauf der Reise zu seinen Kenntnissen über halluzinogene Pflanzen zurück und weiß sie auch anzuwenden.
Der psychedelische Yakruna-Trip wird eindrucksvoll inszeniert: als einzige Farbsequenz in einem Schwarzweißfilm lässt er beim Zuschauer plötzlich die Neuronen der Sehrinde feuern, so dass die halluzinogene Wirkung fast nachempfunden werden kann. Anfangs womöglich noch leicht an die entsprechende Szene in “2001 –Odyssee im Weltall” angelehnt, entführt er uns rasch in mythische Bilderwelten der Indigenos. “El abrazo de la serpiente” ist sicherlich ein Film, den man mehrmals sehen sollte.
Die historischen Personen
Die beiden von Ciro Guerra und seinem Drehbuch-Koautor Jaques Toulemonde vorgeführten weißen Forscher sind historische Personen. Deren Werk wird vom Film gewürdigt, besonders Theodor Koch-Grünberg (1872-1924), eigentlich Theodor Koch, der den Namen seines hessischen Geburtsortes wie damals nicht unüblich anfügte, und auch Theodor von Martius genannt wird. Koch-Grünbergs Aufzeichnungen sind heute das einzige, was von vielen Indigeno-Kulturen übrig blieb, er gilt auch als Pionier der anthropologischen Fotografie.
Sein im Film gezeigtes Buch über die Baniwa “Zwei Jahre unter den Indianern” erschien 1910 (also, anders als in der Filmhandlung, 14 Jahre bevor er in Brasilien an Malaria starb). Der Freiburger Professor erforschte die Flussläufe von Rio Xingu, Yapura, Rio Negro und Rio Branco, dokumentierte vor allem die Kultur der Pemón (Arekuna und Taulipang) im Dreiländereck von Venezuela, Brasilien und der Kooperativen Republik Guyana. Die Pemón genießen eine gewisse Bekanntheit, weil die Regierung von Venezuela in ihrem Namen das Berliner Kunstprojekt “Global Stone” seit 2013 auf Rückgabe eines 30 Tonnen schweren heiligen Steins verklagt.
Richard Evans Schultes (1915-2001), der Koch-Grünbergs Spuren folgte, gilt als Klassiker der Ethnobotanik mit speziellem Interesse an halluzinogenen Pflanzen –er publizierte 1980 zusammen mit dem LSD-Entdecker Albert Hofmann. Der Havard-Botaniker Schultes forschte hauptsächlich in Kolumbiens Amazonasregion und soll die unwahrscheinliche Zahl von 24.000 Pflanzenarten klassifiziert haben, darunter 2000, die von indigenen Kulturen als Heilpflanzen genutzt wurden; gut 120 Arten tragen seinen Namen. Ab den 60er-Jahren setzte er sich für den Erhalt von Indigeno-Kulturen und Regenwald ein und klärte seine Studenten in Havard darüber auf, dass dort im letzten Jahrhundert schon über 90 indigene Kulturen vernichtet wurden; 1986 errichtete Kolumbien ein Naturschutzgebiet etwa von der Größe des Libanon als “Sector Schultes”, so sein Nachruf in der NYT.
Evans Schultes, Richard u. Albert Hofmann: The Botany and Chemistry of Hallucinogens, 2nd ed. Springfield 1980.
Koch Grünberg, Theodor: Zwei Jahre unter den Indianern: Reisen in Nordwest-Brasilien, 1903–1905. 2 Bände. Ernst Wasmuth, Berlin 1909/1910.
Filmtitel: Der Schamane und die Schlange, Originaltitel: El Abrazo de la Serpiente; (Argentinien, Kolumbien, Venezuela 2015); Laufzeit: 125 Minuten; Kinostart in Deutschland: 21.04.2016; Regie: Ciro Guerra: Drehbuch: Ciro Guerra, Jacques Toulemonde Vidal; Darsteller: Nilbio Torres, Antonio Bolivar, Brionne Davis, Jan Bijvoet, Miguel Dionisios Ramos, Nicolás Cancino, Yauenkü Migue; Produktion: Cristina Gallego, Raúl Bravo, Marcelo Cespedes, Horacio Mentasti; Festivals: Cannes 2015, lief auf der Berlinale im Sonderprogramm NATIVe für indigenes Kino, 2016 Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.
„Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an.
Filmkritik von Thomas Barth
Mr.May ist ‚Funeral Officer‘ in London. Als Angestellter der Kommunalverwaltung organisiert er Beerdigungen für Menschen, die ohne Hinterbliebene verstorben sind. Wir begleiten ihn in Wohnungen, in denen die Toten ihre letzten einsamen Jahre verbrachten, wo er nach Hinweisen auf Verwandte oder Freunde sucht. Dabei sammelt er auch Lebensdaten, die er in sehr persönliche und bewegende Grabreden einfließen lässt –gehalten meist in einer leeren Kapelle.
Denn Mr.Mays Bemühungen, frühere Bekannte der Verstorbenen zu einer Teilnahme am Begräbnis zu gewinnen, verlaufen oft frustrierend. Meist wollen ehemalige Freunde und zerstrittene Verwandte nicht an den Zeremonien zum Andenken mit den Toten teilnehmen. Doch der wortkarge ‚Funeral Officer‘ lässt sich nicht entmutigen und tut weiter seine Pflicht, das Gedenken an die einsam Verstorbenen scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein. Sein etwas makabres Hobby: In einem Photoalbum sammelt er daheim wie in einem Familienbuch Bilder der Toten. An schönen Tagen geht er Probeliegen auf dem wunderschön unter Bäumen gelegenen Grabplatz mit Blick über den ansonsten britisch-kargen Friedhof.
Der schlanke Staat: Gnadenlos auch mit den Toten
Doch Mr.Mays Sorgfalt, Pflichtgefühl und Respekt passen nicht zur neoliberalen Lehre von der Heiligen Effizienz, mit der ein managerhafter Vorgesetzter die fristlose Entlassung des ‚Funeral Officer‘ begründet. May bittet sich einige weitere Tage aus, um seinen letzten Fall würdig abschließen zu können: Ein Billy Stoke starb in seiner verwahrlosten Behausung genau gegenüber von John Mays eigener Wohnung. Filmemacher Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Paolo Pasolini, aber Neffe von Luchino Visconti) wollte am Thema von Einsamkeit und Tod auch den Verlust von Menschlichkeit in unserer neoliberalen Gesellschaft anprangern.
„Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? Warum werden so viele Leute vergessen und sterben vereinsamt? Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“ Uberto Pasolini
Auch in Deutschland obliegt die Bestattung mittellos Verstorbener ohne Angehörige den Kommunen. Als wachsendes Großstadtphänomen gibt es seit 2004 eine rasant steigende Zahl von „Sozialbestattungen“, bei denen die Angehörigen nicht über die finanziellen Mittel für eine Beisetzung verfügen. Die Zahl dieser Fälle ist seit 2004 um zwei Drittel gestiegen, was auch mit der Streichung des „Sterbegelds“ der gesetzlichen Krankenkassen unter der Regierung Schröder zu tun hat –so hat der Filmverleih von „Mr.May“ recherchiert. Eine Nachfrage bei den Hamburger Friedhöfen bestätigt dies.
„Leichen sind zu bestatten. (…) Für die Bestattung haben die Angehörigen zu sorgen. Wird im Todesfall niemand tätig, veranlasst die zuständige Behörde die Überführung der Leiche in eine Leichenhalle. Wird für eine in eine Leichenhalle eingelieferte Leiche kein Antrag auf Bestattung gestellt, so kann die zuständige Behörde vierzehn Tage nach Einlieferung die Bestattung in einer Reihengrabstätte eines Friedhofes veranlassen.“ §10 Hamburger Bestattungsgesetz
Die Durchführung von Amtsbestattungen werden in Deutschland von den Kommunen ausgeschrieben, der günstigste Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag. Anders als im Film sind die Sterbeorte jedoch vor allem Krankenhäuser und Altenheime, seltener Privatwohnungen. Von dort werden die ohne Angehörige Verstorbenen von einem durch die Polizei verständigten Leichentransporter abgeholt und in die Verstorbenenannahme auf dem Öjendorfer Friedhof gebracht, teilt die Hamburger Friedhofsverwaltung mit. Der Öjendorfer Friedhof zählt nicht zu den schöneren der Stadt, er liegt abgelegen weit im Osten Hamburgs. 2003 wurde ein Gedenkstein mit dem Schriftzug „Zukunft braucht Erinnern“ am Gräberfeld der Vergessenen aufgestellt und seit 2007 gibt es sogar Blumenschmuck und eine Kerze für jeden Verstorbenen. Im Film kommt es schlimmer: Mr.May muss in stummer Erbitterung mit ansehen, wie nach seinem Rauswurf der Manager-Bürochef mit einer Angestellten im Business-Kostüm die Asche etlicher Toter lieblos auf den Rasen kippen.
Eddie Marsan überzeugt als Mr.May
Der bislang nur aus Nebenrollen bekannte Eddie Marsan zeigt sich als Hauptfigur von Format in diesem Film, der zurecht in Venedig mit dem Regiepreis und in Edinburgh mit dem Preis für den Besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Sein stilles, ausdrucksstarkes Spiel, sein trockener Humor und seine tiefe Menschlichkeit berühren den Zuschauer. Mit fast trotziger Leidenschaft stürzt sich Mr.May in seine letzten Ermittlungen zum Fall Billy Stoke, die er detektivisch genau führt. Er findet Arbeitskollegen, alte Armykumpel und sogar eine Tochter, von der Billy nichts wusste. Der Film gewinnt bei dieser Expedition in das Leben eines schon fast Vergessenen an Farbe und Tempo, ohne seinen ruhigen, manchmal humorvollen Blick auf die Problematik von Sterben und Tod zu verlieren. Etwa wenn Officer May in der Großbäckerei, wo Billy einst tätig war, Verständnis für die strengen Hygienevorschriften äußert und gefragt, ob er auch im Nahrungssektor sei, antwortet: „Nein, ich arbeite mit Menschen… die nicht mehr backen.“
Sogar eine subtile politische Botschaft kristallisiert sich heraus: Gegen die kaltherzige Exekution betriebswirtschaftlicher Direktiven durch den aalglatten Manager der Londoner Stadtverwaltung gewinnt der tote „Big Billy“ Stoke immer mehr an Format: War er nur ein verkommener Säufer? Ein Raufbold und Berufsversager? Oder verlor er seinen Job, weil er sich für die Kollegen im Betriebsrat einsetzte, ein Arbeiterkämpfer? Beim Wühlen in Billy’s verkorksten Familienleben findet Mr.May am Ende, ohne dass der Film dabei ins Kitschige abgleitet, zarte Anfänge einer Liebe. TV-Zeitschriften werden künftig wohl das Prädikat „Filmjuwel“ für „Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“ bemühen.
„Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“ D 2015: Kritik zu einem Film von Oskar Roehler
Deftiger Autorenfilm von Oskar Roehler: Eine klamaukafkaeske Ekelsex-Ödipusdramödie; eine grelle Welt von Sex, Drogen und Paranioa im Westberlin der 80er Jahre, die selbsttherapeutische Abrechnung eines verstörten Zeitgenossen mit Schulzeit und Eltern.
Roehler greift in seinem Film Themen auf und artikuliert Abneigungen, die jenseits des Atlantik in der NRx-Bewegung zu beobachten sind, er dabei liefert zugleich Parodie und Psychogramm für Proteste, wie sie auch in der Punk-Kultur auftauchen. Die neoreaktionäre NRx-Bewegung in den USA führt einen erbitterten Kulturkampf (dark enlightenment) gegen Alt-68er-Hippies und deren Nachkommen, die angeblich übermäßig verhätschelte „Generation Snowflake“ der Millenials, auch Gen Y oder Digital Natives genannt (Geeks for Monarchy). Deren antiautoritäre Hippie-Eltern hätten ihren Nachwuchs in Watte gepackt und ihm ständig dessen Einmaligkeit (wie eine Schneeflocke) trotz tatsächlicher Mittelmäßigkeit versichert. Die neoreaktionäre Alt-Right-Bewegung beruft sich auf Film und Buch „Fight Club“, wo so benannte Snowflakes brutal zu Kämpfern umerzogen werden. Im rechtslibertären Milieu der US-Gesellschaft vereinen sich neokonservative bis nationalistische, faschistoide bis nazistische Strömungen mit heftigen anarchischen Tendenzen, die gegen Staat und Spießertum rebellieren wollen. Der angepasste Spießer als Feindbild wird mit linksliberalen, grün-alternativen, sogar sozialistisch-marxistischen Einstellungen identifiziert, welche Neurechte bei uns als „grünlinks-versifft“ bekämpfen. Wie lassen sich aber linksradikale Punks mit faschistoiden Neurechten, Skinheads oder Neonazis in Zusammenhang bringen? Oskar Roehler gelingt das Kunststück auf unterhaltsame Weise, wenn auch teilweise jenseits der Ekelgrenze.
Nazi & Punk vereint gegen 68er-Hippies
Robert (Tom Schilling), ist Roehlers 18-jähriges Alter Ego aus seinem autobiographischen Roman „Herkunft“ (2011), der in „Die Quellen des Lebens“ eine erste schrille Verfilmung erlebte. „Tod den Hippies“ geht mit surrealen Flashlights sparsamer um. Robert erlebt seine Schulzeit als eine Hölle der Hippies. Hassfigur ist der Politik-und-Sozialkunde-Lehrer, der, von den hübschesten Schülerinnen angehimmelt, marxistische Parolen abfragt und dabei eitel seine Hippiemähne zurückwirft. Im Lehrerzimmer und auf den Gängen des Gymnasiums sitzt das Kollegium im Schneidersitz meditierend mit kreisenden Joints und zelebriert ein nie endendes Woodstock für Oberstudienräte. So weit, so surreal.
Roberts einziger Kumpel heißt Gries. Er ist ein schwuler Nazi, der es noch viel schlechter hat als der Jungpunker, denn er ist hässlich, dumm, brutal und laut. Nur sein deutscher Schäferhund liebt ihn und umgekehrt. Gemeinsam ist den beiden Außenseitern, dem Punk und dem Nazi, vor allem ihr Hass auf Hippies, Motti: „Scheiß-Hippies, verdammtes Gesockse“ und „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“
Die Masse der Schüler sind treudoofe 68er-Mitläufer und basteln Schilder für pädagogisch angeleitete Protest-Demos, die unter Führung der bekifften Lehrer stattfinden. Roberts Schülerliebe ist ein ähnlicher Alptraum, seine altkluge Freundin plant schon jetzt Studium und Karriere bis zur Pensionierung. Sie will, dass beide wegen der finanziellen Sicherheit „auf Lehramt machen“ und flippt aus, als Robert sich eine punkige Irokesen-Frisur zulegt. Damit treibt sie ihn endgültig in die Flucht, denn Robert will kein Kuscheln im Plüschpullover mehr, sondern Latex, High Heels und pralle Möpse.
Auch Gries, der in der Schule zwar von alten Nazi-Verbindungen seines Vaters zum Rektor zehrt, bekommt Schwierigkeiten: Er kann nur schwer geheim halten, schwul zu sein –denn betrunken grölt er andauernd „Arschficken für alle“ und nüchtern ist er selten. Probleme bekommen Gries und Robert auch wegen der Schülerstreiche der beiden, gegen die derbste „Fuck you, Goethe“-Szenen wie die biermeierliche ARD-Serie „Lindenstraße“ wirken. Anschlagziel wird gut ödipal natürlich der eitle Oberlehrer-Hippie, eine weitere Vaterfigur. Am Ende kratzt Robert die Kurve, bricht die Schule ab und flüchtet aus seiner spießigen Schülerliebe , aber vor allem aus dem Flower-Power-Schulhorror, während hinter ihm ein paar schwerbewaffnete Übeltäter seine Gewaltphantasien als Schulmassaker in Szene setzen.
Westberlin – Berlin (West)
So macht sich Robert auf nach Westberlin, damals das Fluchtziel für viele 18jährige, nach denen das Kreiswehrersatzamt greifen wollte: In Berlin (West) gab es keine Wehrpflicht, ein guter Tipp, wenn man weder Neigungen zu Bundeswehr noch zum Zivildienst (womöglich alten Leuten den Hintern putzen) verspürte. Doch er kommt vom Regen in die Traufe, denn die schöne neue Welt von Sex, Drogen und Punkmusik gibt es nicht umsonst für den jung-nihilistischen Poeten („Ich schreibe vom Tod“). Tagsüber schrubbt er die Kabinen einer Peep-Show, fühlt sich aber zu Höherem berufen („Die wichsen hier wie die Weltmeister, Mann, ich komm kaum nach. Das ist nix für mich, ich bin Künstler, Mann.“), später muss er sogar Kotbeutel von Pflegeheimpatienten entleeren, die Senoiren verfolgen ihn als Zombies in seine Träume –Roehler spart nicht mit Ekelszenen.
Roberts Eltern werden ebenfalls eklig dargestellt, besonders die Mutter deftig und prall verkörpert von Hannelore Hoger (TV-Kommissarin „Bella Block“). Sie will Robert zum Mord am Erbonkel überreden, während sein Vater (Samuel Finzi) als düsterer Lektor, Verleger und Kassenwart der RAF (Rote Armee Fraktion) auf 200.000 DM Restbeute sitzt und den Sohn mal drohend, mal kumpelhaft mit seinen kruden Moralvorstellungen traktiert: „Der Mann sollte beim Sex immer oben liegen, klassische Missionarsstellung. Du allerdings wurdest von hinten gezeugt.“
Trotzdem genießt Robert die Freiheit in der anarchisch-punkigen Subkultur und verbringt die Nächte in der Kreuzberger Bar „Risiko“, wo Ikonen wie Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“) oder Nick Cave herumhängen. Wodka wird in Biergläsern ausgeschenkt, Koks und Punkmusik dürfen nie fehlen. Obwohl üppige Sozialhilfe beim Amt abholen leichter ist als Brötchenkaufen („Außenbahnzuschußpauschale, Vergütungsmittelpauschale, da kriegen Sie 1475 Mark. Wenn sie mehr brauchen, können Sie morgen wieder kommen.“), wischt der staatsverachtende Anarchist Robert weiter Sperma (anders als Ayn Rand, die Ikone der US-Rechtslibertären, die zeitweise von der Stütze lebte). In seiner Peepshow holt Robert auch das Essen für die Models und verliebt sich in eine „Sweinebraten“-liebende Stripperin aus New York, sie gestehen sich gegenseitig den Hass auf ihre Eltern.
Autobiographie eines Punks
Oskar Roehler, der selbst 1981 im geteilten Berlin landete, greift auf eigene Erinnerungen zurück und entwirft ein grotesk-obszönes Bild vom West-Berlin der frühen 1980er, das als glamouröses Schaufenster des Westens inmitten der realsozialistischen DDR lag: Eine Insel von Luxus, Exzess und Ekstase, aus der heraus nackte Mädchen mit ihren entblößten Brüsten Ostberliner DDR-Grenzersoldaten zuwinkten. Seine Darstellung der Anarchoszene zeigt trashige junge Leute, die jede Sinnsuche aufgegeben haben. Punk als Nihilismus, der in anarchischem Hedonismus, in schneller Lust mit Sex und Drogen schwelgt. Verkannte Künstler wie Robert und gebrochene Figuren wie Gries passen perfekt in diese Kulisse. Oskar Roehler zum Thema „schwule Nazis“: „Ich liebe diese brachialen, ungeschliffenen Typen. Sie bringen Chaos in die Sache, weil ihre Ausrichtung politisch, gefühlstechnisch und sexuell unausgegoren ist. Das sind meine liebsten Nebenfiguren. Dieser Gries weiß ja im Grunde überhaupt nichts genau.“
Oskar Roehlers Eltern waren ein glückloses Schriftstellerpaar der Generation 68: Gisela Elsner und Klaus Roehler waren literarische Hoffnungen in Westdeutschland. Die Auseinandersetzung mit seinen Eltern scheint das beherrschende Thema für Oskar Roehler zu bleiben. Schon im Film „Die Unberührbare“ setzt sich Roehler mit seiner psychisch labilen Mutter (eindringlich gespielt von der nicht verwandten Hannelore Elsner, die eigentlich Elstner heißt) auseinander, die sich 1992 das Leben nahm. Damals kam sie noch vergleichsweise gut weg, im neuen Werk wird sie zu einem Muttermonster dämonisiert. In Roehlers Film „Der alte Affe Angst“ ging es dagegen um eine Vaterfigur, und auch „Die Quellen des Lebens“ arbeiten sich an der Lebensgeschichte Roehlers ab, nebst Schatten der Nazi-Zeit, geistiger Wohlstandsverwahrlosung der Oberschicht und der epidemischen Verbreitung von Gartenzwergen in deutschen Vor- und Kleingärten. Jetzt kämpft sich Oskar Roehler in „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ durch einen weiteren Teil seiner Biographie, bekennt sich zu Punk, Sex und Drogen.
Kinostart: 26.03.2015 (der Film wurde inzwischen vom Öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt -abseits der Hauptsendezeiten)
David Bernets Kinofilm bringt kaum Neues zum Datenschutz, man bekommt stattdessen ein rosarot gemaltes Bild der EU-Legislative und ihrer engen Beziehung zum Lobbyismus: Dokumentarfilmoder Propagandastreifen für die Diktatur des Geldes in einer korrupten Europäischen Union?
Der Kinofilm Democracy -Im Rausch der Daten dokumentiert den parlamentarischen Gesetzgebungsprozess der EU anhand des europäischen Datenschutzes. Der handwerklich gut gemachte Film ergreift zwar Partei für den Datenschutz, aber er tut dies aus der unreflektierten Perspektive eines von Industrielobbyisten vorgegebenen Rahmens. Nur aus dieser Perspektive erscheint am Ende der vorgelegte Gesetzentwurf als großartiger Erfolg. Tatsächlich hat die Politik hier nur ausnahmsweise und auch nur teilweise endlich einmal das getan hat, wofür wir sie gewählt haben: Unsere Rechte zu verteidigen. Aber das Gesetz, dessen Werdegang von 2012-2013 dargestellt wird, ist bis heute nicht in Kraft.
Die Grünen wird der Film freuen, denn ihr Protagonist, der EU-Parlamentarier Jan Philipp Albrecht, wird neben der EU-Kommissarin Viviane Reding als Hauptfigur des Datenschutzes präsentiert. Im Januar 2012 hatte Reding für die EU-Kommission eine Reform der EU-Datenschutzvorschriften vorgeschlagen, der im Oktober 2013 der Vorschlag eines im EU-Parlament unter Federführung von Albrecht ausgehandelten Gesetzesentwurfs folgte, der den Datenschutz noch weiter verschärfen sollte. Besagte Verhandlungen werden im Film „Democracy“ akribisch verfolgt.
Der Kampf um das Thema außerhalb der EU-Bürokratie wird dagegen in nur fünf Filmminuten abgehandelt, die von Snowdens Enthüllungen handeln. Die europaweite Entstehung einer einer neuen politischen Bewegung zum Thema Netzpolitik und Datenschutz, der Piratenpartei, blendet „Democracy -Im Rausch der Daten“ fast völlig aus. Nur eine halbe Sekunde ist am unteren Rand eines Plakats mit Edward Snowdens Gesicht unter dem Slogan „Stop watching us“ das Wort „Piratenpartei“ zu erhaschen, dann drängen sich wieder Werbe-Luftballons der Grünen ins Bild. Klasse Parteipropaganda, oder?
Aber waren die überraschend großen Wahlerfolge der Piraten, die gerade in Deutschland bis in den zweistelligen Bereich emporschossen und ihnen teilweise bis heute Einfluss in Landesparlamenten von Berlin und NRW sicherten, wirklich so unbedeutend für den Datenschutz, dass eine solche Doku sie weglassen darf? Zählen Millionen Wählerstimmen für den Film „Democracy“ weniger als das PR-Gerede von Industrie-Lobbyisten in Brüssel? Welches Bild von Demokratie wird so vermittelt?
Lobbyismus wird nicht hinterfragt
Die äußerst dubiose Rolle des Lobbyismus im EU-Gesetzgebungsprozess wird von Bernet weniger hinterfragt als vielmehr zur Naturgewalt stilisiert: Korrupte Politiker werden zu Heroen geschönt, die gegen einen „Lobbyorkan“ ankämpfen müssen (dem sie, das leuchtet jedem ein, hie und da einfach erliegen müssen -wo genau wird jedoch verschwiegen). Dass diese Politiker die Lobbyisten erst in die Gesetzgebung hinein gelassen haben und sich von ihnen mit Kaviarempfängen und unzähligen mehr oder weniger korruptiven Gaben umschmeicheln lassen und sich sogar die angeblich von ihnen, den Politikern mühsam erarbeiteten Gesetzestexte von den Lobbykraten formulieren lassen, verschweigt Bernets Film. Korruption wird damit zugleich verharmlost, vertuscht und in ihren konkreten Folgen verschwiegen.
Jacques Santer und die EU-Bangemann-Affäre
Ist Bernets Film selbst eine dreiste PR-Produktion, die uns ein weichgespültes Bild der EU vorsetzt? Wer uns über die EU-Demokratie informieren will, kann sich, so sollte man meinen, kaum um die zahlreichen Korruptionsfälle herum drücken, bis zum Sturz einer kompletten EU-Kommission unter Jacques Santer 1999 wg. einer korrupten Édith Cresson, die beim Griff in die Kasse erwischt, letztlich sogar ungestraft davon kam. Mit der Bangemann-Affäre gab es einen der größten Skandale überhaupt genau im Bereich Netz- und Datenwirtschaft: Der dafür zuständige EU-Kommissar Bangemann (FDP) wollte nach Dienstende flugs zur IT-Firma Telefonica wechseln, die dank der vom Industriefreund Bangemann durchgesetzten Liberalisierung der Kommunikationsnetze saftige Gewinne einstreichen konnte. Das hatte eine Debatte über Mechanismen der Korruption ausgelöst.
Jacques Santer (Luxemburg), Staatsminister a. D., Präsident der EU-Kommission a. D. ist inzwischen im Führungskreis des INEA an den Schalthebeln der Lobby-Macht: Das Institute for European Affairs e.V. (INEA) mit Sitz in Düsseldorf ist eine europaweit – mit Schwerpunkt Osteuropa – tätige Beratungs- und Lobbyorganisation. Sie ist eng mit dem Baltic Sea Forum verflochten, mit dem sie im Ostseeraum kooperiert. Führende Mitarbeiter des INEA waren früher in die Aktivitäten der Sicherheitsfirma Prevent involviert. All diese Hintergründe lässt der Kinofilm im launigen Hahaha der Sektempfänge im Lobbyland verschwinden. Bestechung, Personalkarussell und Lobbyismus gehören zusammen und sind Grundübel unseres politischen Systems, die dringend öffentlicher Aufklärung bedürfen. Doch stattdessen gewährt Dokumentarfilmer Bernet vielen Lobbyisten ein Forum zur Selbstdarstellung, das dieser in PR und Rhetorik bestens geschulte „Berufsstand“ zu nutzen versteht. Der Film wird damit Teil der lobbykratischen Korruption und ihrer Propaganda.
Datenschutz kommt zu kurz
Datenschutz war in der deutschen Politik immer ein wichtiges Thema, schon beim Volkszählungsboykott in den 1980er-Jahren über das Erstreiten eines „Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung“ vor dem Verfassungsgericht bis zu den aktuell tobenden Gefechten gegen die Vorratsdatenspeicherung.
Die internationale Dimension zeigte sich spätestens beim Echelon-Skandal, der einen Konflikt Washingtons mit Westeuropa (außer Großbritannien) offen legte: NSA und andere Geheimdienste greifen in größtmöglicher Weise illegal auf die Daten der Europäer zu. Im diplomatischen Krypto-War um die Freigabe von Verschlüsselungstechnik für die Bürger eskalierte zwischen USA und EU ein Streit um den Datenschutz, der nie wirklich beigelegt werden konnte.
Mit den Enthüllungen von WikiLeaks wurde der „panoptische Blick“ der alles-sehenden Augen von NSA & Co. erstmals in großem Maßstab umgekehrt. Die alte Utopie von Hacker-Bewegung und Netzkultur, die Vision eines „Inversen Panoptismus“, wurde ansatzweise zur Realität.
Eine zweite, noch größere Bresche schlugen die NSA-Leaks von Edward Snowden in die Palisaden der globalen Überwacher. Während heute Geheimdienste um den Schutz ihrer Geheimdaten bangen, stacheln sie zugleich die Netz- und Medienwirtschaft an, den Datenschutz der Bürger immer aggressiver zu untergraben – wie Snowden enthüllte.
Big Data ist das Stichwort und die „sozialen Netzwerke“ von Facebook, Google & Co. sind ihre „digitalen Fischgründe“. Aber Bernets Film bleibt beim Thema Datenschutz leider sehr oberflächlich. Die netzpolitische Debatte, deren Intensität seit Snowden noch einmal enorm gestiegen ist, streift er nur allzu knapp. Nur fünf Minuten, von Filmminute 80 bis 85, von 100, widmet er einigen reißerischen Bildern der außerparlamentarischen Kämpfe, von „Snowden – Held oder Verbrecher?“ bis zur Demo „Freiheit statt Angst“ aus Kreisen der deutschen Hacker-Netzkultur. Das ist zu wenig. Und die Rolle der EU-Kommission wird anbiedernd heroisiert: Waren Kommissarin Reding & Co. -insbesondere angesichts der Snowden-Enthüllungen- wirklich so engagiert für den Datenschutz, wie ihre PR-Leute und dieser Film uns weismachen wollen? Regierungskritiker der Hackerszene sind da ganz anderer Ansicht:
„Als der Guardian am 5. Juni die ersten Informationen über die gigantische Überwachung aller Bürger/innen durch amerikanische Geheimdienste publik machte war die Reaktion in der EU verhalten. Nur einzelne Abgeordnete des EU-Parlaments veröffentlichten kritische Presseaussendungen und versuchten mehr Informationen durch Anfragen an die Kommission zu erlangen. Erst als auch die Überwachung durch europäische Geheimdienste, etwa durch Tempora und die Datenweitergabe der USA an europäische Dienste thematisiert wurde, wachten auch die EU-Politiker/innen langsam auf… Erst am 14.Juni äußerten sich die beiden Kommissarinnen Viviane Reding, zuständig für Justiz, und Cecilia Malmström, zuständig für Inneres, zu dem Überwachungsskandal… Und auch bei der Beantwortung der unzähligen parlamentarischen Anfragen zeigt die Kommission keinen besonders großen Willen, den Skandal aufzuklären. Am Ende bleibt ein zahnloser Ausschuss… (Es ist) zu befürchten, dass sich die Kommission weiter von den Amerikanern die Bedingungen der Aufklärung diktieren lässt und am Ende keine ausreichend verwertbaren Informationen vorlegen kann, um gegen die gigantische Überwachung aktiv werden zu können.“ Alexander Sander: Aufklärung à la EU, in: Hrsg. Markus Beckedahl & Andre Meister (Hg.): Überwachtes Netz. Edward Snowden und der größte Überwachungsskandal der Geschichte, 2013, S.128-130.
Es ergibt sich beim Blick auf das EU-Parlament in diesem Film ein auf seine beiden politischen Akteure beschränktes Bild. Besonders gefährlich ist die großzügige Einbindung der Industrie-Lobbyisten, deren Weltsicht geradezu als „natürlicher“ Hintergrund der Debatte präsentiert wird.
Es entsteht ein pseudo-ausgewogenes Storybord zur Geschichte des Datenschutzes: Hier die Wirtschaft, dort die Politik. Doch geht es nicht um unsere künftigen Menschenrechte? Würden wir bei der Debatte um Frauen-, Kinder- oder Organhandel, jene in die Diskussion einbinden wollen, die am Raub menschlichen Lebens und menschlicher Freiheit ihren schmutzigen Profit erwirtschaften wollen?
Betonung der Sicht der Lobbyisten
Bernets Film kritisiert zwar die Lobbyisten der IT-Industrie, aber er lässt sich von ihnen das Spielfeld vorgeben, auf dem das geschieht. Schon der Beginn seines Film steckt dieses Spielfeld ab. Erste Szene: Ein Hubschrauber fliegt über Athen. Eine Stimme aus dem Off (wie wir später erfahren, ein Lobbyist) erklärt uns im Ton eines Dokumentarfilms:
Viele Leute sagen, Daten sind das neue Öl, das Öl des 21.Jahrhunderts. Ein guter Vergleich, wenn man bedenkt, wie Öl unsere Welt geformt hat. Es hat uns globale Mobilität ermöglicht. Öl liefert uns Energie, hat unser Leben für immer verändert und Daten werden dasselbe tun. Je mehr Daten wir haben, umso interessantere, weltverändernde und bislang undenkbare Dinge werden Wirklichkeit. Aber wer keine Daten hat, hat auch kein Öl. Leider gibt es einen großen Widerspruch zwischen BigData und dem Wunsch nach Privatsphäre. Es werden riesige Mengen an Daten generiert, die persönliche Informationen enthalten. Die Frage ist nun: Wie sollen diese Daten genutzt oder geschützt werden? Wer hat die Kontrolle darüber? Wem gehören sie? Es ist entscheidend, dass wir die richtige Antwort finden.
Die erste Szene führt dann die beiden Hauptprotagonisten ein, EU-Kommissarin Reding und den Grünen Jan-Philipp Albrecht. Von Albrecht sieht man zunächst zwei ungeschickte Hände, die versuchen eine Krawatte zu binden. Er blättert dabei auf seinem Smartphone in einer Online-Anleitung zum Krawattenbinden. Albrecht wird als unangepasster Grüner präsentiert, vielleicht auch als Grünschnabel, der jedoch mit dem Internet umgehen kann.
Dann tritt Reding auf, in Politikerpose. Man ahnt, sie saß als VIP im angeflogenen Hubschrauber, der zugleich die „globale Mobilität“ durch Erdöl aus dem Lobbyistentext visualisierte. Sie steht vor Journalisten, redet souverän auf sie ein. Die Rollen von Reding und Albrecht werden in dieser Szene ebenso abgesteckt, wie die der EU-Industrie-Lobbyisten als Stichwortgeber, Drahtzieher und Spielmacher im Hintergrund.
David Bernet fängt mit Bildern, Musik und Schnitttechnik Stimmungen ein, vermittelt ein kurzweilig-emotionales Erlebnis der trockenen EU-Parlamentswelt. Die Personen werden plastisch gemacht, besonders Albrecht, dessen Gewohnheiten und Gefühle dokumentiert werden: Beim Kekseknabbern, bei der Arbeit, in seiner Rolle als von der mächtigen Kommissarin Reding gefördertes, ursympathisches Nachwuchstalent. Hier liegt der Schwerpunkt des Films, nicht bei der Thematik des Datenschutzes. Dies liegt vielleicht auch daran, dass Bernet quasi zufällig über das Thema stolperte, wie er selbst berichtet.
Auf die Frage, wie er auf die Idee kam, einen Dokumentarfilm über die EU-Datenschutzreform und das damit verbundene Gesetzgebungsverfahren zu drehen, antwortet David Bernet laut Presseheft:
Als ich vor ungefähr fünf Jahren die Recherche für DEMOCRACY – IM RAUSCH DER DATEN aufnahm, ging es noch nicht um Datenschutz, sondern um zwei grundsätzliche Fragen: Werde ich den Zugang bekommen, um einen solchen Dokumentarfilm im Inneren der EU-Institutionen zu drehen? Und falls ja, welches Gesetz würde von so großer Relevanz sein, dass die Debatte dazu während des Drehzeitraums europaweit heiß laufen könnte? (…)
Als ich nach (…) vielen Wochen Recherche meinen Produzenten mitteilte, dass die EU-Datenschutzreform wohl dieses heiße Eisen werden wird und ich den Film zu diesem Thema sehe, schlugen sie berechtigterweise die Hände über dem Kopf zusammen. Denn es war 2010. Das Thema Datenschutz war damals komplett außer Reichweite und nur die politischen Avantgardisten in Brüssel konnten wissen, wie bedeutsam dieses Gesetz für die Zukunft unserer Gesellschaft werden wird.
Über die Idee, „nur die politischen Avantgardisten“ hätten 2010 erkennen können, wie bedeutsam Datenschutz für die Zukunft unserer Gesellschaft werden wird, kann man nach drei Jahrzehnten politischer Kämpfe um das Thema nur die Stirn runzeln. Immerhin kommen auch NGO-Vertreter zu Wort, von denen die kritischeren Beiträge zum Thema stammen. Dabei werden leider Industrie-Lobbyisten mit NGO-Bürgerrechtlern schwer unterscheidbar gemischt.
Von der modernen Pest der BONGOs und GONGOs (Business- bzw. Government Organised NGO) hat Bernet scheinbar auch noch nichts gehört. Wenigstens erfährt man, dass in Brüssel 99 Prozent der Lobbyarbeit durch offen agierende Industrie-Lobbyisten geleistet wird. Besonders viel Raum bekommt Kataryna Szymielewicz, Gründerin und Vorsitzende der NGO „Panoptykon Foundation“ (Warschau). Die Kamera folgt der jungen attraktiven Juristin, die erläutert:
Überwachung bedeutet nicht, dass jemand weiß, wie man nackt aussieht oder mit wem man seine Nächte verbringt. Das ist Kinderkram, für den sich niemand interessiert. Tatsächlich geht es bei der Überwachung darum, Menschen und Bevölkerungsgruppen zu steuern.
Die Industrie wolle ihre Kundenprofile auf Kosten der Freiheit aufbauen und etwa jungen Frauen in polnischen Dörfern Töpfe und Pfannen verkaufen, statt roten Highheels, die ihnen Flausen in den Kopf setzen könnten. Szymielewicz‘ Bewertung der Überwachung ist richtig, wenn sie auch bei Webcams irren mag, deren Missbrauch durchaus der Gewinnung pornographischer Bilder dienen kann.
Auch finden sich vermutlich viele Onlinefirmen, die gerne jedwedes Schuhwerk in die polnische Provinz liefern würden. Warum aber zitiert die Doku Szymielewicz ausgerechnet mit Nacktheit, Bett- und Highheels? Dies lenkt nur von der politisch bedeutsameren Manipulation und Bevölkerungssteuerung durch BigData ab.
Data-Mining versus Menschenrecht
Mit Data-Mining in unserer Netzkommunikation wird das Marketing an Kundenprofilen perfektioniert, die jede Stasi-Akte in den Schatten stellen. Damit wird auch Geld verdient, aber ein wichtiger Aspekt ist zweifellos das Abschöpfen dieser Profile durch Geheimdienste, denen jede Privatsphäre ein Gräuel ist (außer ihrer eigenen). Nach außen propagieren Werbe-Abteilungen und Lobbyisten diese kriminelle, zumindest aber ethisch fragwürdige Praxis mit PR-Parolen wie „Daten sind das neue Öl“.
Mit genau diesem Satz beginnt der Film „Democracy -Im Rausch der Daten“ und viele Lobbyisten bekommen Gelegenheit, ihn in Variationen zu wiederholen. Der Hauptprotagonist der Doku, der grüne EU-Politiker Jan Philipp Albrecht, hört ihnen geduldig zu, während er um einen Kompromiss für die europäische Datenschutzverordnung im EU-Parlament ringt. Seine Devise ist: „Wenn Daten das neue Öl sind, ist Datenschutz der neue Umweltschutz“ -und somit Sache der Grünen. Die Botschaft: Kritik ist erlaubt, wenn sie im Rahmen der von Industrie-Lobbyisten vorgegebenen Weltsicht bleibt.
Dass es bei unseren persönlichen Daten um etwas fundamental anderes geht als um einen neuen Rohstoff, dass es hier um den Zugriff auf unser Grund- und Menschenrecht auf informationelle Selbstbestimmung geht, tritt in den Hintergrund. Dass es damit um die Macht geht, uns alle in bislang undenkbarem Ausmaß zu kontrollieren und zu manipulieren, bleibt ungesagt. Die oft wiederholte Parole, künftig wären unsere privaten Daten eben die Währung, in der wir die Netzkonzerne für „kostenlose“ Dienstleistungen bezahlen müssten, bleibt unhinterfragt.
Vielleicht zeigt sich hier eine besonders perfide Wirkung der Ideologie des Neoliberalismus: In einer Welt, in der alles zum Wirtschaftsgut gemacht werden darf (unsere Beziehungen im Netz, unsere ausgeforschte Persönlichkeit, unser Leben) werden die Menschenrechte in die Ecke gedrängt. Nicht mehr die Industrie soll sich rechtfertigen, unsere Daten abzugreifen, wenn wir sie in unseren öffentlichen Netzen Geld verdienen lassen – Wir sollen uns rechtfertigen müssen, wenn wir dies verweigern oder begrenzen wollen.
Die neoliberale Ideologie des „Wer zahlt befiehlt“ gewinnt an Macht durch die immer weiter gehende Privatisierung öffentlicher Infrastruktur. Im Netz genügt den Unternehmen nicht mehr die zu Beginn des Netzfirmen-Booms propagierte „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, bei der sie unsere Weltsicht hemmungslos mit Werbung verkleistern darf.
Jetzt wollen die zu global dominierenden Multi-Milliarden-Konzernen angeschwollenen Firmen auch noch unser Recht auf Selbstbestimmung in Geiselhaft nehmen. Und das, obwohl wir inzwischen nicht mehr nur befürchten, sondern definitiv wissen, dass hinter ihnen die Geheimdienste lauern, die in krimineller Weise unsere Daten missbrauchen.
Bei der Abwägung dieser menschlichen Güter gegen Begierden der Wirtschaft darf es keine kompromisslerische Haltung geben. Nur weil der virtuelle Raum der Daten und Netze abstrakter scheint und heute von vielen erst ansatzweise verstanden wird, darf hier nicht mit Lobbyisten geschachert werden. Ebenso wenig wie in der Frage der Sklaverei, für deren Fortsetzung Wirtschaftsunternehmen sicherlich auch zahlreiche ökonomische Argumente angeführt haben. Letztlich geht es um die Frage, ob die Wirtschaft der Gesellschaft dienen soll oder umgekehrt.
Bernets Film „Democracy“ präsentiert uns das EU-Datenschutzgesetz, dessen Umsetzung bis heute verschleppt wird, als grandiosen Sieg von Parlament und vernünftigem Kompromiss von Politik und Lobbyisten. Aber eher dokumentiert er wohl die dringende Reformbedürftigkeit unserer durch eine systemintern installierte Lobby-Diktatur zutiefst korrumpierte Gesetzgebungsprozesse.
(Eine gekürzte Version dieser Kinokritik erschien auf Telepolis.)
Wahnsinn, Depressionen und Existenzialismus: Wie die Philosophie von J.P.Sartre, die Neurowissenschaft und Bio-Hacking das Rätseln unserer Existenz ergründen wollen. Eine Dokumentation in bewusstseinserweiternden Bildern.
„In der Depression entwickelt man viele ‚fixe Ideen’“, sagt Frank Schauder, Hauptperson eines Films, der von seinem persönlichen Kampf gegen die seelische Erkrankung handelt. Seine ‚fixe Idee‘ ist die genetische Ursache seines Leidens: „Das dunkle Gen“. Der Film begleitet ihn bei der Erforschung dieser Idee, sucht dabei auch nach einer ästhetischen Darstellung seines wahnhaften Erlebens.
Die erste Einstellung zeigt Frank Schauder bei einer nachgestellten Erstbefragung in der psychiatrischen Notaufnahme. Die Ärztin erkundet anhand eines standardisierten Leitfadens seine geistige Klarheit, seine depressive Stimmung und die Suizidgefahr. Er berichtet Suizidgedanken und von Suizidversuchen in der Vergangenheit. Es ist eine unaufgeregte, realistische Darstellung, die jedoch pure Dokumentation überschreitet, indem sie uns von Anfang an in die Emotionen des Patienten hinein führt. Die so gezeigte empathische Haltung fern jeder Verkitschung behält der Film bei, wenn er in seinen biographischen Szenen dem Protagonisten in den Freundeskreis folgt, in Krankenhäuser, zu Gesprächen mit seinem Sohn. Die Kamera lässt uns ohne jeden Voyeurismus an seinem Leiden teilnehmen, an jahrelanger Depression mit zerbrechenden Beziehungen, sozialem Rückzug und psychiatrischen Behandlungen.
Frank Schauder ist Neurologe, was bedeutet, dass sein Fachgebiet sich zu etwa einem Drittel mit jenem der ihn behandelnden Psychiater überschneidet, und er ist fixiert auf die Genetik seiner Krankheit. Durch fast alle Gespräche, die wir ihn mit Familie, Freunden, behandelnden Ärzten und später Experten führen sehen, zieht sich die Suche nach den genetischen Wurzeln der Depression. Eine Suche, die biographisch in einem von ihm selbst finanzierten Gentest gipfelt: Eine US-Firma bietet die Analyse eingesandter DNA auf Krankheitsrisiken an. Möchte man solche Risiken kennen, auch wenn die Medizin keine Heilung für das betreffende Leiden hat? In Frank Schauders Freundeskreis sind die Meinungen geteilt.
Der Protagonist zeigt sich leicht enttäuscht, als ihm das Testergebnis nur ein durchschnittliches Erkrankungsrisiko bescheinigt. Taugt der Test nichts? Ist die Krankheit doch nicht im vermuteten Ausmaß erblich? Die übersteigerten Ängste und Schuldgefühle, seinem Sohn vielleicht die Neigung zur Depression vererbt zu haben, scheint das Ergebnis nicht zu mildern. ‚Fixe Ideen‘ und Wahnvorstellungen sind meist ziemlich resistent gegenüber ihnen widersprechenden Fakten.
Psychedelische Bilder
Miriam Jakobs und Gerhard Schick (Buch und Regie) begleiten in dieser ungewöhnlichen Dokumentation ihren Studienfreund Frank Schauder und machen ihn zum Ich-Erzähler. Doch die dokumentarische Handlung wird in künstlerisch stark bearbeiteter Form präsentiert. Immer wieder brechen hypnotisch-stille Bilder den Handlungsfluss: Die Hauptperson springt von einem Turm ins Wasser, wandert einsam im Schnee, Schneegestöber geht über in abstrakte Bilder von molekularen Vorgängen, von Genen bei der Arbeit, DNA wird abgelesen, gespalten und repliziert, Proteine entstehen, schwärmen herum, vielleicht auch chemische Botenstoffe.
Urheber dieser Bilder ist die Scivis Unit (Scientific Visualisation), die mit avancierter Software animierte 3D-Modelle von DNA, Proteinen und Molekülen, von Neurotransmittern und Rezeptoren gestaltet. Teilweise sind es Bilder wie aus einem biologischen Lehrfilm, aber ohne belehrende Texte, ausgedehnt, fast psychedelisch. Der Film will mit den Computeranimationen nicht über wissenschaftliche Hintergründe der Biochemie aufklären, er zeigt vielmehr ihre -in diesem Kontext- unheilschwangere Ästhetik.
Existenz, Freiheit, Angst
Der Existenzialismus, von dem manche sagen, er sei das in eine philosophische Weltsicht gegossene Lebensgefühl des Depressiven, beschreibt die menschliche Existenz als subjektive Einsamkeit, als radikale Freiheit, aber auch als ausgeliefert sein an die eigene Endlichkeit, an den Tod und die Angst. Dem eigentlichen, authentischen, subjektiven Erleben der eigenen Existenz die uns, wie Sartre sagte, zur Freiheit verurteilt, steht die „objektive“ Außenseite gegenüber: Die Rollenspiele der Gesellschaft, mit Familie, Beruf, Kultur dessen was man eben tut, was man ist. In meine subjektive Existenz dringt diese Außenwelt durch den Blick der anderen, durch Manifestationen der Objektivität meiner Existenz, etwa im Röntgenbild meines Schädels -oder, abstrakter vielleicht, in Darstellungen meiner Gene.
An die Stelle der Freiheit zur Handlung tritt das Dasein als Objekt äußerer Umstände. Bieten sich hier ganz neue Möglichkeiten, der Verurteilung zur Freiheit bzw. dem subjektiven Leiden daran zu entkommen? Der Protagonist fragt an einer Stelle: „Lebe ich mein Leben, oder lebt es mich?“ Er fühlt sich als Produkt seiner DNA, deren verhängnisvoller Wirkung er ausgeliefert zu sein meint und die wir immer wieder als molekularen Bilderrausch wahrnehmen können.
Recherchen zum dunklen Gen
Der Film folgt Privatleben und Krankheitsverlauf auf diese Weise, zieht den Betrachter bis an die Grenze des Erträglichen hinein in eine Welt von Fremdheit und Verzweiflung. Dann gewinnt die Darstellung neuen Antrieb aus einer vom autobiographischen zum journalistischen übergehenden Aktivität des Protagonisten. Schauder reist herum und interviewt Experten zu seinem Thema: Mediziner, Biologen, Genforscher -bei ihnen sucht er die Wurzeln seines Leidens zu ergründen und zeigt dabei auch philosophische Aufgeschlossenheit.
Weitere Interviews führt Schauder, schon weit abseits seiner ursprünglichen Suche, mit einer Musikerin, die DNA vertonte und einem Bildhauer, der sich von der Biochemie zu surrealen Skulpturen inspirieren ließ. Diese Exkurse schließen optisch und akustisch an die abstrakten Animationen der molekularen Welt der Gene an, aber können sie nicht wirklich in die Erzählung einbinden. Eher gewinnen die hypnotisch wirbelnden Strukturen an Substanz, wenn Frank Schauder von seinen inneren Bildern der Depression erzählt, wie er seine kranken Gene bei ihrer Arbeit ahnt, wie er zu spüren meint, dass falsche Neurotransmitter sein Gehirn verwirren und zersetzen. Hier führen uns unheimliche Bildsequenzen direkter in die wahnhafte Erfahrungswelt der Depression als Interviews mit Künstlern es vermögen. Wir sind vielleicht nahe dran an halluzinatorischen Manifestationen von wahnhaften Vorstellungen, die einen depressiven Menschen quälen können. Nahe dran, am Erleben der Idee, hilflos in den Fängen eines dunklen Gens, einer verhängnisvollen DNA, zappeln zu müssen.
Wahnideen von Schuld und Verhängnis
Düstere Wahnideen von Schuld und Verhängnis begleiten viele schwere Depressionen, sie können sich zu Fehlwahrnehmungen und sogar Halluzinationen verdichten und den Erkrankten zu Selbstverletzungen, Suizid und in äußerst seltenen Fällen in den erweiterten Suizid treiben. Der Fall des Lufthansapiloten, der 150 Menschen mit in den Tod riss und aktuell der Depression viel Aufmerksamkeit verschaffte, ist jedoch eine schwer erklärbare Anomalie. Erweiterte Suizide betreffen in der Regel nahe Angehörige, die der Patient nach seiner Selbsttötung nicht alleine zurücklassen möchte -aus einem wahnhaft übersteigerten Schuldgefühl heraus.
Die erste wahnhafte Fehlwahrnehmung des Depressiven betrifft seine eigene Existenz, die er plötzlich als ausweglos gescheitert erlebt.Und dies auch dann, wenn seine Existenz eigentlich völlig normal verläuft oder sich -wie im Fall von Frank Schauder- sogar durch ein überdurchschnittlich gut gelungenes Leben auszeichnet. Jedes reale Scheitern erhöht natürlich das Risiko der Auslösung einer Depression und vertieft sie. Man kann dies an steigenden Suizidraten bei Anwendung zynischer Austeritätspolitik wie etwa in Griechenland sehen.
Am Ende versucht der Film immerhin noch ansatzweise eine kritische Reflexion der Gentechnologie, wenn der Protagonist bei jener Genfirma Antworten sucht, die ihm erstaunlich billig seine DNA analysierte. Inzwischen vom Datensammel-Moloch Google aufgekauft, versprechen sich Firmenvertreter lukrative Auswertungsmöglichkeiten der DNA-Big-Data in der Zukunft. Bedenklich scheinen auch die am Ende noch besuchten New Yorker Bio-Hacker in ihrem Low-Budget-Genlabor, die fröhlich mit Bakterien und Viren experimentieren und Sicherheitsfragen mit Gelächter quittieren. Doch diese Teile des Films wirken wie Fremdkörper, scheinen eher schon zu einer ganz anderen Doku zu gehören.
Das Ende gibt Hoffnung, zeigt einen Frank Schauder, der sich mit seinen Ängsten, seinem Sohn und sogar mit der äußeren Objektivation seiner Existenz, der DNA, versöhnen konnte. Der Kranke, der seine Depression überwunden hat, zeigt seinem Sohn, wie man in einem Sektglas die DNA einer Erdbeere sichtbar machen kann: Er hat sein Leben als Handelnder zurück gewonnen. Ein wirklich sehr gelungenes und bewegendes Bild.
„Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein packender Polit-Thriller über die Jagd auf den Nazi-Massenmörder Eichmann. Er entlarvt Lebenslügen der Adenauer-Zeit und präsentiert dabei ein faszinierendes Porträt des mutigen Juristen Fritz Bauer und dessen Kampf gegen alte Nazi-Connections, die bis in seine eigene Staatsanwaltschaft hinein reichten.
1957 erhält der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968) einen brisanten Hinweis: Der Massenmörder Adolf Eichmann, der für Hitlers SS den Holocaust organisierte, versteckt sich in Buenos Aires. Jurist Bauer ist Jude, steht politisch links (beides eine Seltenheit in der westdeutschen Justiz) und versucht seit seiner Rückkehr aus dem Exil Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Bis dahin erfolglos, denn deutsche Justiz und Behörden zeigen wenig Neigung, die NS-Verbrechen zu verarbeiten.
BKA, Interpol und eigene Staatsanwälte lassen Bauer ins Leere laufen, Rassismus, Homophobie und Antikommunismus prägen wie in den USA der McCarthy-Ära das politische Leben. Bauer erhält anonyme Schmäh- und Drohbriefe, ihm wird vorgeworfen, ein „rachsüchtiger Jude“ oder linker Nestbeschmutzer zu sein, der lieber „nach drüben“ (in die DDR) gehen sollte.
Da er deutschen Behörden aus gutem Grund misstraut, seine eigene Staatsanwaltschaft als „Feindesland“ betrachtete, nimmt Fritz Bauer im Fall Eichmann Kontakt zum israelischen Geheimdienst Mossad auf und begeht damit aus damaliger Sicht „Landesverrat“. Alte braune Seilschaften lassen Bauer derweil bespitzeln, versuchen seine Autorität zu untergraben und seine Leute zu erpressen. Doch auch beim Mossad muss Bauer Widerstände überwinden.
Der Film (Buch Lars Kraume und Olivier Guez) schildert die Jagd auf den Nazi-Schreibtischtäter Adolf Eichmann ab Ende der muffigen 50er Jahre. Tragende Rollen sind mit öffentlich-rechtlicher Krimi-Elite besetzt – kein Wunder, drehte Kraume doch unter anderem zahlreiche Folgen von „Tatort“. Burghart Klaußner („Elser“) verkörpert eindrucksvoll den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer; der für Bauer ermittelnde Staatsanwalt Karl Angermann (eine historisch fiktive Figur) wird ebenfalls mit Bravour von Ronald Zehrfeld mit Leben erfüllt; Tatort-Kommissar Jörg Schüttauf gibt souverän den BKA-Nazi, der mit Bauers Oberstaatsanwalt (Sebastian Blomberg) die Jagd auf Eichmann hartnäckig zu sabotieren sucht. Fritz Bauer ist sich dessen wohlbewusst und „unterstellt“ es nicht nur, wie die Süddeutsche in ihrer Filmkritik die Handlung verstanden haben will.
Doch Bauer fällt nicht auf ihm untergejubelte falsche Fährten herein und informiert nur seinen Vorgesetzten, den SPD-Justizminister Zinn (Götz Schubert) über die Argentinien-Spur. Nur durch den innerhalb der SPD weit links stehenden Zinn konnte ein Mann wie Fritz Bauer überhaupt erstmals in ein hohes Amt der westdeutschen Justiz berufen werden.
Lars Kraume: Stachel im Sitzfleisch der Filmkultur
Grimme-Preisträger Lars Kraume inszenierte mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ eine packende Mischung aus Politthriller, Biopic und Zeitbild der Adenauer-BRD, die im August den Publikumspreis beim Filmfestival in Locarno erhielt. Wie in seiner politisch durchdachten Dystopie „Die kommenden Tage“, die trotz Grimme-Preis von der Filmkritik verrissen wurde, erweist sich Kraume auch hier wieder als Stachel im Sitzfleisch der bequemen deutschen Filmkultur.
Anders als „Im Labyrinth des Schweigens“, der Wohlfühl-Version der Auschwitz-Story, die historisch kurz nach „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angesiedelt ist, spricht Kraume auch heute noch heikle Punkte an, etwa Adenauers Kanzleramtschef Globke: Der bereitete erst für die Nazis den Holocaust juristisch vor und organisierte dann für die CDU die stramm anti-kommunistische BRD-Verwaltung.
Wie sich katholisch-konservative Muffigkeit des Adenauer-Regimes mit kriminellen Altnazi-Machenschaften verbanden, zeigt der Film am Umgang mit der damals noch laut dem von den Nazis ins BRD-Strafgesetz übernommenen Paragrafen 175 verbotenen Homosexualität. Regisseur Kraume weicht dem heiklen Thema der unbestätigten Neigung Fritz Bauers nicht aus, sondern macht es zum Thema, wenn der schmierige BKA-Kommissar Gebhard einen Mitarbeiter Bauers mit dessen Besuchen im Transvestitenmilieu dazu erpressen will, die Eichmann-Ermittlungen zu sabotieren.
Dass Fritz Bauer im dänischen Exil von der Polizei mit männlichen Prostituierten erwischt wurde, ist belegt. Darüber, wie er später als hessischer Generalstaatsanwalt mit seiner Sexualität umgegangen ist, kann man nur spekulieren. Wir haben das im Film so behutsam wie möglich dargestellt.Lars Kraume
Thema Globke nicht ausgeschöpft
Lars Kraume geht in seiner Kritik viel weiter als andere Filme zuvor, aber der Film macht einen wirklich großen Skandal nicht weiter deutlich: Adenauers Westdeutschland wurde von einem Mann mit regiert, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet. Wäre „Der Staat gegen Fritz Bauer“ Popkornkino, fänden die Drehbuchautoren Kraume und Guez hier genug Stoff für einen zweiten Teil.
Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert.
Globke hatte allen deutschen Juden ein „J“ in die Ausweise stempeln und sie dabei von den Meldeämtern identifizieren und erfassen lassen. Mit modernster Datentechnik, welche der US-Konzern IBM den Nazis dafür lieferte, wurde auf dieser administrativen Grundlage die Logistik des Holocaust bewältigt. Millionen Menschen wurden mit „Big Data“ auf Lochkarten in den Tod geschickt.
Eichmann wurde in Jerusalem hingerichtet, aber Globke durfte seine Karriere fortsetzen, bestimmte die Leitlinien westdeutscher Politik und bekam noch einen Orden dafür. Diese Fakten, die westdeutsche Historiker nur undeutlich in ihre Bärte nuscheln, fehlen in Schulbüchern und sind weithin unbekannt, besonders bei den immer noch zahlreichen Fans von CDU-Kanzler Adenauer und seiner Partei.
Im letzten Jahr empörte sich der Film „Das Labyrinth des Schweigens“ über das Verschweigen der Verbrechen Eichmanns in den 50er-Jahren, setzte aber das Verschweigen der Verbrechen Globkes selber fort. Das Verschweigen hatte damals und hat bis heute ideologische Gründe. Wenn man den „DDR-Unrechtsstaat“ glaubhaft verdammen will, kann man Zweifel am viel gepriesenen BRD-Rechtsstaat nicht gebrauchen.
Doch der DDR-Unrechtsstaat hatte Globke 1963 den Prozess gemacht und ihn in Abwesenheit zu Lebenslänglich verurteilt, wenn auch mittels tölpelhaft gefälschter Beweise. Weder die westdeutsche Justiz noch die Medien wagten es, den Vorwürfen gegen den zweitmächtigsten Mann in Bonn nachzugehen, abgesehen von der Doku „Der Mann hinter Adenauer“, die selten spät abends gesendet wurde.
Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Nachdem in den 1950ern die westdeutsche Justiz sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigte, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten, sollten in Fritz Bauers „Großem Auschwitz-Prozess“ letztlich nur 20 Massenmörder verurteilt werden.
Globke, Eichmann und Allen Dulles
Sogar auf Wikipedia kann man noch weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden, die in den westdeutschen Schulbüchern bis heute fehlen: Nazi-Massenmörder Eichmann, als Häftling in Jerusalem von der Presse umlagert, hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke beim Namen nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen.
CIA-Boss Allen Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde. Dulles hatte viele Nazi-Verbrecher als Experten für Folter, Chemiewaffen oder Gehirnwäsche vor Strafverfolgung geschützt und in die USA abgeworben und den westdeutschen BND zunächst als „Organisation Gehlen“ mit Hilfe des gleichnamigen Nazi-Geheimdienstchefs aufgebaut.
Dabei bediente sich Dulles der Hilfe von Globke. Der Kinobesucher erfuhr davon etwa im Film „Labyrinth des Schweigens“ nichts, nur Gemunkel über hohe Tiere, die schützende Hände über alte Nazis halten -obwohl man längst Ross und Reiter hätte nennen können.
Dies passt in eine Holocaust-Gedenkkultur, die sich von ihrer eigenen Vergangenheitsbewältigung geradezu besoffen zeigt, die mit zahllosen Mahnmalen und Feiern sechs Millionen ermordete Juden beweint, aber lieber nicht genau wissen will, wer die Mörder waren. Jedenfalls nicht, sofern sie später eine westdeutsche Karriere machten und als Kalte Krieger reaktionäre Politik in der BRD ungebrochen fortsetzten. Statt sich auch diesem Teil der eigenen Geschichte zu stellen, verweist man lieber gebetsmühlenartig auf die Ähnlichkeit der totalitären Systeme von Faschismus und Kommunismus, um die DDR als wahre Fortsetzung des Nazi-Regimes hinzustellen.
Weite Teile der (west-) deutschen Kultur und Medien neigen daher bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmete das Bertelsmann-Universal-Lexikon „Auschwitz“ ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, „Adenauer“ glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Der bedeutende, aber dem Regime peinliche Mann wurde wegretuschiert wie einst Trotzki auf Fotos im Stalinismus.