01/26/18

Hastings -Mord Ex Machina: Der Big-Data-Tatort zum 34c3

Michael Hastings starb 2013 bei Autounfall (?) bevor er CIA-Direktor Brennan kritisieren konnte

Fernseh-Krimi bringt zwar Kritik zu Big Data, vergisst aber realen Todesfall  (US-Reporter Michael Hastings) und dämonisiert letztlich doch wieder die Hacker

von Thomas Barth

Spoilerfreie TV-Filmkritik nebst Essay über Hacker, Gefahren von Big Data und selbstfahrenden Autos sowie den mysteriösen Tod des US-Journalisten Michael Hastings, der CIA-Direktor Brennan kritisieren wollte (und schon den JSOC-General Stanley McChrystal mit einem Artikel zu Fall gebracht hatte).

Manche Besucher des 34. Chaos Communication Congress haben, just aus Leipzig heimgekehrt, beim Neujahrs-Tatort der ARD ihre Themen weiterverfolgen können. Wohl eher Zufall als cleveres Timing, vergaßen die Filmemacher einen durchaus möglichen Querverweis auf den Chaos Computer Club einzubauen. Doch die kritische Aufbereitung des Themas „autonomes Auto“ als Thriller im Big-Data-Milieu war prinzipiell lobenswert und dürfte in den PR-Abteilungen mancher Firma dieser Branche zu Herzrasen und Schweißausbrüchen geführt haben. Die Image-Beschädigung vor Millionenpublikum wieder wett zu machen, könnte einiges an Werbung und Lobbyisten-Arbeit kosten.

Die bildungsbürgerliche Süddeutsche (SZ) legt schon mal vor und bringt einen erregten Verriss: „Im „Tatort“ aus Saarbrücken geht es um Datendiebstahl und wie sich der auf die Privatsphäre auswirkt. Das ist ziemlich viel Kulturpessimismus zum Jahresauftakt.“ Nein. Ist es nicht. 15.000 Besucher (Rekord) des 34c3 würden dies vermutlich bestätigen. (Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.)

Mord Ex Machina: Der Plot

Düsterer Hacker knackt in dunklem Zimmer vor drei Bildschirmen einen Firmenrechner, soviel Klischee muss sein. Seine sexy Mithackerin Natascha wälzt sich derweil im Bett mit dem Justiziar des Big-Data-Unternehmens Conpact, Sebastian Feuerbach. Feuerbach hatte Streit mit seinem Freund und Geschäfts-Partner, dem „visionären“ Firmenboss Victor Rousseau, weil dieser ungehemmtes Big Data betreiben möchte -auch in hypermodernen, autonom fahrenden Autos. In einen dieser Prototypen steigt der virile Jurist und rauscht prompt durch die Leitplanke des Parkhochhauses.

Selbstmord oder Unfall? So rätselt Kommissar Stellbrink, kommt aber schnell darauf, dass dieses High-Tech-Mobil womöglich gehackt wurde. Doch das Hacker-Pärchen ist fein raus: Rousseau hatte sie engagiert, um nach Sicherheitslücken in seinem Firmennetz zu suchen. Nebenbei, erfährt man, sollte in die Bordcomputer der neuen Wagen eine Hintertür eingebaut werden, so dass die Firma Conpact alles mitschneiden kann, was die Dutzenden Kameras in und um den Wagen aufzeichnen. Brisant, denn die Bundesregierung ist der erste Kunde und will ihren Limousinenpark von Conpact auf autonomes Fahren umrüsten lassen…

Stellbrink muss sich durch hippe Firmenwelten, erotisch aufgeladene Beziehungen und eine terroristische Vergangenheit wühlen, um den Fall aufzuklären. Filmtitel und Idee ähneln zwar einem gleichnamigen Film der Sherlock-Verschnitt-Serie „Elementary“, aber besser gut geklaut als schlecht erfunden -und Tatort punktet mit ernsthafter Gesellschaftskritik am Phänomen Big Data.

Viele dubiose, kleine Firmen bevölkern den Datenmarkt. Doch beherrscht wird er von großen, international agierenden Konzernen, wie zum Beispiel Acxiom, Datalogix, Rapleaf, Core Logic oder PeekYou. Acxiom, einer der Branchenriesen, erwirtschaftet weltweit mehr als eine Milliarde US-Dollar pro Jahr und verwaltet über 15.000 Datenbanken für seine über 7000 Kunden. Der Konzern verfügt über 700 Millionen aktive Konsumentenprofile, darunter mehr als 40 Millionen aus Deutschland.“ c’t Digital gebrandmarkt – Wie Kundendaten gesammelt, gehandelt und genutzt werden

Der Hintergrund: Big Data und Cyberattacken

Spätestens seit Snowden wissen wir, dass Geheimdienste gerne solche Daten abschöpfen, sicher nicht nur aus Merkels Handy. Warum sollten Firmenbosse nicht auch selber zugreifen? Zumal wenn sie im Big Data-Business sind? Die Kritik an diesem Business wird von „Mord Ex Machina“ noch weiter getrieben: Der nicht sehr computer-affine Kommissar, der sich just nur mühsam auf einer Dating-Site bewegte, erfährt staunend vom Nutzer-Profiling, wo nach 68 „Likes“ auf Facebook seine Persönlichkeit nach dem „OCEAN“-Modell bewertet werden kann: Michal Kosinskis psychometrische Big-Data-Analyse machte 2016 Schlagzeilen, weil angeblich Trumps Wahlkampf und der Brexit mit so lancierter Werbung erfolgreich waren. Auch wenn dies übertrieben war -vor Datenklau und Profiling zu warnen ist sicher nicht falsch von den Tatort-Machern, zumal sie ihre Gesellschaftskritik filmisch überzeugend vermitteln: Einzelne Personen werden immer wieder sekundenlang eingefroren, vor verschwommenem Hintergrund unnatürlich scharf anvisiert: Wie unter dem Mikroskop von Netz-Profilern. Die SZ sieht das allerdings anders und nörgelt:

…und das Internet mal wieder ganz böse. Man sieht die Zuschauer auf dem Sofa förmlich mitschimpfen: „Ja, genau, dieses neumodische Internetzeug. Pfui!“ Angesichts dieser altbackenen, uninspirierten und kulturpessimistischen Heransgehensweise hilft alles nicht: Man muss einfach mit den Augen rollen. Und ganz tief seufzen. Nicht schon wieder. Carolin Gasteiger, SZ-Tatort-Fernsehkritik

NZZ mag „Tatort“ nicht: Zuviel Gesellschaftskritik statt Schusswaffengebrauch

Damit stellt sich die einst sozial-liberale SZ treu an die Seite der stramm-konservativen NZZ, die 2009 in ihrer wütenden Abrechnung mit den Tatort-Machern „Traurige Kommissare“, deren Gesellschaftskritik als „Feuilleton-Soziologie“ und „Gesinnungskitsch“ geißelt. Die Tatort-Helden hätten doch alle Probleme, so die NZZ, seien „Gutmenschen, Allesversteher und Betroffenheits-Betschwestern“ und würden zudem Schusswaffeneinsatz scheuen „wie der Teufel das Weihwasser“. Das ist sicher schlecht für die Schweizer Waffenindustrie, die bekanntlich die Verbrecher halb Europas mit Schießeisen versorgt. Aber wenn dann doch mal ein Till Schweiger im Rambo-Stil zur Knarre greift, ist es auch wieder nicht allen Recht zu machen: Die Zensurbehörde in Kiew monierte, dass dabei zu wenig Russen erschossen wurden. Die jüngste Kritik an Big Data und Roboter-Autos sollte dagegen weniger anecken, aber die SZ mault abschließend über die „altbackene“ Gesellschaftskritik:

„Jens Stellbrink zieht aus den verstörenden Erkenntnissen des Falles Konsequenzen: Der Kommissar löscht sein Online-Dating-Profil, holt einen Falke-Stadtplan aus der Schublade und wirft sein Smartphone vom Balkon. Das ist platt und verbohrt: Als könnte man den digitalen Entwicklungen und Herausforderungen so begegnen.“ SZ

Nikolai Kinski: netwars – gesellschaftskritisches multimedia project

Doch, liebe SZ, so leicht kann es manchmal sein: Smartphone weg und Profil löschen. Ach, hätte die SZ das „neumodische Internetzeug“ doch nur zu Recherchezwecken eingesetzt, dann hätte sie erfahren, dass die Kritik gar nicht so „altbacken“ sein kann, wenn sie etwa vom 34c3 geteilt wird. Oder dass der digital gemeuchelte Datenschützer Feuerbach nicht „platt und verbohrt“, sondern recht feinsinnig besetzt wurde: Der Darsteller Nikolai Kinski, ein Sohn Klaus Kinskis, lieh sein Konterfei zuvor dem preisgekrönten Netwars-Projekt (Grimme Online Award 2015).

Oder dass der kulturpessimistische Plot womöglich einen realen Vorläufer hatte: Den Fall des bei einem mysteriösen Autounfall getöteten CIA-Kritikers Michael Hastings. (Anm. Die SZ übte früher selber Digital-Kritik: In der Snowden-Hype durfte dort Daniel Ellsberg über die NSA als „Stasi von Amerika“ schimpfen).

Risiko Car-Hacking: Michael Hastings

Michael Hastings, kritischer US-Journalist, starb 2013 bei mysteriösem Unfall in neuem Mercedes als er aus Angst vor CIA untertauchen wollte (car hacking?)

Der erst 33-jährige Hastings starb 2013, was Fragen nach einem möglichen Hackerangriff auf sein Auto auslöste: Die Huffington Post warnte vor „conspiracy theories“; Wikileaks twitterte, der preisgekrönte Investigativ-Journalist Hastings hätte kurz vor dem Unfall versucht, die WikiLeaks-Juristin Jennifer Robinson zu kontaktieren; DER SPIEGEL will vom Thema car hacking nichts mitbekommen haben; USAtoday berichtete, Hastings hätte versucht, sich den Wagen seiner Nachbarin zu leihen, weil er fürchtete, an seinem Mercedes wäre herum gepfuscht worden; das Auto der Nachbarin wäre aber defekt gewesen -dann starb Hastings, der gerade an einer heißen Story zu CIA-Chef Brennan dran gewesen sein soll.

Michael Mahon Hastings (1980-2013) war ein US-amerikanischer Investigativjournalist und Schriftsteller. Er war Mitherausgeber des Rolling Stone und Korrespondent für BuzzFeed. Sein Artikel 2010 über den General, ehemaligen JSOC-Kommandeur und US-Oberbefehlshaber der NATO in Afghanistan, Stanley McChrystal, führte zu dessen umgehender Entlassung durch US-Präsident Barack Obama. Hastings arbeitete zuletzt, laut Aussage seiner Witwe Elise Jordan, an einer Geschichte über CIA-Director John O. Brennan, er fiel 2013 einem Autounfall zum Opfer, so der offizielle Polizeibericht. Allerdings zeichneten Kameras drei Explosionen auf, der Motorblock lag in erheblicher Entfernung. Es gab diverse weitere Indizien, Hinweise und auch Zeugenaussagen, unter anderem von WikiLeaks, Richard Clarke und dem „Buzz-Feed“-Chefredakteur Ben Smith, die insgesamt einen Mord wahrscheinlicher erscheinen lassen. (…)

Am Tag vor seinem Tod äußerte Hastings, sein Mercedes könnte manipuliert worden sein, und bat deshalb seine Freundin Jordanna Thigpen, ihm ihren Wagen zu leihen. Er fühle sich bedroht und wolle die Stadt verlassen. Stunden vor seinem Tod schrieb Hastings seinen Freunden und Arbeitskollegen in einer E-Mail das FBI würde seine Freunde befragen: „Ich bin an einer großen Geschichte dran und muss eine Weile vom Radar verschwinden.“ Die E-Mails wurden am 17. Juni 2013 gegen 14 Uhr verschickt. Gegen 4.20 Uhr des nächsten Dienstagmorgen, 18. Juni 2013, starb Hastings. Dem Polizeibericht nach saß er allein in seinem Mercedes C250 auf der nördlichen Highland Avenue in Hollywood, als er aus unbekannter Ursache die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. Das Auto kam von der Straße ab, durchbrach eine Leitplanke und fuhr ungebremst mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Palme. Der Mercedes explodierte in einem Feuerball, der Motorblock lag in auffällig großer Distanz vom Auto, und Hastings Leiche verbrannte so stark, dass der Gerichtsmediziner ihn erst zwei Tage später anhand seines Gebisses identifizieren konnte. Laut Polizeibericht war es ein selbst verschuldeter Autounfall, es konnten keine Beweise für eine Fremdeinwirkung festgestellt werden. Wikipedia (dt.)

Das FBI dementierte nach dem Todesfall, Hastings überwacht zu haben, was aber laut US-Wikipedia nicht stimmt. Die US-Behörden hatten ein Jahr zuvor begonnen, den kritischen Journalisten, einen Freund des TYT-Gründers Cenk Uygur, ins Visier zu nehmen. TYT (The Young Turk) ist ein kritisches US-Mediennetz, das den Mainstream-Medien die Stirn bietet und hierzulande kaum Beachtung findet (TYT zu Hastings Tod), aber mit dem kritischen US-TV (Amy Goodman) DEMOCRACY NOW! kooperiert, das zeitweise in deutschen Kabelnetzen übertragen wurde.

The FBI released a statement denying that Hastings was being investigated, at least not by their agency. This statement was incorrect as FBI had opened a file on Hastings as early as 2012 (see FBI files below). Wikipedia (engl.)

Diese in deutschen Medien auffällig selten erwähnte, beinahe totgeschiegene Geschichte zeigt: Man braucht womöglich kein komplett autonomes Fahrzeug, um jemanden digital zu verunfallen (wovor CCC-Hacker schon lange warnten). Die Anspielung auf Michael Hastings Tod haben die ARD-Filmemacher allerdings komplett übersehen (oder hatten sie Angst, den kaum bekannten Fall zu erwähnen?). Dabei liegt im eigenen Archiv eine NDR-Doku von 2014, bei der dieser Todesfall als mögliches Auto-Hack-Attentat angeführt wird, Titel: „Im Visier der Hacker – Wie gefährlich wird das Netz?“ (in der Mediathek der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, aber im freien webarchive dokumentiert).

„Ein brennender Unfallwagen im nächtlichen Los Angeles. Ein Mercedes als Trümmerhaufen, Ursache unklar, keine Zeugen. In den Flammen stirbt der US-Journalist Michael Hastings. Er recherchierte gerade an einer neuen Enthüllung. Seine letzte Story hatte einen Elite-General die Militärkarriere gekostet. Der Daimler-Konzern sieht angeblich keinen Grund, der Sache nachzugehen. Doch in der NDR-Reportage über die Risiken der Welt von morgen hält es der langjährige US-Sicherheitskoordinator Richard Clarke für durchaus möglich, dass der Wagen von außen gehackt wurde.“ ARD-Mediathek (webarchiv)

Im Tatort grämt sich eine Kommissarin angesichts des Mordes per Auto-Elektronik: „In zehn Jahren werden wir jede Menge autonom fahrende Autos auf der Straße haben -wer sagt mir dann, was ein Unfall war und was nicht?“ Willkommen in der Gegenwart liebes Tatort-Team. Oder, mit der gern gehörten Abschlussformel des Chaos Communication Congress zum Jahresende: „Guten Rutsch ins Jahr 1984!“ (padeluun)

Dämonisierung der Hacker

Unerfreulich am Tatort-Plot ist schließlich, dass leider doch wieder ein paar Hacker kräftig dämonisiert werden. Denn im Verlauf der Ermittlungen taucht eine frühere Hackergruppe auf, die 2002 eine „ethisch motivierte“ Cyberattacke verübte. Die Hacker hätten auf die „Gefahren der Digitalisierung hinweisen“ wollen, in dem sie in der Nacht des 29.9.2002 alle Ampeln von Nancy auf „Grün“ schalteten. Trotz Vorwarnung gelang es den Behörden nicht, den Anschlag auf das Verkehrsleitsystem zu vereiteln (daran, die Ampeln einfach abzuschalten, hatte man offenbar nicht gedacht). Ergebnis: Vier Todesopfer und 48 Verletzte, für die unsere Hacker verantwortlich zeichnen.

Und nicht genug -der Tatort zeigt dramatische Zeitungstitel zum frei erfundenen Hacker-Terrorangriff: “Une cyberattaque sur le feux de circulation“, “Les terroristes de l’internet -le nouveau danger“, „Nancy Crash: Beide Eltern zerquetscht“, daneben ein weinendes Kindergesicht; dann Überblendung ins Gesicht einer Hackerin, aus deren Auge eine Träne rollt. Das ist etwas dick aufgetragen und außerdem: Ethisch motivierte Hacker hätten sich darauf beschränkt, die Ampeln alle auf Rot zu schalten, statt Menschenleben zu riskieren. Doch so kommen selbst die vernünftigsten Warnungen vor digitaler Gefahr natürlich viel dämonischer rüber.

Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.

Erschien zuerst auf https://inversepanopticon.wordpress.com/2018/01/23/mord-ex-machina-der-daten-tatort-zum-34c3/

12/6/12

Aberglauben – Aberwissen: Medien – Kommunikation – Wissensgesellschaft

Raabe, Johannes & Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft, UVK, Konstanz 2008.

Buchkritik von Thomas Barth

Netzphilosophie und Kommunikationswissenschaft sind zweifellos Nachbardisziplinen. Kommuniziert wird immer mehr über digitale Netze, die dabei analoge Netze wie Telefon- und Funkverkehr ersetzen, wie auch sozial vernetzte materielle Medien, etwa Brief und Telegramm. Da kann die Philosophie den Empirikern hilfreich zur Seite stehen zumal sie nicht erst seit Habermas Kommunikation oft in ihre Begriffe und Theorien und Ansätze integriert -wenn nicht sogar als zentrale Instanz, wie beim genannten Erben der freudomarxistischen Frankfurter Schule. Doch die disziplinären Grenzen sind undurchlässig. Beim wälzen tiefgründiger Gedanken zur kommenden Netz- und Wissensgesellschaft interessiert sich man kaum für die hektischen Kollegen mit den Fragebögen und Statistiken, die im Tagesgeschäft der Publizistik ihre Weidegründe finden. Der vorliegende Band zur Jahrestagung der berühmten DGPuK (Deutsche Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft) vom 16.-18. Mai 2007 in Bamberg kann entsprechend Anregungen liefern.

Modewort Wissensgesellschaft

Schon in der Einleitung werfen die Herausgeber die fast blasphemische Frage auf: „Ist Wissensgesellschaft nur ein modisches, dem Zeitgeist geschuldetes Etikett? Oder gilt sie gar als akkurater Befund?“ (S.9) Die Anzahl der Beschreibungen der Gesellschaft sei exponentiell angestiegen, was in Etikettierungen resultiere, die alle für sich in Anspruch nähmen, das Typische der Gesellschaft zu kennen: Von der Dienstleistungs- über die Risiko-, Erlebnis-, Medien-, Informations- bis zur Wissenschaftsgesellschaft (der Autor dieser Rezension hat 1997 selbst ein Buch zur künftigen Informationsgesellschaft vorgelegt). Die Entscheidung für eine dieser Typisierungen sei jedoch keineswegs als prinzipielle Absage an die anderen gedacht, so die DGPuK. Die Wahl der „Wissensgesellschaft“ umreiße vielmehr nur einen naheliegenden Ausgangspunkt, um sich mit Medien und Kommunikation zu befassen. Es dominiere dabei in diesem Tagungsband die kommunikationswissenschaftliche Perspektive der Verbreitungs-Medien von der Presse bis zu Netzmedien sowie ein an Max Weber anschließender handlungstheoretischer Kommunikationsbegriff. (Vgl. ebd. f.)

Aufbau und Inhalt
Der Tagungsband gliedert die 23 Aufsätze von 35 Autoren (zusätzlich zur Einleitung der vier Herausgeber) in fünf Abschnitte: Das Kapitel „I. Wissensgesellschaft und Mediengesellschaft“ stellt grundsätzliche Überlegungen zur Genese und Charakteristik von Medien-, Wissensgesellschaft und anderen gesellschaftlichen Entwürfen an; „II. Journalistische Wissensvermittlung und –nutzung“ und „III. Wissensvermittlung und -nutzung in PR- und Organisationskommunikation“ befassen sich aus journalistischer bzw. PR-Perspektive mit Vermittlungs- und Nutzungsmustern; „IV. Mediennutzung in der Wissensgesellschaft“ untersucht Medienrezeption breiterer Publika und „V. Wissenschaft in der Wissensgesellschaft“ soll auf das Eingangskapitel zurück verweisen. Umklammert von Theorie und Wissenschaftsreflexion findet sich also die bewährte Einteilung nach Produzenten und Rezipienten, wobei erstere der praxisnahen Aufspaltung in ‚richtigen’ und PR-Journalismus folgt.
Beiden Perspektiven ist eine ökonomische Fragestellung nicht fremd, so fragen die Autoren von Kapitel II nicht nur nach politischen Frauenzeitschriften in der Kaiser- und Weimarer Zeit (Susanne Kinnebrock) sowie mit dem Netzphilosophen Michel Foucault nach Genderdifferenzen in populärwissenschaftichen Mediendiskursen (Tanja Maier), sondern geben auch Hinweise für die künftig lohnende Ausweitung von partizipativen Formaten qua Web 2.0-Technologie (Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk, Melanie Rischke).

Der Beitrag von Christian Fieseler, Christian Hoffmann und Miriam Meckel befasst sich nur noch formal mit der Arbeit von Journalisten, mit ihrer Berichterstattung über Kapitalmärkte und Unternehmen. Er zielt jedoch in Fragestellung und Ergebnis so sehr auf eine Beratung von PR-Abteilungen, dass insbesondere dieser Beitrag mit seinem Stallgeruch von Industrie-Drittmitteln eher ins folgende Kapitel zu gehören scheint. PR-typisch verschleiernd wird PR-Arbeit dabei zwar als „Kommunikationsarbeit von Organisationen“ (S.126) umschrieben, auf Kapitalmärkten finden sich aber neben Unternehmen kaum weitere Organisationen. Großartigen Karrieren in kapitalnahen Organisationen (da kommen außer Unternehmen noch deren Stiftungen, sprich: think tanks infrage sowie diesen nahen stehende politische Parteien) steht damit nichts mehr im Wege -auch im Wissenschaftsbereich nicht, denn dieser schielt zunehmend auf Drittmittel und ist immer weniger kritischem Denken zugeneigt, dafür immer mehr affirmativem Konformismus.

Wikipedia und Unternehmensnetze

In Kapitel III befragt man Unternehmensexperten nach ihrer Informationsnutzung (Britta Gossel), nach der Kommunikation mit ihren Mitarbeitern (Simone Huck, Klaus Spachmann), untersucht den Fernsehformathandel, also den Austausch von Lizenzen für TV-Formate in organisationalen Netzwerken (Katja Lantzsch, Klaus-Dieter Altmeppen, Andreas Will) und Wiki Webs, die als eine Art Wikipedia für Unternehmen wie etwa IBM vorgestellt werden, für deren Wissensmanagement sie gegenüber Datenbanken die Vorteile einfachen Zugriffs- und Rechte-Managements mit geringem Erstellungsaufwand bieten. (Vgl. S.160 f., Florian L. Mayer, Dennis Schoeneborn)

Auch Wikipedia selbst wird untersucht: bezüglich der Motivation seiner Ersteller, die nach dem positionalen Ansatz in drei Blöcke aufgeteilt werden; innerhalb der Gruppen der einfachen ‚IP’, anonyme Wiki-Schreiber, von denen nur die IP-Nummer bekannt ist, der engagierten ‚Wikipedianer’ mit Administratorenrang, die Beiträge bearbeiten oder löschen können, und der OTRS-Mitarbeiter, die zwischen beiden Gruppen vermitteln, indem sie z.B. Beschwerden von IPs über zu löschfreudige Administratoren bearbeiten. Zusammenarbeit, aber auch Konkurrenz innerhalb dieser Blöcke würde über soziale Bindekräfte die Wikipedia-Gemeinschaft zur Mitarbeit motivieren (vgl. S.173 ff., Christian Stegbauer).

Nichtkommerzielle Netze: CL-Netz
Kapitel IV. sammelt Aufsätze zur Mediennutzung und variiert dabei zunächst die alte These eines ‚digital divides’ in Informationselite und Unterhaltungsproletariat dergestalt, dass die besagte Elite sich inzwischen ebenfalls des Internets für Spaß und Freizeit bedient, soziale Distinktion sich also nicht mehr durch Abschottung, sondern durch informationelle Offenheit äußert. Dabei wurde die für die Autoren offenbar dringendste Frage verneint, ob solche digitale ‚Allesfresser’ damit ihrem sozialen Aufstieg schaden (vgl. Nicole Zillien, Michael Jäckel).

Für TV-Sendungen über das ökologische Thema der ‚Nachhaltigkeit’ wurde kein negativer Einfluss auf die Einschaltquote gefunden (vgl. C.Schwender, D.Mocigemba, S.Otto, M.Kreeb), der zukünftige Fernsehmarkt werde technologisch von der Anbieterseite bestimmt (vgl. Andreas Vlasic) und die türkische Diaspora profitiere im sozialen Zusammenhalt von SMS- wie Email-Nutzung (vgl. Andreas Hepp).

Die medienhistorische Betrachtung von Mailbox-Netzen der 80er-Jahre am Beispiel des „in seiner Blütezeit größten deutschsprachigen nichtkommerziellen Netzes“ (S.283), des CL-Netzes ins WWW des Jahres 2007 zeigte sich nach Aufschwung und Niedergang als in einer verbleibenden Nischenexistenz als professionalisiertes Peer-to-peer-Netz gesichert (vgl. Gabriele Hoofacker).

Wissenschaft in der Wissensgesellschaft
Kapitel V. zur Wissenschaft in der Wissensgesellschaft untersucht zunächst das eigene Gebiet der DGPuK und befindet für die Journalismusforschung legitimatorische Motive der Kommunikationspolitik (vgl. Maria Löblich). Eine enger werdende Kopplung der Wissenschaft mit den Medien belegt Mike S. Schäfer in drei Dimensionen des Medialisierungsprozesses (Extensivierung, Pluralisierung, Kontroversen) anhand von FAZ- und SZ-Artikeln über Gen-, Stammzell- und Neutrinoforschung. Simone Rödder analysiert dagegen fünf Formen medialisierter Wissenschaftskommunikation (Steigerung, Anpassung, Vermischung, Blockaden und Substitution) an Humangenom-Interviews und findet dabei etwa die Ersetzung von medialer Prominenz durch wissenschaftliche Reputation problematisch, konstatiert aber einen überwiegend funktionalen Umgang der Forscher mit den Medien. Jens Wollinger und Martin Emmer bestätigen die bekannte Buch- bzw. Papier-Scheu junger Studentengenerationen, ohne die allzu pessimistische Wertung eines ‚Google-copy-paste-Syndroms’ zu teilen – es sei durchaus ein Bewusstsein für die Bedeutung von Büchern und Fachpresse vorhanden, nur siege meist die Bequemlichkeit und die DGPuK sei eher aufgerufen ein eigenes attraktives Online-Angebot zu entwickeln, als die Studenten ins Gutenberg-Universum „zurückzuzerren“ (S.353). Den Verlust geistiger Tiefe beim oft nur halbwachen Scrollen über digitale Texte anstelle des „close reading“ von echten Büchern bedenken die DGPuK-Wissenschaftler leider nicht.

Mit diesem Ergebnis schließt sich der Kreis zum Eingangskapitel, in dem durch zwei Beiträge eine zunehmende Verunsicherung gegenüber der Verbindlichkeit von Wissen generell festgestellt wurde – was eine tendenziell quellenindifferent am Aufwand orientierte Wissensnutzung der Studenten mit erklären könnte. Kurt Imhof und Mark Eisenegger belegen diese Verunsicherung in einer Langzeitstudie über Wissenschaftsberichterstattung in der Schweiz seit 1945; nach Marian Adolf und Nico Stehr tragen die Medien zur Selbstbeobachtung der Gesellschaft bei und generieren auch die Einsicht, dass Wissen letztlich unsicher sei. Daniela Rohrbach untersuchte die Entwicklung der Wissensgesellschaften anhand von OECD-Statistiken und fand Deutschland mit 22% der Beschäftigten im Wissenssektor genau auf dem arithmetischen Mittel zwischen u.a. Großbritannien (29%), Schweden, Niederlande (27%), Australien, Frankreich (25%) sowie USA (20%), Spanien (19%) und Griechenland (16%) (vgl.S.94), wobei der Bereich Wissensmanagement das stärkste Wachstum zeigte; hier wurden zahlreiche Dienstleistungen der Finanzbranche einbezogen, wie Buchhaltung, Marketing, Beratung (vgl. S.92), was die britische Führung mit erklären könnte.

Aberwissen-parallel zum Aberglauben

Walter Hömberg traf die Ehre, das erste Kapitel wie offenbar auch die Tagung mit einer ‚Keynote’ zu eröffnen, und er beginnt seinen Beitrag „Wissen ist Macht?!“ mit dem Geständnis, nicht zu wissen, was man unter einer solchen ‚Keynote’ verstehen soll (vgl. S.26). An Formen des Wissens unterscheidet er wissenschaftliches, professionell-fachliches, Bildungs- und Alltagswissen sowie einen zunehmenden Bestand an „Aberwissen“ parallel zum Aberglauben, der selber nicht allen Kollegen fremd sei, so gäbe es „eine berühmte Fachkollegin, die nach dem Kriege hierzulande die empirische Sozialforschung populär gemacht hat, jedoch privat auf Nostradamus schwört.“ (S.39) Hömberg sieht in den aktuellen Studienreformen einen Niedergang der Universität vom organisierten Skeptizismus der Wissenschaft zum professionell-fachlichen Wissen (vgl. S.37), weist jedoch mit dem Philosophen (!) Friedrich Nietzsche auf die von diesem beklagte Überzeugungskraft gerade des Halbwissens hin; dieses sei „siegreicher“ als Ganzwissen, da es die Dinge einfacher kenne als sie sind (vgl. S.40).

„Aberwissen“ könnte also mit dem vom Bertelsmannkonzern zwecks Ausbeutung einer nicht nur ins Netz verlegten digitalen, sondern auch nach erzkapitalistischen US-Muster privatisierten Bildung obszönerweise auch noch „Bologna-Prozess“ getauften Machenschaften (nach Europas ältester Universität) im Trend einer degradierenden Hochschul-Entwicklung liegen. Der Widerstand gegen den zeitweise weltgrößten Medienriesen Bertelsmann war denn auch an deutschen und österreichischen Hochschulen besonders durchschlagend und konnte ein konzerngerechtes „Bezahlstudium“ erst weitgehend verhindern und dann sogar wieder zurückdrängen -was auch an glücklicherweise stümperhafter Propaganda, pardon „PR“, des CHE (Centrum für Hochschulentwicklung), einer Tarnorganisation der konzerneigenen Bertelsmann-Stiftung lag (vgl. Barth 2006).

Das Märchen von den Studenten, die selber mehrheitlich für ein Bezahlstudium votiert hätten, mochte (trotz unkritisch-nachbetender Berichte vieler nicht nur konzerneigener Medien) denn doch keiner mehr glauben (vgl. ebd.). Wenn auch erst nach der Aufdeckung, das die entsprechende „Studie“ der Bertelsmann-Stiftung, die dem CHE zuarbeiten sollte, den befragten Studierenden nur die Wahl zwischen diversen Bezahlvarianten vorgelegt hatte. Die Befragten entschieden sich (wenig überraschend) für jene Variante, die eine öffentliche Bildung für die ihr Recht auf dieselbe einfordernde Bürger am wenigsten verteuert hätte. Daraus propagandistisch eine Zustimmung der Studierenden zu Studiengebühren zu machen war mehr als nahe an einer dreisten Lüge.

Die Problematik von Konzernen, Stiftungen und think tanks und ihrem unablässigen Streben nach politischer Manipulation der Öffentlichkeit ist allerdings kein großes Thema für die DGPuK. Im Kapitalismus stehen Staatsbedienste wie Professoren eben doch zumeist auf Seiten ihres eben kapitalistischen Staates und damit auf Seite der großen Kapitaleigner. Diese werden oft im nichtwestlichen Ausland in naiv-neokolonialistischer Manier als „Oligarchen“ mit mafiösen Strukturen in eins gesetzt, sofern westlich jedoch als tüchtige Milliardäre, wenn nicht Finanzgenies gepriesen.

Raabe, Johannes & Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft, Konstanz: UVK 2008 (Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 35), 363 S., ISBN 978-3867640633, € 29,-

Eine stark gekürzte und redigierte Fassung dieser Rezension erschien in MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, Jg. 26 (2009), Nr. 3, S. 274–277. DOI: https://doi.org/10.17192/ep2009.3.586, https://doi.org/10.17192/ep2009.3.586

Literatur

Drachme 440-420 v.Chr.

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Centaurus, Pfaffenweiler 1997.
Barth, T. (Hg.): Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik, Anders, Hamburg 2006.