06/15/15

Netzphilosoph Michel Foucault

Thomas Barth

Westliche Rationalität sieht Foucault als im Netz einer Macht entstanden und verstrickt, die sich in unsere Diskurspraktiken einschreibt. Koloniale, patriarchale, klassistische Unterdrückung sind nur ihre leicht sichtbaren Blumen des Bösen, deren Rhizom, deren Wurzelwerk tief in unserer Kultur verborgen liegt.

Michel Foucault glänzte als Denker und Provokateur, als undogmatischer Linker und Gegenspieler Sartres. Er verstand es, sich erfolgreich einer disziplinierten Wissenschaft zu entziehen: Die Philosophie nannte ihn einen Historiker, Historiker sahen in ihm den Philosophen; Marxisten warfen ihm „infantile leftism“ vor, weil er, wie er selbst mutmaßte, sich weigerte, die obligatorischen Marx-Zitate in seine Schriften einzuflechten. Statt dessen nannte er Marx gern einen „berühmten Nach-Hegelianer“, dessen Reduktion des Menschen auf die Arbeit man vergessen solle.

Auch seine Bekenntnisse zu Nietzsche und Heidegger, den beiden gern als Nazi-Philosophen abgetanen Vordenkern postmoderner Aufklärungskritik, machten ihn verdächtig. (Nietzsche wird dabei wohl fälschlich verdächtigt, wohingegen Heidegger tatsächlich Antisemit im Sinne der Nazis war und in Nazi-Deutschland Karriere machte, was seine philosophischen Einsichten aber nicht völlig entwertet.) Foucaults schwer fassbarer, netzartiger Begriff von Macht ist kaum mit orthodox-marxistischen Vorstellungen kompatibel, weshalb der Denker der Kommunistischen Partei Frankreichs auch schnell den Rücken kehrte.
Die Biographie Foucaults ist reich an Brüchen und Verwerfungen persönlicher und politischer Natur. In zwölf Semestern Studium an der Pariser École normale supérieure brachte der Sohn eines Mediziners es auf drei Abschlüsse (Philosophie/Psychologie) sowie zwei Selbstmordversuche. Er lehrte und forschte dann 1955-59 in Schweden, Polen und Hamburg. 1961 erhielt er den Doktortitel mit „Wahnsinn und Gesellschaft“, eine Geschichte der Ausschließung der Irren im Zusammenhang der Entfaltung abendländischer Vernunft. Die Schrift brachte ihm, wie er sagte, noch 20 Jahre nach der Publikation wütende Briefe von Psychiatern ein. Sein nächstes großes Werk „Die Ordnung der Dinge“ machte ihn 1966 als strukturalistischen Gegenspieler Sartres berühmt. 1970 wird Foucault Professor für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France, entwirft ein Programm für die Erforschung diskursiver und sozialer Ausschließungen. 1971 Gründungsmitglied der G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation), deren Arbeit mit Häftlingen zur Kritik an Zuständen im französischen Justizapparat bis hin zu Gefängnisrevolten führt.

1974 deckt Foucault mit „Überwachen und Strafen“ gemeinsame Wurzeln von Liberalismus und Einsperrung, von Freiheitsrechten und Disziplinarinstitutionen auf: Der Panoptismus, die Überwachung vieler durch wenige, erscheint als dunkle Seite der Aufklärung, welche die traditionelle Kritik von Staat und Ökonomie bislang ausgeblendet hatte. Anders als die Frankfurter Schule (Horkheimer/Adorno) sieht Foucault jedoch Widerstandspotentiale jenseits des gescheiterten marxistischen Projekts. 1976 in „Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit 1)“ lokalisiert Foucault den zentralen Mechanismus einer „Bio-Macht“ in der Kontrolle menschlicher Sexualität, die das Subjekt in seinen Lüsten und Begierden wie die Bevölkerung in der Reproduktion erfasst.

Mikrophysik der Macht

Doch Foucault war nicht nur Wissenschaftler. Immer wieder zog es ihn zu Brennpunkten der Krise westlicher Zivilisation. 1978 berichtete er als Journalist aus Teheran über die erste erfolgreiche Revolution islamischer Fundamentalisten, die im Iran das CIA-gestützte Folterregime des Schahs besiegen: der Beginn der heutigen islamischen Bedrohung der USA. Vier Jahre später war er in Polen und unterstützte mit Hilfstransporten die Gewerkschaft Solidarnosch, die das Ende des „realen Sozialismus“ und der Blockkonfrontation einleitete. Ende der 70er-Jahre, bei Aufenthalten in der schwulen SM-Szene Kaliforniens (Foucault machte keinen Hehl aus seinen Neigungen, bezeichnete sie im Interview als zu gewöhnlich und banal, um sie dem Publikum vorzuenthalten), infizierte er sich vermutlich mit dem damals noch unbekannten HI-Virus. Er starb am 25.6.1984 an Aids. Seine beiden letzten, im selben Jahr erschienenen Bücher „Der Gebrauch der Lüste“ und „Die Sorge um sich“ (Sexualität und Wahrheit 2 u.3) werden als Versuch gedeutet, eine postmoderne Ethik der Selbstkonstituierung zu formulieren.

Anstelle der proletarischen Weltrevolution prognostizierte Foucault den „Tod des Menschen“ bzw. „des Subjekts“: Diese Thesen wurden von Sozialwissenschaftlern der Generation 68 Anfang der 90er-Jahre noch unverstanden bzw. anklagend deklamiert (als Beweis der Verrücktheit Foucaults), dann aber zunehmend kontrovers diskutiert. Für Foucault sind „Mensch“ und „Subjekt“ Formationen in der diskursiven Ordnung der Humanwissenschaften und damit Teil eines heute auf dem Rückzug befindlichen Macht-Wissens-Komplexes. Das Subjekt kann nicht mehr Ursprung der Erkenntnis einer Wahrheit sein, die „Objektivität“ als „intersubjektive Überprüfbarkeit“ definiert. Selbst dann nicht, wenn das erkennende Subjekt Karl Marx heißt.

Die von Foucault analysierte „Mikrophysik der Macht“ wirkt durch kleinste Elemente, sie wirkt als Netz, das die Familie, sexuelle Beziehungen, Wohnverhältnisse, Schule, Krankenhäuser, Psychiatrie, Gefängnisse etc. als Feld von Kräfteverhältnissen und Macht-Wissens-Techniken begreift. Die Macht ist mithin keineswegs, wie Marxisten glauben, im Besitz einer bestimmten Klasse angesiedelt; sie kann auch nicht einfach durch den Sturm auf ihr Zentrum erobert werden. Daher lässt sich Macht auch nicht einfach mit ökonomischer Macht gleichsetzen. Sie ist nicht „monolithisch“ und wird somit nicht von einem einzelnen Punkt aus kontrolliert. Damit wollte Foucault keineswegs traditionelle, etwa gewerkschaftliche Kämpfe gegen die ökonomische Macht unterdrückerischer Geldeliten für nutzlos erklären. Er weist aber darauf hin, dass weitere, weniger sichtbare Zwänge in anderen Machtmechanismen wirken.

Klassische linke Kritikfiguren von Ideologie, Gewalt und Unterdrückung greifen ebenfalls nicht hinsichtlich der Wirkungsweise von so verstandenen Machtverhältnissen. Foucault kritisiert den Ideologiebegriff, da er immer im potentiellen Gegensatz zu etwas steht, was Wahrheit wäre. „Wahrheit“ ist aber selbst ein diskursives Ausschlussprinzip, ein Machtmechanismus, den es zu reflektieren gilt (was von anderen Ansätzen gern in die Spezialdisziplinen z.B. der Wissenschaftssoziologie abgeschoben wird).

Die Macht und die Wahrheit

Im Gegensatz zur marxistischen Vorstellung von Ideologie gibt es für Foucault kein von der Macht abgetrenntes und mit einem (entweder falschen oder marxistischen) Bewusstsein ausgestattetes Subjekt. Statt dessen produziert die Macht Wissen vom Individuum, formt es und ist in seinen Vorstellungen z.B. von Freiheit und Unterdrückung, immer schon präsent. Machtverhältnisse brauchen daher nicht unbedingt Gewalt, vielmehr die Anerkennung des anderen als Subjekt mit einer normierten bzw. zu normalisierenden Individualität.

Sein Hauptaugenmerk gilt daher den Disziplinen und Instanzen, denen diese Normalisierung (meist mit dem Anspruch zu behandeln, zu helfen, sogar zu befreien) obliegt: Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Kriminologie, Justiz. Deren Umgang mit dem Subjekt, ihre Diskurse über den Menschen, die das Subjekt erst konstituieren, gilt es zu hinterfragen. Die dunkle Seite der Aufklärung sieht Foucault dabei gerade im „Humanismus“:

>Ich verstehe unter Humanismus die Gesamtheit der Diskurse, in denen man dem abendländischen Menschen eingeredet hat… Auch wenn du die Macht nicht ausübst, kannst du sehr wohl souverän sein. Ja, …je besser du dich der Macht unterwirfst, die über dich gesetzt ist, umso souveräner wirst du sein. Der Humanismus ist die Gesamtheit der Erfindungen, die um diese unterworfenen Souveränitäten herum aufgebaut worden ist…< Michel Foucault: Von der Subversion des Wissens, 1978, S.114

Foucault heute: Anti-Psychiatrie, kritische Kriminologie, Gouvernementalität

In Theorie und Praxis wirkt Foucault heute vor allem überall dort, wo Mechanismen sozialer Ausschließung wirken und Gruppen von Menschen als krank oder kriminell von der Gesellschaft einer Kontrolle oder Behandlung unterzogen werden. In der Anti-Psychiatrie (Ronald D. Laing, Thomas S. Szasz), mit der Foucault von Beginn an sympathisierte gibt es etwa ein deutsches Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrischen Behandlung, während andere Mediziner und Psychologen ihrerseits hart mit seinem Ansatz ins Gericht gehen.

Besonders seltsam mutet die lange Abwehrhaltung gegenüber Foucault in einer Wissenschaft an, die sich „kritische Kriminologie“ nennt. Ihr Credo entsprach genau dem Foucaults: Analyse der gesellschaftlichen Mechanismen der Ausschließung, speziell von Kriminalisierten. Basis war meist der sozialkonstruktivistische „Labeling“-Ansatz. Der besagt, dass den sozial Ausgegrenzten Etiketten, soziale Stigmata (Labels), angehängt werden, kann aber leider nur schwer erklären, wie und warum das geschieht. Die „kritische Kriminologie“ sah im Hintergrund meist die marxistische Gesellschaftstheorie, nahezu als Synonym für Kritik, und konnte sich von Vorurteilen gegenüber Foucault nur schwer lösen. Diese vielleicht typische Rezeptionsgeschichte kann selbst als Beispiel von Ausschließung im Bereich der Wissenschaft gelten.

Eine erste auf der Gesellschaftskritik von Michel Foucault basierende kritisch-kriminologische Studie kam 1993 aus der Feder des Autors dieser Zeilen: „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus der Computer- und Multimedia-Kultur“, befasste sich mit der kriminalisierten Gruppe der Computer-Hacker und setzt sie in Bezug zu einer Genealogie der Informationsgesellschaft.[1] Von der taz wurde es mit der orthodox-marxistischen Kritik aufgenommen, die Computerhacker seien nicht als ökonomische Klasse zu betrachten, daher nicht als Gegenmacht zum globalen Überwachungsnetz denkbar.[2]

In der weiteren Foucault-Rezeption der kritischen Kriminologie zeigt sich heute eine Verlagerung des Schwerpunkts auf Foucaults Begriff der „Gouvernementalität“, auch „gouvernementalization“. Ein Begriff, der den Bezug von Macht-Wissen-Komplexen, die die Mentalität konstituieren, auf das Regieren, insbesondere auf Anbindung an den Staat zeigen soll: ein keineswegs neuer Zugang[3] zu Foucault, der marxistisch sozialisierten Geistern vermutlich leichter fällt. Und auch der heute dominierende Neoliberalismus ist somit trefflich mit Foucault zu kritisieren, vgl.
Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus
(T.Barth 1997)

Fußnoten:

[1] Als ich 1993 bei den im Hamburger Reformstudiengang „Jura 2“ angesiedelten Kriminologen die erste kritisch-kriminologische Studie vorlegte, die auf der Gesellschaftskritik von Michel Foucault basiert, waren die Reaktionen ambivalent. Die Arbeit „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ (Barth, Centaurus-Verlag 1997) wurde zwar in die Schriftenreihe „Hamburger Studien zur Kriminologie“ aufgenommen – jedoch nicht publiziert, sondern von Herausgebern und Hausverlag gute vier Jahre lang auf Eis gelegt. In diesen Jahren vollzog sich geradezu eine „Foucaultianische Wende“ der Kriminologen, wobei die „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ natürlich auf keiner Literaturliste auftauchte. Zweifel an der kritisch-kriminologischen Rezeption der Studie verfliegen jedoch z.B. bei Lektüre eines Textes von Professor Sebastian Scheerer „Zehn Thesen zur Zukunft des Gefängnisses – und acht über die Zukunft der sozialen Kontrolle“ -der frappierende Ähnlichkeiten zum Kapitel „Die Antiquiertheit der Einsperrung“ aus Barth 1993 (in der kriminologischen Schriftenreihe von Scheerers Institut publiziert erst 1997) aufweist.

[2] Eine revidierte und weiterentwickelte Fassung meiner inzwischen vergriffenen Studie (Centaurus, der Hausverlag der Kriminologen druckte nur 200 Exemplare) war geplant, konnte von mir jedoch nicht realisiert werden.

[3] Vgl. Smart, Barry, Michel Foucault, London, New York 1985 S.130 ff.

11/21/14

Michel Foucault: Macht-Wissens-Netze

Thomas Barth
Lange vor den modernen Computernetzen entwickelte der vielseitige Denker Michel Foucault seine Kritik der modernen Vernunft. Auf Nietzsche zurückgreifend schuf er eine Netztheorie der Macht-Wissens-Komplexe rund um die Begriffe des Diskurses und der Archive. Einer Disziplin wollte er sich nicht gerne zuordnen lassen, Philosophie, Ideengeschichte, Sozialtheorie? Seine Kritik begann mit Psychologie, Psychiatrie, Medizin, deren Diskurse und Geschichte er untersuchte.

Michel Foucault

Im Jahr 1961 erlangte Michel Foucault seinen Doktortitel mit „Wahnsinn und Gesellschaft“, welches eine Geschichte der Ausschließung der Irren im Zusammenhang der Entfaltung abendländischer Vernunft schreibt und ihm, wie er sagte, noch 20 Jahre nach der Publikation wütende Briefe von Psychiatern einbrachte. Sein nächstes großes Werk „Die Ordnung der Dinge“ macht ihn 1966 als strukturalistischen Gegenspieler Sartres berühmt. 1970 wird Foucault Professor für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France, entwirft ein Programm für die Erforschung diskursiver und sozialer Ausschließungen.

Die Psychologie nimmt der frühe Foucault stellvertretend für alle modernen Wissenschaften vom Menschen. Ihre Ideologie ist der Humanismus, in welchem Foucault hinter dem „guten Willen“ Kants den Willen zur Macht Nietzsches sichtbar macht: Die Human-Wissenschaften sind in ihren Ursprüngen jenen Individuen vorbehalten, deren Verhalten vom Durchschnitt oder von der geforderten Norm abweicht. Eigene Erfahrungen mit der Psychiatrie könnten eine Rolle bei seiner kritischen Haltung gespielt haben.

Panoptismus und das Netz der Disziplinierung

Die Anstalten, die psychiatrischen Kliniken und die Gefängnisse sind die Orte des Zurechtrückens der ver-rückten Subjekte. So gibt es für Foucault kein vom Netz der Macht isoliertes Subjekt. Statt dessen produziert die Macht Wissen vom Individuum, formt es und ist in seinen Vorstellungen z.B. von Freiheit und Unterdrückung immer schon präsent. Machtverhältnisse brauchen daher nicht unbedingt Gewalt, vielmehr die Anerkennung des anderen als Subjekt mit einer normierten bzw. zu normalisierenden Individualität. Sein Hauptaugenmerk gilt daher den Disziplinen und Instanzen, denen diese Normalisierung (meist mit dem Anspruch zu behandeln, zu helfen, sogar zu befreien) obliegt: Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Kriminologie, Justiz.
„Die Psychologie steht immer und von Natur aus an einem Kreuzpunkt der beiden Wege, wo einerseits die Negativität des Menschen bis zu einem extremen Punkt vertieft wird (…) und wo andererseits das Spiel unaufhörlichen Wiederaufnehmens, Zurechtrückens von Subjekt und Objekt, von Innen und Außen, von Erlebtem und Erkanntem sich übt.“ Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft (1973) S. 547 f.

Foucault ist 1971 Gründungsmitglied der G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation), deren Arbeit mit Häftlingen zur Kritik an Zuständen im französischen Justizapparat bis hin zu Gefängnisrevolten führt. 1974 deckt Foucault mit „Überwachen und Strafen“ gemeinsame Wurzeln von Liberalismus und Einsperrung, von Freiheitsrechten und Disziplinarinstitutionen auf: Der Panoptismus, die Überwachung vieler durch wenige, erscheint als dunkle Seite der Aufklärung, welche die traditionelle Kritik von Staat und Ökonomie bislang ausgeblendet hatte.

Derjenige, welcher einem kontrollierenden Sichtfeld ausgesetzt ist und dies weiß, so Foucault, übernimmt die Zwangsmittel der panoptischen Macht. Der Kontrollierte spielt sie gegen sich selber aus und schreibt das Machtverhältnis in sich ein: Er wird zum Gehilfen seiner eigenen Unterwerfung. Anders als die Frankfurter Schule (Horkheimer/Adorno) sieht Foucault jedoch Widerstandspotentiale jenseits des gescheiterten marxistischen Projekts. 1976 in „Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit 1)“ lokalisiert Foucault den zentralen Mechanismus einer „Bio-Macht“ in der Kontrolle menschlicher Sexualität, die das Subjekt in seinen Lüsten und Begierden wie die Bevölkerung in der Reproduktion erfasst.

Netz- und Mikrophysik der Macht

Provokativ prognostizierte Foucault den „Tod des Menschen“ bzw. „des Subjekts“: Diese Thesen wurden von Sozialwissenschaftlern der Generation ‘68 Anfang der 90er-Jahre noch unverstanden als Beweis der Verrücktheit Foucaults laut deklamiert, dann aber zunehmend kontrovers diskutiert. Für Foucault sind „Mensch“ und „Subjekt“ Formationen in der diskursiven Ordnung der Humanwissenschaften, und damit Teil eines heute auf dem Rückzug befindlichen Macht-Wissens-Komplexes. Das Subjekt kann nicht mehr Ursprung der Erkenntnis einer Wahrheit sein, die „Objektivität“ als „intersubjektive Überprüfbarkeit“ definiert.

Die von Foucault proklamierte „Mikrophysik der Macht“ wirkt durch kleinste Elemente, sie wirkt als Netz, das die Familie, sexuelle Beziehungen, Wohnverhältnisse, Schule, Krankenhäuser, Psychiatrie, Gefängnisse etc. als Feld von Kräfteverhältnissen und Macht-Wissens-Techniken begreift. Also ist die Macht keineswegs, wie Marxisten glauben, im Besitz einer bestimmten Klasse und kann auch nicht einfach durch den Sturm auf ihr Zentrum erobert werden. Daher läßt sich Macht auch nicht einfach mit ökonomischer Macht gleichsetzen. Sie ist nicht „monolithisch“ und wird somit nicht von einem einzelnen Punkt aus kontrolliert.

Kritik an Humanismus und „Wahrheit“

Klassische linke Kritikfiguren von Ideologie, Gewalt und Unterdrückung greifen ebenfalls nicht hinsichtlich der Wirkungsweise von so verstandenen Machtverhältnissen. Foucault kritisiert den Ideologiebegriff, da er immer im potentiellen Gegensatz zu etwas steht, was Wahrheit wäre; „Wahrheit“ ist aber selbst ein diskursives Ausschlußprinzip, ein Machtmechanismus, den es zu reflektieren gilt. Die dunkle Seite der Aufklärung sieht Foucault dabei gerade im „Humanismus“:

„Ich verstehe unter Humanismus die Gesamtheit der Diskurse, in denen man dem abendländischen Menschen eingeredet hat: Auch wenn du die Macht nicht ausübst, kannst du sehr wohl souverän sein. Ja, …je besser du dich der Macht unterwirfst, die über dich gesetzt ist, umso souveräner wirst du sein. Der Humanismus ist die Gesamtheit der Erfindungen, die um diese unterworfenen Souveränitäten herum aufgebaut worden ist: die Seele (souverän gegenüber dem Leib, Gott unterworfen), das Gewissen (frei im Bereich des Urteils, der Ordnung der Wahrheit unterworfen), das Individuum (souveräner Inhaber seiner Rechte, den Gesetzen der Natur oder den Regeln der Gesellschaft unterworfen).“ Michel Foucault: Von der Subversion des Wissens, 1978, S.114

In Theorie und Praxis wirkt Foucault heute vor allem überall dort, wo Mechanismen sozialer Ausschließung wirken und Gruppen von Menschen als krank oder kriminell von der Gesellschaft einer Kontrolle oder Behandlung unterzogen werden. In der Anti-Psychiatrie (Ronald D. Laing, Thomas S. Szasz), mit der Foucault von Beginn an sympathisierte, gibt es etwa ein deutsches Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrischen Behandlung, das von etablierten Sozialkritikern weitgehend ignoriert wird (von der psychiatrischen „Wissenschaft“ sowieso). Sein Begriff des Panoptismus inspiriert auch Netz- und Überwachungskritik.

Nachtrag: Foucault und die Netzkritik

Die Bezugnahme von Netz- und Überwachungskritik auf Foucault und den Panoptismus findet selbst Kritiker -wie Michael Nagenborn. In seiner Analyse des „Privaten unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie“ findet er diese Bezugnahme „nahe liegend aber nicht unproblematisch“, genauer formuliert er im Kapitel „Foucault und die Medienethik“:

„Im Rahmen einer informations- oder medienethischen oder auch nur medienkritischen Abhandlung Bezug auf die Theorie FOUCAULTS zu nehmen, ist nahe liegend aber nicht unproblematisch. Nahe liegend deshalb, weil die Frage nach der Verknüpfung von Macht und Wissen ohne Zweifel im Zentrum seines Denkens stand. So schreibt er z. B. im Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Der Wille zum Wissen“: „[Ich möchte] unterstreichen, dass Sexualität hier nur ein Problem ist, das ich seit über fünfzehn Jahre verfolge…: wie ist in den abendländischen Gesellschaften die Produktion von Diskursen, die (zumindest für eine bestimmte Zeit) mit einem Wahrheitswert geladen sind, an die unterschiedlichen Machtmechanismen und -institutionen gebunden?“ 356 Allerdings scheinen mir viele Autoren dort nur Diskurse zu lesen, wo eingeschränkt von „Diskursen, die … mit einem Wahrheitswert geladen sind“, die Rede ist. Es geht FOUCAULT eben nicht um beliebige Aussagen, sondern um bestimmte Aussagen mit einer gewissen Tragweite, deren Verhältnis zur Macht es zu untersuchen gilt, wobei es sicherlich so ist, dass Diskurse als Macht ausweitend, verteilend, stabilisierend und zumindest teilweise auch erzeugend gedacht werden. 357 (Fn 356: FOUCAULT / WILLE, S. 8.; 357 Schon Gilles DELEUZE hat in seinem Buch „Foucault“ (1987, Original: 1986) auf die zentrale Bedeutung der „Aussagen“ und die Schwierigkeit, seine Bedeutung im FOUCAULT’SCHEN Denken zu bestimmen, hingewiesen (vgl. DELEUZE / FOUCAULT, S. 9ff.). In letzter Zeit hat insbesondere Petra GEHRING auf die Bedeutung der Trias Aussage, Diskurs und Archiv hingewiesen und die Reduktion auf den Diskursbegriff in der deutschen Debatte kritisiert (vgl. GEHRING / FOUCAULT, S. 55).“ Nagenborg 2005, S.133f.

Wo bzw. wie genau die „informations- oder medienethischen oder auch nur medienkritischen Abhandlungen“ den Diskursbegriff vom Wahrheitswert abgelöst gesehen haben sollen und wie dies problematisch wird, bleibt hier leider Nagenborgs Geheimnis. Auch wäre zu fragen, ob Foucault, der sich in dem Zitat ausdrücklich auf Sexualitäts-Diskurse bezog, damit meinte, dass nur in solchen Diskursen und Äußerungen Macht ausgeübt werden könne, wie Nagenborg ihn zu verstehen scheint. Foucaults Analyse von Diskursen zur Inhaftierung von „psychisch Kranken“, Kriminellen oder Kriminalisierten in „Überwachen und Strafen“, die den Panoptismus-Begriff entfaltet, konzentriert sich zwar darauf. Aber der von sprachlichen Äußerungen auch auf Praktiken erweiterte Diskursbegriff Foucaults lässt sich so vermutlich nur noch schwer erfassen. Vielleicht hatte Nagenborg diese definitorisch komplexere Variation des fluiden Diskursbegriffs Foucaults, der sich auch über die Zeit stetig weiterentwickelte, nicht im Blick, denn er fährt fort:

„Ich glaube aber nicht, dass Diskurse allein in der Lage sind, Macht zu produzieren – wenn so etwas wie ein Diskurs an sich überhaupt denkbar ist, d. h. ein Diskurs ohne Gesellschaft, in der er wirkt, und Menschen, die ihm Ausdruck verleihen. Mehr noch: FOUCAULT betont in seinen späten Schriften stets, dass auch so etwas wie Macht an sich nicht existiert: „… es gibt Macht nur als von den ,einen‘ auf die ,anderen‘ ausgeübte. Macht existiert nur in actu, auch wenn sie sich … auf permanente Strukturen stützt.“358 Fn 358 FOUCAULT / MACHT, S. 32f.“ (ebd., Hervorhebung von T.B.)

Dazu ist anzumerken, dass von einem“Diskurs an sich“ oder einem „Diskurs ohne Gesellschaft“ bei Foucault, der sich einmal als „fröhlichen Positivisten“ bezeichnete und konkrete historische Diskurse anhand von historischen Archiven untersuchte, eher nicht die Rede ist. Die besagten „permanenten Strukturen“ manifestieren sich bei ihm in Praktiken, die den Diskursen zuzurechnen sind und zeitweise um den Begriff des Dispositivs zu ergänzen wären: Dieser macht deutlicher, dass es zwar gut strukturalistisch immer noch um sprachliche Äußerungen, um Aussagen geht, aber auch um soziale, technologische und kulturelle Strukturen; von Dispositiven ist etwa in den Medienwissenschaften oft die Rede, sofern sie auf Foucault zurückgreifen. Nagenborgs Analyse zielt jedoch gerade auf die IuK-Technologien (und „das Private“) ab, wie zuvor in seiner Abhandlung zu lesen war:

„Die Verlusterfahrungen des Privaten, von denen im letzten Kapitel die Rede war, stehen sicherlich in einem Zusammenhang mit dem Eindringen der Informations- und Kommunikationstechnologien in den privaten Lebensraum und der zunehmenden Überwachung des Öffentlichen Raums durch den Staat und Privatpersonen. Da mir die Unterscheidung zwischen Beobachtung und Kontrolle wichtig ist und ich zudem glaube, dass wir den Anspruch auf Autonomie nicht überbewerten sollten, halte ich es auch für nicht angemessen, allein aufgrund der Zunahme von Beobachtungsmöglichkeiten bereits Alarm zu schlagen.“ Nagenborg S.133

Hier erheben sich Zweifel, ob der ökonomische und politische Drang von Machtgruppen und -institutionen zu erhöhten Kontrollmöglichkeiten von Nagenborg nicht unterschätzt wird, um Kritik daran voreilig als Alarmismus abzustempeln. Eine Vielzahl von Verletzungen der Privatsphäre wurde bereits nachgewiesen, insbesondere auch von kritischen Gruppen aus der Hackerkultur wie dem Chaos Computer Club; deren Enthüllungen wurden immerhin im öffentlichen Diskurs wichtig genug genommen, um vielfach Sendezeit in Hauptnachrichtenmedien wie der ARD-Tagesschau zu erhalten. Diese Formen des Widerstands gegen den Ausbau eines bereits existierenden Überwachungs-Dispositivs (siehe etwa Enthüllungen zur NSA Ende der 1990er-Jahre) scheinen Nagenborg weitgehend entgangen zu sein, was zu seiner eher sorglosen Haltung beitragen mag. Dennoch fährt er fort:

„Nun gibt es eine ganze Reihe von Autoren, die im Anschluss an die Arbeiten von Michel FOUCAULT auf die Folgen einer solchen ständigen Überwachung hinweisen. Dabei geht es nicht zuletzt um eine Kritik an unserer panoptischen Gesellschaft, eine Kritik, welche FOUCAULT in „Überwachen und Strafen“ (1976, Original 1975) formuliert hat. Wenn ich den unzähligen Kommentaren zum Panopticon (Fn 353) noch einen weiteren hinzufüge, (Fn 354) so deshalb, weil ich in vielen der mir bekannten Artikeln und Büchern einige wichtige Aspekte vermisse, insbesondere die Möglichkeiten des Widerstandes gegen den Panoptismus und die panoptischen Strukturen. (Fn 355)“, Hervorhebung von T.B., Nagenborg S.133.

Erstaunlicherweise reklamiert Nagenborg hier fehlende Themen in vielen Artikeln, ohne auf andere Arbeiten einzugehen, die diese Fehlstellen bereits füllen; dabei ist ihm eine dieser Abhandlungen offensichtlich bekannt, wie in der zu diesem Absatz gehörenden Fußnote 355 deutlich wird:

„Fn 353 Ich verwende im Folgenden die von Walter SEITTER in der deutschen Obersetzung von „Überwachen und Strafen“ verwendete Schreibweise „Panopticon“. Thomas BARTH z. B. verwendet dagegen die eigentlich korrekte deutsche Schreibweise „Panoptikum“, welche einen deutschen Leser jedoch zunächst an ein Wachsfiguren- und Kuriositätenkabinett denken lässt. Tatsächlich ist die deutsche Bedeutungsvariante eng mit dem Panopticon von BENTHAM verbunden, wird als griechisches Kunstwort als „Name für eine alles zur Anschauung bringende Anstalt“ (Brockhaus 1885) jedoch in einem weiteren Sinne verwendet. (Vgl. hierzu: BARTH I KONTROLLE, S. 41f.) – Ich habe in den Zitaten anderer Autoren die Schreibweise vereinheitlicht.“ Nagenborg 2005, ebd.

Selbstverständlich lässt mein Text den Leser nicht, wie Nagenborg hier zu insinuieren scheint, im Unklaren über den Begriff „Panoptikum“, sondern erklärt seine Etymologie -eine Erklärung, welche Nagenborg hier tatsächlich aus meinem Text übernimmt. Dem Titel meiner Abhandlung „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus“ ist weiterhin leicht zu entnehmen, dass sie schwerpunktmäßig auf die von Nagenborg geforderten Widerstandsformen abzielte (vgl. Pollmann 1998). Die von ihm daraus zitierte etymologische Passage zum Begriff des Panoptikums war nur eine kursorische Randbemerkung zur Einleitung in die Darstellung von Foucaults Entwicklung des Panoptismusbegriffs; meine folgende Diskussion des netzförmigen Machtbegriffs und seine Ergänzung um eine kritisch gewendete systemtheoretische Machtanalyse bei Niklas Luhmann übergeht Nagenborg hier stillschweigend -um meine Abhandlung lapidar als eine von „unzähligen Kommentaren zum Panopticon“ abzulegen.

Ziel meiner theoretischen Analyse war jedoch die Darstellung von netzpolitischer und -kultureller Gegenmacht der Hackerbewegung, die von Anbeginn die Entfaltung der digitalen Machtdispositive begleitete, sowie der Darstellung künftiger Aufgaben und Chancen von Widerstand gegen einen drohenden Überwachungskapitalismus (vgl.auch Barth 2005). Auf Dutzenden Vorträgen und Workshops bei diversen Hacker-Events, insbesondere den jährlichen Chaos Communication Congressen des CCC gewann ich nicht nur Einsichten durch die sozialwissenschaftliche Methode der teilnehmenden Beobachtung, sondern verbreitete meine Forschungsergebnisse auch in der Hackerkultur weiter, einschließlich meiner von Nagenborg zitierten Abhandlung von 1997.

„Ein mögliches Zusammenspiel von Macht und Wissen stellt so z. B. die Produktion von Wissen darüber dar, wer die „einen“ und die „anderen“ sind. Damit meint er die „Aufteilung in Verrückte und geistig Normale, in Kranke und Gesunde, in Kriminelle und ,anständige Jungs‘.“ Nagenborg 2005 ebd.

Dieses Wissen sei aber nur ein Teil dessen, so Nagenborg, was Foucault selbst als die „Teilungspraktiken“ bezeichnet. Bleibt noch anzumerken, dass nicht nur die Hacker, deren Kriminalisierung ich 1997 analysierte und hinterfragte, sondern auch andere ausgegrenzte Gruppen, etwa die Psychiatrisierten selbstverständlich Widerstand leisten und Gegenmacht entfalten (vgl. Barth 2004). Foucaults Theorie-Werkzeugkasten ist in vielen Bereichen ein Dorn im Stitzfleisch etablierter Machthaber und Herrschaftsausübender (die sich selbst in ihren Medien als angebliche „Eliten“ feiern lassen). Entsprechend sind seine Ideen stehts in der Gefahr auf für die Herrschenden bequemere Deutungen reduziert und ihre kritische Anwendung tabuisiert und totgeschwiegen zu werden.

Quellen

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus, Centaurus Verlag, Pfaffenweiler 1997.

Barth, Thomas: Thomas Barth: Blick, Diskurs und Macht: Michael Foucault und das Medien-Dispositiv. In: MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, Jg. 22 (2005) Nr. 1, S. 8–14 PDF fid-media

Barth, Thomas: Stimmen im Netz der Macht, Irrenoffensive Nr.12, 2004

Nagenborg, Michael: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie. Ein Beitrag zur Informationsethik, Springer Nature, Wiesbaden 2005, (hier zit. S.133 f.) Zugl.: Karlsruhe, Univ., Diss., 2003

Pollmann, Christopher: Das Virtuelle Panoptikum, Rezension von Thomas Barth „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus“, tageszeitung (taz) 3.2.1998