06/6/14

Big Data & Biopolitik

Müssen wir mit allem rechnen? Dataismus #3 Krankheiten, Gene und ewiges Leben

Große Daten – bitte was? Der Begriff „Big Data“ geistert seit Monaten durch Artikel, TV-Sendungen  und Radiobeiträge. Die weitaus meisten von uns haben dennoch, zumindest laut mancher Studie, keinen blassen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Mit einer Artikelreihe wollen wir deshalb ein paar Scheinwerfer in den Datenanalyse-Wald richten.

Rebecca Ciesielski, 03. April 2014, aus: Netzpolitik

Große Daten – bitte was? Der Begriff „Big Data“ geistert seit Monaten durch Artikel, TV-Sendungen  und Radiobeiträge. Die weitaus meisten von uns haben dennoch, zumindest laut mancher Studie, keinen blassen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Mit einer Artikelreihe wollen wir deshalb ein paar Scheinwerfer in den Datenanalyse-Wald richten. Denn die enthüllte Überwachungs‑, ist eigentlich eine „Berechnungsgesellschaft“. Darin sind die Geheimdienste nur einige Akteure unter vielen. 

Die Vorgeschichte steht hier und hier.

Wo verbrachten Sergey Brin, Mark Zuckerberg, Lana del Ray und David Petraeus eigentlich den Abend des 12. Dezember 2013? Dass sich zwei der wichtigsten Internetlenker, ein Ex-CIA-Chef und eine Hollywood-Sängerin zu einem gemeinsamen Dinner treffen, wäre wohl für sich stehend schon eine erzählenswerte Anekdote. Besonders wenn – wie an diesem Abend – noch der Schauspieler Kevin Spacey und der Medien-Großherrscher Rupert Murdoch dazukommen. Aber natürlich trafen sich die tech elite, military, and Hollywood starsnicht ohne Anlass.

Im Gegenteil – Brin, Zuckerberg und die anderen versammelten sich knapp zwei Wochen vor Weihnachten in den prunkvollen Hallen des NASA Ames Research Center um Wissen zu feiern. Ausnahmsweise nicht ihr eigenes, sondern bahnbrechende“ – aber von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommene – Entdeckungen von Genetikern, Neurobiologen und Biochemikern, wie Michael Hall, Mahlon DeLong und Alexander Varshavsky. Jeweils drei Millionen US-Dollar erhielten die Wissenschaftler für ihre Erkenntnisse über die sogenannte tiefe Hirnstimulation (mit Elektroden-Implantaten im Gehirn sollen Krankheiten wie Parkinson oder auch Depressionen abgeschwächt werden) oder über den Proteinstoffwechsel im Inneren von Körperzellen (ein Vorgang, der Alterungsprozesse beeinflussen soll). Sieben Preise – sechs im Bereich Life Science, einer für Physik – stifteten Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan, Sergey Brin und Ex-Partnerin Anne Wojcicki (die Gründerin von 23andme, ein US-Unternehmen, das billige und schnelle Gen-Tests anbietet), der chinesische Internetunternehmer Jack Ma und der russische Ex-Weltbanker und Investor Yuri Milner, mitsamt ihren Frauen Cathy Zhang und Julia Milner.

Der Breakthrough Prize in Life Science ist die weltweit höchstdotierte Auszeichnung im Bereich Wissenschaft –  Nobelpreisgewinner bekommen nur rund ein Drittel der Summe. An diesem Abend wechselten insgesamt 21 Millionen US-Dollar ihre Besitzer. Und so wenig nachvollziehbar es aussehen mag: Dass einige der momentan wichtigsten Personen des Silicon Valley horrende Summen in Humanbiologen stecken, geschieht absolut nicht zufällig.

Zuckerberg bezeichnete die Forscher als amazing heroes und their work in physics and genetics, cosmology, neurology and mathematics will change lives for generations. Die Biologie, die Medizin, Forschung an Medikamenten, die Entschlüsselung individueller DNA-Sequenzen – das alles ist zur information technology geworden, betonten die Stifter des Preises. Vor rund zehn Jahren entschlüsselten Wissenschaftler das erste menschliche Genom. Damit waren die Forscher damals 15 Jahre lang beschäftigt. Unser Bauplan ist darstellbar durch riesige Informationsabfolgen. Da die Rechenleistung, besonders der leistungsstärksten Computer, rapide zunimmt, lassen sich auch die Daten über die persönliche Veranlagung und Gesundheit immer schneller auswerten. Erst vor wenigen Tagen teilte der Chiphersteller Intel mit, dass es dem Unternehmen nun möglich sei, ein vollständiges Genom innerhalb eines Tages auszuwerten. Bis die US-Arzneimittelzulassungsbehörde FDA die Anwendung vor wenigen Monaten verbot, war die schnelle Datenauswertung das Erwerbsmodell von 23andme. Für knapp 100 US-Dollar konnten Kunden ihre Anlagen auf Alzheimer, Krebs und andere Krankheiten prüfen lassen. Die FDA hielt diese Analysen allerdings für wenig aussagekräftig. Denn bei medizinischen Fragen sind die Experten mittlerweile dazu übergegangen, unzählige und schwer zu fassende Abläufe im Körper, sowie die persönlichen Gewohnheiten und Lebensumstände einzubeziehen. Wie alt werde ich? Werde ich an Demenz, Krebs oder Bluthochdruck leiden? Aber auch: Warum altern wir? Welche Personengruppen mit welchen Gewohnheiten werden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu langjährigen und kostenintensiven Pflegefällen?

Alle diese Fragen schreien förmlich nach einer Auswertung mit Big Data-Technologien, die es ermöglichen große, verschiedenartige Datenmengen möglichst in real time auszulesen und daraus Muster und  Vorhersagen abzuleiten. Wer einen Hammer besitzt, sieht überall Nägel: Google und Facebook verfügen über Soft- und Hardware, mit der Fähigkeit, in Sekundenbruchteilen komplexe Nutzerprofile mit der passenden Werbung abzugleichen oder versuchen, die Qualität von Texten durch Analyse von Wort-Häufungen und Kontext zu ermitteln. Aber die Big Data können auch vielschichtige Mechanismen von Krankheiten oder Arzneimitteln identifizieren. Dafür benötigt die Technik aber ihren Rohstoff: Daten.

Stufe 1 – Big Data im Gesundheitssystem

Sollten Blutwerte mit Gen-Datenbanken verknüpft und Risikokennzahlen oder Rohdaten an Krankenkassen, Pharmaunternehmen, Universitäten oder auch die Polizei gesendet werden? Bei diesen Fragen ist Deutschland noch in der Aushandlungsphase. Seit Anfang des Jahres ist die elektronische Gesundheitskarte (eGK) in Deutschland eigentlich Pflicht. Heute befinden sich allerdings wesentlich weniger Daten auf den Chipkarten der Krankenkassen als ursprünglich geplant. Sogenannte Basisdaten wie Name, Geburtsdatum und Versicherungsstatus sind gespeichert. Der freie Speicherplatz für Zusatzdaten wie verordnete oder rezeptfrei in der Apotheke gekaufte Medikamente, Diagnosen, Laborbefunde und Röntgenbilder (elektronische Patientenakte) bleibt bislang leer.

Ein Zustand, den auch deutsche Krankenkassen bedauern und als vorübergehend einstufen. Denn die Versicherten sollen bei sensiblen Daten selbst bestimmen können, wer zugreifen darf, was gespeichert und was wieder gelöscht werden soll. Deshalb kann die eGK in ihrer jetzigen Form nicht ihre geplante Funktionsfähigkeit entfalten. Die Zugangsschranken verhindern (momentan), dass Daten vieler Patienten zusammengeführt, Muster darin erkannt oder Risikogruppen für Krankheiten bestimmt werden können. Aus Big Data-Perspektive ist die elektronische Gesundheitskarte ein absoluter Rohrkrepierer. Die Zugeständnisse und die verspätete Einführung der Karte (der ursprünglich geplante Start war Januar 2006) zeugen davon, wie umstritten das Projekt war und ist. Etwa Datenschützer aber auch Ärzte-Vertreter haben die zentrale Speicherung von Gesundheitsdaten über Jahre hinweg wiederholt abgelehnt.

Worüber heute nur noch wenig gesprochen wird: Gesundheits-Big-Data, also zentral gespeicherte und zusammengerechnete Arztbesuche, Blutwerte und Medikamentenkonsum aller Patienten waren und sind das eigentliche Ziel des ganzen Projekts.

Die Idee einer eGK entstand vor 13 Jahren, ausgelöst durch den sogenannten Lipobay-Skandal. Der Arzneimittelhersteller Bayer musste damals sein cholesterinsenkendes Medikament Cerivastatin (Handelsname: Lipobay) vom Markt nehmen, nachdem weltweit rund 50 Todesfälle auf die Substanz zurückgeführt werden konnten. Die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt wollte solche Unfälle durch mehr Wissen verhindern, durch die erstmalige Zusammenfassung aller Patientendaten auf den Karten der Patienten. Mit Big Data hatte das – rein technisch betrachtet – nichts zu tun. Google veröffentlichte MapReduce erst 2004, die auf dem Algorithmus basierende Hadoop-Infrastruktur für große Datenmengen entstand im Folgejahr. Beide Ideen gelten als die zündenden Big Data-Innovationen. Aber die Denkweise, zumindest jene von bestimmten Interessengruppen, war auch schon zur Zeit der ersten Ideen für einen Arzneimittelpass eine ähnliche. Nur mit einer engen elektronischen Vernetzung zwischen Krankenkassen, Ärzten und Apothekern ist es möglich, Fehlentwicklungen und Gefahren der Medikamenteneinnahme schnell aufzuspüren und zu verhindern, sagte der damalige AOK-Bundesvorsitzende Rolf Hoberg 2001 der Berliner Zeitung.

Über ein Jahrzehnt später benutzen die gleichen Interessengruppen dieselbe Rhetorik um die Ziele von damals voran zu bringen. „Vor zehn Jahren wurden die Krankenkassen gesetzlich verpflichtet, die Karte einzuführen – ein Mehrwert ist weder für die Versicherten noch für die Kassen vorhanden, sagte beispielsweise der Vorstandsvorsitzende des Vereins der Innungskrankenkassen (IKK) Hans Peter Wollseifer im Februar. Die Botschaft dahinter: 800 Millionen Euro Beitragsgeld haben die Kassen in die Karten investiert. Bekommen haben sie ein kleines Foto, ohne jeden finanziellen Nutzen.

Dabei könnten die Einsparungen so groß sein. Weil die deutsche Gesellschaft beständig altere und ältere Menschen, Zivilisationskrankheiten und sogar der technische Fortschritt mit seiner lebensverlängernden Wirkung höhere Behandlungskosten verursache, sei zu befürchten, dass „die Gesundheitsausgaben in Deutschland einen immer größeren Teil des Bruttosozialproduktes verschlingen werden“, steht in einem sogenannten Trendpapier der Unternehmensberatung Lünendonk. Das Positionspapier beschäftigt sich mit dem Mehrwert von Big Data für Krankenversicherungen. Diese gingen dazu über, immer mehr Informationen über ihre Kunden zu sammeln und die Daten für Echtzeit-Analysen, Betrugserkennung, Kundenbindung, Stornoprävention, Langfristprognosen und die Segmentierung von Risikogruppen einzusetzen. Wenn es den einzelnen Versicherten auch nicht besser stellt, so ist es doch ein Beitrag zu mehr Gerechtigkeit für die Gesellschaft. Natürlich befürwortet das Trendpapier sämtliche Datenschleudern wie die elektronische Patientenakte, ein einheitliches Krebsregister und personalisierte Medizin auf Basis von Genomdaten. Das Dokument ist aber in seinen Bewertungen keinesfalls neutral. Die Broschüre entstand in Zusammenarbeit mit SAS – eines der Unternehmen, das sich durch mehr Big Data im Gesundheitssystem mehr Einnahmen versprechen dürfte. Denn SAS gehört neben IBM, Oracle, SAP und Microsoft zu den fünf größten Softwareproduzenten in diesem Bereich.

In den USA könnte der konsequente Einsatz von Big Data im Gesundheitssystem zu Einsparungen von 300 Milliarden Dollar führen. Jährlich würde so ein gutes Zehntel der Gesamtkosten gespart, behaupten zumindest Analysten von McKinsey. Den Ist-Zustand der amerikanischen Patientenakte stellt der US-Think Tank Rand Corporation in einer Studie genau gegenteilig und aus wirtschaftlicher Sicht ziemlich düster dar: Die Daten seien zu schlecht verknüpft. Momentan explodierten die Kosten anstatt zu sinken.

Mit dem Wort düster lässt sich auch der Datenschutz in den USA ganz gut beschreiben. Und hier geht es nicht um die NSA. „Der umfassende Gebrauch von Health IT in der Gesundheitsindustrie wird die Qualität der Gesundheitsversorgung verbessern, Behandlungsfehlern vorbeugen, Kosten reduzieren“ – schreibt das US-Gesundheitsministerium auf der eigenen Internetseite. Bis 2015 müssen alle Ärzte und Krankenhäuser ihren Betrieb auf die elektronische Patientenakte (EHR, electronic health record) umstellen. Symptome, Diagnosen, Labortests, Medikamente – in den USA wird das alles legal an Forscher, Strafverfolger, den Staat (Serious Threat to Health or Safety, conducting Intelligence and national security activities, …), an Geschäftspartner von Ärzten und Krankenkassen oder auch an das National Instant Criminal Background Check System“ weitergegeben. Letzteres sortiert potentielle Käufer von Waffen nach deren psychologischer Vorgeschichte. Alle Daten werden miteinander verknüpft, Data Mining-Programme suchen nach Betrug, Arzneimittelwirkungen , Genvarianten. Das eMerge-Konsortium, ein durch das US-Gesundheitsministerium geschaffenes Netzwerk für Gen-Forscher, hat durch Daten-Analyse über 100 Genvarianten gefunden, die mit Hautkrebs in Verbindung stehen sollen.

Es mag an dieser Stelle kaum mehr verwundern, dass der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin die Speicher-Infrastruktur des amerikanischen Gesundheitssystems stellt. Big Data ist so universell einsetzbar, die Technik befähigt sogar Kampfflugzeug-Experten zur Gesundheits-Analyse. Jene Analyse-Technik, die Lockheed Martin entwickelt hat, um Flugkörper aufzuspüren, kann in abgewandelter Form auch eine Blutvergiftung vorhersagen.

Stufe 2 – Calico, Gene und politische Großprojekte

Rüstungskonzerne, die sich mit Gesundheitsanalyse beschäftigen – das passt zur grundlegenden These dieser Artikelreihe:  Überall wo Daten, wo maschinenlesbares Wissen anfällt, werden die Algorithmen und die Speichertechnik (das Know-how über Big Data) mehr und mehr zur Grundlage aller empirischen Erkenntnis. Das schafft Allianzen, von Wissenschaftlern, Politikern und Unternehmen, deren Analyse das Verstehen vieler Zusammenhänge möglich macht. Big Data erklärt, warum Sergey Brin teure Preise für Biologen stiftet.

Und auch, warum Arthur Levinson der Chairman jener Stiftung ist, die die Preise vergibt. Nur wenige dürften die Schnittstelle zwischen Humanbiologie und den Big Playern des Internets besser verkörpern als der Molekularbiologe. Als Google-Chef Larry Page im September vergangenen Jahres ein neues Langzeitprojekt des Konzerns – Google Calico – präsentierte, ernannte er Levinson zum Vorstandsvorsitzenden. Levinson war bis 2009 schon im Verwaltungsrat von Google.  Er legte diesen Posten nieder, nachdem die US-Kartellbehörde FTC Bedenken geäußert hatte, weil Levinson damals wie heute auch den Posten des Verwaltungsratschefs bei Apple besetzte. Viele Jahre war der frühere Wissenschaftler und heutige Manager außerdem der Vorstandsvorsitzende von Genentech – einer erfolgreichen Biotechnologie-Tochter des Schweizer Pharma-Konzerns Hoffmann-La Roche. Mittlerweile ist er der Verwaltungsratschef des Kalifornischen Unternehmens, das besonders für seine Krebspräparate bekannt ist.

Google gründet, übernimmt und verkündet eigentlich permanent irgendetwas. Calico schaffte es sogar auf die Titelseite des Time-Magazin. Obwohl über das Unternehmen wenig mehr bekannt ist als sein ambitionierte Ziel, das menschliche Leben zu verlängern und jener Einschränkung von Page, dass es wohl zehn oder 20 Jahre dauern würde, bis in dieser Hinsicht echte Ergebnisse zu erwarten seien.

Interessant ist, was hinter und neben Calico steht. Denn das Unternehmen teilt sich das Forschungsfeld Alter und Tod mit der Sens research Foundation, Genescient oder Human Longevity, einem Projekt von Craig Venter, jenem Biochemiker, dem die erste vollständige Entzifferung des menschlichen Genoms zugeschrieben wird. Über Human Longevity Inc. schrieb die New York Times kurz nach der Vorstellung des Unternehmens vor etwa einem Monat: The huge amount of DNA data will be combined with huge amounts of other data on the health and body composition of the people whose DNA is sequenced. Alles mit dem Ziel, die typischen und oftmals tödlichen Alterskrankheiten wie Krebs oder Kreislauf-Krankheiten zu begreifen. Die Vision von einem langen, vielleicht sogar ewigen Leben, ist zu einer datengetriebenen Wissenschaft geworden. Entsprechend oft sind es Informatiker oder Mathematiker, die die medizinische Forschung voranbringen. 20th Century biology was good at focusing on one or a few biochemical pathways, genes, or cell types, heißt es auf der Internetseite von Genescient. But with the advent of micro-robotics, information technologies, and high-speed sequencing, it is no longer necessary to focus an experimental flashlight on single components of the apparatus of life. Instead, genomic technologies allow us to turn on floodlights that provide extensive illumination of the complex biochemical networks that sustain life.

Eine blumige Umschreibung von Big Data. Nach Genescient sind wir im Zeitalter von Genomics 2.0 angekommen, in dem auf künstlicher Intelligenz basierende Datenanalyse versucht, Gene und Gesundheit wirklich zu verstehen. Früher hatten Forscher Ideen, Fragen oder Hypothesen und orientierten sich bei der Umsetzung ihrer Experimente an den jeweiligen Vorüberlegungen. Heute gehen viele Gen- und Life Science Forscher davon aus, dass die richtige Software den Schlüssel zum ewigen Leben irgendwann selbstständig findet. Wenn wir alt werden, laufen in unseren Zellen komplexe Vorgänge ab. Wissenschaftler glauben heute, dass die Wechselwirkungen zwischen Genen, Lebensweise, Ernährung und anderen Faktoren so vielschichtig sind, dass Frage und Antwort, Hypothese und Versuchsanordnung die Realität nicht ausreichend erfassen. Der Datenhaufen hingegen soll die ihm innewohnenden Muster offenbaren. Je mehr Daten, je größer dieser Haufen, umso wahrscheinlicher ist es, dass Algorithmen irgendwann die entscheidenden  Nadeln“  im Kampf gegen das Alter aufspüren.

Deshalb passt Calico gut ins Portfolio von Google. Und Arthur Levinson wechselte nur vom Vorstand der einen Datenkrake in den Vorstand der nächsten. 2009 übernahm Roche Genentech vollständig. Die Roche Holding fällt besonders durch ihre hohen Investitionen bei Forschung und Entwicklung auf. Gemessen an den Umsätzen verzeichnete Roche 2013 weltweit die höchsten Ausgaben in diesem Bereich. Kein Wunder also, dass Roche konkret daran interessiert ist seine Innovationsausgaben durch mehr Daten zu senken.

Und dabei hilft die EU. Die rechtlichen Situationen beim Thema Patientendaten sind in den Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich. Mit 16 Millionen Euro fördert die Europäische Kommission dennoch momentan eine länderübergreifende, technische Plattform für Informationen wie Blutwerte, Diagnosen und so ziemlich alles, was sonst noch anfällt beim Arztbesuch, im Krankenhaus oder in der Apotheke. Für den Datenaustausch soll eine europaweite Infrastruktur geschaffen werden. Das Projekt hört auf den etwas kryptischen Namen EHR4CR (Electronic Health Records for Clinical Research) und soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Durch die zusammengeführten Daten europäischer Praxen, Kliniken und Labore soll es etwa leichter werden, Studienteilnehmer für Medikamenten-Tests zu identifizieren. Entsprechend gehören zu den Projektpartnern und privaten Geldgebern die internationale Pharmaindustrie (Roche, Merck, Novartis, Bayer) sowie einige europäische Universitäten und die Schweizer Big-Data-Firma Data Mining International. Deren CEO, der Schweizer Mathematiker Ariel Beresniak, leitet außerdem das EU-Projekt ECHOUTCOME, das mithilfe von advanced statistics and modelling“  seit 2010 die Gesundheitssysteme aller EU-Länder miteinander vergleicht.

Nicht nur in den USA , auch diesseits des Atlantiks gibt es absolut abschreckende Beispiele. Etwa der National Health Service (NHS) in Großbritannien, dessen Datenskandale den Informations-Optimismus eigentlich bremsen sollten. Davon unbeeindruckt schafft EHR4CR“  vielleicht noch in diesem Jahr (europaweite?) technische Tatsachen. Aber gerade beim Thema Gesundheit sollten sich die Dataismus-Verfechter in Zurückhaltung üben. Obwohl es Zensur wäre: Handlungen lassen sich beeinflussen, vermeiden, anpassen. Aber über unsere Gene und Krankheitsrisiken haben wir keine Verfügungsgewalt.

Rebecca Ciesielski

Rebecca hat einige Zeit in Berlin gelebt und im Bachelor Sozialwissenschaften studiert. Lebt jetzt in Leipzig und studiert im Master Informatik (ja das geht, ist aber anstrengend). Interessiert ich besonders für alles, was technisch, wissenschaftlich oder gesellschaftlich revolutionär ist, klingt oder aussieht.

Siehe auch: Foucault für Bradley Manning (Wikileaks-Skandal)

02/28/14

Snowden Überwachtes Netz

Buch zu verschenken: Bereits 60.000 Downloads von „Überwachtes Netz“

24.02.2014 Markus Beckedahl

Vergangenen Donnerstag haben wir unser Buch „Überwachtes Netz – Edward Snowden und der größte Überwachungsskandal der Geschichte“ zum freien Download online gestellt. Seitdem wurde das eBook über 60.000x heruntergeladen. 24550x wurde das Zip-File mit den beiden eBook-Formaten heruntergeladen, 36632x das PDF. Die Zahl freut uns, weil unser Ziel war, dass möglichst viele Menschen die Inhalte des Buches zum Lesen bekommen. Das spannende ist, dass diese Zahl vollkommen ohne klassische Medienberichterstattung zustande kam, lediglich durch Mundpropaganda über soziale Medien. Danke fürs Weitersagen! (von Netzpolitik.org) BUCH als PDF

08/19/13

Freiheit statt Angst – was bedeutet das eigentlich?

Freiheit Statt Angst am 11. Oktober 2008

Am 07. September werden wir in Berlin auf die Straße gehen, um gegen den Überwachungswahn zu demonstrieren. „Freiheit statt Angst!“ lautet das Motto, unter dem seit 2006 Großdemonstrationen in Berlin stattfinden. Im Rahmen der Mobilisierung, hat die Demo-Orga einen Blogwettbewerb gestartet. Ingo Kurpanek bewirbt sich mit folgendem Artikel:

Um sich der Frage zu nähern, was „Freiheit statt Angst“ bedeutet, muss zunächst einmal ganz grundsätzlich darauf eingegangen werden, wovon eigentlich die Rede ist, wenn in diesem Kontext von „Freiheit“ oder „Angst“ gesprochen wird. Der Einfachheit halber, fange ich hinten an — nämlich mit der Angst. Angst ist eine emotionale Qualität, die mit einer undifferenzierten Gefahr einhergeht. Im Gegensatz zu Furcht ist Angst nicht zielgerichtet.

Das ist ein wichtiger Unterschied, der hier sehr genau beleuchtet werden muss, um den Satz „Freiheit statt Angst“ besser verstehen zu können.

Ich bin in der Lage mich vor etwas zu fürchten. Zum Beispiel vor dem laut bellenden Hund meiner Nachbarn (hätten diese nicht nur einen kleinen Spaniel und wäre er tatsächlich laut, wäre er vermutlich wirklich zum Fürchten). Damit ist mein negativer Affekt auf ein Ziel, nämlich den Hund, gerichtet. Ich kann diesem Hund ausweichen, ihn bekämpfen oder vor ihm weglaufen. Furcht macht zielgerichtete Gegenmaßnahmen möglich.

Andererseits kann ich Angst in der Dunkelheit haben (nicht aber Furcht vor der Dunkelheit, gleichwohl es mir möglich wäre, sie mit einer Taschenlampe zu bekämpfen). Meine Angst in der Dunkelheit ist unbestimmt. Sie bezieht sich auf nichts Bestimmtes, sondern auf viele Möglichkeiten, die sich im Bereich der Dunkelheit bewegen könnten. Vielleicht lauern dort ja Monster? Verbrecher? Ein Loch im Boden, in das ich stürzen könnte, weil ich es nicht sehe? „Aber Moment, dann fürchtest du dich ja doch! Nämlich vor Monstern, Verbrechern oder Löchern im Boden!“ Das stimmt. Es zeigt aber auch: Angst ist ein undifferenziertes Gefühl, das mit einer nicht genau bestimmbaren aber immerhin möglichen Gefahr einhergeht.

Gegen solche Monster hilft auch keine Totalüberwachung

Der letzte Satz macht deutlich: Sowohl Furcht als auch Angst haben als Bezungspunkte eine Gefahr. Er macht ebenso deutlich: Angst haben ist von der Empfindungsqualität her deutlich schlimmer als sich vor etwas zu fürchten. Denn eine Person, die sich vor etwas fürchtet, kann gegen diese Gefahrenquelle aktiv werden. Sie kann die Gefahr bekämpfen oder sich vor ihr in Sicherheit bringen. Eine Person die Angst hat, hat diese Möglichkeit nicht. Sie ist ihr hilflos ausgeliefert, weil es keinen festen Bezugspunkt gibt, gegen den sie sich richten oder vor dem sie sich in Sicherheit bringen kann. Angst hat hier eine lähmende Wirkung. In der Dunkelheit würde ich nicht weglaufen, denn ich könnte in Löcher fallen — und gegen die unbekannten Monster Schattenboxen ist zwar eine Option — aber eine, die im Grunde nur eine Panikreaktion und damit reine Energieverschwendung wäre. Wenn Angst sich zu dieser kopflosen Panik aufgeschaukelt hat, kann sie schnell noch unkontrollierbarer und noch schwerer zu beherrschen sein, als sie es inhärent ohnehin schon ist.

Kommen wir zum zweiten Teil, der Freiheit. Auch hier ist wohl eine Gefühlsqualität gemeint (denn sonst könnten Freiheit und Angst hier nicht als Gegensatzpaar mit „statt“ verbunden sein). Hier ist nun die Frage: Wie fühlt sich Freiheit eigentlich an? Ist es einfach nur „das fehlen von Angst“? Nein, ich denke, das wäre zu kurz gegriffen. Das Gefühl der Freiheit lässt sich vermutlich am ehesten mit einem anderen Gefühl beschreiben: Unbeschwertheit. Dabei kann es keine absolute Freiheit geben, sondern nur eine relative in Bezug auf das jeweils grundlegende System. Ich will auch diesen Satz anhand von Beispielen erklären. Ich habe die Freiheit, diese Zeilen in einem Café sitzend zu schreiben. Das System lässt aber nicht zu, dass ich einfach ohne zu bezahlen gehe. Ebenfalls kann ich nicht in den nächsten Jet steigen und losfliegen — dazu fehlen mir sowohl die Kenntnisse als auch die Qualifikation. Meiner Freiheit sind somit, relativ weite, Grenzen gesetzt.

Kommen wir vom allgemeinen zum Speziellen. Natürlich ist mit dem Satz „Freiheit statt Angst“ keine strukturbedingte Einschränkung gemeint. Vielmehr bezieht er sich auf zwei andere — systeminterne — Bereiche, nämlich „Überwachung“ und „Terrorismus“. Auch hier will ich wieder hinten anfangen, nämlich beim Terrorismus. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es mittlerweile über 120 verschiedene Definitionen von Terrorismus (mindestens eine davon von mir selbst ;-), von denen ich hier allerdings keine einzige anführen will. Vielmehr will ich auf die Wortbedeutung schauen. Denn es geht um die Verbreitung von Terror – und Terror bedeutet nichts anderes als „Angst“. Eine Person, die Terror verbreitet, hat also die Absicht anderen Menschen das oben beschriebene, undifferenzierte Gefühl von drohender Gefahr zu vermitteln, genauer, die Gefahr vor dem jederzeit drohenden Tod. Der Methode des Terrorismus ist es inhärent, dass nie genau klar wird, wann, wodurch, wer angegriffen und zu Tode kommen wird. Es ist wie mit der Dunkelheit: Es könnten jederzeit überall irgendein Monster aus dem Loch springen. Weglaufen zwecklos.

Wie wird nun dadurch aber das Gefühl von Freiheit bedroht? Nun, hier gibt es einen Zusammenhang zwischen der Information über die vielen möglichen Gefahren. Ich hätte niemals Angst im Dunkeln gehabt, hätte ich keine Horrorfilme gesehen und Gruselgeschichten gehört, in denen mir fortwährend erzählt wurde, welch schreckliche Abscheulichkeiten möglicherweise in der Dunkelheit lauern könnten. Mit Terrorismus verhält es sich ähnlich. Es passieren relativ wenig Anschläge mit relativ wenig Opfern. Durch Erdbeben und Tsunamis kommen jährlich viel mehr Menschen ums Leben als durch Terroranschläge. Und Erdbeben und Tsunamis sind mindestens genauso wenig vorhersehbar. Aber eben diese wenigen Anschläge finden eine möglichst große mediale Verbreitung und mit jedem neuen Gesetz, mit dem mehr Überwachung beschlossen wird, steigt in der Bevölkerung die Angst, dass irgendetwas, irgendwo, passieren könnte. Und zwar jederzeit. Um in der Metaphorik zu bleiben: Es ist so, als würde den Menschen immer wieder gesagt werden: „Passt auf, bald ist es Nacht. Jederzeit könnte plötzlich die Sonne untergehen. Seid auf der Hut. Denn wenn es erst einmal dunkel ist, dann kommen die Monster aus den Löchern. Und dann seid ihr alle verloren.“ Das große Problem daran: Das wird den Menschen mittags bei strahlendem Sonnenschein erzählt.

Genau in dieser Mechanik liegt das Problem. Seitens der Politik wird den Menschen nicht gesagt „Seid vorsichtig, es könnte ein Erdbeben geben. Passt auf, wenn ihr an Küsten lebt, es könnte zu einem Tsunami kommen.“ Vielmehr wird hier der psychologische Effekt ausgenutzt, dass wir Menschen vor den Dingen, die im Grunde am unwahrscheinlichsten sind, am meisten Angst haben. Statt Geld in die Verbesserung der Infrastruktur zu stecken, um die Menschen vor Erdbeben oder Tsunamis möglichst großen Schutz zu bieten (wobei hier, wie in allen Fällen, ultimativer Schutz unmöglich ist), wird vielmehr die Überwachung ausgeweitet.

Diese Überwachung erzeugt noch mehr Angst. Diesmal nicht nur vor einem möglichen Anschlag, sondern auch vor den Mitmenschen. Der Ausgangspunkt der Gefahr wird damit auf die Überwachten verlagert — so wie der Ausgangspunkt der anderen Angst in der Dunkelheit liegt. Mit anderen Worten: Ich habe keine Angst, wenn es hell ist. Und ich habe keine Angst, wenn ich allein bin. Denn die Gefahr geht von der Dunkelheit aus — und von anderen Menschen. Es ist fast so, als würde Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ Wirklichkeit: Die Hölle, das sind die anderen!

Taschenlampen für alle! Aufklärung hilft am besten gegen Angst.

Was bedeutet nun „Freiheit statt Angst“? Nicht weniger als: Hört auf, Angst voreinander zu haben! Lasst euch nicht einreden, dass unter euch Menschen lauern, die euch töten wollen! Lasst nicht zu, dass das Gefühl des freien, unbeschwerten Lebens durch ein Übermaß an Überwachung zunichtegemacht wird! Die einzige Angst, die ihr haben müsst, ist die vor der Angst selbst. Denn, wie oben beschrieben, hat Angst einen lähmenden Effekt. Und ein Mensch, ja eine ganze Gesellschaft, die vor Angst gelähmt ist, kann nicht mehr effektiv über sich selbst bestimmen. Im Gegenteil: Sie gibt sich der Fremdgesteuertheit hin, in der Hoffnung, dass „die anderen“, die keine Angst haben, ihr einen Weg aus der Angst heraus weisen können. Dabei vergessen sie aber, dass diese Angst künstlich erzeugt ist und dass diese „anderen“ keineswegs die Absicht haben, die Menschen von ihrer Angst zu befreien, sondern sie vielmehr zu kontrollieren und zu steuern. Dabei wird suggeriert, dass all die ergriffenen Maßnahmen die Sicherheit vor einem Anschlag erhöhen. Das ist ungefähr so, als würden in der Dunkelheit absichtlich alle Lichter abgeschaltet und gesagt: Wenn wir nur alle nackt rausgehen und uns von ein paar wenigen, die Taschenlampen haben, nur genau genug betrachten lassen, kann uns nichts passieren.

Dabei werden diejenigen, die angeleuchtet werden, deutlich hervorgehoben, um den Menschen noch mehr Angst zu machen.

Seid frei! Kauft euch Taschenlampen!

08/15/13

Medien-Mainstream & Netzkultur: Wikileaks – Edward Snowden

Thomas Barth

Die Netzkultur steht den Mainstreammedien heute kritisch gegenüber, von deren Aufmerksamkeit sie gleichwohl abhängig ist. Denn die klassischen Leitmedien Presse und Fernsehen machen immer noch den Kern der Öffentlichkeit aus, in welcher die politischen Debatten sich in gesellschaftliche Veränderungen umsetzen lassen – auch wenn jüngere Generationen ihnen ihrerseits zunehmend die Aufmerksamkeit entziehen. Kein Wunder, hatte doch die Medien-Industrie in Anti-Raubkopierer-Kampagnen ihre Verbraucher lange genug zu Verbrechern erklärt, statt vernünftige und faire Verfahren zu entwickeln.

WikiLeaks hatte erfolgreich den Bogen zurück zum Mainstream geschlagen, nicht zur ungetrübten Freude aller etablierten Meinungsmacher. Und wurde in Gestalt von Juian Assange dämonisiert. Mit Edward Snowden und The Intercept von Glenn Greenwald schlägt die Netzkultur jetzt zurück, bietet weniger Angriffsfläche für Personalisierung und macht es schwerer, die Inhalte zu verschweigen. Das Image der Medien leidet unter ihrer immer unkritischer werdenden Haltung gegenüber den Machthabern im eigenen Land bzw. Machtblock. Einzelne, die diese blinden Flecken aufzeigen wollten, gab es schon immer. Oft nahmen sie, von den Medien wenig beachtet, ein schlimmes Ende, wie etwa der Künstler Mark Lombardi, der westlichen Oligarchen und ihren Machtstrukturen nachging. Jeder, der mit westlichen konkurrierende Machteliten angreift, ist sich dagegen der medialen Aufmerksamkeit gewiss. Aber diese Einseitigkeit genügt offenbar nicht, unsere Journalisten verstehen sich immer öfter auch als Wadenbeißer im Dienste westlicher Herrschaftseliten, die über deren Kritiker hemmungslos herfallen.

Wie WikiLeaks zum Flop erklärt wurde

WikiLeaks gilt den Mainstream-Medien seit der ungefilterten Veröffentlichung tausender Cables als gescheitert. Doch es gibt zahlreiche offene Fragen. Etablierte Medien folgen einer vereinfachenden Erzählung, personifizieren komplexe Probleme, führen Standards an, die sie selbst kaum einhalten und brachten sich selbst gegen WikiLeaks in Stellung -selbst dann, wenn sie zuvor massiv von den Enthüllungen der Plattform profitiert hatten.

Today, 15 September 2014, WikiLeaks releases previously unseen copies of weaponised German surveillance malware used by intelligence agencies around the world to spy on journalists, political dissidents and others. Interaktion von Netzplattform und Medien bleibt problematisch

WikiLeaks ist aus der Hacker-Subkultur hervorgegangen und noch immer darin tief verwurzelt. Seit den Anfängen des Internet traten Hacker ein für freien Informationszugang aller bei vollem Schutz der Privatsphäre. Ihre natürlichen Widersacher waren die Geheimdienste, deren Job im Großen und Ganzen die umgekehrte Ausrichtung hatte. WikiLeaks bezeichnet sich in dieser Tradition auch als „Counter-Intelligence“ und „First Intelligence Agency of the People“ – als erster Geheimdienst des Volkes.

Die technologische Avantgarde der Hacker, deren ehedem esoterische Praxis der Online-Kommunikation heute die breite Masse zumindest der jüngeren Generationen erreicht hat, wurde von Anbeginn misstrauisch von den etablierten Medien beäugt. Heute ist sie selbstbewusst zur „Netzkultur“ gereift und ihr stehen neben staatlichen Institutionen auch die Medienkonzerne gegenüber, die von den neuen „Netzbürgern“ oft als „gnadenlose, gierige Content-Verwerter“ gesehen werden.

Kein Wunder, hat doch die Medien-Industrie in Anti-Raubkopierer-Kampagnen ihre Verbraucher so lange zu Verbrechern erklärt, bis sogar eine Piratenpartei in die politischen Arena stieg. Dabei sehen sich die Medien-Konzerne oft sogar als Säule der Demokratie und Pressefreiheit, vertreten aber zunehmend eigene Unternehmensinteressen. Der Antagonismus von Netzkultur und Medienindustrie schwingt unterschwellig mit, wenn etablierte Journalisten über Hackerprojekte berichten – besonders vielleicht, wenn diese – wie WikiLeaks – mit neuen Publikationsformen in die zentrale Sphäre des Nachrichtengeschäfts eindringen.

“Cablegate” und die mediale Schuldfrage

Am 1.9.2011 machte WikiLeaks, die Whistleblower-Plattform des weltberühmten Hackers Julian Assange, negative Schlagzeilen: Durch eine Sicherheitspanne wurden rund 250.000 US-Diplomaten-Depeschen aus dem WikiLeaks-Datenbestand im Internet zugänglich. Diese Depeschen sind, anders als bei vorherigen Depeschen-Publikationen, nicht redaktionell bearbeitet. Somit enthüllen sie womöglich unabsichtlich Namen von Informanten der US-Auslandsvertretungen. Die Aufregung in den Medien war groß und der Ruf von WikiLeaks, durch einen mysteriösen „Sex-Skandal“ um Assange bereits angeschlagen, drohte nachhaltig beschädigt zu werden. (Nachtrag 2022: Nils Melzer „Der Fall Assange“ stellte klar: Die Verleumdungen von Julian Assange mit einem angeblichen „Vergewaltigungsverdacht“ basierten auf einer geheimdienst-gesteuerten Justizintrige in Schweden.) Vielleicht sollten sogar Internet-Enthüllungsplattformen, die bereits als neue, den herkömmlichen Journalismus ergänzende Form der öffentlichen Aufklärung gesehen wurden, generell in Frage gestellt werden. Die Snowden-Enthüllungen und The Intercept konnten dieses mögliche Ziel jedoch unterlaufen, obgleich sie heute von den Medien tendenziell totgeschwiegen werden.

Die von Journalisten gegen die Whistleblower-Plattform und speziell Assange vorgetragenen Vorwürfe lauteten damals, WikiLeaks würde den Informantenschutz und die journalistische Ethik bzw. Sorgfalt vernachlässigen. Beide Vorwürfe erweisen sich jedoch bei genauerer Betrachtung als zumindest fragwürdig.

Was war geschehen? Bei der Weitergabe der Botschafts-Depeschen hatte WikiLeaks zunächst ein verschlüsseltes Datenpaket gepackt und dieses im Internet in Umlauf gebracht. Ziel war, die Daten auf zahlreichen verteilten Rechnern vor dem physischen Zugriff von Polizei, Militär und Geheimdiensten in Sicherheit zu bringen. Die spätere Jagd auf Assange mittels eines unter zweifelhaften Umständen zustande gekommenen Haftbefehls von Interpol zeigt, dass diese Befürchtungen nicht unbegründet waren.

Die so verschlüsselten Daten gelangten in die Hände der drei ausgewählten Presseredaktionen von „Spiegel“, New York Times und Guardian. Später übergab dann Assange den Redakteuren das geheime Passwort, so dass diese die Pakete öffnen und auswerten konnten. Soweit so gut. Doch zwei Journalisten vom Guardian publizierten 2011 auch ein Buch über die WikiLeaks-Geschichte und gaben dabei (versehentlich?) das Passwort bekannt. Sie hätten geglaubt, so später der Guardian, das Passwort sei nur zeitlich befristet gültig gewesen. Jeder Leser des Buches hatte nun die Möglichkeit, die zirkulierenden Datenpakete zu entschlüsseln und Identitäten von US-Informanten zu enthüllen.

Bei der Berichterstattung über den Vorfall ging im Folgenden vieles durcheinander. Die Tagesschau vom 1.9.2011 befragte in ihrem längeren Bericht einen ARD-Internetexperten, der kritisierte, eine Whistleblower-Plattform solle doch in der Lage sein, ihre Informanten zu schützen. In dieser ARD-Darstellung wurden also die hier betroffenen Informanten mit Whistleblowern durcheinander gebracht. Doch es geht in den Depeschen nicht um Enthüller, die öffentliche Aufklärung im Sinn haben, sondern um Zuträger der US-Administration, wie den FDP-Funktionär Metzner, der Interna aus den schwarzgelben Koalitionsverhandlungen verriet. Der Adressat für das Einklagen von Informantenschutz muss hier also nicht WikiLeaks, sondern die US-Administration sein. Es ist nebenbei bemerkt dieselbe US-Administration, die Assange zum Staatsfeind erklärte, ihm vermutlich die Konten sperren ließ, mutmaßlich seine Strafverfolgung wegen fadenscheiniger Vergewaltigungsanklagen und seine Auslieferung an die USA betrieb.

Und Bradley Manning?

Gleichwohl könnten die Depeschen fatale Folgen für Informanten haben, denn manche Zuträger der US-Botschaften müssen wohl mit bedrohlichen Konsequenzen rechnen –„in totalitären Ländern“, wie besorgte Kommentatoren der WikiLeaks-Datenpanne gern hinzufügten. Kaum einer erwähnte dabei jedoch einen Informanten von WikiLeaks selbst, der schon seit Mai 2010 leidet: Bradley Manning, der US-Soldat, der teilweise unter „harten“ Haftbedingungen in US-Militärgefängnissen gehalten wurde (Menschenrechts-Organisationen sprachen von Folter), um ein Geständnis und eine Aussage gegen Assange zu erzwingen.

Die Manning zugeschriebenen Enthüllungen brachten Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen seitens der US-Truppen ans Licht. Sie zeigten den Krieg in Irak und Afghanistan, der uns oft als hehre Friedensmission mit chirurgisch präzisen Schlägen präsentiert wurde, in seiner ganzen Breite und Grausamkeit. Hinter der offiziellen Version von Wiederaufbau und Krieg gegen den Terror erkannten manche in den WikiLeaks-Dokumenten einen zweiten Krieg: Die Strategie, innerafghanische Kontrahenten im Sinne von „teile und herrsche“ gegeneinander auszuspielen; etwa die entgegen der offiziellen Entwaffnungspolitik zugelassene Aufrüstung von Usbekenführer Dostum, der 2006 mit Warlords der Nordallianz einen Putsch gegen Karsai plante. Dies konnte zwar der US-Führung nicht gefallen, rechtfertigt aber nicht die unmenschliche Behandlung eines mutmaßlichen Whistleblowers. Ob mit Bradley Manning nicht einfach ein unbequemer junger Soldat zum Sündenbock gemacht wurde, um Enthüller von US-Geheimnissen generell einzuschüchtern, weiß bis heute niemand.

Die Darstellung von Leistungen von WikiLeaks und Assange erscheint in den Medien oft personalisiert und wenig auf politische Hintergründe ausgerichtet, so in den auf Bestsellerlisten gehandelten Büchern „Staatsfeind WikiLeaks“ und „Inside WikiLeaks“. Doch auch wo fundiertere Analysen vorgenommen werden, bleibt eine voreingenommene Haltung des etablierten Journalismus spürbar. So wird in einer Studie zum Krisenjournalismus das berühmte Video, mit dem sich WikiLeaks überhaupt erst einen Platz in den Hauptnachrichten erkämpfte, recht einsilbig beschrieben: „…ein WikiLeaks-Video, das den Angriff auf eine Gruppe von Menschen in Bagdad aus der Cockpit-Perspektive eines Kampfhelikopters zeigt. Bei dem Angriff kamen auch zwei Reuters-Journalisten ums Leben.“

Sogar den mit Bedacht von Assange gewählten Titel des Videos verschwiegen die Autoren: „Collateral Murder“, obwohl sie wenige Seiten zuvor noch von der Krisenberichterstattung gefordert hatten, „Euphemistische Wendungen wie… ‚Kollateralschäden‘… sollten durchschaut und vermieden werden.“ Assange & Co. hatten den Euphemismus nicht nur vermieden, sondern durchschaut und in seinem Zynismus entlarvt, aber dies wollten der Journalismus-Professor und sein Co-Autor wohl bei den Medien-Außenseitern von WikiLeaks nicht sehen. „Collateral Murder“ wurde gesendet und schnell vergessen, ebenso wie der Leidensweg des mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten Bradley Manning.

Wichtiger als das reale Opfer Manning, schienen den Medien in Deutschland heute offenbar die infolge der Datenpanne möglichen Opfer der Publikation von US-Depeschen zu sein. Tatsächlich könnte man hier die Vernachlässigung journalistischer Ethik und Sorgfaltspflicht anführen. Aber gegen wen? Das Gros der Medien richtet seine Anklagen gegen Assange, etwa die Tagesschau vom 1.9.2011. Sie berichtete zwar, „WikiLeaks beschuldigte einen Journalisten der britischen Zeitung Guardian“, das Passwort publiziert zu haben, ließ aber im restlichen Beitrag keinen Zweifel daran, dass man die Schuld für die Panne bei der Internet-Plattform zu suchen habe. Fazit: WikiLeaks sitzt auf der Anklagebank und beschuldigt, womöglich nur um sich selbst zu entlasten, den Guardian. Diesem Muster folgen die meisten Berichte, aber ist das wirklich eine faire Bewertung?

Wer Standards verlangt, sollte sie selbst einhalten

Journalisten forderten von WikiLeaks seit deren Erscheinen in der Öffentlichkeit Verantwortung, Ethik und journalistische Standards ein, die man übrigens in der breiten Masse des Boulevard-Journalismus vergeblich sucht. Aber was ist mit den Qualitäts-Journalisten des britischen Traditionsblattes Guardian? Sollte eine naheliegende Frage nicht lauten: Welcher Teufel hat die Buchautoren geritten, ausgerechnet das echte Passwort in ihrer Reportage zu publizieren? Ein fanatisches Streben nach Authentizität um jeden Preis? Pure Trägheit, sich eine vergleichbare Phrase auszudenken? Für den Leser hätte ein Ersatzwort das Buch sicher nicht schlechter gemacht, für US-Informanten kann diese Unachtsamkeit der Autoren jedoch fatale Folgen haben.

Der Guardian hätte es wissen müssen

Die Guardian-Schreiber hätten wissen müssen, dass die verschlüsselte Datei mit den Depeschen überall im Netz zirkuliert, und dass sie mit diesem Passwort jeder würde öffnen können. Wäre es nicht ihre journalistische Sorgfaltspflicht gewesen, die Ungefährlichkeit ihrer „Enthüllung“ mit Assange abzuklären? Stattdessen konstruieren jetzt die medialen Ankläger eine kryptologische Bringschuld von Assange, auch in der Zusammenarbeit mit der bei diesem Projekt engstens verbündeten Presse jederzeit höchstes Misstrauen einkalkulieren zu müssen.

Assange hätte die zirkulierenden Sicherungskopien mit anderen Passwörtern verschlüsseln, die Passwörter mit einer Zeitbegrenzung versehen müssen usw. lauten die im Nachhinein besserwisserisch erhobenen Forderungen. Aber hätten nicht auch die seriösen Qualitäts-Journalisten und Buchautoren des Guardian einkalkulieren müssen, dass dem um den Globus gehetzten Assange und seiner zusammengewürfelten Hackergruppe Fehler unterlaufen könnten?

Netzkultur, Whistleblower und „einsame Helden“

Bei aller Hochachtung vor den Leistungen von Julian Assange – der Hacker-Subkultur scheinen die Gefahren bewusst zu sein, die mit seiner Person und auch mit der Fixierung auf einen „einsamen Helden“ verbunden sind.  Edward Snowden hat aus der sorgfältigen Beobachtung der medialen Verarbeitung des Falles Assange gelernt und sich bewusst selbst im Hintergrund gehalten. Die Ergebnisse dieses Ansatzes geben ihm Recht: Es fiel den Medien schwerer, durch Personalisierung von den aufgedeckten Problemen abzulenken. Man diskutiert überwiegend bis heute den NSA-Skandal und nicht den Fall Snowden, dem -anders als bei Assange- auch nicht derart massive Angriffe gelten.

Die Verantwortung wird von der Netzkultur aber vor allem von der Presse eingefordert. Deren zunehmendes Einknicken vor den Interessen herrschender ökonomischer und Machteliten wird von Netizens und Hackern als Hauptargument für die Notwendigkeit von Plattformen wie WikiLeaks und The Intercept angeführt.

So steht die Netzkultur den Mainstreammedien kritisch gegenüber, von deren Aufmerksamkeit sie gleichwohl abhängig ist. Denn die klassischen Leitmedien Presse und Fernsehen machen immer noch den Kern der Öffentlichkeit aus, in welcher die politischen Debatten sich in gesellschaftliche Veränderungen umsetzen lassen – auch wenn jüngere Generationen ihnen ihrerseits zunehmend die Aufmerksamkeit entziehen. WikiLeaks hat erfolgreich den Bogen zurück zum Mainstream geschlagen, nicht zur ungetrübten Freude aller etablierten Meinungsmacher. Die Netzkultur hat mit Snowden und WikiLeaks wichtige Schritte hin zu einem Inversen Panoptikum unternommen, das die Blickrichtung im globalen Überwachungsnetz umdreht: Wir alle werden von Geheimdiensten und Unternehmen beobachtet, aber wir beobachten zunehmend ebenfalls -die Machthaber im Zentrum der panoptischen Anlage.

12/6/12

Aberglauben – Aberwissen: Medien – Kommunikation – Wissensgesellschaft

Raabe, Johannes & Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft, UVK, Konstanz 2008.

Buchkritik von Thomas Barth

Netzphilosophie und Kommunikationswissenschaft sind zweifellos Nachbardisziplinen. Kommuniziert wird immer mehr über digitale Netze, die dabei analoge Netze wie Telefon- und Funkverkehr ersetzen, wie auch sozial vernetzte materielle Medien, etwa Brief und Telegramm. Da kann die Philosophie den Empirikern hilfreich zur Seite stehen zumal sie nicht erst seit Habermas Kommunikation oft in ihre Begriffe und Theorien und Ansätze integriert -wenn nicht sogar als zentrale Instanz, wie beim genannten Erben der freudomarxistischen Frankfurter Schule. Doch die disziplinären Grenzen sind undurchlässig. Beim wälzen tiefgründiger Gedanken zur kommenden Netz- und Wissensgesellschaft interessiert sich man kaum für die hektischen Kollegen mit den Fragebögen und Statistiken, die im Tagesgeschäft der Publizistik ihre Weidegründe finden. Der vorliegende Band zur Jahrestagung der berühmten DGPuK (Deutsche Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft) vom 16.-18. Mai 2007 in Bamberg kann entsprechend Anregungen liefern.

Modewort Wissensgesellschaft

Schon in der Einleitung werfen die Herausgeber die fast blasphemische Frage auf: „Ist Wissensgesellschaft nur ein modisches, dem Zeitgeist geschuldetes Etikett? Oder gilt sie gar als akkurater Befund?“ (S.9) Die Anzahl der Beschreibungen der Gesellschaft sei exponentiell angestiegen, was in Etikettierungen resultiere, die alle für sich in Anspruch nähmen, das Typische der Gesellschaft zu kennen: Von der Dienstleistungs- über die Risiko-, Erlebnis-, Medien-, Informations- bis zur Wissenschaftsgesellschaft (der Autor dieser Rezension hat 1997 selbst ein Buch zur künftigen Informationsgesellschaft vorgelegt). Die Entscheidung für eine dieser Typisierungen sei jedoch keineswegs als prinzipielle Absage an die anderen gedacht, so die DGPuK. Die Wahl der „Wissensgesellschaft“ umreiße vielmehr nur einen naheliegenden Ausgangspunkt, um sich mit Medien und Kommunikation zu befassen. Es dominiere dabei in diesem Tagungsband die kommunikationswissenschaftliche Perspektive der Verbreitungs-Medien von der Presse bis zu Netzmedien sowie ein an Max Weber anschließender handlungstheoretischer Kommunikationsbegriff. (Vgl. ebd. f.)

Aufbau und Inhalt
Der Tagungsband gliedert die 23 Aufsätze von 35 Autoren (zusätzlich zur Einleitung der vier Herausgeber) in fünf Abschnitte: Das Kapitel „I. Wissensgesellschaft und Mediengesellschaft“ stellt grundsätzliche Überlegungen zur Genese und Charakteristik von Medien-, Wissensgesellschaft und anderen gesellschaftlichen Entwürfen an; „II. Journalistische Wissensvermittlung und –nutzung“ und „III. Wissensvermittlung und -nutzung in PR- und Organisationskommunikation“ befassen sich aus journalistischer bzw. PR-Perspektive mit Vermittlungs- und Nutzungsmustern; „IV. Mediennutzung in der Wissensgesellschaft“ untersucht Medienrezeption breiterer Publika und „V. Wissenschaft in der Wissensgesellschaft“ soll auf das Eingangskapitel zurück verweisen. Umklammert von Theorie und Wissenschaftsreflexion findet sich also die bewährte Einteilung nach Produzenten und Rezipienten, wobei erstere der praxisnahen Aufspaltung in ‚richtigen’ und PR-Journalismus folgt.
Beiden Perspektiven ist eine ökonomische Fragestellung nicht fremd, so fragen die Autoren von Kapitel II nicht nur nach politischen Frauenzeitschriften in der Kaiser- und Weimarer Zeit (Susanne Kinnebrock) sowie mit dem Netzphilosophen Michel Foucault nach Genderdifferenzen in populärwissenschaftichen Mediendiskursen (Tanja Maier), sondern geben auch Hinweise für die künftig lohnende Ausweitung von partizipativen Formaten qua Web 2.0-Technologie (Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk, Melanie Rischke).

Der Beitrag von Christian Fieseler, Christian Hoffmann und Miriam Meckel befasst sich nur noch formal mit der Arbeit von Journalisten, mit ihrer Berichterstattung über Kapitalmärkte und Unternehmen. Er zielt jedoch in Fragestellung und Ergebnis so sehr auf eine Beratung von PR-Abteilungen, dass insbesondere dieser Beitrag mit seinem Stallgeruch von Industrie-Drittmitteln eher ins folgende Kapitel zu gehören scheint. PR-typisch verschleiernd wird PR-Arbeit dabei zwar als „Kommunikationsarbeit von Organisationen“ (S.126) umschrieben, auf Kapitalmärkten finden sich aber neben Unternehmen kaum weitere Organisationen. Großartigen Karrieren in kapitalnahen Organisationen (da kommen außer Unternehmen noch deren Stiftungen, sprich: think tanks infrage sowie diesen nahen stehende politische Parteien) steht damit nichts mehr im Wege -auch im Wissenschaftsbereich nicht, denn dieser schielt zunehmend auf Drittmittel und ist immer weniger kritischem Denken zugeneigt, dafür immer mehr affirmativem Konformismus.

Wikipedia und Unternehmensnetze

In Kapitel III befragt man Unternehmensexperten nach ihrer Informationsnutzung (Britta Gossel), nach der Kommunikation mit ihren Mitarbeitern (Simone Huck, Klaus Spachmann), untersucht den Fernsehformathandel, also den Austausch von Lizenzen für TV-Formate in organisationalen Netzwerken (Katja Lantzsch, Klaus-Dieter Altmeppen, Andreas Will) und Wiki Webs, die als eine Art Wikipedia für Unternehmen wie etwa IBM vorgestellt werden, für deren Wissensmanagement sie gegenüber Datenbanken die Vorteile einfachen Zugriffs- und Rechte-Managements mit geringem Erstellungsaufwand bieten. (Vgl. S.160 f., Florian L. Mayer, Dennis Schoeneborn)

Auch Wikipedia selbst wird untersucht: bezüglich der Motivation seiner Ersteller, die nach dem positionalen Ansatz in drei Blöcke aufgeteilt werden; innerhalb der Gruppen der einfachen ‚IP’, anonyme Wiki-Schreiber, von denen nur die IP-Nummer bekannt ist, der engagierten ‚Wikipedianer’ mit Administratorenrang, die Beiträge bearbeiten oder löschen können, und der OTRS-Mitarbeiter, die zwischen beiden Gruppen vermitteln, indem sie z.B. Beschwerden von IPs über zu löschfreudige Administratoren bearbeiten. Zusammenarbeit, aber auch Konkurrenz innerhalb dieser Blöcke würde über soziale Bindekräfte die Wikipedia-Gemeinschaft zur Mitarbeit motivieren (vgl. S.173 ff., Christian Stegbauer).

Nichtkommerzielle Netze: CL-Netz
Kapitel IV. sammelt Aufsätze zur Mediennutzung und variiert dabei zunächst die alte These eines ‚digital divides’ in Informationselite und Unterhaltungsproletariat dergestalt, dass die besagte Elite sich inzwischen ebenfalls des Internets für Spaß und Freizeit bedient, soziale Distinktion sich also nicht mehr durch Abschottung, sondern durch informationelle Offenheit äußert. Dabei wurde die für die Autoren offenbar dringendste Frage verneint, ob solche digitale ‚Allesfresser’ damit ihrem sozialen Aufstieg schaden (vgl. Nicole Zillien, Michael Jäckel).

Für TV-Sendungen über das ökologische Thema der ‚Nachhaltigkeit’ wurde kein negativer Einfluss auf die Einschaltquote gefunden (vgl. C.Schwender, D.Mocigemba, S.Otto, M.Kreeb), der zukünftige Fernsehmarkt werde technologisch von der Anbieterseite bestimmt (vgl. Andreas Vlasic) und die türkische Diaspora profitiere im sozialen Zusammenhalt von SMS- wie Email-Nutzung (vgl. Andreas Hepp).

Die medienhistorische Betrachtung von Mailbox-Netzen der 80er-Jahre am Beispiel des „in seiner Blütezeit größten deutschsprachigen nichtkommerziellen Netzes“ (S.283), des CL-Netzes ins WWW des Jahres 2007 zeigte sich nach Aufschwung und Niedergang als in einer verbleibenden Nischenexistenz als professionalisiertes Peer-to-peer-Netz gesichert (vgl. Gabriele Hoofacker).

Wissenschaft in der Wissensgesellschaft
Kapitel V. zur Wissenschaft in der Wissensgesellschaft untersucht zunächst das eigene Gebiet der DGPuK und befindet für die Journalismusforschung legitimatorische Motive der Kommunikationspolitik (vgl. Maria Löblich). Eine enger werdende Kopplung der Wissenschaft mit den Medien belegt Mike S. Schäfer in drei Dimensionen des Medialisierungsprozesses (Extensivierung, Pluralisierung, Kontroversen) anhand von FAZ- und SZ-Artikeln über Gen-, Stammzell- und Neutrinoforschung. Simone Rödder analysiert dagegen fünf Formen medialisierter Wissenschaftskommunikation (Steigerung, Anpassung, Vermischung, Blockaden und Substitution) an Humangenom-Interviews und findet dabei etwa die Ersetzung von medialer Prominenz durch wissenschaftliche Reputation problematisch, konstatiert aber einen überwiegend funktionalen Umgang der Forscher mit den Medien. Jens Wollinger und Martin Emmer bestätigen die bekannte Buch- bzw. Papier-Scheu junger Studentengenerationen, ohne die allzu pessimistische Wertung eines ‚Google-copy-paste-Syndroms’ zu teilen – es sei durchaus ein Bewusstsein für die Bedeutung von Büchern und Fachpresse vorhanden, nur siege meist die Bequemlichkeit und die DGPuK sei eher aufgerufen ein eigenes attraktives Online-Angebot zu entwickeln, als die Studenten ins Gutenberg-Universum „zurückzuzerren“ (S.353). Den Verlust geistiger Tiefe beim oft nur halbwachen Scrollen über digitale Texte anstelle des „close reading“ von echten Büchern bedenken die DGPuK-Wissenschaftler leider nicht.

Mit diesem Ergebnis schließt sich der Kreis zum Eingangskapitel, in dem durch zwei Beiträge eine zunehmende Verunsicherung gegenüber der Verbindlichkeit von Wissen generell festgestellt wurde – was eine tendenziell quellenindifferent am Aufwand orientierte Wissensnutzung der Studenten mit erklären könnte. Kurt Imhof und Mark Eisenegger belegen diese Verunsicherung in einer Langzeitstudie über Wissenschaftsberichterstattung in der Schweiz seit 1945; nach Marian Adolf und Nico Stehr tragen die Medien zur Selbstbeobachtung der Gesellschaft bei und generieren auch die Einsicht, dass Wissen letztlich unsicher sei. Daniela Rohrbach untersuchte die Entwicklung der Wissensgesellschaften anhand von OECD-Statistiken und fand Deutschland mit 22% der Beschäftigten im Wissenssektor genau auf dem arithmetischen Mittel zwischen u.a. Großbritannien (29%), Schweden, Niederlande (27%), Australien, Frankreich (25%) sowie USA (20%), Spanien (19%) und Griechenland (16%) (vgl.S.94), wobei der Bereich Wissensmanagement das stärkste Wachstum zeigte; hier wurden zahlreiche Dienstleistungen der Finanzbranche einbezogen, wie Buchhaltung, Marketing, Beratung (vgl. S.92), was die britische Führung mit erklären könnte.

Aberwissen-parallel zum Aberglauben

Walter Hömberg traf die Ehre, das erste Kapitel wie offenbar auch die Tagung mit einer ‚Keynote’ zu eröffnen, und er beginnt seinen Beitrag „Wissen ist Macht?!“ mit dem Geständnis, nicht zu wissen, was man unter einer solchen ‚Keynote’ verstehen soll (vgl. S.26). An Formen des Wissens unterscheidet er wissenschaftliches, professionell-fachliches, Bildungs- und Alltagswissen sowie einen zunehmenden Bestand an „Aberwissen“ parallel zum Aberglauben, der selber nicht allen Kollegen fremd sei, so gäbe es „eine berühmte Fachkollegin, die nach dem Kriege hierzulande die empirische Sozialforschung populär gemacht hat, jedoch privat auf Nostradamus schwört.“ (S.39) Hömberg sieht in den aktuellen Studienreformen einen Niedergang der Universität vom organisierten Skeptizismus der Wissenschaft zum professionell-fachlichen Wissen (vgl. S.37), weist jedoch mit dem Philosophen (!) Friedrich Nietzsche auf die von diesem beklagte Überzeugungskraft gerade des Halbwissens hin; dieses sei „siegreicher“ als Ganzwissen, da es die Dinge einfacher kenne als sie sind (vgl. S.40).

„Aberwissen“ könnte also mit dem vom Bertelsmannkonzern zwecks Ausbeutung einer nicht nur ins Netz verlegten digitalen, sondern auch nach erzkapitalistischen US-Muster privatisierten Bildung obszönerweise auch noch „Bologna-Prozess“ getauften Machenschaften (nach Europas ältester Universität) im Trend einer degradierenden Hochschul-Entwicklung liegen. Der Widerstand gegen den zeitweise weltgrößten Medienriesen Bertelsmann war denn auch an deutschen und österreichischen Hochschulen besonders durchschlagend und konnte ein konzerngerechtes „Bezahlstudium“ erst weitgehend verhindern und dann sogar wieder zurückdrängen -was auch an glücklicherweise stümperhafter Propaganda, pardon „PR“, des CHE (Centrum für Hochschulentwicklung), einer Tarnorganisation der konzerneigenen Bertelsmann-Stiftung lag (vgl. Barth 2006).

Das Märchen von den Studenten, die selber mehrheitlich für ein Bezahlstudium votiert hätten, mochte (trotz unkritisch-nachbetender Berichte vieler nicht nur konzerneigener Medien) denn doch keiner mehr glauben (vgl. ebd.). Wenn auch erst nach der Aufdeckung, das die entsprechende „Studie“ der Bertelsmann-Stiftung, die dem CHE zuarbeiten sollte, den befragten Studierenden nur die Wahl zwischen diversen Bezahlvarianten vorgelegt hatte. Die Befragten entschieden sich (wenig überraschend) für jene Variante, die eine öffentliche Bildung für die ihr Recht auf dieselbe einfordernde Bürger am wenigsten verteuert hätte. Daraus propagandistisch eine Zustimmung der Studierenden zu Studiengebühren zu machen war mehr als nahe an einer dreisten Lüge.

Die Problematik von Konzernen, Stiftungen und think tanks und ihrem unablässigen Streben nach politischer Manipulation der Öffentlichkeit ist allerdings kein großes Thema für die DGPuK. Im Kapitalismus stehen Staatsbedienste wie Professoren eben doch zumeist auf Seiten ihres eben kapitalistischen Staates und damit auf Seite der großen Kapitaleigner. Diese werden oft im nichtwestlichen Ausland in naiv-neokolonialistischer Manier als „Oligarchen“ mit mafiösen Strukturen in eins gesetzt, sofern westlich jedoch als tüchtige Milliardäre, wenn nicht Finanzgenies gepriesen.

Raabe, Johannes & Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft, Konstanz: UVK 2008 (Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 35), 363 S., ISBN 978-3867640633, € 29,00 Euro.

Eine stark gekürzte und redigierte Fassung dieser Rezension erschien in MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, Jg. 26 (2009), Nr. 3, S. 274–277. DOI: https://doi.org/10.17192/ep2009.3.586, https://doi.org/10.17192/ep2009.3.586

Literatur

Drachme 440-420 v.Chr.

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Centaurus, Pfaffenweiler 1997.
Barth, T. (Hg.): Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik, Anders, Hamburg 2006.

08/21/12

Urheberrechts-Piraterie & Verwertungsgesellschaften

Thomas Barth · 31.07.2012

„Raubkopiere sind Verbrecher!“ -Mit dieser unerträglich verlogenen Kampagne schlugen Medienkonzerne ihre Claims in unzählige Netzmedien und DVDs und gingen uns allen auf die Nerven. Doch auch die zwischen Kreativen und Konzernen operierenden Verwertungsgesellschaften stehen in der Kritik.

In Amsterdam erlebten die Verwerter just eine juristische Schlappe. Das niederländische Äquivalent zur GEMA, die Verwerter-Agentur Buma/Stemra, wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie einem Kreativen fällige Lizenzgebühren vorenthalten hatte. Man hatte seine Komposition hinter seinem Rücken massenhaft weitergenutzt, nur durch einen Zufall kam er den Urheberrechts-Räubern auf die Schliche. Die Ironie dabei: Ausgerechnet für die Musik eines Anti-Piracy-Clips waren dem Künstler Melchior Rietveldt keine Tantiemen gezahlt worden.

Seit Jahren behauptet die Medienindustrie, sie verteidige die armen Künstler gegen verbrecherische Raubkopierer, die Piraten aus dem Internet. Dabei wurden die Medienmogule zunehmend raffinierter. Noch bei den UHR-Änderungen 2001 drohte eine Verleger-Kampagne in großen Zeitungsanzeigen mit der “Entlassung” von freien Journalisten und Künstlern. Man hätte einfach kein Geld mehr für sie, würden die Interessen der Verwerter nicht durchgesetzt. Bebildert war die tollpatschige Presse-Kampagne des Bundes Deutscher Zeitungsverleger u.a. mit Zeichnungen abgemagert aussehender Poetinnen.

Heute gehen die Verwerter weniger platt vor und ermuntern von ihnen abhängige Kreative, sich gegen die UHR-Piraten in die Öffentlichkeit zu stellen. Und welche Art von Kultur liegt dem deutschen Michel besonders am Herzen, kann also am Besten die Öffentlichkeit gegen Piraten mobilisieren? Der Krimi ist der Deutschen liebstes Genre und so werden Krimi-Autoren und Tatort-Schauspieler in die erste Reihe geschickt, für die Verwerter um Sympathien zu werben z.B. in der Aktion „Ja-zum-Urheberrecht“.

Die „Ja-zum-Urheber”-Kampagne

Ob diese Kreativen von alleine auf die Idee kamen, ob sie freiwillig, mit Vergünstigungen geködert oder mit Sanktionen bedroht für die Urheberrechte (oder wohl eher für deren Verwertung durch die gleichen Medienmogule wie bisher?) ihren provokanten Autoren-Strip „Hemd-up-for-your-rights“ inszenierten, bei dem arme, nackte Poeten einem Leichenfledderer mit Anonymous-Maske zum Opfer fallen, wissen wir nicht. Als jedoch ein paar Anonymous-Hacker mit DDoS-Attacken konterten, war die Presseempörung groß.

Der Auftritt der UHR-Kämpfer sieht allerdings für eine Bürgerinitiative sehr professionell aus und scheint auch gut finanziert zu sein. Für die große Masse der am Existenzminimum herumkrebsenden Kreativen sind sie sicher nicht repräsentativ. Die Piratenpartei setzte eine „Ja-zum-Urheber“-Kampagne dagegen:

„Die von der Piratenpartei angestrebte Reform des Urheberrechts bringt Verwertungsgesellschaften und große Verlagshäuser auf die Barrikaden. In groß angelegten Medienkampagnen setzen sie auf Fehlinformationen über die Ziele und Forderungen der PIRATEN. Erst in der vergangenen Woche sprachen sich so über 100 Medienschaffende – von denen allerdings nur wenige tatsächlich Urheber sind – im „Handelsblatt“ gegen die Reformpläne der PIRATEN aus. Dabei wurde wieder fälschlicherweise behauptet, die Piratenpartei wolle sämtliche Inhalte kostenlos über das Internet verbreiten, das Urheberrecht abschaffen und die Interessen und die Lebensgrundlage der Künstler ignorieren.“

Die Kreativen für den Anti-Piraten-Kampagnen einzuspannen, ist sicher eine besser ausgedachte PR-Masche der Verwerter, aber ihre öden Standard-Gefechte ums Copyright laufen weiter: So produziert die Kulturindustrie Jahr um Jahr ihre nervigen „Raubkopierer sind Verbrecher“-Clips und ödet jeden Kinogänger und jeden Käufer von DVDs mit ihren wahrheitswidrigen Tiraden an: Raubkopieren ist bislang keineswegs ein „Verbrechen“, auch wenn die Verwerter-Lobby das Strafmaß gern immer höher schrauben würde. Politiker springen der Industrie gern zur Seite und mahnen mehr Achtung vor der Leistung der Kreativen an.

Die Knebelverträge

Doch wie steht es mit der Moral der Verwerter selbst, wenn es um die Zahlung für kreative Leistungen geht? Wer ein Werk (ob Bild, Ton oder Text) verkauft, wird meist mit einer mageren Einmalzahlung abgespeist und muss künftig selbst hinter den multinationalen Konzernen herlaufen, um zu kontrollieren, ob und wo sein Werk erneut verwendet wird. Um selbst diese geringen Chancen der Kreativen auf Partizipation an den gigantischen Gewinnen der Konzerne noch zu unterbinden, müssen die meisten Autoren (Medien-Prominenz der „The-winner-takes-all“-Fraktion natürlich ausgenommen) Knebelverträge unterschreiben.

Hierin sichert sich der Verwerter alle Rechte für immerdar am einmal mager bezahlten Werk und, wenn es nach der Unternehmerseite geht, auch gleich an den kompletten Recherchen des Autors. Wer das nicht will, wird oft mit Boykott erpresst; wer sich dagegen öffentlich zur Wehr setzt, muss fürchten, auf einer Schwarzen Liste zu landen. Doch selbst wer Rechte hat, muss sie anscheinend erst gerichtlich durchsetzen, wie der bereits erwähnte Musiker Melchior Rietveldt.

Im Jahr 2006 hatte Rietveldt ein Musikstück für eine Anti-Piracy-Kampagne bei einem lokalen Filmfestival komponiert. Als er 2007 eine Harry-Potter-DVD kaufte, entdeckte er sein Musikstück darauf: Der Anti-Piracy-Clip war ohne seine Erlaubnis mit seiner Komposition unterlegt. Rietveldt fand sich solcherart raubkopiert auf Dutzenden von DVDs in den Niederlanden und im Ausland. Er wandte sich an die zuständige Verwerter-Agentur Buma/Stemra.

Die hatte seine Rechte zwar vertreten, aber leider versäumt, ihn für das oft verwertete Stück zu bezahlen. Rietveldt erhielt von der Buma/Stemra einen Vorschuss von 15.000 Euro mit dem Versprechen, eine Liste der anderen DVDs zu übermitteln, die seine Komposition verwenden. 2009 forderte er einen Nachschlag und bekam nach einigem Gerangel weitere 10.000 Euro.

Die von der Buma/Stemra versprochene DVD-Liste kam nie bei Rietveldt an; das Gericht in Amsterdam stellte diese Woche fest, dass seine Komposition auf mindestens 71 kommerziellen DVDs von der Medienindustrie verwendet worden war. Die Justiz entschied, dass die Buma/Stemra fahrlässig gehandelt habe. Sie verhängte eine Geldstrafe von ca. 20.000 Euro und bestätigte Forderungen des Musikers in Höhe von ca. 160.000 Euro.

Zuerst erschienen in Berliner Gazette 31.07.2012 https://berlinergazette.de/de/urheberrecht-piraterie-medienindustrie/

08/8/12

Technologie macht medial

Günther Anders Kritik und die Subversion der Cyberpunks

Autor: Thomas Barth, 2008

Cyber ist er. Aber auch punk?

Der pessimistischen Technikdeutung von Günther Anders zufolge sind wir heute nur noch Anhängsel der Technik, Rädchen im Getriebe, das uns antreibt.
Er nennt das: Wir sind „medial“;
wir sind nur noch Mittel zu einem Zweck, der uns nichts anzugehen hat. Pochte Kant mit seinem Kategorischen Imperativ noch auf das Recht auf menschliche Würde, indem man den anderen immer als Zweck, nie als bloßes Mittel sehen sollte, so läuft diese Forderung heute scheinbar ins Leere. Es ist (angeblich) kein Gegenüber mehr vorhanden, bei dem wir unser Menschenrecht einfordern könnten. Die Technik, unsere technologische Lebensweise, möchten wir nicht missen. Wenn wir so leben wollen, haben wir uns einzufügen und anzupassen, ein Rädchen im Getriebe des „Makro-Geräts“, der Megamaschine, des Luhmannschen „Systems“ zu werden, so wird von uns implizit verlangt. Explizit gelten die Menschenrechte, haben wir die Freiheit, nicht zu kooperieren, zu handeln, statt bloß mitzutun. Aber die Systeme der Technologie existieren nicht nur in der physischen Umwelt, die sie mit Bravour kontrollieren können, unsere Köper inbegriffen. Die Systeme der Technologie existieren auch in einer sozialen Umwelt, deren dominante Seite heute immer mehr die Ökonomie zu werden scheint.
Sie gehören jemandem, der sie zu seinem Nutzen arbeiten lässt, und mit ihnen auch die Menschen, die ihre Anhängsel sind.

Günther Anders gegen die Apokalypse-Blindheit

Günther Anders Sorge galt bei der Entfaltung dieser Gedanken dem drohenden Untergang der Menschheit durch einen atomaren Schlagabtausch, der Apokalypse.
Diese zu verdrängen nannte er „Apokalypse-Blindheit“ und sah in der Medialität der Zeitgenossen deren Wurzel. Diese militärische Apokalypse ist derzeit mit Auflösung der Ost-West-Blockkonfrontation in den Hintergrund getreten, obgleich noch lange nicht abgewendet. Aber andere Apokalypsen sind hinzugekommen, Umweltzerstörung, neue Seuchen (evtl. als Auswuchs des militärischen Apparates) usw. Außerdem gilt das, was auf die „Apokalypse-Blindheit“ abzielte auch für die Blindheit gegenüber der apokalyptischen Lebenssituation von Milliarden Menschen, denen das Lebensnotwendigste vorenthalten wird — obgleich die Güter und Lebensmittel bei gerechter Verteilung für alle reichen würden. Die Arbeit am eigenen Untergang mag besonders plastisches Beispiel für irrationales Handeln sein, die am Untergang anderer ist jedoch nicht vernünftiger.

Aber was von unserem Arbeiten gilt, das gilt nun — und diese Tatsache ist weniger trivial, aber nichtweniger wichtig — auch von unserem /„Handeln“; /oder sagen wir lieber: auch von unserem /„Tun“, /denn das Wort „Handeln“ und die Behauptung, wir seien „Handelnde“, hat in unseren Ohren (was als Hinweis ernst genommen werden muß) bereits den Klang einer Übertreibung angenommen, Abgesehen von einigen wenigen Sektoren läuft unser heutiges „Tun“, da es sich im Rahmen organisierter, uns nicht übersehbarer, aber für uns verbindlicher Betriebe abspielt, auf konformistisches /Mit-Tun /heraus. Der Versuch, abzuwägen, in welchem Verhältnis die Anteile von „aktiv“ und „passiv“ in diesem oder jenem „Mit-Tun“ dosiert sind, abzugrenzen, wo das Getan-Werden aufhört und das Selber-Tun anfängt, würde ebenso ergebnislos bleiben wie der, eine mit dem Maschinengange konform gehende Bedienungsarbeit in ihre aktiven und ihre nur reaktiven Komponenten zu zerlegen. Die Unterscheidung ist zweitrangig geworden, das heutige Dasein des Menschen ist zumeist weder nur „Treiben“ noch nur „Getrieben werden“; weder nur Agieren noch nur Agiert werden; vielmehr „aktiv-passiv-neutral“. Nennen wir diesen Stil unseres Daseins /„medial“. /Diese „Medialität“ herrscht überall. Nicht etwa nur in denjenigen Ländern, die Konformismus gewalttätig, sondern auch in denen, die ihn sanft erzwingen.
(Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 287)

CC-by-sa-Gnsin

Ob er auch freiwillig roboterhaft ist?

Die beobachtete Roboterhaftigkeit wird also nicht durch ein totalitäres Regime erzwungen, sie wird scheinbar freiwillig geübt. Der oder die Handelnde ist in diesem technologischen Regime ein Dissident, ein Fremdkörper, der Normalfall ist der Mittäter. Bloßes Tun, besser gesagt Mittun, ersetzt das bewusste Handeln, was eine teilweise Ausschaltung des Bewusstseins voraussetzt. Wie diese Ausschaltung vor sich geht, bleibt etwas unbestimmt. Steckt Erziehung dahinter, der alte Drill der autoritären Regime? Oder ist es die Verführung, die Verlockung, den bequemeren Weg zu gehen? Beides taucht bei Anders auf, die Verlockung durch die Massenmedien verschmilzt mit der Disziplinierung, die sich mehr auf den Körper zurück zieht.

Als Arbeitende sind die Zeitgenossen auf /Mit-Tun als solches /gedrillt. Und jene Gewissenhaftigkeit, die sie sich anstelle ihres Gewissens angeschafft haben (sich anzuschaffen, von der Epoche gezwungen wurden), kommt einem Gelöbnis gleich; dem Gelöbnis, das Ergebnis der Tätigkeit,an der sie teil nehmen, nicht vor sich, zu sehen; wenn sie nicht umhin können, es vor sich zu sehen, es nicht aufzufassen; wenn sie nicht umhin können, es aufzufassen, es nicht aufzubewahren, es zu vergessen — kurz: dem Gelöbnis, /nicht zu wissen, was sie tun. /Damit ist die Furchtbarkeit des heutigen moralischen Dilemmas bezeichnet.
(Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 291)

Drill und Gelöbnis klingt an dieser Stelle etwas nach Disziplinarkultur, doch Anders führte im Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ bereits ausführlich aus, die massenmediale Verführung funktioniert. Im Arbeitsprozess ist der Körper immer noch gefragt, soll Befehle befolgen, wie geschmiert funktionieren, sogar eigene Initiative zeigen — nur soll er nicht das Ziel hinterfragen, zu dessen Mittel er gemacht worden ist. Initiative zeigen darf er nur in vollkommener Verschmelzung mit dem technologischen Regime, dessen Funktionsprinzipien ihm als Gipfel der Rationalität gelten sollen, vor allem aber in völliger Unterwerfung unter die Belange der Eigentümer der Technologien. Ihre Existenz wird ausgeblendet wo immer möglich; wo nicht, werden ihre Belange den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt.

Sie kennen die „Verlockung zum Mittun“.

Der äußere Drill bleibt also, wenn auch in gelockerter Form, denn die stramme Erziehung wollte über den Körper ja vor allem auch den Geist disziplinieren.
Aber der innere Drill wird mehr und mehr überflüssig. Er ist ersetzt durch die Verlockung zum Mittun. Dagegen Widerstand zu leisten, scheint sinnlos, denn es gibt scheinbar kein unterdrückendes Gegenüber, nur das „System“ des technologischen Regimes. Ein Regime, das angeblich objektiven ökonomischen Gesetzen folgt, die Entscheidungen der politischen Führungspersonen alternativlos machen. Die nicht mehr wirklich handelnden Entscheidungsträgerinnen behaupten, sie könnten nur noch Mittun, wie alle anderen auch.

„Eigenverantwortung“ heißt nur noch menschliche Würde aufgeben
„Eigenverantwortung“ heißt dabei nur, noch mehr von den Ansprüchen auf menschliche Würde aufgeben zu sollen, die man an das Regime haben könnte; etwa wenn die solidarische Umlage-Rentensysteme durch individuell anzusparende kapitalbasierte Altersvorsorge ersetzt werden soll, die aber nur die Mittel dem System der Finanzmärkte preisgibt. Auch „Eigeninitiative“ soll sich im Rahmen vorauseilenden Gehorsams abspielen.

Was besagt nun diese Schilderung des medialen Menschen für unser eigentliches Thema? Für die Frage nach den Wurzeln der Apokalypse-Blindheit? Inwiefern ist das „mediale Dasein“ eine dieser Wurzeln? In der Tat ist der Zusammenhang so eng, daß jeder Einzelzug der Medialität gleich gut als Ausgangspunkt verwendet werden kann. Von jedem führt der Weg mit gleicher Direktheit zur Apokalypse – Blindheit.

1. Da der mediale Mensch „aktiv-passiv-neutral“ ist, bleibt er, trotz der ungeheuren Rolle, die Arbeiten für ihn spielt, ja gerade in actu des Arbeitens, /indolent; /er „überläßt sich“. Das heißt: er rechnet mit einem „Weitergehen“ á tout prix, mit einem Weitergehen, das er selbst nicht zu verantworten braucht.

2. Da seine Tätigkeiten niemals in einem echten Telos, auf das er „aus gewesen“, ihren Abschluß finden, sondern immer nur durch Stoppungen, die seinem Tun selbst zufällig bleiben, hat er kein echtes Verhältnis zur /Zukunft. /Während der wirklich Handelnde und Planende durch sein Handeln einen Zeitraum entwirft, also Zukunft konstituiert, tritt das Tun des „medialen Menschen“ auf der Stelle. (…)
(Günther Anders, /Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 293)

Auch sie konsumieren die Zukunft. Ob sie sie auch planen?

Die Zukunft tritt der medialen Normalbürgerin nur als das, was geschieht, gegenüber, als das, wobei sie mittun soll und auch will. Aus der Zukunft kommen neue Technologien und Moden auf sie zu, die sie haben will und nicht planen.
Die Existenz dieses medialen Normalbürgers rotiert planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren, als Tretmühle oder Luxuskarussell, je nach dem, wo er mehr gefragt ist. Seine Planung bezieht sich überwiegend auf den systemkonformen Drang, möglichst immer mehr am Konsumieren teilzunehmen. Das Regime der technologischen Systeme reklamiert Herrschaft ohne Herrschende zu verwirklichen, eine Herrschaft der Vernunft, die von Expertinnen reklamiert wird, die sich zu Technokraten aufschwingen.

Widerstand gegen das Regime wird als unvernünftig abgetan, denn das technologische System gilt als Inbegriff der so verstandenen Rationalität.
Auflehnung dagegen wird als Rückständigkeit gebrandmarkt und mit Ausgrenzung bestraft. Anpassung bedeutet dagegen freien Zugang zu allen Ressourcen, und damit Wohlstand und Freiheit. „Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert“, droht das Kollektiv der Borg. Doch ein globales Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten in der wuchernden Tele-Megalopolis.

Cyberpunks stehen auf Widerstand

Die Kultur der Cyberpunks steht auf Widerstand, sie widersetzt sich sowohl der Anpassung als auch der Ausgrenzung. Die Anpassung zu verweigern ist nicht schwer, man braucht nur der Verlockung nicht länger zu erliegen — das ist der Vorteil gegenüber totalitären Regimen. Aber alle Gewalt, die der Totalitarismus auf Formung seiner Untertanen verwendet, stehen hier zur Ausgrenzung zur Verfügung, zur Abschneidung vom Zugang zu Ressourcen. Die Erlangung von Zugang wird also zum Hauptproblem, vor allem Zugang zu Information. Dabei gilt es, den umgekehrten Zugang der Instanzen des Regimes zu den privaten Informationen des Individuums zu blockieren. Insbesondere beim widerständigen Subjekt. Der angepasst mittuende mediale Mensch wird dagegen weniger Privatsphäre benötigen und stellt heute seine Daten unbekümmert in sogenannte „soziale Netzwerke“des Web2.0. Er begreift nicht, dass ihm unüberschaubare staatliche und immer mehr privatwirtschaftliche ökonomische Konglomerate gegenüberstehen.

Kybernetiker nach der ursprünglichen Wortbedeutung. Das Wort „Cyber“ geht auf das altgriechische Wort für Steuerung (κυβέρνησις kybérnesis) zurück.

Die Szene der Cyberpunks, entsprungen aus einem Subgenre der SF, entwickelte sich seit den 80er Jahren und definierte sich über die Kombination von High Tech und Low Life (den Punk des urbanen Underground). In der Hackersubkultur der 80er und 90er fanden sich ihre Fans zusammen. Die Szene (falls man davon überhaupt sprechen kann) wird von Soziologen so beschrieben:

Ein Cyberpunk steht den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sehr positiv gegenüber, gleichzeitig hat er aber ein kritisch-politisches Bewusstsein in Bezug auf deren gesellschaftliche Verwendung entwickelt. Er sieht sich riesigen Korporationen gegenüber, die immer mehr an Stelle von Nationalstaaten treten.
(Winter, Rainer: Medien und Fans — Zur Konstellation von Fan-Kulturen, in:Kursbuch Jugendkultur. Stile, Szenen, Identitäten vor der Jahrtausendwende,Mannheim 1997, S. 40-53, S.48.)

Die von Cyberpunks, die hier mit Hackern und Haecksen im besten Sinne gleichgesetzt werden, entfaltete Kultur erobert die Netzmedien von den Konzernen zurück, wie sie zuerst von Militärs und staatlichen Telekommunikationsbehörden erobert werden mussten. Ihre Verknüpfung von Datenschutz für die Privatsphäre mit der Forderung nach Informationsfreiheit, freiem Zugang zu den Datenbanken (Lyotard) und Transparenz der Mächtigen lässt sich im Utopiemodell des Inversen Panoptikums beschreiben. Panoptismus (Foucault) beschreibt die Disziplinierung unserer westlichen Gesellschaften durch das Prinzip: Wenige unsichtbare Mächtige sehen viele Machtunterworfene und kontrollieren sie so. Invertiert ergibt sich die Forderung nach Umkehrung dieser Blickrichtung und der zumindest teilweisen Unsichtbarkeit für die Vielen.

Diese Forderung könnte ein Gegengewicht schaffen gegen die sonst ausufernde Macht des kontrollierenden Zentrums der Macht, dem aus den Informationstechnologien sonst immer größere und nicht mehr demokratisch kontrollierbare Macht zuwachsen würde.

07/1/12

Heiner Hastedt: Aufklärung & Technik

Heiner Hastedt: Aufklärung und Technik. Grundprobleme einer Ethik der Technik. Suhrkamp, Frankfurt 1991.

Rezension von Thomas Barth

Der Philosoph Heiner Hastedt sucht in seiner Habilitationsschrift einen nüchternen Weg zu einer aufklärerischen Ethik der Technik, einen Weg zwischen den Wunschträumen eines technokratischen Schlaraffenlandes und dem Pessimismus der Neuen Ethik (Hans Jonas). Dabei will er die „geistesgeschichtliche Klammer zwischen Aufklärung und Technikoptimismus zu lösen“, die ihm in zwei gegensätzlichen Modellen von Aufklärung verwirklicht erscheint: Das Identitätsmodell weist der Aufklärung in der mit ihr identifizierten instrumentellen Vernunft die Schuld an der Misere der Moderne zu und neigt zum Rückgriff auf vormoderne Wertstrukturen; das Überholungsmodell des Technokratismus hält die Ziele der Aufklärung für nunmehr nur noch technische Probleme und möchte sie am liebsten den Ingenieuren überlassen. Gegen beides wendet sich Hastedt und möchte mit seinem Reflexionsmodell von Aufklärung die autonom gewordene Technik wieder der Autonomie des Menschen unterordnen. Kern seines Ansatzes ist die Verknüpfung philosophischer Ethik mit Technikfolgen-Abschätzung (TA) bzw. -Forschung.

New Age und Prinzip Verantwortung?

Die Vertreter des Identitätsmodells glauben in der aufklärungskritischen Tradition der Frankfurter Schule zu stehen (S.155). In der populistischen Variante dieser (falsch verstandenen) Aufklärungs-Kritik, dem „New Age”-Denken z.B. Fritjof Capras (die Hastedt „…nur wegen ihrer großen Verbreitung erwähnt, nicht wegen ihrer sachlichen Diskussionswürdigkeit”), verfallen sie dem einfachen subjektivistischen Irrtum, „…das in der Änderung der privaten Gesinnung automatisch eine Lösung auch der Weltprobleme ..” liege (S.159). Ein -nicht ganz so kurzer- Fehlschluß ist in der ökologischen Neuen Ethik zu sehen, wie an Hans Jonas‘ ”Prinzip Verantwortung” verdeutlicht wird. Hastedt merkt an, „…daß die Popularität von Jonas‘ naturalistischer Position geringer wäre, wenn seine hinter dem wichtigen Titel stehenden Inhalte genauer bekannt geworden wären”. Zu kritisieren sei die teleologische Einordnung des Menschen in die Natur mit der ihr folgenden „Naturalisierung und Objektivierung der Werte”, welche durch das Eingeständnis des naturalistischen Fehlschlusses nicht richtiger werde (S.170). Die postulierte „Heuristik der Furcht” erscheine als apokalyptische Umkehrung der Fortschrittseuphorie und erlaube allenfalls eine rudimentäre (Grenzfragen-) TA, nicht jedoch Technikgestaltung (S.172). Die normativistische Kurzschlüssigkeit neige zum Vernachlässigen der Einzelprobleme und zum adressatlosen Moralisieren -was zu ihrer Beliebtheit unter potentiellen Adressaten beitragen mag-, wenn nicht gar „zur Verharmlosung einer Ökodiktatur” (S.176).

Schlimmer noch bewertet Hastedt die Romantisierung ritueller Tötungspraxis bei Naturvölkern durch den Kleriker Drewermann, der aus Hastedts Sicht endgültig auf anti-humanistische Abwege gerät; aber selbst der „Eurotaoismus” Peter Sloterdijks untergrabe -möge man auch seiner Metapher von der „Mobilmachung” für die gegenwärtige Lage zustimmen- die institutionellen und normativen Errungenschaften der Aufklärung, gefährde letztlich die individuelle Autonomie und Freiheit (S.165). Alles in allem bleiben die Utopien einer „naturgemäßen” Technik undeutlich und der normative Naturalismus ignoriert den Einwand, „…daß die Orientierung an der Natur selbst wiederum nicht ´natürlich´, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen und kulturellen Auffassung ist.” (S.157) Leider versäumt Hastedt in seiner Kritik zu erklären, wie denn richtig verstandene Aufklärungs-Kritik in eine Diskussion der Technikentwicklung einzubeziehen sein könnte. Die diskursive Fassung seiner Ethik erlaubt aber sehr wohl, in den Diskurs auch kritische Positionen einzubeziehen, macht es sogar notwendig.

Das Überholungsmodell von Aufklärung und Technik

Einen ganz anderen Fehlschluß konstatiert Hastedt bei den Vertretern eines Überholungsmodells von Aufklärung und Technik. Ihr epistemologischer Naturalismus versuche, die „…menschliche Gesellschaft, Kultur und Psyche mit den Denkmitteln der Naturwissenschaft zu erklären…”(S.151). Zum Teil handelt es sich dabei um Naturwissenschaftler, die „…nach ihrer Pensionierung auch etwas zu den Problemen der Welt sagen wollen.”(S.184) Ihr Ruf als Spezialwissenschaftler und ihre einfachen Modelle bringen ihnen -auch angesichts der zu komplexen Sozialwissenschaften- die Aufmerksamkeit des Publikums ein. Obschon gesellschaftstheoretisch naiv, füllen sie so ein Vakuum, welches „…die mangelnde öffentliche Berücksichtigung der Sozialwissenschaften hinterläßt.”(S.186)

Eine Affinität zu derartigen Fehlschlüssen besteht aber auch in Kreisen der konservativen Soziologie. Schleichend wandelt sich dort die Analyse der Technisierung zum Technokratismus: „Aus der Diagnose eines Trends wird dann ohne Ausweis der normativen Anteile unversehens das Rezept…” für eine technokratische Handhabung der Gesellschaft (S.190). So etwa beim Alt-Technokraten Schelsky in der naiven Forderung nach rationaler Herrschaft im Sinne eines Managements interesseloser Sachgesetzlichkeiten. Oder auch bei seinem Schüler NiklasLuhmann und dessen Gesellschaftstheorie „…die sich in Ihrer Geschmeidigkeit allerdings auf einem ungleich höheren theoretischem Niveau bewegt als der ältere Technokratismus.”(S.192) Ihr epistemologischer Naturalismus zeige sich vor allem im aus der Biologie importierten Hauptbegriff der Autopoiesis.

Im systemtheoretischen Versuch, die Selbstthematisierung der Thematisierungsweisen im Begriff der Selbstreferentialität wissenschaftlich und technokratisch einzuholen, sieht Hastedt vor allem eine implizite Handlungsentlastung des Theoretikers. Luhmanns technokratischer Verzicht auf den Subjektbegriff übernehme lediglich die philosophische Kritik am einsamen Subjekt der neuzeitlichen Bewußtseinsphilosophie, „…die heute keineswegs mehr als Grundlage für den Reflexions- und Handlungsbegriff genommen werden muß.”(S.194)

Darüber hinaus ergebe sich aus einer gesellschaftstheoretischen Verabschiedung des Subjekts auch kein Grund für die Subjekte selbst, sich in ihren Institutionen nicht für die Realisierung ihrer Reflexionseinsichten einzusetzen -wie Luhmanns Polemik der Gesellschaftskritik nahelegt. Der abstrakte “Flug” über der “geschlossenen Wolkendecke” (Luhmann) fällt somit als systematische Großtheorie wenig überzeugend aus und hinterläßt den Eindruck einer Rechtfertigung für entverantwortlichte Geisteswissenschaftler, so Hastedt.

Die Schrumpfvarianten des Technokratismus

Das Harmoniebedürfnis richtet sich also, laut Hastedt, in der zweiten Variante des Naturalismus nicht auf die Natur, sondern auf die Naturwissenschaft bzw. den industriell-technisch-wissenschaftlichen (Erkenntnis-)Komplex. Eine angesichts der Krisensituation verständliche, aber wenig hilfreiche Reaktion. Übrig bleiben nach dieser Kritik die beiden „Schrumpfvarianten” des Technokratismus, die (1.) naturwissenschaftliche Prinzipien immerhin noch auf technologische Entwicklungen anwenden wollen oder (2.) wenigstens für eine ethische Neutralität der Technik plädieren.

Die erste übersieht jedoch die Ergebnisse zur sozialen Bedingtheit von Technologie, in der zweiten zeige sich nicht viel mehr als die „…bewußte oder unbewußte Zielsetzung einer Neutralisierung der ethischen Verantwortlichkeit für die Technologieentwicklung überhaupt.”(S.200) Dem adressatlosen Moralisieren bzw. technokratischen Entmoralisieren will Hastedt dagegen die Verantwortung des Menschen sowohl für den gesellschaftlich-technischen Gesamtkomplex wie für die zum kulturellen Projekt gewordene Natur entgegensetzen.

Das Projekt der Aufklärung darf sich in laut Hastedt im Reflexionsmodell weder auf eine pauschale Zustimmung zum technischen Fortschritt noch auf seine pauschale Ablehnung festlegen lassen. Erst wenn wir differenziert klären, in welcher Welt mit welchen Technologien wir leben können und wollen, wird entscheidbar, ob und wie eine bestimmte Technologie wünschenswert ist. Die zunehmende Komplexität der Probleme bringe es mit sich, dass „…gleichzeitig mehr empirisches Wissen und mehr normative Orientierung gefordert…” sei (S.105).

Die von Hastedt vorgeschlagene “inklusive” Methode soll daher nicht “…anstatt einer empirischen Technologiefolgenabschätzung betrieben werden (…), sondern unter Zuhilfenahme und in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Technologiefolgenabschätzung.”(S.106) Hastedt legt Wert darauf, seine Ethik als „anwendungsorientiert” von der „Praxisorientierung” anderer Ansätze abzugrenzen, da diese sich oft in einer Theorieorientierung an Hegel und Marx erschöpft habe. Trotzdem betont die Ethik Hastedts “bei ihrer Gradwanderung zwischen Grundsatzreflexion und Anwendung im Zweifelsfall die Seite der philosophischen Grundsatzreflexion” da die im Alltag meist angewandte Verkürzung von Problemen nicht von der Philosophie verdoppelt zu werden braucht (S.63). Andererseits gelte es aber auch, den “ideologischen Bedarf” nach Ethik nicht unreflektiert zu befriedigen, wie er aus Gründen der Abschiebung von Verantwortung oder im Rahmen einer Marketing-Strategie entstehe (S.61).

Eine anwendungsorientierte Ethik der Technik

Hastedts “inklusive Methode einer anwendungsorientierten Ethik der Technik” versucht, diesen selbstgestellten Anforderungen gerecht zu werden, indem sie ein Programm der reflexiven Koppelung von ethischer Begründung und Anwendung in der TA entwirft. Markierungspunkt ist dabei Habermas, wobei die „quasi-transzendentalen Argumentationsnormen der Diskursethik” mit ihren nicht einlösbaren Versprechungen jedoch nicht mehr als die Umgrenzung prinzipieller Möglichkeiten zum Diskurs beisteuern dürfen (S.220). Kern des Programms ist die diskursive Prüfung jeweiliger Praxis der TA anhand normativ-inhaltlicher Prinzipien, womit zwischen „…dem Absolutismus der Letztbegründung und dem Relativismus…” der „Mittelweg der relativ vernünftigen Begründung” angestrebt wird (S.213).

Die fünf normativen Prinzipien (1.Vereinbar mit Grundfreiheiten; 2.Förderlich für Grundfreiheiten; 3.Förderlich für soziale Gerechtigkeit; 4.Gleiche Berücksichtigung zukünftiger Generationen; 5.Gutes Leben) ergeben mit den fünf Verträglichkeitsdimensionen ( 1.Gesundheit; 2.Gesellschaft; 3.Kultur; 4.Psyche; 5.Umwelt) die ÒSuchmatrixÓ einer anwendungsorientierten Ethik der Technik als Leitlinie der Methode (S.257). Im Prinzip Nr.5 des guten Lebens sieht Hastedt eine notwendige Erweiterung des liberalen Projektes der Moderne durch die alte anthropozentrische Ethik (S.227), da die bürgerliche Privatisierung dieser Frage den heutigen Menschen zunehmend überfordere.

Diskussion

Die bei aller proklamierten Nüchternheit doch häufig erfrischende Polemik auch bei der Diskussion großer Philosophen und Theoretiker wie Hans Jonas oder Niklas Luhmann macht den Band gut lesbar. Die dabei angestrebte Verbindung von Technologie und Philosophie unter die Federführung der Philosophen stellen zu wollen ist ein verständliches Ansinnen. Zu oft haben selbstherrliche Technokraten ethische Überlegungen gegenüber Effizienzdenken bzw. ökonomischen Motiven hintangestellt.

Punkt 5 der normativen Prinzipien des vorgelegten Programms wirft allerdings die Frage auf, wer diese neuen Grundsätzen für Ògutes Leben” festlegen sollte bzw. ob wir dies uneingeschränkt akademischen Philosophen überlassen können. Deren gutbürgerlich-saturierte Lebenswirklichkeit dürfte allzu weit vom Leben der meisten Menschen entfernt sein. Zumal in einer Gesellschaft, in der die Möglichkeiten und damit Freiheiten von Arm und Reich jedes Jahr weiter auseinander liegen.

Vielleicht sollte man Debatten um das gute Leben lieber hinter eine Arbeit an jenen Mechanismen zurückstellen, welche die Fähigkeit zu einer entsprechenden eigenständigen Suche des Individuums untergraben: Den Technikpaternalismus, der den digitalen Technologien innewohnt, weil ihre Entwickler über eine vom einzelnen Nutzer kaum einholbare Komplexität gebieten. Von den Höhen ihres Wissensvorsprungs herab meinen sie oft, uns viele Wahlmöglichkeiten diktieren zu dürfen bzw. sogar zu müssen. Hastedt gibt uns gute Argumente an die Hand, wenn wir mit den Technologen in eine Diskussion um die digitale Gestaltung der Informationsgesellschaft einsteigen wollen.

Dabei geht es auch um technologische Macht, die sich besonders in digitalisierte Kommunikation einschreibt: Als unsichtbarer Code der gesellschaftlichen Strukturen. Die völlige Abwendung von Luhmanns Systemtheorie, die solche Strukturen untersucht, erscheint dabei zu weit zu gehen. Sinnvoller wäre es, Luhmanns zur Verschleierung von Macht tendierende Systemtheorie kritisch zu erweitern, um sie durch eine kommunikationsorientierte Machttheorie zu ersetzen. Diese sollte den Machtbegriff nicht länger vernebelnd in der Kommunikation auflösen, sondern umgekehrt Machtausübung und soziale Kontrolle in Kommunikationstrukturen erhellen. An Lehrende der Informatik könnte man diese Programmatik noch durch den Rat eines Klassikers ergänzen:

„Und da es in diesem Buch um Computer geht, soll es ein Appell sein, der vor allem an diejenigen gerichtet ist, die in Computerwissenschaft unterrichten. Ich möchte, daß sie meine Behauptung aufgenommen haben, daß der Computer eine mächtige neue Metapher ist, mit der wir viele Aspekte der Welt leichter verstehen können, der jedoch ein Denken versklavt, das auf keine anderen Metaphern und wenige andere Hilfsmittel zurückgreifen kann. Der Beruf des Lehrers …ist…ehrenwert… Aber er muß… mehr als nur eine Metapher lehren…Er muß über die Beschränkungen seiner Werkzeuge ebenso sprechen wie über deren Möglichkeiten.“

Joseph Weizenbaum, Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, S.361f

Heiner Hastedt: Aufklärung und Technik. Grundprobleme einer Ethik der Technik. Frankfurt, Suhrkamp Verlag 1991, 336 S., hardcover 22,80 Euro; Taschenbuch 22,00 Euro.

Rezension erschien zuerst 1993 in PP-Aktuell (nicht digitalisiert).

05/17/12

Startschuss für die Netzphilosophie

Und wieder entsteht ein neues Blog. Hier möchten wir mit philosophischen Ansätzen die Gedanken der Netzpolitik weiterdenken. Es geht darum, Philosophinnen aufzufordern, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, sich ihm anzunehmen und unser moralisches Gerüst an die neuen Umstände anzupassen.
Dabei sind auch ausdrücklich die Alltagsphilosphen eingeladen, mit uns gemeinsam über das Netz nachzudenken.
In diesem Blog wird es sowohl Crosspostings, als auch eigene Artikel geben. Wer in den Blog-Planet aufgenommen werden möchte, möge uns Kontaktieren, wer mitschreiben möchte sowieso.

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