03/11/24

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft. Ein Erfahrungsbericht, Textem Verlag 2023

Buchkritik von Thomas Barth

Computer- und Machtnetze unserer technologischen Gesellschaften hängen am Wissenschaftssystem, dessen Anspruch auf Enthaltsamkeit in Machtfragen und neutrale Wahrheitsfindung Teil einer behaupteten Objektivität darstellen. Doch wie steht es um die internen Machtnetze im akademischen Betrieb? Und was heißt das generell für Bildung und Ausbildung der geistigen Elite? Unternehmen klagen unentwegt über den Fachkräftemangel, unsere Gesellschaft, unser Bildungssystem produziere zu wenig qualifizierten Nachwuchs. Doch straffe Hierarchien, prekäre Arbeitsbedingungen, jahrzehntelange Befristung und Machtmissbrauch im Wissenschaftsbetrieb machen die Universitäten manchmal zum Albtraum für Post-Docs. Das Beispiel einer anfangs enthusiastischen Studentin, später beinahe habilitierter Privatdozentin dokumentiert Karrierewahn, bis zu Hass und Sabotage gesteigertes Konkurrenzverhalten, Mobbing durch konspirierende Kolleg:innen, bürokratische Leitungen und selbstherrliche Professor:innen. Die Wissenschaft wird hinsichtlich ihrer menschenfeindlichen Organisation, aber auch ihrer generellen Achtlosigkeit gegen Mensch, Natur und Umwelt einer scharfen Kritik unterzogen.

Die Autorin legt in 22 Kapiteln ihre Erfahrungen und ihre Kritik vor, die Kapitelüberschriften zeichnen ihre akademische Karriere nach: Biologiestudium. Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft: Die goldene Zeit. Vom Promovieren und Projektbeantragen; Das ungrüne Pflanzeninstitut mit dem Drogenhersteller. Labortechnik, Chaos, Rechtlosigkeit; Das Institut des Monsterprofessors. Kalbshirne und Drangsalierungen; Ein kurzes Aufflammen guter wissenschaftlicher Arbeit; Das Institut der Professorenfreundin, der Hirsch-Index, die Gutachter und das Publizieren; Das Institut, das mir einen glorreichen Beginn und ein schreckliches Ende bescherte; Geräteherrscherinnen und Gerätefieber; Von Sprühnadeln und Polaritätswechseln: Der Themenklau; Der Folgeantrag und das Intermezzo mit der Haushaltsstelle. Anspannungs- und Angstzustände, Arbeitsschutz und Großgeräte; Wie ich die Gunst meines Habil-Papas verlor. Was ist eigenständige Forschungstätigkeit, Co-Autor*innen und die Huldigung ranghöherer Wissenschaftler*innen; Ich rette mich von der Haushaltsstelle auf die nächste Projektstelle. Erpressungsversuche, Arbeitszeitregelung, Fehltage, Dienstreisen, Atembeschwerden; Explosion geballter negativer Energie. Drohbriefe, Diffamierungen, Mobbing; Einzelzimmer; Das verspätete Habil-Gutachten, Flucht aus dem System; Coda. Was übrig bleibt; Ökologische Aspekte naturwissenschaftlicher Forschungsarbeit. Hochleistungstechniken, Stromverbrauch, Gifte; Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und die Industrie; »Wagnis Wissenschaft«; Die zwingend erforderliche Arbeitswut und der Reproduzierbarkeitswahn; Nötige Voraussetzungen für eine Karriere im Wissenschaftssystem; Die arbeitslose Wissenschaftlerin. Rückkehr zur Naturverbundenheit; Literaturverzeichnis.

Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft

Schon das erste Kapitel „Das Biologiestudium. Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft” zeigt grundsätzliche Kritik der Autorin an methodischer Entfremdung, am Umgang mit der Natur und ethische Bedenken hinsichtlich des Tierschutzes: Ein wichtiger Grund für ihre Spezialisierung auf Botanik. Die digital entfremdete Wissenschaft verbrauchte 2012 Jahr allein im Freistaat Sachsen 73.000 Tiere für wissenschaftliche Zwecke. Schon im zoologischen Grundpraktikum des Biologie-Grundstudiums würden Ratten und Frösche getötet und, zum Zwecke des Studiums ihrer Eingeweide, zerstückelt, oder „um an einem herausgerissenen Beinchen elektrisch ausgelöste Zuckungen zu beobachten” (S. 11).

Eine technisierte Naturwissenschaft entferne sich von der Natur und preise sie zugleich als ihr Untersuchungsobjekt. Die von ihr zu lösenden Probleme seien auch Folge unserer industrialisierten Lebensweise: „Erst verdrecken wir die Natur und dann wühlen wir im eigenverschuldeten Dreck herum, um diesen genauestens zu charakterisieren und uns viel darauf einzubilden, wie großartig wir dazu in der Lage sind.” (S. 14) Im nächsten Kapitel folgt die „Goldene Zeit” ihrer Doktorarbeit, in der sich das -bis auf den Tierschutz- glückliche Studium fortsetzte. Die „Technomanie” strahlte zwar in „aseptischem Glanz” (S. 18), aber die Forschung an der Wirkung von Arsen auf das Pflanzenwachstum in verseuchten Böden war auch eine sinnvolle Tätigkeit. Danach als Post-Doc begann das institutionelle Elend: Die Jagd auf immer nur ein bis zwei Jahre befristete Stellen, bis man „schließlich aus dem System entsorgt” wird (S. 21) in einer oft unangenehmen Laborwelt.

Kapitel Drei „Das Institut des Monsterprofessors. Kalbshirne und Drangsalierungen“ beschreibt einen anscheinend psychopathischen Professor als Vorgesetzten, der die Autorin durch fortgesetztes Mobbing in die Krankmeldung treibt. Selber fachlich unfähig, verlangt er von seinen Untergebenen höchsten Einsatz und die Kompetenzen, die ihm selbst fehlen. Demütigende Kritik, unfaire, herabwürdigende Beurteilungen und aggressive Beschimpfungen sind sein Kommunikationsstil, der die Autorin zuerst in widerständige Opposition und dann, auch mangels solidarischer Kolleg:innen, in eine psychische Krise treibt. Zuvor hatte sie bei diversen Institutionen und Personen um Hilfe nachgesucht: Der Ombudsmann für wissenschaftliches Fehlverhalten riet zu mehr Freizeit mit den Kollegen, die sich am Mobbing jedoch teils begeistert beteiligten. Die Frauenbeauftragte, eine Chemieprofessorin, erzählte ihr zum Trost von der eigenen, gescheiterten Ehe „und wie auch sie unter den Männern leiden musste“. „Die Gleichstellungsdame der Fakultät ermahnte mich, die geschilderten Zustände bloß nicht weiterzuerzählen.“ (S. 39)

Mikrophysik akademischer Macht

Doch es kommt noch schlimmer: Ein glücklich ergattertes Habil-Stipendium der DFG führt ins Dilemma der Mikrophysik akademischer Macht. Zunächst geht es um den kleinlichen Kampf um Zugang zu teuren Laborgeräten; eine Kollegin nennt die Autorin die „Geräteherrscherin”, weil sie den Zugang kontrolliert und willkürlich verweigert. Dann um die Jagd nach Publikationen, die den eigenen „1Hirsch-Index” hochtreiben, einen bibliometrischen Wert aus Anzahl der Artikel und Impact-Faktor der betreffenden Fachzeitschrift (S. 52). Schließlich um die Nennung ihres “Habil-Papa” genannten Professors bei ihren Fachpublikationen. Das Mobbing am Institut läuft über Gerüchteverbreitung, Beschwerdebriefe an Vorgesetzte, Verleumdungen, Beleidigungen bis hin zu einem anonymen Drohbrief, der sogar die Polizei beschäftigt. Die Forschungsarbeit leidet wie auch die Nerven der Biologin, die am Ende trotz genug Lehre und Forschung, ausgewiesen durch zahlreiche Fachartikel, sowie bester Bewertung durch zwei externe Professoren von ihrem eigenen Habil-Betreuer um die Karriere gebracht wird.

Ihr Fazit ist erschreckend: Das Wissenschaftssystem sei durch steile Hierarchien geprägt, weshalb für eine erfolgreiche Wissenschaftslaufbahn (für Naturwissenschaftler:innen) folgende Eigenschaften als förderlich zu notieren wären: schwere Computersucht; Fähigkeit zum Denken in starren Mustern und Bahnen; gedankenlose Verantwortungslosigkeit gegenüber Natur und Mitmenschen; Bereitschaft zur kritiklosen Affirmation des naturentfremdeten, naturzerstörenden wissenschaftlichen Systems; Fähigkeit zum Übersehen und Wegerklären von Forschungsergebnissen, die nicht ins derzeitige Wissenschaftsmodell hineinpassen; ausgeprägtes Konkurrenzdenken, das sich bis zum Kolleg*innenhass steigert; uneingeschränktes Untertanentum hinsichtlich des Umgangs mit Professoren und Arbeitsgruppenleitern sowie bedingungslose Unterordnung unter ihre Anweisungen; freiwilliges unwidersprochenes Übernehmen unentgeltlicher Aufgaben; widerspruchslose Akzeptanz vollkommener Recht-, Perspektiv- und Bedeutungslosigkeit der eigenen Person; Erdulden völliger Nichtigkeit der eigenen Ausbildung, Qualifikation und Arbeitsleistung (S. 148 f.).

Diskussion

Anne Christine Schmidt hat in ihrer mutigen Beschreibung aus einem Nähkästchen geplaudert, über das Wissenschaftler gewöhnlich den Mantel des Schweigens breiten. Man glaubt beinahe, es mit einer absonderlichen Sekte zu tun zu haben, die von ihren Jüngern totale Unterwerfung erwartet und ihnen eine Gehirnwäsche zuteil werden lässt. Dabei geht es um gesellschaftliche Privilegien, reiche Pfründe und großes öffentliches Ansehen, für das mit unfairen Mitteln gekämpft wird. Beispiel Publikation: Professoren, Laborleiter usw. erwarten sehr oft bei Fachartikeln als Autoren genannt zu werden, ohne echte Mitarbeit, nur für ein „Korrekturlesen”. So kommen absurd lange Publikationslisten zustande, die nicht auf wissenschaftliche Kompetenz oder Forscherfleiß verweisen, sondern auf skrupellosen Machtmissbrauch.

Bei der DFG hatten einige Begutachter dieses Problem des Machtmissbrauch zwecks wissenschaftlich-publizistischen Schmarotzertums scheinbar erkannt. Man forderte mehr „eigenständige Forschungstätigkeit” unserer Habilitandin dergestalt, dass sie ihrem Professor nicht mehr diese übliche Huldigung ranghöherer Wissenschaftler*innen zuteil werden lassen solle. Im Kapitel „Wie ich die Gunst meines Habil-Papas verlor” beschreibt sie, wie dieser darauf sauer reagierte und ihr das Leben zur Hölle machte. Der DFG-Gutachter hatte womöglich nicht bedacht, dass die Huldigungen mit nicht gerechtfertigten Autorschaften auf Machtmissbrauch beruhen und genau diese Macht sich nach seiner Intervention gegen den habilitierenden Nachwuchs richten würde. Die DFG ist selbst ein eher undurchsichtiger Verein, der jährlich milliardenschwere Staatsgelder an Antragsteller aus der Wissenschaft verteilt -sie ist rechtlich tatsächlich wie ein Kaninchenzüchterverein als e.V. organisiert. Anne Christine Schmidt wurde womöglich ein wohl gutgemeinter Versuch, für mehr Ehrlichkeit in der Wissenschaft zu sorgen, zum Verhängnis.

Sie hat hier gezeigt, wie die akademische Welt universitärer Forschung nicht nur die Freude am eigenen Fachgebiet, sondern an der Wissenschaft allgemein und zuletzt am eigenen Leben selbst abtöten kann. Ein von engstirniger Personal- und Einstellungspolitik geprägter Arbeitsmarkt tut ein Übriges, um hochqualifizierten Nachwuchs in Depressionen, Resignation und schließlich beruflichen Ausstieg zu treiben. „Zusammenfassung: Ich bin überqualifiziert und überspezialisiert und dadurch ungeeignet für die auf dem Arbeitsmarkt verfügbaren Arbeitsplätze.” (S. 153)

Seelisch beruhigt hätte vielleicht eine geisteswissenschaftlich fundierte Reflexion der Problematik: Die Lektüre der Biologin und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway hätte womöglich zu mehr Distanz und Überblick verhelfen können. Haraways Analyse des pariarchalen „modest man”, auf dem historisch der Objektivitätsanspruch moderner Naturwissenschaft basiert, hätte Schmidt zumindest die von ihr als „geisttötender Faktor” (S. 56) erlebte Verwendung des Passivs in Fachtexten vermutlich humorvoller und vor allem Macht- und Patriarchatskritischer erklärt als die Fachkolleg:innen in Zeitschriftenredaktionen (siehe Haraway-Rezension).

Fazit: Das kleine, sehr persönlich geschriebene Buch gibt einen intimen Einblick in die Abgründe der akademischen Wissenschaftspraxis, besonders der Labore. Es kritisiert Arbeitsklima, Abläufe und Haltung akademischer Biologen zur Natur, die Anwendung ihrer Ergebnisse in der Industrie und weiter unsere industrialisierte Lebensweise. Es richtet sich an Studierende der Naturwissenschaften, an Geisteswissenschaftler, die Naturwissenschaftler erforschen, aber auch allgemein an wissenschaftskritisch Interessierte.

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft. Ein Erfahrungsbericht. Reihe: Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden – Band 34, Textem Verlag 2023. 155 Seiten. ISBN 978-3-86485-286-2. D: 16,00 EUR.

Dr. rer. nat. Anne Christine Schmidt studierte Biologie, promovierte und ging als Post-Doc in die Forschung, wo sie neun Jahre lang für ihre Habilitation arbeitete, bevor sie durch ihren Beruf physisch und psychisch erkrankte und sich stattdessen der Arbeit als Gärtnerin widmete. Ihr Ausstieg erfolgte im Alter von 39 Jahren, nachdem ein ihr übel gesonnener Habil-Gutachter sein Gutachten offenbar im Einklang mit Universität und Institut jahrelang verschleppte und ihre Habilitierung mit allen Mitteln hintertrieb. Ihre als Albtraum erlebten Erfahrungen im Berufsfeld Wissenschaft beschrieb sie im vorliegenden Buch: „Ich arbeitete seit dem Beginn meiner Promotion wie eine Besessene an meinen Forschungen, veröffentlichte Publikation auf Publikation, kämpfte um Forschungsgelder und sprang von Stelle zu Stelle.”

12/11/23

Katharina Hoppe: Donna Haraway

Katharina Hoppe: Donna Haraway zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2022

Buchkritik von Thomas Barth

Die Ansätze der feministischen Wissens- und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway finden seit den 1980er-Jahren wachsende Resonanz. Ihr Essay A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie und prägte auch Debatten rund um Mensch und Technik. Zentrale Thesen ihres Werks sind aus kultur- und sozialwissenschaftlichen Debatten kaum mehr wegzudenken, ebenso von ihr geschaffene Begriffe und erhobene Forderungen: Haraways Kritik am patriarchalen Biologismus (nicht nur) in der Primatenforschung, ihre Epistemologie Situierten Wissens, ihre technofeministische Figur der Cyborg (1985) oder ihr jüngster Aufruf, sich mit unterschiedlichen Spezies verwandt zu machen, der als Gegenmodell zur Bewegung des Transhumanismus gelesen werden kann. Haraways Texte werden von Feminist*innen, Anthropolog*innen, in der Umweltbewegung und in künstlerischen Kontexten rezipiert. Das vorliegende Taschenbuch bietet eine systematische Einführung in Haraways Werk und zeigt theoretische Perspektiven und Grenzen auf.

Donna Haraway sei heute eine schillernde Referenz in der Theorienlandschaft, so einleitend Katharina Hoppe. Der Kern von Haraways Projekt liege darin, eine Theorie auszuarbeiten, die nicht-menschliches Anderes systematisch miteinbezieht und ihm einen politischen, epistemologischen und ethischen Stellenwert einräumt. Vor dem Hintergrund der heute immer dramatischeren Umweltprobleme, von der Klima-Katastrophe über Arten- und Waldsterben bis zur Versauerung der Ozeane, gewinne Haraway eine besondere Relevanz. Ihre Anti-Dogmatik, die Fülle der aus dieser Haltung resultierenden Zugänge zur Gegenwart und ihre originellen Begriffsvorschläge hätten sie zu einer der meistzitierten feministischen Theoretiker*innen gemacht. Allerdings gestalte sich die Rezeption ihres Werks nach wie vor selektiv, einzelne Texte wie das Cyborg-Manifest und Situiertes Wissen würden immer wieder zitiert, aber selten vertiefend ins Verhältnis mit dem Gesamtwerk gesetzt.

Bereits seit den 1980er Jahren hinterfrage Haraway anthropozentrische Denkformen, theoretisiere die Eigensinnigkeit von Natur und denke darüber nach, was es überhaupt heißt und heißen könnte, »Mensch« zu sein. Dabei rücke Haraway sozio-materielle und biologische, natürliche und kulturelle Prozesse ins Zentrum der Betrachtungen und zeige auf, dass diese sich nicht voneinander trennen lassen. Unsere Existenz sei aus post-anthropozentrischer Sicht als „biosozial“ zu begreifen und i.d.S. durchdrungen von heterogenen Anderen. Haraways Ansatz erfordere eine Öffnung der Kultur- und Sozialwissenschaften, die unhinterfragte Prämissen in Forschung und Theoriebildung produktiv irritieren könne.

Disziplinäre Grenzen wären für Haraway Konstruktionen, die unterlaufen werden können und sollten, so Hoppe. Dies spiegle sich in Haraways Biografie, die Ende der 1960er Jahre zunächst Zoologie, Philosophie und englische Literatur studierte, bevor sie in Yale zu „metaphorischen Verschiebungen in den Konzepten der Embryologie im 20. Jahrhundert“ promovierte. 1980 übernahm Haraway eine Professur an der University of California Santa Cruz im interdisziplinären Programm „History of Consciousness“, ausgewiesen für Feministische Theorie – als erste Professur mit diesem Schwerpunkt in den USA. Denken und Schreiben seien für Haraway Praktiken mit jeweils spezifischen, situierten Konsequenzen. Daher sei Wissenschaft für sie eine politische und ethische Angelegenheit, die Fragen aufwerfe: „Wie können wir die Effekte der eigenen Wissensproduktion verstehen und mit ihnen leben? Wie können wir neugierig bleiben? Wie gelingt es, Tod, Sterblichkeit und Destruktion nicht zu negieren und dennoch nicht zynisch zu werden?“ (S. 11)

Primaten, Cyborgs, Hunde, Kritter

In vier Kapiteln folgt Hoppe chronologisch jeweils einer wichtigen Figuration in Haraways Werkgeschichte, Primaten, Cyborgs, Hunde (als Companion Species) und Kritter.

  1. Primaten – Erfindet die Natur neu!
  2. Cyborgs – Cyborgs fürs weltliche Überleben!
  3. Hunde – Der Hund ist mein Ko-Pilot
  4. Kritter – Macht euch verwandt, nicht Babys!

Das erste Kapitel befasst sich mit Haraways wissenschaftstheoretischen und -historischen Thesen: Im Zentrum stehen ihre Arbeiten zur Primatologie mit der Kernfiguration des Primaten. Der Imperativ „Erfindet die Natur neu!“ verweise auf ihr werkübergreifendes Ziel, Natur in ihren historisch spezifischen Artikulationen zu analysieren. Natur sei dabei als aktiv an der Wissensproduktion und Konfiguration der Welt beteiligt zu verstehen. Neben ihrer Studie „Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science“ (1989) gehöre in diesen Zusammenhang auch ihr viel zitierter Text „Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive“ (1988), der einen feministischen Objektivitätsbegriff entwickelt. Ihre Subjekt- und Identitätskritik beziehe Haraway dabei auf Foucault und hinterfrage den vermeintlich „göttlichen“ Blick „von nirgendwo auf die Welt“ des sich für objektiv haltenden Wissenschaftlers (S. 38).

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Haraways wohl bekanntester Figuration, der Cyborg, prominent eingeführt in ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1985). Haraway greife das Bild des kybernetischen Organismus auf, um es sich feministisch anzueignen. So entstehe eine politische Theorie des notwendig heterogenen und durchlässigen Subjekts, das die zunehmend technologisierte Welt zum feministischen Thema macht. Haraway prägte auch mit ihrer sperrigen Monografie „Modest_Witness@ Second_Millenium. FemaleMan© _Meets_Onco Mouse TM. Feminism and Technoscience“ (1997) die feministische Auseinandersetzung mit Technologie und Wissenschaft. Nur ein teilweise affirmativer Blick könne „dem Glauben an besser lebbare Welten Möglichkeiten aufbrechen“ (S. 87).

Das dritte Kapitel rückt Haraways Arbeiten seit der Jahrtausendwende in den Fokus, wo sie sich zunächst den Beziehungen zwischen Menschen und Hunden bzw. der „Figuration Hund“ zuwendet. Aus der Analyse der Ko-Konstitution und Ko-Evolution von Menschen und Hunden gewinnt Haraway ihr Konzept der Gefährt*innenspezies (Companion Species). Es entwickelt die relational-ontologische Sichtweise, dass Entitäten welcher Art auch immer erst aus Beziehungen hervorgehen. Ihr Slogan „Der Hund ist mein Ko-Pilot“ verweist dabei auf eine enge Kopplung ihrer These gemeinsamen Werdens unterschiedlicher Spezies und einer Ethik, die diese Verwiesenheit aufeinander betont – im Anschluss an die Ethiken des Anderen von Emmanuel Levinas und Jacques Derrida sowie feministische Care-Ethiken.

Das vierte Kapitel greift u.a. Haraways Werk „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ (2016) mit ihrer Figuration der „Kritter“ auf, womit menschliche und mehr-als-menschliche Akteure gemeint sind. In diesen entwirft sie mit dem „Chthuluzän“ u.a. ein Gegen-Narrativ zum apokalyptischen Narrativ des „Anthropozäns“. In Form von fantastischen Erzählungen sollen speziesübergreifende Handlungsspielräume und Transformationen aufgezeigt werden. Der umstrittene Slogan „Macht euch verwandt, nicht Babys!“ verweise auf die Notwendigkeit, die speziesübergreifende Verwandtschaft, die menschliches Leben ausmacht, auch zu gestalten. Diese Strategien führe Haraway als Intervention gegen das ihr zufolge problematische Wachstum der Weltbevölkerung an, was Katharina Hoppes besondere Kritik weckt: Hinter Gesten Haraways verberge sich normativ nicht ausgewiesene Verallgemeinerung, nötig wäre dagegen: „Eine kritische Verortungsleistung, dass nicht die Zahl der Menschen >an sich< das Problem ist, sondern wie >wir< leben…“ (S. 190). Auch der normative Gehalt ihrer Thesen zur relationalen Bestimmtheit des Menschen sei „nicht immer deutlich bzw. wird er in der Rezeption… verkürzt“ (S. 191).

Diskussion

Katharina Hoppe macht deutlich, wie Haraways Kritik auf Positionen des Transhumanismus zielt, der etwa bei Nick Bostrom mit „übersteigertem Technikoptimismus“ eine Überwindung „der menschlichen Bindung an die Erde“ anstrebe (S. 127). Deren Optimierung der humanen zur transhumanen Existenz durch göttliche Macht, Unsterblichkeit und Eroberung des Universums stehe bei Haraway die Anerkennung menschlicher Verwundbarkeit und Abhängigkeit von irdischem Leben gegenüber. Hoppe verdeutlicht durch ihre Strukturierung von Haraways Werk mittels wichtiger Figurationen, dass Faktisches und Fiktives, Materielles und Diskursives bei ihr in einem konstitutiven Zusammenhang stehen. Die Figurationen können als empirische Gegenstände, als „performative Bilder“ verstanden werden, als „kondensierte Landkarten für umstrittene Welten“. Dies ist die Gegenposition zu einem naiven Realismus bzw. Biologismus, der Welt und Natur einfach als uns äußerlich voraussetzt und sie, insbesondere im Fall der Transhumanisten, diskursiv und technologisch zu unterwerfen trachtet. Figurationen sind auf dieser Ebene Verdichtungen materieller und diskursiver Praktiken, die Beziehungen konstituieren. Der Begriff der Figuration formuliert das Konstituieren, ohne dabei einen radikalen Sozialkonstruktivismus zu vertreten, der dem Sozialen oder der Sprache eine produzierende Übermacht zuschreiben würde.

Fazit: Das größtenteils gut lesbare Einführungsbuch wird dem hohen Anspruch der Junius-Reihe insofern gerecht, als es gesellschaftliche und politische Bezüge mit einer kritischen Werkschau verbindet. Hoppe überzeugt durch ihre Strukturierung von Haraways Werk entlang bedeutsamer Figuren und Figurationen. Sie zeigt, wie in Haraways Figuren Fakt und Fiktion, Materialität und Diskurs in einer Weise zusammenfließen, die marxistische, postmoderne und feministische Ansätze in kritischer wie utopischer Absicht vereinen kann und verschiedenste Geisteswissenschaften befruchtet.

Katharina Hoppe: Donna Haraway zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2022. 226 Seiten. ISBN 978-3-96060-333-7. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR

Katharina Hoppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Forschungsschwerpunkte: soziologische, politische und feministische Theorie sowie Wissenschaftsforschung und Soziologie sozialer Ungleichheit. Sie publizierte 2021 „Die Kraft der Revisionen. Epistemologie, Politik und Ethik bei Donna Haraway“ und wurde von der renommierten, 1978 als sozialistische Initiative gestarteten Junius-Einführungsreihe eingeladen, die dort kritisch begleiteten Kulturwissenschaften um eine wichtige feministische Perspektive zu erweitern. Die Niederschrift wurde vom Hamburger DFG-Kolleg „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ gefördert.

12/19/16

Sloterdijk: Transhumaner Patriarch & weiblicher Orgasmus

Heike Hartsock

Was geschieht, wenn ein gut vernetzter Patriarch, der sich durch Vortäuschen einer kritischen Haltung eine Professur für Philosophie ergatterte, im Medienbereich Fernseh-Glamour mit brüderlichen Beziehungen zu renommierten Wissenschaftsverlagen sicherte? Er schreibt natürlich ein reaktionäres Buch nach dem anderen und warum auch nicht mal einen mittelmäßigen Roman?

Im September 2016 publizierte der berühmte TV-Philosoph Peter Sloterdijk, der mit seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ Furore machte, seinen Wissenschafts-Roman „Das Schelling-Projekt“ im namhaften Suhrkamp-Verlag. Wobei Suhrkamp evtl. zunehmend Ansehen einbüßt, weil dort jeder reaktionäre Erguss als Geniestreich gefeiert und umgehen gedruckt wird, den ihr wortgewandter Star-Autor manisch hervorblubbert.

Der (autobiographische?) Schelling-Text feiert einen Protagonisten, der unter dem Namen „Peer Sloterdijk“ auftritt. Peer und seine korrupten Wissenschaftler-Freunde konzipieren per E-Mail-Austausch einen Antrag für ein Forschungsprojekt, den sie an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stellen werden, Thema ist die Evolution des weiblichen Orgasmus. Um den Antrag philosophisch erscheinen zu lassen und so die Gutachter zu täuschen, fingieren die Antragsteller einen Zusammenhang des Projekts mit der Naturphilosophie Friedrich Wilhelm Joseph Schellings. Die Gutachter durchschauen jedoch das Manöver und lehnen das Projekt ab (das ist der wahrhaft phantastische Teil: Die DFG hätte so ein Projekt vermutlich eher mit Geld überschüttet).

Metaphysik als männliches Projekt

Peter Sloterdijks „Das Schelling-Projekt“ (2022) unternimmt den Versuch, Friedrich Wilhelm Joseph Schellings Philosophie als Schlüssel zu einer „neuen Metaphysik“ zu reaktivieren. Sloterdijk liest Schelling als Denker der „absoluten Freiheit“ und der „schöpferischen Potenz“, die sich in Kunst, Mythos und spekulativer Philosophie manifestiert. Doch während Sloterdijk Schellings Werk als radikalen Bruch mit der aufklärerischen Vernunft feiert, reproduziert er selbst eine Reihe problematischer Exklusionsmechanismen, die aus feministischer Perspektive kritisch zu hinterfragen sind.

Sloterdijks „Relektüre Schellings“ bleibt in einer Tradition verhaftet, die Metaphysik und schöpferische Potenz als genuin männliche Domänen konstruiert. Schellings Philosophie, die Sloterdijk aufgreift, ist geprägt von einer romantischen Vorstellung des „Absoluten“ als einer schöpferischen, sich selbst setzenden Kraft – ein Motiv, das historisch eng mit männlichen Genie-Kulten verbunden ist. Sloterdijk übernimmt diese Perspektive unkritisch und ignoriert dabei, dass Schellings Denken (wie das vieler deutscher Idealisten) das Weibliche oft nur als „Anderes“, als passives Prinzip oder als „Natur“ kennt, das dem aktiven, schöpferischen Geist gegenübersteht.

Feministische Philosophinnen wie Luce Irigaray oder Judith Butler haben gezeigt, wie solche Dualismen (Aktiv/Passiv, Geist/Natur, Kultur/Frau) die Abwertung des Weiblichen und die Ausgrenzung von Frauen aus dem Bereich des „wahren“ Philosophierens legitimieren. Sloterdijk reproduziert diese Logik, indem er Schellings „schöpferische Freiheit“ als universelles Prinzip feiert, ohne zu fragen, wer historisch von dieser Freiheit ausgeschlossen wurde – und wer es bis heute ist.

Auffällig ist, dass Sloterdijk in seinem „Schelling-Projekt“ feministische Theorien nicht einmal als mögliche Gegenpositionen erwähnt. Während er sich ausführlich mit männlichen Denkern wie Heidegger, Nietzsche oder Hegel auseinandersetzt, fehlt jede Reflexion über die Geschlechterordnung, die Schellings (und Sloterdijks eigene) Philosophie strukturiert. Dabei hätte gerade eine feministische Lektüre Schellings aufzeigen können, wie dessen Philosophie der „absoluten Identität“ die Differenz – und damit auch die Geschlechterdifferenz – zu negieren sucht, anstatt sie als produktive Kategorie zu denken.

Feministische Philosophinnen wie Rosi Braidotti oder Donna Haraway haben gezeigt, dass eine Philosophie, die Differenz und Hybridität ernst nimmt, nicht auf die Idee einer „reinen“, schöpferischen Subjektivität zurückgreifen kann. Stattdessen müsste sie die Verwobenheit von Körpern, Technologien und sozialen Machtverhältnissen in den Blick nehmen – ein Ansatz, der in Sloterdijks Werk keine Rolle spielt.

Sloterdijks Fokus auf das „schöpferische Subjekt“ ist nicht nur geschlechterblind, sondern auch klassistisch und rassistisch konnotiert. Historisch war der Begriff des „Schöpferischen“ eng mit dem bürgerlichen, weißen, männlichen Künstlergenie verbunden – eine Figur, die Sloterdijk unkritisch glorifiziert. Feministische Kunst- und Kulturtheorien (etwa bei Griselda Pollock oder bell hooks) haben jedoch gezeigt, dass „Schöpfung“ immer auch eine Frage der Zugänge und Privilegien ist: Wer darf als schöpferisch gelten? Wer wird als „Künstler“, als „Philosoph“, als „Denker“ anerkannt – und wer nicht? Sloterdijks „Schelling-Projekt“ ignoriert diese Fragen und reproduziert damit eine Philosophie, die sich als universell gibt, aber in Wahrheit nur eine sehr spezifische (männliche, weiße, bürgerliche) Perspektive verallgemeinert.

Angriff auf Gender-Diskurse

Da Sloterdijk wenig Mühe an eine literarische Gestaltung des Textes verwandte, wurde sein Text eher als politische Stellungnahme verstanden: als Angriff auf Gender-Diskurse. Die Schriftstellerin Elke Schmitter nannte Sloterdijks Buch in ihrer Rezension für den Spiegel als anti-feministisches Pamphlet, das nur notdürftig als Roman getarnt sei (ihre bzw. die redaktionelle Überschrift: „Die Frau als Herrenwitz“).

Schon 1991 hatte Sloterdijk transhumane Züchtungsfantasien, wollte den „Altmenschen“ durch Selektion zur Strecke bringen, so Thomas Assheuer 1999. In von ihm herausgegebenen „Berichten zur Lage der Zukunft“, die in der renommierten edition Suhrkamp erschienen, wolle Sloterdijk das „alteuropäische weltanschauliche Erbe“ abräumen. Sloterdijk trat für einen „Biologismus“ ein, der „auf eine intelligente Menschheit im ganzen zielt“, aber angeblich „nicht auf eine neurobiologische Apartheid oder eine Klassenherrschaft der Intelligenzmutanten über die Altmenschen heutigen Typs“.

Dann kamen seine „Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus“ (Suhrkamp 1999). Sloterdijk will darin Heidegger materialistisch umdeuten und damit Heideggers Metaphysik eine modernere Variante des Denkens einflößen. Dann fügt er eine Idee in der Tradition Nietzsches dazu: Der Mensch habe schon immer ein Züchtungsprojekt betrieben und dies unter dem Deckmantel der Humanität verborgen. Diese inhaltlichen Details wurden damals als eine Spitze gegen die Kritische Theorie gedeutet. Sloterdijk habe seinem gehoben-bildungsbürgerlichen Suhrkamp-Publikum im Gewand der Kritischen Theorie reaktionäre politische Thesen untergejubelt: ein Plädoyer für eine positive Eugenik (im Sinne Francis Galtons). Assheuer:

„Auf welche Fundamente dieser Züchtungs-„Humanismus“ gebettet ist, führt Sloterdijks monumentales, auf drei Bände angelegtes Sphären-Projekt im Suhrkamp-Verlag vor Augen. Es lebt, an der Grenze zum Totalitären, von der Idee, in unseren postnatalen Verhältnissen müsse die pränatale Symbiose wiederhergestellt werden – die ursprüngliche Geborgenheit, das behütete Wohnen in der „Blase“, die „Klausur in der Mutter“.“

Patriarchen und ihre Mutter-Probleme! Vielleicht werden transhumane Menschenzüchter ja zukünftig in künstlichen Gebärmüttern der von Donna Haraway angekündigten Cyborg ausgetragen…

Thomas Assheuer, Das Zarathustra-Projekt: Der Philosoph Peter Sloterdijk fordert eine gentechnische Revision der Menschheit, ZEIT 1999, http://www.oocities.org/hoefig_de/LKPhilo/Jahrg11/Das_Zarathustra_Projekt.htm

10/19/12

Donna Haraways „Cyborg-Manifest“

Heike Hartsock

Donna Haraways in einer links-marxistischen Zeitschrift veröffentlichtes Essay „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie. Haraway entwirft darin das Konzept der (in der dt. Übersetzung gerne provokativ weiblich angesprochenen) Cyborg als eine hybride Figur, die die traditionellen Grenzen zwischen Mann und Maus, Mensch und Maschine, Natur und Kultur überschreitet. Das Manifest ist nicht nur eine Kritik an biologistischen Vorstellungen von Geschlecht und Identität, sondern auch ein Plädoyer für eine neue politische Imagination, die sich von binären Oppositionsmustern löst und mit den Sätzen beginnt:

„Dieses Essay versucht, einen ironischen, politischen Mythos zu entwickeln, der Feminismus, Sozialismus und Materialismus die Treue hält. Eine Treue, die vielleicht eher der Blasphemie gleichkommt als dem ehrfürchtigen Glauben an die reine Lehre oder der Identifikation.“

Die Cyborg als Metapher und politische Strategie

Haraway stellt sich hier einigen, eigentlich allen, Gruppen quer in den Weg, die sie (ironisch?) als für sie identifikationsstiftend nennt: Dem Materialismus verpasst sie eine philosophische Ohrfeige durch das Ziel, einen Mythos zu entwickeln -sehen Materialisten (ob Naturwissenschaftler, „Realisten“ oder Marxisten) sich doch als Gipfel der Entwicklung vom „Mythos zum Logos“, die nebenbei auch den Kern eines geistigen Überlegenheitsanspruchs moderner westlicher Kultur bildet. Der Sozialismus wird qua marxistischer Blasphemie gleich mit abgewatscht und ebenso durch eine Verschiebung politischer Problematisierung vom Sozialen auf das Technologische. Das betrifft auch den Feminismus, für den Technologie sogar ein erzpatriarchalisches Unternehmen ist, dem viele Frauen eher durch eine maschinenstürmerische Haltung begegnen wollen. Feministinnen setzen eher auf menschliche Werte, Gefühle und eine auch spirituelle Verehrung des (weiblichen) Körpers. In der Cyborg, einem Hybrid von Technologie und weiblichem Körper, konnten sich wohl nur wenige Feministinnen wiedererkennen.

Donna Haraway nutzt also die Cyborg als eine bewusste Provokation: Sie ist weder rein biologisch noch rein technisch, weder männlich noch weiblich, weder Subjekt noch Objekt. Diese Hybridität ermöglicht es, die natürlichen und sozialen Ordnungen zu hinterfragen, die in der westlichen Moderne als selbstverständlich gelten. Die Cyborg steht für eine Welt, in der Identitäten fluide und konstruiert sind – eine Welt, in der Technologie nicht als äußeres Werkzeug, sondern als konstitutiver Bestandteil des Menschseins verstanden wird. Haraway betont, dass die Cyborg keine Zukunftsvision ist, sondern bereits Realität und außerdem eine neue utopische Dimension eröffnet: „Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben.“ (Haraway 1985/ dt.1995, S. 72).

Kritik an Essentialismus und Universalismus

Ein zentraler Angriffspunkt des Manifests ist der Essentialismus, also die Vorstellung, dass es eine universelle, unveränderliche „Natur“ des Menschen oder der Frau gibt. Haraway lehnt solche Vorstellungen ab und argumentiert, dass Identitäten immer in spezifischen historischen, kulturellen und technologischen Kontexten entstehen. Als Biologin und Wissenschaftshistorikerin untersuchte sie, wie in der Primatologie patriarchalische Scheuklappen zur Reproduktion der bougeoisen Kleinfamilie als Sichtweise von Menschenaffen führten: In musealen Ausstellungen von Gorillagruppen wurde diese von meist männlichen Biologen unreflektiert als Naturnotwendigkeit dargestellt. Der Gegensatz von Natur und Kultur kann jedoch reflexiv überwunden werden, wenn wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung politisch und kulturell hinterfragt wird.

Die Cyborg ermöglicht es, sich von der Idee einer „reinen“ oder „natürlichen“ Identität zu verabschieden und stattdessen die Vielfalt und Kontingenz von Existenzformen anzuerkennen. „Kontingenz“, oft fälschlich als (postmodernistische?) Beliebigkeit verstanden, bedeutet eher Wählbarkeit von Alternativen, was rückblickend dann eine historische Gewordenheit von Zuständen markiert -im Gegensatz zu primitiv-materialistischen Weltsichten, die statt Entscheidungen nur Kausalketten einer gesetzmäßig ablaufenden Geschichte (marxistisch) oder evolutionärer Entwicklung (Naturwissenschaften) sehen.

Technologie als ambivalenter Raum

Haraway sieht Technologie weder als rein befreiend noch als rein unterdrückend. Das heißt keineswegs, dass Technik „neutral“ wäre, weil man „mit einem Messer ja sowohl einen Mord begehen, wie einfach nur Brot schneiden könne“. Eine solche vulgär-materialistische oder voluntaristische Sichtweise, die das Problem auf Willensentscheidungen einzelner verschiebt und ein Nachdenken über soziale, politische und kulturelle Dimensionen von Technologie verweigert, ist nicht Haraways Sache.

Vielmehr sieht sie Technologie als ambivalenten Raum, in dem Machtverhältnisse ausgehandelt und neu konfiguriert werden können. Hier zeigt sich ihre Verwurzelung in poststrukturalistischen Ansätzen vor allem von Michel Foucault, dem kurz vor Haraways Publikation des Cyborg Manifesto an HIV verstorbenen homosexuellen Ideenhistoriker am renommierten College de France. Foucault (ein „Netzphilosoph“ par excellance) beschrieb die Gesellschaft als von Machtnetzen durchzogen, deren Teil auch technische „Dispositive“ wären, die aus Dingen, Menschen und Praktiken bestehen.

Die Cyborg steht für die Möglichkeit, Technologie als Werkzeug der Emanzipation zu nutzen – etwa in der Medizin, der Kommunikation oder der politischen Organisation. Selbstredend warnt Haraway davor, Technologie als neutral zu betrachten: Sie ist immer in soziale und politische Strukturen eingebettet und kann sowohl zur Befreiung als auch zur Kontrolle beitragen. Anders als viele Feministinnen will sie jedoch nicht einfach nur zu Herrschaftszwecken missbrauchte Technologie bekämpfen, sondern sie auch im politischen Kampf gegen Machtausübung nutzbar machen. Wenn wir uns gegen die technisch aufgerüsteten Mächte von Kapitalismus und Patriarchat zur Wehr setzen wollen, sollen wir -so ihre mystifizierende Metapher- zur widerständigen Cyborg werden.

Fazit: die Cyborg als politisches Projekt

Haraways „Cyborg-Manifest“ ist mehr als ein theoretisches Konzept – es ist eine postmoderne Kritik an Grenzen und Identitäten und damit ein Aufruf, die Grenzen des Denkbaren zu erweitern und neue Formen des Zusammenlebens zu erfinden. Die Cyborg steht für eine Welt, in der Differenz nicht als Bedrohung, sondern als Ressource verstanden wird. Damit tritt sie (nicht nur patriarchalischen) Klischees von Geschlechterrollen ebenso entgegen wie kolonialen Rassismen und kulturellen Größenphantasien von westlicher Überlegenheit -und vielleicht sogar bestimmten marxistischen Gesellschaftsbildern. In einer Zeit, in der technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz, Gentechnik und elektronische Vernetzung die Grenzen des Menschseins neu verhandeln, bleibt Haraways Manifest ein zentraler Referenzpunkt für die Auseinandersetzung mit den politischen und ethischen Herausforderungen des Feminismus in einer zunehmend durch (oder vielmehr mittels) Technologien beherrschten Gesellschaft.

Donna Haraway: Ein Manifest für Cyborgs, in diesselbe: Die Neuerfindung der Natur, S.33-72, Campus, Frankfurt 1995.

Siehe auch Hoppe: Haraway zur Einführung