07/15/19

PARADISE HILLS (2019) Filmkritik

Marlene Schneider

Science Fiction mit wenig Science, aber viel feministischer Fiction. Das bildschöne Teeny-Girl Uma lebt in einer Zukunft krasser Klassenunterschiede. Sie gehört aber glücklicherweise zu den Ups, den im Luxus schwimmenden Geldadligen. Pech für sie: Die rebellische Spätpubertierende hat sich in einen „Low“ verliebt, einen Proleten, der für seinen Lebensunterhalt… arbeiten muss (igitt!). Die Lows, so erfährt man später irgendwann nebenbei, schuften zu Hungerlöhnen, vegetieren in dreckigen Slums und sterben früh. Zu Gesicht bekommt man in PARADISE HILLS von den Lows aber nur ebenso adrette wie devote Domestiken. Zwei davon erwarten die süße Uma als sie zu Beginn des Films in einer Luxus-Anstalt namens Paradise erwacht und sofort den ersten Fluchtversuch startet.

Das von „Der Herzogin“ (Milla Jovovich) geleitete Paradise Hills ist ein Zentrum für Umerziehung, wo privilegierte junge Frauen nach Vorgaben ihrer Familien standesgemäß diszipliniert werden: Die Anstaltskluft, ein Korsettkleid aus weißen Trägern und Schnallen, kombiniert viktorianische Rüschen mit Lackleder, ergänzt mit zwangsweise verpasstem Neonhaar und Manga-Make-up. Uma wird umschwärmt von schönen jungen Männern, die den Mädels höflich dienernd ihr (karges) Luxusmenü servieren und sie nur mit Samthandschuhen anpacken, um sie mit weißen Lackledergurten zur (läppisch inszenierten) Brainwash-Behandlung festzuschnallen.

Hinter märchenhaftem Dekor, Tüllkostümen und rosengeschmückten Prachtterrassen (gedreht in Barzelona) lauert natürlich am Ende (Spoiler-Alarm!) das Unheimliche. Zunächst tunkt einen PARADISE HILLS jedoch tief in die Pink-Teeny-Fantasie von Prinzen und Einhörnern, gegen die sich Uma mit ihren drei bald ebenso rebellischen Zimmergenossinnen kräftig auflehnt. Mit sanfter Gewalt und fiesen Psychotricks drangsaliert die Herzogin ihre Mädels, die aber bocken, dass die stylishen Kulissen wackeln, die Handlung logische Lücken bekommt und die diabolische Milla Jovovich ihr wahres Vampirgesicht zeigen muss. Der humoristische (aber noch nicht der blutige) Höhepunkt ist erreicht, wenn die wegen Übergewicht behandelte Chloe (Danielle Macdonald) mit dem ganzen Wumms ihrer Adipositas einen Edelschergen umhaut und einem Psycho-Frankenstein auch noch die Brille wegfliegt. Dann entdecken die zornigen Manga-Schneewittchen endlich das dunkle Geheimnis der bösen Herzogin.

Kostüme und Kulissen überzeugen, Schauspiel und Filmhandwerk sind okay. Emma Roberts als Uma hält sich dabei zwar ganz gut, muss aber noch einiges lernen, wenn sie Nicole Kidman aus den WIFES of STEPFORD eines Tages toppen will. Die Story ist jedoch mau. Man muss wohl dümmlich, weiblich, jung sein, wenn man die erste Hälfte nicht als einschläfernde, weil überlange Luxuskram-Werbung erleben will. Eine durchdachte Dystopie oder kritisches Denken, das über pubertierendes Nicht-Anpassenwollen an altbackene Frauenrollen hinausgeht, sucht man leider vergebens. Damit bleibt PARADISE HILLS fast noch hinter debilen Youth-Age-Dystopien wie THE HUNGER GAMES zurück. Wenigsten handeln die Girls solidarisch und lassen sich nicht via Schönheitswettbewerb gegeneinander aufhetzen, was den Film in den Augen seiner Macher wohl schon zu einem politischen Fanal gegen neoliberale Angepasstheit und weibliche Geschlechterrollen machen dürfte.

Die junge Filmemacherin Alice Waddington (geb. 1990 in Spanien) wurde mit süßen 16 Assistentin eines Kameramanns und machte Karriere in Fotografie, Kostümdesign und -welche Überraschung- Modefilmen für Magazine wie Harper’s Bazaar. Ab dem zarten Alter von 20 wurde sie Creative Direktrice bei den Agenturen Leo Burnett und Social Noise. Ihr erster Kurzfilm, DISCO INFERNO (2015), wurde immerhin 65mal für Preise nominiert und räumte elf Preise ab -wieviele davon durch Agenturen wie Leo Burnett oder Social Noise bzw. deren Kumpels und Kumpelinen vergeben wurden, wollen wir mal lieber nicht nachrecherchieren.

Fazit: Ein Film, der alle aus den rosa Strapsen hauen wird, die bislang nur Schminktipps auf Youtube kannten.

Kinostart in Deutschland ist der 29. August. (erschien zuerst auf filmverliebt.de)

10/13/15

Der Staat gegen Fritz Bauer

Filmkritik von Thomas Barth

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein packender Polit-Thriller über die Jagd auf den Nazi-Massenmörder Eichmann. Er entlarvt Lebenslügen der Adenauer-Zeit und präsentiert dabei ein faszinierendes Porträt des mutigen Juristen Fritz Bauer und dessen Kampf gegen alte Nazi-Connections, die bis in seine eigene Staatsanwaltschaft hinein reichten.

1957 erhält der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968) einen brisanten Hinweis: Der Massenmörder Adolf Eichmann, der für Hitlers SS den Holocaust organisierte, versteckt sich in Buenos Aires. Jurist Bauer ist Jude, steht politisch links (beides eine Seltenheit in der westdeutschen Justiz) und versucht seit seiner Rückkehr aus dem Exil Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Bis dahin erfolglos, denn deutsche Justiz und Behörden zeigen wenig Neigung, die NS-Verbrechen zu verarbeiten.

BKA, Interpol und eigene Staatsanwälte lassen Bauer ins Leere laufen, Rassismus, Homophobie und Antikommunismus prägen wie in den USA der McCarthy-Ära das politische Leben. Bauer erhält anonyme Schmäh- und Drohbriefe, ihm wird vorgeworfen, ein „rachsüchtiger Jude“ oder linker Nestbeschmutzer zu sein, der lieber „nach drüben“ (in die DDR) gehen sollte.

Da er deutschen Behörden aus gutem Grund misstraut, seine eigene Staatsanwaltschaft als „Feindesland“ betrachtete, nimmt Fritz Bauer im Fall Eichmann Kontakt zum israelischen Geheimdienst Mossad auf und begeht damit aus damaliger Sicht „Landesverrat“. Alte braune Seilschaften lassen Bauer derweil bespitzeln, versuchen seine Autorität zu untergraben und seine Leute zu erpressen. Doch auch beim Mossad muss Bauer Widerstände überwinden.

Der Film (Buch Lars Kraume und Olivier Guez) schildert die Jagd auf den Nazi-Schreibtischtäter Adolf Eichmann ab Ende der muffigen 50er Jahre. Tragende Rollen sind mit öffentlich-rechtlicher Krimi-Elite besetzt – kein Wunder, drehte Kraume doch unter anderem zahlreiche Folgen von „Tatort“. Burghart Klaußner („Elser“) verkörpert eindrucksvoll den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer; der für Bauer ermittelnde Staatsanwalt Karl Angermann (eine historisch fiktive Figur) wird ebenfalls mit Bravour von Ronald Zehrfeld mit Leben erfüllt; Tatort-Kommissar Jörg Schüttauf gibt souverän den BKA-Nazi, der mit Bauers Oberstaatsanwalt (Sebastian Blomberg) die Jagd auf Eichmann hartnäckig zu sabotieren sucht. Fritz Bauer ist sich dessen wohlbewusst und „unterstellt“ es nicht nur, wie die Süddeutsche in ihrer Filmkritik die Handlung verstanden haben will.

Doch Bauer fällt nicht auf ihm untergejubelte falsche Fährten herein und informiert nur seinen Vorgesetzten, den SPD-Justizminister Zinn (Götz Schubert) über die Argentinien-Spur. Nur durch den innerhalb der SPD weit links stehenden Zinn konnte ein Mann wie Fritz Bauer überhaupt erstmals in ein hohes Amt der westdeutschen Justiz berufen werden.

Lars Kraume: Stachel im Sitzfleisch der Filmkultur

Grimme-Preisträger Lars Kraume inszenierte mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ eine packende Mischung aus Politthriller, Biopic und Zeitbild der Adenauer-BRD, die im August den Publikumspreis beim Filmfestival in Locarno erhielt. Wie in seiner politisch durchdachten Dystopie „Die kommenden Tage“, die trotz Grimme-Preis von der Filmkritik verrissen wurde, erweist sich Kraume auch hier wieder als Stachel im Sitzfleisch der bequemen deutschen Filmkultur.

Anders als „Im Labyrinth des Schweigens“, der Wohlfühl-Version der Auschwitz-Story, die historisch kurz nach „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angesiedelt ist, spricht Kraume auch heute noch heikle Punkte an, etwa Adenauers Kanzleramtschef Globke: Der bereitete erst für die Nazis den Holocaust juristisch vor und organisierte dann für die CDU die stramm anti-kommunistische BRD-Verwaltung.

Wie sich katholisch-konservative Muffigkeit des Adenauer-Regimes mit kriminellen Altnazi-Machenschaften verbanden, zeigt der Film am Umgang mit der damals noch laut dem von den Nazis ins BRD-Strafgesetz übernommenen Paragrafen 175 verbotenen Homosexualität. Regisseur Kraume weicht dem heiklen Thema der unbestätigten Neigung Fritz Bauers nicht aus, sondern macht es zum Thema, wenn der schmierige BKA-Kommissar Gebhard einen Mitarbeiter Bauers mit dessen Besuchen im Transvestitenmilieu dazu erpressen will, die Eichmann-Ermittlungen zu sabotieren.

Dass Fritz Bauer im dänischen Exil von der Polizei mit männlichen Prostituierten erwischt wurde, ist belegt. Darüber, wie er später als hessischer Generalstaatsanwalt mit seiner Sexualität umgegangen ist, kann man nur spekulieren. Wir haben das im Film so behutsam wie möglich dargestellt.Lars Kraume

Thema Globke nicht ausgeschöpft

Lars Kraume geht in seiner Kritik viel weiter als andere Filme zuvor, aber der Film macht einen wirklich großen Skandal nicht weiter deutlich: Adenauers Westdeutschland wurde von einem Mann mit regiert, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet. Wäre „Der Staat gegen Fritz Bauer“ Popkornkino, fänden die Drehbuchautoren Kraume und Guez hier genug Stoff für einen zweiten Teil.

Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert.

Globke hatte allen deutschen Juden ein „J“ in die Ausweise stempeln und sie dabei von den Meldeämtern identifizieren und erfassen lassen. Mit modernster Datentechnik, welche der US-Konzern IBM den Nazis dafür lieferte, wurde auf dieser administrativen Grundlage die Logistik des Holocaust bewältigt. Millionen Menschen wurden mit „Big Data“ auf Lochkarten in den Tod geschickt.

Eichmann wurde in Jerusalem hingerichtet, aber Globke durfte seine Karriere fortsetzen, bestimmte die Leitlinien westdeutscher Politik und bekam noch einen Orden dafür. Diese Fakten, die westdeutsche Historiker nur undeutlich in ihre Bärte nuscheln, fehlen in Schulbüchern und sind weithin unbekannt, besonders bei den immer noch zahlreichen Fans von CDU-Kanzler Adenauer und seiner Partei.

Im letzten Jahr empörte sich der Film „Das Labyrinth des Schweigens“ über das Verschweigen der Verbrechen Eichmanns in den 50er-Jahren, setzte aber das Verschweigen der Verbrechen Globkes selber fort. Das Verschweigen hatte damals und hat bis heute ideologische Gründe. Wenn man den „DDR-Unrechtsstaat“ glaubhaft verdammen will, kann man Zweifel am viel gepriesenen BRD-Rechtsstaat nicht gebrauchen.

Doch der DDR-Unrechtsstaat hatte Globke 1963 den Prozess gemacht und ihn in Abwesenheit zu Lebenslänglich verurteilt, wenn auch mittels tölpelhaft gefälschter Beweise. Weder die westdeutsche Justiz noch die Medien wagten es, den Vorwürfen gegen den zweitmächtigsten Mann in Bonn nachzugehen, abgesehen von der Doku „Der Mann hinter Adenauer“, die selten spät abends gesendet wurde.

Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Nachdem in den 1950ern die westdeutsche Justiz sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigte, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten, sollten in Fritz Bauers „Großem Auschwitz-Prozess“ letztlich nur 20 Massenmörder verurteilt werden.

Globke, Eichmann und Allen Dulles

Sogar auf Wikipedia kann man noch weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden, die in den westdeutschen Schulbüchern bis heute fehlen: Nazi-Massenmörder Eichmann, als Häftling in Jerusalem von der Presse umlagert, hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke beim Namen nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen.

CIA-Boss Allen Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde. Dulles hatte viele Nazi-Verbrecher als Experten für Folter, Chemiewaffen oder Gehirnwäsche vor Strafverfolgung geschützt und in die USA abgeworben und den westdeutschen BND zunächst als „Organisation Gehlen“ mit Hilfe des gleichnamigen Nazi-Geheimdienstchefs aufgebaut.

Dabei bediente sich Dulles der Hilfe von Globke. Der Kinobesucher erfuhr davon etwa im Film „Labyrinth des Schweigens“ nichts, nur Gemunkel über hohe Tiere, die schützende Hände über alte Nazis halten -obwohl man längst Ross und Reiter hätte nennen können.

Dies passt in eine Holocaust-Gedenkkultur, die sich von ihrer eigenen Vergangenheitsbewältigung geradezu besoffen zeigt, die mit zahllosen Mahnmalen und Feiern sechs Millionen ermordete Juden beweint, aber lieber nicht genau wissen will, wer die Mörder waren. Jedenfalls nicht, sofern sie später eine westdeutsche Karriere machten und als Kalte Krieger reaktionäre Politik in der BRD ungebrochen fortsetzten. Statt sich auch diesem Teil der eigenen Geschichte zu stellen, verweist man lieber gebetsmühlenartig auf die Ähnlichkeit der totalitären Systeme von Faschismus und Kommunismus, um die DDR als wahre Fortsetzung des Nazi-Regimes hinzustellen.

Weite Teile der (west-) deutschen Kultur und Medien neigen daher bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmete das Bertelsmann-Universal-Lexikon „Auschwitz“ ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, „Adenauer“ glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Der bedeutende, aber dem Regime peinliche Mann wurde wegretuschiert wie einst Trotzki auf Fotos im Stalinismus.

(erschienen auch bei Telepolis und filmverliebt.de)

Siehe auch Filmkritik zu Labyrinth des Schweigens.

09/13/15

I WANT TO SEE THE MANAGER

Filmkritik von Thomas Barth

Sieben skurrile Episoden zwischen Auslandsreport und cineastischem Augenschmaus stellen westliche Dekadenz dem Optimismus Asiens und Lateinamerikas gegenüber. Einfache Menschen reden von ihrer Not und ihren Träumen in der heutigen Globalisierung, samt Dreck, Ausbeutung und Konsumrausch.

Vor 30 Jahren lieferte der experimentelle Dokumentarfilm KOYAANISQATSI (USA 1983) der entstehenden Öko-Bewegung ihren Alptraum im Kino: Berauschende Naturbilder, in die wie ein Bulldozer die Technik einbricht, die Menschen nur noch ein Bienenschwarm in der Shopping Mall. Der Film kam mit einem einzigen Wort aus: „ Koyaanisqatsi“, was in einer Sprache der Native Americans soviel heißt wie „Leben im Ungleichgewicht“. I WANT TO SEE THE MANAGER (D/I 2015) braucht eine Menge mehr Worte, verfolgt aber ein ähnliches Ziel: Er versucht das Unbehagen der heutigen Westeuropäer in ihrer Kultur auf den cineastischen Punkt zu bringen.

Das ist schwieriger, denn während sich Atomgegner und Naturschützer der 1980er-Jahre mit der romantisierten „Weisheit der Indianer“ identifizieren konnten, fehlt heutiger Globalisierungskritik solch ein Mythos. Regisseur Hannes Lang spürt unserem Unbehagen mit globaler Ausbeutung nach, mit Konsumzwang, Naturzerstörung und deren Export in alle Welt, aber auch Ängsten vor Abstieg, Verfall und Tod in einer künftig von anderen Ländern dominierten Welt. Er greift dabei zu ästhetisierenden Bildern von Slums, Rohstoffabbau, zersiedelten Stadtlandschaften, und kombiniert sie mit sozialkritischer Reportage und skurrilem Vortrag in globaler Ökonomie.

„Angesichts der fortschreitenden Umstrukturierung innerhalb des globalen Machtgefälles spürt I WANT TO SEE THE MANAGER dem fragilen Bündnis zwischen wirtschaftlichem Ab- und Aufstieg nach. In sieben Episoden, die in Indien, Bolivien, China, USA, Italien, Thailand und Venezuela angesiedelt sind, enthält jeder Ort Fragmente eines anderen und zeugt jede Episode von den Hoffnungen und Bedürfnissen ihrer Protagonisten. In der Gegenüberstellung der lokalen Erfahrung der Menschen mit der Wirklichkeit einer globalen Weltwirtschaft hinterfragt I WANT TO SEE THE MANAGER unser Verständnis von Aufschwung und Zerfall.“ Quelle: Presseinformation

Den Anfang macht Bombay, ein vermüllter Hinterhof in den Slums, eine zerfallende Mauer, der die Kamera langsam folgt, bis auf ihr ein schmutziger Schuh ins Bild kommt. Dann ganz langsam ein Zweiter, man erkennt Hosenbeine, die Kamera gleitet an ihnen aufwärts. Ein Vortrag setzt ein, Englisch mit indischem Akzent. Jemand erklärt die globale Ökonomie, in der China und Indien bald schon mit Wachstumsraten über sieben Prozent die alten Westmächte mit ihren knapp zwei Prozent überholen werden. Es redet der Torso eines indischen Managers, erst zum Schluss kommt der sprechende Kopf ins Bild, hinter ihm ragen über die erbärmlichen Slum-Behausungen glänzende Bauten empor, das neue Indien.

Die Schnitte zwischen den Episoden sind manchmal hart, manchmal unmerklich. Übergangslos fallen wir aus Indien in eine Ödnis: Bolivien, ein riesiger Salzsee. Arbeiter tauchen auf wie Ameisen, entrollen gewaltige schwarze Folien. Einer erklärt, dass Lithium die große Hoffnung auf Wohlstand sei. Arbeiter sitzen nach Feierabend in einem Kuppelzelt vor dem Fernseher, trinken Bier. Kinder wandern bei Sonnenaufgang zu einem Haufen grober Felsblöcke, der sich als Stall entpuppt, holen Schafe heraus. Eine Indiofrau wäscht in einem Graben, erzählt von der Mühsal ihres Lebens und ihrem Vertrauen in Gott. China. Eine Lotterie um die staatliche Erlaubnis, ein Auto kaufen zu dürfen. Ein Manager erklärt, bei ungebremsten Wachstum der Autodichte würde sich bald der Verkehr stauen. Man sieht Automassen parken, fahren, in Verkaufshallen. Eine Verkäuferschulung. Ein Paar erzählt, wie komfortabel sie heute in einem Hochhaus wohnen und das bald alles noch viel besser sein wird.

USA. Ein düsteres Gewirr von Autobahnbrücken, ein muffiges Gebäude mit merkwürdigen Tanks. Ein Angestellter erklärt, wie hier Leichen in Kühltanks konserviert werden, zum Wiederauferstehen in besseren Zeiten und das Transhumanismus sicher von Gott erlaubt sei, sonst hätte er uns die ganze Technik doch nicht entwickeln lassen. Italien. Der Vesuv, Ruinen von Pompeji, Touristenmassen wälzen sich vorbei. Ein Mann im Kettenhemd mit golden glänzendem Römerhelm, preist sich erfolglos an: „Make a Foto with a Gladiator“, alle gehen vorbei, schließlich beißt doch ein Paar an, gibt aber nur einen Euro. Thailand. Thaifrauen pflegen greise westliche Rentner, eine erzählt weinend von ihren Ängsten, was aus ihr wird, wenn er stirbt. Caracas. Ein gigantischer Rohbau hat sich in einen senkrechten Slum verwandelt. Bewohner erzählen, wie sie den Bau in Besitz nahmen, versuchten sich Strom und Wasser zu organisieren, wie sie rätseln, was für ein Gebäude dies wohl einmal hätte werden sollen.

Analyse ist nicht die Stärke dieses Films. Der Titel geht auf den Witz von William S.Burroughs zurück, wenn ein Außerirdischer landen und sehen würde, wie es auf der Erde zugeht, würde er wohl sagen: „Ich will sofort den Geschäftsführer sprechen!“ Doch die Beschwerdeabteilung der Menschheitsgeschichte nimmt keine Reklamationen mehr an und unsere Existenz ist vom Umtausch ausgeschlossen. So bleibt den einen nur die Hoffnung auf Wachstum, andere kämpfen mit den Problemen steigenden Wohlstands. Dekadente Transhumanisten sehen sich schon als unsterbliche Halbgötter, lassen ihre Leichen kopfunter in Kryotanks hängen, während Europa sich müht, aus dem Ruhm vergangener Zeiten noch ein paar Euros zu wringen und seine Alten nach Thailand abschiebt.

„Seitdem die Menschheit das Konzept des Eigentums kennt, ist sie gespalten in jene, die haben, und jene, die nicht haben. Über lange Zeit hinweg manifestierte sich dieses Prinzip in der Unterscheidung zwischen ‚Industriestaaten‘ und ‚Entwicklungsländern‘ und nie hätte man geglaubt, dass dieses vermeintliche Gleichgewicht auszuhebeln wäre. Nun jedoch ist die Ordnung ins Wanken geraten… Gerade noch hatten wir Vollbeschäftigung, Wachstum und Wirtschaftswunder – Jetzt stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Wie konnte das passieren? …Wir brauchen keine Geschichtsbücher zu wälzen, denn wir können zur gleichen Zeit Entwicklungsstufen ein und desselben Systems an verschiedenen Orten dieser Welt beobachten.“ Quelle: Presseinformation

So erklären Autoren und Filmvertrieb ihre Motivation. Nicht sehr befriedigend, aber tiefer darf Kritik an der westlich dominierten Globalisierung wohl nicht dringen, wenn sie auf staatliche Filmförderung hoffen will. Hannes Lang schrieb das Buch zum Film zusammen mit Mareike Wegener, die in einem eigenen Dokumentarfilm zeigte, wie Kunst doch etwas mehr über die heutigen Machtstrukturen aussagen kann: Mark Lombardi zeigte in seinen Zeichnungen an Organigrammen der globalen Finanzwelt etwas deutlicher, wie die Sache mit dem „haben und nicht haben“ funktioniert.

I WANT TO SEE THE MANAGER zeigt wohl keine „Entwicklungsstufen“, sondern eher diffuse Abstiegsängste -und dass es vielleicht manchmal doch ganz gut wäre, ein paar Geschichtsbücher zu wälzen. Der Film steht am Ende vor seinen herausgegriffenen Facetten der Globalisierung wie die Bewohner des „Turm des David“ in Caracas vor ihrem Rohbau: Sie wissen nicht woher er kommt, er ihn baute und warum. Aber sie haben sich irgendwie in ihm eingerichtet.