10/5/25

Mareike Ernst: Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen

Rezension von Thomas Barth

Mareike Ernst: Einsamkeit -Modelle, Ursachen, Interventionen, UTB, Ernst Reinhardt Verlag, München 2024, 234 S.

Das Phänomen der Einsamkeit wird in den letzten Jahren zunehmend als gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderung wahrgenommen, denn Einsamkeit kann krank machen: Zusammenhänge mit Schlafstörungen, Ängsten, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Sterblichkeit sind belegt. Auch ein Zusammenhang von Einsamkeit mit der Nutzung „Sozialer Medien“, des Internets oder generell digitaler Medien ist immer wieder im Gespräch.

Die Psychologin Mareike Ernst bietet in ihrem Buch Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen eine umfassende und interdisziplinäre Analyse des Phänomens Einsamkeit. Die Autorin untersucht Einsamkeit vor allem aus psychologischer, soziologischer und medizinischer Perspektive und geht dabei in einem eigenen (leider sehr knappen, aber hier genauer zu betrachtenden) Kapitel auf das Thema Digitalisierung und Einsamkeit ein.

Existenzialismus und Solitude

Ernst beginnt mit philosophischen Überlegungen zur Einsamkeit. „Existenzielle Einsamkeit“ sei ein anthropologisches Faktum, das Getrenntsein von anderen. Sie verweist auf den Existenzialismus und nennt vor allem Jaspers, Sartre und Heidegger als Philosophen, die sich damit befasst hätten, und kommt dann zur „existenziellen Psychotherapie“ von Yalom, die den Menschen helfen wolle, die existenzielle Einsamkeit zu analysieren und, soweit nicht überwindbar, zu ertragen.

Ernst kommt von intuitiven Beschreibungen der Einsamkeit durch Emotionen von Traurigkeit, Schmerz, Leere, Unverständnis, Frustration und Gefühlen von Verlorenheit“ (S.9) zu einer präzisen Definition von Einsamkeit als subjektiv erlebtes, unangenehmes Gefühl, das entsteht, wenn die sozialen Beziehungen einer Person qualitativ oder quantitativ als unzureichend wahrgenommen werden. Sie grenzt Einsamkeit von verwandten Konzepten wie sozialer Exklusion, Isolation, Alleinsein oder Depression ab und betont, dass Einsamkeit nicht zwangsläufig mit objektivem Alleinsein einhergeht, sondern vielmehr eine Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich erlebten sozialen Beziehungen beschreibt.

Im Englischen stehe, so die Autorin, neben der negativ bewerteten lonelinessdie wünschenswerte solitude, für die es keine deutsche Entsprechung gibt (S.19). Belastend und gefährlich sei besonders eine chronische Einsamkeit, die in Deutschland 5-15 Prozent der Bevölkerung betreffe (S.25). Ernst schließt ihre Kapitel mit einer Zusammenfassung, Fallbeispielen und für ein Lehrbuch nützlichen Fragen zur Selbstüberprüfung ab. Hier etwa mit: „Mona ist 39 Jahre alt und lebt in einer großen Stadt in Norddeutschland…“ (S.29).

Ursachen und gesellschaftliche Perspektive

Nach Philosophie und Epidemiologie beschreibt Mareike Ernst die Ätiologie, die Ursachen der Einsamkeit. Die evolutionäre Theorie verweise auf den Menschen als Gruppenwesen, den das negative Einsamkeitsgefühl motiviere, sich nicht zu sehr zu vereinzeln. Das Teufelskreis-Modell verweise dagegen darauf, dass einsame Menschen soziale Fähigkeiten einbüßen würden, was ihre Isolation erhöhe. Psychodynamik und Persönlichkeit wären weitere Faktoren, was integrative Ansätze ratsame erscheinen lasse (auf Probleme eklektischer Modelle geht sie nicht weiter ein).

Die Frage der Digitalisierung taucht erst im Kapitel 4 „Gesellschaftliche Perspektiven auf Einsamkeit“ auf, neben zwei weiteren involvierten „Megatrends“: Der „Überalterung“ und der „Globalisierung“. Den Begriff der Megatrends entnimmt Mareike Ernst der Zukunftsforschung, deren Prognosen nahelegen würden: „Wir leben zwar länger, sind von Tausenden von Menschen umgeben und mit Millionen anderen digital vernetzt -aber dabei möglicherweise einsamer als je zuvor.“ (S.96). Dieser These will sie sich kritisch nähern und führt Studien an, die eine Steigerung der Einsamkeit über die letzten Generationen 2019 (für die USA) nicht bestätigen konnte. Zu verzeichnen seien geänderte Bildungsverläufe und Arbeitswelt, steigende Zahlen von Single-Haushalten (1950 nur 5 Prozent, heute über 40 Prozent für Deutschland); allein bei jungen Menschen, den emerging adults (18-29 Jährige) zeigten sich leicht gestiegene Vorkommen von Einsamkeit, verstärkt zuletzt durch die Covid-Pandemie (der sie viel Aufmerksamkeit widmet, wohl weil sie dort selbst forschte). Wie steht es aber um digitale Netze und die ihnen oft attestierte Wirkung der Vereinsamung ihrer Nutzer?

Digitalisierung und Einsamkeit

Mareike Ernst gibt zu bedenken, dass die Digitalisierung und die Nutzung sozialer Medien „bidirektional und dynamisch“ sei, also ambivalente Effekte auf das Einsamkeitserleben haben können (S.99). Zwei Hypothesen dominieren demnach die derzeitige Forschung: Die Verdrängungshypothese besage, dass bei einsamen Menschen digitale Medien die Humankontakte ersetzt und damit reduziert hätten; die Stimulationshypothese gehe dagegen davon aus, dass Digitalmedien den Einsamen eher helfen könnten, ihre Beziehungen zu anderen zu halten und sogar neue Menschen kennenzulernen (ebd.).

Einerseits erleichtern digitale Plattformen und soziale Netzwerke also den Kontakt zu anderen, insbesondere für Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder in isolierten Lebenssituationen. Andererseits zeige die Forschung, dass die intensive, aber oberflächliche Nutzung sozialer Medien das Gefühl von Einsamkeit sogar verstärken kann. Es zeigen sich entsprechende Ergebnisse in der Forschung, besonders bezüglich junger Menschen auf Social Media wie Instagram oder TikTok -was die Verdrängungshypothese stütze. Es sei in den Studien jedoch nicht zu unterscheiden, ob Einsamkeit durch die Mediennutzung gefördert würde oder ob Einsame vermehrt zu Digitalmedien greifen (S.100). Aus ihrer Sicht mangelt es derzeitiger Forschung auf diesem Gebiet an Längsschnittstudien, die Mediennutzung und Einsamkeit über einige Jahre hinweg an denselben Personen untersuchen. Sie bedenkt jedoch nicht, dass dabei die kurzen Innovationszyklen und ein entsprechend schnell sich wandelndes Nutzungsverhalten ein Problem sind. Angesichts aktueller pädagogischer Debatten um digitale Nutzungsbeschränkungen für junge Menschen fällt das Kapitel mit kaum drei von 200 Seiten leider sehr knapp aus, was auf die Notwendigkeit vermehrter interdisziplinärer Zusammenarbeit in der Einsamkeitsforschung hindeutet.

Der Nestor soziologischer Technikfolgen-Forschung, Arno Bammé, vermerkte etwa jüngst: „Das aktuell diskutierte Phänomen pandemischer „Einsamkeit“ ist nichts anderes als die Kehrseite der Medaille grenzenloser Individualisierung, ein sozialstrukturelles Phänomen analog dem der „strukturellen Gewalt“ (Galtung 1975)…“ (Fn.20, S.20). Bammé legt in seinem Buch „Sprache, Technik, Ökonomie: Von der analogen ‚Gemeinschaft‘ zur digitalen ‚Gesellschaft’“ (2024) umfassend dar, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in die Sozialgeschichte eingebettet sind -bis hin zur Prognose, dass wir derzeit in einem Epochenbruch stehen, der nur mit der „neolithischen Revolution“ (der Einführung von Ackerbau und Viehzucht) vergleichbar sei. Diese soziale Revolution, das Sesshaftwerden, hätte unsägliche Probleme über die damaligen Menschen gebracht: Kriege, Seuchen, ungerechte Eigentumsverhältnisse; analog würde uns derzeit die Revolution der Digitalisierung bislang noch kaum abschätzbare Probleme bescheren -darunter wohl auch die Einsamkeit, das einsame Sterben in der Stadt und ein immer mehr kommerzialisierter Umgang mit dem Tod.

Gesellschaftliche Folgen von Einsamkeit

Die gesellschaftliche Perspektive, so Mareike Ernst, sei bislang wenig beleuchtet, weil Einsamkeit als individuelles Problem gelte. In US-Umfragen wäre eine Korrelation mit konservativen Einstellungen gefunden worden, in deutschen und niederländischen Studien wäre Einsamkeit mit Entpolitisierung einhergegangen, bis hin zu geringerer Wahlbeteiligung. Im Covid-Kontext korrelierte Einsamkeit mit stärkerer Zustimmung zu „allgemeiner Verschwörungsmentalität“, Einkommen und Bildungsgrad wären dafür jedoch stärkere Faktoren gewesen. Eine Studie an deutschen Jugendlichen und Jungerwachsenen habe jedoch Einsamkeit korreliert mit politischer Radikalisierung und „Verschwörungsnarrativen“ gesehen (S.107). Dauerhafte Isolation und Einsamkeit könne folglich gesellschaftliche Werte erodieren, Partizipation und sozialen Zusammenhalt reduzieren und seien daher als Gefahr für die Demokratie zu sehen (S.109).

Zur Frage von Einsamkeit und Gesundheit verweist Ernst auf komplexe Wechselwirkungen mit psychischen und physischen Faktoren wie Vorerkrankungen, Mobilität, Übergewicht, Schlafqualität, Alkohol- und Tabakkonsum. Als ausgewiesener Stressfaktor verstärke Einsamkeit deren negative Wirkungen und werde selbst durch sie beeinflusst. Bei Forschungsmethoden setzt sie überwiegend auf quantitative Methoden, legt einen Schwerpunkt aber auf Behandlungsmöglichkeiten. Hier sieht sie kognitive Interventionen als bislang erfolgreichsten Weg, wobei den Patienten deren toxische Selbstwahrnehmung sowie Wahrnehmung anderer Menschen klarzumachen sei und ihre Erwartungen an Beziehungen Thema wären. Weniger erfolgreiche wären psychoedukative Anleitungen für bessere Sozialkompetenz und Beziehungsanbahnung gewesen (S.209).

Fazit: Das Buch zeigt, dass Einsamkeit erhebliche negative Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit hat. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen sowie einer insgesamt verminderten Lebenserwartung. Psychologisch wird Einsamkeit mit Gefühlen der Wertlosigkeit, Selbstzweifeln und sozialer Angst assoziiert, was wiederum die soziale Teilhabe erschwert und somit einen Teufelskreis erzeugt. Ernst betont also, dass die Digitalisierung zwar neue Möglichkeiten der Vernetzung bietet, aber auch Risiken birgt, insbesondere wenn sie zu einer Verringerung direkter sozialer Interaktionen führt. Zusammenfassend sieht Mareike Ernst die Digitalisierung als einen Faktor, der Einsamkeit sowohl lindern als auch verstärken kann – je nachdem, wie sie genutzt wird und in welchem sozialen Kontext sie eingebettet ist.

Mareike Ernst: Einsamkeit -Modelle, Ursachen, Interventionen, UTB, Ernst Reinhardt Verlag, München 2024, 234 S., 39,90 Euro, ISBN 978-3-8252-6229-7

Quellen

Arno Bammé: Sprache, Technik, Ökonomie: Von der analogen ‚Gemeinschaft‘ zur digitalen ‚Gesellschaft‘, Metropolis-Verlag, Marburg 2024.

Susanne Loke: Einsames Sterben und unentdeckte Tode in der Stadt. Über ein verborgenes gesellschaftliches Problem, transcript, Bielefeld 2023.

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10/29/23
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Transhumanismus & Netzphilosophie

Thomas Barth

„Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa – das Gespenst des Transhumanismus. Seine Priester und Auguren haben bereits prominente Forschungslaboratorien, Universitäten, globale Unternehmen und politische Institutionen besetzt.“, warnte 2017 die NZZ und hatte damit nicht ganz unrecht. Einige transhumanistische Stimmen wollen heute offenbar einer hemmungslosen Digitalisierung den mühsam erkämpften Datenschutz aus dem Weg räumen.

Der Biologe und überzeugte Eugeniker Julian Sorell Huxley prägte 1951 den Begriff “Transhumanismus” im Aufsatz New Bottles for New Wine und setzte sich zugleich als erster UNESCO-Generalsekretär und bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte für humanistische Werte ein. Julians Bruder Aldous Huxley warnte dagegen schon 1932 in seiner Babies-in-Bottles-Dystopie “Schöne neue Welt” vor einer Zukunft mit biologisch fabrizierter Drei-Klassen-Gesellschaft: Genetische oder technische Intelligenzsteigerung hatte schon immer ihre Fans und gehört heute zu den Hoffnungen der neuen Bewegung.

Viele erinnern sich dabei an die LSD-selige SMILE-Revolution (Space Migration, Intelligence Increasement, Life Extension) des „Exo-Psychologen“ Timothy Leary und sei es nur aus den Pop-Conspiracy-Bestsellern von Robert Anton Wilsons Auge-in-der-Pyramide-Zyklus. Bereits im 19.Jahrhundert brachte Auguste Comte, Begründer von Soziologie und Positivismus, eine vom Fortschritt berauschte Bewegung zusammen, in der man sich z.B. von der Medizin beträchtliche Verlängerungen der Lebenszeit, wenn gar nicht Unsterblichkeit erhoffte.

Heute verstehen sich Transhumanisten als Teil einer Bewegung, die vom „Posthumanismus“ abzugrenzen ist, der nicht den Menschen selbst, sondern als eher theoretische Richtung das Menschenbild des Humanismus überwinden will. Dieses wird, anknüpfend etwa an Michel Foucault  und andere Postmoderne, mit Schattenseiten der Moderne in Verbindung gebracht: Etwa psychiatrische Entmündigung, Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, Totalitarismus usw. Der Transhumanismus reflektiert diese Schattenseiten eher nicht, steht sogar teilweise zu tradierten humanistischen Werten und will sie auf „verbesserte Menschen“ (Enhancement), Cyborgs und Künstliche Intelligenzen ausweiten (Janina Loh 2018).

Wie religiös ist der Transhumanismus?

Die Philosophin und Theologin Anna Puzio legte aus Sicht der philosophischen Anthropologie 2022 eine scharfe Kritik des Transhumanismus (TH) vor und fragt: Wie verändern sich Mensch und Körper durch Technik und welches Menschenverständnis resultiert daraus für den TH? Als Ziele des TH markiert sie Perfektionierung, Kontrolle und Macht und ein Menschenbild, das zentral auf Information basiert. Dieses reduktionistische Menschenbild lasse den TH in die Nähe der Eugenik geraten und enthülle im TH prototalitäre Aspekte einer Ideologie, die sie mit dem Nationalsozialismus vergleicht. In scharfer Abgrenzung zum TH, aber in überraschend affirmativer Haltung zur technologischen Selbstoptimierung, entwickelt Puzio ihre Technikanthropologie mit Bezug auf den kritischen Posthumanismus und Donna Haraway.

Wie sieht Puzio das Verhältnis zur Religion: Im TH stechen zwar „religiöse Semantik und eine Fülle an religiösen Motiven“ hervor, etwa Unsterblichkeit, ewiges Leben, Heilsvorstellungen, die Beseitigung von Leid, die Möglichkeit eines entkörperlichten Daseins. Doch der Religion wird vom TH, der sich von ihr abgrenzen will, auch mangelnde Vernunft, Intoleranz und Unwissenschaftlichkeit vorgehalten (S. 54).

Die Ziele des TH verbergen sich teilweise hinter religiöser Motivik, von „gottähnlichen Fähigkeiten und himmlischen Zuständen“ reden und „paradiesische Klänge“ anschlagen, „auch wenn sich ihre Vorstellungen von denen der Religion sehr unterscheiden“ (S. 232). Anstelle einer unsterblichen Seele im Himmel trete bei einigen TH-Richtungen der „Upload“ des Geistes als Programmcode in den Computer, was Puzio als Gipfel einer Körperabwertung sieht. Der TH seinerseits bringe jedoch Körperabwertung mit Christentum und Platonismus in Verbindung, von denen er sich abzugrenzen sucht: „Die transhumanistische Sicht auf den Körper wird als harmlos abgetan, wenn Hughes sie z.B. mit Praktiken der ‚Abtötung des Fleisches‘ vergleicht: der ‚Selbstgeißelung im Katholizismus‘, der Selbstkastration in frühen griechischen und christlichen Sekten…“ (S. 258). Andere TH-Bestrebungen zielen dagegen auf die fleischliche Perfektionierung sexueller Lust zu ungekannter Ekstase transhumaner „superpersonen“: So „werde eine ’superperson‘ neue Geschlechtsorgane und mehr sexuelle Möglichkeiten mit sich bringen. Eine weibliche ’superperson‘ werde beispielsweise über mehrere Körperöffnungen verfügen“ (S. 260). Hier sieht Puzio „Vorstellungen von Männern für Männer“ und eine Instrumentalisierung des Körpers (S. 261). Aber letztlich konkretisiere sich das Menschenverständnis des TH als Anthropologie der Information, der eine metaphysische Essenz zugesprochen werde: „Die Information konstituiert im TH das Wesen des Menschen. In gnostischer Motivik soll der reine Geist vom stofflichen Körper befreit werden, der aber im TH nicht mehr Pneuma ist, sondern ‚pure Form‘, substratunabhängige Information“ (S. 266).

Ist der Transhumanismus totalitär oder neoliberal?

Die Ziele des TH sieht Puzio im Streben nach Perfektionierung, Kontrolle und Macht, die sich hinter Visionen einer „Steigerung des gegenwärtigen menschlichen Daseins“ (S. 231) verbergen. Der „Supermensch“ des TH, er könnte dem NS-Begriff vom „Übermenschen“ nahestehen? Mit der Frage: „Der Transhumanismus -eine Ideologie?“, folgt Puzio der Totalitarismus-Theorie Hannah Arendts und findet „protototalitäre Aspekte“ im TH: „Für den Nationalsozialismus bedeutet das beispielsweise, dass »nichts ›logischer‹ und konsequenter ist, als daß man […] parasitäre Rassen oder dekadente Völker eben auch wirklich zum Absterben bringt.« Der TH ist nicht in der Position, seine Visionen in Gesellschaft und Politik voll umzusetzen. Dennoch gilt auf diese Gefahr, auf die Arendt aufmerksam macht, auch hinsichtlich des TH wachsam zu bleiben. Denn denkt man die transhumanistischen Gedanken zu Ende und zieht daraus strikte Konsequenzen, dann gilt auch hier das Recht des Stärkeren, des ökonomisch Gewinnbringenden, des Produktiven oder der Maschine“ (S. 275f).

Diese Ideologie-Kritik am TH ist vielleicht etwas zu eng auf Arendts Totalitarismus-Theorie begrenzt, vergleicht den TH i.d.S. mit Stalinismus und vor allem der NS-Ideologie. Die heute nach Ansicht vieler Gesellschaftskritiker westliche Länder dominierende Ideologie ist aber der Neoliberalismus (vgl. z.B. Reimer 2023). Dieser formt maßgeblich Gesellschaft und Technologien eines Digitalen Kapitalismus, der tief in Alltag und Leben der Menschen hineinwirkt. Der Neoliberalismus wird leider nicht erwähnt, obwohl er starke Bezüge zu digitalen Technologien und Medien aufweist und mit dem TH u.a. Ziele der Optimierung, Kontrolle und Macht teilt.

Puzios engagierte Kritik am Transhumanismus und seinen teilweise überschießenden Visionen kontrastiert mit einer tendenziellen Kritiklosigkeit gegenüber heutiger Techniknutzung und Gesellschaft, so dass sich die Dissertation stellenweise fast wie ein Werbetext liest wenn Puzio schreibt: „Das neuste Model (Apple Watch 6) ermittelt sogar den Blutsauerstoffgehalt. Da sie den Schlafrhythmus erfasst und wasserfest ist, muss sie gar nicht mehr abgenommen werden. Mit der Apple Watch können Fitnessziele gesetzt und erreicht werden (…) Die Bewegungsaktivitäten lassen sich teilen, sodass man mit seinen Kontakten in einen Wettbewerb treten kann.“ (S. 306) Fraglich scheint, ob es sich dabei, wie Puzio meint, wirklich um autonomieförderliche „Technologien des Selbst“ handelt oder eher um eine (andernorts von ihr kritisierte) Kommerzialisierung des Körpers -die hier zudem mit einer neoliberalen Ideologie des Wettbewerbs unterlegt ist.

Puzio berichtet, wie vornehmlich junge Frauen heute eine Schönheits-OP unter Vorlage eines mit digitalen „Filtern“ aufgehübschten Selfies anstreben und wie auf Instagram Abmagerungswettbewerbe ein besonders knochiges Schlüsselbein belobigen. Doch auf die dort und in anderen „Social Media“-Plattformen epidemische Anorexie geht sie nicht ein. Kritikwürdig scheint ihr offenbar auch nicht, dass im Rahmen künftigen digitalen „social engineering“ Probleme wie „Finanzcrash, Klimaschutz oder revolutionäre Bewegungen“ unter Kontrolle gebracht werden sollen (S. 312). Dass hier Ökologie, Finanzregulierung und politische Unterdrückung technokratisch auf eine Stufe gestellt werden, scheint etwas problematisch. Doch soweit können wir Anna Puzio wohl ohne Probleme zustimmen: Der Transhumanismus folgt Zielen der Perfektionierung, Kontrolle und Macht und zeigt dabei zumindest bei einigen seiner Protagonisten ein reduktionistisches Menschenbild sowie prototalitäre Aspekte einer Ideologie -die aber auch Neoliberalismus heißen könnte.

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2018.

Anna Puzio: Über-Menschen. Philosophische Auseinandersetzung mit der Anthropologie des Transhumanismus. transcript (Bielefeld) 2022.

Jürgen-Michael Reimer: Der absurde Kapitalismus. Ein ideologiekritischer Essay. PapyRossa Verlag (Köln) 2023.