10/5/25

Mareike Ernst: Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen

Rezension von Thomas Barth

Mareike Ernst: Einsamkeit -Modelle, Ursachen, Interventionen, UTB, Ernst Reinhardt Verlag, München 2024, 234 S.

Das Phänomen der Einsamkeit wird in den letzten Jahren zunehmend als gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderung wahrgenommen, denn Einsamkeit kann krank machen: Zusammenhänge mit Schlafstörungen, Ängsten, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Sterblichkeit sind belegt. Auch ein Zusammenhang von Einsamkeit mit der Nutzung „Sozialer Medien“, des Internets oder generell digitaler Medien ist immer wieder im Gespräch.

Die Psychologin Mareike Ernst bietet in ihrem Buch Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen eine umfassende und interdisziplinäre Analyse des Phänomens Einsamkeit. Die Autorin untersucht Einsamkeit vor allem aus psychologischer, soziologischer und medizinischer Perspektive und geht dabei in einem eigenen (leider sehr knappen, aber hier genauer zu betrachtenden) Kapitel auf das Thema Digitalisierung und Einsamkeit ein.

Existenzialismus und Solitude

Ernst beginnt mit philosophischen Überlegungen zur Einsamkeit. „Existenzielle Einsamkeit“ sei ein anthropologisches Faktum, das Getrenntsein von anderen. Sie verweist auf den Existenzialismus und nennt vor allem Jaspers, Sartre und Heidegger als Philosophen, die sich damit befasst hätten, und kommt dann zur „existenziellen Psychotherapie“ von Yalom, die den Menschen helfen wolle, die existenzielle Einsamkeit zu analysieren und, soweit nicht überwindbar, zu ertragen.

Ernst kommt von intuitiven Beschreibungen der Einsamkeit durch Emotionen von Traurigkeit, Schmerz, Leere, Unverständnis, Frustration und Gefühlen von Verlorenheit“ (S.9) zu einer präzisen Definition von Einsamkeit als subjektiv erlebtes, unangenehmes Gefühl, das entsteht, wenn die sozialen Beziehungen einer Person qualitativ oder quantitativ als unzureichend wahrgenommen werden. Sie grenzt Einsamkeit von verwandten Konzepten wie sozialer Exklusion, Isolation, Alleinsein oder Depression ab und betont, dass Einsamkeit nicht zwangsläufig mit objektivem Alleinsein einhergeht, sondern vielmehr eine Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich erlebten sozialen Beziehungen beschreibt.

Im Englischen stehe, so die Autorin, neben der negativ bewerteten lonelinessdie wünschenswerte solitude, für die es keine deutsche Entsprechung gibt (S.19). Belastend und gefährlich sei besonders eine chronische Einsamkeit, die in Deutschland 5-15 Prozent der Bevölkerung betreffe (S.25). Ernst schließt ihre Kapitel mit einer Zusammenfassung, Fallbeispielen und für ein Lehrbuch nützlichen Fragen zur Selbstüberprüfung ab. Hier etwa mit: „Mona ist 39 Jahre alt und lebt in einer großen Stadt in Norddeutschland…“ (S.29).

Ursachen und gesellschaftliche Perspektive

Nach Philosophie und Epidemiologie beschreibt Mareike Ernst die Ätiologie, die Ursachen der Einsamkeit. Die evolutionäre Theorie verweise auf den Menschen als Gruppenwesen, den das negative Einsamkeitsgefühl motiviere, sich nicht zu sehr zu vereinzeln. Das Teufelskreis-Modell verweise dagegen darauf, dass einsame Menschen soziale Fähigkeiten einbüßen würden, was ihre Isolation erhöhe. Psychodynamik und Persönlichkeit wären weitere Faktoren, was integrative Ansätze ratsame erscheinen lasse (auf Probleme eklektischer Modelle geht sie nicht weiter ein).

Die Frage der Digitalisierung taucht erst im Kapitel 4 „Gesellschaftliche Perspektiven auf Einsamkeit“ auf, neben zwei weiteren involvierten „Megatrends“: Der „Überalterung“ und der „Globalisierung“. Den Begriff der Megatrends entnimmt Mareike Ernst der Zukunftsforschung, deren Prognosen nahelegen würden: „Wir leben zwar länger, sind von Tausenden von Menschen umgeben und mit Millionen anderen digital vernetzt -aber dabei möglicherweise einsamer als je zuvor.“ (S.96). Dieser These will sie sich kritisch nähern und führt Studien an, die eine Steigerung der Einsamkeit über die letzten Generationen 2019 (für die USA) nicht bestätigen konnte. Zu verzeichnen seien geänderte Bildungsverläufe und Arbeitswelt, steigende Zahlen von Single-Haushalten (1950 nur 5 Prozent, heute über 40 Prozent für Deutschland); allein bei jungen Menschen, den emerging adults (18-29 Jährige) zeigten sich leicht gestiegene Vorkommen von Einsamkeit, verstärkt zuletzt durch die Covid-Pandemie (der sie viel Aufmerksamkeit widmet, wohl weil sie dort selbst forschte). Wie steht es aber um digitale Netze und die ihnen oft attestierte Wirkung der Vereinsamung ihrer Nutzer?

Digitalisierung und Einsamkeit

Mareike Ernst gibt zu bedenken, dass die Digitalisierung und die Nutzung sozialer Medien „bidirektional und dynamisch“ sei, also ambivalente Effekte auf das Einsamkeitserleben haben können (S.99). Zwei Hypothesen dominieren demnach die derzeitige Forschung: Die Verdrängungshypothese besage, dass bei einsamen Menschen digitale Medien die Humankontakte ersetzt und damit reduziert hätten; die Stimulationshypothese gehe dagegen davon aus, dass Digitalmedien den Einsamen eher helfen könnten, ihre Beziehungen zu anderen zu halten und sogar neue Menschen kennenzulernen (ebd.).

Einerseits erleichtern digitale Plattformen und soziale Netzwerke also den Kontakt zu anderen, insbesondere für Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder in isolierten Lebenssituationen. Andererseits zeige die Forschung, dass die intensive, aber oberflächliche Nutzung sozialer Medien das Gefühl von Einsamkeit sogar verstärken kann. Es zeigen sich entsprechende Ergebnisse in der Forschung, besonders bezüglich junger Menschen auf Social Media wie Instagram oder TikTok -was die Verdrängungshypothese stütze. Es sei in den Studien jedoch nicht zu unterscheiden, ob Einsamkeit durch die Mediennutzung gefördert würde oder ob Einsame vermehrt zu Digitalmedien greifen (S.100). Aus ihrer Sicht mangelt es derzeitiger Forschung auf diesem Gebiet an Längsschnittstudien, die Mediennutzung und Einsamkeit über einige Jahre hinweg an denselben Personen untersuchen. Sie bedenkt jedoch nicht, dass dabei die kurzen Innovationszyklen und ein entsprechend schnell sich wandelndes Nutzungsverhalten ein Problem sind. Angesichts aktueller pädagogischer Debatten um digitale Nutzungsbeschränkungen für junge Menschen fällt das Kapitel mit kaum drei von 200 Seiten leider sehr knapp aus, was auf die Notwendigkeit vermehrter interdisziplinärer Zusammenarbeit in der Einsamkeitsforschung hindeutet.

Der Nestor soziologischer Technikfolgen-Forschung, Arno Bammé, vermerkte etwa jüngst: „Das aktuell diskutierte Phänomen pandemischer „Einsamkeit“ ist nichts anderes als die Kehrseite der Medaille grenzenloser Individualisierung, ein sozialstrukturelles Phänomen analog dem der „strukturellen Gewalt“ (Galtung 1975)…“ (Fn.20, S.20). Bammé legt in seinem Buch „Sprache, Technik, Ökonomie: Von der analogen ‚Gemeinschaft‘ zur digitalen ‚Gesellschaft’“ (2024) umfassend dar, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in die Sozialgeschichte eingebettet sind -bis hin zur Prognose, dass wir derzeit in einem Epochenbruch stehen, der nur mit der „neolithischen Revolution“ (der Einführung von Ackerbau und Viehzucht) vergleichbar sei. Diese soziale Revolution, das Sesshaftwerden, hätte unsägliche Probleme über die damaligen Menschen gebracht: Kriege, Seuchen, ungerechte Eigentumsverhältnisse; analog würde uns derzeit die Revolution der Digitalisierung bislang noch kaum abschätzbare Probleme bescheren -darunter wohl auch die Einsamkeit, das einsame Sterben in der Stadt und ein immer mehr kommerzialisierter Umgang mit dem Tod.

Gesellschaftliche Folgen von Einsamkeit

Die gesellschaftliche Perspektive, so Mareike Ernst, sei bislang wenig beleuchtet, weil Einsamkeit als individuelles Problem gelte. In US-Umfragen wäre eine Korrelation mit konservativen Einstellungen gefunden worden, in deutschen und niederländischen Studien wäre Einsamkeit mit Entpolitisierung einhergegangen, bis hin zu geringerer Wahlbeteiligung. Im Covid-Kontext korrelierte Einsamkeit mit stärkerer Zustimmung zu „allgemeiner Verschwörungsmentalität“, Einkommen und Bildungsgrad wären dafür jedoch stärkere Faktoren gewesen. Eine Studie an deutschen Jugendlichen und Jungerwachsenen habe jedoch Einsamkeit korreliert mit politischer Radikalisierung und „Verschwörungsnarrativen“ gesehen (S.107). Dauerhafte Isolation und Einsamkeit könne folglich gesellschaftliche Werte erodieren, Partizipation und sozialen Zusammenhalt reduzieren und seien daher als Gefahr für die Demokratie zu sehen (S.109).

Zur Frage von Einsamkeit und Gesundheit verweist Ernst auf komplexe Wechselwirkungen mit psychischen und physischen Faktoren wie Vorerkrankungen, Mobilität, Übergewicht, Schlafqualität, Alkohol- und Tabakkonsum. Als ausgewiesener Stressfaktor verstärke Einsamkeit deren negative Wirkungen und werde selbst durch sie beeinflusst. Bei Forschungsmethoden setzt sie überwiegend auf quantitative Methoden, legt einen Schwerpunkt aber auf Behandlungsmöglichkeiten. Hier sieht sie kognitive Interventionen als bislang erfolgreichsten Weg, wobei den Patienten deren toxische Selbstwahrnehmung sowie Wahrnehmung anderer Menschen klarzumachen sei und ihre Erwartungen an Beziehungen Thema wären. Weniger erfolgreiche wären psychoedukative Anleitungen für bessere Sozialkompetenz und Beziehungsanbahnung gewesen (S.209).

Fazit: Das Buch zeigt, dass Einsamkeit erhebliche negative Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit hat. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen sowie einer insgesamt verminderten Lebenserwartung. Psychologisch wird Einsamkeit mit Gefühlen der Wertlosigkeit, Selbstzweifeln und sozialer Angst assoziiert, was wiederum die soziale Teilhabe erschwert und somit einen Teufelskreis erzeugt. Ernst betont also, dass die Digitalisierung zwar neue Möglichkeiten der Vernetzung bietet, aber auch Risiken birgt, insbesondere wenn sie zu einer Verringerung direkter sozialer Interaktionen führt. Zusammenfassend sieht Mareike Ernst die Digitalisierung als einen Faktor, der Einsamkeit sowohl lindern als auch verstärken kann – je nachdem, wie sie genutzt wird und in welchem sozialen Kontext sie eingebettet ist.

Mareike Ernst: Einsamkeit -Modelle, Ursachen, Interventionen, UTB, Ernst Reinhardt Verlag, München 2024, 234 S., 39,90 Euro, ISBN 978-3-8252-6229-7

Quellen

Arno Bammé: Sprache, Technik, Ökonomie: Von der analogen ‚Gemeinschaft‘ zur digitalen ‚Gesellschaft‘, Metropolis-Verlag, Marburg 2024.

Susanne Loke: Einsames Sterben und unentdeckte Tode in der Stadt. Über ein verborgenes gesellschaftliches Problem, transcript, Bielefeld 2023.

Thomas Barth: Filmkritik – Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an.

08/30/23
Total vernetzt - Nur wer sich anschließt wird nicht ausgeschlossen.

Rezension: Braches-Chyrek u.a. (Hg.): Handbuch Kindheit, Technik & das Digitale

Thomas Barth
Was bedeuten die rasanten medialen und digitalen Transformationen für das Leben von Kindern? Diese Frage wurde „in der deutschsprachigen Kindheitsforschung bislang wenig untersucht“ (Klappentext). Das Handbuch thematisiert zentrale Zusammenhänge und interdisziplinäre Diskurse über Gesellschaft, Technik und Kindheit mit dem Ziel, emanzipatorische Bildungs- und Lernprozesse zu fördern.
Die Herausgeber*innen kommen aus den Bereichen Pädagogik, Sozialpädagogik und Soziologie, ebenso die meisten der insgesamt 26 Beiträger*innen unter denen acht aus Digitalisierungs- oder Medienwissenschaften stammen. Charlotte Röhner und Heinz Sünker, beide emiritiert, sind Nestor*innen der deutschen Kindheitsforschung, Sünker ist zudem Adorno-Experte und sein Blick auf das Digitale geprägt von der Kritischen Theorie der freudomarxistischen Frankfurter Schule. Überwiegend aus dieser kritischen Perspektive diskutiert der erste von vier Teilen des Bandes „Technik und Gesellschaft“, also die sozialen, kulturellen, pädagogischen und politischen Folgen der Digitalisierung. „Welche neuen Zugriffsmöglichkeiten auf kindliche Subjektivität ergeben sich aus der Techniknutzung und welche Widerstandspotentiale (Adorno, Erziehung zur Mündigkeit)? Welche veränderten Konzeptualisierungsansätze von Kindheitspolitik ergeben sich?“ (Verlagstext).
Soziale Aufgaben wie Wert schätzen, Bindung schaffen, Trennung verarbeiten, Grenzen setzen, Identität und Autonomie gewinnen, sie alle unterliegen durch allgegenwärtige Digitalmedien neuen Risiken, etwa prekärer Datensicherheit, leicht zugänglichen jugendgefährdenden Inhalten oder Cybermobbing. Doch das Handbuch thematisiert auch neue Chancen der Digitalmedien. Im zweiten Teil „Digitalisierung und Mediatisierung von Kindheit“ wird die Sozialisation und Kinder als Akteur*innen thematisiert. Der dritte Teil „Digitales Konstruieren, Spielen und Handeln“ legt den Fokus auf die früher meist negativ bewerteten Computer-, Video- und heute auch Online-Spiele, sucht nach kreativen Potentialen, warnt aber auch, etwa vor unreflektiertem Konsum gewalthaltiger Spiele. Der letzte Teil „Digitalisierung und digitale Bildung in Institutionen“ nimmt Probleme und Lösungsansätze in Kitas und Schulen des Elementar- und Primarbereichs in den Blick.
Technologie, Adoption und Pflegefamilien
Prof. Rita Braches-Chyrek war 2010 Mitherausgeberin des Bandes „Kindheit in Pflegefamilien“, doch dieser Aspekt der Kindheitsforschung klingt im vorliegenden Handbuch nur in zwei Beiträgen an: 1. Die Afrikanistin Konstanze N‘Guessan streift mit „Verwandtschaft und Kindheit im Zeitalter assistierter Reproduktion – Einblicke in die ethnographische Erforschung des doing family“ das Thema Adoption und Islam. 2. Der Beitrag „Beobachtung der Beobachteten: Technologie, Schutz und Fürsorge an einem Tag im Leben von Jasmine“ von Rachel Thomson und Ester McGeeney, berichtet aus einer „alternativen Erziehungseinrichtung für Jugendliche, die keinen Zugang zur Regelschule haben“; sie beobachten dort den Medienalltag der fünfzehnjährigen Mutter Jasmine, die in einer Pflegefamilie untergebracht ist (s.u.2.).
1. Verwandtschaft, Kindheit und Technologie
Der Beitrag von N‘Guessan ist der einzige des Bandes, der nicht von digitalen Medien handelt -dafür aber biotechnologische Bezüge zum Transhumanismus aufweist, indem dessen Biologismus auf den Boden der sozialen, kulturellen und psychologischen Tatsachen zurückgeholt wird. Im Fokus stehen medizinische Technologien der assistierten Reproduktion und die kulturelle Herstellung von Verwandtschaft und Familie in verschiedenen Kulturen. Ihre Ausgangsfragen sind: „Was ist Familie und wer gehört dazu? Welche Dimensionen hat Eltern-Sein und wie wird Abstammung kulturell konzeptualisiert?“ Solche Fragen stellt die Ethnologie der „New Kinship Studies“, die seit den 1980er-Jahren die Verwandtschaftsforschung „von der Biologie befreit, die durch euroamerikanische Prägung entstanden sei.“
Verwandtschaft wird und wurde immer kulturell gemacht -und dieser Entstehungsprozess oft mit Biologismen wie „Blut ist dicker als Wasser“ verborgen, was oft schon den Status von Adoptivkindern kompliziert habe. Neue Reproduktionstechniken (NRT) lassen die biologische Simplifizierung heute vielerorts ins Schwimmen geraten. Denn es sind dabei nicht nur zwei, sondern bis zu fünf Personen im engeren Kreis einer konstruierbaren Elternschaft vorhanden: Mutter, Vater, Eispenderin, Samenspender und Leihmutter. Dazu kämen im weiteren Umfeld noch diverse Medizintechniker*innen, die etwa mit ihren Händen unter dem Mikroskop die Eizelle besamen. „NRT und Adoption konstituieren einen Möglichkeitsraum, auf den sich unterschiedlichste Akteur*innen in ihren Überlegungen und Praxen beziehen. Durch die Linse der NRT lässt sich Verwandtschaft als Ergebnis von Handlungen verstehen.“
Konstanze N‘Guessan erläutert an diversen afrikanischen und islamischen Kulturen Praktiken des Verwandt-Machens -und ist mit dieser interkulturellen Perspektive in diesem Handbuch einmalig. Wir erfahren von einem „Unfruchtbarkeitsgürtel“ in Zentral- und Südafrika, wo NRT trotz der hohen Kosten stark gefragt sind und auf andere als die euroamerikanischen Verwandtschafts-Praktiken treffen. In matrinlinearen Gesellschaften, etwa den Macao in Mozambik, können Vaterpflichten und -privilegien auf den Mutterbruder übergehen; in anderen Kulturen gibt es die „Geist- oder Frauenheirat“, wo Vater- bzw. Schwangerschaft durch Zahlung eines Brautpreises auf einen Ahnen oder eine Frau übertragen werden.
In islamischen Kulturen ist entscheidend, ob diese schiitisch oder sunnitisch sind: Bei Sunniten kann schon die Adoption verboten sein, im weniger restriktiven Schiismus bleiben Adoptivkinder zumindest von der patrilinearen Erbfolge ausgeschlossen; seit einer permissiven Fatwa von Ayatolla Khomeini sind in Iran und Libanon NRT-Kinder erlaubt und Adoptierten gleichgestellt. „Die Frage, wie ‚fremde‘ Kinder durch soziale Praktiken und diskursive Rahmungen der Familie zugehörig gemacht werden stellt sich nicht nur bei NRT-Kindern, sondern immer“, so N‘Guessan, denn Verwandtschaft sei eine „biologisch wie sozial unterdeterminierte, gestaltungsoffene wie gestaltungsnotwendige soziale Ordnung“. Damit stellt sie sich dem reaktionär-neoliberalen Mythos von der biologistisch verabsolutierten bourgeoisen Familie ebenso entgegen, wie dies mit breiterer Perspektive der afrikanische Ökonom und Kulturwissenschaftler Felwine Sarr in seinem Manifest Afrotopia tat.
2.Technologie, Schutz und Fürsorge
Thomson und McGeeney stehen mit ihrem britischen „Kinderalltagsprojekt“ in der Tradition materialistisch-feministischer Methodologie, die ihre Forschungstätigkeit eingehend selbstkritisch reflektiert und nach Möglichkeiten „nachhaltigerer Sorge-Relationalitäten“ sucht:
„Die digitalen Medien haben ganz eigene Möglichkeiten geschaffen, die auch neue Arten von erzieherischer Führung erfordern und neue Gebiet ethischer Untersuchungen eröffnen. (…) Junge Menschen in staatlicher Obhut wurden als eine besondere Risikogruppe identifiziert, einschließlich des Risikos in Bezug auf digitale Kulturen… besonders in den Bereichen Adoption und Pflegefamilien kämpfen Sozialarbeiter*innen darum, die Kinder vor der Aufnahme oder der Fortsetzung von Kontakten mit ihren leiblichen Eltern zu bewahren, wenn diese gerichtlich eingeschränkt worden war.“
Digitale Medien, besonders das allgegenwärtige Smartphone, erschweren diese Aufgabe, denn Kinder und Jugendliche verstehen es, sich der Kontrolle zu entziehen. Im Fall der einen Tag wissenschaftlich beobachteten Jasmine wird klar, dass auch sie und ihre Mitschüler*innen die ihnen auferlegten Regeln für den Mediengebrauch zu unterlaufen wissen: „Die ‚Ein-Tag-im-Leben-Methode‘ hat uns diese Art der dichten, affektiven Geometrien einfangen lassen.“ Die Forscher*innen erfahren, wie vermutlich Instagram und Snapchat von minderjährigen Müttern verwendet werden, um Babyfotos zu posten -schon deren Aufnahme wird von der Einrichtung eigentlich untersagt.
Die Konfliktsituation wird von Thomson und McGeeney aus beiden Perspektiven reflektiert: Die Schutzbefohlenen müssen einerseits „beobachtet, überwacht, geschützt und zensiert werden“, andererseits gibt es auch eine „Kinderöffentlichkeit“ mit „den Imperativen: gesehen werden, sichtbar sein, teilhaben in/an einer digitalen Kultur“. Die Autor*innen stellen fest, dass in dieser neuen Kultur „neue Arten der Subjektivität“ entstehen. „Im Kontext einer Aufmerksamkeitsökonomie können wir das Bedürfnis junger Menschen, gekannt und gesehen zu werden, nicht einfach ignorieren“. Jugendliche Medienpraxis unreflektiert „unterdrücken“ zu wollen, halten die beiden Forscher*innen „für irregehend“.
Der emanzipative Ansatz ist bei Thomson und McGeeney deutlich, doch bei der Reflexion des „Neuen“ an der „neuen Subjektivität“ ist noch Luft nach oben. Denken wir an eine 1950er-Jahre-Werbung für Dosen-Ananas: „Toast Hawaii! Da werden Ihre Nachbarn staunen!“ Foodporn auf Instagram posten ist vielleicht nur überkommene Subjektivierung in digitalisierter Werbeästhetik, die kunstvolle Beleuchtung und Belichtung von damals wird heute durch einen das Foto farblich aufpeppenden digitalen „Filter“ ersetzt.
Fazit
Die emanzipatorische Haltung ist löblich, doch leider gelingt der Transfer der Medienkritik von Adorno ff. auf die Digitalisierung durch die Bank nur ungenügend. Die zweifelhafte Referenz von Heidegger als Paten der Technikkritik überzeugt ebenso wenig wie der gelegentliche, hilflos wirkende Verweis auf neueste Ansätze wie Shoshana Zuboffs „Überwachungskapitalismus“. Dabei wäre bei Kenntnis der kritischen Diskurse zu Computer- und Internetkultur gar nicht nötig, das Rad neu zu erfinden: Der Adorno-Experte Mark Poster etwa kombiniert seit 30 Jahren Freudomarxismus mit postmodernen Ansätzen, etwa den Heidegger implizit weiterführenden Theorien von Michel Foucault, bei seiner Digitalmedienkritik.
Den meisten Beiträgen scheinen auch tiefer gehende Kenntnisse der technologischen und politischen Hintergründe der Digitalisierung zu fehlen, mit den beiden Ausnahmen des Professors für Digital Humanities (Sussex) David M. Berry und des Diplom-Informatikers Marius Melzer, der beim Chaos Computer Club ein Schülerprojekt betreibt. Bei Melzer bleibt die Warnung vor Manipulation im Internet nicht vage, sondern er führt konkret die wohl dramatischste Auseinandersetzung auf diesem Gebiet an:
„Das Beispiel Julian Assange zeigt dies deutlich: Die nach heutigem Wissensstand fingierten Vergewaltigungsvorwürfe (Melzer 2020) führten dazu, dass die vorhergegangene Wikileaks-Veröffentlichung „Collateral Murder“, die zeigte wie US-Soldaten im Irakkrieg lachend aus einem Hubschrauber auf Zivilisten und Journalisten feuerten, in Vergessenheit geriet.“ (S.114)
Die mit nur einem Satz allzu sparsame Erwähnung dieser digitalen Medienschlacht um die (nicht nur Medien-) Geschichte schreibende Enthüllungsplattform Wikileaks brachte einen gravierenden Fehler: In der Literaturliste wurde beim Quellennachweis der Vorname von N.Melzer offenbar zu M.Melzer fehlkorrigiert. Man nahm wohl ein Selbstzitat von Marius Melzer an und kannte nicht den wirklich zitierten weltberühmten Autor Nils Melzer, den UNO-Folterbeauftragten und Schweizer Professor für Völkerrecht. Nils Melzer hatte die gegenwärtige Folter des Wikileaks-Gründers Julian Assange angeprangert, den er als Opfer einer perfiden Intrige sieht. Er hatte in schockierenden Artikeln und seinem Buch „Der Fall Assange“ detailliert enthüllt, wie mutmaßlich Geheimdienste die Regierungen der USA und Großbritanniens sowie die schwedische Justiz den politisch verfolgten Assange als Vergewaltiger abgestempelt hatten. Diese Fakten wurden in westlichen Medien jedoch weitgehend vertuscht, was den Irrtum von Verlag, Lektoren und Korrekturat begründen dürfte. Somit wird dieses Handbuch selbst zu einem Beispiel gelungener Medienmanipulation im Digitalzeitalter.

Rita Braches-Chyrek, Jo Moran-Ellis, Charlotte Röhner, Heinz Sünker (Hrsg.): Handbuch Kindheit, Technik und das Digitale. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 422 S., 69,90 Euro.