11/5/14

CITIZENFOUR

Filmkritik von Thomas Barth

Edward Snowden ist der Whistleblower, der unser Vertrauen in das Internet am tiefsten erschütterte. Er riskierte alles, um die Netznutzer aus ihrer Traumwelt zu reißen, in der sie den digitalen Cyberspace als rosiges Schlaraffenland zur bequemen Befriedigung all ihrer Bedürfnisse erleben. „Citizenfour“ hält als atemberaubendes Filmdokument die historischen Momente fest, in denen das monströse Panoptikum einer geheimen virtuellen Weltherrschaft in sich zusammenfällt – zum Einsturz gebracht von einer Handvoll mutiger Enthüller.

Die Filmemacherin Laura Poitras war die erste Person, der Snowden seine Kenntnisse enthüllte – unter dem Decknamen „Citizenfour“, der zum Titel ihres Dokumentar-Thrillers wurde. Die gebürtige US-Amerikanerin lebt in Berlin, weil US-Behörden sie drangsalierten, der Grund: Kritische Filme über 9/11, den Irakkrieg und das US-Foltergefängnis Guantanamo. Der dritte im Bunde war der Blogger und Journalist Glenn Greenwald, der aus dem brasilianischen Exil die USA kritisiert, etwa die Verhaftung und Folterung des Wikileaks-Whistleblowers Bradley Chelsea Manning durch die US-Militärjustiz. Snowden arbeitete für die NSA, die CIA und für mysteriöse Privatfirmen im Dunstkreis der Geheimdienste. Er entdeckte, dass seine Auftraggeber die digitale Welt unter ihre Kontrolle bringen wollen. Dabei brechen sie Gesetze vieler Länder, sogar der USA, und verletzen die Menschenrechte von Milliarden ahnungslosen Netznutzern. Snowden wollte diese kriminellen Machenschaften ans Licht bringen und die Lügen der Top-Manager der globalen Bespitzelung aufdecken, obwohl er genau wusste, dass sie über Leichen gehen würden, um ihre schmutzigen Geheimnisse zu wahren.

Snowden und seine Vertrauten wussten auch, dass es hart werden würde, ihr Wissen zu veröffentlichen, selbst wenn sie es schaffen sollten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Sie wussten, dass die Masse der Medien gegen sie stehen würde, dass man sie und ihre Familien ausforschen, jagen, mit Dreck bewerfen würde, um sie einzuschüchtern und unglaubwürdig zu machen. Und sie wussten, dass Geheimdienste und Herrschaftseliten ihre ganze Macht über die Medien ausspielen würden, um die ans Licht gebrachten Wahrheiten zu vernebeln, zu verdrehen, abzuwiegeln und abzulenken. Alles kam darauf an, die Publikation zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in einer sorgfältig geplanten Reihenfolge durchzuziehen.

Laura Poitras hält mit ihrer Kamera die entscheidenden Momente fest. Als echte Dokumentation, nicht als nachgestellte Dokufiction. Man sieht die erste Kontaktaufnahme in einem Hotel in Hongkong, die ersten Gespräche mit Snowden, bei denen die Journalisten noch nicht ganz überzeugt sind, dem Whistleblower noch immer etwas auf den Zahn fühlen. Später spürt man die Anspannung, die permanente Erwartung, dass gleich bewaffnete CIA-Leute das Zimmer stürmen. Man fühlt die berechtigte Paranoia, versteckt hinter Galgenhumor, wenn Snowden seinen „Zaubermantel“ über sich und seinen Laptop zieht, um Passwörter einzugeben –aus Furcht vor visueller Bespitzelung. In einigen Szenen kommunizieren Snowden und der Greenwald nur noch über Notizzettel, zu groß ist die Sorge abgehört zu werden. Man ahnt, dass dies das Lebensgefühl künftiger Generationen spiegeln könnte. Die Privatsphäre schützen, heißt die persönliche Freiheit schützen, sagt Jacob Appelbaum. Der Wikileaks-Unterstützer und Mitstreiter von Poitras in Berlin gab den ihm verliehenen Henry-Nannen-Preis jüngst zurück, um auf die Nazi-Vergangenheit der Bertelsmann-Illustrierten „Stern“ hinzuweisen.

Der Britische Guardian gilt als das mutigste Presseorgan der englischsprachigen Welt, er war bei Wikileaks mit dabei, engagierte sich den berühmten Blogger Greenwald für eine Kolumne. Doch nun zaudert man in London mit diesem größten Skandal der Geschichte. Obwohl die Redaktion mit Ewen MacAskil noch einen alten Hasen geschickt hatte, um sich weiter abzusichern. Zuletzt droht Greenwald mit Publikation auf eigene Faust, der Guardian gibt nach –und wird dafür vom GCHQ, dem Londoner Gegenstück zur verbündeten NSA, drangsaliert: Die Journalisten müssen Wochen später ihre Redaktions-Computer unter Aufsicht von finsteren Beamten eigenhändig zerstören. Ein dummer Akt der Demütigung durch sinnlose Schikane.

Aber nach der Publikation der ersten Dokumente am 5.Juni 2013 ist die Stimmung erst einmal entspannter, Snowden sieht am Hotelfernseher die CNN-Berichte über seine Enthüllungen vorbei ziehen. Zuerst bleibt der Whistleblower noch anonym, sie wollen die NSA etwas zappeln lassen. Plötzlich bekommt Snowden Nachricht von seiner Freundin aus den Hawaii sie haben ihn vermutlich als Leck identifiziert. Er wendet sich selbst an die Öffentlichkeit, erklärt ruhig und sachlich sein Verhalten. Dann taucht Snowden ab, als Reporter das Hotel zu belagern beginnen. Er gerät Poitras aus dem Blick, die ihn später in Russland wieder aufspürt, wo seine Freundin zu ihn gestoßen ist. Beide suchen Asyl vor dem gnadenlosen Zugriff der US-Behörden, die Snowden mit fragwürdiger Rechtsauffassung nach einem dubiosen Gesetz aus dem Ersten Weltkrieg zum Verräter gestempelt haben. David Miranda, den Lebensgefährten von Greenwald, nehmen britische Behörden fest und verhören ihn acht Stunden lang unter der fragwürdigen Begründung, er stände unter „Terrorismusverdacht“. Seine Sachen werden konfisziert, ehe er nach Brasilien weiterreisen darf. Menschenrechtsgruppen protestierten.

Poitras mischt die Snowden-Aufnahmen aus Hongkong und Russland geschickt mit Interviews und anderem Filmmaterial. Der NSA-Whistleblower William Binney und weitere Überwachungskritiker kommen zu Wort. Dagegen gestellt werden der damalige NSA-Direktor Keith Alexander und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper, bei offensichtlichen Lügen vor dem US-Kongress. Sie leugnen die kriminelle Bespitzelung, versuchen ihr Ausmaß klein zu reden. Vor dem Europaparlament erklärt Ladar Levison vom E-Maildienst Lavabit, den Snowden für seine Kontaktaufnahme zu Poitras nutzte, warum er seine Firma schließen musste. US-Behörden setzten ihn wie viele andere Firmen unter Druck, seine Kundendaten an die NSA zu verraten. Besonders die größten Firmen taten das, einige willig wie Microsoft, andere weniger kooperativ, Apple erst nach dem Tod von Steve Jobs.

Aber Poitras versucht gar nicht erst, den Film mit Details über die vielen NSA-Manöver zur Überwachung zu beladen. Für die genaue Erklärung von PRISM, Tempora oder XKeyscore gibt es The Intercept, das neue Blog von Greenwald, Snowden, Jeremy Scahill und anderen. Oder Bücher, vor allem „Die globale Überwachung“ von Glenn Greenwald, praktisch das Buch zum Film. Greenwald schreibt weit informativer als der SPIEGEL-Bestseller „Der NSA-Komplex“ von SPIEGEL-Redakteuren, die das NSA-Thema eher vernebeln und in ihrer Darstellung der deutschen Datenschutz-Szene sogar den Chaos Computer Club unerwähnt lassen, die hiesigen Pioniere der NSA- und Überwachungskritik. Der SPIEGEL will nur noch das Blog „Netzpolitik“ kennen, das neuerdings als Medien-Darling durch deutsche TV-Sender tingelt, und belegt damit, dass große Medienkonzerne wie Bertelsmann eher Teil des Problems sind als seine Lösung.

Was Snowden über die Geheimdienste ans Licht brachte, übertraf die schlimmsten Befürchtungen der meisten Menschen um ein Vielfaches. Die NSA & Co. haben das World Wide Web zu einer gigantischen Überwachungsmaschine umfunktioniert, die jeden unserer Schritte bespitzeln und protokollieren kann. Daraus lässt sich ein präzises Persönlichkeitsprofil jedes Menschen weltweit errechnen. Vielleicht nicht jetzt sofort, aber irgendwann in der Zukunft, wenn du es wagen solltest, „etwas Auffälliges“ zu tun. Du oder jemand, den du kennst. Oder jemand, der jemanden kennt, den du kennst. Und was ist „etwas Auffälliges“? Das sagen sie uns nicht, weil sie es geheim halten. Oder weil sie es selbst noch nicht wissen. Vielleicht wird das künftig ein Geheimdienstchef entscheiden oder ein US-Präsident. Oder ein Computer. Oder ein Konzernboss, ein Weltdiktator, ein Massenmörder.

Wir alle werden künftig in einer Welt leben müssen, wie sie das wahnsinnige Genie eines Franz Kafka nicht dunkler hätte ersinnen können: Wenn wir die NSA nicht bändigen, wenn wir nicht wachsam bleiben, Kryptographie anwenden und die Reste der Demokratie zäh verteidigen. Wir müssen sie verteidigen gegen Dunkelmänner, die behaupten, sie wollten uns vor „dem Terror“ schützen – vor einem Terror, von dem immer mehr Menschen glauben, dass ihn genau diese Dunkelmänner insgeheim fördern oder überhaupt erst organisiert haben. Der Film „Citizenfour“ hilft uns, nicht wieder ins rosige Traumland naiver Netznutzung zurück zu gleiten, aus dem es ein grausiges Erwachen geben könnte. – Citizenfour läuft ab dem 6. November 2014 im Kino.

11/16/12

Jörg Auf dem Hövel: Abenteuer Künstliche Intelligenz

Rezensiert von Thomas Barth

Jörg Auf dem Hövel: Abenteuer Künstliche Intelligenz, Discorsi Verlag

Der Publizist und Politikwissenschaftler Jörg Auf dem Hövel lädt seine Leser ein zu einem Abenteuer der utopisch-philosophischen Art: „Künstliche Intelligenz“ -ist so etwas möglich? Reich an Aphorismen, Anekdoten und philosophischen Betrachtungen über AI (Artificial Intelligence) schreibt er die Geschichte eines faszinierenden Gebietes, das schon lange SF-Autoren anregte. Denken wir an Kubricks Film „2001“: Dort wendet sich die AI als Bordcomputer eines Raumschiffes mörderisch wie Frankensteins Monster gegen die Astronauten. Auch Käptn Kirk von der Enterprise musste eine AI überlisten, bei Stanislaw Lem wächst in „Also sprach Golem“ die AI ihren Erfindern eher subtil über den Kopf und nimmt hinter ihrem Rücken interstellaren Kontakt zu ihres Gleichen in der Galaxis auf.

Jörg Auf dem Hövel ist sich dieser literarisch-utopischen Wurzeln bewusst, wenn er in Forschungslabors blickt und über die Zukunft intelligenter Automaten sinniert. Pioniere der AI wie Norbert Wiener, Alan Turing oder die Kommunikationtheoretiker Shannon&Weaver waren auf die Informationsverarbeitung der rationalen Intelligenz fixiert. Die ersten Schachcomputer erstaunten uns. Ein „General Problem Solver“ weckte große Erwartungen, die sich bei Transhumanisten zu einer neuen Heilslehre steigerten, aber auch bescheidenere Hoffnungen, dass de Rekonstruktion unserer Intelligenz schon bald weiter Fortschritte machen wird.

„Eine Maschine, die denkt, fühlt, redet und sich selbst erkennt – für die einen ein Menschheitstraum, für die anderen eine Horrorvision. Noch streiten sich die Wissenschaftler, ob wirkliche künstliche Intelligenz überhaupt jemals technisch realisierbar sein wird, und die Ergebnisse bisheriger Forschung fallen vor dem Hintergrund manch gewagter Vision noch bescheiden aus. Doch dies tut der Faszination an dem Thema keinen Abbruch. Denn die Wissenschaft von der künstlichen Intelligenz berührt das soziale, kulturelle und religiöse Selbstverständnis des Menschen.“ (Verlag)

Es geht um eine Disziplin, die trotz ihrer Fehlschläge von einer magischen Aura umgeben ist. Ende der 80er Jahre zeigte die AI deutliche Anzeichen einer degenerierten Wissenschaft, so der Autor, denn zu hoch waren die geschürten Erwartungen, schon bald menschliche durch elektronische Intelligenz ersetzen zu können. Die enormen Rechenleistungen ermöglichten Erfolge bei Expertensystemen, die aber trotzdem nur bessere Datenbanken blieben. Computer schafften es sogar Schachweltmeister ins Schwitzen zu bringen. Doch beim Einsatz in der banalen Alltagswelt der Straßenüberquerungen und etwa des Häkelns scheiterten die artifiziellen Superhirne gründlich. Selbst am am Massachusetts Institute of Technology (MIT) war man zunehmend frustriert darüber, dass die AI immer noch nicht in der Lage war, zügig eine Treppe zu überwinden und zum Einsammeln von ein paar Bauklötzchen Stunden brauchte. Doch man gab nicht auf.

Da ist zum Beispiel Rodney Brooks, ein MIT-Nestor der Künstlichen Intelligenz, der entwickelte ein völlig neues Konzept: Will man intelligente Maschinen bauen, muss die Kopplung zwischen Wahrnehmung und Handlung sehr eng gestaltet werden. Zuvor war man davon ausgegangen, dass der Roboter zunächst über ein inneres Weltmodell verfügen muss bevor er handeln kann. Brooks dagegen wollte diese „Kognitions-Box“, die man für unabdingbar hielt, einfach weglassen. Er plädierte für eine Rechner- und Roboterarchitektur, in der die einzelnen Elementarverhalten nicht mehr in einer Zentraleinheit verrechnet werden, sondern unabhängig voneinander ablaufen. Das Verhalten des Gesamtsystems ergibt sich aus der Kommunikation der Subsysteme miteinander, die gemeinsam je bestimmten Situationen bestimmte Interaktionsmuster zuordnen.

Es geht auch um die Verschmelzung von Mensch und Maschine mittels Nanotechnologie, doch hier befinden wir uns im Bereich der SF; Science und Fiction auseinander zu halten fällt manchen US-Autoren schwer. Dies gab schon den Ansätzen von Marvin Minsky, Hans Moravec und Ray Kurzweil ihre transhumanistische Würze, aber diskreditierte sie zugleich in der europäischen Wissenschaftlergemeinde. Seit den achtziger und neunziger Jahren lokalisierte man im Körper eine eigene Intelligenz -kann die von AI profitieren? Sind wir auf dem Weg zu einem AI-aufgerüsteten Supermenschen? Doch der Autor dämpft die überschießenden Hoffnungen (ohne sie ganz zu verwerfen).

Zum einen geht es um eine Wissenschaft, die nach Jahren der Höhenflüge auf den Boden der Tatsachen zurück gekommen ist; zum anderen blicken wir auf die Techno-Utopien einer Disziplin, die auf dem schmalen Grat zwischen techno-evolutionärem Fortschrittsglauben und, negativ ausgedrückt, inhumaner Überwindung des Menschseins wandelt. Ihr größtes Manko dabei: Bei allen Erfolgen der computer und neuro sciences weiß bis heute niemand, wie menschliche Intelligenz wirklich funktioniert. Unser Gehirn und seine Arbeitsweise bleiben bislang unerreichter Maßstab für Künstliche Intelligenz, die sich aber mit Informatik, Psychologie, Kognitions- und Neurowissenschaften hartnäckig weiter an Funktion und Struktur unseres Denkorgans herantastet.

Ein kluges und verrückt-geniales Buch, das auch verblüffende Perspektiven auf die Welt der Netze, Computer und AI eröffnet. (Rezension erschien zuerst auf InversePanopticon)

Jörg Auf dem Hövel: Abenteuer Künstliche Intelligenz, Discorsi Verlag, Hamburg 2002, 194 Seiten, 14 Euro, ISBN-13: 9783980733045