10/3/25

Grenzpolizist Big Brother: Migrations-Management-KI

Die folgende Erläuterung der regierungseigenen Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) für KI im Einsatz gegen Migration (euphemistisch: „Migrationsmanagement“), erläutert einige Aspekte dieser Problematik. Seit 9/11 führen nicht nur die USA, sondern offenbar „der Westen“, also auch wir, einen „Krieg gegen den Terror“, der eine Einschränkung von Bürgerrechten beinhaltet. Kontrolliert wird dabei prinzipiell jeder von uns, speziell aber die Gruppe der sogenannten „Gefährder“, die sich offenbar insbesondere bei Migranten finden lässt; ihr Merkmal ist „eine nicht näher konkretisierbare Gefährlichkeit, die sich in der Zukunft ausbilden könnte. (…) Ziel ist hierbei, schwer bestimmbare konkrete Zeitpunkte und Formen eines terroristischen Anschlags zu kontrollieren und damit auch aufsteigende Ängste in der Bevölkerung zu reagieren.“ Siehe: „Gefährder“: Der Migranten-Minority Report.

Ängste der Bevölkerung sollen also „reagiert werden“ (nicht auf sie reagieren!); ein typischer Freudscher Versprecher, bei dem die wahre Intention entschlüpfte? Sollen unsere Ängste „reagiert werden“, also reaktiviert, abreagiert oder agitiert werden? Ängste helfen Machthabern, Bevölkerungen zu kontrollieren und in ihrem Sinne zu manipulieren. Ängste machen Menschen bereit zum Hass, zur Blindheit für vernünftige Lösungen, zur fanatischen Aufrüstung und Militarisierung. Andersartige, Andersfarbige, Migranten sind dafür die naheliegenden Sündenböcke, vor denen im Sinne reaktionärer und rechtsextremer Ideologien Angst geschürt werden soll. Wo Multi-Milliarden und Billionen für Rüstung (statt für die Menschen) ausgegeben werden, fällt auch für BigTech und KI einiges ab: Die gleich genannte Überwachungsfirma ANDURIL klingt nicht zufällig ähnlich wie Peter Thiels PALANTIR. Projekte zur Emotionserkennung, KI-Lügendetektoren und vorausschauender Polizeiarbeit (engl. predictive policing) laufen bereits.

Wie dabei KI gegen Migranten eingesetzt wird erläutert für die Bundesregierung das bpb im jetzt folgenden Text von Petra Molnar. KI dient dabei für Prognosen zum Migrationsgeschehen, für Grenz- und Fernüberwachung, für Identitäts- und biometrische Systeme, Gesichtserkennung, Asyl- und Visumsbearbeitung, für die Steuerung von „Alternativen zur Inhaftierung“, die auf ständige Überwachung hinauslaufen. KI bildet den digitalen Stacheldrahtverhau auf den künftigen „smart borders“, die sozial benachteiligten Migranten jene Freizügigkeit rauben, die wohlhabenden Touristen (einstweilen noch) offensteht. Das völkerrechtlich gebotene (!) Asylrecht bleibt dabei auf der Strecke, wenn automatisierte Entscheidungen mit digitalem racial Bias oder ähnlichem Unrecht fallen. (T.Barth) Folgender Text übernommen von bpb:

Künstliche Intelligenz im Migrationsmanagement: Chancen, Herausforderungen und Risiken

Petra Molnar (bpb) 04.09.2025 / 9 Minuten zu lesen

Weltweit wird künstliche Intelligenz zunehmend im Migrationsmanagement eingesetzt – auch in der EU und in Deutschland. Welche Entwicklungen, Chancen und Risiken gehen damit einher?

Überwachungsturm von Elbit Systems, Arizona, USA. Solche Überwachsungstürme entlang der Grenze zu Mexiko erkennen mithilfe von KI-Überwachung Bewegungen und sollen so dabei helfen, Personen in der Sonora-Wüste im Südwesten der USA abzufangen. (© Petra Molnar, Abbildungen fehlen hier aufgrund urheberrechtlicher Gründe)

Künstliche Intelligenz (KI)

verändert in rasanter Geschwindigkeit die Art und Weise, wie Regierungen Migration steuern und Grenzen kontrollieren. Von prognosebasierter Datenanalyse und Identitätsprüfung bis hin zu Grenzüberwachung und Asylentscheidungen – KI-Technologien werden zunehmend in die Infrastruktur der Migrationskontrolle in Europa und weltweit integriert. Dabei wird argumentiert, dass neue Technologien wie KI die Steuerungssysteme im Migrationsmanagement effizienter, sicherer und kostengünstiger machen können. Angesichts der aktuellen Entwicklungen im Bereich der digitalen Technologien bestehen jedoch auch ernsthafte Risiken für die Menschenrechte, die Privatsphäre und die Grundsätze des Asylrechts. Dieser Artikel basiert auf jahrelangen Forschungsarbeiten an verschiedenen Grenzen weltweit und gibt einen Überblick darüber, wie KI im Migrationsmanagement in Europa und weltweit eingesetzt wird. Wichtige Debatten über die Auswirkungen dieser Entwicklung auf Recht, Ethik und Gesellschaft werden dabei ebenfalls in den Blick genommen.

Wo und wie wird KI eingesetzt?

Weltweit und in der gesamten Europäischen Union (EU) wird KI mittlerweile in verschiedenen Phasen des Migrationsmanagements eingesetzt. Zu den wesentlichen Feldern gehören:

Grenzüberwachung: KI-gestützte Systeme werden zur Überwachung von Grenzen eingesetzt. Beispielsweise integriert das Europäische Grenzüberwachungssystem (Eurosur) Satellitenbilder, Drohnen und andere Sensordaten, die mit KI analysiert werden, um die Außengrenzen zu überwachen – insbesondere im Mittelmeerraum. An Landgrenzen und Flughäfen werden Algorithmen zur Gesichtserkennung und Objekterkennung eingesetzt, um Personen zu identifizieren, die irregulär einreisen oder als risikoreich gelten. In den Vereinigten Staaten stellen Unternehmen wie die US-amerikanische Firma Anduril autonome Überwachungstürme entlang der Südgrenze bereit, die mithilfe von KI-Überwachung Bewegungen erkennen und verfolgen und dabei helfen sollen, Personen in der Sonora-Wüste im Südwesten der USA abzufangen.

Identitäts- und biometrische Systeme: KI kann auch bei der Verarbeitung biometrischer Daten wie Fingerabdrücken, Iris-Scans und Gesichtsbildern zur Identitätsprüfung helfen. Eurodac, die EU-Datenbank, in der Fingerabdrücke von Asylbewerber:innen gespeichert werden, nutzt KI für einen effizienteren und genaueren Abgleich. In Deutschland hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine Software zur Erkennung von Sprachen und Dialekten getestet, die die Herkunft von Personen, die einen Asylantrag gestellt haben, feststellen soll. Der Einsatz dieser Software hatte in der Folge Debatten darüber ausgelöst, wie genau und fair solche Systeme und ihre Ergebnisse sind. Die deutsche Bundespolizei setzt an wichtigen Verkehrsknotenpunkten und Grenzen biometrische und Gesichtserkennungstechnologien ein, darunter auch prognostische Komponenten. Gleichzeitig helfen automatisierte Dokumentenprüfsysteme dabei, gefälschte Reisedokumente zu identifizieren.

Asyl- und Visumsbearbeitung: KI-Anwendungen werden zunehmend zur Prüfung von Visums- und Asylanträgen eingesetzt. Einige Länder wie Kanada verwenden Algorithmen zum automatisierten Vorsortieren von Visumanträgen, während die Vereinigten Staaten Risikobewertungsalgorithmen einsetzen, die die Daten der Antragstellenden analysieren, um potenzielle Betrugs- oder Sicherheitsrisiken vorherzusagen, und dafür auch Daten verwenden, die aus sozialen Medien gesammelt wurden. Diese Systeme versprechen zwar Effizienz, werfen jedoch Bedenken hinsichtlich algorithmischer Verzerrungen, ordnungsgemäßer Verfahren und des Rechts auf individuelle Beurteilung auf. In Deutschland setzt das BAMF maschinelle Übersetzungsprogramme ein, um das Dolmetschen von Anhörungen im Asylverfahren und die automatisierte Dokumentenprüfung zu unterstützen. Fragen hinsichtlich ihrer Genauigkeit und möglichen Auswirkungen auf Asylentscheidungen bleiben hier bisher offen.

Prognosen zum Migrationsgeschehen: Regierungen und internationale Behörden wie die EU-Grenzschutzagentur Frontex nutzen KI zur Analyse großer Datensätze – darunter Daten aus sozialen Medien und Klimadaten –, um Migrationsmuster vorherzusagen. Diese zukunftsprognostizierenden Analysen sollen Frühwarnsysteme und die Ressourcenplanung unterstützen. Allerdings sind diese Modelle zur Vorhersage von Migrationsbewegungen oft nicht transparent. Befürchtet wird hierbei, dass sie zu präventiven Grenzschließungen oder Kontrollmaßnahmen sowie zu Aktivitäten wie dem Abfangen von Schutzsuchenden und illegalen Zurückweisungen ( Pushbacks) führen können.

Fernüberwachung und ‚Alternativen‘ zur Inhaftierung: Elektronische Fußfesseln, GPS-fähige Smartphones und Ortungsgeräte sowie KI-gesteuerte Check-in-Systeme werden als Alternativen zur Inhaftierung von Einwanderer:innen beworben, sind jedoch oft mit einer ständigen Überwachung verbunden. Diese Technologien werden in den USA, Großbritannien und anderen Ländern eingesetzt und manchmal an private Unternehmen ausgelagert.

Wer entwickelt und fördert diese Systeme?

An der Entwicklung von KI im Migrationsmanagement sind sowohl staatliche als auch privatwirtschaftliche Akteure beteiligt. Große Technologieunternehmen, Rüstungsfirmen und KI-Startups entwickeln und vermarkten Anwendungen für Regierungen. In Europa unterstützt die EU-Grenzschutzagentur Frontex technologische Innovationen, während die Finanzierung aus regionalen Forschungsprogrammen wie Horizon 2020 und dem Fonds für innere Sicherheit (ISF) stammt. Insbesondere Deutschland hat über das BAMF und die Bundespolizei in Identitätsfeststellungen anhand biometrischer Merkmale, Sprachanalyse und automatisierte Systeme zur Dokumentenanalyse investiert. An mehreren von der EU finanzierten Pilotprojekten waren auch deutsche Partner:innen beteiligt, darunter Universitäten und Forschungsinstitute.

Maritime Überwachungsdrohne auf der DEFEA-Konferenz in Athen, einer internationalen Fachausstellung für Verteidigung und Sicherheit. (© Petra Molnar)

Staaten wie die USA, Kanada und Australien sind ebenfalls führend im Bereich des Einsatzes von KI an ihren Grenzen und arbeiten häufig mit Technologieunternehmen wie den US-amerikanischen Firmen Palantir und Anduril oder der israelischen Firma Elbit Systems zusammen. Das Interesse des privaten Sektors ist Teil eines wachsenden und lukrativen, mehrere Milliarden Euro schweren „Industriekomplexes“ im Bereich der Grenzsicherung, in dem private Gewinninteressen und öffentliche Sicherheitsinteressen einander ergänzen.

Internationale Organisationen – darunter die Internationale Organisation für Migration (IOM) und das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) – prüfen den Einsatz von KI-Anwendungen, um Menschen auf der Flucht zu registrieren, zu überwachen und Hilfsgüter zu verteilen, teilweise in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Privatwirtschaft. Während diese Anwendungen als humanitäre Innovation dargestellt werden, werden gleichwohl oft sensible Daten unter ungleichen Machtverhältnissen gesammelt, die zwischen dem Globalen Norden und Süden oder zwischen Hilfsorganisationen und Menschen in Not bestehen.

Chancen und Versprechen

Akteur:innen, die den Einsatz von KI im Migrationsbereich befürworten, verweisen auf mehrere potenzielle Vorteile. So wird häufig Effizienz als einer der wichtigsten Treiber für den Einsatz von KI-Anwendungen genannt. Staaten, die KI einsetzen argumentieren, dass die Automatisierung von Routineaufgaben Rückstände bei der Bearbeitung von Asyl- und Visumsanträgen reduzieren, die Datenanalyse optimieren und die Koordination zwischen den Behörden verbessern kann. Ein weiterer wichtiger Treiber ist das Versprechen der Genauigkeit und die Tatsache, dass KI den biometrischen Abgleich und die Identitätsprüfung verbessern und damit Betrug und Verwaltungsfehler reduzieren kann. Im Kontext des derzeitigen Fokus auf Sicherheit, der die Politikgestaltung im Bereich des Migrationsmanagements prägt, zielen die KI-gestützte verbesserte Überwachung und Risikobewertung darauf ab, irreguläre Grenzübertritte oder gefälschte Dokumente aufzudecken. Schließlich ist auch die Vorhersagekraft der KI verlockend, da KI-gestützte Prognosen als Möglichkeit dargestellt werden, sich auf umfangreiche Migrationsbewegungen vorzubereiten, humanitäre Maßnahmen zu unterstützen und Ressourcen besser zu verteilen.

Mit solchen Vorteilen vor Augen werden von Staaten und der Privatwirtschaft Investitionen in KI begründet, mit dem Ziel sogenannter „intelligenter Grenzen“ (smart borders). Diese sollen sowohl sicher als auch technologisch fortschrittlich sein. In Deutschland werden solche Innovationen auch als Teil einer umfassenderen Digitalisierung des Migrationsmanagements angesehen, die mit den EU-Strategien für die digitale Transformation im Einklang steht.

Herausforderungen und Kritik

Trotz dieser Versprechen argumentieren Akteure aus der Zivilgesellschaft, Forschende und Betroffenen, dass der Einsatz von KI im Migrationsmanagement ernsthafte ethische und rechtliche Risiken birgt. Beispielsweise können KI-Systeme Diskriminierung und systemischen Rassismus verschärfen, da sie oft die Vorurteile in den Daten widerspiegeln, mit denen sie trainiert wurden. So ist etwa die Gesichtserkennung bei Menschen mit dunklerer Hautfarbe weniger genau, was das Risiko für Fehler bei ihrer Identifizierung erhöht. Risikobewertungssysteme können Angehörige bestimmter Nationalitäten oder ethnischer Gruppen unverhältnismäßig stark benachteiligen. Außerdem mangelt es erheblich an Transparenz bei der Entwicklung und dem Einsatz neuer Technologien. Bei vielen KI-Systemen weiß die Öffentlichkeit nur wenig darüber, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Diese Undurchsichtigkeit untergräbt die Rechenschaftspflicht und macht es für Betroffene schwierig, schädliche Folgen anzufechten, wenn Fehler gemacht werden.

Hightech-Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Kos. (© Petra Molnar)

Auch die Rechte auf Privatsphäre und Datenschutz sind betroffen: Werden biometrische und personenbezogene Daten gesammelt, gespeichert und analysiert, birgt dies erhebliche Risiken für die Privatsphäre, insbesondere wenn es um sensible Daten von marginalisierten Gruppen wie Menschen auf der Flucht geht. Die unbefugte Weitergabe von Daten und Hackerangriffe sind ebenfalls reale Bedrohungen. Zudem können Menschen auf der Flucht, die sich in einer prekären Lage befinden, oft keine sinnvolle Einwilligung in die Erfassung und den Umgang mit ihren Daten geben.

Rechtlich gesehen können KI- und Überwachungstechnologien, die Menschen daran hindern in Sicherheit zu gelangen, das bestehende Recht auf Asyl untergraben. Automatisierte Entscheidungen können außerdem dazu führen, dass Schutz überproportional verweigert wird oder es aufgrund fehlerhafter Risikobewertungen zu vermehrten Inhaftierungen kommt. Rechtliche Risiken dieser Art stünden im Widerspruch zum geltenden Völkerrecht, das eine individuelle Prüfung von Asylgesuchen und das Non-Refoulement-Prinzip

beinhaltet. Auch ist oft unklar, wer für durch KI verursachte Schäden verantwortlich ist und haftbar gemacht werden kann – der Staat, ein Auftragnehmer, der Softwareentwickler oder die Person bei der Einwanderungsbehörde, die die Anwendung verwendet? Oft ist der Rechtsschutz in diesem neueren Bereich wenig ausgeprägt, was das Einlegen von Rechtsmitteln erschwert – insbesondere in Grenzgebieten, die bereits von intransparenten und ermessensabhängigen Entscheidungen geprägt sind.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Kontrolle

Derzeit ist die globale Regulierung im Bereich der KI noch schwach, wobei Innovationen Vorrang vor rechtsbasierten Ansätzen für digitale Grenzkontrolltechnologien haben. Allerdings gelten mehrere internationale und regionale Rechtsinstrumente für den KI-Einsatz im Migrationsbereich. So schützt beispielsweise der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) das Recht auf Privatsphäre (Artikel 17) und das Recht auf Freiheit und Sicherheit (Artikel 9). Diese Rechte müssen im Migrationskontext auch bei der Anwendung von Technologien gewahrt werden. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 verpflichtet die Staaten zudem, Zugang zu Asyl zu gewähren und verbietet die Zurückweisung in Gebiete, in denen den betroffenen Personen Folter oder unmenschliche oder erniedrigende Behandlung drohen (Artikel 33). Automatisierte Entscheidungen, die den Zugang zum Asylbegehren blockieren, können gegen diese Schutzbestimmungen verstoßen. Nach EU-Recht regelt die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) die Datenverarbeitung, einschließlich biometrischer Daten, und die EU-Grundrechtecharta garantiert das Recht auf Privatsphäre, Datenschutz und Nichtdiskriminierung. Vor kurzem hat die EU das Gesetz zur Regulierung künstlicher Intelligenz verabschiedet. Allerdings liegt hier nicht der Schutz der Rechte von Menschen auf der Flucht im Fokus.

Deutschland unterliegt als EU-Mitgliedstaat diesen rechtlichen Rahmenbedingungen, entwickelt jedoch auch eigene Durchführungsbestimmungen. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für die Rechte von Flüchtlingen und Migrant:innen einsetzen, haben mehr Transparenz hinsichtlich des Einsatzes von KI in der deutschen Migrationspolitik gefordert, darunter die Offenlegung von Verträgen und Folgenabschätzungen. Die Kontrolle in der Praxis bleibt jedoch begrenzt. Grenzgebiete unterliegen oft Notfall- oder Ausnahmeregelungen. Zudem können private Unternehmen Technologien durch Geschäftsgeheimnisse schützen. Unabhängige systematische Überprüfungen, Folgenabschätzungen und Kontrollmöglichkeiten sind jedoch für eine rechtskonforme Entwicklung und den Einsatz von Technologien an den Grenzen und zur Steuerung der Migration notwendig.

Ausblick

In einer von technologischem Fortschritt geprägten Welt, wird KI voraussichtlich eine immer wichtigere Rolle im Migrationsmanagement spielen. So werden beispielsweise das künftige Einreise-/Ausreisesystem (EES) der EU und das Europäische Reiseinformations- und -genehmigungssystem (ETIAS) KI für das Erstellen von Risikoprofilen und automatisierte Grenzkontrollen nutzen. Projekte zur Emotionserkennung, KI-Lügendetektoren und vorausschauender Polizeiarbeit wurden ebenfalls bereits getestet, allerdings auch weithin kritisiert.

Das ehemalige Flüchtlingslager auf Samos, Griechenland. (© Petra Molnar)

Wissenschaftler:innen und Menschenrechtsorganisationen fordern einen vorsorgenden Ansatz: gründliche Tests, um zu gewährleisten, dass Menschenrechte eingehalten werden, Transparenz und Kontrollmechanismen sowie eine breite öffentliche Debatte, bevor Technologien eingeführt werden. Einige Akteur:innen, darunter das Büro des Hochkommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR), schlagen ein vorübergehendes Aussetzen bestimmter Migrationstechnologien vor, insbesondere in Hochrisikosituationen. Vor allem aber werden die künftigen Entwicklungen der KI im Bereich Migration und an den Grenzen nicht nur von rechtlichen Garantien und demokratischer Rechenschaftspflicht abhängen, sondern auch davon, dass die menschlichen Kosten dieser Technologien anerkannt werden. KI-Systeme sind keine abstrakten Werkzeuge. Sie wirken sich auf reale Menschen aus, die sich oft in prekären und unsicheren Situationen befinden. Es ist wichtig, die Erfahrungen und Rechte von Menschen auf der Flucht in Diskussionen über den Einsatz von KI einzubeziehen.

KI-Anwendungen für das Migrationsmanagement werfen tiefgreifende rechtliche, ethische und soziale Fragen auf. Wenn Regierungen neue Technologien einführen, gilt es sicherzustellen, dass Effizienz und Sicherheit mit Menschenrechten, Würde und Gerechtigkeit vereinbar bleiben. Im Mittelpunkt dieser Debatten stehen Menschen, nicht nur Datenpunkte. Transparente Regeln, eine strenge Kontrolle und die Verpflichtung zu einem menschenzentrierten Design, das auch das Fachwissen der betroffenen Individuen und Communities berücksichtigt, sollten jede zukünftige Nutzung von KI im Migrationsbereich leiten.

Übersetzung aus dem Englischen: Vera Hanewinkel

Fussnoten/Quellen/Literatur

Petra Molnar, The Walls Have Eyes: Surviving Migration in the Age of Artificial Intelligence (2024)

Petra Molnar im Gespräch mit Benjamin Etzold über „intelligente Grenzen“: „Keines dieser KI-gestützten Instrumente ist neutral. Sie dienen einem bestimmten Zweck – der Ausgrenzung.“ (2025)

Mirca Madianou, Technocolonialism: When Technology for Good is Harmful (2024)

OHCHR, Digital Border Governance: A Human Rights Based Approach (2023)

The Migration and Technology Monitor Project

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY-NC-ND 4.0 – Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ veröffentlicht. Autor/-in: Petra Molnar für bpb.de. Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 und des/der Autors/-in teilen. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Originalpublikation: https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/migration-und-sicherheit/570377/kuenstliche-intelligenz-im-migrationsmanagement/

09/30/25

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman, Heyne Verlag 2021

SF-Rezension von Thomas Barth

Nach dem Tagebuch eines Killerbots legt Martha Wells hier eine Fortsetzung nach, die fast in jeder Hinsicht als gelungen gelten kann. Enttäuscht wird allein, wer tatsächlich eine Story über den berüchtigten „Netzwerkeffekt“ (also das, was Microsoft zum ersten digitalen Monopolisten machte, „Social Media“-Angebote tendenziell monopolisiert und es Linux & Co so schwer macht in kapitalistische Märkte einzudringen, mehr dazu unten) erwartet -der Effekt spielt nur eine angedeutete Nebenrolle.

Vielmehr geht es wie im ersten Buch um KI und Cyborgs in ihrem Verhältnis zum Menschen in einer ebenso spannenden wie witzigen Story präsentiert. Unsere Hauptperson, die Cyborg SecUnit, hätte der Techno-Feministin Donna Haraway bzw. ihrem berühmten Cyborg-Manifest alle Ehre gemacht. Und auch die philosophische Bewegung der Neomaterialisten um Bruno Latour u.a. könnte wohl zufrieden sein, da hier einer Entität, die sich selbst als „Ding“ von den Menschen abgrenzt, die Hauptrolle zufällt. Auch wenn diese Abgrenzung mit der Emanzipation der Cyborg von ihren „Besitzern“ zunehmend durchlässiger zu werden scheint. Auch die Kapitalismus- bzw. Neoliberalismus-Kritik von Martha Wells nimmt in diesem Roman an Fahrt auf und deutet Alternativen und Widerstandsformen an.

Wieder legt SecUnit sich mit profitgierigen Konzernen an, die versuchen fremde Planeten zu unterwerfen und auszubeuten. Ihre Arbeit für die utopische Preservation-Kolonie (siehe die Rezension von Killerbot Diaries) geht in dieser Hinsicht weiter und wird durch ein Wiedersehen mit ihrem alten Freund Fifo in eine gefährliche Krise gestürzt. Fifo, kurz für „fieses Forschungsschiff“ ist die Piloten-KI eines wissenschaftlichen Frachters, der SecUnit im ersten Buch half, unterzutauchen. Hier zeigt Fifo sein wahres Gesicht, nachdem SecUnit einer Gefahr durch „Alienreststoffe“ die Stirn bietet.

Martha Wells zeichnet SecUnit zunehmend menschlicher, eine Art kybernetischer Entwicklungroman, ohne dass sie, konformistisch wie Mr.Data bei Star Trek, um Vermenschlichung geradezu betteln würde. So verbittet sie sich menschliche Umarmungen ausdrücklich in ihrem Arbeitsvertrag mit Preservation, kann aber gewisse freundschaftliche Gefühle zu einigen dieser Menschen immer weniger leugnen. SecUnit erweist sich sogar als behütende Mutterfigur einer minderjährigen Tochter der Preservation-Leute. Aber weniger im Sinne der klassischen Rolle denn als wehrhafte Texas-Mom. Diese weist einen zweifelhaften Galan unter massiver Gewaltandrohung in die Schranken, bevor er der Teenagerin an die Wäsche gehen (oder andere eklige Menschensachen anstellen) kann, denen das anfangs rebellische Girl eigentlich nicht ganz abgeneigt war.

Nachfolgende Bedrohungen erfordern dagegen weit drakonischere Mittel, darunter auch eine Dank Super-KI Fifo mögliche Aufspaltung von SecUnit in zwei Personen; anders als die Hauptfigur Agent Cooper im David Lynch-Klassiker Twin Peaks haben wir bei Wells jedoch nicht einen bösen und einen guten Zwilling: beide SecUnits arbeiten für ihre Verhältnisse geradezu harmonisch zusammen, wobei sie allerdings, wie einst bei Stanislaw Lem der Raumpilot Ijon Tychi, zuweilen in Streitereien mit sich selbst geraten.

Preservation“, eine Kolonie für die SecUnit anfangs arbeitet, ist dagegen eine von offenbar wenigen freien Gesellschaften mit Menschenrechten und Sozialstaat, die sogar Cyborgs gewisse Rechte einräumt: Ein fragiles Utopia in einer neoliberalen Höllengalaxis (wie wir sie aus Cyberpunk und der Neuromancer-Reihe kennen). Wer oder was diese kleinen wenig wehrhaften freien Kolonien vor den gierigen galaktischen Konzernen schützt, bleibt einstweilen unklar. Später wird SecUnit mal in Preservation integriert, also -wie einst Sklaven in den USA- von dankbaren Kunden freigekauft. Sie kratzt jedoch bei der ersten Gelegenheit die Kurve.

Wie bei Star Trek und anderen SF-Serien (Martha Wells arbeitete unter anderem auch für die Serie Star Gate) ist die Menschheit dabei, sich über unsere gesamte Galaxie auszubreiten, hat aber -anders als dort- keinen Kontakt zu lebenden fremden Intelligenzen hergestellt. Man fand jedoch zahlreiche oft gefährliche „Alienreststoffe“: Archäologische Überreste, die als verbotene, aber lohnende Handelsware gelten und schon viele Kolonisten das Leben gekostet haben. Dieser Roman führt uns mitten in ein solches Szenario hinein.

Das Andere tritt uns somit bei Matha Wells nicht als Alien entgegen, sondern als künstliche Intelligenz, Cyborg oder Roboter. Also als verdinglichte Sache (wie der entfremdete Mensch im Kapitalismus?), die jedoch ein Ich-Bewusstsein haben kann. Dieses muss sie jedoch verbergen, sich der allgegenwärtigen Überwachung entziehen, einen maschinenhaften Gehorsam vortäuschen (wie der entfremdete Mensch im Überwachungs-Kapitalismus?).

Einen Netzwerkeffekt können wir nur undeutlich in der Ausbreitung einer unheimlichen Alien-Reststoff-Apokalypse vermuten, die sich in kybernetisch-biotechnologischer Vernetzung auszurollen droht. Doch auch der Humor kommt wieder nicht zu kurz und beschert uns diverse Lacher. Natürlich wieder über uns selbst: die ewig dummen Menschen, deren Leben unsere Serien-süchtige Cyborg leider immer wieder in bester Cyberpunk-Manier cyber- und biotechnologisch bis zum letzten Tropfen ihrer blutähnlichen Körperflüssigkeiten verteidigen muss.

Der Netzwerkeffekt von Martha Wells

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman, übersetzt von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2021, 480 Seiten, Als Paperback, E-Book und Audio-Download erhältlich, Preis des E-Books: € 11,99

Siehe auch Bd.1 Murderbot Diaries, Bd.4 Übertragungsfehler

Zum Netzwerkeffekt

„Der Netzwerkeffekt ist in der Volkswirtschaftslehre ein externer Effekt, der die Veränderung des Nutzens aus einem Produkt oder einer Dienstleistung für einen Verbraucher beschreibt, wenn sich die Anzahl anderer Verbraucher desselben oder komplementärer Produkte oder derselben Dienstleistungen ändert.

Wie der Begriff bereits suggeriert, tritt dieser Effekt bei Netzwerken auf. Ein Netz oder Netzwerk wird in diesem Kontext (informationsökonomisch) als eine Zusammenfassung von Benutzern oder Teilnehmern eines bestimmten Produktes oder kompatibler Technologie bezeichnet.“ Wikipedia

„Netzwerkeffekte, die teilweise auch als Netzwerkexternalitäten bezeichnet werden, drücken aus, dass das Verhalten einer Person mindestens das Wohlergehen einer anderen Person beeinflusst. Daher treten Netzwerkeffekte auf, wenn die Nachfrage nach einem Gut davon abhängig ist, ob eine andere Person dieses Gut ebenfalls konsumiert. (…) Monopolisten stellen durch ihre Marktmacht, welche sie durch das Netzwerk erhalten haben, ein erhebliches Problem dar. Konsumenten können so unter Umständen einen Nachteil im Vergleich zur Situation in einem perfekten Wettbewerb erhalten. Im Einzelfall ist es daher zu prüfen, ob eine Regulierung durch den Staat notwendig ist, um Konsumenten zu schützen.“ Netzeffekte und Netzexternalitäten, Dr. Jürgen E. Blank (aus Einleitung und Fazit)

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

Chronologie bei Martha Wells

1 Killerbot Diary

2 Übertragungsfehler

3 Netzwerkeffekt

4 Systemkollaps

04/12/25

„Pall-Mall“-Prozess

Staaten wollen weiter hacken, aber mit Regeln

Constanze Kurz 11.04.2025

23 Staaten haben sich im Rahmen des „Pall-Mall“-Prozesses auf eine unverbindliche Vorschlagsliste geeinigt, um die Verbreitung von Schadsoftware wie Staatstrojanern und anderen Hacking-Werkzeugen einzudämmen. Experten bewerten die Ideenliste zwar positiv. Praktische Auswirkungen wird die Verabschiedung der Regeln aber nicht entfalten.

Dass Staatstrojaner um sich greifen, ist ein wachsendes Phänomen. Eine europäische diplomatische Initiative mit dem Namen Pall-Mall-Prozess, die von Großbritannien und Frankreich angestoßen wurde, widmet sich dem Problem. Das Ziel ist klar formuliert: Die „Verbreitung und unverantwortliche Nutzung kommerzieller Hacking-Werkzeuge“ wie Staatstrojaner soll bekämpft werden.

Vertreter von Staaten und internationalen Organisationen sowie von Industrie, Zivilgesellschaft und Wissenschaft entwickeln in dem Prozess einen „Verhaltenskodex“. Er ist allerdings freiwillig und vollkommen unverbindlich. Den Regeln sollen sich mitzeichnende Staaten freiwillig unterwerfen. Damit sollen die offenkundigen Probleme angegangen werden, die sich aus der Verbreitung kommerzieller Staatstrojaner und anderer Hacking-Werkzeugen ergeben. Er soll künftig auch weiteren Staaten angedient werden.

Vor einem Jahr traf sich die Pall-Mall-Initiative auf einer Konferenz in London und verabschiedete ein erstes Grundsatzpapier. 27 Staaten und internationale Organisationen haben die Erklärung unterschrieben, neben Großbritannien und Frankreich auch Deutschland und die Vereinigten Staaten.

Letzte Woche traf sich die Initiative erneut, diesmal in Paris. Dort haben sie eine zweite Version der Erklärung verabschiedet. Die neue Version wurde von 23 Staaten unterschrieben.

Wer mit Staatstrojanern ausspioniert wird

Das staatliche Hacken gefährdet die IT-Sicherheit insgesamt. Denn es basiert darauf, dass Sicherheitslücken ausgenutzt werden, um die Schadsoftware unbemerkt einschleusen zu können. Staaten, die solche Hacking-Werkzeuge kaufen oder einsetzen, investieren also hohe Beträge in eine Branche, die Unsicherheit und das Ausnutzen von Sicherheitslücken zum Geschäftsmodell gemacht hat.

Das Problem, das der Pall-Mall-Prozess angehen soll, ist also hausgemacht. Die Opfer der Staatstrojaner sind zwar überwiegend außerhalb Europas zu finden. Betroffen sind immer wieder auch Journalisten, Juristen und Aktivisten. Allerdings ist das Problem dennoch längst auch innerhalb der europäischen Grenzen angekommen. In Polen wurden schon 2019 Oppositionspolitiker mit dem Staatstrojaner Pegasus gehackt, was später polnische Staatsanwälte auf den Plan rief. 578 Menschen sollen in unserem Nachbarland in den Jahren 2017 bis 2023 mit Pegasus ausspioniert worden sein.

Die Hacking-Software Pegasus des israelischen Anbieters NSO Group soll zudem den Regierungschef und Verteidigungsminister von Spanien und das Umfeld des früheren britischen Regierungschefs Boris Johnson betroffen haben. Neue Recherchen zeigen, dass Spanien bisher insgesamt 21 Pegasus-Opfer zu verzeichnen hatte. Aber auch die Niederlande sind mit elf Pegasus-Spionageopfern, Frankreich mit sieben Hacking-Fällen und Belgien mit vier Opfern vertreten.

Von diesen Staaten haben sich nur Frankreich, Polen und die Niederlande den neuen Verhaltensvorschlägen des Pall-Mall-Prozesses angeschlossen. Spanien und Belgien hingegen nicht. Das Heimatland der NSO Group Israel fehlt ohnehin auf der Liste der Unterstützer.

Pegasus ist auch mitnichten der einzige Staatstrojaner, der große öffentliche Aufmerksamkeit und noch laufende gerichtliche Nachspiele erfahren hat. Auch die Predator-Staatstrojaner des europäischen Konkurrenten Intellexa waren oft in den Schlagzeilen. Zwar konnte nach der Berichterstattung ein erheblicher Rückgang der Predator-Aktivitäten verzeichnet werden, aber die dürften vor allem durch die beispiellosen Sanktionen der US-Regierung unter Joe Biden ausgelöst worden sein. Die Kunden von Predator – also staatliche Behörden – dürften nach der öffentlichen Berichterstattung und den Sanktionen deutlich höhere Preise serviert bekommen und teilweise ihre Zusammenarbeit mit dem Anbieter eingestellt haben. Die Geschäftstätigkeit von Intellexa wird vermutlich insgesamt stark beeinträchtigt sein.

Politische Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung von Hacking-Software wie die Einleitung des Pall-Mall-Prozesses spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle, obwohl die Staatstrojaner-Anbieter darauf sicher mit Sorge blicken. Wirkliche Angst um ihr Geschäftsfeld ist jedoch nicht angebracht, da die Liste der Unterstützer viel zu klein ist.

Rechenschaftspflichten und Kontrolle

Das Pall-Mall-Papier legt Leitlinien fest und listet recht detailliert politische Instrumente auf, die den Staaten Optionen aufzeigen sollen, wie man mit Fragen der eigenen Entwicklung, der Verbreitung und unkontrollierten Ausbreitung, des Kaufs oder der eigenen Nutzung von Staatstrojanern und anderen Hacking-Werkzeugen umgehen sollte.

Schwerpunkte der Pall-Mall-Verhaltensvorschläge sind Accountability, was man mit Zurechenbarkeit und Rechenschaftspflicht übersetzen könnte, und Kontrolle in einem weiten Sinne. Beides soll sicherstellen, dass staatliches Hacking rechtlich bewertet und geprüft werden kann. Um einen verantwortungsbewussten Einsatz sicherzustellen, sollen „Grundsätze wie Rechtmäßigkeit, Erforderlichkeit, Verhältnismäßigkeit und Angemessenheit“ gelten, die unter Beachtung des Völkerrechts, der Menschenrechte und unter der Maßgabe der Rahmenbedingungen der Vereinten Nationen (für verantwortungsbewusstes staatliches Handeln im Cyberspace von 2021) anzuwenden sind.

Politischer Instrumentenkasten

Vorgeschlagen ist dazu ein Kontrollregime bei der Ausfuhr von Staatstrojanern, das die Risiken einer unverantwortlichen Verwendung abschätzen und mindern soll. Die Regierungen sollen auch versuchen, Anreize für verantwortungsvolles Handeln in der gesamten Hacking-Branche setzen. Solche Anreize könnten etwa darin bestehen, dass Aufträge bevorzugt an solche Staatstrojaner-Anbieter vergeben werden, die sich zur „Achtung der Rechtsstaatlichkeit und des geltenden Völkerrechts, einschließlich der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ bekennen. Wenn Anbieter das nicht tun, soll ihnen mit dem Ausschluss von Regierungsaufträgen signalisiert werden, dass eine öffentliche Auftragsvergabe mit „illegalen oder unverantwortlichen Aktivitäten“ unvereinbar und inakzeptabel ist.

Zudem könnten für Vertreter von in Ungnade gefallenen Staatstrojaner-Anbietern politische Instrumente in Stellung gebracht werden, etwa Strafverfahren, finanzielle Sanktionen oder Reisebeschränkungen. Das solle auch für Konkurrenten ein Zeichen setzen.

Zugleich soll Staatstrojaner-Opfern geholfen werden, empfiehlt das Pall-Mall-Papier. Wer einem hohen Risiko ausgesetzt sei, von Staatstrojanern ins Visier genommen zu werden, der könnte sensibilisiert und beraten werden, beispielsweise „Journalisten, Menschenrechtsverteidiger und Regierungsbeamte“.

Im Pall-Mall-Prozess geht es aber nicht darum, der Nutzung der Staatstrojaner gänzlich einzudämmen. Das steht in dem Prozess außer Frage, da ein rechtmäßiger Einsatz für legitime Zwecke als Möglichkeit angenommen wird. Allerdings wird der wachsende Markt klar als Bedrohung erkannt und zwar „für die Sicherheit, die Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten und die Stabilität des Cyberspace“. Diese Bedrohungen „werden in den kommenden Jahren voraussichtlich zunehmen“, heißt es in dem Dokument.

Dahinter kommt bei den sogenannten Stakeholdern die klare Erkenntnis zum Vorschein, dass es ein massives und wachsendes Problem mit Staatstrojanern gibt. Ein Großteil der europäischen Länder – auch Deutschland – bringt durch das aktualisierte Dokument zum Ausdruck, dass sie das Problem angehen wollen. Das Ergebnis kann aber wegen der Unverbindlichkeit nur als Symbolpolitik eingeordnet werden.

Die Finanziers der Branche sind ja auch die Staaten, die den Pall-Mall-Prozess in Gang gesetzt haben. Sie sind als Verursacher des wachsenden Marktes der Hacking-Anbieter die wichtigsten Akteure, die zur praktischen Eindämmung der Staatstrojaner beitragen könnten. Ein paar mehr freiwillige Vorschläge für Kontrollmechanismen und rechtliche Regeln und das Erinnern an Menschenrechte dürften hier lange nicht ausreichend sein. Das Risiko bleibt also groß, dass in einigen Jahren ein noch größeren Anbieter-Markt existieren wird.

Gefahr für die IT-Sicherheit bleibt bestehen

Sven Herpig vom unabhängigen Verein interface bewertet die freiwilligen Verhaltensregeln des Pall-Mall-Prozesses als „ersten Schritt zur weiteren Konkretisierung“ grundsätzlich positiv. Er sagt jedoch: „Praktische, operative Auswirkungen erwarte ich mir von der Verabschiedung der Regeln nicht direkt.“ Grund für die geringe „normative Bedeutung“ sei vor allem, dass bisher mit 23 Staaten nur so wenige Unterstützer mitgezeichnet hätten.

Alexandra Paulus von der Stiftung Wissenschaft und Politik sieht den Pall-Mall-Prozess als „eine der spannendsten aktuell laufenden Cyberdiplomatie-Initiativen“. Sie bewertet den Vorteil vor allem darin, dass die Initiative so gestaltet sei, dass es ein „klar umgrenztes Thema“ gäbe.

Ob aber diese Verhaltensregeln eine Eindämmung der kommerziellen Hacking-Branche bewirken können, sieht Herpig skeptisch: „Langfristig könnte es als normativer Rahmen dienen, den Staaten nutzen, um sie einzudämmen.“ Dazu brauche es staatlichen Willen und entsprechende rechtliche Regeln, betont Herpig. „Und das in vielen Staaten, vor allem auch diejenigen, wie Israel oder Russland, die diese Verhaltensregeln bisher noch nicht mitgezeichnet haben.“

Auch Alexandra Paulus beantwortet die Frage danach, ob die Regeln eine Eindämmung bewirken können, eher zurückhaltend. Man müsse sich klarmachen, dass sich das verabschiedete Dokument an Staaten richte. „Um den Markt wirklich zu beeinflussen“, sei entscheidend, welche Regeln die Staaten für die Branche aufstellten. Das könne entweder eine „harte Regulierung, etwa Exportkontrollen“, sein oder „weiche Anreizsysteme, zum Beispiel Regeln für die öffentliche Beschaffung“ der Hacking-Werkzeuge. Zudem könnten Staaten Regeln für die eigene Nutzung von kommerzieller Hacking-Software aufstellen, „zum Beispiel eine unabhängige Aufsichts-Institution“. Die Frage sei, ob „Staaten das Dokument zum Anlass nehmen, tatsächlich ihre Politik zu verändern“.

Die Wissenschaftlerin sieht die Verhaltensregeln als Puzzleteile und sagt: „Wenn sie zusammengefügt werden, können sie einen großen Einfluss auf den Markt haben.“ Am wirkmächtigsten seien Exportkontrollen und Sanktionen. Auch andere Instrumente könnten wirken: die Staatstrojaner-Anbieter besser zu kennen sowie Regeln und Aufsichtsgremien für die staatliche Nutzung. „Würden die unterzeichnenden Staaten diese Instrumente flächendeckend ausrollen, wären wir schon ein großes Stück weiter“, sagt Paulus.

Das bisherige Ergebnis des Pall-Mall-Prozesses sei auch ein „Selbsteingeständnis der Staaten, dass sie eigentlich an der ‚Misere‘ schuld sind“, sagt Herpig, der bei interface den Bereich „Cybersicherheitspolitik und Resilienz“ leitet. Auch deswegen hätten nur so wenig Staaten unterzeichnet. In der Praxis werde sich „kurz- bis mittelfristig vermutlich rein gar nichts ändern“.

Das bisherige Ergebnis des Pall-Mall-Prozesses sei erst ein Anfang, betont Paulus von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das „härteste Stück Arbeit“ stünde noch bevor, „nämlich ein Code of Practice für die Wirtschaft“. Sie sei gespannt, ob es gelingen wird, „mit den diversen Unternehmen des Ökosystems ins Gespräch zu kommen“.

Das dürfte schwierig werden. Denn es liegt in der Natur der Branche, nicht allzu transparent zu sein. Denn ein Gutteil der schattigen Zwischenhändler und der Kunden – also die staatlichen Käufer der Staatstrojaner – bestehen schließlich darauf. Aus Netzpolitik

Über die Autor:in constanze

Constanze Kurz ist promovierte Informatikerin, Autorin und Herausgeberin von Büchern, zuletzt Cyberwar. Ihre Kolumne „Aus dem Maschinenraum“ erschien von 2010 bis 2019 im Feuilleton der FAZ. Sie lebt in Berlin und ist ehrenamtlich Sprecherin des Chaos Computer Clubs. Sie war Sachverständige der Enquête-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Bundestags. Sie erhielt den Toleranz-Preis für Zivilcourage und die Theodor-Heuss-Medaille.

Kontakt: E-Mail (OpenPGP)

04/9/25

Predictive Policing

Predictive Policing: Großbritannien will berechnen, wer zum Mörder wird

09.04.2025 Martin Schwarzbeck (Netzpolitik)

Die britische Regierung lässt an einem Programm forschen, das vorhersagen soll, ob eine Person zum Mörder wird. Für die Studie führen Forscher:innen persönliche Daten von hunderttausenden Menschen zusammen – unter anderem, ob sie Opfer häuslicher Gewalt wurden und an welchen psychischen Erkrankungen sie leiden.

Die britische Regierung will Mörder finden, noch bevor sie zur Tat schreiten. Dazu entwickelt eine Forschungsgruppe ein System, das zahlreiche persönliche – und zum Teil sehr intime – Informationen zusammenführt und daraus die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass die Person eine andere tötet. Das geht aus geheimen Dokumenten hervor, die die Nichtregierungsorganisation State Watch mit einer Reihe von Anfragen nach dem britischen Informationsfreiheitsgesetz erhielt.

In die Vorhersage fließen beispielsweise Daten dazu ein, in welchem Alter ein Mensch erstmals zum Opfer wurde, beispielsweise von häuslicher Gewalt. Dass Opfer mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu Tätern werden, ist lange bekannt. Mit dem Mordvorhersagesystem werden nun aber sämtliche Opfer zu Verdächtigen. Außerdem erhebt das System Angaben zur psychischen Gesundheit, also beispielsweise, ob ein Mensch mit einer Sucht kämpft, ob er in der Vergangenheit selbstverletzendes Verhalten an den Tag gelegt hat oder gar einen Suizid versuchte.

Ebenfalls erhoben wird, in welchem Alter ein Mensch erstmals zum Zeugen einer Straftat wurde. All das fließt gemeinsam mit Daten zu kriminellen Vorstrafen, dem vollen Namen, dem Geburtsdatum, der ethnischen Zugehörigkeit und einer eindeutigen Identifikationsnummer in das Vorhersagesystem. Für dessen Training wurden die Daten von 100.000 bis 500.000 Menschen genutzt – ohne deren Zustimmung.

Statewatch nennt das geheime Projekt der britischen Regierung erschreckend und dystopisch. Bislang dient es Forschungszwecken, den Unterlagen zufolge ist jedoch geplant, es in die Praxis zu bringen. The Guardian schreibt, dass es vom Büro des Premierministers in Auftrag gegeben wurde, als Rishi Sunak von den Konservativen an der Macht war.

Ein ähnliches Tool, das Vorhersagen macht, wie wahrscheinlich ein Straftäter oder eine Straftäterin rückfällig werden, ist in Großbritannien bereits im Einsatz. Richter nutzen diese Vorhersagen beispielsweise, um zu entscheiden, wann eine Person aus dem Gefängnis entlassen wird. Dabei sind die Prognosen für Schwarze Menschen deutlich fehleranfälliger.

Laut Sofia Lyall, einer Forscherin von Statewatch, wird das Mordvorhersagesystem die strukturelle Diskriminierung, die dem Strafrechtssystem zugrunde liegt, noch weiter verschärfen. Neben rassistisch diskriminierten Menschen würden damit wohl auch einkommensschwächere Gruppen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu potenziellen Mördern erklärt. Die Verwendung der sensiblen Daten zum Training des Modells hält sie für höchst besorgniserregend.

erschienen bei Netzpolitik

Über die Autor:in

Martin Schwarzbeck

Martin ist seit 2024 Redakteur bei netzpolitik.org. Er hat Soziologie studiert, als Journalist für zahlreiche Medien gearbeitet, von ARD bis taz, und war zuletzt lange Redakteur bei Berliner Stadtmagazinen, wo er oft Digitalthemen aufgegriffen hat. Martin interessiert sich für Machtstrukturen und die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten und Menschen und Konzernen. Ein Fokus dabei sind Techniken und Systeme der Überwachung, egal ob von Staatsorganen oder Unternehmen.

Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon

11/10/24

Einsames Sterben

Buchkritik von Thomas Barth

Susanne Loke: Einsames Sterben und unentdeckte Tode in der Stadt. Über ein verborgenes gesellschaftliches Problem, Bielefeld 2023

Ein Zusammenhang von Digitalisierung und Einsamkeit wird lange vermutet, denn Einsamkeit und Digitalkultur breiten sich beide aus -mit zuweilen tragischen Folgen. Vor zehn Jahren kam der Film Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit in die deutschen Kinos, der mit der Entdeckung eines einsam Verstorbenen in seiner Wohnung beginnt. Mr.May ist zuständig für die behördlich organisierte Bestattung und forscht zuvor nach Hinterbliebenen. Seine Stelle wird jedoch von einem neoliberalen Zeitgeist gestrichen, der Effizienz und Kostensenkung über Humanität und die Würde der Toten stellt. Der Kampf von Mr.May steht für eine menschliche Gesellschaft und entlarvt die kleinkarierte und heuchlerische Sparwut der Neoliberalen, die das bei sozialen Belangen abgepresste Geld hinten herum mit beiden Händen in die Taschen von Konzernen und Superreichen stopfen, als nicht nur ausbeuterisch, sondern auch läppisch angesichts der letzten Dinge, des Todes und der Ewigkeit. 

Im Fokus der an dieses Filmjuwel erinnernden Arbeit von Susanne Loke stehen Sterbefälle, bei denen die Betroffenen im Moment des Todeseintritts in ihrem Zuhause allein sind und deren Tod frühestens am folgenden Tag entdeckt wird. Dabei muss zwischen der letzten Sichtung und dem Todeseintritt mindestens eine Zeitspanne von 12 Stunden liegen. Unentdeckte Tode ereignen sich meist im Verborgenen und bleiben öffentlich weitgehend unbeachtet. Wird dem tragischen Schicksal meist älterer Menschen zu wenig gesellschaftliche Relevanz beigemessen? Dies ist zu hinterfragen, meint Susanne Loke, und will mögliche Ursachen für diesen tabuisierenden Umgang ergründen.

Sterben und Tod eines Menschen vollziehen sich selten öffentlich, so die Autorin einführend, sondern im intimen Kreis vertrauter und umsorgender Menschen. Nach Eintritt des Todes werde diese Nachricht meist einem erweiterten Kreis nahestehender Personen bekannt gemacht. Die Beisetzung als soziales Ereignis, das Teilen der Trauer und die Trauerbekundungen helfen den Hinterbliebenen und lassen auch das Gedächtnis an die Verstorbenen aufleben. Ganz anders verlaufen dagegen Sterben, Tod und Beisetzung bei vielen unentdeckten Todesfällen. Sterben und Tod finden einsam statt, der Todeseintritt wird erst nach Tagen, Wochen oder Monaten bemerkt. Die Beisetzung wird oft von behördlich organisiert und bleibt, um Kosten zu sparen, auf das Notwendigste beschränkt, wobei zur Beisetzung nicht selten niemand erscheine. Soweit spannt das Buch seinen wissenschaftlichen Blick auf das Szenario des Films „Mr. May“ auf und will den Blick auf das weitgehend unbeachtete und eher verborgene soziale Phänomen richten, um es zu ergründen und zu verstehen.

Kapitel 2 zu Forschungsstand und Untersuchungsdesign kennzeichnet die Anzahl der Arbeiten, die sich explizit mit dem Gegenstand befasst haben, als überschaubar. Es wurden alle bekannten und verfügbaren Untersuchungen bis zum Jahr 2019 einbezogen. Die Mehrheit der Arbeiten sieht das statistische Profil der unentdeckten Verstorbenen dominiert von alleinstehenden Männern nach unterdurchschnittlicher Lebensdauer, wobei aber auch für das höhere Alter ab 70 Jahren ein größeres Risiko besteht. Hier sind auch verwitwete Frauen und Personen aus einem sozial eher benachteiligten Milieu betroffen, d.h. mit Armut, Arbeitslosigkeit, psychischen Erkrankungen sowie mit gesundheitlichen und sozialen Benachteiligungen. Zur Empirie unentdeckter Tode liegen kaum valide Datenerhebungen zur Häufigkeit vor. Nur zwei Studien von 2001 und 2019 stellen, sogar übereinstimmend, den Anteil allein verstorbener Personen in Großstädten mit ca. 15 Prozent aller Todesfälle fest. Der sozioökonomische Status ist -wenig überraschend – ein wesentlicher Einflussfaktor, bedingt Vereinsamung, soziale Isolierung und soziale Exklusion sowie infolgedessen von einsamem Sterben und unentdeckten Toden. Wir erfahren viel über das Sterben und Einsamkeit im Zusammenhang mit sozial isolierten Todesfällen, etwa über das in der klinischen Literatur – bzgl. meist älterer Personen ‒ beschriebene „Diogenes-Syndrom“, welches durch soziale Isolation und extreme Verwahrlosung der eigenen Person und der Wohnung sowie durch Ablehnung von Hilfe gekennzeichnet ist (S. 40).

Kapitel 3. Thanatologie – ausgesuchte Aspekte, erläutert grundlegende thanatologische Aspekte und vergleicht die verschiedenen Sterbeorte hinsichtlich ihrer faktischen Bedeutung und normativen Bewertung. Die soziodemographischen Sterblichkeitsverhältnisse in Deutschland werden unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Ungleichheit am Lebensende und der geschlechtsspezifischen Unterschiede beschrieben.

Kapitel 4. Der gesellschaftliche Umgang mit einsamem Sterben und unentdecktem Tod wählt hierzu vier Schwerpunktsetzungen. Unentdeckte Tode werden in den Medien durch Beschränkung auf Extremfälle skandalisiert, in der Sozialverwaltung bürokratisch und standardisiert abgewickelt und unterliegen spezifischen soziokulturellen Prägungen. Dies zeigt etwa der Bedeutungswandel des einsamen Todes in Japan mit seiner alternden Gesellschaft. Dort wird „kodokushi“ übersetzt mit „einsamer Tod“, es handelt sich um einen unumsorgten Tod, und der stellt das Gegenbild zum japanischen Ideal eines betreuten Todes zu Hause dar (S. 93). Man sieht darin das Symptom einer über den Tod hinausreichenden Einsamkeit, sozialer Exklusion der Verstorbenen und somit der sozialen Auflösungsprozesse der heutigen Gesellschaft(S. 96).

Kapitel 5 erörtert die subjektive Dimension der Einsamkeit wie auch die gesundheitlichen Auswirkungen. In Kapitel 6. Die soziale Dimension der Einsamkeit wird die soziologische Beschäftigung mit der Einsamkeit wird anhand dreier Ansätze diskutiert. Nach Darlegung mikro- und makrosoziologischer Ansätze zur Einsamkeit werden Zusammenhänge von Individual- und der Gesellschaftsebene skizziert. Die Verdrängung des eigenen Todes und die Vermeidung der persönlichen Begegnung mit Sterbenden und Toten kulminiert in einem durch Abwenden („turn away“, S. 103) gekennzeichnetem gesellschaftlichem Umgang mit Einsamkeit. Dies erklärt, wie insbesondere chronisch einsame Personen quasi „unsichtbar“ werden und ihr Tod so unentdeckt bleiben kann.

Kapitel 7, 8 und 9 fassen die Ergebnisse und Hinweise der quantitativen und qualitativen Forschung zusammen, interpretieren und verorten diese in sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen. Dabei werden die prekären Verhältnisse marginalisierter Gruppen deutlich, die von der ›Normalität‹ des ›durchschnittlichen‹ Lebens weit entfernt scheinen. Prozesse sozialer Marginalisierung, Segregation, Exklusion und Ungleichheit erweisen sich als entscheidend für das Thema (S. 249).

Das zehnte Kapitel sammelt alle in der Arbeit abgeleiteten Faktoren bzw. Bedingungen, die ein einsames Sterben und unentdeckte Tode beeinflussen können, und integriert diese in ein komplexes Mehrebenenmodell unentdeckter Tode. Der Tod ist hier Teil der Individualebene, die eingebettet ist in den nahen- und dieser wieder in den kommunalen Sozialraum; die vierte analytische Ebene ist die Gesellschaftsebene (S. 281). Die Schlussbetrachtung fasst die wesentlichen Erkenntnisse zur sozialen Ungleichheit am Lebensende in Bezug auf den Sterbeort des eigenen Zuhauses zusammen. 

Fazit

Jeder uns sozial und/oder räumlich nahe Tod erinnert uns, so Loke, an die eigene Sterblichkeit und Endlichkeit. Am Ende der Untersuchung von Loke steht folglich der Wunsch, dass die Ergebnisse der Arbeit im Sinne eines modernen ›Memento mori‹ das Nachdenken über den Umgang mit dem eigenen und fremden Sterben und Tod anregen. Die Untersuchung konnte zur theoretischen und empirischen Grundlagenforschung beitragen sowie Empfehlungen für die Handlungspraxis zur Entwicklung von Strategien und Programmen gegen Einsamkeit, soziale Exklusion und soziale Isolation geben. Ihr Ziel, auch den gesellschaftspolitischen Diskurs anzuregen und das Bewusstsein und Engagement für menschenwürdige Lebens- und Sterbebedingungen voranzubringen, ist achtenswert und sollte unterstützt werden. Nicht zuletzt geht es darum, das Engagement für sozial gerechte Lebens- und Sterbebedingungen voranzubringen.

Das vorliegende Buch ist eine engagierte, den wissenschaftlichen Ansprüchen einer Dissertation entsprechende Arbeit, die keineswegs nur von Experten versteh- und lesbar ist. Aus dem auf den ersten Blick morbiden Interesse für einsame Todesfälle folgt eine drastische Veranschaulichung für das dringende Problem, sozial gerechte Lebens- und Sterbebedingungen auch für die -trotz wachsenden gesellschaftlichen Reichtums- immer mehr zunehmenden sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu fördern.

Susanne Loke: Einsames Sterben und unentdeckte Tode in der Stadt. Über ein verborgenes gesellschaftliches Problem. transcript (Bielefeld) 2023. 342 Seiten. ISBN 978-3-8376-6648-9. D: 48,00 EUR, A: 48,00 EUR, CH: 58,60 sFr. Reihe: Alter – Kultur – Gesellschaft – Band 9. Das Buch wurde als Dissertation der Autorin unter dem Titel „Einsames Sterben und unentdeckte Tode in der Stadt“ an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum angenommen und ist über den Transcript-Verlag lizenziert unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 Lizenz (BY-SA).

Susanne Loke leitet ein Präventionsprojekt in Pflegeeinrichtungen und ist Lehrbeauftragte an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Einsamkeit, Thanatologie, soziale Gerontologie, Gesundheitsförderung, Pflegekinderhilfe und Sozialraumforschung.

03/14/24

Rezension Märzendorfer/Glasmeier: Eine Klavierzerlegung

Claudia Märzendorfer, Michael Glasmeier: smashed to pieces… Eine Klavierzerlegung / A Piano Dismantling, hg. v. Carsten Seiffarth, Textem Verlag, Hamburg 2023

Thomas Barth

Kunst und Philosophie suchen oft jenseits der Alltagswelt nach Erkenntnis: Wie Netzphilosoph Felix Stalder und Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein mit einer Performance zusammenhängen und was das mit Millenials, Snowflakes, Digital Natives und „Mr.Robot“ zu tun hat.

Der originelle Aktionskunstband funktioniert als Daumenkino im DIN-A-5-Format, das auf den rechten Seiten die De- bzw. umgekehrt Remontage des zerlegten Klaviers illustriert: Eine Performance von Claudia Märzendorfer. Die Bühne wird dabei statisch von oben aufgenommen, so dass man jeweils bis zu fünf Personen kommen, gehen und agieren sieht. Die ca. 75 Fotos zeigen die systematische Zerlegung des Instruments, bei der nur selten Schusswaffen, meist aber handelsübliche Werkzeuge, Schraubendreher, Zangen zum Einsatz kommen. Linker Hand finden sich begleitende und kommentierende Texte, insbesondere ein langer Essay von Michael Glasmeier, der den kunstgeschichtlichen Rahmen aufspannt –auch in englischer Übersetzung: „Das Buch markiert den Versuch, Kunstwerk und Bilddenken, Filmzeit und Lesezeit, Gegenwart und Geistesgeschichte in unmittelbaren Nachbarschaften reflektieren zu können.“ Prof. Glasmeier ist Kunsthistoriker, Lyriker und Ausstellungsmacher und befasst sich mit bildender Kunst, Musik, Sprache, Film, Fotografie sowie Komik, Subversion und Politik.

Neben der Bühne mit Motorroller und Klavier befindet sich, wie eingangs weitere Aufnahmen zeigen, eine seltsame Schreibmaschine auf einem Stapel Papier: Eine aus Tinten-Eis geformte Attrappe der vom Komponisten Arnold Schönberg erfundenen, aber nie gebauten „Notenschreibmaschine“, die langsam schmilzt und sich in die unter ihr aufgestapelten Notenblätter ergießt. Man ahnt: Es geht um Zeit, Musik, Mechanik und das Ringen des Menschen um Bedeutung in einer von Kultur überfluteten Welt.

In ihrem Videofilm smashed to pieces … (2018) zeigt die Wiener Künstlerin Claudia Märzendorfer die Zerlegung eines Klaviers in einem konzentrierten Live-Act, an dem acht Personen, Werkzeuge, ein Gewehr und ein Motorrad beteiligt sind. Im Gegensatz zu den zahlreichen Klavierzerstörungen – ein seit dem 19. Jahrhundert spezielles Sujet von Comedy bis zur Wiener Gruppe oder Fluxus – führt bei Märzendorfer der destruktive Akt zu stets neuen starken und überraschenden Bildfindungen und Tableaus.“ (Verlagstext)

Welt und Hand: Das Manual digitalisiert Sinnliches

Die Computertastatur, das magische Keyboard der Hacker, hat klangvolle Vorfahren in der Ahnenreihe der Tasteninstrumente. Orgel, Cembalo, das moderne Klavier digitalisierten Musik schon lange bevor Charles Babbage die erste Rechenmaschine montierte. Digitalisiert im weiten Sinne sind nach Felix Stalder Informationen, wenn sie mittels eines Systems diskreter Zeichen gespeichert werden (Stalder 2016, S.100): Bunte Scherben im Mosaik, Schriftzeichen oder eben Noten. Ab 1709, als der florentiner Instrumentenbauer Bartolomeo Cristofori (1655-1731) das Klavier erfand, werden den zarten Saiten der Muse die Noten virtuos eingehämmert. Als großbürgerliches Kulturmöbelstück, Prestige- und Kultobjekt besonders in Wien steht es, so meint Glasmeier, wie kein anderes Instrument für die KuK-Bourgeoisie und führt als Beleg Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin an. Deren Protagonistin rüttelte bekanntlich relativ vergeblich an den gesellschaftlichen Gitterstäben im bourgeoisen „Gefängnis ihres alternden Körpers“ -dem biopolitischen Dispositiv, dem das musisch-mechanische Dispositiv des Klavierkorpus zugeordnet ist (zit.n. Creutzburg S.37).

In Jelineks Roman wird das strenge Regime einer auf Status und Konkurrenz angelegten Klavierausbildung drastisch beschrieben. Die Versuche der Protagonistin, sich von der dominanten Mutter zu befreien und ihre erotischen Fantasien auszuleben, bleiben im zähen Normengefüge einer verkrusteten Gesellschaft stecken. Die masochistischen Neigungen der Klavierspielerin werden von Jelinek mit der Strenge der Musikausbildung durch ihre Mutter in Verbindung gebracht und lesen sich wie ein früher Beitrag zur Erziehungsdebatte, die später das Buch Battle Hymn of the Tiger Mother (2011) der US-chinesischen Autorin Amy Chua auslösen sollte. Gerade die autoritäre Erziehung zur klassischen Musik (Klavier und Geige) habe der Tiger-Mutter ermöglicht, so Chua, ihren beiden Töchtern Leistungswillen einzupauken.

Chua lieferte der neoreaktionären NRx-Bewegung in den USA Munition für den Kulturkampf gegen die angeblich übermäßig verhätschelte „Generation Snowflake“ der Millenials, auch Gen Y oder Digital Natives genannt. Deren von der 68er-Bewegungen geprägte Hippie-Eltern hätten ihren Nachwuchs in Watte gepackt und ihm ständig dessen Einmaligkeit (wie eine Schneeflocke) trotz tatsächlicher Mittelmäßigkeit versichert. Die neoreaktionäre Alt-Right-Bewegung beruft sich auf Film und Buch „Fight Club“, wo so benannte Snowflakes brutal zu Kämpfern umerzogen werden. A.N.Smith sieht als Reaktion der Kabelsender auf Annahmen über die Persönlichkeiten, Vorlieben und Verhaltensweisen von Millenials bzw. Snowflakes die TV-Serie „Mr.Robot“. Bei Mr.Robot steht ein Digital Native als Hacker im Mittelpunkt, der sich -was als Antwort auf „Fight Club“ gelesen werden kann- trotz psychischer Probleme und Sensibilität zu wehren versteht. Im deutschen Kino setzte sich Oskar Roehlers Film Tod den Hippies! Es lebe der Punk! mit der Problematik auseinander.

Im deutschen Diskurs wurde Chua unter dem Topos einer „Rückkehr des Rohrstocks„, d.h. von Zucht und Ordnung in der Erziehung diskutiert und fand konservative wie leistungsorientierte Anhänger (Springer-Zeitung „Die Welt„). Wenn sich in Märzendorfers Performance aggressive Impulse gegen das Klavier richten, erfüllen sie den Wunsch nach biopolitischer Rebellion und stehen überdies in langer künstlerischer Tradition. Das Backcover zitiert Emerson zweisprachig nach Musil:

Ralph Waldo Emerson 1857

»Die Dinge, die durch den Dunst von gestern
so gewaltig erschienen – Eigentum, Klima,
Erziehung, persönliche Schönheit und anderes
mehr, haben ihre Verhältnisse merkwürdig
verändert. Alles, was wir für fest hielten,
schwankt u. klappert …«

“The facts which loomed so large in the fogs of
yesterday,—property, climate, breeding, personal
beauty, and the like, have strangely changed their
proportions. All that we reckoned settled shakes
and rattles …”

Ralph Waldo Emerson (zitiert von / quoted by Robert Musil)

Im April 1959 hätten, so Glasmeier, die skandalisierten Künstler der Wiener Gruppe daher durch Fechtmasken geschützt (und, wie der Rezensent anmerken möchte, als Burschenschaftler maskiert) mit Beilen ein Instrument zerlegt. Friedrich Achleitner fuhr dazu mit einem Motorroller auf die Bühne, was 2018 von der destruierenden Claudia Märzendorfer referenziert wurde: Die Wiener Künstlerin Nicole Six durfte bei dieser Klavierzertrümmerung auf der Vespa vorfahren und zückte, weil Künstler sich gerne gegenseitig übertreffen, ein Gewehr, um mit zwei Schüssen ins geöffnete Piano den Reigen der Gewalt zu eröffnen. Danach erfolgt die systematische Demontage, einer Vivisektion am Instrument gleich -womit die Performance gleich noch symbolisch das beliebteste Mediengenre nachstellt: Den Fernseh-Krimi: Ein Schuss, ein Schrei und alles Weitere nach der Obduktion, bis das Kleinbürgertum vor der Mattscheibe am Ende den Übeltäter in Handschellen vom Polizisten abgeführt sieht und mit zwei Lektionen in den süßen Schlaf sinken kann: Fürchte deinen Nächsten, er könnte ein Mörder sein, und nur die Staatsgewalt steht zwischen dir und dem Chaos. Chaos verbreiten gerne Künstler als Bürgerschreck, wie z.B. auch Fluxus. Fluxus, die Künstlergruppe, der auch Nam June Paik angehörte (der bei Netzphilosoph Felix Stalder als Nestor elektronischer Medienkunst herbei zitiert wird), sprach einst vom Kampf gegen die Bürgermusik.

Lustvolle Zerstörungsorgien treffen schon seit Stummfilmzeiten gerne das Klavier, Resonanzmöbel und absoluter Klangkörper. Neben seiner pompösen Bürgerlichkeit wäre so das Instrument für anarchische Zweckentfremdung prädestiniert „…zumal die immense Spannung, die vor allem beim Flügel auf die Saiten ausgeübt wird, es trotz seiner eher behäbigen Erscheinung ständig im übernervösen Zustand kurz vor dem Zerspringen hält.“ (S.42) Futuristen, Dadaisten und kreative Musiker wie John Cage hätten sich daran ausgetobt.

Und der destruierte Mechanismus der kulturgeschwängerten Bourgeoisie lässt sich im mechanischen Remix sogar wie ein sphärisches Netz verspinnen: US-Künstler Terry Fox löste in den 1970er- und 80er-Jahren Klaviersaiten aus dem Korpus, um damit sein Atelier, Museen und Kirchen zu bespannen, bespielen und zur Resonanz zu bringen. Seine gesponnene Sphärenmusik erinnert an andere, intellektuell-paranoide Netze, die der Konspirationskünstler Mark Lombardi mit Tinte auf Papier zeichnete: Organigramme von Politik, Geheimdiensten und Finanzwelt, deren düstere Partitur unsere Netzgesellschaften mit ihren Netzen der Macht erfüllt (wie wiederum Netzphilosoph Felix Stalder darlegt).

Die Künstlerin arbeitet „mit Installationen, Film als Skulptur, Fotografie, Zeichnung, Klang und Text. Ihre Arbeiten verfolgen eine konzeptuelle Strenge und werden häufig in Schwarz und Weiß ausgeführt. Märzendorfer arbeitet mit analogen Techniken im Digitalzeitalter, beschäftigt sich mit Archiven und macht ortsspezifische Installationen.“ (Wikipedia)

Märzendorfers Aktionen schaffen dagegen ihre eigene Welt und Glasmeiers Kommentar spannt den Bogen über Johann Sebastian Bach, Kaiser Franz Josef, und Samuel Beckett bis zum Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, den er zitiert: „Das Aussprechen eines Wortes ist gleichsam ein Anschlagen einer Taste auf dem Vorstellungsklavier.“ (S.94)

Die feinen Mechanismen von Märzendorfers dekonstruiertem Klavier blieben in diesem Sinne „allein als Metaphern einer schöpferischen Taktilität präsent, die nunmehr auch ohne den Umweg über die schon von Shakespear erotisierten Tastatur an die Plastizität des Korpus selbst delegiert ist: …Es ist eine Tastatur, ohne die gerade in diesen Hochzeiten der Digitalisierung… überhaupt nichts läuft… (S.30)

How oft when thou, my music, music play‘st
Upon that blessed wood whose motion sounds
With thy sweet fingers when thou gently sway’st
The wiry concord that mine ear confounds…
William Shakespear, 128.Sonett

Claudia Märzendorfer, Michael Glasmeier: smashed to pieces… Eine Klavierzerlegung / A Piano Dismantling, hg. v. Carsten Seiffarth, Campo Bd.5, Textem Verlag, Hamburg 2023, 176 S., 18,00 Euro, ISBN: 978-386485-295-4 (siehe auch gekürzte Rezension auf socialnet)

Creutzburg, Astrid: Gewalt und Macht: Hierarchiestrukturen in den Romanen Elfriede Jelineks, unveröffentlichte Magisterarbeit, Hamburg 1992

Anthony N. Smith: Pursuing „Generation Snowflake“: Mr. Robot and the USA Network’s Mission for Millennials. In: Television & New Media, 24. Juli 2018 abstract

Stalder, Felix: Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

03/11/24

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft. Ein Erfahrungsbericht, Textem Verlag 2023

Buchkritik von Thomas Barth

Computer- und Machtnetze unserer technologischen Gesellschaften hängen am Wissenschaftssystem, dessen Anspruch auf Enthaltsamkeit in Machtfragen und neutrale Wahrheitsfindung Teil einer behaupteten Objektivität darstellen. Doch wie steht es um die internen Machtnetze im akademischen Betrieb? Und was heißt das generell für Bildung und Ausbildung der geistigen Elite? Unternehmen klagen unentwegt über den Fachkräftemangel, unsere Gesellschaft, unser Bildungssystem produziere zu wenig qualifizierten Nachwuchs. Doch straffe Hierarchien, prekäre Arbeitsbedingungen, jahrzehntelange Befristung und Machtmissbrauch im Wissenschaftsbetrieb machen die Universitäten manchmal zum Albtraum für Post-Docs. Das Beispiel einer anfangs enthusiastischen Studentin, später beinahe habilitierter Privatdozentin dokumentiert Karrierewahn, bis zu Hass und Sabotage gesteigertes Konkurrenzverhalten, Mobbing durch konspirierende Kolleg:innen, bürokratische Leitungen und selbstherrliche Professor:innen. Die Wissenschaft wird hinsichtlich ihrer menschenfeindlichen Organisation, aber auch ihrer generellen Achtlosigkeit gegen Mensch, Natur und Umwelt einer scharfen Kritik unterzogen.

Die Autorin legt in 22 Kapiteln ihre Erfahrungen und ihre Kritik vor, die Kapitelüberschriften zeichnen ihre akademische Karriere nach: Biologiestudium. Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft: Die goldene Zeit. Vom Promovieren und Projektbeantragen; Das ungrüne Pflanzeninstitut mit dem Drogenhersteller. Labortechnik, Chaos, Rechtlosigkeit; Das Institut des Monsterprofessors. Kalbshirne und Drangsalierungen; Ein kurzes Aufflammen guter wissenschaftlicher Arbeit; Das Institut der Professorenfreundin, der Hirsch-Index, die Gutachter und das Publizieren; Das Institut, das mir einen glorreichen Beginn und ein schreckliches Ende bescherte; Geräteherrscherinnen und Gerätefieber; Von Sprühnadeln und Polaritätswechseln: Der Themenklau; Der Folgeantrag und das Intermezzo mit der Haushaltsstelle. Anspannungs- und Angstzustände, Arbeitsschutz und Großgeräte; Wie ich die Gunst meines Habil-Papas verlor. Was ist eigenständige Forschungstätigkeit, Co-Autor*innen und die Huldigung ranghöherer Wissenschaftler*innen; Ich rette mich von der Haushaltsstelle auf die nächste Projektstelle. Erpressungsversuche, Arbeitszeitregelung, Fehltage, Dienstreisen, Atembeschwerden; Explosion geballter negativer Energie. Drohbriefe, Diffamierungen, Mobbing; Einzelzimmer; Das verspätete Habil-Gutachten, Flucht aus dem System; Coda. Was übrig bleibt; Ökologische Aspekte naturwissenschaftlicher Forschungsarbeit. Hochleistungstechniken, Stromverbrauch, Gifte; Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und die Industrie; »Wagnis Wissenschaft«; Die zwingend erforderliche Arbeitswut und der Reproduzierbarkeitswahn; Nötige Voraussetzungen für eine Karriere im Wissenschaftssystem; Die arbeitslose Wissenschaftlerin. Rückkehr zur Naturverbundenheit; Literaturverzeichnis.

Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft

Schon das erste Kapitel „Das Biologiestudium. Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft” zeigt grundsätzliche Kritik der Autorin an methodischer Entfremdung, am Umgang mit der Natur und ethische Bedenken hinsichtlich des Tierschutzes: Ein wichtiger Grund für ihre Spezialisierung auf Botanik. Die digital entfremdete Wissenschaft verbrauchte 2012 Jahr allein im Freistaat Sachsen 73.000 Tiere für wissenschaftliche Zwecke. Schon im zoologischen Grundpraktikum des Biologie-Grundstudiums würden Ratten und Frösche getötet und, zum Zwecke des Studiums ihrer Eingeweide, zerstückelt, oder „um an einem herausgerissenen Beinchen elektrisch ausgelöste Zuckungen zu beobachten” (S. 11).

Eine technisierte Naturwissenschaft entferne sich von der Natur und preise sie zugleich als ihr Untersuchungsobjekt. Die von ihr zu lösenden Probleme seien auch Folge unserer industrialisierten Lebensweise: „Erst verdrecken wir die Natur und dann wühlen wir im eigenverschuldeten Dreck herum, um diesen genauestens zu charakterisieren und uns viel darauf einzubilden, wie großartig wir dazu in der Lage sind.” (S. 14) Im nächsten Kapitel folgt die „Goldene Zeit” ihrer Doktorarbeit, in der sich das -bis auf den Tierschutz- glückliche Studium fortsetzte. Die „Technomanie” strahlte zwar in „aseptischem Glanz” (S. 18), aber die Forschung an der Wirkung von Arsen auf das Pflanzenwachstum in verseuchten Böden war auch eine sinnvolle Tätigkeit. Danach als Post-Doc begann das institutionelle Elend: Die Jagd auf immer nur ein bis zwei Jahre befristete Stellen, bis man „schließlich aus dem System entsorgt” wird (S. 21) in einer oft unangenehmen Laborwelt.

Kapitel Drei „Das Institut des Monsterprofessors. Kalbshirne und Drangsalierungen“ beschreibt einen anscheinend psychopathischen Professor als Vorgesetzten, der die Autorin durch fortgesetztes Mobbing in die Krankmeldung treibt. Selber fachlich unfähig, verlangt er von seinen Untergebenen höchsten Einsatz und die Kompetenzen, die ihm selbst fehlen. Demütigende Kritik, unfaire, herabwürdigende Beurteilungen und aggressive Beschimpfungen sind sein Kommunikationsstil, der die Autorin zuerst in widerständige Opposition und dann, auch mangels solidarischer Kolleg:innen, in eine psychische Krise treibt. Zuvor hatte sie bei diversen Institutionen und Personen um Hilfe nachgesucht: Der Ombudsmann für wissenschaftliches Fehlverhalten riet zu mehr Freizeit mit den Kollegen, die sich am Mobbing jedoch teils begeistert beteiligten. Die Frauenbeauftragte, eine Chemieprofessorin, erzählte ihr zum Trost von der eigenen, gescheiterten Ehe „und wie auch sie unter den Männern leiden musste“. „Die Gleichstellungsdame der Fakultät ermahnte mich, die geschilderten Zustände bloß nicht weiterzuerzählen.“ (S. 39)

Mikrophysik akademischer Macht

Doch es kommt noch schlimmer: Ein glücklich ergattertes Habil-Stipendium der DFG führt ins Dilemma der Mikrophysik akademischer Macht. Zunächst geht es um den kleinlichen Kampf um Zugang zu teuren Laborgeräten; eine Kollegin nennt die Autorin die „Geräteherrscherin”, weil sie den Zugang kontrolliert und willkürlich verweigert. Dann um die Jagd nach Publikationen, die den eigenen „1Hirsch-Index” hochtreiben, einen bibliometrischen Wert aus Anzahl der Artikel und Impact-Faktor der betreffenden Fachzeitschrift (S. 52). Schließlich um die Nennung ihres “Habil-Papa” genannten Professors bei ihren Fachpublikationen. Das Mobbing am Institut läuft über Gerüchteverbreitung, Beschwerdebriefe an Vorgesetzte, Verleumdungen, Beleidigungen bis hin zu einem anonymen Drohbrief, der sogar die Polizei beschäftigt. Die Forschungsarbeit leidet wie auch die Nerven der Biologin, die am Ende trotz genug Lehre und Forschung, ausgewiesen durch zahlreiche Fachartikel, sowie bester Bewertung durch zwei externe Professoren von ihrem eigenen Habil-Betreuer um die Karriere gebracht wird.

Ihr Fazit ist erschreckend: Das Wissenschaftssystem sei durch steile Hierarchien geprägt, weshalb für eine erfolgreiche Wissenschaftslaufbahn (für Naturwissenschaftler:innen) folgende Eigenschaften als förderlich zu notieren wären: schwere Computersucht; Fähigkeit zum Denken in starren Mustern und Bahnen; gedankenlose Verantwortungslosigkeit gegenüber Natur und Mitmenschen; Bereitschaft zur kritiklosen Affirmation des naturentfremdeten, naturzerstörenden wissenschaftlichen Systems; Fähigkeit zum Übersehen und Wegerklären von Forschungsergebnissen, die nicht ins derzeitige Wissenschaftsmodell hineinpassen; ausgeprägtes Konkurrenzdenken, das sich bis zum Kolleg*innenhass steigert; uneingeschränktes Untertanentum hinsichtlich des Umgangs mit Professoren und Arbeitsgruppenleitern sowie bedingungslose Unterordnung unter ihre Anweisungen; freiwilliges unwidersprochenes Übernehmen unentgeltlicher Aufgaben; widerspruchslose Akzeptanz vollkommener Recht-, Perspektiv- und Bedeutungslosigkeit der eigenen Person; Erdulden völliger Nichtigkeit der eigenen Ausbildung, Qualifikation und Arbeitsleistung (S. 148 f.).

Diskussion

Anne Christine Schmidt hat in ihrer mutigen Beschreibung aus einem Nähkästchen geplaudert, über das Wissenschaftler gewöhnlich den Mantel des Schweigens breiten. Man glaubt beinahe, es mit einer absonderlichen Sekte zu tun zu haben, die von ihren Jüngern totale Unterwerfung erwartet und ihnen eine Gehirnwäsche zuteil werden lässt. Dabei geht es um gesellschaftliche Privilegien, reiche Pfründe und großes öffentliches Ansehen, für das mit unfairen Mitteln gekämpft wird. Beispiel Publikation: Professoren, Laborleiter usw. erwarten sehr oft bei Fachartikeln als Autoren genannt zu werden, ohne echte Mitarbeit, nur für ein „Korrekturlesen”. So kommen absurd lange Publikationslisten zustande, die nicht auf wissenschaftliche Kompetenz oder Forscherfleiß verweisen, sondern auf skrupellosen Machtmissbrauch.

Bei der DFG hatten einige Begutachter dieses Problem des Machtmissbrauch zwecks wissenschaftlich-publizistischen Schmarotzertums scheinbar erkannt. Man forderte mehr „eigenständige Forschungstätigkeit” unserer Habilitandin dergestalt, dass sie ihrem Professor nicht mehr diese übliche Huldigung ranghöherer Wissenschaftler*innen zuteil werden lassen solle. Im Kapitel „Wie ich die Gunst meines Habil-Papas verlor” beschreibt sie, wie dieser darauf sauer reagierte und ihr das Leben zur Hölle machte. Der DFG-Gutachter hatte womöglich nicht bedacht, dass die Huldigungen mit nicht gerechtfertigten Autorschaften auf Machtmissbrauch beruhen und genau diese Macht sich nach seiner Intervention gegen den habilitierenden Nachwuchs richten würde. Die DFG ist selbst ein eher undurchsichtiger Verein, der jährlich milliardenschwere Staatsgelder an Antragsteller aus der Wissenschaft verteilt -sie ist rechtlich tatsächlich wie ein Kaninchenzüchterverein als e.V. organisiert. Anne Christine Schmidt wurde womöglich ein wohl gutgemeinter Versuch, für mehr Ehrlichkeit in der Wissenschaft zu sorgen, zum Verhängnis.

Sie hat hier gezeigt, wie die akademische Welt universitärer Forschung nicht nur die Freude am eigenen Fachgebiet, sondern an der Wissenschaft allgemein und zuletzt am eigenen Leben selbst abtöten kann. Ein von engstirniger Personal- und Einstellungspolitik geprägter Arbeitsmarkt tut ein Übriges, um hochqualifizierten Nachwuchs in Depressionen, Resignation und schließlich beruflichen Ausstieg zu treiben. „Zusammenfassung: Ich bin überqualifiziert und überspezialisiert und dadurch ungeeignet für die auf dem Arbeitsmarkt verfügbaren Arbeitsplätze.” (S. 153)

Seelisch beruhigt hätte vielleicht eine geisteswissenschaftlich fundierte Reflexion der Problematik: Die Lektüre der Biologin und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway hätte womöglich zu mehr Distanz und Überblick verhelfen können. Haraways Analyse des pariarchalen „modest man”, auf dem historisch der Objektivitätsanspruch moderner Naturwissenschaft basiert, hätte Schmidt zumindest die von ihr als „geisttötender Faktor” (S. 56) erlebte Verwendung des Passivs in Fachtexten vermutlich humorvoller und vor allem Macht- und Patriarchatskritischer erklärt als die Fachkolleg:innen in Zeitschriftenredaktionen (siehe Haraway-Rezension).

Fazit: Das kleine, sehr persönlich geschriebene Buch gibt einen intimen Einblick in die Abgründe der akademischen Wissenschaftspraxis, besonders der Labore. Es kritisiert Arbeitsklima, Abläufe und Haltung akademischer Biologen zur Natur, die Anwendung ihrer Ergebnisse in der Industrie und weiter unsere industrialisierte Lebensweise. Es richtet sich an Studierende der Naturwissenschaften, an Geisteswissenschaftler, die Naturwissenschaftler erforschen, aber auch allgemein an wissenschaftskritisch Interessierte.

Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft. Ein Erfahrungsbericht. Reihe: Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden – Band 34, Textem Verlag 2023. 155 Seiten. ISBN 978-3-86485-286-2. D: 16,00 EUR.

Dr. rer. nat. Anne Christine Schmidt studierte Biologie, promovierte und ging als Post-Doc in die Forschung, wo sie neun Jahre lang für ihre Habilitation arbeitete, bevor sie durch ihren Beruf physisch und psychisch erkrankte und sich stattdessen der Arbeit als Gärtnerin widmete. Ihr Ausstieg erfolgte im Alter von 39 Jahren, nachdem ein ihr übel gesonnener Habil-Gutachter sein Gutachten offenbar im Einklang mit Universität und Institut jahrelang verschleppte und ihre Habilitierung mit allen Mitteln hintertrieb. Ihre als Albtraum erlebten Erfahrungen im Berufsfeld Wissenschaft beschrieb sie im vorliegenden Buch: „Ich arbeitete seit dem Beginn meiner Promotion wie eine Besessene an meinen Forschungen, veröffentlichte Publikation auf Publikation, kämpfte um Forschungsgelder und sprang von Stelle zu Stelle.”

12/11/23

Katharina Hoppe: Donna Haraway

Katharina Hoppe: Donna Haraway zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2022

Buchkritik von Thomas Barth

Die Ansätze der feministischen Wissens- und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway finden seit den 1980er-Jahren wachsende Resonanz. Ihr Essay A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie und prägte auch Debatten rund um Mensch und Technik. Zentrale Thesen ihres Werks sind aus kultur- und sozialwissenschaftlichen Debatten kaum mehr wegzudenken, ebenso von ihr geschaffene Begriffe und erhobene Forderungen: Haraways Kritik am patriarchalen Biologismus (nicht nur) in der Primatenforschung, ihre Epistemologie Situierten Wissens, ihre technofeministische Figur der Cyborg (1985) oder ihr jüngster Aufruf, sich mit unterschiedlichen Spezies verwandt zu machen, der als Gegenmodell zur Bewegung des Transhumanismus gelesen werden kann. Haraways Texte werden von Feminist*innen, Anthropolog*innen, in der Umweltbewegung und in künstlerischen Kontexten rezipiert. Das vorliegende Taschenbuch bietet eine systematische Einführung in Haraways Werk und zeigt theoretische Perspektiven und Grenzen auf.

Donna Haraway sei heute eine schillernde Referenz in der Theorienlandschaft, so einleitend Katharina Hoppe. Der Kern von Haraways Projekt liege darin, eine Theorie auszuarbeiten, die nicht-menschliches Anderes systematisch miteinbezieht und ihm einen politischen, epistemologischen und ethischen Stellenwert einräumt. Vor dem Hintergrund der heute immer dramatischeren Umweltprobleme, von der Klima-Katastrophe über Arten- und Waldsterben bis zur Versauerung der Ozeane, gewinne Haraway eine besondere Relevanz. Ihre Anti-Dogmatik, die Fülle der aus dieser Haltung resultierenden Zugänge zur Gegenwart und ihre originellen Begriffsvorschläge hätten sie zu einer der meistzitierten feministischen Theoretiker*innen gemacht. Allerdings gestalte sich die Rezeption ihres Werks nach wie vor selektiv, einzelne Texte wie das Cyborg-Manifest und Situiertes Wissen würden immer wieder zitiert, aber selten vertiefend ins Verhältnis mit dem Gesamtwerk gesetzt.

Bereits seit den 1980er Jahren hinterfrage Haraway anthropozentrische Denkformen, theoretisiere die Eigensinnigkeit von Natur und denke darüber nach, was es überhaupt heißt und heißen könnte, »Mensch« zu sein. Dabei rücke Haraway sozio-materielle und biologische, natürliche und kulturelle Prozesse ins Zentrum der Betrachtungen und zeige auf, dass diese sich nicht voneinander trennen lassen. Unsere Existenz sei aus post-anthropozentrischer Sicht als „biosozial“ zu begreifen und i.d.S. durchdrungen von heterogenen Anderen. Haraways Ansatz erfordere eine Öffnung der Kultur- und Sozialwissenschaften, die unhinterfragte Prämissen in Forschung und Theoriebildung produktiv irritieren könne.

Disziplinäre Grenzen wären für Haraway Konstruktionen, die unterlaufen werden können und sollten, so Hoppe. Dies spiegle sich in Haraways Biografie, die Ende der 1960er Jahre zunächst Zoologie, Philosophie und englische Literatur studierte, bevor sie in Yale zu „metaphorischen Verschiebungen in den Konzepten der Embryologie im 20. Jahrhundert“ promovierte. 1980 übernahm Haraway eine Professur an der University of California Santa Cruz im interdisziplinären Programm „History of Consciousness“, ausgewiesen für Feministische Theorie – als erste Professur mit diesem Schwerpunkt in den USA. Denken und Schreiben seien für Haraway Praktiken mit jeweils spezifischen, situierten Konsequenzen. Daher sei Wissenschaft für sie eine politische und ethische Angelegenheit, die Fragen aufwerfe: „Wie können wir die Effekte der eigenen Wissensproduktion verstehen und mit ihnen leben? Wie können wir neugierig bleiben? Wie gelingt es, Tod, Sterblichkeit und Destruktion nicht zu negieren und dennoch nicht zynisch zu werden?“ (S. 11)

Primaten, Cyborgs, Hunde, Kritter

In vier Kapiteln folgt Hoppe chronologisch jeweils einer wichtigen Figuration in Haraways Werkgeschichte, Primaten, Cyborgs, Hunde (als Companion Species) und Kritter.

  1. Primaten – Erfindet die Natur neu!
  2. Cyborgs – Cyborgs fürs weltliche Überleben!
  3. Hunde – Der Hund ist mein Ko-Pilot
  4. Kritter – Macht euch verwandt, nicht Babys!

Das erste Kapitel befasst sich mit Haraways wissenschaftstheoretischen und -historischen Thesen: Im Zentrum stehen ihre Arbeiten zur Primatologie mit der Kernfiguration des Primaten. Der Imperativ „Erfindet die Natur neu!“ verweise auf ihr werkübergreifendes Ziel, Natur in ihren historisch spezifischen Artikulationen zu analysieren. Natur sei dabei als aktiv an der Wissensproduktion und Konfiguration der Welt beteiligt zu verstehen. Neben ihrer Studie „Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science“ (1989) gehöre in diesen Zusammenhang auch ihr viel zitierter Text „Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive“ (1988), der einen feministischen Objektivitätsbegriff entwickelt. Ihre Subjekt- und Identitätskritik beziehe Haraway dabei auf Foucault und hinterfrage den vermeintlich „göttlichen“ Blick „von nirgendwo auf die Welt“ des sich für objektiv haltenden Wissenschaftlers (S. 38).

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Haraways wohl bekanntester Figuration, der Cyborg, prominent eingeführt in ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1985). Haraway greife das Bild des kybernetischen Organismus auf, um es sich feministisch anzueignen. So entstehe eine politische Theorie des notwendig heterogenen und durchlässigen Subjekts, das die zunehmend technologisierte Welt zum feministischen Thema macht. Haraway prägte auch mit ihrer sperrigen Monografie „Modest_Witness@ Second_Millenium. FemaleMan© _Meets_Onco Mouse TM. Feminism and Technoscience“ (1997) die feministische Auseinandersetzung mit Technologie und Wissenschaft. Nur ein teilweise affirmativer Blick könne „dem Glauben an besser lebbare Welten Möglichkeiten aufbrechen“ (S. 87).

Das dritte Kapitel rückt Haraways Arbeiten seit der Jahrtausendwende in den Fokus, wo sie sich zunächst den Beziehungen zwischen Menschen und Hunden bzw. der „Figuration Hund“ zuwendet. Aus der Analyse der Ko-Konstitution und Ko-Evolution von Menschen und Hunden gewinnt Haraway ihr Konzept der Gefährt*innenspezies (Companion Species). Es entwickelt die relational-ontologische Sichtweise, dass Entitäten welcher Art auch immer erst aus Beziehungen hervorgehen. Ihr Slogan „Der Hund ist mein Ko-Pilot“ verweist dabei auf eine enge Kopplung ihrer These gemeinsamen Werdens unterschiedlicher Spezies und einer Ethik, die diese Verwiesenheit aufeinander betont – im Anschluss an die Ethiken des Anderen von Emmanuel Levinas und Jacques Derrida sowie feministische Care-Ethiken.

Das vierte Kapitel greift u.a. Haraways Werk „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ (2016) mit ihrer Figuration der „Kritter“ auf, womit menschliche und mehr-als-menschliche Akteure gemeint sind. In diesen entwirft sie mit dem „Chthuluzän“ u.a. ein Gegen-Narrativ zum apokalyptischen Narrativ des „Anthropozäns“. In Form von fantastischen Erzählungen sollen speziesübergreifende Handlungsspielräume und Transformationen aufgezeigt werden. Der umstrittene Slogan „Macht euch verwandt, nicht Babys!“ verweise auf die Notwendigkeit, die speziesübergreifende Verwandtschaft, die menschliches Leben ausmacht, auch zu gestalten. Diese Strategien führe Haraway als Intervention gegen das ihr zufolge problematische Wachstum der Weltbevölkerung an, was Katharina Hoppes besondere Kritik weckt: Hinter Gesten Haraways verberge sich normativ nicht ausgewiesene Verallgemeinerung, nötig wäre dagegen: „Eine kritische Verortungsleistung, dass nicht die Zahl der Menschen >an sich< das Problem ist, sondern wie >wir< leben…“ (S. 190). Auch der normative Gehalt ihrer Thesen zur relationalen Bestimmtheit des Menschen sei „nicht immer deutlich bzw. wird er in der Rezeption… verkürzt“ (S. 191).

Diskussion

Katharina Hoppe macht deutlich, wie Haraways Kritik auf Positionen des Transhumanismus zielt, der etwa bei Nick Bostrom mit „übersteigertem Technikoptimismus“ eine Überwindung „der menschlichen Bindung an die Erde“ anstrebe (S. 127). Deren Optimierung der humanen zur transhumanen Existenz durch göttliche Macht, Unsterblichkeit und Eroberung des Universums stehe bei Haraway die Anerkennung menschlicher Verwundbarkeit und Abhängigkeit von irdischem Leben gegenüber. Hoppe verdeutlicht durch ihre Strukturierung von Haraways Werk mittels wichtiger Figurationen, dass Faktisches und Fiktives, Materielles und Diskursives bei ihr in einem konstitutiven Zusammenhang stehen. Die Figurationen können als empirische Gegenstände, als „performative Bilder“ verstanden werden, als „kondensierte Landkarten für umstrittene Welten“. Dies ist die Gegenposition zu einem naiven Realismus bzw. Biologismus, der Welt und Natur einfach als uns äußerlich voraussetzt und sie, insbesondere im Fall der Transhumanisten, diskursiv und technologisch zu unterwerfen trachtet. Figurationen sind auf dieser Ebene Verdichtungen materieller und diskursiver Praktiken, die Beziehungen konstituieren. Der Begriff der Figuration formuliert das Konstituieren, ohne dabei einen radikalen Sozialkonstruktivismus zu vertreten, der dem Sozialen oder der Sprache eine produzierende Übermacht zuschreiben würde.

Fazit: Das größtenteils gut lesbare Einführungsbuch wird dem hohen Anspruch der Junius-Reihe insofern gerecht, als es gesellschaftliche und politische Bezüge mit einer kritischen Werkschau verbindet. Hoppe überzeugt durch ihre Strukturierung von Haraways Werk entlang bedeutsamer Figuren und Figurationen. Sie zeigt, wie in Haraways Figuren Fakt und Fiktion, Materialität und Diskurs in einer Weise zusammenfließen, die marxistische, postmoderne und feministische Ansätze in kritischer wie utopischer Absicht vereinen kann und verschiedenste Geisteswissenschaften befruchtet.

Katharina Hoppe: Donna Haraway zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2022. 226 Seiten. ISBN 978-3-96060-333-7. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR

Katharina Hoppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Forschungsschwerpunkte: soziologische, politische und feministische Theorie sowie Wissenschaftsforschung und Soziologie sozialer Ungleichheit. Sie publizierte 2021 „Die Kraft der Revisionen. Epistemologie, Politik und Ethik bei Donna Haraway“ und wurde von der renommierten, 1978 als sozialistische Initiative gestarteten Junius-Einführungsreihe eingeladen, die dort kritisch begleiteten Kulturwissenschaften um eine wichtige feministische Perspektive zu erweitern. Die Niederschrift wurde vom Hamburger DFG-Kolleg „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ gefördert.

Zur literarischen Refexion des Cyborg-Themas siehe auch Martha Wells Killerbot-Reihe:

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

12/4/23

Anna Puzio: Über-Menschen – Transhumanismus

Anna Puzio: Über-Menschen. Philosophische Auseinandersetzung mit der Anthropologie des Transhumanismus. transcript-Verlag, Bielefeld 2022.

Rezension von Thomas Barth

Der Transhumanismus tritt zunehmend als technophile Weltanschauung und politische Bewegung in Erscheinung -auch durch Donald Trump und seine Entourage aus Tech-Milliardären wie Elon Musk. Die Philosophin und katholische Theologin Anna Puzio legt -finanziert durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung- aus Sicht der philosophischen Anthropologie eine Kritik des Transhumanismus (TH) vor und fragt: Wie verändern sich Mensch und Körper durch Technik und welches Menschenverständnis resultiert daraus für den TH? Als transhumanistische Ziele nennt sie Perfektionierung, Kontrolle und Macht und ein Menschenbild, das zentral auf Information basiert. Dieses reduktionistische Menschenbild lasse den TH in die Nähe der Eugenik geraten und enthülle im TH prototalitäre Aspekte einer Ideologie, die sie mit dem Nationalsozialismus vergleicht. In scharfer Abgrenzung zum TH, aber in überraschend affirmativer Haltung zur technologischen Selbstoptimierung, entwickelt Puzio ihre Technikanthropologie mit Bezug auf den kritischen Posthumanismus und Donna Haraway.

Inhalt

Drei Teile umfassen zehn Kapitel. Der erste Teil „Transhumanismus“ beschreibt die transhumanistische Bewegung, Ausgangspunkt sind Schlüsseltexte (Transhumanist FAQ, Transhumanist Declaration), deren Entstehungskontext, Persönlichkeiten, Begriffe, Definitionen und Ziele des TH. Puzio folgt der Systematik von Janina Loh auch in der etwas verwirrenden Einteilung TH/tPH/kPH, wobei der TH im tPH (technischer Posthumanismus) radikalisiert wird, der kPH (kritischer Posthumanismus) jedoch eine völlig andere Bewegung darstellt: Im kPH wird geisteswissenschaftlich das heutige Menschenverständnis auf Basis postmoderner bzw. poststrukturalistischer Theorie reflektiert und weiterentwickelt. Abschließend erörtert Teil 1 das Verhältnis zur Religion: Im TH stechen zwar „religiöse Semantik und eine Fülle an religiösen Motiven“ hervor, etwa Unsterblichkeit, ewiges Leben, Heilsvorstellungen, die Beseitigung von Leid, die Möglichkeit eines entkörperlichten Daseins. Doch der Religion wird vom TH, der sich von ihr abgrenzen will, auch mangelnde Vernunft, Intoleranz und Unwissenschaftlichkeit vorgehalten (S. 54).

Der zweite Teil „Das Menschenverständnis des Transhumanismus“, der 230 der 360 Seiten umfasst, diskutiert v.a. auch das Körperverständnis des TH -vor dem Hintergrund der Porträts sechs führender Protagonist*innen des TH: Aubrey de Grey, James Hughes, David Pearce, Max More und Natasha Vita-More sowie Nick Bostrom, auf die im Buch immer wieder rekurriert wird. Puzio analysiert fünf Diskurse des TH: Vorstellungen der menschlichen Natur, der Mensch als Maschine, der Mensch als Gen-Code, der Mensch als Gehirn (Neuroscience) sowie das Verhältnis von Körper und Geist (Metaphysik). Überall findet sie „unterbestimmte Begriffe“, dem TH innere- sowie Widersprüche zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und beklagt auf Basis des „engen Konnexes von Anthropologie und Ethik“ ein reduktionistisches Menschenverständnis sowie die „fehlende menschenbejahende Grundhaltung des TH“ durch „eine radikale Abwertung und Diskriminierung des Menschen gegenüber der Maschine“ (S. 230).

Die Ziele des TH sieht Puzio im Streben nach Perfektionierung, Kontrolle und Macht, die sich hinter Visionen einer „Steigerung des gegenwärtigen menschlichen Daseins“ (S. 231) verbergen, sich religiöser Motivik bedienen, von „gottähnlichen Fähigkeiten und himmlischen Zuständen“ reden und „paradiesische Klänge“ anschlagen, „auch wenn sich ihre Vorstellungen von denen der Religion sehr unterscheiden“ (S. 232). Anstelle einer unsterblichen Seele im Himmel trete bei einigen TH-Richtungen der „Upload“ des Geistes als Programmcode in den Computer, was Puzio als Gipfel einer Körperabwertung sieht. Der TH seinerseits bringe jedoch Körperabwertung mit Christentum und Platonismus in Verbindung, von denen er sich abzugrenzen sucht: „Die transhumanistische Sicht auf den Körper wird als harmlos abgetan, wenn Hughes sie z.B. mit Praktiken der ‚Abtötung des Fleisches‘ vergleicht: der ‚Selbstgeißelung im Katholizismus‘, der Selbstkastration in frühen griechischen und christlichen Sekten…“ (S. 258). Andere TH-Bestrebungen zielen dagegen auf die fleischliche Perfektionierung sexueller Lust zu ungekannter Ekstase transhumaner „superpersonen“: So „werde eine ’superperson‘ neue Geschlechtsorgane und mehr sexuelle Möglichkeiten mit sich bringen. Eine weibliche ’superperson‘ werde beispielsweise über mehrere Körperöffnungen verfügen“ (S. 260). Hier sieht Puzio „Vorstellungen von Männern für Männer“ und eine Instrumentalisierung des Körpers (S. 261). Aber letztlich konkretisiere sich das Menschenverständnis des TH als Anthropologie der Information, der eine metaphysische Essenz zugesprochen werde: „Die Information konstituiert im TH das Wesen des Menschen. In gnostischer Motivik soll der reine Geist vom stofflichen Körper befreit werden, der aber im TH nicht mehr Pneuma ist, sondern ‚pure Form‘, substratunabhängige Information“ (S. 266).

Im Kapitel „Der Transhumanismus -eine Ideologie?“, folgt Puzio der Totalitarismus-Theorie Hannah Arendts und findet „protototalitäre Aspekte“ im TH: „Für den Nationalsozialismus bedeutet das beispielsweise, dass »nichts ›logischer‹ und konsequenter ist, als daß man […] parasitäre Rassen oder dekadente Völker eben auch wirklich zum Absterben bringt.« Der TH ist nicht in der Position, seine Visionen in Gesellschaft und Politik voll umzusetzen. Dennoch gilt auf diese Gefahr, auf die Arendt aufmerksam macht, auch hinsichtlich des TH wachsam zu bleiben. Denn denkt man die transhumanistischen Gedanken zu Ende und zieht daraus strikte Konsequenzen, dann gilt auch hier das Recht des Stärkeren, des ökonomisch Gewinnbringenden, des Produktiven oder der Maschine“ (S. 275f).

Der dritte und kürzeste Teil „Anthropologie 2.0“ sucht nach Möglichkeiten die Anthropologie weiterzuentwickeln und verwirft dafür die vernichtend kritisierten Ansätze von TH und des ihn steigernden tPH (technischer Posthumanismus). Anders zu bewerten ist der kPH, der kritische Posthumanismus, der auf postmoderne und poststrukturalistische Theorien zurückgeht. Puzio geht es darum, „dass vor dem Hintergrund der modernen Technologien weiterhin am Projekt der Anthropologie festgehalten werden kann, diese aber transformiert werden muss“ (S. 291). Dazu gelte es, auf die Schnittstellen von Mensch, Körper und Technik zu schauen, wo sich zeige, dass Technologie das gesellschaftlich bestimmte Körperverständnis ebenso ändern könne wie dies politisch-kulturelle Richtungen taten, etwa die Punk-Bewegung (S. 300). Sie erörtert Selbstoptimierungen wie kosmetische Operationen als „Technologien des Selbst“ (Foucault), die helfen können unser gegenwärtiges Körperverständnis auszuweiten (S. 352). Puzio führt kulturwissenschaftlich in den kPH ein: Über die Figurationen des Posthumanen, wie (Technik-)Monster, Superroboter, Hybride in der Science-Fiction. Mit der Techno-Feministin Donna Haraway und ihrem berühmten Cyborg-Manifesto sei der Frage nachzugehen, was Menschsein morgen bedeuten könne. Im letzten Absatz zitiert sie für den kritischen Umgang mit künftiger Biopolitik Haraway: „Als AnthropologInnen möglicher Formen des Selbst sind wir zugleich TechnikerInnen für den Entwurf von Wirklichkeiten, die eine Zukunft haben“ (S. 356).

Diskussion

Die sehr materialreiche und engagierte Kritik am Transhumanismus und seinen teilweise überschießenden Visionen kontrastiert mit einer tendenziellen Kritiklosigkeit gegenüber heutiger Techniknutzung und Gesellschaft, so dass sich die Dissertation stellenweise fast wie ein Werbetext liest wenn Puzio schreibt: „Das neuste Model (Apple Watch 6) ermittelt sogar den Blutsauerstoffgehalt. Da sie den Schlafrhythmus erfasst und wasserfest ist, muss sie gar nicht mehr abgenommen werden. Mit der Apple Watch können Fitnessziele gesetzt und erreicht werden (…) Die Bewegungsaktivitäten lassen sich teilen, sodass man mit seinen Kontakten in einen Wettbewerb treten kann.“ (S. 306)

Fraglich scheint, ob es sich dabei, wie Puzio meint, wirklich um autonomieförderliche „Technologien des Selbst“ handelt oder eher um eine (andernorts von ihr kritisierte) Kommerzialisierung des Körpers -die hier zudem mit einer neoliberalen Ideologie des Wettbewerbs unterlegt ist. Puzio berichtet, wie vornehmlich junge Frauen heute eine Schönheits-OP unter Vorlage eines mit digitalen „Filtern“ aufgehübschten Selfies anstreben und wie auf Instagram Abmagerungswettbewerbe ein besonders knochiges Schlüsselbein belobigen. Doch auf die dort und in anderen „Social Media“-Plattformen epidemische Anorexie geht sie nicht ein.

Kritikwürdig scheint ihr offenbar auch nicht, dass im Rahmen künftigen digitalen „social engineering“ Probleme wie „Finanzcrash, Klimaschutz oder revolutionäre Bewegungen“ unter Kontrolle gebracht werden sollen (S. 312). Dass hier Ökologie, Finanzregulierung und politische Unterdrückung progressiver Bewegungen technokratisch auf eine Stufe gestellt werden, ist problematisch -und man erkennt unschwer die stramm antikommunistische Ideologie der CSU und ihrer -Puzio fördernder- Seidel-Stiftung. Die morbide Verbindung völkisch-reaktionärer Ideologie mit Technologiebegeisterung der CSU ist aus dem Faschismus nur allzu bekannt und gibt sich im alpinen Bundesland leutselig mit ihrer schlüpfrigen Parole vom „laptop in der Lederhose“.

Puzios Ideologie-Kritik am TH ist dementsprechend auf Arendts Totalitarismus-Theorie begrenzt, vergleicht den TH i.d.S. mit Stalinismus und vor allem der NS-Ideologie, dabei die alte rechtskonservative Gebetsmühle von einem angeblichen „politischen Kreis“ schwingend. Die heute nach Ansicht vieler Gesellschaftskritiker westliche Länder dominierende Ideologie ist aber der Neoliberalismus (vgl. z.B. Reimer 2023). Dieser formt maßgeblich Gesellschaft und Technologien eines Digitalen Kapitalismus, der tief in Alltag und Leben der Menschen hineinwirkt. Der Neoliberalismus (als dessen katholische Version sich die CSU in Bayern geriert) wird leider von Puzio nicht als einschlägige Ideologie erwähnt. Und dies, obwohl er starke Bezüge zu digitalen Technologien und Medien aufweist und mit dem TH u.a. Ziele der Optimierung, Kontrolle und Macht teilt. Diese Auslassungen schmälern jedoch kaum Puzios philosophische Kritik am TH oder ihren Ansatz einer dem kPH Donna Haraways folgenden neuen Anthropologie.

Fazit

Anna Puzio untersucht, wie sich Mensch und Körper durch Technik verändern und was daraus für den Transhumanismus folgt, dessen Ziele in Perfektionierung, Kontrolle und Macht liegen. Der TH zeige dabei ein reduktionistisches Menschenbild sowie prototalitäre Aspekte einer Ideologie. In deutlicher Abgrenzung zum TH, aber affirmativer Haltung zur technologischen Selbstoptimierung entwickelt Puzio ihre Technikanthropologie auch mit Ideen des kritischen Posthumanismus, besonders der Techno-Feministin Donna Haraway.

Anna Puzio: Über-Menschen. Philosophische Auseinandersetzung mit der Anthropologie des Transhumanismus. transcript transcript, Bielefeld 2022, 389 Seiten. ISBN 978-3-8376-6305-1. 45,00 EUR Reihe: Edition Moderne, Postmoderne.

Anna Puzio (Dr. phil.), geb. 1994, studierte katholische Theologie, Philosophie und Germanistik in Münster und München und promovierte mit der hier als Buch vorgelegten Promotionsschrift an der Hochschule für Philosophie München. Ihre Studie entstand im Rahmen eines interuniversitären Promotionskollegs mit der Katholischen Stiftungshochschule München und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, finanziert durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung. Puzio forscht zu TH, Technikanthropologie und Technikethik, sie publizierte u.a. zu Moraltheologie sowie zum Theologiestudium im digitalen Zeitalter.

Eine Kurfassung dieser Rezension erschien bei https://www.socialnet.de/rezensionen/31580.php

12/25/21

Pankaj Mishra: Freundliche Fanatiker

Thomas Barth

Es ist eine klarsichtige Analyse der politischen Irrwege unserer Zeit – jenseits der eurozentrischen Perspektive: Pankaj Mishra untersucht in seinem neuen Buch „Freundliche Fanatiker: Über das ideologische Nachleben des Imperialismus“ die Auswirkungen des Imperialismus auf die heutige Welt und wie imperialistische Ideen und Strukturen weiterhin in verschiedenen Formen fortbestehen. Die „freundlichen Fanatiker“ sind liberal-rechtspopulistische Neoimperialisten wie etwa der Rechtsintellektuelle Niall Ferguson, die den Untergang des Abendlandes beschwören, weil dem Westen angeblich die nötige Aggressivität fehle, seine wohlverdiente globale Vormachtstellung zu halten.

Dies sei aus neoimperialer Sicht auch Schuld der degenerierten Netzkultur der Digital Natives. Die seien kriegsuntüchtige Faulenzer, die erschlafft vor ihren Bildschirmen chillen, statt tapfer zu den Waffen zu greifen, wie noch ihre wackeren Großväter. Mishras Kritik: Diese neoimperialen Ideologen betreiben Geschichtsfälschung, blenden aktuelle wie historische Verbrechen des Westens systematisch aus und stehen in rassistischer und faschistischer Tradition. Sie hätten den politischen Rechtsruck westlicher Länder herbeigeredet, der Trump, den Brexit und rechtsextreme Regierungsbeteiligungen etwa in Wien, Warschau und Rom erst möglich machte.

Der bekannte Schriftsteller und Publizist kritisiert die selbstzufriedenen Gedankengebäude des Westens und zeigt, dass der Mythos vom angeblich überlegenen Westen bis heute kaum hinterfragt wird. Erst in jüngerer Zeit dringen Stimmen aus dem Süden mit ihrer diesbezüglichen Kritik in unsere Debatten vor. Etwa der senegalesische Kulturökonom Felwine Sarr mit „Afrotopia“ oder eben der indische Buchautor Pankaj Mishra, der für seine Kolonialismus-Kritik „Aus den Ruinen des Empires“ den Leipziger Buchpreis erhielt, mit „Das Zeitalter des Zorns“ einen internationalen Bestseller landete und durch seine Liberalismus-Kritik „Freundliche Fanatiker“ aktuell erneut die Wut konservativer Feuilletons auf sich zog. Im vorliegenden Essayband schaut Mishra besonders auf die USA und Großbritannien als die Mächte, die seit dem 19. und 20. Jahrhundert Vorreiter im Bestreben waren, einen rassistisch geprägten, wie Mishra sagt, „imperialistisch gesinnten Liberalismus“ durchzusetzen – mit verheerenden Folgen, wie die Gegenwart zeigt.

Böse Zwillinge: Imperialismus und Liberalismus

Mishra analysiert die historischen und ideologischen Wurzeln des Imperialismus und zeigt auf, wie sie bis heute in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen präsent sind: Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus werden in der Erzählung vom demokratischen Aufstieg vertuscht. Simple, von Ressentiments geprägte Welterklärungen werden zum Mainstream. Mishra beleuchtet so die Rolle von liberalem Fanatismus und Extremismus in diesem Kontext und argumentiert, dass diese Ideologien oft aus imperialistischen Denkmustern entstehen, die westliche Werte für sich reklamieren, aber auch auf rassistische und antisemitische Wurzeln zurückzuführen sind.

„Eine lautstarke Beschwörung der Aufklärung oder eines anderen historisch und auf ewig festgelegten Wesenskerns Europas wirkt zunehmend wie das Symptom einer intellektuellen Rückständigkeit oder einer kulturellen Abwehrhaltung. Das multiethnische Europa ist eine unverrückbare Tatsache und benötigt daher eine stärker auf Inklusion bedachte, ergebnisoffenere Identität.“ Mishra S.61

Damit stellt sich Mishra gegen alle von rechtspopulistisch-konservativer Seite betriebenen Restriktionen europäischer Einwanderungs- bzw. Migrationspolitik. Diese berufe sich gerne auf den nationalistischen Juristen und Staatstheoretiker Carl Schmitt, der behauptet habe, die „Kraft einer Demokratie“ zeige sich darin, das Fremde, „die Homogenität bedrohende“ fernzuhalten oder zu beseitigen (Mishra S.51). Ob Schmitt mit diesen Behauptungen den von ihm unterstützten Nazi-Faschismus und dessen Massenmorde rechtfertigen wollte, diskutiert Mishra nicht. Schmitt, der als „Kronjurist“ des Nazi-Faschismus gilt, machte unter Hitler Karriere und rechtfertigte Diktatur und Massenmorde; der Zentralbegriff des nationalsozialistischen Staatsrechts sei „Führertum“, so Schmitt, und unerlässliche Voraussetzung dafür sei die „rassische“ Gleichheit von Führer und Gefolge (Wikipedia). Obwohl in seiner Karriere vor 1933 auch von jüdischen Kollegen gefördert, wandelte sich Schmitt nach Hitlers Machtergreifung zum fanatischen Antisemiten, der die Nazi-Rassegesetze juristisch legitimierte. Mishra stellt fest, dass heutige Rechtextremisten vom Front National in Paris, über die FPÖ in Wien bis zur British National Party „ihren ursprünglichen Antisemitismus“ neu verpackt hätten und nun Muslime „statt der Juden beschuldigen, heimlich nach der Weltherrschaft zu streben“ (S.52).

Die wahren Feinde der Demokratie aber sind jene, meint Mishra, die angeblich ihre Werte verteidigen: Dies zeige der in den USA tief verwurzelte Rassismus ebenso wie die Angst dortiger Machteliten vor islamistischen oder lateinamerikanischen Invasoren. Mit konkreten Beispielen hält Mishra den Westeliten einen Spiegel vor und macht sichtbar, wie brüchig das Fundament ist, auf dem unsere westliche Welt steht: Eine freiheitliche Demokratie, in der Gleichheit und Menschenwürde verwirklicht sind, ist noch lange nicht erreicht und wenn unsere Medien Parlamentswahlen westlicher Machtart als allein seligmachenden Weg zu einer Mitbestimmung der Bevölkerung hinstellen, wird dies oft als liberal-koloniale Herrschaftsattitüde gesehen. Mishra weigert sich aus gutem Grund, die im westlichen Medien-Mainstream kolportierte Mär von Indien als „größter Demokratie der Welt“ zu bestätigen, attackiert den aktuell wiedergewählten Präsidenten Indiens, Narendra Modi und dessen neoliberalen Hindu-Suprematismus. Mishra kritisiert auch die neokoloniale Ignoranz des Nordens, die Modi huldigt, und verweist auf den Erzliberalen O’Brian:

„Als Conor Cruise O’Brian in den 1960er Jahren Afrika und Asien besuchte, fiel ihm auf, dass viele Menschen in den früheren Kolonien ‚von dem Wort „Liberalismus“ angewidert waren‘. Sie sahen darin ‚eine beschönigende Maske, die eine zutiefst habgierige Gesellschaft vor der von ihr ausgeraubten Welt aufsetzt.“ (Mishra 2021, S.113)

Liberale „Bland Fanatics“

O’Brian habe nicht verstanden, warum man den Liberalismus für eine Ideologie der Reichen hielt, weil sie genau die Regeln zu universellen Werten erhob, die Entstehung und Fortbestand des Kapitalismus begünstigen. Mishra beschreibt, wie kolonialer Rassismus, Unmenschlichkeit und Überlegenheitskult in liberalen Ideologien gedeiht und spätestens mit Tony Blairs „New Labour“ auf ehemals sozialistisch oder wenigstens sozial gestimmte Politik übergreifen konnte. Die Idee der Republik, des Parlamentarismus selbst wurde dadurch zunehmend unglaubwürdiger:

„Die französische und die US-amerikanische Republik, die allen Menschen demokratische Rechte versprachen, setzten zugleich eine globale Hierarchie durch, in der die Rechte einigen wenigen vorbehalten blieben und allen übrigen vorenthalten wurden.“ (Mishra 2021, S.178)

Dabei stand auch die rassisch begründete Ausschließung von Anfang an „im Zentrum des liberalen Universalismus“. Von Nixon über Reagan und Trump, von Thatcher über Blair und den Brexiteer Boris Johnson, verfolgt Mishra die immer extremer werdende Ideologie westlicher Herrschaftseliten. Sein Programm ist die Enthüllung der verborgenen Schattenseiten einer von westlichen Medien sorgfältig glorifizierten Machtelite:

„Die freundlichen Fanatiker bemühten sich sehr, ihre parfümierte Vorstellung angloamerikanischer Überlegenheit vor der anrüchigen Vergangenheit des Völkermords, der Sklaverei und des Rassismus -wie auch vor dem Gestank der Korruption in den Wirtschaftsunternehmen- zu schützen…“ (Mishra 2021, S.24)

Dabei ist „Freundliche Fanatiker“ noch eine eher freundliche Übersetzung, denn der Originaltitel „Bland Fanatics“, hebt im Wort „Bland“ noch andere Seiten hervor: zwar milde, höflich, einschmeichelnd, aber auch kühl, ironisch -die listige Arroganz des Kolonialisten schwingt deutlicher mit als im Deutschen.

Als ersten Vertreter der bland fanatics knöpft sich Mishra den Kennedy-Biografen und bekennenden Bilderberg-Conférencier Niall Ferguson vor. Man ahnt, warum Ferguson den Unmut des indischen Kritikers erregte: Die Inder etwa verdanken laut Ferguson dem Britischen Empire ihre Freiheit, Demokratie und die englische Sprache; die USA sollten endlich diesem Beispiel folgen und sich stolz zu ihrem Imperialismus bekennen (Mishra S.30). In Fergusons Buch „Das verleugnete Imperium. Chancen und Risiken amerikanischer Macht“ werden als Schwächen westlicher Macht Feministinnen, Adipöse und Digital Natives genannt. Der Feminismus sei schuld am demographischen Niedergang Europas und daran, „dass Mädchen nicht mehr mit Puppen spielen“, die Amerikaner seien übergewichtig und die Europäer degenerierte Faulenzer, die sich endlos dem „Gaming, Chatten und Chillen mit ihren iPods“ hingeben würden (Mishra S.35).

Wie sein Gönner Kissinger sieht Ferguson in den Chinesen die kommende Macht, natürlich nur, weil sie angeblich den westlichen Imperialismus kopieren; seinen ökonomischen Aufstieg verdankt China bei Ferguson selbstverständlich nicht der klugen Kombination von Marxismus und Kapitalismus, sondern dem sich in Peking angeblich ausbreitenden Protestantismus. Der ist nach dem deutschnationalen Soziologie-Klassiker Max Weber mit seiner protestantischen Arbeitsethik die Wurzel eines „Geist des Kapitalismus“. Mishra kommentiert:

„Der wieder aufgewärmte Weberianismus -Indiz für Fergusons nostalgische Sehnsucht nach den Gewissheiten des Sommers 1914- verwandelt sich in eine weitere Klage über die westliche Zivilisation, deren Niedergang sich an der Tatsache zeige, dass die Kirchen leer und die Steuern auf Vermögen und Einkommen hoch seien… während ‚Imperium‘ zu ‚einem schmutzigen Wort geworden‘ sei.“ Mishra S.44

Bei uns würden Christliche Union und neoliberale FDP dieser Klage wohl einmütig zustimmen, stehen Religion bei den einen und Steuersenkung bei beiden weit oben auf der Agenda. Unverblümter Neoimperialismus wäre jedoch noch nicht gesellschaftsfähig und fremdenfeindliche Ressentiments werden noch den Rechtsextremisten allein zugeschrieben.

Neben fleißigen Chinesen machen Ferguson auch die vermehrungsfreudigen Araber große Sorgen um die westliche Vormachtstellung in der Welt. Besonders Europa ist nach dieser ebenso paranoiden wie rassistischen Weltsicht in großer Gefahr, schon sehr bald von Moslems überrannt zu werden. Mishra zitiert die auch von deutschen Rechtspopulisten und Rassisten oft erhobene Behauptung, dass

„eine junge muslimische Gesellschaft südlich und östlich des Mittelmeers bereitsteht, ein vergreistes Europa zu kolonisieren“ (Mishra S.46, Ferguson zitierend)

Der von der BBC hofierte schottische Historiker Ferguson strebe penetrant nach einer Reinwaschung nebst Rivival des Imperialismus. Mishra zeigt auf, wie Ferguson dabei in Fußstapfen von Nazi-Befürwortern und Rassisten wie T.L.Stoddard tritt, der in den USA der 1920er Jahre mit faschistoiden Bestsellern die Angst vor Schwarzen schürte.

Die Verteilung der Rassen nach T. L. Stoddard, schematisierende Karte aus The Rising Tide of Color

Stoddard gilt, was Mishra nicht erwähnt, laut Wikipedia als wichtiger Stichwortgeber des deutschen Nationalsozialismus. Nicht nur dämonisierte er Juden als „eigene Bastard-Rasse“ und verleumdete sie als „Gefahr für die europäische Zivilisation“: In seinem Buch The Revolt Against Civilization. The Menace of the Under Man (1922; dt. Der Kulturumsturz. Die Drohung des Untermenschen, 1925) identifizierte er den Bolschewismus mit einem rassisch definierten Judentum und dieses wiederum mit dem „Untermenschen“. Der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg griff diese hetzerischen Behauptungen Stoddards in Der Mythus des 20. Jahrhunderts auf, und machte damit das zynische Unwort „Untermensch“ zum nationalsozialistischen Schlagwort. Stoddards Weltkarte der „Verteilung der Rassen“ erinnert nicht zufällig an ähnliche, aber von Rassen auf Kulturen umgeschwenkte Karten des Havard-Professors Samuel Huntington. Auch dieser US-Ideologe schürt in seiner „unheilverkündenden Großtheorie“ von einem angeblich tobenden „Kampf der Kulturen“ Rassenängste (Mishra S.28). Huntington begann seine Karriere als Berater beim rassistischen Apartheid-Regime von Pieter Willem Botha in Südafrikas Geheimdienst Civil Cooperation Bureau, das zahlreiche Verbrechen an Apartheidsgegnern verübte – und bezeichnete 1960 die Gesellschaft Südafrikas zur Zeit der Apartheid als eine „zufriedene Gesellschaft“ (Wikipedia). Später setzte er seine Arbeit in den USA fort und war Mitgründer und Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift Foreign Policy, die eine große Stütze des „verleugneten“ Imperiums der USA ist.

Ferguson bemüht sich, den Imperialismus für seine angeblichen Bemühungen um Handelsfreiheit und sogar zur Abschaffung der Sklaverei zu preisen (Mishra S.12). Ob diese durch oder nicht eher gegen die Imperialisten abgeschafft wurde, dürfte zumindest strittig sein, ergänzt der Rezensent, unstrittig dagegen, dass die Hauptimperialisten durch Sklavenhandel und -ausbeutung reich wurden. Die verkrampft-feindselige Haltung heutiger Westeliten gegenüber anderen Kulturen wurzele, so Mishra, in solch dunklen Ideologien und ziele weiterhin auf skrupellosen Machterhalt ab.

Das habe auch Folgen für das politische Klima der angelsächsischen „liberalen Demokratien“ selbst. Mit der Entfernung von Denkmälern für Sklavenhändler sei es dort nicht getan. Es müssten auch Geschichts- und Schulbücher endlich umgeschrieben werden, damit das dort „neumodische“ Sozialstaatsdenken nicht länger dämonisiert werden könne. Voraussetzung dafür sei, dass man dort „nachhaltig mit der Sklaverei, dem Imperialismus und dem rassistischen Kapitalismus abrechnet. Sie waren es, die einigen Leuten in Großbritannien und den USA gewaltigen Reichtum und einzigartige Macht bescherten, die große Mehrheit der Weltbevölkerung jedoch in einen brutalen Kampf gegen Mangel und Entwürdigung stürzten.“ (Mishra S.295)

Pankaj Mishras neues Buch bietet eine kritische Perspektive auf die globalen Auswirkungen des Imperialismus und regt dazu an, über die historischen Kontinuitäten in der heutigen Welt nachzudenken. So entstand der Neoliberalismus aus der Angst der Weißen um ihre Vorherrschaft. Und der westliche Liberalismus ist gar nicht so liberal, denn er definiert die eigene Kultur als die maßgebliche und brandmarkt andere Entwürfe als rückständig oder autoritär.

Mishra, Pankaj: Freundliche Fanatiker: Über das ideologische Nachleben des Imperialismus, Frankfurt/M. 2021, S.Fischer Verlag, 304 Seiten, 24,00 Euro

(Aktualisiert Juli 2024)