04/28/16

Der Schamane und die Schlange

Filmkritik von Thomas Barth

Der Film verbindet Humor mit knallharter Kritik am Kautschuk-Kolonialismus zu einem visionären Trip in versunkene Kulturen des Amazonas: Kolumbiens künftiger Kinoklassiker.

Die Hauptfigur von El abrazo de la serpiente (eigentlich: Die Umarmung der Schlange) ist erstmals im kolumbianischen Kino ein Indigeno (Indio): Der nach Vernichtung seines Volkes durch „die Kolumbianer“ allein im Dschungel lebende Schamane Karamakate muss sich zweimal in seinem Leben mit sonderbaren Weißen herumschlagen. Den jungen Karamakate (Nilbio Torres) sucht der todkranke deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijovet) auf, er will Heilung durch die geheimnisvolle Pflanze Yakruna.

Die heilige Blume Yakruna verheißt spirituelle Läuterung, verspricht aber auch besseres Kautschuk. 40 Jahre später findet der Botaniker Evans Schultes (Brionne Davis) den alten Schamanen (Antonio Bolívar); Evans sucht, geleitet von Grünbergs Reisebericht, die gleiche Pflanze. Beide Male lässt Karamakate sich widerwillig auf den Weißen ein, macht sich auf zwei abenteuerliche Reisen durch einen Dschungel, in dem einer faszinierenden Natur die Brutalität des Kolonialismus gegenübersteht.

Der Film des jungen Regie-Talents Ciro Guerra zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann; faszinierende, fast mystische Naturaufnahmen saugen den Blick in die visionäre Welt des Karamakate, durch die der weiße Forscher als komische Figur in eine brutale Handlung stolpert. Für Zuschauer und Karamakate verschmelzen beide Weiße zu einer Person; raffiniert gesetzte Zeitsprünge lassen beide Handlungsstränge parallel auf ihr ebenso dramatisches wie inspirierendes Ende zutreiben. Bildgewaltig, humorvoll und bewegend greift der Film auf reale Ereignisse und historische Forscherpersönlichkeiten zurück.

Gebrochene Figuren und spirituelle Drogen

Die beiden Forscher werden als gebrochene Figuren vorgeführt, der eine ein Irrer, der andere ein Betrüger. Theo, den sein treuer Gehilfe Manduca (Miguel D. Ramos) halbtot zu Karamakate schleppt, hängt in wahnsinniger Hartnäckigkeit an seinem Gepäck. Als der Schamane dies unterwegs kritisiert, “Du bist verrückt”, antwortet der Deutsche mit seligem Lächeln: “Ich weiß.” Theo will durch die Yakruna lernen zu träumen und verspricht Karamakate, dass er ihn zu letzten Überlebenden seines Stammes führen kann.

Evans will zu Anfang die heilige Yakruna von Karamakate für “viel Geld” kaufen und zeigt ihm zwei Ein-Dollar-Noten, doch der winkt ab, Geld stinke und sei nur etwas für Ameisen. Beide Forscher werden dennoch auch sympathisch dargestellt, Evans gewinnt den Schamanen für sich: “Ich habe mein Leben den Pflanzen gewidmet”; da findet Karamakate: “Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Weißen gehört habe.” Letztlich wird auch Evans zu einem Bewahrer der indigenen Kultur, die der Kolonialismus gnadenlos zerstört.

Optische Brillanz, überzeugende Darsteller in einer klugen Handlung und Bilder, welche die Fantasie nicht mehr loslassen, machen den Film zu einer faszinierenden Reise in die Welt des Amazonas. Die Kamera taucht tief in eine symbolisch aufgeladene Natur: Die Pflanzen des Dschungels sind mystischer Palast, rettende Heilkräuter, spirituelle Drogen und heilige Blume Yakruna. Eine lebendgebärende Boa windet sich in Schleim und aufplatzenden Eihüllen mit ihrem Nachwuchs, scheint ihre Kinder zu fressen. Karamakate träumt von einer Boa, die Theo das Unheil bringen wird. Oder ist der Weiße selber die Schlange, also die Gefahr? Schmetterlinge umschwärmen den mit halluzinogenen Tränken erleuchteten Karamakate wie Elfen. Ein Jaguar mit glänzendem Pelz beschleicht die Expedition als Verkörperung des Todes, bereit sich sein Opfer zu holen.

Chorrera: etnocidio cauchero

Doch wer nur in Naturromantik schwelgen will, sitzt hier im falschen Film. Das Grauen des Kolonialismus fokussiert sich in Chorrera, einer “Gedenkstätte für die Opfer der Kautschuk-Völkermords” (Presseheft). Das ärmliche Anwesen Chorrera war christliches Missionszentrum und Kautschuk-Sammelstelle der Caucheros, der Kautschukbarone. Beide Handlungsstränge treffen hier auf höllische Zustände kolonialer Verbrechen: Der junge Karamakate trifft mit Theo und Manduca auf einen bewaffneten Mönch inmitten Dutzender Indigeno-Kinder. Es sind Waisen, die man im Namen Jesu nach Versklaven ihrer Eltern bzw. dem Abschlachten ihrer Stämme durch Caucheros “eingesammelt” hat. Nun werden die Kinder christianisiert, indem ihre Sprache und Kultur, angeblich nur “Dummheit und Kannibalismus”, aus ihnen heraus geprügelt wird.

40 Jahre später findet der alte Karamakate mit dem Botaniker Evans in Chorrera eine Sekte vor, die sich um einen irren Messias schart, Reisende mordet und das “Schlechteste beider Welten” in sich vereint. Theos Assistent Manduca ist ein befreiter Kautschuk-Sklave mit furchtbaren Narben auf dem Rücken. Er bekommt einen Wutanfall, als sie im Wald auf einen Indigeno treffen, der offenbar durch Abschneiden des rechten Armes zum Kautschuk-Sammeln verdammt wurde. Wenn Theo durch den Belgier Bijovet verkörpert wird, weckt dies Erinnerungen an die Kongogräuel, jenen Kautschuk-Völkermord, durch den der Belgische König Leopold II zu sagenhaftem Reichtum kam. In Belgisch-Kongo wurde Hunderttausenden die rechte Hand abgeschnitten, viele Millionen starben. Ciro Guerra bietet jedoch keine billige Lösung an, etwa durch Besiegen des Caucheros in Indiana-Jones-Manier. Er zeigt Grausamkeit und Leiden in einer glaubwürdigen Handlung, die zum Nachdenken anregt.

Entlarvte Filmklischees

Ciro Guerra bricht nicht nur mit eingefahrenen Erzählstrukturen, Filmklischees und Sehgewohnheiten, er parodiert und entlarvt sie geradezu –von leichter Hand fast nebenbei. Er dreht einen Film über den Amazonas, man erwartet grünen Dschungel, bekommt aber einen Schwarzweißfilm. Das Format suggeriert zeitweise einen Dokumentarfilm nach dem Muster: Weißer Ethnologe zeigt uns exotische Indianer. Doch wenn dort vor gönnerhaft lächelnden Forschern die Eingeborenen tanzen würden, so sehen wir hier den Anthropologen Theo, wie er vor den johlenden und klatschenden Indigenos Volkstänze seiner deutschen Heimat zeigt.

Im Kanu diktiert Theo seinem treuen Gehilfen Manduca einen Brief an seine Frau im fernen Deutschland, die er womöglich nie mehr wiedersehen wird. An dieser Stelle würde in klassischer Hollywoodmanier die Gefühlsorgel aufgedreht, um dem Zuschauer qua Weichzeichner und Filmmusik die schmalzigen Gefühle zu geigen, die er oder sie haben soll. Zielzustand: Wahlweise in platt manipulierter Rührung versinken (Frauenfilm) oder sich (Actiongenre) in gerechter Mordlust auf den nächstbesten Feind stürzen zu wollen, der uns das Schnulzidyll versalzen hat. Nicht so bei Ciro Guerra, der Karamakate fragen lässt, was denn Manduca da für den Weißen mache. Manduca erläutert belustigt, dieser drücke seiner Frau seine Gefühle aus, was auch den Schamanen zu unbändigem Lachen reizt. “Und wenn du wieder in Deutschland bist, wirst du dann mir deine Gefühle ausdrücken?”, fragt der heitere Weise den erbosten Weißen.

Der Schamane ist dabei kein stereotyper “Weiser Medizinmann”, sondern schalkhaft und im Alter ratlos. Der alte Karamakate steht hilflos neben Evans vor einer mit Indigeno-Symbolen bemalten Felswand und kann nicht mehr erklären, was sie bedeuten. Sogar den Kokabrei Mambe muss Evans für die beiden zubereiten –der Schamane hat alles vergessen. (Das wäre etwa so, als würde man Albert Einstein vor einer Tafel mit seinen Formeln finden, doch er bekennt, nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee kochen zu können.) Doch Karamakate findet im Lauf der Reise zu seinen Kenntnissen über halluzinogene Pflanzen zurück und weiß sie auch anzuwenden.

Der psychedelische Yakruna-Trip wird eindrucksvoll inszeniert: als einzige Farbsequenz in einem Schwarzweißfilm lässt er beim Zuschauer plötzlich die Neuronen der Sehrinde feuern, so dass die halluzinogene Wirkung fast nachempfunden werden kann. Anfangs womöglich noch leicht an die entsprechende Szene in “2001 –Odyssee im Weltall” angelehnt, entführt er uns rasch in mythische Bilderwelten der Indigenos. “El abrazo de la serpiente” ist sicherlich ein Film, den man mehrmals sehen sollte.

Die historischen Personen

Die beiden von Ciro Guerra und seinem Drehbuch-Koautor Jaques Toulemonde vorgeführten weißen Forscher sind historische Personen. Deren Werk wird vom Film gewürdigt, besonders Theodor Koch-Grünberg (1872-1924), eigentlich Theodor Koch, der den Namen seines hessischen Geburtsortes wie damals nicht unüblich anfügte, und auch Theodor von Martius genannt wird. Koch-Grünbergs Aufzeichnungen sind heute das einzige, was von vielen Indigeno-Kulturen übrig blieb, er gilt auch als Pionier der anthropologischen Fotografie.

Sein im Film gezeigtes Buch über die Baniwa “Zwei Jahre unter den Indianern” erschien 1910 (also, anders als in der Filmhandlung, 14 Jahre bevor er in Brasilien an Malaria starb). Der Freiburger Professor erforschte die Flussläufe von Rio Xingu, Yapura, Rio Negro und Rio Branco, dokumentierte vor allem die Kultur der Pemón (Arekuna und Taulipang) im Dreiländereck von Venezuela, Brasilien und der Kooperativen Republik Guyana. Die Pemón genießen eine gewisse Bekanntheit, weil die Regierung von Venezuela in ihrem Namen das Berliner Kunstprojekt “Global Stone” seit 2013 auf Rückgabe eines 30 Tonnen schweren heiligen Steins verklagt.

Richard Evans Schultes (1915-2001), der Koch-Grünbergs Spuren folgte, gilt als Klassiker der Ethnobotanik mit speziellem Interesse an halluzinogenen Pflanzen –er publizierte 1980 zusammen mit dem LSD-Entdecker Albert Hofmann. Der Havard-Botaniker Schultes forschte hauptsächlich in Kolumbiens Amazonasregion und soll die unwahrscheinliche Zahl von 24.000 Pflanzenarten klassifiziert haben, darunter 2000, die von indigenen Kulturen als Heilpflanzen genutzt wurden; gut 120 Arten tragen seinen Namen. Ab den 60er-Jahren setzte er sich für den Erhalt von Indigeno-Kulturen und Regenwald ein und klärte seine Studenten in Havard darüber auf, dass dort im letzten Jahrhundert schon über 90 indigene Kulturen vernichtet wurden; 1986 errichtete Kolumbien ein Naturschutzgebiet etwa von der Größe des Libanon als “Sector Schultes”, so sein Nachruf in der NYT.

Filmkritik erschien auch auf Telepolis

Literatur, Quellenangaben

Evans Schultes, Richard u. Albert Hofmann: The Botany and Chemistry of Hallucinogens, 2nd ed. Springfield 1980.

Koch Grünberg, Theodor: Zwei Jahre unter den Indianern: Reisen in Nordwest-Brasilien, 1903–1905. 2 Bände. Ernst Wasmuth, Berlin 1909/1910.

Filmtitel: Der Schamane und die Schlange, Originaltitel: El Abrazo de la Serpiente; (Argentinien, Kolumbien, Venezuela 2015); Laufzeit: 125 Minuten; Kinostart in Deutschland: 21.04.2016; Regie: Ciro Guerra: Drehbuch: Ciro Guerra, Jacques Toulemonde Vidal; Darsteller: Nilbio Torres, Antonio Bolivar, Brionne Davis, Jan Bijvoet, Miguel Dionisios Ramos, Nicolás Cancino, Yauenkü Migue; Produktion: Cristina Gallego, Raúl Bravo, Marcelo Cespedes, Horacio Mentasti; Festivals: Cannes 2015, lief auf der Berlinale im Sonderprogramm NATIVe für indigenes Kino, 2016 Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.

03/10/16

Filmkritik: Mr.Mai

„Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an.

Filmkritik von Thomas Barth

Mr.May ist ‚Funeral Officer‘ in London. Als Angestellter der Kommunalverwaltung organisiert er Beerdigungen für Menschen, die ohne Hinterbliebene verstorben sind. Wir begleiten ihn in Wohnungen, in denen die Toten ihre letzten einsamen Jahre verbrachten, wo er nach Hinweisen auf Verwandte oder Freunde sucht. Dabei sammelt er auch Lebensdaten, die er in sehr persönliche und bewegende Grabreden einfließen lässt –gehalten meist in einer leeren Kapelle.

Denn Mr.Mays Bemühungen, frühere Bekannte der Verstorbenen zu einer Teilnahme am Begräbnis zu gewinnen, verlaufen oft frustrierend. Meist wollen ehemalige Freunde und zerstrittene Verwandte nicht an den Zeremonien zum Andenken mit den Toten teilnehmen. Doch der wortkarge ‚Funeral Officer‘ lässt sich nicht entmutigen und tut weiter seine Pflicht, das Gedenken an die einsam Verstorbenen scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein. Sein etwas makabres Hobby: In einem Photoalbum sammelt er daheim wie in einem Familienbuch Bilder der Toten. An schönen Tagen geht er Probeliegen auf dem wunderschön unter Bäumen gelegenen Grabplatz mit Blick über den ansonsten britisch-kargen Friedhof.

Der schlanke Staat: Gnadenlos auch mit den Toten

Doch Mr.Mays Sorgfalt, Pflichtgefühl und Respekt passen nicht zur neoliberalen Lehre von der Heiligen Effizienz, mit der ein managerhafter Vorgesetzter die fristlose Entlassung des ‚Funeral Officer‘ begründet. May bittet sich einige weitere Tage aus, um seinen letzten Fall würdig abschließen zu können: Ein Billy Stoke starb in seiner verwahrlosten Behausung genau gegenüber von John Mays eigener Wohnung. Filmemacher Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Paolo Pasolini, aber Neffe von Luchino Visconti) wollte am Thema von Einsamkeit und Tod auch den Verlust von Menschlichkeit in unserer neoliberalen Gesellschaft anprangern.

„Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? Warum werden so viele Leute vergessen und sterben vereinsamt? Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“ Uberto Pasolini

Auch in Deutschland obliegt die Bestattung mittellos Verstorbener ohne Angehörige den Kommunen. Als wachsendes Großstadtphänomen gibt es seit 2004 eine rasant steigende Zahl von „Sozialbestattungen“, bei denen die Angehörigen nicht über die finanziellen Mittel für eine Beisetzung verfügen. Die Zahl dieser Fälle ist seit 2004 um zwei Drittel gestiegen, was auch mit der Streichung des „Sterbegelds“ der gesetzlichen Krankenkassen unter der Regierung Schröder zu tun hat –so hat der Filmverleih von „Mr.May“ recherchiert. Eine Nachfrage bei den Hamburger Friedhöfen bestätigt dies.

„Leichen sind zu bestatten. (…) Für die Bestattung haben die Angehörigen zu sorgen. Wird im Todesfall niemand tätig, veranlasst die zuständige Behörde die Überführung der Leiche in eine Leichenhalle. Wird für eine in eine Leichenhalle eingelieferte Leiche kein Antrag auf Bestattung gestellt, so kann die zuständige Behörde vierzehn Tage nach Einlieferung die Bestattung in einer Reihengrabstätte eines Friedhofes veranlassen.“ §10 Hamburger Bestattungsgesetz

Die Durchführung von Amtsbestattungen werden in Deutschland von den Kommunen ausgeschrieben, der günstigste Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag. Anders als im Film sind die Sterbeorte jedoch vor allem Krankenhäuser und Altenheime, seltener Privatwohnungen. Von dort werden die ohne Angehörige Verstorbenen von einem durch die Polizei verständigten Leichentransporter abgeholt und in die Verstorbenenannahme auf dem Öjendorfer Friedhof gebracht, teilt die Hamburger Friedhofsverwaltung mit. Der Öjendorfer Friedhof zählt nicht zu den schöneren der Stadt, er liegt abgelegen  weit im Osten Hamburgs. 2003 wurde ein Gedenkstein mit dem Schriftzug „Zukunft braucht Erinnern“ am Gräberfeld der Vergessenen  aufgestellt und seit 2007 gibt es sogar Blumenschmuck und eine Kerze für jeden Verstorbenen. Im Film kommt es schlimmer: Mr.May muss in stummer Erbitterung mit ansehen, wie nach seinem Rauswurf der Manager-Bürochef mit einer Angestellten im Business-Kostüm die Asche etlicher Toter lieblos auf den Rasen kippen.

Eddie Marsan überzeugt als Mr.May

Der bislang nur aus Nebenrollen bekannte Eddie Marsan zeigt sich als Hauptfigur von Format in diesem Film, der zurecht in Venedig mit dem Regiepreis und in Edinburgh mit dem Preis für den Besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Sein stilles, ausdrucksstarkes Spiel, sein trockener Humor und seine tiefe Menschlichkeit berühren den Zuschauer. Mit fast trotziger Leidenschaft stürzt sich Mr.May in seine letzten Ermittlungen zum Fall Billy Stoke, die er detektivisch genau führt. Er findet Arbeitskollegen, alte Armykumpel und sogar eine Tochter, von der Billy nichts wusste. Der Film gewinnt bei dieser Expedition in das Leben eines schon fast Vergessenen an Farbe und Tempo, ohne seinen ruhigen, manchmal humorvollen Blick auf die Problematik von Sterben und Tod zu verlieren. Etwa wenn Officer May in der Großbäckerei, wo Billy einst tätig war, Verständnis für die strengen Hygienevorschriften äußert und gefragt, ob er auch im Nahrungssektor sei, antwortet: „Nein, ich arbeite mit Menschen… die nicht mehr backen.“

Sogar eine subtile politische Botschaft kristallisiert sich heraus: Gegen die kaltherzige Exekution betriebswirtschaftlicher Direktiven durch den aalglatten Manager der Londoner Stadtverwaltung gewinnt der tote „Big Billy“ Stoke immer mehr an Format: War er nur ein verkommener Säufer? Ein Raufbold und Berufsversager? Oder verlor er seinen Job, weil er sich für die Kollegen im Betriebsrat einsetzte, ein Arbeiterkämpfer? Beim Wühlen in Billy’s verkorksten Familienleben findet Mr.May am Ende, ohne dass der Film dabei ins Kitschige abgleitet, zarte Anfänge einer Liebe. TV-Zeitschriften werden künftig wohl das Prädikat „Filmjuwel“ für „Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“ bemühen.

Zuerst publiziert bei Filmverliebt.de

09/13/15

I WANT TO SEE THE MANAGER

Filmkritik von Thomas Barth

Sieben skurrile Episoden zwischen Auslandsreport und cineastischem Augenschmaus stellen westliche Dekadenz dem Optimismus Asiens und Lateinamerikas gegenüber. Einfache Menschen reden von ihrer Not und ihren Träumen in der heutigen Globalisierung, samt Dreck, Ausbeutung und Konsumrausch.

Vor 30 Jahren lieferte der experimentelle Dokumentarfilm KOYAANISQATSI (USA 1983) der entstehenden Öko-Bewegung ihren Alptraum im Kino: Berauschende Naturbilder, in die wie ein Bulldozer die Technik einbricht, die Menschen nur noch ein Bienenschwarm in der Shopping Mall. Der Film kam mit einem einzigen Wort aus: „ Koyaanisqatsi“, was in einer Sprache der Native Americans soviel heißt wie „Leben im Ungleichgewicht“. I WANT TO SEE THE MANAGER (D/I 2015) braucht eine Menge mehr Worte, verfolgt aber ein ähnliches Ziel: Er versucht das Unbehagen der heutigen Westeuropäer in ihrer Kultur auf den cineastischen Punkt zu bringen.

Das ist schwieriger, denn während sich Atomgegner und Naturschützer der 1980er-Jahre mit der romantisierten „Weisheit der Indianer“ identifizieren konnten, fehlt heutiger Globalisierungskritik solch ein Mythos. Regisseur Hannes Lang spürt unserem Unbehagen mit globaler Ausbeutung nach, mit Konsumzwang, Naturzerstörung und deren Export in alle Welt, aber auch Ängsten vor Abstieg, Verfall und Tod in einer künftig von anderen Ländern dominierten Welt. Er greift dabei zu ästhetisierenden Bildern von Slums, Rohstoffabbau, zersiedelten Stadtlandschaften, und kombiniert sie mit sozialkritischer Reportage und skurrilem Vortrag in globaler Ökonomie.

„Angesichts der fortschreitenden Umstrukturierung innerhalb des globalen Machtgefälles spürt I WANT TO SEE THE MANAGER dem fragilen Bündnis zwischen wirtschaftlichem Ab- und Aufstieg nach. In sieben Episoden, die in Indien, Bolivien, China, USA, Italien, Thailand und Venezuela angesiedelt sind, enthält jeder Ort Fragmente eines anderen und zeugt jede Episode von den Hoffnungen und Bedürfnissen ihrer Protagonisten. In der Gegenüberstellung der lokalen Erfahrung der Menschen mit der Wirklichkeit einer globalen Weltwirtschaft hinterfragt I WANT TO SEE THE MANAGER unser Verständnis von Aufschwung und Zerfall.“ Quelle: Presseinformation

Den Anfang macht Bombay, ein vermüllter Hinterhof in den Slums, eine zerfallende Mauer, der die Kamera langsam folgt, bis auf ihr ein schmutziger Schuh ins Bild kommt. Dann ganz langsam ein Zweiter, man erkennt Hosenbeine, die Kamera gleitet an ihnen aufwärts. Ein Vortrag setzt ein, Englisch mit indischem Akzent. Jemand erklärt die globale Ökonomie, in der China und Indien bald schon mit Wachstumsraten über sieben Prozent die alten Westmächte mit ihren knapp zwei Prozent überholen werden. Es redet der Torso eines indischen Managers, erst zum Schluss kommt der sprechende Kopf ins Bild, hinter ihm ragen über die erbärmlichen Slum-Behausungen glänzende Bauten empor, das neue Indien.

Die Schnitte zwischen den Episoden sind manchmal hart, manchmal unmerklich. Übergangslos fallen wir aus Indien in eine Ödnis: Bolivien, ein riesiger Salzsee. Arbeiter tauchen auf wie Ameisen, entrollen gewaltige schwarze Folien. Einer erklärt, dass Lithium die große Hoffnung auf Wohlstand sei. Arbeiter sitzen nach Feierabend in einem Kuppelzelt vor dem Fernseher, trinken Bier. Kinder wandern bei Sonnenaufgang zu einem Haufen grober Felsblöcke, der sich als Stall entpuppt, holen Schafe heraus. Eine Indiofrau wäscht in einem Graben, erzählt von der Mühsal ihres Lebens und ihrem Vertrauen in Gott. China. Eine Lotterie um die staatliche Erlaubnis, ein Auto kaufen zu dürfen. Ein Manager erklärt, bei ungebremsten Wachstum der Autodichte würde sich bald der Verkehr stauen. Man sieht Automassen parken, fahren, in Verkaufshallen. Eine Verkäuferschulung. Ein Paar erzählt, wie komfortabel sie heute in einem Hochhaus wohnen und das bald alles noch viel besser sein wird.

USA. Ein düsteres Gewirr von Autobahnbrücken, ein muffiges Gebäude mit merkwürdigen Tanks. Ein Angestellter erklärt, wie hier Leichen in Kühltanks konserviert werden, zum Wiederauferstehen in besseren Zeiten und das Transhumanismus sicher von Gott erlaubt sei, sonst hätte er uns die ganze Technik doch nicht entwickeln lassen. Italien. Der Vesuv, Ruinen von Pompeji, Touristenmassen wälzen sich vorbei. Ein Mann im Kettenhemd mit golden glänzendem Römerhelm, preist sich erfolglos an: „Make a Foto with a Gladiator“, alle gehen vorbei, schließlich beißt doch ein Paar an, gibt aber nur einen Euro. Thailand. Thaifrauen pflegen greise westliche Rentner, eine erzählt weinend von ihren Ängsten, was aus ihr wird, wenn er stirbt. Caracas. Ein gigantischer Rohbau hat sich in einen senkrechten Slum verwandelt. Bewohner erzählen, wie sie den Bau in Besitz nahmen, versuchten sich Strom und Wasser zu organisieren, wie sie rätseln, was für ein Gebäude dies wohl einmal hätte werden sollen.

Analyse ist nicht die Stärke dieses Films. Der Titel geht auf den Witz von William S.Burroughs zurück, wenn ein Außerirdischer landen und sehen würde, wie es auf der Erde zugeht, würde er wohl sagen: „Ich will sofort den Geschäftsführer sprechen!“ Doch die Beschwerdeabteilung der Menschheitsgeschichte nimmt keine Reklamationen mehr an und unsere Existenz ist vom Umtausch ausgeschlossen. So bleibt den einen nur die Hoffnung auf Wachstum, andere kämpfen mit den Problemen steigenden Wohlstands. Dekadente Transhumanisten sehen sich schon als unsterbliche Halbgötter, lassen ihre Leichen kopfunter in Kryotanks hängen, während Europa sich müht, aus dem Ruhm vergangener Zeiten noch ein paar Euros zu wringen und seine Alten nach Thailand abschiebt.

„Seitdem die Menschheit das Konzept des Eigentums kennt, ist sie gespalten in jene, die haben, und jene, die nicht haben. Über lange Zeit hinweg manifestierte sich dieses Prinzip in der Unterscheidung zwischen ‚Industriestaaten‘ und ‚Entwicklungsländern‘ und nie hätte man geglaubt, dass dieses vermeintliche Gleichgewicht auszuhebeln wäre. Nun jedoch ist die Ordnung ins Wanken geraten… Gerade noch hatten wir Vollbeschäftigung, Wachstum und Wirtschaftswunder – Jetzt stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Wie konnte das passieren? …Wir brauchen keine Geschichtsbücher zu wälzen, denn wir können zur gleichen Zeit Entwicklungsstufen ein und desselben Systems an verschiedenen Orten dieser Welt beobachten.“ Quelle: Presseinformation

So erklären Autoren und Filmvertrieb ihre Motivation. Nicht sehr befriedigend, aber tiefer darf Kritik an der westlich dominierten Globalisierung wohl nicht dringen, wenn sie auf staatliche Filmförderung hoffen will. Hannes Lang schrieb das Buch zum Film zusammen mit Mareike Wegener, die in einem eigenen Dokumentarfilm zeigte, wie Kunst doch etwas mehr über die heutigen Machtstrukturen aussagen kann: Mark Lombardi zeigte in seinen Zeichnungen an Organigrammen der globalen Finanzwelt etwas deutlicher, wie die Sache mit dem „haben und nicht haben“ funktioniert.

I WANT TO SEE THE MANAGER zeigt wohl keine „Entwicklungsstufen“, sondern eher diffuse Abstiegsängste -und dass es vielleicht manchmal doch ganz gut wäre, ein paar Geschichtsbücher zu wälzen. Der Film steht am Ende vor seinen herausgegriffenen Facetten der Globalisierung wie die Bewohner des „Turm des David“ in Caracas vor ihrem Rohbau: Sie wissen nicht woher er kommt, er ihn baute und warum. Aber sie haben sich irgendwie in ihm eingerichtet.

12/14/14

Zerstörerischer Staudamm: Belo Monte am Rio Xingu

Thomas Barth

Brasilien bleibt auch unter der Präsidentin Dilma Rousseff bei einem problematischen Großprojekt: Das Wasserkraftwerk Belo Monte ist das drittgrößte weltweit – nach dem Drei-Schluchten-Staudamm in China und dem binationalen Itaipu-Werk an der Grenze Brasiliens zu Paraguay.  Der Dokumentarfilm „Count-Down am Xingu II“ zeigt den Abwehrkampf gegen ein nur Wirtschaftsinteressen dienendes Bauprojekt. Keßler bereiste dafür Brasilien und führte zahlreiche Interviews, dokumentiert in eindringlichen Bildern Naturzerstörung und Widerstand.

Am Rio Xingu (sprich: Tschingu), einem großen Nebenfluss des Amazonas, wird seit den 1980ern, der Zeit der Militärdiktatur, gegen eine Kultur- und Naturvernichtung gigantischen Ausmaßes gekämpft. In Gefahr sind einzigartige indigene Völker (bis zu 50.000 Menschen) und ein unvergleichliches Biotop, denn Amazonien beherbergt bis zu einem Drittel der Tier- und Pflanzenarten weltweit.

Brasilien verfolgt weiter die Strategie, den massiven Ausbau der Wasserkraft zu einem Motor der Industrialisierung zu machen. Doch Kritiker weisen darauf hin, dass die Menschenrechte der Indigenen verletzt werden, dass womöglich ein Ethnozid durch Krankheiten und Abschiebung in Slums droht, dass Naturschätze unwiederbringlich vernichtet werden.

Im letzten Jahr konnten Kläger das Bauprojekt trotz Genehmigung durch die brasilianische Umweltbehörde stoppen, doch nur für drei Monate. Bundesrichter Carlos Eduardo Castro Martins sah keine juristischen Gründe, die Arbeiten am drittgrößten Wasserkraftwerk der Welt im Bundesstaat Para weiter zu verzögern. Blockaden der “Transamazonica”-Überlandstraße wurden von der Polizei geräumt – trotz anhaltender Proteste auch von prominenten Künstlern wie Regisseur James Cameron, Rocksänger Sting und Alien-Jägerin Sigourney Weaver.

Countdown am Xingu

Der Dokumentarfilm von Martin Keßler „Count-Down am Xingu II“ (61 min) dokumentiert in eindringlichen Bildern Naturzerstörung und Widerstand. Die Kamera geht nahe an die Menschen heran, fängt ihre Emotionen ein, zeigt die indigene Kultur der Arara, einem Fischervolk am Xingu, ohne sich in farbiger Folklore zu ergehen. Vielmehr beherrschen Bilder vom Widerstand den Film: Demonstrationen, Aktionen gegen die Bulldozer des Energiekonsortiums, politische Debatten. Keßler bereiste Brasilien und führte zahlreiche Interviews, um in Europa auf die scheinbar gute Sache Wasserkraft, die aber hier zerstörerisch auf Mensch und Natur wirkt, hinzuweisen.

Zu Wort kommt im Film vor allem der Bischof von Altamira, Dom Erwin Kräutler. Er leistet vor Ort Widerstand und erhielt 2009 den alternativen Nobelpreis für seinen Einsatz im Dienste der Indigenen und der Natur Brasilien. Kräutler hält derzeit Vorträge in seiner Heimat Vorarlberg (Österreich) und beklagt im Film die Wortbrüchigkeit der Betreiberfirma Norte Energia beziehungsweise des Konzerns Eletronorte/Eletrobras. Die Wirtschaftsbosse beschweren sich ihrerseits über die Aggressivität der Indigenen. Gleichzeitig weisen sie auf ihren Respekt für indigene Gemeinschaften hin.

Bischof Kräutler hält dagegen, dass es Norte Energia gelungen sei, die Opfer der Umsiedlungen zu entzweien, indem einige mit (relativ bescheidenen) Abfindungen und fragwürdigen Versprechungen geködert wurden. Regierung und Konzerne verschanzten sich hinter einer Mauer des Schweigens und der Desinformation.

Menschenrechte vs. “full aluminium body”

Kräutlers Einsatz ist es vermutlich zu verdanken, dass der europäische Widerstand gegen Belo Monte bislang hauptsächlich in Österreich stattfindet. Aber das soll sich nun ändern. Denn es sind auch maßgeblich Firmen aus Deutschland mit ihren Interessen vertreten: Siemens, Voith Hydro und Mercedes werden im Dokumentarfilm genannt.

Die Lügen der Regierung werden angeklagt, das Kraftwerk wäre nötig für Elektrizität, die das brasilianische Volk dringend brauche – in Wahrheit würde mit dem billigen Strom Aluminium hergestellt. Ein Werbespot von Mercedes verdeutlicht, worum es wirklich gehen könnte: Schnellere Luxuskarossen dank „full aluminium body“. Die Aussage ist klar: Menschenrechte und Naturschätze stehen hier gegen den Komfort von ein paar Privilegierten.

Vom Krieg der Wirtschaft

In Keßlers Doku kommen viele Aktivisten und Indigene zu Wort, die sich nicht mit Abfindungen begnügen wollen, wie die junge Sheila Juruna Machado, die vor allem ihrer Enttäuschung über die Justiz Luft macht. Sie glaube nicht mehr an die Gerechtigkeit in Brasilien. Im Interview mit dem etwas betreten wirkenden Staatsanwalt von Altamira, Claudio Terrdo Anaral, wird die einseitige Rechtsprechung deutlich.

Auch Bischof Kräutler beklagt Gefälligkeitsurteile zugunsten der Wirtschaftsinteressen, Prozessverschleppung und Rechtsbeugung zur zügigen Fortführung des Bauprojekts. Gezeigt werden Bäuerinnen, Fischer, Bootsbauer, Dorfbewohner vor der Kulisse ihrer zerstörten Häuser. Dem Argument, es würden bei diesen gewaltigen Erdarbeiten, die jene beim Bau des Panamakanals übersteigen, 100.000 Arbeitsplätze geschaffen, begegnet der Film mit der Dokumentation schlechter Arbeitsbedingungen.

Unter dem Strich handelt es sich um ein von der Regierung in Brasilien geduldetes und gefördertes Wirtschaftsverbrechen. Der auch vom Verein „Business Crime Control“ (einer nicht-unternehmensnahen Alternative zu „Transparency International“) geförderte Film schließt mit dem Statement, der Filmemacher fühle sich im Nachhinein wie ein Kriegsberichterstatter – eines Krieges der Wirtschaft gegen die Umwelt und die Menschen. (zuerst erschienen bei Berliner Gazette)

10/19/12

Donna Haraways „Cyborg-Manifest“

Heike Hartsock

Donna Haraways in einer links-marxistischen Zeitschrift veröffentlichtes Essay „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie. Haraway entwirft darin das Konzept der (in der dt. Übersetzung gerne provokativ weiblich angesprochenen) Cyborg als eine hybride Figur, die die traditionellen Grenzen zwischen Mann und Maus, Mensch und Maschine, Natur und Kultur überschreitet. Das Manifest ist nicht nur eine Kritik an biologistischen Vorstellungen von Geschlecht und Identität, sondern auch ein Plädoyer für eine neue politische Imagination, die sich von binären Oppositionsmustern löst und mit den Sätzen beginnt:

„Dieses Essay versucht, einen ironischen, politischen Mythos zu entwickeln, der Feminismus, Sozialismus und Materialismus die Treue hält. Eine Treue, die vielleicht eher der Blasphemie gleichkommt als dem ehrfürchtigen Glauben an die reine Lehre oder der Identifikation.“

Die Cyborg als Metapher und politische Strategie

Haraway stellt sich hier einigen, eigentlich allen, Gruppen quer in den Weg, die sie (ironisch?) als für sie identifikationsstiftend nennt: Dem Materialismus verpasst sie eine philosophische Ohrfeige durch das Ziel, einen Mythos zu entwickeln -sehen Materialisten (ob Naturwissenschaftler, „Realisten“ oder Marxisten) sich doch als Gipfel der Entwicklung vom „Mythos zum Logos“, die nebenbei auch den Kern eines geistigen Überlegenheitsanspruchs moderner westlicher Kultur bildet. Der Sozialismus wird qua marxistischer Blasphemie gleich mit abgewatscht und ebenso durch eine Verschiebung politischer Problematisierung vom Sozialen auf das Technologische. Das betrifft auch den Feminismus, für den Technologie sogar ein erzpatriarchalisches Unternehmen ist, dem viele Frauen eher durch eine maschinenstürmerische Haltung begegnen wollen. Feministinnen setzen eher auf menschliche Werte, Gefühle und eine auch spirituelle Verehrung des (weiblichen) Körpers. In der Cyborg, einem Hybrid von Technologie und weiblichem Körper, konnten sich wohl nur wenige Feministinnen wiedererkennen.

Donna Haraway nutzt also die Cyborg als eine bewusste Provokation: Sie ist weder rein biologisch noch rein technisch, weder männlich noch weiblich, weder Subjekt noch Objekt. Diese Hybridität ermöglicht es, die natürlichen und sozialen Ordnungen zu hinterfragen, die in der westlichen Moderne als selbstverständlich gelten. Die Cyborg steht für eine Welt, in der Identitäten fluide und konstruiert sind – eine Welt, in der Technologie nicht als äußeres Werkzeug, sondern als konstitutiver Bestandteil des Menschseins verstanden wird. Haraway betont, dass die Cyborg keine Zukunftsvision ist, sondern bereits Realität und außerdem eine neue utopische Dimension eröffnet: „Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben.“ (Haraway 1985/ dt.1995, S. 72).

Kritik an Essentialismus und Universalismus

Ein zentraler Angriffspunkt des Manifests ist der Essentialismus, also die Vorstellung, dass es eine universelle, unveränderliche „Natur“ des Menschen oder der Frau gibt. Haraway lehnt solche Vorstellungen ab und argumentiert, dass Identitäten immer in spezifischen historischen, kulturellen und technologischen Kontexten entstehen. Als Biologin und Wissenschaftshistorikerin untersuchte sie, wie in der Primatologie patriarchalische Scheuklappen zur Reproduktion der bougeoisen Kleinfamilie als Sichtweise von Menschenaffen führten: In musealen Ausstellungen von Gorillagruppen wurde diese von meist männlichen Biologen unreflektiert als Naturnotwendigkeit dargestellt. Der Gegensatz von Natur und Kultur kann jedoch reflexiv überwunden werden, wenn wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung politisch und kulturell hinterfragt wird.

Die Cyborg ermöglicht es, sich von der Idee einer „reinen“ oder „natürlichen“ Identität zu verabschieden und stattdessen die Vielfalt und Kontingenz von Existenzformen anzuerkennen. „Kontingenz“, oft fälschlich als (postmodernistische?) Beliebigkeit verstanden, bedeutet eher Wählbarkeit von Alternativen, was rückblickend dann eine historische Gewordenheit von Zuständen markiert -im Gegensatz zu primitiv-materialistischen Weltsichten, die statt Entscheidungen nur Kausalketten einer gesetzmäßig ablaufenden Geschichte (marxistisch) oder evolutionärer Entwicklung (Naturwissenschaften) sehen.

Technologie als ambivalenter Raum

Haraway sieht Technologie weder als rein befreiend noch als rein unterdrückend. Das heißt keineswegs, dass Technik „neutral“ wäre, weil man „mit einem Messer ja sowohl einen Mord begehen, wie einfach nur Brot schneiden könne“. Eine solche vulgär-materialistische oder voluntaristische Sichtweise, die das Problem auf Willensentscheidungen einzelner verschiebt und ein Nachdenken über soziale, politische und kulturelle Dimensionen von Technologie verweigert, ist nicht Haraways Sache.

Vielmehr sieht sie Technologie als ambivalenten Raum, in dem Machtverhältnisse ausgehandelt und neu konfiguriert werden können. Hier zeigt sich ihre Verwurzelung in poststrukturalistischen Ansätzen vor allem von Michel Foucault, dem kurz vor Haraways Publikation des Cyborg Manifesto an HIV verstorbenen homosexuellen Ideenhistoriker am renommierten College de France. Foucault (ein „Netzphilosoph“ par excellance) beschrieb die Gesellschaft als von Machtnetzen durchzogen, deren Teil auch technische „Dispositive“ wären, die aus Dingen, Menschen und Praktiken bestehen.

Die Cyborg steht für die Möglichkeit, Technologie als Werkzeug der Emanzipation zu nutzen – etwa in der Medizin, der Kommunikation oder der politischen Organisation. Selbstredend warnt Haraway davor, Technologie als neutral zu betrachten: Sie ist immer in soziale und politische Strukturen eingebettet und kann sowohl zur Befreiung als auch zur Kontrolle beitragen. Anders als viele Feministinnen will sie jedoch nicht einfach nur zu Herrschaftszwecken missbrauchte Technologie bekämpfen, sondern sie auch im politischen Kampf gegen Machtausübung nutzbar machen. Wenn wir uns gegen die technisch aufgerüsteten Mächte von Kapitalismus und Patriarchat zur Wehr setzen wollen, sollen wir -so ihre mystifizierende Metapher- zur widerständigen Cyborg werden.

Fazit: die Cyborg als politisches Projekt

Haraways „Cyborg-Manifest“ ist mehr als ein theoretisches Konzept – es ist eine postmoderne Kritik an Grenzen und Identitäten und damit ein Aufruf, die Grenzen des Denkbaren zu erweitern und neue Formen des Zusammenlebens zu erfinden. Die Cyborg steht für eine Welt, in der Differenz nicht als Bedrohung, sondern als Ressource verstanden wird. Damit tritt sie (nicht nur patriarchalischen) Klischees von Geschlechterrollen ebenso entgegen wie kolonialen Rassismen und kulturellen Größenphantasien von westlicher Überlegenheit -und vielleicht sogar bestimmten marxistischen Gesellschaftsbildern. In einer Zeit, in der technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz, Gentechnik und elektronische Vernetzung die Grenzen des Menschseins neu verhandeln, bleibt Haraways Manifest ein zentraler Referenzpunkt für die Auseinandersetzung mit den politischen und ethischen Herausforderungen des Feminismus in einer zunehmend durch (oder vielmehr mittels) Technologien beherrschten Gesellschaft.

Donna Haraway: Ein Manifest für Cyborgs, in diesselbe: Die Neuerfindung der Natur, S.33-72, Campus, Frankfurt 1995.

Siehe auch Hoppe: Haraway zur Einführung

08/8/12

Technologie macht medial

Günther Anders Kritik und die Subversion der Cyberpunks

Autor: Thomas Barth, 2008

Cyber ist er. Aber auch punk?

Der pessimistischen Technikdeutung von Günther Anders zufolge sind wir heute nur noch Anhängsel der Technik, Rädchen im Getriebe, das uns antreibt.
Er nennt das: Wir sind „medial“;
wir sind nur noch Mittel zu einem Zweck, der uns nichts anzugehen hat. Pochte Kant mit seinem Kategorischen Imperativ noch auf das Recht auf menschliche Würde, indem man den anderen immer als Zweck, nie als bloßes Mittel sehen sollte, so läuft diese Forderung heute scheinbar ins Leere. Es ist (angeblich) kein Gegenüber mehr vorhanden, bei dem wir unser Menschenrecht einfordern könnten. Die Technik, unsere technologische Lebensweise, möchten wir nicht missen. Wenn wir so leben wollen, haben wir uns einzufügen und anzupassen, ein Rädchen im Getriebe des „Makro-Geräts“, der Megamaschine, des Luhmannschen „Systems“ zu werden, so wird von uns implizit verlangt. Explizit gelten die Menschenrechte, haben wir die Freiheit, nicht zu kooperieren, zu handeln, statt bloß mitzutun. Aber die Systeme der Technologie existieren nicht nur in der physischen Umwelt, die sie mit Bravour kontrollieren können, unsere Köper inbegriffen. Die Systeme der Technologie existieren auch in einer sozialen Umwelt, deren dominante Seite heute immer mehr die Ökonomie zu werden scheint.
Sie gehören jemandem, der sie zu seinem Nutzen arbeiten lässt, und mit ihnen auch die Menschen, die ihre Anhängsel sind.

Günther Anders gegen die Apokalypse-Blindheit

Günther Anders Sorge galt bei der Entfaltung dieser Gedanken dem drohenden Untergang der Menschheit durch einen atomaren Schlagabtausch, der Apokalypse.
Diese zu verdrängen nannte er „Apokalypse-Blindheit“ und sah in der Medialität der Zeitgenossen deren Wurzel. Diese militärische Apokalypse ist derzeit mit Auflösung der Ost-West-Blockkonfrontation in den Hintergrund getreten, obgleich noch lange nicht abgewendet. Aber andere Apokalypsen sind hinzugekommen, Umweltzerstörung, neue Seuchen (evtl. als Auswuchs des militärischen Apparates) usw. Außerdem gilt das, was auf die „Apokalypse-Blindheit“ abzielte auch für die Blindheit gegenüber der apokalyptischen Lebenssituation von Milliarden Menschen, denen das Lebensnotwendigste vorenthalten wird — obgleich die Güter und Lebensmittel bei gerechter Verteilung für alle reichen würden. Die Arbeit am eigenen Untergang mag besonders plastisches Beispiel für irrationales Handeln sein, die am Untergang anderer ist jedoch nicht vernünftiger.

Aber was von unserem Arbeiten gilt, das gilt nun — und diese Tatsache ist weniger trivial, aber nichtweniger wichtig — auch von unserem /„Handeln“; /oder sagen wir lieber: auch von unserem /„Tun“, /denn das Wort „Handeln“ und die Behauptung, wir seien „Handelnde“, hat in unseren Ohren (was als Hinweis ernst genommen werden muß) bereits den Klang einer Übertreibung angenommen, Abgesehen von einigen wenigen Sektoren läuft unser heutiges „Tun“, da es sich im Rahmen organisierter, uns nicht übersehbarer, aber für uns verbindlicher Betriebe abspielt, auf konformistisches /Mit-Tun /heraus. Der Versuch, abzuwägen, in welchem Verhältnis die Anteile von „aktiv“ und „passiv“ in diesem oder jenem „Mit-Tun“ dosiert sind, abzugrenzen, wo das Getan-Werden aufhört und das Selber-Tun anfängt, würde ebenso ergebnislos bleiben wie der, eine mit dem Maschinengange konform gehende Bedienungsarbeit in ihre aktiven und ihre nur reaktiven Komponenten zu zerlegen. Die Unterscheidung ist zweitrangig geworden, das heutige Dasein des Menschen ist zumeist weder nur „Treiben“ noch nur „Getrieben werden“; weder nur Agieren noch nur Agiert werden; vielmehr „aktiv-passiv-neutral“. Nennen wir diesen Stil unseres Daseins /„medial“. /Diese „Medialität“ herrscht überall. Nicht etwa nur in denjenigen Ländern, die Konformismus gewalttätig, sondern auch in denen, die ihn sanft erzwingen.
(Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 287)

CC-by-sa-Gnsin

Ob er auch freiwillig roboterhaft ist?

Die beobachtete Roboterhaftigkeit wird also nicht durch ein totalitäres Regime erzwungen, sie wird scheinbar freiwillig geübt. Der oder die Handelnde ist in diesem technologischen Regime ein Dissident, ein Fremdkörper, der Normalfall ist der Mittäter. Bloßes Tun, besser gesagt Mittun, ersetzt das bewusste Handeln, was eine teilweise Ausschaltung des Bewusstseins voraussetzt. Wie diese Ausschaltung vor sich geht, bleibt etwas unbestimmt. Steckt Erziehung dahinter, der alte Drill der autoritären Regime? Oder ist es die Verführung, die Verlockung, den bequemeren Weg zu gehen? Beides taucht bei Anders auf, die Verlockung durch die Massenmedien verschmilzt mit der Disziplinierung, die sich mehr auf den Körper zurück zieht.

Als Arbeitende sind die Zeitgenossen auf /Mit-Tun als solches /gedrillt. Und jene Gewissenhaftigkeit, die sie sich anstelle ihres Gewissens angeschafft haben (sich anzuschaffen, von der Epoche gezwungen wurden), kommt einem Gelöbnis gleich; dem Gelöbnis, das Ergebnis der Tätigkeit,an der sie teil nehmen, nicht vor sich, zu sehen; wenn sie nicht umhin können, es vor sich zu sehen, es nicht aufzufassen; wenn sie nicht umhin können, es aufzufassen, es nicht aufzubewahren, es zu vergessen — kurz: dem Gelöbnis, /nicht zu wissen, was sie tun. /Damit ist die Furchtbarkeit des heutigen moralischen Dilemmas bezeichnet.
(Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 291)

Drill und Gelöbnis klingt an dieser Stelle etwas nach Disziplinarkultur, doch Anders führte im Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ bereits ausführlich aus, die massenmediale Verführung funktioniert. Im Arbeitsprozess ist der Körper immer noch gefragt, soll Befehle befolgen, wie geschmiert funktionieren, sogar eigene Initiative zeigen — nur soll er nicht das Ziel hinterfragen, zu dessen Mittel er gemacht worden ist. Initiative zeigen darf er nur in vollkommener Verschmelzung mit dem technologischen Regime, dessen Funktionsprinzipien ihm als Gipfel der Rationalität gelten sollen, vor allem aber in völliger Unterwerfung unter die Belange der Eigentümer der Technologien. Ihre Existenz wird ausgeblendet wo immer möglich; wo nicht, werden ihre Belange den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt.

Sie kennen die „Verlockung zum Mittun“.

Der äußere Drill bleibt also, wenn auch in gelockerter Form, denn die stramme Erziehung wollte über den Körper ja vor allem auch den Geist disziplinieren.
Aber der innere Drill wird mehr und mehr überflüssig. Er ist ersetzt durch die Verlockung zum Mittun. Dagegen Widerstand zu leisten, scheint sinnlos, denn es gibt scheinbar kein unterdrückendes Gegenüber, nur das „System“ des technologischen Regimes. Ein Regime, das angeblich objektiven ökonomischen Gesetzen folgt, die Entscheidungen der politischen Führungspersonen alternativlos machen. Die nicht mehr wirklich handelnden Entscheidungsträgerinnen behaupten, sie könnten nur noch Mittun, wie alle anderen auch.

„Eigenverantwortung“ heißt nur noch menschliche Würde aufgeben
„Eigenverantwortung“ heißt dabei nur, noch mehr von den Ansprüchen auf menschliche Würde aufgeben zu sollen, die man an das Regime haben könnte; etwa wenn die solidarische Umlage-Rentensysteme durch individuell anzusparende kapitalbasierte Altersvorsorge ersetzt werden soll, die aber nur die Mittel dem System der Finanzmärkte preisgibt. Auch „Eigeninitiative“ soll sich im Rahmen vorauseilenden Gehorsams abspielen.

Was besagt nun diese Schilderung des medialen Menschen für unser eigentliches Thema? Für die Frage nach den Wurzeln der Apokalypse-Blindheit? Inwiefern ist das „mediale Dasein“ eine dieser Wurzeln? In der Tat ist der Zusammenhang so eng, daß jeder Einzelzug der Medialität gleich gut als Ausgangspunkt verwendet werden kann. Von jedem führt der Weg mit gleicher Direktheit zur Apokalypse – Blindheit.

1. Da der mediale Mensch „aktiv-passiv-neutral“ ist, bleibt er, trotz der ungeheuren Rolle, die Arbeiten für ihn spielt, ja gerade in actu des Arbeitens, /indolent; /er „überläßt sich“. Das heißt: er rechnet mit einem „Weitergehen“ á tout prix, mit einem Weitergehen, das er selbst nicht zu verantworten braucht.

2. Da seine Tätigkeiten niemals in einem echten Telos, auf das er „aus gewesen“, ihren Abschluß finden, sondern immer nur durch Stoppungen, die seinem Tun selbst zufällig bleiben, hat er kein echtes Verhältnis zur /Zukunft. /Während der wirklich Handelnde und Planende durch sein Handeln einen Zeitraum entwirft, also Zukunft konstituiert, tritt das Tun des „medialen Menschen“ auf der Stelle. (…)
(Günther Anders, /Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 293)

Auch sie konsumieren die Zukunft. Ob sie sie auch planen?

Die Zukunft tritt der medialen Normalbürgerin nur als das, was geschieht, gegenüber, als das, wobei sie mittun soll und auch will. Aus der Zukunft kommen neue Technologien und Moden auf sie zu, die sie haben will und nicht planen.
Die Existenz dieses medialen Normalbürgers rotiert planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren, als Tretmühle oder Luxuskarussell, je nach dem, wo er mehr gefragt ist. Seine Planung bezieht sich überwiegend auf den systemkonformen Drang, möglichst immer mehr am Konsumieren teilzunehmen. Das Regime der technologischen Systeme reklamiert Herrschaft ohne Herrschende zu verwirklichen, eine Herrschaft der Vernunft, die von Expertinnen reklamiert wird, die sich zu Technokraten aufschwingen.

Widerstand gegen das Regime wird als unvernünftig abgetan, denn das technologische System gilt als Inbegriff der so verstandenen Rationalität.
Auflehnung dagegen wird als Rückständigkeit gebrandmarkt und mit Ausgrenzung bestraft. Anpassung bedeutet dagegen freien Zugang zu allen Ressourcen, und damit Wohlstand und Freiheit. „Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert“, droht das Kollektiv der Borg. Doch ein globales Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten in der wuchernden Tele-Megalopolis.

Cyberpunks stehen auf Widerstand

Die Kultur der Cyberpunks steht auf Widerstand, sie widersetzt sich sowohl der Anpassung als auch der Ausgrenzung. Die Anpassung zu verweigern ist nicht schwer, man braucht nur der Verlockung nicht länger zu erliegen — das ist der Vorteil gegenüber totalitären Regimen. Aber alle Gewalt, die der Totalitarismus auf Formung seiner Untertanen verwendet, stehen hier zur Ausgrenzung zur Verfügung, zur Abschneidung vom Zugang zu Ressourcen. Die Erlangung von Zugang wird also zum Hauptproblem, vor allem Zugang zu Information. Dabei gilt es, den umgekehrten Zugang der Instanzen des Regimes zu den privaten Informationen des Individuums zu blockieren. Insbesondere beim widerständigen Subjekt. Der angepasst mittuende mediale Mensch wird dagegen weniger Privatsphäre benötigen und stellt heute seine Daten unbekümmert in sogenannte „soziale Netzwerke“des Web2.0. Er begreift nicht, dass ihm unüberschaubare staatliche und immer mehr privatwirtschaftliche ökonomische Konglomerate gegenüberstehen.

Kybernetiker nach der ursprünglichen Wortbedeutung. Das Wort „Cyber“ geht auf das altgriechische Wort für Steuerung (κυβέρνησις kybérnesis) zurück.

Die Szene der Cyberpunks, entsprungen aus einem Subgenre der SF, entwickelte sich seit den 80er Jahren und definierte sich über die Kombination von High Tech und Low Life (den Punk des urbanen Underground). In der Hackersubkultur der 80er und 90er fanden sich ihre Fans zusammen. Die Szene (falls man davon überhaupt sprechen kann) wird von Soziologen so beschrieben:

Ein Cyberpunk steht den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sehr positiv gegenüber, gleichzeitig hat er aber ein kritisch-politisches Bewusstsein in Bezug auf deren gesellschaftliche Verwendung entwickelt. Er sieht sich riesigen Korporationen gegenüber, die immer mehr an Stelle von Nationalstaaten treten.
(Winter, Rainer: Medien und Fans — Zur Konstellation von Fan-Kulturen, in:Kursbuch Jugendkultur. Stile, Szenen, Identitäten vor der Jahrtausendwende,Mannheim 1997, S. 40-53, S.48.)

Die von Cyberpunks, die hier mit Hackern und Haecksen im besten Sinne gleichgesetzt werden, entfaltete Kultur erobert die Netzmedien von den Konzernen zurück, wie sie zuerst von Militärs und staatlichen Telekommunikationsbehörden erobert werden mussten. Ihre Verknüpfung von Datenschutz für die Privatsphäre mit der Forderung nach Informationsfreiheit, freiem Zugang zu den Datenbanken (Lyotard) und Transparenz der Mächtigen lässt sich im Utopiemodell des Inversen Panoptikums beschreiben. Panoptismus (Foucault) beschreibt die Disziplinierung unserer westlichen Gesellschaften durch das Prinzip: Wenige unsichtbare Mächtige sehen viele Machtunterworfene und kontrollieren sie so. Invertiert ergibt sich die Forderung nach Umkehrung dieser Blickrichtung und der zumindest teilweisen Unsichtbarkeit für die Vielen.

Diese Forderung könnte ein Gegengewicht schaffen gegen die sonst ausufernde Macht des kontrollierenden Zentrums der Macht, dem aus den Informationstechnologien sonst immer größere und nicht mehr demokratisch kontrollierbare Macht zuwachsen würde.