Ein pralles Historiendrama über ein erstaunliches Thema: Das erste umfassende Wörterbuch Oxford English Dictionary. Es geht um die Bändigung der führenden Kolonialsprache, vor welcher die Gelehrten Oxfords kapitulierten, die aber ein schottischer Autodidakt und ein paranoider Wundarzt meisterten.
Der Film The Professor and the Madman beginnt mit einem Knalleffekt. Ein viktorianischer Gentlemen zückt wutentbrannt im nächtlichen London seinen Colt und feuert auf einen Passanten. Er glaubt sich verfolgt, jagt den vermeintlichen Widersacher und tötet ihn. Es traf leider einen völlig Unschuldigen, zudem sechsfachen Familienvater, wie man im folgenden Gerichtsprozess erfährt. Der offensichtlich geisteskranke Täter wird in ein Irrenasyl gesteckt. Soweit die Vorgeschichte.
Alles beruht auf wahren Begebenheiten: An der renommierten Universität Oxford, geistiges Zentrum des global dominierenden Britischen Empire, ist man kurz davor das heute legendäre Oxford English Dictionaryaufzugeben ehe auch nur der erste Band erschien. Zu schnell entwickelt sich die Sprache in den weltumspannenden Kolonien und durch den sozialen, technischen und ökonomischen Fortschritt. Doch dann taucht im Jahr 1877 der etwas ungehobelte Schotte James Murray (Mel Gibson) auf, ein autodidaktisches Sprachgenie, und findet Fürsprecher in der snobistischen Professorenschaft.
Der Film versteht es, den Kampf der Gelehrten um ihr Wörterbuch dramatisch zu inszenieren und deutet zugleich an, dass es um eine der Kolonialisierung des Erdballs parallele Eroberung der Sprache geht. Etwas anglozentrisch werden dabei zwar die Erfolge der französischen Enzyklopädisten ausgeblendet, aber dafür gibt es Einblicke in die Grausamkeiten des US-Bürgerkrieges und die menschenverachtende Medizin der zeitgenössischen Psychiatrie (Filmscript PDF)/Trailer).
Professor trifft Madman
Anfangs noch Autodidakt ohne Schulabschluss, hat Mr.Murray gegen zahlreiche Widerstände zu kämpfen. Obwohl einige Akademie-Schranzen neidisch gegen den Noch-nicht-Professor Murray intrigieren, gelingt ihm das unmöglich scheinenden: es geht endlich voran in Band 1 zum Buchstaben A, auch dank eines geheimnisvollen Gönners. Auf Murrays revolutionären Aufruf ans Volk der Leser (mittels massenhaft in Bücher gelegter Flugblätter) meldet sich William Chester Minor (Sean Penn). Dr.Minor liefert unglaublich viele Worterklärungen nebst Literaturquellen aus Werken der englischen Literatur seit dem 7.Jahrhundert. Erst später erfahren die entsetzten Gelehrten, dass besagter Dr.Minor als geisteskranker Mörder im berühmten Broadmoore-Irrenasyl einsitzt. Doch unerschrocken sucht Murray den verrückten Dr.Minor auf und es entwickelt sich eine fruchtbare kollegiale Freundschaft. 1884 erscheint der ersten Teil von Band 1 zum Buchstaben A.
Bluttaten und Lovestory
Geschickt werden Handlungsstränge verwoben: In Rückblenden wird die Untat von Minor in ihrer Geschichte aus dem US-Sezessionskrieg erklärt. Minor musste als Wundarzt der Nordstaatler einen Deserteur im Gesicht brandmarken und glaubt sich nun von diesem verfolgt. Aber er sieht seine Schuld der Witwe (Natalie Dormer) des Getöteten gegenüber ein und zwischen den beiden entspinnt sich eine Lovestory. Auch Murrays Ehe wird in einem Handlungsstrang verfolgt, was dem Film seinen human touch verleiht.
Am Ende verfällt Dr.Minor jedoch wieder dem Wahnsinn, wird von der damaligen Psychiatrie unmenschlichen Behandlungen unterzogen und begeht schließlich eine Selbstkastration (wie historisch belegt ist). Doch Murray bringt sein Werk soweit voran, dass es von der Queen anerkannt und damit vor einer Streichung der Gelder bewahrt wird. Die Vollendung erlebte er jedoch nicht mehr: Erst 1928 erschien der letzte Band, nach fast 50 Jahren lexikalischer Arbeit.
Mel Gibson und der Wahnsinn
Mel Gibson ist der Wahnsinn schon in die cineastische Wiege gelegt: Sein Debüt gelang ihm 1977 in einer Nebenrolle des Schizophrenie-Dramas I NEVER PROMISED YOU A ROSEGARDEN, sein Durchbruch kam als apokalyptischer MAD MAX (1979), später brillierte er als paranoider Taxifahrer in FLETCHERS VISIONEN (1997) gegen den diabolischen CIA-Arzt, der ihn in einem historischen belegten Psycho-Kriegsprogrammzum Superkiller machen wollte (in der Realwelt hieß die Operation MKUltra oder Artischocke).
Fast zwei Jahrzehnte soll sich Mel Gibson für die Verfilmung von Simon Winchesters Buch über die Entstehung des Oxford Dictionarys eingesetzt haben. Aber glücklich wurde er damit nicht: Voltage Pictures, die verantwortliche Produktionsfirma, blockierte fällige Budgetüberschreitungen und verweigerte Gibson einige Nachdrehs. Nachdem Gibsons Anwälte mit ihrer Klage scheiterten, distanzierten sich er und Regisseur/Drehbuchautor Farhad Safinia von The Professor and the Madman. Voltage Picture verpasste damit wohl aus Geiz, ein echtes Meisterwerk produziert zu haben, doch sehenswert ist der Film allemal.
Science Fiction mit wenig Science, aber viel feministischer Fiction. Das bildschöne Teeny-Girl Uma lebt in einer Zukunft krasser Klassenunterschiede. Sie gehört aber glücklicherweise zu den Ups, den im Luxus schwimmenden Geldadligen. Pech für sie: Die rebellische Spätpubertierende hat sich in einen „Low“ verliebt, einen Proleten, der für seinen Lebensunterhalt… arbeiten muss (igitt!). Die Lows, so erfährt man später irgendwann nebenbei, schuften zu Hungerlöhnen, vegetieren in dreckigen Slums und sterben früh. Zu Gesicht bekommt man in PARADISE HILLS von den Lows aber nur ebenso adrette wie devote Domestiken. Zwei davon erwarten die süße Uma als sie zu Beginn des Films in einer Luxus-Anstalt namens Paradise erwacht und sofort den ersten Fluchtversuch startet.
Das von „Der Herzogin“ (Milla Jovovich) geleitete Paradise Hills ist ein Zentrum für Umerziehung, wo privilegierte junge Frauen nach Vorgaben ihrer Familien standesgemäß diszipliniert werden: Die Anstaltskluft, ein Korsettkleid aus weißen Trägern und Schnallen, kombiniert viktorianische Rüschen mit Lackleder, ergänzt mit zwangsweise verpasstem Neonhaar und Manga-Make-up. Uma wird umschwärmt von schönen jungen Männern, die den Mädels höflich dienernd ihr (karges) Luxusmenü servieren und sie nur mit Samthandschuhen anpacken, um sie mit weißen Lackledergurten zur (läppisch inszenierten) Brainwash-Behandlung festzuschnallen.
Hinter märchenhaftem Dekor, Tüllkostümen und rosengeschmückten Prachtterrassen (gedreht in Barzelona) lauert natürlich am Ende (Spoiler-Alarm!) das Unheimliche. Zunächst tunkt einen PARADISE HILLS jedoch tief in die Pink-Teeny-Fantasie von Prinzen und Einhörnern, gegen die sich Uma mit ihren drei bald ebenso rebellischen Zimmergenossinnen kräftig auflehnt. Mit sanfter Gewalt und fiesen Psychotricks drangsaliert die Herzogin ihre Mädels, die aber bocken, dass die stylishen Kulissen wackeln, die Handlung logische Lücken bekommt und die diabolische Milla Jovovich ihr wahres Vampirgesicht zeigen muss. Der humoristische (aber noch nicht der blutige) Höhepunkt ist erreicht, wenn die wegen Übergewicht behandelte Chloe (Danielle Macdonald) mit dem ganzen Wumms ihrer Adipositas einen Edelschergen umhaut und einem Psycho-Frankenstein auch noch die Brille wegfliegt. Dann entdecken die zornigen Manga-Schneewittchen endlich das dunkle Geheimnis der bösen Herzogin.
Kostüme und Kulissen überzeugen, Schauspiel und Filmhandwerk sind okay. Emma Roberts als Uma hält sich dabei zwar ganz gut, muss aber noch einiges lernen, wenn sie Nicole Kidman aus den WIFES of STEPFORD eines Tages toppen will. Die Story ist jedoch mau. Man muss wohl dümmlich, weiblich, jung sein, wenn man die erste Hälfte nicht als einschläfernde, weil überlange Luxuskram-Werbung erleben will. Eine durchdachte Dystopie oder kritisches Denken, das über pubertierendes Nicht-Anpassenwollen an altbackene Frauenrollen hinausgeht, sucht man leider vergebens. Damit bleibt PARADISE HILLS fast noch hinter debilen Youth-Age-Dystopien wie THE HUNGER GAMES zurück. Wenigsten handeln die Girls solidarisch und lassen sich nicht via Schönheitswettbewerb gegeneinander aufhetzen, was den Film in den Augen seiner Macher wohl schon zu einem politischen Fanal gegen neoliberale Angepasstheit und weibliche Geschlechterrollen machen dürfte.
Die junge Filmemacherin Alice Waddington (geb. 1990 in Spanien) wurde mit süßen 16 Assistentin eines Kameramanns und machte Karriere in Fotografie, Kostümdesign und -welche Überraschung- Modefilmen für Magazine wie Harper’s Bazaar. Ab dem zarten Alter von 20 wurde sie Creative Direktrice bei den Agenturen Leo Burnett und Social Noise. Ihr erster Kurzfilm, DISCO INFERNO (2015), wurde immerhin 65mal für Preise nominiert und räumte elf Preise ab -wieviele davon durch Agenturen wie Leo Burnett oder Social Noise bzw. deren Kumpels und Kumpelinen vergeben wurden, wollen wir mal lieber nicht nachrecherchieren.
Fazit: Ein Film, der alle aus den rosa Strapsen hauen wird, die bislang nur Schminktipps auf Youtube kannten.
Kinostart in Deutschland ist der 29. August. (erschien zuerst auf filmverliebt.de)
Der Film verbindet Humor mit knallharter Kritik am Kautschuk-Kolonialismus zu einem visionären Trip in versunkene Kulturen des Amazonas: Kolumbiens künftiger Kinoklassiker.
Die Hauptfigur von El abrazo de la serpiente (eigentlich: Die Umarmung der Schlange) ist erstmals im kolumbianischen Kino ein Indigeno (Indio): Der nach Vernichtung seines Volkes durch „die Kolumbianer“ allein im Dschungel lebende Schamane Karamakate muss sich zweimal in seinem Leben mit sonderbaren Weißen herumschlagen. Den jungen Karamakate (Nilbio Torres) sucht der todkranke deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijovet) auf, er will Heilung durch die geheimnisvolle Pflanze Yakruna.
Die heilige Blume Yakruna verheißt spirituelle Läuterung, verspricht aber auch besseres Kautschuk. 40 Jahre später findet der Botaniker Evans Schultes (Brionne Davis) den alten Schamanen (Antonio Bolívar); Evans sucht, geleitet von Grünbergs Reisebericht, die gleiche Pflanze. Beide Male lässt Karamakate sich widerwillig auf den Weißen ein, macht sich auf zwei abenteuerliche Reisen durch einen Dschungel, in dem einer faszinierenden Natur die Brutalität des Kolonialismus gegenübersteht.
Der Film des jungen Regie-Talents Ciro Guerra zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann; faszinierende, fast mystische Naturaufnahmen saugen den Blick in die visionäre Welt des Karamakate, durch die der weiße Forscher als komische Figur in eine brutale Handlung stolpert. Für Zuschauer und Karamakate verschmelzen beide Weiße zu einer Person; raffiniert gesetzte Zeitsprünge lassen beide Handlungsstränge parallel auf ihr ebenso dramatisches wie inspirierendes Ende zutreiben. Bildgewaltig, humorvoll und bewegend greift der Film auf reale Ereignisse und historische Forscherpersönlichkeiten zurück.
Gebrochene Figuren und spirituelle Drogen
Die beiden Forscher werden als gebrochene Figuren vorgeführt, der eine ein Irrer, der andere ein Betrüger. Theo, den sein treuer Gehilfe Manduca (Miguel D. Ramos) halbtot zu Karamakate schleppt, hängt in wahnsinniger Hartnäckigkeit an seinem Gepäck. Als der Schamane dies unterwegs kritisiert, “Du bist verrückt”, antwortet der Deutsche mit seligem Lächeln: “Ich weiß.” Theo will durch die Yakruna lernen zu träumen und verspricht Karamakate, dass er ihn zu letzten Überlebenden seines Stammes führen kann.
Evans will zu Anfang die heilige Yakruna von Karamakate für “viel Geld” kaufen und zeigt ihm zwei Ein-Dollar-Noten, doch der winkt ab, Geld stinke und sei nur etwas für Ameisen. Beide Forscher werden dennoch auch sympathisch dargestellt, Evans gewinnt den Schamanen für sich: “Ich habe mein Leben den Pflanzen gewidmet”; da findet Karamakate: “Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Weißen gehört habe.” Letztlich wird auch Evans zu einem Bewahrer der indigenen Kultur, die der Kolonialismus gnadenlos zerstört.
Optische Brillanz, überzeugende Darsteller in einer klugen Handlung und Bilder, welche die Fantasie nicht mehr loslassen, machen den Film zu einer faszinierenden Reise in die Welt des Amazonas. Die Kamera taucht tief in eine symbolisch aufgeladene Natur: Die Pflanzen des Dschungels sind mystischer Palast, rettende Heilkräuter, spirituelle Drogen und heilige Blume Yakruna. Eine lebendgebärende Boa windet sich in Schleim und aufplatzenden Eihüllen mit ihrem Nachwuchs, scheint ihre Kinder zu fressen. Karamakate träumt von einer Boa, die Theo das Unheil bringen wird. Oder ist der Weiße selber die Schlange, also die Gefahr? Schmetterlinge umschwärmen den mit halluzinogenen Tränken erleuchteten Karamakate wie Elfen. Ein Jaguar mit glänzendem Pelz beschleicht die Expedition als Verkörperung des Todes, bereit sich sein Opfer zu holen.
Chorrera: etnocidio cauchero
Doch wer nur in Naturromantik schwelgen will, sitzt hier im falschen Film. Das Grauen des Kolonialismus fokussiert sich in Chorrera, einer “Gedenkstätte für die Opfer der Kautschuk-Völkermords” (Presseheft). Das ärmliche Anwesen Chorrera war christliches Missionszentrum und Kautschuk-Sammelstelle der Caucheros, der Kautschukbarone. Beide Handlungsstränge treffen hier auf höllische Zustände kolonialer Verbrechen: Der junge Karamakate trifft mit Theo und Manduca auf einen bewaffneten Mönch inmitten Dutzender Indigeno-Kinder. Es sind Waisen, die man im Namen Jesu nach Versklaven ihrer Eltern bzw. dem Abschlachten ihrer Stämme durch Caucheros “eingesammelt” hat. Nun werden die Kinder christianisiert, indem ihre Sprache und Kultur, angeblich nur “Dummheit und Kannibalismus”, aus ihnen heraus geprügelt wird.
40 Jahre später findet der alte Karamakate mit dem Botaniker Evans in Chorrera eine Sekte vor, die sich um einen irren Messias schart, Reisende mordet und das “Schlechteste beider Welten” in sich vereint. Theos Assistent Manduca ist ein befreiter Kautschuk-Sklave mit furchtbaren Narben auf dem Rücken. Er bekommt einen Wutanfall, als sie im Wald auf einen Indigeno treffen, der offenbar durch Abschneiden des rechten Armes zum Kautschuk-Sammeln verdammt wurde. Wenn Theo durch den Belgier Bijovet verkörpert wird, weckt dies Erinnerungen an die Kongogräuel, jenen Kautschuk-Völkermord, durch den der Belgische König Leopold II zu sagenhaftem Reichtum kam. In Belgisch-Kongo wurde Hunderttausenden die rechte Hand abgeschnitten, viele Millionen starben. Ciro Guerra bietet jedoch keine billige Lösung an, etwa durch Besiegen des Caucheros in Indiana-Jones-Manier. Er zeigt Grausamkeit und Leiden in einer glaubwürdigen Handlung, die zum Nachdenken anregt.
Entlarvte Filmklischees
Ciro Guerra bricht nicht nur mit eingefahrenen Erzählstrukturen, Filmklischees und Sehgewohnheiten, er parodiert und entlarvt sie geradezu –von leichter Hand fast nebenbei. Er dreht einen Film über den Amazonas, man erwartet grünen Dschungel, bekommt aber einen Schwarzweißfilm. Das Format suggeriert zeitweise einen Dokumentarfilm nach dem Muster: Weißer Ethnologe zeigt uns exotische Indianer. Doch wenn dort vor gönnerhaft lächelnden Forschern die Eingeborenen tanzen würden, so sehen wir hier den Anthropologen Theo, wie er vor den johlenden und klatschenden Indigenos Volkstänze seiner deutschen Heimat zeigt.
Im Kanu diktiert Theo seinem treuen Gehilfen Manduca einen Brief an seine Frau im fernen Deutschland, die er womöglich nie mehr wiedersehen wird. An dieser Stelle würde in klassischer Hollywoodmanier die Gefühlsorgel aufgedreht, um dem Zuschauer qua Weichzeichner und Filmmusik die schmalzigen Gefühle zu geigen, die er oder sie haben soll. Zielzustand: Wahlweise in platt manipulierter Rührung versinken (Frauenfilm) oder sich (Actiongenre) in gerechter Mordlust auf den nächstbesten Feind stürzen zu wollen, der uns das Schnulzidyll versalzen hat. Nicht so bei Ciro Guerra, der Karamakate fragen lässt, was denn Manduca da für den Weißen mache. Manduca erläutert belustigt, dieser drücke seiner Frau seine Gefühle aus, was auch den Schamanen zu unbändigem Lachen reizt. “Und wenn du wieder in Deutschland bist, wirst du dann mir deine Gefühle ausdrücken?”, fragt der heitere Weise den erbosten Weißen.
Der Schamane ist dabei kein stereotyper “Weiser Medizinmann”, sondern schalkhaft und im Alter ratlos. Der alte Karamakate steht hilflos neben Evans vor einer mit Indigeno-Symbolen bemalten Felswand und kann nicht mehr erklären, was sie bedeuten. Sogar den Kokabrei Mambe muss Evans für die beiden zubereiten –der Schamane hat alles vergessen. (Das wäre etwa so, als würde man Albert Einstein vor einer Tafel mit seinen Formeln finden, doch er bekennt, nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee kochen zu können.) Doch Karamakate findet im Lauf der Reise zu seinen Kenntnissen über halluzinogene Pflanzen zurück und weiß sie auch anzuwenden.
Der psychedelische Yakruna-Trip wird eindrucksvoll inszeniert: als einzige Farbsequenz in einem Schwarzweißfilm lässt er beim Zuschauer plötzlich die Neuronen der Sehrinde feuern, so dass die halluzinogene Wirkung fast nachempfunden werden kann. Anfangs womöglich noch leicht an die entsprechende Szene in “2001 –Odyssee im Weltall” angelehnt, entführt er uns rasch in mythische Bilderwelten der Indigenos. “El abrazo de la serpiente” ist sicherlich ein Film, den man mehrmals sehen sollte.
Die historischen Personen
Die beiden von Ciro Guerra und seinem Drehbuch-Koautor Jaques Toulemonde vorgeführten weißen Forscher sind historische Personen. Deren Werk wird vom Film gewürdigt, besonders Theodor Koch-Grünberg (1872-1924), eigentlich Theodor Koch, der den Namen seines hessischen Geburtsortes wie damals nicht unüblich anfügte, und auch Theodor von Martius genannt wird. Koch-Grünbergs Aufzeichnungen sind heute das einzige, was von vielen Indigeno-Kulturen übrig blieb, er gilt auch als Pionier der anthropologischen Fotografie.
Sein im Film gezeigtes Buch über die Baniwa “Zwei Jahre unter den Indianern” erschien 1910 (also, anders als in der Filmhandlung, 14 Jahre bevor er in Brasilien an Malaria starb). Der Freiburger Professor erforschte die Flussläufe von Rio Xingu, Yapura, Rio Negro und Rio Branco, dokumentierte vor allem die Kultur der Pemón (Arekuna und Taulipang) im Dreiländereck von Venezuela, Brasilien und der Kooperativen Republik Guyana. Die Pemón genießen eine gewisse Bekanntheit, weil die Regierung von Venezuela in ihrem Namen das Berliner Kunstprojekt “Global Stone” seit 2013 auf Rückgabe eines 30 Tonnen schweren heiligen Steins verklagt.
Richard Evans Schultes (1915-2001), der Koch-Grünbergs Spuren folgte, gilt als Klassiker der Ethnobotanik mit speziellem Interesse an halluzinogenen Pflanzen –er publizierte 1980 zusammen mit dem LSD-Entdecker Albert Hofmann. Der Havard-Botaniker Schultes forschte hauptsächlich in Kolumbiens Amazonasregion und soll die unwahrscheinliche Zahl von 24.000 Pflanzenarten klassifiziert haben, darunter 2000, die von indigenen Kulturen als Heilpflanzen genutzt wurden; gut 120 Arten tragen seinen Namen. Ab den 60er-Jahren setzte er sich für den Erhalt von Indigeno-Kulturen und Regenwald ein und klärte seine Studenten in Havard darüber auf, dass dort im letzten Jahrhundert schon über 90 indigene Kulturen vernichtet wurden; 1986 errichtete Kolumbien ein Naturschutzgebiet etwa von der Größe des Libanon als “Sector Schultes”, so sein Nachruf in der NYT.
Evans Schultes, Richard u. Albert Hofmann: The Botany and Chemistry of Hallucinogens, 2nd ed. Springfield 1980.
Koch Grünberg, Theodor: Zwei Jahre unter den Indianern: Reisen in Nordwest-Brasilien, 1903–1905. 2 Bände. Ernst Wasmuth, Berlin 1909/1910.
Filmtitel: Der Schamane und die Schlange, Originaltitel: El Abrazo de la Serpiente; (Argentinien, Kolumbien, Venezuela 2015); Laufzeit: 125 Minuten; Kinostart in Deutschland: 21.04.2016; Regie: Ciro Guerra: Drehbuch: Ciro Guerra, Jacques Toulemonde Vidal; Darsteller: Nilbio Torres, Antonio Bolivar, Brionne Davis, Jan Bijvoet, Miguel Dionisios Ramos, Nicolás Cancino, Yauenkü Migue; Produktion: Cristina Gallego, Raúl Bravo, Marcelo Cespedes, Horacio Mentasti; Festivals: Cannes 2015, lief auf der Berlinale im Sonderprogramm NATIVe für indigenes Kino, 2016 Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.
„Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“ D 2015: Kritik zu einem Film von Oskar Roehler
Deftiger Autorenfilm von Oskar Roehler: Eine klamaukafkaeske Ekelsex-Ödipusdramödie; eine grelle Welt von Sex, Drogen und Paranioa im Westberlin der 80er Jahre, die selbsttherapeutische Abrechnung eines verstörten Zeitgenossen mit Schulzeit und Eltern.
Roehler greift in seinem Film Themen auf und artikuliert Abneigungen, die jenseits des Atlantik in der NRx-Bewegung zu beobachten sind, er dabei liefert zugleich Parodie und Psychogramm für Proteste, wie sie auch in der Punk-Kultur auftauchen. Die neoreaktionäre NRx-Bewegung in den USA führt einen erbitterten Kulturkampf (dark enlightenment) gegen Alt-68er-Hippies und deren Nachkommen, die angeblich übermäßig verhätschelte „Generation Snowflake“ der Millenials, auch Gen Y oder Digital Natives genannt (Geeks for Monarchy). Deren antiautoritäre Hippie-Eltern hätten ihren Nachwuchs in Watte gepackt und ihm ständig dessen Einmaligkeit (wie eine Schneeflocke) trotz tatsächlicher Mittelmäßigkeit versichert. Die neoreaktionäre Alt-Right-Bewegung beruft sich auf Film und Buch „Fight Club“, wo so benannte Snowflakes brutal zu Kämpfern umerzogen werden. Im rechtslibertären Milieu der US-Gesellschaft vereinen sich neokonservative bis nationalistische, faschistoide bis nazistische Strömungen mit heftigen anarchischen Tendenzen, die gegen Staat und Spießertum rebellieren wollen. Der angepasste Spießer als Feindbild wird mit linksliberalen, grün-alternativen, sogar sozialistisch-marxistischen Einstellungen identifiziert, welche Neurechte bei uns als „grünlinks-versifft“ bekämpfen. Wie lassen sich aber linksradikale Punks mit faschistoiden Neurechten, Skinheads oder Neonazis in Zusammenhang bringen? Oskar Roehler gelingt das Kunststück auf unterhaltsame Weise, wenn auch teilweise jenseits der Ekelgrenze.
Nazi & Punk vereint gegen 68er-Hippies
Robert (Tom Schilling), ist Roehlers 18-jähriges Alter Ego aus seinem autobiographischen Roman „Herkunft“ (2011), der in „Die Quellen des Lebens“ eine erste schrille Verfilmung erlebte. „Tod den Hippies“ geht mit surrealen Flashlights sparsamer um. Robert erlebt seine Schulzeit als eine Hölle der Hippies. Hassfigur ist der Politik-und-Sozialkunde-Lehrer, der, von den hübschesten Schülerinnen angehimmelt, marxistische Parolen abfragt und dabei eitel seine Hippiemähne zurückwirft. Im Lehrerzimmer und auf den Gängen des Gymnasiums sitzt das Kollegium im Schneidersitz meditierend mit kreisenden Joints und zelebriert ein nie endendes Woodstock für Oberstudienräte. So weit, so surreal.
Roberts einziger Kumpel heißt Gries. Er ist ein schwuler Nazi, der es noch viel schlechter hat als der Jungpunker, denn er ist hässlich, dumm, brutal und laut. Nur sein deutscher Schäferhund liebt ihn und umgekehrt. Gemeinsam ist den beiden Außenseitern, dem Punk und dem Nazi, vor allem ihr Hass auf Hippies, Motti: „Scheiß-Hippies, verdammtes Gesockse“ und „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“
Die Masse der Schüler sind treudoofe 68er-Mitläufer und basteln Schilder für pädagogisch angeleitete Protest-Demos, die unter Führung der bekifften Lehrer stattfinden. Roberts Schülerliebe ist ein ähnlicher Alptraum, seine altkluge Freundin plant schon jetzt Studium und Karriere bis zur Pensionierung. Sie will, dass beide wegen der finanziellen Sicherheit „auf Lehramt machen“ und flippt aus, als Robert sich eine punkige Irokesen-Frisur zulegt. Damit treibt sie ihn endgültig in die Flucht, denn Robert will kein Kuscheln im Plüschpullover mehr, sondern Latex, High Heels und pralle Möpse.
Auch Gries, der in der Schule zwar von alten Nazi-Verbindungen seines Vaters zum Rektor zehrt, bekommt Schwierigkeiten: Er kann nur schwer geheim halten, schwul zu sein –denn betrunken grölt er andauernd „Arschficken für alle“ und nüchtern ist er selten. Probleme bekommen Gries und Robert auch wegen der Schülerstreiche der beiden, gegen die derbste „Fuck you, Goethe“-Szenen wie die biermeierliche ARD-Serie „Lindenstraße“ wirken. Anschlagziel wird gut ödipal natürlich der eitle Oberlehrer-Hippie, eine weitere Vaterfigur. Am Ende kratzt Robert die Kurve, bricht die Schule ab und flüchtet aus seiner spießigen Schülerliebe , aber vor allem aus dem Flower-Power-Schulhorror, während hinter ihm ein paar schwerbewaffnete Übeltäter seine Gewaltphantasien als Schulmassaker in Szene setzen.
Westberlin – Berlin (West)
So macht sich Robert auf nach Westberlin, damals das Fluchtziel für viele 18jährige, nach denen das Kreiswehrersatzamt greifen wollte: In Berlin (West) gab es keine Wehrpflicht, ein guter Tipp, wenn man weder Neigungen zu Bundeswehr noch zum Zivildienst (womöglich alten Leuten den Hintern putzen) verspürte. Doch er kommt vom Regen in die Traufe, denn die schöne neue Welt von Sex, Drogen und Punkmusik gibt es nicht umsonst für den jung-nihilistischen Poeten („Ich schreibe vom Tod“). Tagsüber schrubbt er die Kabinen einer Peep-Show, fühlt sich aber zu Höherem berufen („Die wichsen hier wie die Weltmeister, Mann, ich komm kaum nach. Das ist nix für mich, ich bin Künstler, Mann.“), später muss er sogar Kotbeutel von Pflegeheimpatienten entleeren, die Senoiren verfolgen ihn als Zombies in seine Träume –Roehler spart nicht mit Ekelszenen.
Roberts Eltern werden ebenfalls eklig dargestellt, besonders die Mutter deftig und prall verkörpert von Hannelore Hoger (TV-Kommissarin „Bella Block“). Sie will Robert zum Mord am Erbonkel überreden, während sein Vater (Samuel Finzi) als düsterer Lektor, Verleger und Kassenwart der RAF (Rote Armee Fraktion) auf 200.000 DM Restbeute sitzt und den Sohn mal drohend, mal kumpelhaft mit seinen kruden Moralvorstellungen traktiert: „Der Mann sollte beim Sex immer oben liegen, klassische Missionarsstellung. Du allerdings wurdest von hinten gezeugt.“
Trotzdem genießt Robert die Freiheit in der anarchisch-punkigen Subkultur und verbringt die Nächte in der Kreuzberger Bar „Risiko“, wo Ikonen wie Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“) oder Nick Cave herumhängen. Wodka wird in Biergläsern ausgeschenkt, Koks und Punkmusik dürfen nie fehlen. Obwohl üppige Sozialhilfe beim Amt abholen leichter ist als Brötchenkaufen („Außenbahnzuschußpauschale, Vergütungsmittelpauschale, da kriegen Sie 1475 Mark. Wenn sie mehr brauchen, können Sie morgen wieder kommen.“), wischt der staatsverachtende Anarchist Robert weiter Sperma (anders als Ayn Rand, die Ikone der US-Rechtslibertären, die zeitweise von der Stütze lebte). In seiner Peepshow holt Robert auch das Essen für die Models und verliebt sich in eine „Sweinebraten“-liebende Stripperin aus New York, sie gestehen sich gegenseitig den Hass auf ihre Eltern.
Autobiographie eines Punks
Oskar Roehler, der selbst 1981 im geteilten Berlin landete, greift auf eigene Erinnerungen zurück und entwirft ein grotesk-obszönes Bild vom West-Berlin der frühen 1980er, das als glamouröses Schaufenster des Westens inmitten der realsozialistischen DDR lag: Eine Insel von Luxus, Exzess und Ekstase, aus der heraus nackte Mädchen mit ihren entblößten Brüsten Ostberliner DDR-Grenzersoldaten zuwinkten. Seine Darstellung der Anarchoszene zeigt trashige junge Leute, die jede Sinnsuche aufgegeben haben. Punk als Nihilismus, der in anarchischem Hedonismus, in schneller Lust mit Sex und Drogen schwelgt. Verkannte Künstler wie Robert und gebrochene Figuren wie Gries passen perfekt in diese Kulisse. Oskar Roehler zum Thema „schwule Nazis“: „Ich liebe diese brachialen, ungeschliffenen Typen. Sie bringen Chaos in die Sache, weil ihre Ausrichtung politisch, gefühlstechnisch und sexuell unausgegoren ist. Das sind meine liebsten Nebenfiguren. Dieser Gries weiß ja im Grunde überhaupt nichts genau.“
Oskar Roehlers Eltern waren ein glückloses Schriftstellerpaar der Generation 68: Gisela Elsner und Klaus Roehler waren literarische Hoffnungen in Westdeutschland. Die Auseinandersetzung mit seinen Eltern scheint das beherrschende Thema für Oskar Roehler zu bleiben. Schon im Film „Die Unberührbare“ setzt sich Roehler mit seiner psychisch labilen Mutter (eindringlich gespielt von der nicht verwandten Hannelore Elsner, die eigentlich Elstner heißt) auseinander, die sich 1992 das Leben nahm. Damals kam sie noch vergleichsweise gut weg, im neuen Werk wird sie zu einem Muttermonster dämonisiert. In Roehlers Film „Der alte Affe Angst“ ging es dagegen um eine Vaterfigur, und auch „Die Quellen des Lebens“ arbeiten sich an der Lebensgeschichte Roehlers ab, nebst Schatten der Nazi-Zeit, geistiger Wohlstandsverwahrlosung der Oberschicht und der epidemischen Verbreitung von Gartenzwergen in deutschen Vor- und Kleingärten. Jetzt kämpft sich Oskar Roehler in „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ durch einen weiteren Teil seiner Biographie, bekennt sich zu Punk, Sex und Drogen.
Kinostart: 26.03.2015 (der Film wurde inzwischen vom Öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt -abseits der Hauptsendezeiten)
David Bernets Kinofilm bringt kaum Neues zum Datenschutz, man bekommt stattdessen ein rosarot gemaltes Bild der EU-Legislative und ihrer engen Beziehung zum Lobbyismus: Dokumentarfilmoder Propagandastreifen für die Diktatur des Geldes in einer korrupten Europäischen Union?
Der Kinofilm Democracy -Im Rausch der Daten dokumentiert den parlamentarischen Gesetzgebungsprozess der EU anhand des europäischen Datenschutzes. Der handwerklich gut gemachte Film ergreift zwar Partei für den Datenschutz, aber er tut dies aus der unreflektierten Perspektive eines von Industrielobbyisten vorgegebenen Rahmens. Nur aus dieser Perspektive erscheint am Ende der vorgelegte Gesetzentwurf als großartiger Erfolg. Tatsächlich hat die Politik hier nur ausnahmsweise und auch nur teilweise endlich einmal das getan hat, wofür wir sie gewählt haben: Unsere Rechte zu verteidigen. Aber das Gesetz, dessen Werdegang von 2012-2013 dargestellt wird, ist bis heute nicht in Kraft.
Die Grünen wird der Film freuen, denn ihr Protagonist, der EU-Parlamentarier Jan Philipp Albrecht, wird neben der EU-Kommissarin Viviane Reding als Hauptfigur des Datenschutzes präsentiert. Im Januar 2012 hatte Reding für die EU-Kommission eine Reform der EU-Datenschutzvorschriften vorgeschlagen, der im Oktober 2013 der Vorschlag eines im EU-Parlament unter Federführung von Albrecht ausgehandelten Gesetzesentwurfs folgte, der den Datenschutz noch weiter verschärfen sollte. Besagte Verhandlungen werden im Film „Democracy“ akribisch verfolgt.
Der Kampf um das Thema außerhalb der EU-Bürokratie wird dagegen in nur fünf Filmminuten abgehandelt, die von Snowdens Enthüllungen handeln. Die europaweite Entstehung einer einer neuen politischen Bewegung zum Thema Netzpolitik und Datenschutz, der Piratenpartei, blendet „Democracy -Im Rausch der Daten“ fast völlig aus. Nur eine halbe Sekunde ist am unteren Rand eines Plakats mit Edward Snowdens Gesicht unter dem Slogan „Stop watching us“ das Wort „Piratenpartei“ zu erhaschen, dann drängen sich wieder Werbe-Luftballons der Grünen ins Bild. Klasse Parteipropaganda, oder?
Aber waren die überraschend großen Wahlerfolge der Piraten, die gerade in Deutschland bis in den zweistelligen Bereich emporschossen und ihnen teilweise bis heute Einfluss in Landesparlamenten von Berlin und NRW sicherten, wirklich so unbedeutend für den Datenschutz, dass eine solche Doku sie weglassen darf? Zählen Millionen Wählerstimmen für den Film „Democracy“ weniger als das PR-Gerede von Industrie-Lobbyisten in Brüssel? Welches Bild von Demokratie wird so vermittelt?
Lobbyismus wird nicht hinterfragt
Die äußerst dubiose Rolle des Lobbyismus im EU-Gesetzgebungsprozess wird von Bernet weniger hinterfragt als vielmehr zur Naturgewalt stilisiert: Korrupte Politiker werden zu Heroen geschönt, die gegen einen „Lobbyorkan“ ankämpfen müssen (dem sie, das leuchtet jedem ein, hie und da einfach erliegen müssen -wo genau wird jedoch verschwiegen). Dass diese Politiker die Lobbyisten erst in die Gesetzgebung hinein gelassen haben und sich von ihnen mit Kaviarempfängen und unzähligen mehr oder weniger korruptiven Gaben umschmeicheln lassen und sich sogar die angeblich von ihnen, den Politikern mühsam erarbeiteten Gesetzestexte von den Lobbykraten formulieren lassen, verschweigt Bernets Film. Korruption wird damit zugleich verharmlost, vertuscht und in ihren konkreten Folgen verschwiegen.
Jacques Santer und die EU-Bangemann-Affäre
Ist Bernets Film selbst eine dreiste PR-Produktion, die uns ein weichgespültes Bild der EU vorsetzt? Wer uns über die EU-Demokratie informieren will, kann sich, so sollte man meinen, kaum um die zahlreichen Korruptionsfälle herum drücken, bis zum Sturz einer kompletten EU-Kommission unter Jacques Santer 1999 wg. einer korrupten Édith Cresson, die beim Griff in die Kasse erwischt, letztlich sogar ungestraft davon kam. Mit der Bangemann-Affäre gab es einen der größten Skandale überhaupt genau im Bereich Netz- und Datenwirtschaft: Der dafür zuständige EU-Kommissar Bangemann (FDP) wollte nach Dienstende flugs zur IT-Firma Telefonica wechseln, die dank der vom Industriefreund Bangemann durchgesetzten Liberalisierung der Kommunikationsnetze saftige Gewinne einstreichen konnte. Das hatte eine Debatte über Mechanismen der Korruption ausgelöst.
Jacques Santer (Luxemburg), Staatsminister a. D., Präsident der EU-Kommission a. D. ist inzwischen im Führungskreis des INEA an den Schalthebeln der Lobby-Macht: Das Institute for European Affairs e.V. (INEA) mit Sitz in Düsseldorf ist eine europaweit – mit Schwerpunkt Osteuropa – tätige Beratungs- und Lobbyorganisation. Sie ist eng mit dem Baltic Sea Forum verflochten, mit dem sie im Ostseeraum kooperiert. Führende Mitarbeiter des INEA waren früher in die Aktivitäten der Sicherheitsfirma Prevent involviert. All diese Hintergründe lässt der Kinofilm im launigen Hahaha der Sektempfänge im Lobbyland verschwinden. Bestechung, Personalkarussell und Lobbyismus gehören zusammen und sind Grundübel unseres politischen Systems, die dringend öffentlicher Aufklärung bedürfen. Doch stattdessen gewährt Dokumentarfilmer Bernet vielen Lobbyisten ein Forum zur Selbstdarstellung, das dieser in PR und Rhetorik bestens geschulte „Berufsstand“ zu nutzen versteht. Der Film wird damit Teil der lobbykratischen Korruption und ihrer Propaganda.
Datenschutz kommt zu kurz
Datenschutz war in der deutschen Politik immer ein wichtiges Thema, schon beim Volkszählungsboykott in den 1980er-Jahren über das Erstreiten eines „Rechtes auf informationelle Selbstbestimmung“ vor dem Verfassungsgericht bis zu den aktuell tobenden Gefechten gegen die Vorratsdatenspeicherung.
Die internationale Dimension zeigte sich spätestens beim Echelon-Skandal, der einen Konflikt Washingtons mit Westeuropa (außer Großbritannien) offen legte: NSA und andere Geheimdienste greifen in größtmöglicher Weise illegal auf die Daten der Europäer zu. Im diplomatischen Krypto-War um die Freigabe von Verschlüsselungstechnik für die Bürger eskalierte zwischen USA und EU ein Streit um den Datenschutz, der nie wirklich beigelegt werden konnte.
Mit den Enthüllungen von WikiLeaks wurde der „panoptische Blick“ der alles-sehenden Augen von NSA & Co. erstmals in großem Maßstab umgekehrt. Die alte Utopie von Hacker-Bewegung und Netzkultur, die Vision eines „Inversen Panoptismus“, wurde ansatzweise zur Realität.
Eine zweite, noch größere Bresche schlugen die NSA-Leaks von Edward Snowden in die Palisaden der globalen Überwacher. Während heute Geheimdienste um den Schutz ihrer Geheimdaten bangen, stacheln sie zugleich die Netz- und Medienwirtschaft an, den Datenschutz der Bürger immer aggressiver zu untergraben – wie Snowden enthüllte.
Big Data ist das Stichwort und die „sozialen Netzwerke“ von Facebook, Google & Co. sind ihre „digitalen Fischgründe“. Aber Bernets Film bleibt beim Thema Datenschutz leider sehr oberflächlich. Die netzpolitische Debatte, deren Intensität seit Snowden noch einmal enorm gestiegen ist, streift er nur allzu knapp. Nur fünf Minuten, von Filmminute 80 bis 85, von 100, widmet er einigen reißerischen Bildern der außerparlamentarischen Kämpfe, von „Snowden – Held oder Verbrecher?“ bis zur Demo „Freiheit statt Angst“ aus Kreisen der deutschen Hacker-Netzkultur. Das ist zu wenig. Und die Rolle der EU-Kommission wird anbiedernd heroisiert: Waren Kommissarin Reding & Co. -insbesondere angesichts der Snowden-Enthüllungen- wirklich so engagiert für den Datenschutz, wie ihre PR-Leute und dieser Film uns weismachen wollen? Regierungskritiker der Hackerszene sind da ganz anderer Ansicht:
„Als der Guardian am 5. Juni die ersten Informationen über die gigantische Überwachung aller Bürger/innen durch amerikanische Geheimdienste publik machte war die Reaktion in der EU verhalten. Nur einzelne Abgeordnete des EU-Parlaments veröffentlichten kritische Presseaussendungen und versuchten mehr Informationen durch Anfragen an die Kommission zu erlangen. Erst als auch die Überwachung durch europäische Geheimdienste, etwa durch Tempora und die Datenweitergabe der USA an europäische Dienste thematisiert wurde, wachten auch die EU-Politiker/innen langsam auf… Erst am 14.Juni äußerten sich die beiden Kommissarinnen Viviane Reding, zuständig für Justiz, und Cecilia Malmström, zuständig für Inneres, zu dem Überwachungsskandal… Und auch bei der Beantwortung der unzähligen parlamentarischen Anfragen zeigt die Kommission keinen besonders großen Willen, den Skandal aufzuklären. Am Ende bleibt ein zahnloser Ausschuss… (Es ist) zu befürchten, dass sich die Kommission weiter von den Amerikanern die Bedingungen der Aufklärung diktieren lässt und am Ende keine ausreichend verwertbaren Informationen vorlegen kann, um gegen die gigantische Überwachung aktiv werden zu können.“ Alexander Sander: Aufklärung à la EU, in: Hrsg. Markus Beckedahl & Andre Meister (Hg.): Überwachtes Netz. Edward Snowden und der größte Überwachungsskandal der Geschichte, 2013, S.128-130.
Es ergibt sich beim Blick auf das EU-Parlament in diesem Film ein auf seine beiden politischen Akteure beschränktes Bild. Besonders gefährlich ist die großzügige Einbindung der Industrie-Lobbyisten, deren Weltsicht geradezu als „natürlicher“ Hintergrund der Debatte präsentiert wird.
Es entsteht ein pseudo-ausgewogenes Storybord zur Geschichte des Datenschutzes: Hier die Wirtschaft, dort die Politik. Doch geht es nicht um unsere künftigen Menschenrechte? Würden wir bei der Debatte um Frauen-, Kinder- oder Organhandel, jene in die Diskussion einbinden wollen, die am Raub menschlichen Lebens und menschlicher Freiheit ihren schmutzigen Profit erwirtschaften wollen?
Betonung der Sicht der Lobbyisten
Bernets Film kritisiert zwar die Lobbyisten der IT-Industrie, aber er lässt sich von ihnen das Spielfeld vorgeben, auf dem das geschieht. Schon der Beginn seines Film steckt dieses Spielfeld ab. Erste Szene: Ein Hubschrauber fliegt über Athen. Eine Stimme aus dem Off (wie wir später erfahren, ein Lobbyist) erklärt uns im Ton eines Dokumentarfilms:
Viele Leute sagen, Daten sind das neue Öl, das Öl des 21.Jahrhunderts. Ein guter Vergleich, wenn man bedenkt, wie Öl unsere Welt geformt hat. Es hat uns globale Mobilität ermöglicht. Öl liefert uns Energie, hat unser Leben für immer verändert und Daten werden dasselbe tun. Je mehr Daten wir haben, umso interessantere, weltverändernde und bislang undenkbare Dinge werden Wirklichkeit. Aber wer keine Daten hat, hat auch kein Öl. Leider gibt es einen großen Widerspruch zwischen BigData und dem Wunsch nach Privatsphäre. Es werden riesige Mengen an Daten generiert, die persönliche Informationen enthalten. Die Frage ist nun: Wie sollen diese Daten genutzt oder geschützt werden? Wer hat die Kontrolle darüber? Wem gehören sie? Es ist entscheidend, dass wir die richtige Antwort finden.
Die erste Szene führt dann die beiden Hauptprotagonisten ein, EU-Kommissarin Reding und den Grünen Jan-Philipp Albrecht. Von Albrecht sieht man zunächst zwei ungeschickte Hände, die versuchen eine Krawatte zu binden. Er blättert dabei auf seinem Smartphone in einer Online-Anleitung zum Krawattenbinden. Albrecht wird als unangepasster Grüner präsentiert, vielleicht auch als Grünschnabel, der jedoch mit dem Internet umgehen kann.
Dann tritt Reding auf, in Politikerpose. Man ahnt, sie saß als VIP im angeflogenen Hubschrauber, der zugleich die „globale Mobilität“ durch Erdöl aus dem Lobbyistentext visualisierte. Sie steht vor Journalisten, redet souverän auf sie ein. Die Rollen von Reding und Albrecht werden in dieser Szene ebenso abgesteckt, wie die der EU-Industrie-Lobbyisten als Stichwortgeber, Drahtzieher und Spielmacher im Hintergrund.
David Bernet fängt mit Bildern, Musik und Schnitttechnik Stimmungen ein, vermittelt ein kurzweilig-emotionales Erlebnis der trockenen EU-Parlamentswelt. Die Personen werden plastisch gemacht, besonders Albrecht, dessen Gewohnheiten und Gefühle dokumentiert werden: Beim Kekseknabbern, bei der Arbeit, in seiner Rolle als von der mächtigen Kommissarin Reding gefördertes, ursympathisches Nachwuchstalent. Hier liegt der Schwerpunkt des Films, nicht bei der Thematik des Datenschutzes. Dies liegt vielleicht auch daran, dass Bernet quasi zufällig über das Thema stolperte, wie er selbst berichtet.
Auf die Frage, wie er auf die Idee kam, einen Dokumentarfilm über die EU-Datenschutzreform und das damit verbundene Gesetzgebungsverfahren zu drehen, antwortet David Bernet laut Presseheft:
Als ich vor ungefähr fünf Jahren die Recherche für DEMOCRACY – IM RAUSCH DER DATEN aufnahm, ging es noch nicht um Datenschutz, sondern um zwei grundsätzliche Fragen: Werde ich den Zugang bekommen, um einen solchen Dokumentarfilm im Inneren der EU-Institutionen zu drehen? Und falls ja, welches Gesetz würde von so großer Relevanz sein, dass die Debatte dazu während des Drehzeitraums europaweit heiß laufen könnte? (…)
Als ich nach (…) vielen Wochen Recherche meinen Produzenten mitteilte, dass die EU-Datenschutzreform wohl dieses heiße Eisen werden wird und ich den Film zu diesem Thema sehe, schlugen sie berechtigterweise die Hände über dem Kopf zusammen. Denn es war 2010. Das Thema Datenschutz war damals komplett außer Reichweite und nur die politischen Avantgardisten in Brüssel konnten wissen, wie bedeutsam dieses Gesetz für die Zukunft unserer Gesellschaft werden wird.
Über die Idee, „nur die politischen Avantgardisten“ hätten 2010 erkennen können, wie bedeutsam Datenschutz für die Zukunft unserer Gesellschaft werden wird, kann man nach drei Jahrzehnten politischer Kämpfe um das Thema nur die Stirn runzeln. Immerhin kommen auch NGO-Vertreter zu Wort, von denen die kritischeren Beiträge zum Thema stammen. Dabei werden leider Industrie-Lobbyisten mit NGO-Bürgerrechtlern schwer unterscheidbar gemischt.
Von der modernen Pest der BONGOs und GONGOs (Business- bzw. Government Organised NGO) hat Bernet scheinbar auch noch nichts gehört. Wenigstens erfährt man, dass in Brüssel 99 Prozent der Lobbyarbeit durch offen agierende Industrie-Lobbyisten geleistet wird. Besonders viel Raum bekommt Kataryna Szymielewicz, Gründerin und Vorsitzende der NGO „Panoptykon Foundation“ (Warschau). Die Kamera folgt der jungen attraktiven Juristin, die erläutert:
Überwachung bedeutet nicht, dass jemand weiß, wie man nackt aussieht oder mit wem man seine Nächte verbringt. Das ist Kinderkram, für den sich niemand interessiert. Tatsächlich geht es bei der Überwachung darum, Menschen und Bevölkerungsgruppen zu steuern.
Die Industrie wolle ihre Kundenprofile auf Kosten der Freiheit aufbauen und etwa jungen Frauen in polnischen Dörfern Töpfe und Pfannen verkaufen, statt roten Highheels, die ihnen Flausen in den Kopf setzen könnten. Szymielewicz‘ Bewertung der Überwachung ist richtig, wenn sie auch bei Webcams irren mag, deren Missbrauch durchaus der Gewinnung pornographischer Bilder dienen kann.
Auch finden sich vermutlich viele Onlinefirmen, die gerne jedwedes Schuhwerk in die polnische Provinz liefern würden. Warum aber zitiert die Doku Szymielewicz ausgerechnet mit Nacktheit, Bett- und Highheels? Dies lenkt nur von der politisch bedeutsameren Manipulation und Bevölkerungssteuerung durch BigData ab.
Data-Mining versus Menschenrecht
Mit Data-Mining in unserer Netzkommunikation wird das Marketing an Kundenprofilen perfektioniert, die jede Stasi-Akte in den Schatten stellen. Damit wird auch Geld verdient, aber ein wichtiger Aspekt ist zweifellos das Abschöpfen dieser Profile durch Geheimdienste, denen jede Privatsphäre ein Gräuel ist (außer ihrer eigenen). Nach außen propagieren Werbe-Abteilungen und Lobbyisten diese kriminelle, zumindest aber ethisch fragwürdige Praxis mit PR-Parolen wie „Daten sind das neue Öl“.
Mit genau diesem Satz beginnt der Film „Democracy -Im Rausch der Daten“ und viele Lobbyisten bekommen Gelegenheit, ihn in Variationen zu wiederholen. Der Hauptprotagonist der Doku, der grüne EU-Politiker Jan Philipp Albrecht, hört ihnen geduldig zu, während er um einen Kompromiss für die europäische Datenschutzverordnung im EU-Parlament ringt. Seine Devise ist: „Wenn Daten das neue Öl sind, ist Datenschutz der neue Umweltschutz“ -und somit Sache der Grünen. Die Botschaft: Kritik ist erlaubt, wenn sie im Rahmen der von Industrie-Lobbyisten vorgegebenen Weltsicht bleibt.
Dass es bei unseren persönlichen Daten um etwas fundamental anderes geht als um einen neuen Rohstoff, dass es hier um den Zugriff auf unser Grund- und Menschenrecht auf informationelle Selbstbestimmung geht, tritt in den Hintergrund. Dass es damit um die Macht geht, uns alle in bislang undenkbarem Ausmaß zu kontrollieren und zu manipulieren, bleibt ungesagt. Die oft wiederholte Parole, künftig wären unsere privaten Daten eben die Währung, in der wir die Netzkonzerne für „kostenlose“ Dienstleistungen bezahlen müssten, bleibt unhinterfragt.
Vielleicht zeigt sich hier eine besonders perfide Wirkung der Ideologie des Neoliberalismus: In einer Welt, in der alles zum Wirtschaftsgut gemacht werden darf (unsere Beziehungen im Netz, unsere ausgeforschte Persönlichkeit, unser Leben) werden die Menschenrechte in die Ecke gedrängt. Nicht mehr die Industrie soll sich rechtfertigen, unsere Daten abzugreifen, wenn wir sie in unseren öffentlichen Netzen Geld verdienen lassen – Wir sollen uns rechtfertigen müssen, wenn wir dies verweigern oder begrenzen wollen.
Die neoliberale Ideologie des „Wer zahlt befiehlt“ gewinnt an Macht durch die immer weiter gehende Privatisierung öffentlicher Infrastruktur. Im Netz genügt den Unternehmen nicht mehr die zu Beginn des Netzfirmen-Booms propagierte „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, bei der sie unsere Weltsicht hemmungslos mit Werbung verkleistern darf.
Jetzt wollen die zu global dominierenden Multi-Milliarden-Konzernen angeschwollenen Firmen auch noch unser Recht auf Selbstbestimmung in Geiselhaft nehmen. Und das, obwohl wir inzwischen nicht mehr nur befürchten, sondern definitiv wissen, dass hinter ihnen die Geheimdienste lauern, die in krimineller Weise unsere Daten missbrauchen.
Bei der Abwägung dieser menschlichen Güter gegen Begierden der Wirtschaft darf es keine kompromisslerische Haltung geben. Nur weil der virtuelle Raum der Daten und Netze abstrakter scheint und heute von vielen erst ansatzweise verstanden wird, darf hier nicht mit Lobbyisten geschachert werden. Ebenso wenig wie in der Frage der Sklaverei, für deren Fortsetzung Wirtschaftsunternehmen sicherlich auch zahlreiche ökonomische Argumente angeführt haben. Letztlich geht es um die Frage, ob die Wirtschaft der Gesellschaft dienen soll oder umgekehrt.
Bernets Film „Democracy“ präsentiert uns das EU-Datenschutzgesetz, dessen Umsetzung bis heute verschleppt wird, als grandiosen Sieg von Parlament und vernünftigem Kompromiss von Politik und Lobbyisten. Aber eher dokumentiert er wohl die dringende Reformbedürftigkeit unserer durch eine systemintern installierte Lobby-Diktatur zutiefst korrumpierte Gesetzgebungsprozesse.
(Eine gekürzte Version dieser Kinokritik erschien auf Telepolis.)
Wahnsinn, Depressionen und Existenzialismus: Wie die Philosophie von J.P.Sartre, die Neurowissenschaft und Bio-Hacking das Rätseln unserer Existenz ergründen wollen. Eine Dokumentation in bewusstseinserweiternden Bildern.
„In der Depression entwickelt man viele ‚fixe Ideen’“, sagt Frank Schauder, Hauptperson eines Films, der von seinem persönlichen Kampf gegen die seelische Erkrankung handelt. Seine ‚fixe Idee‘ ist die genetische Ursache seines Leidens: „Das dunkle Gen“. Der Film begleitet ihn bei der Erforschung dieser Idee, sucht dabei auch nach einer ästhetischen Darstellung seines wahnhaften Erlebens.
Die erste Einstellung zeigt Frank Schauder bei einer nachgestellten Erstbefragung in der psychiatrischen Notaufnahme. Die Ärztin erkundet anhand eines standardisierten Leitfadens seine geistige Klarheit, seine depressive Stimmung und die Suizidgefahr. Er berichtet Suizidgedanken und von Suizidversuchen in der Vergangenheit. Es ist eine unaufgeregte, realistische Darstellung, die jedoch pure Dokumentation überschreitet, indem sie uns von Anfang an in die Emotionen des Patienten hinein führt. Die so gezeigte empathische Haltung fern jeder Verkitschung behält der Film bei, wenn er in seinen biographischen Szenen dem Protagonisten in den Freundeskreis folgt, in Krankenhäuser, zu Gesprächen mit seinem Sohn. Die Kamera lässt uns ohne jeden Voyeurismus an seinem Leiden teilnehmen, an jahrelanger Depression mit zerbrechenden Beziehungen, sozialem Rückzug und psychiatrischen Behandlungen.
Frank Schauder ist Neurologe, was bedeutet, dass sein Fachgebiet sich zu etwa einem Drittel mit jenem der ihn behandelnden Psychiater überschneidet, und er ist fixiert auf die Genetik seiner Krankheit. Durch fast alle Gespräche, die wir ihn mit Familie, Freunden, behandelnden Ärzten und später Experten führen sehen, zieht sich die Suche nach den genetischen Wurzeln der Depression. Eine Suche, die biographisch in einem von ihm selbst finanzierten Gentest gipfelt: Eine US-Firma bietet die Analyse eingesandter DNA auf Krankheitsrisiken an. Möchte man solche Risiken kennen, auch wenn die Medizin keine Heilung für das betreffende Leiden hat? In Frank Schauders Freundeskreis sind die Meinungen geteilt.
Der Protagonist zeigt sich leicht enttäuscht, als ihm das Testergebnis nur ein durchschnittliches Erkrankungsrisiko bescheinigt. Taugt der Test nichts? Ist die Krankheit doch nicht im vermuteten Ausmaß erblich? Die übersteigerten Ängste und Schuldgefühle, seinem Sohn vielleicht die Neigung zur Depression vererbt zu haben, scheint das Ergebnis nicht zu mildern. ‚Fixe Ideen‘ und Wahnvorstellungen sind meist ziemlich resistent gegenüber ihnen widersprechenden Fakten.
Psychedelische Bilder
Miriam Jakobs und Gerhard Schick (Buch und Regie) begleiten in dieser ungewöhnlichen Dokumentation ihren Studienfreund Frank Schauder und machen ihn zum Ich-Erzähler. Doch die dokumentarische Handlung wird in künstlerisch stark bearbeiteter Form präsentiert. Immer wieder brechen hypnotisch-stille Bilder den Handlungsfluss: Die Hauptperson springt von einem Turm ins Wasser, wandert einsam im Schnee, Schneegestöber geht über in abstrakte Bilder von molekularen Vorgängen, von Genen bei der Arbeit, DNA wird abgelesen, gespalten und repliziert, Proteine entstehen, schwärmen herum, vielleicht auch chemische Botenstoffe.
Urheber dieser Bilder ist die Scivis Unit (Scientific Visualisation), die mit avancierter Software animierte 3D-Modelle von DNA, Proteinen und Molekülen, von Neurotransmittern und Rezeptoren gestaltet. Teilweise sind es Bilder wie aus einem biologischen Lehrfilm, aber ohne belehrende Texte, ausgedehnt, fast psychedelisch. Der Film will mit den Computeranimationen nicht über wissenschaftliche Hintergründe der Biochemie aufklären, er zeigt vielmehr ihre -in diesem Kontext- unheilschwangere Ästhetik.
Existenz, Freiheit, Angst
Der Existenzialismus, von dem manche sagen, er sei das in eine philosophische Weltsicht gegossene Lebensgefühl des Depressiven, beschreibt die menschliche Existenz als subjektive Einsamkeit, als radikale Freiheit, aber auch als ausgeliefert sein an die eigene Endlichkeit, an den Tod und die Angst. Dem eigentlichen, authentischen, subjektiven Erleben der eigenen Existenz die uns, wie Sartre sagte, zur Freiheit verurteilt, steht die „objektive“ Außenseite gegenüber: Die Rollenspiele der Gesellschaft, mit Familie, Beruf, Kultur dessen was man eben tut, was man ist. In meine subjektive Existenz dringt diese Außenwelt durch den Blick der anderen, durch Manifestationen der Objektivität meiner Existenz, etwa im Röntgenbild meines Schädels -oder, abstrakter vielleicht, in Darstellungen meiner Gene.
An die Stelle der Freiheit zur Handlung tritt das Dasein als Objekt äußerer Umstände. Bieten sich hier ganz neue Möglichkeiten, der Verurteilung zur Freiheit bzw. dem subjektiven Leiden daran zu entkommen? Der Protagonist fragt an einer Stelle: „Lebe ich mein Leben, oder lebt es mich?“ Er fühlt sich als Produkt seiner DNA, deren verhängnisvoller Wirkung er ausgeliefert zu sein meint und die wir immer wieder als molekularen Bilderrausch wahrnehmen können.
Recherchen zum dunklen Gen
Der Film folgt Privatleben und Krankheitsverlauf auf diese Weise, zieht den Betrachter bis an die Grenze des Erträglichen hinein in eine Welt von Fremdheit und Verzweiflung. Dann gewinnt die Darstellung neuen Antrieb aus einer vom autobiographischen zum journalistischen übergehenden Aktivität des Protagonisten. Schauder reist herum und interviewt Experten zu seinem Thema: Mediziner, Biologen, Genforscher -bei ihnen sucht er die Wurzeln seines Leidens zu ergründen und zeigt dabei auch philosophische Aufgeschlossenheit.
Weitere Interviews führt Schauder, schon weit abseits seiner ursprünglichen Suche, mit einer Musikerin, die DNA vertonte und einem Bildhauer, der sich von der Biochemie zu surrealen Skulpturen inspirieren ließ. Diese Exkurse schließen optisch und akustisch an die abstrakten Animationen der molekularen Welt der Gene an, aber können sie nicht wirklich in die Erzählung einbinden. Eher gewinnen die hypnotisch wirbelnden Strukturen an Substanz, wenn Frank Schauder von seinen inneren Bildern der Depression erzählt, wie er seine kranken Gene bei ihrer Arbeit ahnt, wie er zu spüren meint, dass falsche Neurotransmitter sein Gehirn verwirren und zersetzen. Hier führen uns unheimliche Bildsequenzen direkter in die wahnhafte Erfahrungswelt der Depression als Interviews mit Künstlern es vermögen. Wir sind vielleicht nahe dran an halluzinatorischen Manifestationen von wahnhaften Vorstellungen, die einen depressiven Menschen quälen können. Nahe dran, am Erleben der Idee, hilflos in den Fängen eines dunklen Gens, einer verhängnisvollen DNA, zappeln zu müssen.
Wahnideen von Schuld und Verhängnis
Düstere Wahnideen von Schuld und Verhängnis begleiten viele schwere Depressionen, sie können sich zu Fehlwahrnehmungen und sogar Halluzinationen verdichten und den Erkrankten zu Selbstverletzungen, Suizid und in äußerst seltenen Fällen in den erweiterten Suizid treiben. Der Fall des Lufthansapiloten, der 150 Menschen mit in den Tod riss und aktuell der Depression viel Aufmerksamkeit verschaffte, ist jedoch eine schwer erklärbare Anomalie. Erweiterte Suizide betreffen in der Regel nahe Angehörige, die der Patient nach seiner Selbsttötung nicht alleine zurücklassen möchte -aus einem wahnhaft übersteigerten Schuldgefühl heraus.
Die erste wahnhafte Fehlwahrnehmung des Depressiven betrifft seine eigene Existenz, die er plötzlich als ausweglos gescheitert erlebt.Und dies auch dann, wenn seine Existenz eigentlich völlig normal verläuft oder sich -wie im Fall von Frank Schauder- sogar durch ein überdurchschnittlich gut gelungenes Leben auszeichnet. Jedes reale Scheitern erhöht natürlich das Risiko der Auslösung einer Depression und vertieft sie. Man kann dies an steigenden Suizidraten bei Anwendung zynischer Austeritätspolitik wie etwa in Griechenland sehen.
Am Ende versucht der Film immerhin noch ansatzweise eine kritische Reflexion der Gentechnologie, wenn der Protagonist bei jener Genfirma Antworten sucht, die ihm erstaunlich billig seine DNA analysierte. Inzwischen vom Datensammel-Moloch Google aufgekauft, versprechen sich Firmenvertreter lukrative Auswertungsmöglichkeiten der DNA-Big-Data in der Zukunft. Bedenklich scheinen auch die am Ende noch besuchten New Yorker Bio-Hacker in ihrem Low-Budget-Genlabor, die fröhlich mit Bakterien und Viren experimentieren und Sicherheitsfragen mit Gelächter quittieren. Doch diese Teile des Films wirken wie Fremdkörper, scheinen eher schon zu einer ganz anderen Doku zu gehören.
Das Ende gibt Hoffnung, zeigt einen Frank Schauder, der sich mit seinen Ängsten, seinem Sohn und sogar mit der äußeren Objektivation seiner Existenz, der DNA, versöhnen konnte. Der Kranke, der seine Depression überwunden hat, zeigt seinem Sohn, wie man in einem Sektglas die DNA einer Erdbeere sichtbar machen kann: Er hat sein Leben als Handelnder zurück gewonnen. Ein wirklich sehr gelungenes und bewegendes Bild.
„Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein packender Polit-Thriller über die Jagd auf den Nazi-Massenmörder Eichmann. Er entlarvt Lebenslügen der Adenauer-Zeit und präsentiert dabei ein faszinierendes Porträt des mutigen Juristen Fritz Bauer und dessen Kampf gegen alte Nazi-Connections, die bis in seine eigene Staatsanwaltschaft hinein reichten.
1957 erhält der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968) einen brisanten Hinweis: Der Massenmörder Adolf Eichmann, der für Hitlers SS den Holocaust organisierte, versteckt sich in Buenos Aires. Jurist Bauer ist Jude, steht politisch links (beides eine Seltenheit in der westdeutschen Justiz) und versucht seit seiner Rückkehr aus dem Exil Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Bis dahin erfolglos, denn deutsche Justiz und Behörden zeigen wenig Neigung, die NS-Verbrechen zu verarbeiten.
BKA, Interpol und eigene Staatsanwälte lassen Bauer ins Leere laufen, Rassismus, Homophobie und Antikommunismus prägen wie in den USA der McCarthy-Ära das politische Leben. Bauer erhält anonyme Schmäh- und Drohbriefe, ihm wird vorgeworfen, ein „rachsüchtiger Jude“ oder linker Nestbeschmutzer zu sein, der lieber „nach drüben“ (in die DDR) gehen sollte.
Da er deutschen Behörden aus gutem Grund misstraut, seine eigene Staatsanwaltschaft als „Feindesland“ betrachtete, nimmt Fritz Bauer im Fall Eichmann Kontakt zum israelischen Geheimdienst Mossad auf und begeht damit aus damaliger Sicht „Landesverrat“. Alte braune Seilschaften lassen Bauer derweil bespitzeln, versuchen seine Autorität zu untergraben und seine Leute zu erpressen. Doch auch beim Mossad muss Bauer Widerstände überwinden.
Der Film (Buch Lars Kraume und Olivier Guez) schildert die Jagd auf den Nazi-Schreibtischtäter Adolf Eichmann ab Ende der muffigen 50er Jahre. Tragende Rollen sind mit öffentlich-rechtlicher Krimi-Elite besetzt – kein Wunder, drehte Kraume doch unter anderem zahlreiche Folgen von „Tatort“. Burghart Klaußner („Elser“) verkörpert eindrucksvoll den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer; der für Bauer ermittelnde Staatsanwalt Karl Angermann (eine historisch fiktive Figur) wird ebenfalls mit Bravour von Ronald Zehrfeld mit Leben erfüllt; Tatort-Kommissar Jörg Schüttauf gibt souverän den BKA-Nazi, der mit Bauers Oberstaatsanwalt (Sebastian Blomberg) die Jagd auf Eichmann hartnäckig zu sabotieren sucht. Fritz Bauer ist sich dessen wohlbewusst und „unterstellt“ es nicht nur, wie die Süddeutsche in ihrer Filmkritik die Handlung verstanden haben will.
Doch Bauer fällt nicht auf ihm untergejubelte falsche Fährten herein und informiert nur seinen Vorgesetzten, den SPD-Justizminister Zinn (Götz Schubert) über die Argentinien-Spur. Nur durch den innerhalb der SPD weit links stehenden Zinn konnte ein Mann wie Fritz Bauer überhaupt erstmals in ein hohes Amt der westdeutschen Justiz berufen werden.
Lars Kraume: Stachel im Sitzfleisch der Filmkultur
Grimme-Preisträger Lars Kraume inszenierte mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“ eine packende Mischung aus Politthriller, Biopic und Zeitbild der Adenauer-BRD, die im August den Publikumspreis beim Filmfestival in Locarno erhielt. Wie in seiner politisch durchdachten Dystopie „Die kommenden Tage“, die trotz Grimme-Preis von der Filmkritik verrissen wurde, erweist sich Kraume auch hier wieder als Stachel im Sitzfleisch der bequemen deutschen Filmkultur.
Anders als „Im Labyrinth des Schweigens“, der Wohlfühl-Version der Auschwitz-Story, die historisch kurz nach „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angesiedelt ist, spricht Kraume auch heute noch heikle Punkte an, etwa Adenauers Kanzleramtschef Globke: Der bereitete erst für die Nazis den Holocaust juristisch vor und organisierte dann für die CDU die stramm anti-kommunistische BRD-Verwaltung.
Wie sich katholisch-konservative Muffigkeit des Adenauer-Regimes mit kriminellen Altnazi-Machenschaften verbanden, zeigt der Film am Umgang mit der damals noch laut dem von den Nazis ins BRD-Strafgesetz übernommenen Paragrafen 175 verbotenen Homosexualität. Regisseur Kraume weicht dem heiklen Thema der unbestätigten Neigung Fritz Bauers nicht aus, sondern macht es zum Thema, wenn der schmierige BKA-Kommissar Gebhard einen Mitarbeiter Bauers mit dessen Besuchen im Transvestitenmilieu dazu erpressen will, die Eichmann-Ermittlungen zu sabotieren.
Dass Fritz Bauer im dänischen Exil von der Polizei mit männlichen Prostituierten erwischt wurde, ist belegt. Darüber, wie er später als hessischer Generalstaatsanwalt mit seiner Sexualität umgegangen ist, kann man nur spekulieren. Wir haben das im Film so behutsam wie möglich dargestellt.Lars Kraume
Thema Globke nicht ausgeschöpft
Lars Kraume geht in seiner Kritik viel weiter als andere Filme zuvor, aber der Film macht einen wirklich großen Skandal nicht weiter deutlich: Adenauers Westdeutschland wurde von einem Mann mit regiert, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet. Wäre „Der Staat gegen Fritz Bauer“ Popkornkino, fänden die Drehbuchautoren Kraume und Guez hier genug Stoff für einen zweiten Teil.
Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert.
Globke hatte allen deutschen Juden ein „J“ in die Ausweise stempeln und sie dabei von den Meldeämtern identifizieren und erfassen lassen. Mit modernster Datentechnik, welche der US-Konzern IBM den Nazis dafür lieferte, wurde auf dieser administrativen Grundlage die Logistik des Holocaust bewältigt. Millionen Menschen wurden mit „Big Data“ auf Lochkarten in den Tod geschickt.
Eichmann wurde in Jerusalem hingerichtet, aber Globke durfte seine Karriere fortsetzen, bestimmte die Leitlinien westdeutscher Politik und bekam noch einen Orden dafür. Diese Fakten, die westdeutsche Historiker nur undeutlich in ihre Bärte nuscheln, fehlen in Schulbüchern und sind weithin unbekannt, besonders bei den immer noch zahlreichen Fans von CDU-Kanzler Adenauer und seiner Partei.
Im letzten Jahr empörte sich der Film „Das Labyrinth des Schweigens“ über das Verschweigen der Verbrechen Eichmanns in den 50er-Jahren, setzte aber das Verschweigen der Verbrechen Globkes selber fort. Das Verschweigen hatte damals und hat bis heute ideologische Gründe. Wenn man den „DDR-Unrechtsstaat“ glaubhaft verdammen will, kann man Zweifel am viel gepriesenen BRD-Rechtsstaat nicht gebrauchen.
Doch der DDR-Unrechtsstaat hatte Globke 1963 den Prozess gemacht und ihn in Abwesenheit zu Lebenslänglich verurteilt, wenn auch mittels tölpelhaft gefälschter Beweise. Weder die westdeutsche Justiz noch die Medien wagten es, den Vorwürfen gegen den zweitmächtigsten Mann in Bonn nachzugehen, abgesehen von der Doku „Der Mann hinter Adenauer“, die selten spät abends gesendet wurde.
Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Nachdem in den 1950ern die westdeutsche Justiz sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigte, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten, sollten in Fritz Bauers „Großem Auschwitz-Prozess“ letztlich nur 20 Massenmörder verurteilt werden.
Globke, Eichmann und Allen Dulles
Sogar auf Wikipedia kann man noch weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden, die in den westdeutschen Schulbüchern bis heute fehlen: Nazi-Massenmörder Eichmann, als Häftling in Jerusalem von der Presse umlagert, hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke beim Namen nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen.
CIA-Boss Allen Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde. Dulles hatte viele Nazi-Verbrecher als Experten für Folter, Chemiewaffen oder Gehirnwäsche vor Strafverfolgung geschützt und in die USA abgeworben und den westdeutschen BND zunächst als „Organisation Gehlen“ mit Hilfe des gleichnamigen Nazi-Geheimdienstchefs aufgebaut.
Dabei bediente sich Dulles der Hilfe von Globke. Der Kinobesucher erfuhr davon etwa im Film „Labyrinth des Schweigens“ nichts, nur Gemunkel über hohe Tiere, die schützende Hände über alte Nazis halten -obwohl man längst Ross und Reiter hätte nennen können.
Dies passt in eine Holocaust-Gedenkkultur, die sich von ihrer eigenen Vergangenheitsbewältigung geradezu besoffen zeigt, die mit zahllosen Mahnmalen und Feiern sechs Millionen ermordete Juden beweint, aber lieber nicht genau wissen will, wer die Mörder waren. Jedenfalls nicht, sofern sie später eine westdeutsche Karriere machten und als Kalte Krieger reaktionäre Politik in der BRD ungebrochen fortsetzten. Statt sich auch diesem Teil der eigenen Geschichte zu stellen, verweist man lieber gebetsmühlenartig auf die Ähnlichkeit der totalitären Systeme von Faschismus und Kommunismus, um die DDR als wahre Fortsetzung des Nazi-Regimes hinzustellen.
Weite Teile der (west-) deutschen Kultur und Medien neigen daher bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmete das Bertelsmann-Universal-Lexikon „Auschwitz“ ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, „Adenauer“ glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Der bedeutende, aber dem Regime peinliche Mann wurde wegretuschiert wie einst Trotzki auf Fotos im Stalinismus.
Sieben skurrile Episoden zwischen Auslandsreport und cineastischem Augenschmaus stellen westliche Dekadenz dem Optimismus Asiens und Lateinamerikas gegenüber. Einfache Menschen reden von ihrer Not und ihren Träumen in der heutigen Globalisierung, samt Dreck, Ausbeutung und Konsumrausch.
Vor 30 Jahren lieferte der experimentelle Dokumentarfilm KOYAANISQATSI (USA 1983) der entstehenden Öko-Bewegung ihren Alptraum im Kino: Berauschende Naturbilder, in die wie ein Bulldozer die Technik einbricht, die Menschen nur noch ein Bienenschwarm in der Shopping Mall. Der Film kam mit einem einzigen Wort aus: „ Koyaanisqatsi“, was in einer Sprache der Native Americans soviel heißt wie „Leben im Ungleichgewicht“. I WANT TO SEE THE MANAGER (D/I 2015) braucht eine Menge mehr Worte, verfolgt aber ein ähnliches Ziel: Er versucht das Unbehagen der heutigen Westeuropäer in ihrer Kultur auf den cineastischen Punkt zu bringen.
Das ist schwieriger, denn während sich Atomgegner und Naturschützer der 1980er-Jahre mit der romantisierten „Weisheit der Indianer“ identifizieren konnten, fehlt heutiger Globalisierungskritik solch ein Mythos. Regisseur Hannes Lang spürt unserem Unbehagen mit globaler Ausbeutung nach, mit Konsumzwang, Naturzerstörung und deren Export in alle Welt, aber auch Ängsten vor Abstieg, Verfall und Tod in einer künftig von anderen Ländern dominierten Welt. Er greift dabei zu ästhetisierenden Bildern von Slums, Rohstoffabbau, zersiedelten Stadtlandschaften, und kombiniert sie mit sozialkritischer Reportage und skurrilem Vortrag in globaler Ökonomie.
„Angesichts der fortschreitenden Umstrukturierung innerhalb des globalen Machtgefälles spürt I WANT TO SEE THE MANAGER dem fragilen Bündnis zwischen wirtschaftlichem Ab- und Aufstieg nach. In sieben Episoden, die in Indien, Bolivien, China, USA, Italien, Thailand und Venezuela angesiedelt sind, enthält jeder Ort Fragmente eines anderen und zeugt jede Episode von den Hoffnungen und Bedürfnissen ihrer Protagonisten. In der Gegenüberstellung der lokalen Erfahrung der Menschen mit der Wirklichkeit einer globalen Weltwirtschaft hinterfragt I WANT TO SEE THE MANAGER unser Verständnis von Aufschwung und Zerfall.“ Quelle: Presseinformation
Den Anfang macht Bombay, ein vermüllter Hinterhof in den Slums, eine zerfallende Mauer, der die Kamera langsam folgt, bis auf ihr ein schmutziger Schuh ins Bild kommt. Dann ganz langsam ein Zweiter, man erkennt Hosenbeine, die Kamera gleitet an ihnen aufwärts. Ein Vortrag setzt ein, Englisch mit indischem Akzent. Jemand erklärt die globale Ökonomie, in der China und Indien bald schon mit Wachstumsraten über sieben Prozent die alten Westmächte mit ihren knapp zwei Prozent überholen werden. Es redet der Torso eines indischen Managers, erst zum Schluss kommt der sprechende Kopf ins Bild, hinter ihm ragen über die erbärmlichen Slum-Behausungen glänzende Bauten empor, das neue Indien.
Die Schnitte zwischen den Episoden sind manchmal hart, manchmal unmerklich. Übergangslos fallen wir aus Indien in eine Ödnis: Bolivien, ein riesiger Salzsee. Arbeiter tauchen auf wie Ameisen, entrollen gewaltige schwarze Folien. Einer erklärt, dass Lithium die große Hoffnung auf Wohlstand sei. Arbeiter sitzen nach Feierabend in einem Kuppelzelt vor dem Fernseher, trinken Bier. Kinder wandern bei Sonnenaufgang zu einem Haufen grober Felsblöcke, der sich als Stall entpuppt, holen Schafe heraus. Eine Indiofrau wäscht in einem Graben, erzählt von der Mühsal ihres Lebens und ihrem Vertrauen in Gott. China. Eine Lotterie um die staatliche Erlaubnis, ein Auto kaufen zu dürfen. Ein Manager erklärt, bei ungebremsten Wachstum der Autodichte würde sich bald der Verkehr stauen. Man sieht Automassen parken, fahren, in Verkaufshallen. Eine Verkäuferschulung. Ein Paar erzählt, wie komfortabel sie heute in einem Hochhaus wohnen und das bald alles noch viel besser sein wird.
USA. Ein düsteres Gewirr von Autobahnbrücken, ein muffiges Gebäude mit merkwürdigen Tanks. Ein Angestellter erklärt, wie hier Leichen in Kühltanks konserviert werden, zum Wiederauferstehen in besseren Zeiten und das Transhumanismus sicher von Gott erlaubt sei, sonst hätte er uns die ganze Technik doch nicht entwickeln lassen. Italien. Der Vesuv, Ruinen von Pompeji, Touristenmassen wälzen sich vorbei. Ein Mann im Kettenhemd mit golden glänzendem Römerhelm, preist sich erfolglos an: „Make a Foto with a Gladiator“, alle gehen vorbei, schließlich beißt doch ein Paar an, gibt aber nur einen Euro. Thailand. Thaifrauen pflegen greise westliche Rentner, eine erzählt weinend von ihren Ängsten, was aus ihr wird, wenn er stirbt. Caracas. Ein gigantischer Rohbau hat sich in einen senkrechten Slum verwandelt. Bewohner erzählen, wie sie den Bau in Besitz nahmen, versuchten sich Strom und Wasser zu organisieren, wie sie rätseln, was für ein Gebäude dies wohl einmal hätte werden sollen.
Analyse ist nicht die Stärke dieses Films. Der Titel geht auf den Witz von William S.Burroughs zurück, wenn ein Außerirdischer landen und sehen würde, wie es auf der Erde zugeht, würde er wohl sagen: „Ich will sofort den Geschäftsführer sprechen!“ Doch die Beschwerdeabteilung der Menschheitsgeschichte nimmt keine Reklamationen mehr an und unsere Existenz ist vom Umtausch ausgeschlossen. So bleibt den einen nur die Hoffnung auf Wachstum, andere kämpfen mit den Problemen steigenden Wohlstands. Dekadente Transhumanisten sehen sich schon als unsterbliche Halbgötter, lassen ihre Leichen kopfunter in Kryotanks hängen, während Europa sich müht, aus dem Ruhm vergangener Zeiten noch ein paar Euros zu wringen und seine Alten nach Thailand abschiebt.
„Seitdem die Menschheit das Konzept des Eigentums kennt, ist sie gespalten in jene, die haben, und jene, die nicht haben. Über lange Zeit hinweg manifestierte sich dieses Prinzip in der Unterscheidung zwischen ‚Industriestaaten‘ und ‚Entwicklungsländern‘ und nie hätte man geglaubt, dass dieses vermeintliche Gleichgewicht auszuhebeln wäre. Nun jedoch ist die Ordnung ins Wanken geraten… Gerade noch hatten wir Vollbeschäftigung, Wachstum und Wirtschaftswunder – Jetzt stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Wie konnte das passieren? …Wir brauchen keine Geschichtsbücher zu wälzen, denn wir können zur gleichen Zeit Entwicklungsstufen ein und desselben Systems an verschiedenen Orten dieser Welt beobachten.“ Quelle: Presseinformation
So erklären Autoren und Filmvertrieb ihre Motivation. Nicht sehr befriedigend, aber tiefer darf Kritik an der westlich dominierten Globalisierung wohl nicht dringen, wenn sie auf staatliche Filmförderung hoffen will. Hannes Lang schrieb das Buch zum Film zusammen mit Mareike Wegener, die in einem eigenen Dokumentarfilm zeigte, wie Kunst doch etwas mehr über die heutigen Machtstrukturen aussagen kann: Mark Lombardi zeigte in seinen Zeichnungen an Organigrammen der globalen Finanzwelt etwas deutlicher, wie die Sache mit dem „haben und nicht haben“ funktioniert.
I WANT TO SEE THE MANAGER zeigt wohl keine „Entwicklungsstufen“, sondern eher diffuse Abstiegsängste -und dass es vielleicht manchmal doch ganz gut wäre, ein paar Geschichtsbücher zu wälzen. Der Film steht am Ende vor seinen herausgegriffenen Facetten der Globalisierung wie die Bewohner des „Turm des David“ in Caracas vor ihrem Rohbau: Sie wissen nicht woher er kommt, er ihn baute und warum. Aber sie haben sich irgendwie in ihm eingerichtet.
Aus der modernen Welt der hippen IT-Angestellten entführt uns Alex Garland (Buch und Regie) in einen stylischen Bunker, wo sich ein klaustrophobisches Dreiecksdrama mit Nerd und Cybergirl entfaltet. Der ästhetisch anspruchsvolle, subtile KI-Horror lädt zum Nachdenken ein. Doch die Reflexionen über KI bleiben letztlich eine Eulenspiegelei auf Weizenbaums frühe Kritik an der „künstlichen Intelligenzia“, weit entfernt etwa von Stanislaw Lem und seiner Futurologie der „Künstlichen Nichtintelligenz“.
Der junge Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) gewinnt einen Mitarbeiter-Wettbewerb in seiner hippen IT-Firma. Ein Hubschrauber bringt den Nerd in das einsam hoch im Norden gelegene Anwesen seines Chefs, des Computergenies Nathan (Oscar Isaac). Nathan stemmt Gewichte, besäuft sich abends mit edlen Tropfen und gibt den dominierenden Macho. Man glaubt ihm kaum den brillanten Suchmaschinen-Erfinder, der auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz forscht. Leider erfahren wir nur sehr wenig über seine gigantische Such- bzw. Überwachungsmaschine (Google lässt grüßen), im Film „BlueBook“ genannt –wohl eine Anspielung auf die gleichnamige Ufo-Sichtungsdatei der US-Behörden, die der frühe Computernetz-Kritiker und späteren UFO-Buchautor Jacques Vallee einst mit programmierte. Caleb lernt bald die betörende Gyndroidin Ava (Alicia Vikander) kennen, die er einem weiterentwickelten Turing-Test unterziehen soll. Mit durch eine Trennscheibe gestellten Fragen soll Caleb herausfinden, ob das Cybergirl über echte Gefühle verfügt, doch schnell verwickelt ihn Ava in ein spannungsgeladenes Beziehungsdreieck mit Nathan.
Alex Garland erwies sich schon mit dem Drehbuch zu Alles, was wir geben mussten als Meister des subtilen Horrors, wo er das Thema der Klon-Sklaverei um einiges anspruchsvoller inszenierte als die Popkornkino-Variante Die Insel es vermochte. Sein neuer Film Ex Machina bietet mehr an cineastischem Augenschmaus, der den Intellekt jedoch weniger befriedigt. Die elegante Kameraführung schafft in der minimalistischen Innenkulisse zwar eine kühle Atmosphäre, in der sich die Gyndroidin Ava mit ihrem erotischen, teils transparenten Körper entfalten kann.
Die Technologie interessiert Garland sichtlich weniger als menschliche Probleme und die Psychologie der Thematik, und so hoppelt die Handlung über einige logische Löcher: Man fragt sich, wieso für den Turing-Test von Ava ein Hightech-Gel-Computer in ihrem schönen Gyndroiden-Kopf überhaupt nötig ist. Ihre KI hätte man problemlos extern platzieren können. Fragwürdig sind jedoch auch Avas so immerhin erst möglich gemachten Fluchtpläne –sie übersehen Avas offenbar anspruchsvolle Energieversorgung. Was die echte Reflektion über Probleme der KI angeht, erreicht Ex Machina kaum das Niveau der skandinavischen SF-Serie „Hubots“, wenn auch auf ästhetisch anspruchsvollere Weise.
Digitale Kontrolle oder Voodoo-KI?
Alex Garlands Film regt zum Nachdenken an, aber leider nur sehr wenig über die Gefahren der gigantischen Überwachungsmaschine Google (bzw. „BlueBook“). Die globale Überwachung wird zwar ansatzweise kritisch erwähnt, aber da sie letztlich zur technologischen Basis von Avas KI erklärt wird, letztlich sogar glorifiziert. Zumindest für alle begeisterten Befürworter der KI-Konstruktion könnte das globale Netz von Google (oder womöglich sogar auch das der NSA) damit eine mystifizierende Rechtfertigung erfahren.
Hier klingen ferne Motive des klassischen Modells einer Noosphäre an, die sich moderner bei Cyber-Optimisten wie Pierre Levy in der „kollektiven Intelligenz“ der Netze finden. Levy gibt sich der Hoffnung hin, dass „die globale Totalität der Menschheit dabei ist, zum erstenmal zu einer einzigen kollektiven Intelligenz zu verschmelzen…“ (Levy S.247). Das „global brain, so to speak –the noosphere“ prägten das Genre des Cyperpunk schon in William Gibsons „Neuromancer“, wo es als mystische Voodoo-KI „Wintermute“ den Deus Ex Machina gab, so Erik Davis in „TechGnosis“ (Davis S.352). Das romantische Schwelgen in Träumereien von einer sich am Ende geheimnisvoll aus unserem technologischen Treiben erhebenden göttlichen KI ist verständlich, lenkt jedoch von konkreteren Problemen ab: Den neuen digitalen Kontrollregimen (Barth 1997) und der wachsenden Macht zur Manipulation von Mensch und Gesellschaft durch globale Medienkonzerne (Barth 2006).
Eulenspiegelei auf Weizenbaum
Und so bleibt auch das Nachdenken über die Künstliche Intelligenz bei Garland auf einem eher bescheidenen Niveau. Sein Film Ex Machina erscheint als Antwort auf die frühe Kritik an der frühen KI-Euphorie, wie sie sich bei Joseph Weizenbaum im „Künstliche Intelligenz“-Kapitel seines bahnbrechenden Klassikers „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ findet. Bestenfalls könnte man Ex Machina als Eulenspiegelei auf Weizenbaum sehen:„Da sich das menschliche Denken beispielsweise mit ästhetischen Problemen in Verbindung mit Fühlen, Schmecken, Sehen und Hören beschäftigt hat, wird AI Maschinen bauen müssen, die fühlen, schmecken, sehen und hören können.“ Weizenbaum, S.188 (vgl.S.276f.)
Hier setzt Garlands sexy Gyndroidin Ava an und sorgt mit ihren Gefühle reizenden weiblichen Kurven für Geschmacksverirrung, dass den KI-Forschern Hören und Sehen vergeht: Ava erweist sich als Sex-Roboter mit voll funktionsfähiger Vagina. Der künstliche Vamp hat Tradition im SF-Genre, schon seit Fritz Langs Metropolis. Und selbst der androide Star-Trek-Pinocchio Mr.Data, der die KI-Thematik schon in der spröden Enterprise-Serie durcharbeiten durfte, bekannte sich einmal –quasi hinter vorgehaltener Hand- zu seinem einsatzbereiten Penis. Ex Machina stellt den Maschinen-Eros ins Zentrum, macht ihn zum Prüfstein im (vorgeblichen) Turing-Test. Aber kann die Thematik vom Robot und seinen Gefühlen heute wirklich noch zu Reflexionen über die Probleme der KI anregen?
Weizenbaums auf menschliche Körperlichkeit und Emotionen abzielende Argumentation richtete sich damals nur an die ersten Frühformen, quasi die Neandertaler der KI-Forschung, wie z.B. Newell & Simon. Die glaubten mit ihrem „General Problem Solver“ (GPS) schon den menschlichen Geist nachzubilden, obgleich der es nur bis zum mäßigen Schachspielen brachte. Sie waren sich immerhin noch bewusst, eine reduzierte Sicht des Menschen zu vertreten, den „homo cogitans“ (Newell & Simon S.113) –daher spricht man von kognitivistischer KI-Forschung, die aber später vom Konnektionismus mit seinen Neuronalen Netzen überflügelt wurde.
Die frühen KI-Euphoriker, die Weizenbaum als extreme „künstliche Intelligenzia“ bezeichnete (Weizenbaum S.282), wollten damals menschliches Schlussfolgern in Algorithmen nachbilden. Sie wollten allen Ernstes schon alsbald z.B. menschliche Richter durch Computer ersetzen, so bekannte ein hierzulande eher unbekannter KI-Extremist namens John McCarthy (Weizenbaum S.275). McCarthy glaubte, es sei nützlich, Computern menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, wenn dies dabei helfen würde, sie zu reparieren oder zu verbessern. Dies mag für Ingenieure gültig sein, wird aber problematisch, wenn es zu einer neuen „Ansicht über den menschlichen Geist“ verallgemeinert wird (McCarthy S.221).
Künstliche Nichtintelligenz
Der Rechtsinformatiker Wilhelm Steinmüller, der Informationssysteme auch als „Machtfabriken“ (S.530) sieht, urteilt in seinem Opus Magnum „Informationstechnologie und Gesellschaft“ weniger optimistisch:
„Bei echten KI-Systemen treten in gewissem Umfang an die Stelle determinierter Verfahren stochastische Verfahren. Sie entscheiden –wenn auch eingeschränkt- nach dem Zufall… Doch ist es weder mit der Ethik der Informatik noch mit unserer Rechtsordnung vereinbar, Zufall –wenn auch eingeschränkt- über physische oder soziale Existenz von Menschen oder Institutionen bestimmen zu lassen. Darum ist die wichtigste Anforderung des Informationsschutzes ihr Verbot, wo sie über Leben oder soziale Chancen befinden.“ Steinmüller, S.693
Diesen Rat hätten die Akteure in Garlands Film Ex Machina besser beherzigen sollen –oder sich fragen, warum Alan Turing seinem epochemachenden Aufsatz „Kann eine Maschine denken?“ (1950) ein Zitat von Shakespeare voranstellte: „Der Spaß ist, wenn mit seinem eignen Pulver der Feuerwerker auffliegt…“, Hamlet. So geht der gyndroide Sexroboter Ava seinen von Frankenstein bis Blade Runner vorhersehbaren Weg, ohne uns allzu viel Anregung zu ernsthaftem Nachdenken über aktuelle KI-Forschung geliefert zu haben. Die naiven Antworten auf die Kritik an quasi prähistorischen KI-Systemen greifen wenig, die rudimentären Verweise auf Noosphäre und kollektive Intelligenz im Netz hätten weiter verfolgt werden können.
Stanislaw Lem sprach in seinem Buch „Die Technologiefalle“ von „Künstlicher Nichtintelligenz“ (S.141), die womöglich bei gezielter Informationszüchtung entstehen könne, kaum aber einfach so im Internet. Der späte KI-Extremist Marvin Minksy schien mit seiner „Mentopolis“ zwar eine Brücke vom globalen Netz der „Telepolis“ zu solcher Datenzüchtung schlagen zu wollen. Doch dies blieb rudimentär und Minsky verstrickte sich eher in ähnliche Fragen wie Garland, ob und wie einer KI nicht erst Gefühl einprogrammiert werden müsse (Minsky S.163). Von der Schaffung einer echten KI, die den menschlichen Geist auch nur annähernd nachbilden oder zu ihm ähnlichen Ergebnissen kommen könnte, bleiben solche Ansätze noch weit entfernt.
„Die Entwicklung der KI muß mit der Entwicklung des biologischen Zentralnervensystems nicht äquifinal sein. Die Möglichkeiten sind so weit wie der Ozean, und wir haben weder einen ordentlichen Kompaß noch eine Karte.“ Stanislaw Lem, S.261 (zuerst auf filmverliebt)
Es ist ein deutscher Dokumentarfilm von Mareike Wegener (Realfictionfilm) über Leben und Werk des unter mysteriösen Umständen verstorbenen Künstlers Mark Lombardi, der dubiose Transaktionen der Finanzindustrie zu Bildern verarbeitete: Kunst als konkrete Netzphilosophie, die Machtnetzwerke sichtbar macht.
Lombardis „Narrative Structures“ sind elegante Organi- und Soziogramme, Bleistift auf beigem Papier: Eine künstlerisch bemerkenswerte Serie von Zeichnungen, Diagramme mit visuellen Darstellungen, die Machtbeziehungen der globalen Wirtschaft und Politik darstellen. Jetzt läuft in deutschen Kinos der Film „Mark Lombardi: Kunst und Konspiration“ über Leben und Werk des Künstlers, der sich, laut offizieller Darstellung, am 22.März 2000 das Leben nahm.
In ihrer betont unaufgeregten Dokumentation porträtiert Wegner posthum einen bemerkenswerten Künstler, der fast investigativ-journalistische „Elitenforschung betrieb. Im Internet ein Phänomen, ist Lombardi in Deutschland über die engere Kunstszene hinaus noch weitgehend unbekannt. Wegener recherchierte und drehte für diesen Film monatelang in den USA. Visuell arbeitet sie mit Bildern, die man aus journalistischen Enthüllungsfilmen kennt, mit Aufnahmen imposanter Gebäudefassaden, Experten- und Zeugen-Interviews, Kamerafahrten hinab ins Archiv Lombardis. Doch statt den sonst auf Betrachter einprasselnden Fakten und atemlosen Reporterberichten begleitet die Aufnahmen oft Schweigen, die Gespräche und Kommentare sind ruhig, lassen Zeit zum Nachdenken. Ähnliche Eindrücke in einem vergleichbaren Kontext weckte bislang nur der Film von Gerhard Friedl: „Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?“ Die bemerkenswerte Kameraführung ist Sophie Maintigneux zu verdanken, die schon mit Godard filmte.
In 1994 I began a series of drawings I refer to as „narrative structures.“ Most were executed in graphite or pen and ink on paper. Some are quite large, measuring up to 5×12 feet. I call them „narrative structures“ because each consists of a network of lines and notations that are meant to convey a story, typically a recent event of interest to me, like the collapse of a large international bank, trading company, or investment house. One of my goals is to explore the interaction of political, social, and economic forces in contemporary affairs. Mark Lombardi, The Recent Drawings: An Overview
Originalzeichnung Mark Lombardi
Mark Lombardi begann 1995, zunächst wenig beachtet, in Houston seine Zeichnungen auszustellen. Erste größere Aufmerksamkeit weckte er im Rahmen einer Gruppenausstellung im Drawing Center, SoHo 1997. Er zog nach New York und hatte seine erste Einzelausstellung, “Silent Partners“, im Jahr 1999 in der Galerie Pierogi 2000, die heute noch seine Werke im Bestand führt, dann folgte “Vicious Circles“ in der Devon Golden Gallery in Chelsea. Es war ein kurzer, aber stetiger Anstieg der Aufmerksamkeit: Lombardis Arbeiten wurden inzwischen weltweit in zahlreichen Museen und Galerien ausgestellt.
Mark Lombardi: Der Künstler, der Elitenforschung betrieb
Dennoch ist Lombardi in Deutschland über die engere Kunstszene hinaus noch weitgehend unbekannt, wie der fast leere Kinosaal in Hamburg bezeugen konnte. Die meisten Besucher interessierten sich für die rein künstlerische Seite, begeisterten sich für die Kameraführung, Sophie Maintigneux zu verdanken, die schon mit Godard filmte. Interesse galt auch den Zeichnungen Lombardis, man bewundert die exakte Raumaufteilung, auch die akribische Ausführung der auf den ersten Blick wie florale Ornamente wirkenden, quadratmetergroßen Diagramme. Im Film wie im Netz sind die Bilder schwer darstellbar, es gibt zu viele Details, man verliert schnell den Überblick. Nur wenige Fragen bezogen sich auf die Inhalte hinter der Kunst, ein Besucher des Metropolis wies auf die Website They Rule hin, ein weiterer auf den deutschen Professor Hans-Jürgen Krysmanski (Wer die Fäden zieht), der sich soziologisch mit Power Structure Research befasst, jenem Gebiet, das am ehesten Lombardis Kunst in den Wissenschaften entspricht.
Elitenforschung, Power Structure Research, wird nicht nur von professionellen Sozialwissenschaftlern getrieben, sondern auch von Journalisten, watchdog groups, politischen Parteien, Aktivisten in sozialen Bewegungen, Gewerkschaftern, Nerds und sogar von Künstlern. Der amerikanische Maler Mark Lombardi (1951-2000) nahm seinerzeit politische und Finanz-Skandale zum Anlass, großformatige Diagramme der beteiligten Personen und Personengruppen anzufertigen, die einerseits auf dem Kunstmarkt reüssierten, andererseits aber schmutzige Deals und kriminelle Aktivitäten der oberen Zehntausend festhielten. Lombardi hatte sich eine private Datenbank mit über 12 000 Karteikarten angelegt. Seine Kunst überschritt ständig die Grenze zum investigativen Journalismus und zum Verschwörungsdenken, so dass sich vor seinem mysterösen Tod – er wurde erhängt in seinem Atelier aufgefunden – auch das FBI für seine Diagramme zu interessieren begann. Für mich ist Lombardi ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Power Structure Research auch Graswurzelforschung sein kann.
Wer war der Mensch hinter den seltsamen Zeichnungen? An Spekulationen über den offiziell als Selbstmord deklarierten Tod Lombardis beteiligt sich Mareike Wegener bewusst nicht. Nur wenige von ihr Interviewte deuten ihr Unverständnis an, allein den Eltern wird mehr Raum gegeben, Zweifel an der Suizidtheorie der Polizei zu äußern. Die Dokumentation bleibt auch hier sachlich und nüchtern, verzichtet auf jede reißerische Darstellung. Intensive Einstellungen fangen dennoch Resignation und Trauer ein. Auch weitere Verwandte und Freunde werden im Film zurückhaltend befragt, erzählen von abgehörten Telefonaten, späteren Interventionen des Heimatschutzministeriums und einer FBI-Beamtin, die nach den 9/11-Anschlägen eine Zeichnung beschlagnahmen ließ. Letztlich teilt der Betrachter des Films die Ratlosigkeit der Interviewten.
Kann Lombardis Biographie Antworten geben? Sie wurde bereits in der Vergangenheit Ziel von Spekulationen. Nach seinem Tod im Jahr 2000 brachte die New York Times ein kurzes Porträt über „den Künstler, der sich von Skandalen inspirieren ließ“. Mark Lombardi wurde 1951 in Syrakus geboren, wo er studierte und eine Bachelor-Prüfung in Kunstgeschichte an der Syracuse University ablegte. Nach seinem College-Abschluss zog er nach Houston, wo er kurz die Stelle des stellvertretenden Kurators am Museum of Contemporary Art bekleidete. Dann betrieb Lombardi eine kleine Galerie, um sich nebenher der abstrakten Malerei zu widmen. Er begann mit seinen Zeichnungen 1993, inspiriert durch ein beim Telefonieren gekritzeltes Diagramm, ein befreundeter Banker hatte ihm über den Skandal der US-Sparkassenkrise berichtet.
Damals war es in Folge der ersten Deregulierungswelle im Finanzsektor durch Ronald Reagan zu Spekulationsblasen und betrügerischen Bankrotten gekommen: Ein kleiner Vorgeschmack auf die Dot-Com-Blase 2000 und die große Bankenkrise 2008, die uns heute als Staatsschuldenkrise weiter verfolgt. Soweit die NYT. In Wikipedia liest man eine andere Version: Es ging in dem Telefonat um den Iran-Contra-Skandal, genauer: um den Waffenhändler Adnan Khashoggi, dessen Beziehungen Lombardi in einem einfachen Baumdiagramm dargestellt habe. Beide Bezüge weisen auf das besondere Interesse Lombardis an mafiösen Strukturen der Finanzwelt hin.
In einem der wenigen von ihm überlieferten Texte: The ‚Offshore‘ Phenomenon: Dirty Banking in a Brave New World geht er den Schwarzgeldströmen nach, die Steuerhinterziehung, Drogen- und Waffenhandel sowie die Geheimdienste einbeziehen, fordert ein Verbot der Schattenökonomie, wie später die Globalisierungskritiker von Attac. Sein Text liest sich wie die sorgsam rekonstruierte Vorgeschichte der aktuellen Finanzkrise.
Lombardi: The „Offshore“ Phenomenon
Doch Lombardi war kein Aktivist, er verwandelte seine Erkenntnisse in Kunst, damit entkam er einer Subsummierung unter die Rubrik „Verschwörungstheorie“. Zweifellos kann man seine Werke einfach als Kunst genießen. Die Kunstkritikerin Frances Richard meint, dass Lombardi mit seinem Begriff „Narrative Strukturen“ stillschweigend zugab, seine kartographierte Konversation sei eine konstruierte Fantasie, eine abenteuerliche und vorsätzliche Verwechslung von quantitativer und qualitativer Analyse. Karten gehören für sie in den Bereich von Zahlen und Körperlichkeit (oder scheinen dorthin zu gehören), während das Gespräch ein durch und durch subjektiver, immaterieller Prozess ist.
Dennoch mutet es geradezu hellseherisch an, wie Lombardi die Themen vorauszusehen schien, die uns seitdem beschäftigen. Wie kam er zu seinen Ideen, wie zu den Informationen? Lombardi las täglich mehrere Zeitungen, viele Bücher und zog seine Information ausschließlich aus öffentlichen Quellen. Er erstellte ein Archiv mit über 12.000 Karteikarten voll Information über Verbindungen von Macht, Geld und Personen, mit nachvollziehbarer Quellendokumentation. In einem künstlerisch kreativen Akt schuf er dann ein Organigramm zu einer Thematik, die ästhetische Gestaltung mit präziser Tatsachendarstellung verband. Bislang wurden, soweit bekannt, die Archivdaten noch nicht weiter ausgewertet – soziologische Forscher zeigten ebenso Interesse wie das FBI.
Kassel stellte auch das Opus Magnum Lombardis aus: „BCCI-ICIC & FAB, 1972-91“, jenes Bild, das nach 9/11 2001 vom FBI konfisziert wurde. Wegener beschreibt in ihrem Film, wie dieses Bild im Jahr 2000 vor einer wichtigen Ausstellung New Yorker Museum PS 1 zerstört wurde – ein Defekt in der Sprinkleranlage des Ateliers. Lombardi arbeitete bis zur Erschöpfung an einer Restaurierung, aber schon drei Wochen später fand man ihn erhängt in seiner Wohnung. Ein Suizid scheint unverständlich, so kurz nach einem großen öffentlichen Durchbruch seiner Kunst. Das 3sat-Magazin Kulturzeit sagt über das Bild:
Die Bank of Credit and Commerce, kurz BCCI, stand in den 1980er Jahren im Zentrum eines riesigen Bankenskandals. BCCI war keine normale Bank, ihre Manager waren Geheimdienstleute. Ihr einziger Zweck: Gelder waschen, korrupte Politiker schmieren, Waffengelder schleusen.
Lombardi las Bücher über Korruption, politische Verbrechen und Geldwäsche, verfolgte die dubiosen Transaktionen der Finanzindustrie – zweifellos ungewöhnlich für einen Künstler. Ob seine Zeichnungen uns je als Tapetenmuster begegnen werden, wie Motive van Goghs? Ihre Ästhetik würde dies rechtfertigen, ihr zeitkritischer Inhalt ebenso und vermutlich wäre es auch im Sinne ihres Schöpfers. Der Kunsthistoriker Robert Hobbs glaubt in Wegeners Film, die Motivation Lombardis zu kennen: Er wollte die Menschen anstiften, die Welt zu verändern.