06/6/14

Big Data & Biopolitik

Müssen wir mit allem rechnen? Dataismus #3 Krankheiten, Gene und ewiges Leben

Große Daten – bitte was? Der Begriff „Big Data“ geistert seit Monaten durch Artikel, TV-Sendungen  und Radiobeiträge. Die weitaus meisten von uns haben dennoch, zumindest laut mancher Studie, keinen blassen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Mit einer Artikelreihe wollen wir deshalb ein paar Scheinwerfer in den Datenanalyse-Wald richten.

Rebecca Ciesielski, 03. April 2014, aus: Netzpolitik

Große Daten – bitte was? Der Begriff „Big Data“ geistert seit Monaten durch Artikel, TV-Sendungen  und Radiobeiträge. Die weitaus meisten von uns haben dennoch, zumindest laut mancher Studie, keinen blassen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Mit einer Artikelreihe wollen wir deshalb ein paar Scheinwerfer in den Datenanalyse-Wald richten. Denn die enthüllte Überwachungs‑, ist eigentlich eine „Berechnungsgesellschaft“. Darin sind die Geheimdienste nur einige Akteure unter vielen. 

Die Vorgeschichte steht hier und hier.

Wo verbrachten Sergey Brin, Mark Zuckerberg, Lana del Ray und David Petraeus eigentlich den Abend des 12. Dezember 2013? Dass sich zwei der wichtigsten Internetlenker, ein Ex-CIA-Chef und eine Hollywood-Sängerin zu einem gemeinsamen Dinner treffen, wäre wohl für sich stehend schon eine erzählenswerte Anekdote. Besonders wenn – wie an diesem Abend – noch der Schauspieler Kevin Spacey und der Medien-Großherrscher Rupert Murdoch dazukommen. Aber natürlich trafen sich die tech elite, military, and Hollywood starsnicht ohne Anlass.

Im Gegenteil – Brin, Zuckerberg und die anderen versammelten sich knapp zwei Wochen vor Weihnachten in den prunkvollen Hallen des NASA Ames Research Center um Wissen zu feiern. Ausnahmsweise nicht ihr eigenes, sondern bahnbrechende“ – aber von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommene – Entdeckungen von Genetikern, Neurobiologen und Biochemikern, wie Michael Hall, Mahlon DeLong und Alexander Varshavsky. Jeweils drei Millionen US-Dollar erhielten die Wissenschaftler für ihre Erkenntnisse über die sogenannte tiefe Hirnstimulation (mit Elektroden-Implantaten im Gehirn sollen Krankheiten wie Parkinson oder auch Depressionen abgeschwächt werden) oder über den Proteinstoffwechsel im Inneren von Körperzellen (ein Vorgang, der Alterungsprozesse beeinflussen soll). Sieben Preise – sechs im Bereich Life Science, einer für Physik – stifteten Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan, Sergey Brin und Ex-Partnerin Anne Wojcicki (die Gründerin von 23andme, ein US-Unternehmen, das billige und schnelle Gen-Tests anbietet), der chinesische Internetunternehmer Jack Ma und der russische Ex-Weltbanker und Investor Yuri Milner, mitsamt ihren Frauen Cathy Zhang und Julia Milner.

Der Breakthrough Prize in Life Science ist die weltweit höchstdotierte Auszeichnung im Bereich Wissenschaft –  Nobelpreisgewinner bekommen nur rund ein Drittel der Summe. An diesem Abend wechselten insgesamt 21 Millionen US-Dollar ihre Besitzer. Und so wenig nachvollziehbar es aussehen mag: Dass einige der momentan wichtigsten Personen des Silicon Valley horrende Summen in Humanbiologen stecken, geschieht absolut nicht zufällig.

Zuckerberg bezeichnete die Forscher als amazing heroes und their work in physics and genetics, cosmology, neurology and mathematics will change lives for generations. Die Biologie, die Medizin, Forschung an Medikamenten, die Entschlüsselung individueller DNA-Sequenzen – das alles ist zur information technology geworden, betonten die Stifter des Preises. Vor rund zehn Jahren entschlüsselten Wissenschaftler das erste menschliche Genom. Damit waren die Forscher damals 15 Jahre lang beschäftigt. Unser Bauplan ist darstellbar durch riesige Informationsabfolgen. Da die Rechenleistung, besonders der leistungsstärksten Computer, rapide zunimmt, lassen sich auch die Daten über die persönliche Veranlagung und Gesundheit immer schneller auswerten. Erst vor wenigen Tagen teilte der Chiphersteller Intel mit, dass es dem Unternehmen nun möglich sei, ein vollständiges Genom innerhalb eines Tages auszuwerten. Bis die US-Arzneimittelzulassungsbehörde FDA die Anwendung vor wenigen Monaten verbot, war die schnelle Datenauswertung das Erwerbsmodell von 23andme. Für knapp 100 US-Dollar konnten Kunden ihre Anlagen auf Alzheimer, Krebs und andere Krankheiten prüfen lassen. Die FDA hielt diese Analysen allerdings für wenig aussagekräftig. Denn bei medizinischen Fragen sind die Experten mittlerweile dazu übergegangen, unzählige und schwer zu fassende Abläufe im Körper, sowie die persönlichen Gewohnheiten und Lebensumstände einzubeziehen. Wie alt werde ich? Werde ich an Demenz, Krebs oder Bluthochdruck leiden? Aber auch: Warum altern wir? Welche Personengruppen mit welchen Gewohnheiten werden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu langjährigen und kostenintensiven Pflegefällen?

Alle diese Fragen schreien förmlich nach einer Auswertung mit Big Data-Technologien, die es ermöglichen große, verschiedenartige Datenmengen möglichst in real time auszulesen und daraus Muster und  Vorhersagen abzuleiten. Wer einen Hammer besitzt, sieht überall Nägel: Google und Facebook verfügen über Soft- und Hardware, mit der Fähigkeit, in Sekundenbruchteilen komplexe Nutzerprofile mit der passenden Werbung abzugleichen oder versuchen, die Qualität von Texten durch Analyse von Wort-Häufungen und Kontext zu ermitteln. Aber die Big Data können auch vielschichtige Mechanismen von Krankheiten oder Arzneimitteln identifizieren. Dafür benötigt die Technik aber ihren Rohstoff: Daten.

Stufe 1 – Big Data im Gesundheitssystem

Sollten Blutwerte mit Gen-Datenbanken verknüpft und Risikokennzahlen oder Rohdaten an Krankenkassen, Pharmaunternehmen, Universitäten oder auch die Polizei gesendet werden? Bei diesen Fragen ist Deutschland noch in der Aushandlungsphase. Seit Anfang des Jahres ist die elektronische Gesundheitskarte (eGK) in Deutschland eigentlich Pflicht. Heute befinden sich allerdings wesentlich weniger Daten auf den Chipkarten der Krankenkassen als ursprünglich geplant. Sogenannte Basisdaten wie Name, Geburtsdatum und Versicherungsstatus sind gespeichert. Der freie Speicherplatz für Zusatzdaten wie verordnete oder rezeptfrei in der Apotheke gekaufte Medikamente, Diagnosen, Laborbefunde und Röntgenbilder (elektronische Patientenakte) bleibt bislang leer.

Ein Zustand, den auch deutsche Krankenkassen bedauern und als vorübergehend einstufen. Denn die Versicherten sollen bei sensiblen Daten selbst bestimmen können, wer zugreifen darf, was gespeichert und was wieder gelöscht werden soll. Deshalb kann die eGK in ihrer jetzigen Form nicht ihre geplante Funktionsfähigkeit entfalten. Die Zugangsschranken verhindern (momentan), dass Daten vieler Patienten zusammengeführt, Muster darin erkannt oder Risikogruppen für Krankheiten bestimmt werden können. Aus Big Data-Perspektive ist die elektronische Gesundheitskarte ein absoluter Rohrkrepierer. Die Zugeständnisse und die verspätete Einführung der Karte (der ursprünglich geplante Start war Januar 2006) zeugen davon, wie umstritten das Projekt war und ist. Etwa Datenschützer aber auch Ärzte-Vertreter haben die zentrale Speicherung von Gesundheitsdaten über Jahre hinweg wiederholt abgelehnt.

Worüber heute nur noch wenig gesprochen wird: Gesundheits-Big-Data, also zentral gespeicherte und zusammengerechnete Arztbesuche, Blutwerte und Medikamentenkonsum aller Patienten waren und sind das eigentliche Ziel des ganzen Projekts.

Die Idee einer eGK entstand vor 13 Jahren, ausgelöst durch den sogenannten Lipobay-Skandal. Der Arzneimittelhersteller Bayer musste damals sein cholesterinsenkendes Medikament Cerivastatin (Handelsname: Lipobay) vom Markt nehmen, nachdem weltweit rund 50 Todesfälle auf die Substanz zurückgeführt werden konnten. Die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt wollte solche Unfälle durch mehr Wissen verhindern, durch die erstmalige Zusammenfassung aller Patientendaten auf den Karten der Patienten. Mit Big Data hatte das – rein technisch betrachtet – nichts zu tun. Google veröffentlichte MapReduce erst 2004, die auf dem Algorithmus basierende Hadoop-Infrastruktur für große Datenmengen entstand im Folgejahr. Beide Ideen gelten als die zündenden Big Data-Innovationen. Aber die Denkweise, zumindest jene von bestimmten Interessengruppen, war auch schon zur Zeit der ersten Ideen für einen Arzneimittelpass eine ähnliche. Nur mit einer engen elektronischen Vernetzung zwischen Krankenkassen, Ärzten und Apothekern ist es möglich, Fehlentwicklungen und Gefahren der Medikamenteneinnahme schnell aufzuspüren und zu verhindern, sagte der damalige AOK-Bundesvorsitzende Rolf Hoberg 2001 der Berliner Zeitung.

Über ein Jahrzehnt später benutzen die gleichen Interessengruppen dieselbe Rhetorik um die Ziele von damals voran zu bringen. „Vor zehn Jahren wurden die Krankenkassen gesetzlich verpflichtet, die Karte einzuführen – ein Mehrwert ist weder für die Versicherten noch für die Kassen vorhanden, sagte beispielsweise der Vorstandsvorsitzende des Vereins der Innungskrankenkassen (IKK) Hans Peter Wollseifer im Februar. Die Botschaft dahinter: 800 Millionen Euro Beitragsgeld haben die Kassen in die Karten investiert. Bekommen haben sie ein kleines Foto, ohne jeden finanziellen Nutzen.

Dabei könnten die Einsparungen so groß sein. Weil die deutsche Gesellschaft beständig altere und ältere Menschen, Zivilisationskrankheiten und sogar der technische Fortschritt mit seiner lebensverlängernden Wirkung höhere Behandlungskosten verursache, sei zu befürchten, dass „die Gesundheitsausgaben in Deutschland einen immer größeren Teil des Bruttosozialproduktes verschlingen werden“, steht in einem sogenannten Trendpapier der Unternehmensberatung Lünendonk. Das Positionspapier beschäftigt sich mit dem Mehrwert von Big Data für Krankenversicherungen. Diese gingen dazu über, immer mehr Informationen über ihre Kunden zu sammeln und die Daten für Echtzeit-Analysen, Betrugserkennung, Kundenbindung, Stornoprävention, Langfristprognosen und die Segmentierung von Risikogruppen einzusetzen. Wenn es den einzelnen Versicherten auch nicht besser stellt, so ist es doch ein Beitrag zu mehr Gerechtigkeit für die Gesellschaft. Natürlich befürwortet das Trendpapier sämtliche Datenschleudern wie die elektronische Patientenakte, ein einheitliches Krebsregister und personalisierte Medizin auf Basis von Genomdaten. Das Dokument ist aber in seinen Bewertungen keinesfalls neutral. Die Broschüre entstand in Zusammenarbeit mit SAS – eines der Unternehmen, das sich durch mehr Big Data im Gesundheitssystem mehr Einnahmen versprechen dürfte. Denn SAS gehört neben IBM, Oracle, SAP und Microsoft zu den fünf größten Softwareproduzenten in diesem Bereich.

In den USA könnte der konsequente Einsatz von Big Data im Gesundheitssystem zu Einsparungen von 300 Milliarden Dollar führen. Jährlich würde so ein gutes Zehntel der Gesamtkosten gespart, behaupten zumindest Analysten von McKinsey. Den Ist-Zustand der amerikanischen Patientenakte stellt der US-Think Tank Rand Corporation in einer Studie genau gegenteilig und aus wirtschaftlicher Sicht ziemlich düster dar: Die Daten seien zu schlecht verknüpft. Momentan explodierten die Kosten anstatt zu sinken.

Mit dem Wort düster lässt sich auch der Datenschutz in den USA ganz gut beschreiben. Und hier geht es nicht um die NSA. „Der umfassende Gebrauch von Health IT in der Gesundheitsindustrie wird die Qualität der Gesundheitsversorgung verbessern, Behandlungsfehlern vorbeugen, Kosten reduzieren“ – schreibt das US-Gesundheitsministerium auf der eigenen Internetseite. Bis 2015 müssen alle Ärzte und Krankenhäuser ihren Betrieb auf die elektronische Patientenakte (EHR, electronic health record) umstellen. Symptome, Diagnosen, Labortests, Medikamente – in den USA wird das alles legal an Forscher, Strafverfolger, den Staat (Serious Threat to Health or Safety, conducting Intelligence and national security activities, …), an Geschäftspartner von Ärzten und Krankenkassen oder auch an das National Instant Criminal Background Check System“ weitergegeben. Letzteres sortiert potentielle Käufer von Waffen nach deren psychologischer Vorgeschichte. Alle Daten werden miteinander verknüpft, Data Mining-Programme suchen nach Betrug, Arzneimittelwirkungen , Genvarianten. Das eMerge-Konsortium, ein durch das US-Gesundheitsministerium geschaffenes Netzwerk für Gen-Forscher, hat durch Daten-Analyse über 100 Genvarianten gefunden, die mit Hautkrebs in Verbindung stehen sollen.

Es mag an dieser Stelle kaum mehr verwundern, dass der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin die Speicher-Infrastruktur des amerikanischen Gesundheitssystems stellt. Big Data ist so universell einsetzbar, die Technik befähigt sogar Kampfflugzeug-Experten zur Gesundheits-Analyse. Jene Analyse-Technik, die Lockheed Martin entwickelt hat, um Flugkörper aufzuspüren, kann in abgewandelter Form auch eine Blutvergiftung vorhersagen.

Stufe 2 – Calico, Gene und politische Großprojekte

Rüstungskonzerne, die sich mit Gesundheitsanalyse beschäftigen – das passt zur grundlegenden These dieser Artikelreihe:  Überall wo Daten, wo maschinenlesbares Wissen anfällt, werden die Algorithmen und die Speichertechnik (das Know-how über Big Data) mehr und mehr zur Grundlage aller empirischen Erkenntnis. Das schafft Allianzen, von Wissenschaftlern, Politikern und Unternehmen, deren Analyse das Verstehen vieler Zusammenhänge möglich macht. Big Data erklärt, warum Sergey Brin teure Preise für Biologen stiftet.

Und auch, warum Arthur Levinson der Chairman jener Stiftung ist, die die Preise vergibt. Nur wenige dürften die Schnittstelle zwischen Humanbiologie und den Big Playern des Internets besser verkörpern als der Molekularbiologe. Als Google-Chef Larry Page im September vergangenen Jahres ein neues Langzeitprojekt des Konzerns – Google Calico – präsentierte, ernannte er Levinson zum Vorstandsvorsitzenden. Levinson war bis 2009 schon im Verwaltungsrat von Google.  Er legte diesen Posten nieder, nachdem die US-Kartellbehörde FTC Bedenken geäußert hatte, weil Levinson damals wie heute auch den Posten des Verwaltungsratschefs bei Apple besetzte. Viele Jahre war der frühere Wissenschaftler und heutige Manager außerdem der Vorstandsvorsitzende von Genentech – einer erfolgreichen Biotechnologie-Tochter des Schweizer Pharma-Konzerns Hoffmann-La Roche. Mittlerweile ist er der Verwaltungsratschef des Kalifornischen Unternehmens, das besonders für seine Krebspräparate bekannt ist.

Google gründet, übernimmt und verkündet eigentlich permanent irgendetwas. Calico schaffte es sogar auf die Titelseite des Time-Magazin. Obwohl über das Unternehmen wenig mehr bekannt ist als sein ambitionierte Ziel, das menschliche Leben zu verlängern und jener Einschränkung von Page, dass es wohl zehn oder 20 Jahre dauern würde, bis in dieser Hinsicht echte Ergebnisse zu erwarten seien.

Interessant ist, was hinter und neben Calico steht. Denn das Unternehmen teilt sich das Forschungsfeld Alter und Tod mit der Sens research Foundation, Genescient oder Human Longevity, einem Projekt von Craig Venter, jenem Biochemiker, dem die erste vollständige Entzifferung des menschlichen Genoms zugeschrieben wird. Über Human Longevity Inc. schrieb die New York Times kurz nach der Vorstellung des Unternehmens vor etwa einem Monat: The huge amount of DNA data will be combined with huge amounts of other data on the health and body composition of the people whose DNA is sequenced. Alles mit dem Ziel, die typischen und oftmals tödlichen Alterskrankheiten wie Krebs oder Kreislauf-Krankheiten zu begreifen. Die Vision von einem langen, vielleicht sogar ewigen Leben, ist zu einer datengetriebenen Wissenschaft geworden. Entsprechend oft sind es Informatiker oder Mathematiker, die die medizinische Forschung voranbringen. 20th Century biology was good at focusing on one or a few biochemical pathways, genes, or cell types, heißt es auf der Internetseite von Genescient. But with the advent of micro-robotics, information technologies, and high-speed sequencing, it is no longer necessary to focus an experimental flashlight on single components of the apparatus of life. Instead, genomic technologies allow us to turn on floodlights that provide extensive illumination of the complex biochemical networks that sustain life.

Eine blumige Umschreibung von Big Data. Nach Genescient sind wir im Zeitalter von Genomics 2.0 angekommen, in dem auf künstlicher Intelligenz basierende Datenanalyse versucht, Gene und Gesundheit wirklich zu verstehen. Früher hatten Forscher Ideen, Fragen oder Hypothesen und orientierten sich bei der Umsetzung ihrer Experimente an den jeweiligen Vorüberlegungen. Heute gehen viele Gen- und Life Science Forscher davon aus, dass die richtige Software den Schlüssel zum ewigen Leben irgendwann selbstständig findet. Wenn wir alt werden, laufen in unseren Zellen komplexe Vorgänge ab. Wissenschaftler glauben heute, dass die Wechselwirkungen zwischen Genen, Lebensweise, Ernährung und anderen Faktoren so vielschichtig sind, dass Frage und Antwort, Hypothese und Versuchsanordnung die Realität nicht ausreichend erfassen. Der Datenhaufen hingegen soll die ihm innewohnenden Muster offenbaren. Je mehr Daten, je größer dieser Haufen, umso wahrscheinlicher ist es, dass Algorithmen irgendwann die entscheidenden  Nadeln“  im Kampf gegen das Alter aufspüren.

Deshalb passt Calico gut ins Portfolio von Google. Und Arthur Levinson wechselte nur vom Vorstand der einen Datenkrake in den Vorstand der nächsten. 2009 übernahm Roche Genentech vollständig. Die Roche Holding fällt besonders durch ihre hohen Investitionen bei Forschung und Entwicklung auf. Gemessen an den Umsätzen verzeichnete Roche 2013 weltweit die höchsten Ausgaben in diesem Bereich. Kein Wunder also, dass Roche konkret daran interessiert ist seine Innovationsausgaben durch mehr Daten zu senken.

Und dabei hilft die EU. Die rechtlichen Situationen beim Thema Patientendaten sind in den Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich. Mit 16 Millionen Euro fördert die Europäische Kommission dennoch momentan eine länderübergreifende, technische Plattform für Informationen wie Blutwerte, Diagnosen und so ziemlich alles, was sonst noch anfällt beim Arztbesuch, im Krankenhaus oder in der Apotheke. Für den Datenaustausch soll eine europaweite Infrastruktur geschaffen werden. Das Projekt hört auf den etwas kryptischen Namen EHR4CR (Electronic Health Records for Clinical Research) und soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Durch die zusammengeführten Daten europäischer Praxen, Kliniken und Labore soll es etwa leichter werden, Studienteilnehmer für Medikamenten-Tests zu identifizieren. Entsprechend gehören zu den Projektpartnern und privaten Geldgebern die internationale Pharmaindustrie (Roche, Merck, Novartis, Bayer) sowie einige europäische Universitäten und die Schweizer Big-Data-Firma Data Mining International. Deren CEO, der Schweizer Mathematiker Ariel Beresniak, leitet außerdem das EU-Projekt ECHOUTCOME, das mithilfe von advanced statistics and modelling“  seit 2010 die Gesundheitssysteme aller EU-Länder miteinander vergleicht.

Nicht nur in den USA , auch diesseits des Atlantiks gibt es absolut abschreckende Beispiele. Etwa der National Health Service (NHS) in Großbritannien, dessen Datenskandale den Informations-Optimismus eigentlich bremsen sollten. Davon unbeeindruckt schafft EHR4CR“  vielleicht noch in diesem Jahr (europaweite?) technische Tatsachen. Aber gerade beim Thema Gesundheit sollten sich die Dataismus-Verfechter in Zurückhaltung üben. Obwohl es Zensur wäre: Handlungen lassen sich beeinflussen, vermeiden, anpassen. Aber über unsere Gene und Krankheitsrisiken haben wir keine Verfügungsgewalt.

Rebecca Ciesielski

Rebecca hat einige Zeit in Berlin gelebt und im Bachelor Sozialwissenschaften studiert. Lebt jetzt in Leipzig und studiert im Master Informatik (ja das geht, ist aber anstrengend). Interessiert ich besonders für alles, was technisch, wissenschaftlich oder gesellschaftlich revolutionär ist, klingt oder aussieht.

Siehe auch: Foucault für Bradley Manning (Wikileaks-Skandal)

02/28/14

Snowden Überwachtes Netz

Buch zu verschenken: Bereits 60.000 Downloads von „Überwachtes Netz“

24.02.2014 Markus Beckedahl

Vergangenen Donnerstag haben wir unser Buch „Überwachtes Netz – Edward Snowden und der größte Überwachungsskandal der Geschichte“ zum freien Download online gestellt. Seitdem wurde das eBook über 60.000x heruntergeladen. 24550x wurde das Zip-File mit den beiden eBook-Formaten heruntergeladen, 36632x das PDF. Die Zahl freut uns, weil unser Ziel war, dass möglichst viele Menschen die Inhalte des Buches zum Lesen bekommen. Das spannende ist, dass diese Zahl vollkommen ohne klassische Medienberichterstattung zustande kam, lediglich durch Mundpropaganda über soziale Medien. Danke fürs Weitersagen! (von Netzpolitik.org) BUCH als PDF

12/6/12

Aberglauben – Aberwissen: Medien – Kommunikation – Wissensgesellschaft

Raabe, Johannes & Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft, UVK, Konstanz 2008.

Buchkritik von Thomas Barth

Netzphilosophie und Kommunikationswissenschaft sind zweifellos Nachbardisziplinen. Kommuniziert wird immer mehr über digitale Netze, die dabei analoge Netze wie Telefon- und Funkverkehr ersetzen, wie auch sozial vernetzte materielle Medien, etwa Brief und Telegramm. Da kann die Philosophie den Empirikern hilfreich zur Seite stehen zumal sie nicht erst seit Habermas Kommunikation oft in ihre Begriffe und Theorien und Ansätze integriert -wenn nicht sogar als zentrale Instanz, wie beim genannten Erben der freudomarxistischen Frankfurter Schule. Doch die disziplinären Grenzen sind undurchlässig. Beim wälzen tiefgründiger Gedanken zur kommenden Netz- und Wissensgesellschaft interessiert sich man kaum für die hektischen Kollegen mit den Fragebögen und Statistiken, die im Tagesgeschäft der Publizistik ihre Weidegründe finden. Der vorliegende Band zur Jahrestagung der berühmten DGPuK (Deutsche Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft) vom 16.-18. Mai 2007 in Bamberg kann entsprechend Anregungen liefern.

Modewort Wissensgesellschaft

Schon in der Einleitung werfen die Herausgeber die fast blasphemische Frage auf: „Ist Wissensgesellschaft nur ein modisches, dem Zeitgeist geschuldetes Etikett? Oder gilt sie gar als akkurater Befund?“ (S.9) Die Anzahl der Beschreibungen der Gesellschaft sei exponentiell angestiegen, was in Etikettierungen resultiere, die alle für sich in Anspruch nähmen, das Typische der Gesellschaft zu kennen: Von der Dienstleistungs- über die Risiko-, Erlebnis-, Medien-, Informations- bis zur Wissenschaftsgesellschaft (der Autor dieser Rezension hat 1997 selbst ein Buch zur künftigen Informationsgesellschaft vorgelegt). Die Entscheidung für eine dieser Typisierungen sei jedoch keineswegs als prinzipielle Absage an die anderen gedacht, so die DGPuK. Die Wahl der „Wissensgesellschaft“ umreiße vielmehr nur einen naheliegenden Ausgangspunkt, um sich mit Medien und Kommunikation zu befassen. Es dominiere dabei in diesem Tagungsband die kommunikationswissenschaftliche Perspektive der Verbreitungs-Medien von der Presse bis zu Netzmedien sowie ein an Max Weber anschließender handlungstheoretischer Kommunikationsbegriff. (Vgl. ebd. f.)

Aufbau und Inhalt
Der Tagungsband gliedert die 23 Aufsätze von 35 Autoren (zusätzlich zur Einleitung der vier Herausgeber) in fünf Abschnitte: Das Kapitel „I. Wissensgesellschaft und Mediengesellschaft“ stellt grundsätzliche Überlegungen zur Genese und Charakteristik von Medien-, Wissensgesellschaft und anderen gesellschaftlichen Entwürfen an; „II. Journalistische Wissensvermittlung und –nutzung“ und „III. Wissensvermittlung und -nutzung in PR- und Organisationskommunikation“ befassen sich aus journalistischer bzw. PR-Perspektive mit Vermittlungs- und Nutzungsmustern; „IV. Mediennutzung in der Wissensgesellschaft“ untersucht Medienrezeption breiterer Publika und „V. Wissenschaft in der Wissensgesellschaft“ soll auf das Eingangskapitel zurück verweisen. Umklammert von Theorie und Wissenschaftsreflexion findet sich also die bewährte Einteilung nach Produzenten und Rezipienten, wobei erstere der praxisnahen Aufspaltung in ‚richtigen’ und PR-Journalismus folgt.
Beiden Perspektiven ist eine ökonomische Fragestellung nicht fremd, so fragen die Autoren von Kapitel II nicht nur nach politischen Frauenzeitschriften in der Kaiser- und Weimarer Zeit (Susanne Kinnebrock) sowie mit dem Netzphilosophen Michel Foucault nach Genderdifferenzen in populärwissenschaftichen Mediendiskursen (Tanja Maier), sondern geben auch Hinweise für die künftig lohnende Ausweitung von partizipativen Formaten qua Web 2.0-Technologie (Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk, Melanie Rischke).

Der Beitrag von Christian Fieseler, Christian Hoffmann und Miriam Meckel befasst sich nur noch formal mit der Arbeit von Journalisten, mit ihrer Berichterstattung über Kapitalmärkte und Unternehmen. Er zielt jedoch in Fragestellung und Ergebnis so sehr auf eine Beratung von PR-Abteilungen, dass insbesondere dieser Beitrag mit seinem Stallgeruch von Industrie-Drittmitteln eher ins folgende Kapitel zu gehören scheint. PR-typisch verschleiernd wird PR-Arbeit dabei zwar als „Kommunikationsarbeit von Organisationen“ (S.126) umschrieben, auf Kapitalmärkten finden sich aber neben Unternehmen kaum weitere Organisationen. Großartigen Karrieren in kapitalnahen Organisationen (da kommen außer Unternehmen noch deren Stiftungen, sprich: think tanks infrage sowie diesen nahen stehende politische Parteien) steht damit nichts mehr im Wege -auch im Wissenschaftsbereich nicht, denn dieser schielt zunehmend auf Drittmittel und ist immer weniger kritischem Denken zugeneigt, dafür immer mehr affirmativem Konformismus.

Wikipedia und Unternehmensnetze

In Kapitel III befragt man Unternehmensexperten nach ihrer Informationsnutzung (Britta Gossel), nach der Kommunikation mit ihren Mitarbeitern (Simone Huck, Klaus Spachmann), untersucht den Fernsehformathandel, also den Austausch von Lizenzen für TV-Formate in organisationalen Netzwerken (Katja Lantzsch, Klaus-Dieter Altmeppen, Andreas Will) und Wiki Webs, die als eine Art Wikipedia für Unternehmen wie etwa IBM vorgestellt werden, für deren Wissensmanagement sie gegenüber Datenbanken die Vorteile einfachen Zugriffs- und Rechte-Managements mit geringem Erstellungsaufwand bieten. (Vgl. S.160 f., Florian L. Mayer, Dennis Schoeneborn)

Auch Wikipedia selbst wird untersucht: bezüglich der Motivation seiner Ersteller, die nach dem positionalen Ansatz in drei Blöcke aufgeteilt werden; innerhalb der Gruppen der einfachen ‚IP’, anonyme Wiki-Schreiber, von denen nur die IP-Nummer bekannt ist, der engagierten ‚Wikipedianer’ mit Administratorenrang, die Beiträge bearbeiten oder löschen können, und der OTRS-Mitarbeiter, die zwischen beiden Gruppen vermitteln, indem sie z.B. Beschwerden von IPs über zu löschfreudige Administratoren bearbeiten. Zusammenarbeit, aber auch Konkurrenz innerhalb dieser Blöcke würde über soziale Bindekräfte die Wikipedia-Gemeinschaft zur Mitarbeit motivieren (vgl. S.173 ff., Christian Stegbauer).

Nichtkommerzielle Netze: CL-Netz
Kapitel IV. sammelt Aufsätze zur Mediennutzung und variiert dabei zunächst die alte These eines ‚digital divides’ in Informationselite und Unterhaltungsproletariat dergestalt, dass die besagte Elite sich inzwischen ebenfalls des Internets für Spaß und Freizeit bedient, soziale Distinktion sich also nicht mehr durch Abschottung, sondern durch informationelle Offenheit äußert. Dabei wurde die für die Autoren offenbar dringendste Frage verneint, ob solche digitale ‚Allesfresser’ damit ihrem sozialen Aufstieg schaden (vgl. Nicole Zillien, Michael Jäckel).

Für TV-Sendungen über das ökologische Thema der ‚Nachhaltigkeit’ wurde kein negativer Einfluss auf die Einschaltquote gefunden (vgl. C.Schwender, D.Mocigemba, S.Otto, M.Kreeb), der zukünftige Fernsehmarkt werde technologisch von der Anbieterseite bestimmt (vgl. Andreas Vlasic) und die türkische Diaspora profitiere im sozialen Zusammenhalt von SMS- wie Email-Nutzung (vgl. Andreas Hepp).

Die medienhistorische Betrachtung von Mailbox-Netzen der 80er-Jahre am Beispiel des „in seiner Blütezeit größten deutschsprachigen nichtkommerziellen Netzes“ (S.283), des CL-Netzes ins WWW des Jahres 2007 zeigte sich nach Aufschwung und Niedergang als in einer verbleibenden Nischenexistenz als professionalisiertes Peer-to-peer-Netz gesichert (vgl. Gabriele Hoofacker).

Wissenschaft in der Wissensgesellschaft
Kapitel V. zur Wissenschaft in der Wissensgesellschaft untersucht zunächst das eigene Gebiet der DGPuK und befindet für die Journalismusforschung legitimatorische Motive der Kommunikationspolitik (vgl. Maria Löblich). Eine enger werdende Kopplung der Wissenschaft mit den Medien belegt Mike S. Schäfer in drei Dimensionen des Medialisierungsprozesses (Extensivierung, Pluralisierung, Kontroversen) anhand von FAZ- und SZ-Artikeln über Gen-, Stammzell- und Neutrinoforschung. Simone Rödder analysiert dagegen fünf Formen medialisierter Wissenschaftskommunikation (Steigerung, Anpassung, Vermischung, Blockaden und Substitution) an Humangenom-Interviews und findet dabei etwa die Ersetzung von medialer Prominenz durch wissenschaftliche Reputation problematisch, konstatiert aber einen überwiegend funktionalen Umgang der Forscher mit den Medien. Jens Wollinger und Martin Emmer bestätigen die bekannte Buch- bzw. Papier-Scheu junger Studentengenerationen, ohne die allzu pessimistische Wertung eines ‚Google-copy-paste-Syndroms’ zu teilen – es sei durchaus ein Bewusstsein für die Bedeutung von Büchern und Fachpresse vorhanden, nur siege meist die Bequemlichkeit und die DGPuK sei eher aufgerufen ein eigenes attraktives Online-Angebot zu entwickeln, als die Studenten ins Gutenberg-Universum „zurückzuzerren“ (S.353). Den Verlust geistiger Tiefe beim oft nur halbwachen Scrollen über digitale Texte anstelle des „close reading“ von echten Büchern bedenken die DGPuK-Wissenschaftler leider nicht.

Mit diesem Ergebnis schließt sich der Kreis zum Eingangskapitel, in dem durch zwei Beiträge eine zunehmende Verunsicherung gegenüber der Verbindlichkeit von Wissen generell festgestellt wurde – was eine tendenziell quellenindifferent am Aufwand orientierte Wissensnutzung der Studenten mit erklären könnte. Kurt Imhof und Mark Eisenegger belegen diese Verunsicherung in einer Langzeitstudie über Wissenschaftsberichterstattung in der Schweiz seit 1945; nach Marian Adolf und Nico Stehr tragen die Medien zur Selbstbeobachtung der Gesellschaft bei und generieren auch die Einsicht, dass Wissen letztlich unsicher sei. Daniela Rohrbach untersuchte die Entwicklung der Wissensgesellschaften anhand von OECD-Statistiken und fand Deutschland mit 22% der Beschäftigten im Wissenssektor genau auf dem arithmetischen Mittel zwischen u.a. Großbritannien (29%), Schweden, Niederlande (27%), Australien, Frankreich (25%) sowie USA (20%), Spanien (19%) und Griechenland (16%) (vgl.S.94), wobei der Bereich Wissensmanagement das stärkste Wachstum zeigte; hier wurden zahlreiche Dienstleistungen der Finanzbranche einbezogen, wie Buchhaltung, Marketing, Beratung (vgl. S.92), was die britische Führung mit erklären könnte.

Aberwissen-parallel zum Aberglauben

Walter Hömberg traf die Ehre, das erste Kapitel wie offenbar auch die Tagung mit einer ‚Keynote’ zu eröffnen, und er beginnt seinen Beitrag „Wissen ist Macht?!“ mit dem Geständnis, nicht zu wissen, was man unter einer solchen ‚Keynote’ verstehen soll (vgl. S.26). An Formen des Wissens unterscheidet er wissenschaftliches, professionell-fachliches, Bildungs- und Alltagswissen sowie einen zunehmenden Bestand an „Aberwissen“ parallel zum Aberglauben, der selber nicht allen Kollegen fremd sei, so gäbe es „eine berühmte Fachkollegin, die nach dem Kriege hierzulande die empirische Sozialforschung populär gemacht hat, jedoch privat auf Nostradamus schwört.“ (S.39) Hömberg sieht in den aktuellen Studienreformen einen Niedergang der Universität vom organisierten Skeptizismus der Wissenschaft zum professionell-fachlichen Wissen (vgl. S.37), weist jedoch mit dem Philosophen (!) Friedrich Nietzsche auf die von diesem beklagte Überzeugungskraft gerade des Halbwissens hin; dieses sei „siegreicher“ als Ganzwissen, da es die Dinge einfacher kenne als sie sind (vgl. S.40).

„Aberwissen“ könnte also mit dem vom Bertelsmannkonzern zwecks Ausbeutung einer nicht nur ins Netz verlegten digitalen, sondern auch nach erzkapitalistischen US-Muster privatisierten Bildung obszönerweise auch noch „Bologna-Prozess“ getauften Machenschaften (nach Europas ältester Universität) im Trend einer degradierenden Hochschul-Entwicklung liegen. Der Widerstand gegen den zeitweise weltgrößten Medienriesen Bertelsmann war denn auch an deutschen und österreichischen Hochschulen besonders durchschlagend und konnte ein konzerngerechtes „Bezahlstudium“ erst weitgehend verhindern und dann sogar wieder zurückdrängen -was auch an glücklicherweise stümperhafter Propaganda, pardon „PR“, des CHE (Centrum für Hochschulentwicklung), einer Tarnorganisation der konzerneigenen Bertelsmann-Stiftung lag (vgl. Barth 2006).

Das Märchen von den Studenten, die selber mehrheitlich für ein Bezahlstudium votiert hätten, mochte (trotz unkritisch-nachbetender Berichte vieler nicht nur konzerneigener Medien) denn doch keiner mehr glauben (vgl. ebd.). Wenn auch erst nach der Aufdeckung, das die entsprechende „Studie“ der Bertelsmann-Stiftung, die dem CHE zuarbeiten sollte, den befragten Studierenden nur die Wahl zwischen diversen Bezahlvarianten vorgelegt hatte. Die Befragten entschieden sich (wenig überraschend) für jene Variante, die eine öffentliche Bildung für die ihr Recht auf dieselbe einfordernde Bürger am wenigsten verteuert hätte. Daraus propagandistisch eine Zustimmung der Studierenden zu Studiengebühren zu machen war mehr als nahe an einer dreisten Lüge.

Die Problematik von Konzernen, Stiftungen und think tanks und ihrem unablässigen Streben nach politischer Manipulation der Öffentlichkeit ist allerdings kein großes Thema für die DGPuK. Im Kapitalismus stehen Staatsbedienste wie Professoren eben doch zumeist auf Seiten ihres eben kapitalistischen Staates und damit auf Seite der großen Kapitaleigner. Diese werden oft im nichtwestlichen Ausland in naiv-neokolonialistischer Manier als „Oligarchen“ mit mafiösen Strukturen in eins gesetzt, sofern westlich jedoch als tüchtige Milliardäre, wenn nicht Finanzgenies gepriesen.

Raabe, Johannes & Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft, Konstanz: UVK 2008 (Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 35), 363 S., ISBN 978-3867640633, € 29,00 Euro.

Eine stark gekürzte und redigierte Fassung dieser Rezension erschien in MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, Jg. 26 (2009), Nr. 3, S. 274–277. DOI: https://doi.org/10.17192/ep2009.3.586, https://doi.org/10.17192/ep2009.3.586

Literatur

Drachme 440-420 v.Chr.

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Centaurus, Pfaffenweiler 1997.
Barth, T. (Hg.): Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik, Anders, Hamburg 2006.

10/19/12

Donna Haraways „Cyborg-Manifest“

Heike Hartsock

Donna Haraways in einer links-marxistischen Zeitschrift veröffentlichtes Essay „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie. Haraway entwirft darin das Konzept der (in der dt. Übersetzung gerne provokativ weiblich angesprochenen) Cyborg als eine hybride Figur, die die traditionellen Grenzen zwischen Mann und Maus, Mensch und Maschine, Natur und Kultur überschreitet. Das Manifest ist nicht nur eine Kritik an biologistischen Vorstellungen von Geschlecht und Identität, sondern auch ein Plädoyer für eine neue politische Imagination, die sich von binären Oppositionsmustern löst und mit den Sätzen beginnt:

„Dieses Essay versucht, einen ironischen, politischen Mythos zu entwickeln, der Feminismus, Sozialismus und Materialismus die Treue hält. Eine Treue, die vielleicht eher der Blasphemie gleichkommt als dem ehrfürchtigen Glauben an die reine Lehre oder der Identifikation.“

Die Cyborg als Metapher und politische Strategie

Haraway stellt sich hier einigen, eigentlich allen, Gruppen quer in den Weg, die sie (ironisch?) als für sie identifikationsstiftend nennt: Dem Materialismus verpasst sie eine philosophische Ohrfeige durch das Ziel, einen Mythos zu entwickeln -sehen Materialisten (ob Naturwissenschaftler, „Realisten“ oder Marxisten) sich doch als Gipfel der Entwicklung vom „Mythos zum Logos“, die nebenbei auch den Kern eines geistigen Überlegenheitsanspruchs moderner westlicher Kultur bildet. Der Sozialismus wird qua marxistischer Blasphemie gleich mit abgewatscht und ebenso durch eine Verschiebung politischer Problematisierung vom Sozialen auf das Technologische. Das betrifft auch den Feminismus, für den Technologie sogar ein erzpatriarchalisches Unternehmen ist, dem viele Frauen eher durch eine maschinenstürmerische Haltung begegnen wollen. Feministinnen setzen eher auf menschliche Werte, Gefühle und eine auch spirituelle Verehrung des (weiblichen) Körpers. In der Cyborg, einem Hybrid von Technologie und weiblichem Körper, konnten sich wohl nur wenige Feministinnen wiedererkennen.

Donna Haraway nutzt also die Cyborg als eine bewusste Provokation: Sie ist weder rein biologisch noch rein technisch, weder männlich noch weiblich, weder Subjekt noch Objekt. Diese Hybridität ermöglicht es, die natürlichen und sozialen Ordnungen zu hinterfragen, die in der westlichen Moderne als selbstverständlich gelten. Die Cyborg steht für eine Welt, in der Identitäten fluide und konstruiert sind – eine Welt, in der Technologie nicht als äußeres Werkzeug, sondern als konstitutiver Bestandteil des Menschseins verstanden wird. Haraway betont, dass die Cyborg keine Zukunftsvision ist, sondern bereits Realität und außerdem eine neue utopische Dimension eröffnet: „Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben.“ (Haraway 1985/ dt.1995, S. 72).

Kritik an Essentialismus und Universalismus

Ein zentraler Angriffspunkt des Manifests ist der Essentialismus, also die Vorstellung, dass es eine universelle, unveränderliche „Natur“ des Menschen oder der Frau gibt. Haraway lehnt solche Vorstellungen ab und argumentiert, dass Identitäten immer in spezifischen historischen, kulturellen und technologischen Kontexten entstehen. Als Biologin und Wissenschaftshistorikerin untersuchte sie, wie in der Primatologie patriarchalische Scheuklappen zur Reproduktion der bougeoisen Kleinfamilie als Sichtweise von Menschenaffen führten: In musealen Ausstellungen von Gorillagruppen wurde diese von meist männlichen Biologen unreflektiert als Naturnotwendigkeit dargestellt. Der Gegensatz von Natur und Kultur kann jedoch reflexiv überwunden werden, wenn wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung politisch und kulturell hinterfragt wird.

Die Cyborg ermöglicht es, sich von der Idee einer „reinen“ oder „natürlichen“ Identität zu verabschieden und stattdessen die Vielfalt und Kontingenz von Existenzformen anzuerkennen. „Kontingenz“, oft fälschlich als (postmodernistische?) Beliebigkeit verstanden, bedeutet eher Wählbarkeit von Alternativen, was rückblickend dann eine historische Gewordenheit von Zuständen markiert -im Gegensatz zu primitiv-materialistischen Weltsichten, die statt Entscheidungen nur Kausalketten einer gesetzmäßig ablaufenden Geschichte (marxistisch) oder evolutionärer Entwicklung (Naturwissenschaften) sehen.

Technologie als ambivalenter Raum

Haraway sieht Technologie weder als rein befreiend noch als rein unterdrückend. Das heißt keineswegs, dass Technik „neutral“ wäre, weil man „mit einem Messer ja sowohl einen Mord begehen, wie einfach nur Brot schneiden könne“. Eine solche vulgär-materialistische oder voluntaristische Sichtweise, die das Problem auf Willensentscheidungen einzelner verschiebt und ein Nachdenken über soziale, politische und kulturelle Dimensionen von Technologie verweigert, ist nicht Haraways Sache.

Vielmehr sieht sie Technologie als ambivalenten Raum, in dem Machtverhältnisse ausgehandelt und neu konfiguriert werden können. Hier zeigt sich ihre Verwurzelung in poststrukturalistischen Ansätzen vor allem von Michel Foucault, dem kurz vor Haraways Publikation des Cyborg Manifesto an HIV verstorbenen homosexuellen Ideenhistoriker am renommierten College de France. Foucault (ein „Netzphilosoph“ par excellance) beschrieb die Gesellschaft als von Machtnetzen durchzogen, deren Teil auch technische „Dispositive“ wären, die aus Dingen, Menschen und Praktiken bestehen.

Die Cyborg steht für die Möglichkeit, Technologie als Werkzeug der Emanzipation zu nutzen – etwa in der Medizin, der Kommunikation oder der politischen Organisation. Selbstredend warnt Haraway davor, Technologie als neutral zu betrachten: Sie ist immer in soziale und politische Strukturen eingebettet und kann sowohl zur Befreiung als auch zur Kontrolle beitragen. Anders als viele Feministinnen will sie jedoch nicht einfach nur zu Herrschaftszwecken missbrauchte Technologie bekämpfen, sondern sie auch im politischen Kampf gegen Machtausübung nutzbar machen. Wenn wir uns gegen die technisch aufgerüsteten Mächte von Kapitalismus und Patriarchat zur Wehr setzen wollen, sollen wir -so ihre mystifizierende Metapher- zur widerständigen Cyborg werden.

Fazit: die Cyborg als politisches Projekt

Haraways „Cyborg-Manifest“ ist mehr als ein theoretisches Konzept – es ist eine postmoderne Kritik an Grenzen und Identitäten und damit ein Aufruf, die Grenzen des Denkbaren zu erweitern und neue Formen des Zusammenlebens zu erfinden. Die Cyborg steht für eine Welt, in der Differenz nicht als Bedrohung, sondern als Ressource verstanden wird. Damit tritt sie (nicht nur patriarchalischen) Klischees von Geschlechterrollen ebenso entgegen wie kolonialen Rassismen und kulturellen Größenphantasien von westlicher Überlegenheit -und vielleicht sogar bestimmten marxistischen Gesellschaftsbildern. In einer Zeit, in der technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz, Gentechnik und elektronische Vernetzung die Grenzen des Menschseins neu verhandeln, bleibt Haraways Manifest ein zentraler Referenzpunkt für die Auseinandersetzung mit den politischen und ethischen Herausforderungen des Feminismus in einer zunehmend durch (oder vielmehr mittels) Technologien beherrschten Gesellschaft.

Donna Haraway: Ein Manifest für Cyborgs, in diesselbe: Die Neuerfindung der Natur, S.33-72, Campus, Frankfurt 1995.

Siehe auch Hoppe: Haraway zur Einführung sowie Cyborg-SF-Rzensionen zu Martha Wells weltberühmter Killerbot-Reihe, deren Protagonistin SecUnit Donna Haraways Cyborg-Manifest alle Ehre macht:

Band 1 Murderbot Diaries

Band 2 Netzwerkeffekt

Band 3 Übertragungsfehler

Band 4 Systemkollaps

08/21/12

Urheberrechts-Piraterie & Verwertungsgesellschaften

Thomas Barth · 31.07.2012

„Raubkopiere sind Verbrecher!“ -Mit dieser unerträglich verlogenen Kampagne schlugen Medienkonzerne ihre Claims in unzählige Netzmedien und DVDs und gingen uns allen auf die Nerven. Doch auch die zwischen Kreativen und Konzernen operierenden Verwertungsgesellschaften stehen in der Kritik.

In Amsterdam erlebten die Verwerter just eine juristische Schlappe. Das niederländische Äquivalent zur GEMA, die Verwerter-Agentur Buma/Stemra, wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie einem Kreativen fällige Lizenzgebühren vorenthalten hatte. Man hatte seine Komposition hinter seinem Rücken massenhaft weitergenutzt, nur durch einen Zufall kam er den Urheberrechts-Räubern auf die Schliche. Die Ironie dabei: Ausgerechnet für die Musik eines Anti-Piracy-Clips waren dem Künstler Melchior Rietveldt keine Tantiemen gezahlt worden.

Seit Jahren behauptet die Medienindustrie, sie verteidige die armen Künstler gegen verbrecherische Raubkopierer, die Piraten aus dem Internet. Dabei wurden die Medienmogule zunehmend raffinierter. Noch bei den UHR-Änderungen 2001 drohte eine Verleger-Kampagne in großen Zeitungsanzeigen mit der “Entlassung” von freien Journalisten und Künstlern. Man hätte einfach kein Geld mehr für sie, würden die Interessen der Verwerter nicht durchgesetzt. Bebildert war die tollpatschige Presse-Kampagne des Bundes Deutscher Zeitungsverleger u.a. mit Zeichnungen abgemagert aussehender Poetinnen.

Heute gehen die Verwerter weniger platt vor und ermuntern von ihnen abhängige Kreative, sich gegen die UHR-Piraten in die Öffentlichkeit zu stellen. Und welche Art von Kultur liegt dem deutschen Michel besonders am Herzen, kann also am Besten die Öffentlichkeit gegen Piraten mobilisieren? Der Krimi ist der Deutschen liebstes Genre und so werden Krimi-Autoren und Tatort-Schauspieler in die erste Reihe geschickt, für die Verwerter um Sympathien zu werben z.B. in der Aktion „Ja-zum-Urheberrecht“.

Die „Ja-zum-Urheber”-Kampagne

Ob diese Kreativen von alleine auf die Idee kamen, ob sie freiwillig, mit Vergünstigungen geködert oder mit Sanktionen bedroht für die Urheberrechte (oder wohl eher für deren Verwertung durch die gleichen Medienmogule wie bisher?) ihren provokanten Autoren-Strip „Hemd-up-for-your-rights“ inszenierten, bei dem arme, nackte Poeten einem Leichenfledderer mit Anonymous-Maske zum Opfer fallen, wissen wir nicht. Als jedoch ein paar Anonymous-Hacker mit DDoS-Attacken konterten, war die Presseempörung groß.

Der Auftritt der UHR-Kämpfer sieht allerdings für eine Bürgerinitiative sehr professionell aus und scheint auch gut finanziert zu sein. Für die große Masse der am Existenzminimum herumkrebsenden Kreativen sind sie sicher nicht repräsentativ. Die Piratenpartei setzte eine „Ja-zum-Urheber“-Kampagne dagegen:

„Die von der Piratenpartei angestrebte Reform des Urheberrechts bringt Verwertungsgesellschaften und große Verlagshäuser auf die Barrikaden. In groß angelegten Medienkampagnen setzen sie auf Fehlinformationen über die Ziele und Forderungen der PIRATEN. Erst in der vergangenen Woche sprachen sich so über 100 Medienschaffende – von denen allerdings nur wenige tatsächlich Urheber sind – im „Handelsblatt“ gegen die Reformpläne der PIRATEN aus. Dabei wurde wieder fälschlicherweise behauptet, die Piratenpartei wolle sämtliche Inhalte kostenlos über das Internet verbreiten, das Urheberrecht abschaffen und die Interessen und die Lebensgrundlage der Künstler ignorieren.“

Die Kreativen für den Anti-Piraten-Kampagnen einzuspannen, ist sicher eine besser ausgedachte PR-Masche der Verwerter, aber ihre öden Standard-Gefechte ums Copyright laufen weiter: So produziert die Kulturindustrie Jahr um Jahr ihre nervigen „Raubkopierer sind Verbrecher“-Clips und ödet jeden Kinogänger und jeden Käufer von DVDs mit ihren wahrheitswidrigen Tiraden an: Raubkopieren ist bislang keineswegs ein „Verbrechen“, auch wenn die Verwerter-Lobby das Strafmaß gern immer höher schrauben würde. Politiker springen der Industrie gern zur Seite und mahnen mehr Achtung vor der Leistung der Kreativen an.

Die Knebelverträge

Doch wie steht es mit der Moral der Verwerter selbst, wenn es um die Zahlung für kreative Leistungen geht? Wer ein Werk (ob Bild, Ton oder Text) verkauft, wird meist mit einer mageren Einmalzahlung abgespeist und muss künftig selbst hinter den multinationalen Konzernen herlaufen, um zu kontrollieren, ob und wo sein Werk erneut verwendet wird. Um selbst diese geringen Chancen der Kreativen auf Partizipation an den gigantischen Gewinnen der Konzerne noch zu unterbinden, müssen die meisten Autoren (Medien-Prominenz der „The-winner-takes-all“-Fraktion natürlich ausgenommen) Knebelverträge unterschreiben.

Hierin sichert sich der Verwerter alle Rechte für immerdar am einmal mager bezahlten Werk und, wenn es nach der Unternehmerseite geht, auch gleich an den kompletten Recherchen des Autors. Wer das nicht will, wird oft mit Boykott erpresst; wer sich dagegen öffentlich zur Wehr setzt, muss fürchten, auf einer Schwarzen Liste zu landen. Doch selbst wer Rechte hat, muss sie anscheinend erst gerichtlich durchsetzen, wie der bereits erwähnte Musiker Melchior Rietveldt.

Im Jahr 2006 hatte Rietveldt ein Musikstück für eine Anti-Piracy-Kampagne bei einem lokalen Filmfestival komponiert. Als er 2007 eine Harry-Potter-DVD kaufte, entdeckte er sein Musikstück darauf: Der Anti-Piracy-Clip war ohne seine Erlaubnis mit seiner Komposition unterlegt. Rietveldt fand sich solcherart raubkopiert auf Dutzenden von DVDs in den Niederlanden und im Ausland. Er wandte sich an die zuständige Verwerter-Agentur Buma/Stemra.

Die hatte seine Rechte zwar vertreten, aber leider versäumt, ihn für das oft verwertete Stück zu bezahlen. Rietveldt erhielt von der Buma/Stemra einen Vorschuss von 15.000 Euro mit dem Versprechen, eine Liste der anderen DVDs zu übermitteln, die seine Komposition verwenden. 2009 forderte er einen Nachschlag und bekam nach einigem Gerangel weitere 10.000 Euro.

Die von der Buma/Stemra versprochene DVD-Liste kam nie bei Rietveldt an; das Gericht in Amsterdam stellte diese Woche fest, dass seine Komposition auf mindestens 71 kommerziellen DVDs von der Medienindustrie verwendet worden war. Die Justiz entschied, dass die Buma/Stemra fahrlässig gehandelt habe. Sie verhängte eine Geldstrafe von ca. 20.000 Euro und bestätigte Forderungen des Musikers in Höhe von ca. 160.000 Euro.

Zuerst erschienen in Berliner Gazette 31.07.2012 https://berlinergazette.de/de/urheberrecht-piraterie-medienindustrie/

08/8/12

Technologie macht medial

Günther Anders Kritik und die Subversion der Cyberpunks

Autor: Thomas Barth, 2008

Cyber ist er. Aber auch punk?

Der pessimistischen Technikdeutung von Günther Anders zufolge sind wir heute nur noch Anhängsel der Technik, Rädchen im Getriebe, das uns antreibt.
Er nennt das: Wir sind „medial“;
wir sind nur noch Mittel zu einem Zweck, der uns nichts anzugehen hat. Pochte Kant mit seinem Kategorischen Imperativ noch auf das Recht auf menschliche Würde, indem man den anderen immer als Zweck, nie als bloßes Mittel sehen sollte, so läuft diese Forderung heute scheinbar ins Leere. Es ist (angeblich) kein Gegenüber mehr vorhanden, bei dem wir unser Menschenrecht einfordern könnten. Die Technik, unsere technologische Lebensweise, möchten wir nicht missen. Wenn wir so leben wollen, haben wir uns einzufügen und anzupassen, ein Rädchen im Getriebe des „Makro-Geräts“, der Megamaschine, des Luhmannschen „Systems“ zu werden, so wird von uns implizit verlangt. Explizit gelten die Menschenrechte, haben wir die Freiheit, nicht zu kooperieren, zu handeln, statt bloß mitzutun. Aber die Systeme der Technologie existieren nicht nur in der physischen Umwelt, die sie mit Bravour kontrollieren können, unsere Köper inbegriffen. Die Systeme der Technologie existieren auch in einer sozialen Umwelt, deren dominante Seite heute immer mehr die Ökonomie zu werden scheint.
Sie gehören jemandem, der sie zu seinem Nutzen arbeiten lässt, und mit ihnen auch die Menschen, die ihre Anhängsel sind.

Günther Anders gegen die Apokalypse-Blindheit

Günther Anders Sorge galt bei der Entfaltung dieser Gedanken dem drohenden Untergang der Menschheit durch einen atomaren Schlagabtausch, der Apokalypse.
Diese zu verdrängen nannte er „Apokalypse-Blindheit“ und sah in der Medialität der Zeitgenossen deren Wurzel. Diese militärische Apokalypse ist derzeit mit Auflösung der Ost-West-Blockkonfrontation in den Hintergrund getreten, obgleich noch lange nicht abgewendet. Aber andere Apokalypsen sind hinzugekommen, Umweltzerstörung, neue Seuchen (evtl. als Auswuchs des militärischen Apparates) usw. Außerdem gilt das, was auf die „Apokalypse-Blindheit“ abzielte auch für die Blindheit gegenüber der apokalyptischen Lebenssituation von Milliarden Menschen, denen das Lebensnotwendigste vorenthalten wird — obgleich die Güter und Lebensmittel bei gerechter Verteilung für alle reichen würden. Die Arbeit am eigenen Untergang mag besonders plastisches Beispiel für irrationales Handeln sein, die am Untergang anderer ist jedoch nicht vernünftiger.

Aber was von unserem Arbeiten gilt, das gilt nun — und diese Tatsache ist weniger trivial, aber nichtweniger wichtig — auch von unserem /„Handeln“; /oder sagen wir lieber: auch von unserem /„Tun“, /denn das Wort „Handeln“ und die Behauptung, wir seien „Handelnde“, hat in unseren Ohren (was als Hinweis ernst genommen werden muß) bereits den Klang einer Übertreibung angenommen, Abgesehen von einigen wenigen Sektoren läuft unser heutiges „Tun“, da es sich im Rahmen organisierter, uns nicht übersehbarer, aber für uns verbindlicher Betriebe abspielt, auf konformistisches /Mit-Tun /heraus. Der Versuch, abzuwägen, in welchem Verhältnis die Anteile von „aktiv“ und „passiv“ in diesem oder jenem „Mit-Tun“ dosiert sind, abzugrenzen, wo das Getan-Werden aufhört und das Selber-Tun anfängt, würde ebenso ergebnislos bleiben wie der, eine mit dem Maschinengange konform gehende Bedienungsarbeit in ihre aktiven und ihre nur reaktiven Komponenten zu zerlegen. Die Unterscheidung ist zweitrangig geworden, das heutige Dasein des Menschen ist zumeist weder nur „Treiben“ noch nur „Getrieben werden“; weder nur Agieren noch nur Agiert werden; vielmehr „aktiv-passiv-neutral“. Nennen wir diesen Stil unseres Daseins /„medial“. /Diese „Medialität“ herrscht überall. Nicht etwa nur in denjenigen Ländern, die Konformismus gewalttätig, sondern auch in denen, die ihn sanft erzwingen.
(Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 287)

CC-by-sa-Gnsin

Ob er auch freiwillig roboterhaft ist?

Die beobachtete Roboterhaftigkeit wird also nicht durch ein totalitäres Regime erzwungen, sie wird scheinbar freiwillig geübt. Der oder die Handelnde ist in diesem technologischen Regime ein Dissident, ein Fremdkörper, der Normalfall ist der Mittäter. Bloßes Tun, besser gesagt Mittun, ersetzt das bewusste Handeln, was eine teilweise Ausschaltung des Bewusstseins voraussetzt. Wie diese Ausschaltung vor sich geht, bleibt etwas unbestimmt. Steckt Erziehung dahinter, der alte Drill der autoritären Regime? Oder ist es die Verführung, die Verlockung, den bequemeren Weg zu gehen? Beides taucht bei Anders auf, die Verlockung durch die Massenmedien verschmilzt mit der Disziplinierung, die sich mehr auf den Körper zurück zieht.

Als Arbeitende sind die Zeitgenossen auf /Mit-Tun als solches /gedrillt. Und jene Gewissenhaftigkeit, die sie sich anstelle ihres Gewissens angeschafft haben (sich anzuschaffen, von der Epoche gezwungen wurden), kommt einem Gelöbnis gleich; dem Gelöbnis, das Ergebnis der Tätigkeit,an der sie teil nehmen, nicht vor sich, zu sehen; wenn sie nicht umhin können, es vor sich zu sehen, es nicht aufzufassen; wenn sie nicht umhin können, es aufzufassen, es nicht aufzubewahren, es zu vergessen — kurz: dem Gelöbnis, /nicht zu wissen, was sie tun. /Damit ist die Furchtbarkeit des heutigen moralischen Dilemmas bezeichnet.
(Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 291)

Drill und Gelöbnis klingt an dieser Stelle etwas nach Disziplinarkultur, doch Anders führte im Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ bereits ausführlich aus, die massenmediale Verführung funktioniert. Im Arbeitsprozess ist der Körper immer noch gefragt, soll Befehle befolgen, wie geschmiert funktionieren, sogar eigene Initiative zeigen — nur soll er nicht das Ziel hinterfragen, zu dessen Mittel er gemacht worden ist. Initiative zeigen darf er nur in vollkommener Verschmelzung mit dem technologischen Regime, dessen Funktionsprinzipien ihm als Gipfel der Rationalität gelten sollen, vor allem aber in völliger Unterwerfung unter die Belange der Eigentümer der Technologien. Ihre Existenz wird ausgeblendet wo immer möglich; wo nicht, werden ihre Belange den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt.

Sie kennen die „Verlockung zum Mittun“.

Der äußere Drill bleibt also, wenn auch in gelockerter Form, denn die stramme Erziehung wollte über den Körper ja vor allem auch den Geist disziplinieren.
Aber der innere Drill wird mehr und mehr überflüssig. Er ist ersetzt durch die Verlockung zum Mittun. Dagegen Widerstand zu leisten, scheint sinnlos, denn es gibt scheinbar kein unterdrückendes Gegenüber, nur das „System“ des technologischen Regimes. Ein Regime, das angeblich objektiven ökonomischen Gesetzen folgt, die Entscheidungen der politischen Führungspersonen alternativlos machen. Die nicht mehr wirklich handelnden Entscheidungsträgerinnen behaupten, sie könnten nur noch Mittun, wie alle anderen auch.

„Eigenverantwortung“ heißt nur noch menschliche Würde aufgeben
„Eigenverantwortung“ heißt dabei nur, noch mehr von den Ansprüchen auf menschliche Würde aufgeben zu sollen, die man an das Regime haben könnte; etwa wenn die solidarische Umlage-Rentensysteme durch individuell anzusparende kapitalbasierte Altersvorsorge ersetzt werden soll, die aber nur die Mittel dem System der Finanzmärkte preisgibt. Auch „Eigeninitiative“ soll sich im Rahmen vorauseilenden Gehorsams abspielen.

Was besagt nun diese Schilderung des medialen Menschen für unser eigentliches Thema? Für die Frage nach den Wurzeln der Apokalypse-Blindheit? Inwiefern ist das „mediale Dasein“ eine dieser Wurzeln? In der Tat ist der Zusammenhang so eng, daß jeder Einzelzug der Medialität gleich gut als Ausgangspunkt verwendet werden kann. Von jedem führt der Weg mit gleicher Direktheit zur Apokalypse – Blindheit.

1. Da der mediale Mensch „aktiv-passiv-neutral“ ist, bleibt er, trotz der ungeheuren Rolle, die Arbeiten für ihn spielt, ja gerade in actu des Arbeitens, /indolent; /er „überläßt sich“. Das heißt: er rechnet mit einem „Weitergehen“ á tout prix, mit einem Weitergehen, das er selbst nicht zu verantworten braucht.

2. Da seine Tätigkeiten niemals in einem echten Telos, auf das er „aus gewesen“, ihren Abschluß finden, sondern immer nur durch Stoppungen, die seinem Tun selbst zufällig bleiben, hat er kein echtes Verhältnis zur /Zukunft. /Während der wirklich Handelnde und Planende durch sein Handeln einen Zeitraum entwirft, also Zukunft konstituiert, tritt das Tun des „medialen Menschen“ auf der Stelle. (…)
(Günther Anders, /Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 293)

Auch sie konsumieren die Zukunft. Ob sie sie auch planen?

Die Zukunft tritt der medialen Normalbürgerin nur als das, was geschieht, gegenüber, als das, wobei sie mittun soll und auch will. Aus der Zukunft kommen neue Technologien und Moden auf sie zu, die sie haben will und nicht planen.
Die Existenz dieses medialen Normalbürgers rotiert planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren, als Tretmühle oder Luxuskarussell, je nach dem, wo er mehr gefragt ist. Seine Planung bezieht sich überwiegend auf den systemkonformen Drang, möglichst immer mehr am Konsumieren teilzunehmen. Das Regime der technologischen Systeme reklamiert Herrschaft ohne Herrschende zu verwirklichen, eine Herrschaft der Vernunft, die von Expertinnen reklamiert wird, die sich zu Technokraten aufschwingen.

Widerstand gegen das Regime wird als unvernünftig abgetan, denn das technologische System gilt als Inbegriff der so verstandenen Rationalität.
Auflehnung dagegen wird als Rückständigkeit gebrandmarkt und mit Ausgrenzung bestraft. Anpassung bedeutet dagegen freien Zugang zu allen Ressourcen, und damit Wohlstand und Freiheit. „Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert“, droht das Kollektiv der Borg. Doch ein globales Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten in der wuchernden Tele-Megalopolis.

Cyberpunks stehen auf Widerstand

Die Kultur der Cyberpunks steht auf Widerstand, sie widersetzt sich sowohl der Anpassung als auch der Ausgrenzung. Die Anpassung zu verweigern ist nicht schwer, man braucht nur der Verlockung nicht länger zu erliegen — das ist der Vorteil gegenüber totalitären Regimen. Aber alle Gewalt, die der Totalitarismus auf Formung seiner Untertanen verwendet, stehen hier zur Ausgrenzung zur Verfügung, zur Abschneidung vom Zugang zu Ressourcen. Die Erlangung von Zugang wird also zum Hauptproblem, vor allem Zugang zu Information. Dabei gilt es, den umgekehrten Zugang der Instanzen des Regimes zu den privaten Informationen des Individuums zu blockieren. Insbesondere beim widerständigen Subjekt. Der angepasst mittuende mediale Mensch wird dagegen weniger Privatsphäre benötigen und stellt heute seine Daten unbekümmert in sogenannte „soziale Netzwerke“des Web2.0. Er begreift nicht, dass ihm unüberschaubare staatliche und immer mehr privatwirtschaftliche ökonomische Konglomerate gegenüberstehen.

Kybernetiker nach der ursprünglichen Wortbedeutung. Das Wort „Cyber“ geht auf das altgriechische Wort für Steuerung (κυβέρνησις kybérnesis) zurück.

Die Szene der Cyberpunks, entsprungen aus einem Subgenre der SF, entwickelte sich seit den 80er Jahren und definierte sich über die Kombination von High Tech und Low Life (den Punk des urbanen Underground). In der Hackersubkultur der 80er und 90er fanden sich ihre Fans zusammen. Die Szene (falls man davon überhaupt sprechen kann) wird von Soziologen so beschrieben:

Ein Cyberpunk steht den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sehr positiv gegenüber, gleichzeitig hat er aber ein kritisch-politisches Bewusstsein in Bezug auf deren gesellschaftliche Verwendung entwickelt. Er sieht sich riesigen Korporationen gegenüber, die immer mehr an Stelle von Nationalstaaten treten.
(Winter, Rainer: Medien und Fans — Zur Konstellation von Fan-Kulturen, in:Kursbuch Jugendkultur. Stile, Szenen, Identitäten vor der Jahrtausendwende,Mannheim 1997, S. 40-53, S.48.)

Die von Cyberpunks, die hier mit Hackern und Haecksen im besten Sinne gleichgesetzt werden, entfaltete Kultur erobert die Netzmedien von den Konzernen zurück, wie sie zuerst von Militärs und staatlichen Telekommunikationsbehörden erobert werden mussten. Ihre Verknüpfung von Datenschutz für die Privatsphäre mit der Forderung nach Informationsfreiheit, freiem Zugang zu den Datenbanken (Lyotard) und Transparenz der Mächtigen lässt sich im Utopiemodell des Inversen Panoptikums beschreiben. Panoptismus (Foucault) beschreibt die Disziplinierung unserer westlichen Gesellschaften durch das Prinzip: Wenige unsichtbare Mächtige sehen viele Machtunterworfene und kontrollieren sie so. Invertiert ergibt sich die Forderung nach Umkehrung dieser Blickrichtung und der zumindest teilweisen Unsichtbarkeit für die Vielen.

Diese Forderung könnte ein Gegengewicht schaffen gegen die sonst ausufernde Macht des kontrollierenden Zentrums der Macht, dem aus den Informationstechnologien sonst immer größere und nicht mehr demokratisch kontrollierbare Macht zuwachsen würde.

05/17/12

Startschuss für die Netzphilosophie

Und wieder entsteht ein neues Blog. Hier möchten wir mit philosophischen Ansätzen die Gedanken der Netzpolitik weiterdenken. Es geht darum, Philosophinnen aufzufordern, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, sich ihm anzunehmen und unser moralisches Gerüst an die neuen Umstände anzupassen.
Dabei sind auch ausdrücklich die Alltagsphilosphen eingeladen, mit uns gemeinsam über das Netz nachzudenken.
In diesem Blog wird es sowohl Crosspostings, als auch eigene Artikel geben. Wer in den Blog-Planet aufgenommen werden möchte, möge uns Kontaktieren, wer mitschreiben möchte sowieso.

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