06/5/26

Martha Wells: Systemkollaps

Rezension von Thomas Barth

Im vierten Band der Killerbot-Reihe, deren Hauptfigur dem legendären Cyborg-Manifest der feministischen Netzphilosophin Donna Haraway bekanntlich alle Ehre macht, wird es für unsere Secunit unangenehm, denn sie hasst Planeten. Warum? Planeten sind langweilig, sagt sie gern. Wirklich? Oder machen sie vielmehr unserer Cyborg eine Scheißangst? Kaum eine Cyberpunk-SF spiegelt so überzeugend netzphilosophische Einsichten der Techno-Feministin Donna Haraway und ihres Cyborg-Manifestes wie Martha Wells Killerbot-Reihe. Wells‘ texanische Version der emanzipierten Cyborg weiß auch die tellurischen, erdgebundenen Aspekte ironisch zu reflektieren:

„Planeten, auf denen man eine wahrscheinlich doch bewohnte, möglicherweise alienkontaminierte Siedlungsstätte aus der Zeit vor dem Corporation Rim untersuchen muss, während man statt Panzer einen Umweltanzug trägt, sind erst recht auf die schlechte Art nicht langweilig, vielleicht sogar auf die schlimmste.“ Vermutlich auf die Schlimmste, denn „wir befanden uns immer noch auf diesem blöden Planeten mit der alienkontaminierten verschollenen Kolonie – dabei wollten wir (Fifo, unsere Menschen, ich, vor allem aber ich) doch wirklich nur raus aus diesem System.“ Diesmal geht es wirklich quer durch die Botanik, zum Leidwesen unserer Cyborg, denn Gartenarbeit steht nicht in ihrer Produktbeschreibung: „Ich drang in das Feld ein, dessen hohe grüne Pflanzenstängel mich ein gutes Stück überragten. Der Wind ließ die kleinen verklumpten samenartigen Dingsbumse aneinanderschlagen. Dieses Feld wuchs tatsächlich aus dem Boden und nicht aus Gestellen mit Wachstumsmedium…“ (S.16)

Wir befinden uns immer noch auf dem Planeten aus Band 2 Der Netzwerkeffekt, wo „Alienreststoffe“ ihre unheimliche Wirkung entfaltet hatten (Band 3 Übertragungsfehler liegt chronologisch wohl zwischen Bd.1 und Bd.2). Einige Kolonisten waren davon zwar verschont geblieben, doch diese haben schnell eine von den Firmen an den Hacken, die inzwischen die Galaxis beherrschen: Der galaktische Großkonzern Barish-Estranza schickt gleich mehrere Schiffe, angeblich um Siedler auf dem schon vor Generationen (nicht: „neu“ wie auf der Verlagswebsite fälschlich steht) kolonisierten und dann vergessenen Planeten zu retten. Secunit glaubt den Konzernschergen natürlich kein Wort und kann sich mal wieder auf ihre gute alte Paranoia verlassen. Aber auch ihr eigenes Cyborg-Hirnkonstrukt läuft diesmal nicht ganz rund. Wie soll sie den naiven, weil lange isolierten Kolonisten beibringen, dass Konzerne niemanden ohne Hintergedanken retten würden? Man will die wertvollen Arbeitskräfte mittels ausbeuterischen Arbeitsverträgen in Knechtschaft locken. Oder zwingen, falls nötig, denn so liberal wie ihre PR-Leute behaupten ist die neoliberale Galaxis denn doch nicht.

Galaktische Anti-Konzern-Aktivisten

SecUnit arbeitet für die „Preservation Alliance“, eine „politische Entität“ mit hohen ethischen Standards. Sie ist eine von offenbar wenigen freien Gesellschaften mit Menschenrechten und Sozialstaat, die sogar Cyborgs gewisse Rechte einräumt: Ein fragiles Utopia in einer neoliberalen Höllengalaxis (wie wir sie aus dem SF-Cyberpunk schon seit der Neuromancer-Reihe kennen). Wer oder was diese kleinen wenig wehrhaften freien Kolonien vor den gierigen galaktischen Konzernen schützt, bleibt einstweilen unklar. SecUnit wurde in Preservation integriert, also -wie einst Sklaven in den USA- von dankbaren Kunden freigekauft. Sie kratzt zwar bei der ersten Gelegenheit die Kurve, kam jedoch bald zurück.

Wie bei Star Trek ist die Menschheit dabei, sich über unsere gesamte Galaxie auszubreiten, hat aber -anders als dort- keinen Kontakt zu lebenden fremden Intelligenzen hergestellt. Man hat jedoch zahlreiche oft gefährliche „Alienreststoffe“ gefunden: Archäologische Überreste, die als verbotene, aber lohnende Handelsware gelten und offenbar schon viele Kolonisten das Leben gekostet haben, wie in Band 2 beschrieben. Hier lauern ebenfalls Alienartefakte im Hintergrund der Story, deren Kern jedoch in Konzernkritik besteht. Denn der Hintergrund der sich rasant entfaltenden Story ist eine Utopie in einer Dystopie. Dystopisch regieren große Konzerne die Galaxis, beuten räuberisch Planeten und Gesellschaften aus und versklaven Menschen mit unfairen Arbeitsverträgen. Man sieht ganze Raumschiffladungen von Menschen, die zur Vertrags- (Zwangs)-Arbeit auf unwirtliche Planeten geflogen werden und dabei gelegentlich zu fliehen versuchen, was bewaffnete Konzern-Schergen verhindern sollen (SecUnites wären zu teuer für so einfache Security-Arbeit). Die Utopie: Intelligent und erfolgreich leistet die Preservation Allianz Widerstand hält mit ihren Verbündeten dagegen.

Der Plot von Systemkollaps setzt weniger auf Krawumm-Spektakel als die ersten beiden Bände und selbst Secunit löst die auftauchenden Probleme (tendenziell) eher mit Diplomatie. Zumindest versucht sie das hartnäckig, wenn ihre eigenen (inneren) Probleme dies zulassen: Wir machen dabei auch eine introspektive Reise in die Psyche einer Cyborg, deren Neuralgewebe mit Hardwareanteilen und Softwarepannen zu kämpfen hat: „Ohne menschliches Nervengewebe, das ebenfalls Archivdaten speichert, wäre ich am Arsch gewesen. (Womit es sich endlich mal als nützlich erwiesen hat).“ (S.58) Diese Geschichte könnte auch gewissen Transhumanisten zu denken geben, die vom kompletten Software-Upload ihres (etwas beschränkten und daher einer Datenkomprimierung allerdings gut zugänglichen) Geistes träumen. Wells stellt sich mit ihren Seitenhieben auf maskulinistische Techno-Fantasien in die Tradition bzw. an die Seite der Netzphilosophin Donna Haraway.

Transhumanismus und Cyborg-Manifesto

Der Kern von Haraways Projekt liege darin, eine Theorie auszuarbeiten, die nicht-menschliches Anderes systematisch miteinbezieht und ihm einen politischen und ethischen Stellenwert einräumt -wie Marth Wells‘ Preservation Alliance. Die auch von Michel Foucault inspirierte Techno-Feministin Donna Haraway greift in ihrem bislang letzten größeren Werk „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ (2016) mit ihrer Figuration der „Kritter“ transhumanistische Ideen auf. Kritter sind bei ihr menschliche und mehr-als-menschliche Akteure, die aber nicht Supermenschen werden wollen: Vielmehr integrieren sie aussterbende Arten in ihre eigene DNA, um sie so zu retten und sich selbst vielleicht zu verschönern, etwa mit der Farbenpracht eines Schmetterlings. Mit mit dem „Chthuluzän“ entwirft Haraway sowohl ein Gegen-Narrativ zum apokalyptischen Narrativ des „Anthropozäns“ als auch zu maskulinistischen Techno-Utopien einer Auswanderung auf den Mars. Einem heteronormativ-männlichen Weltbild mag es entsprechen, das Weltall mit einer stolz zur Schau gestellten, gewaltigen Rakete zu penetrieren, um „die Menschheit zu retten“; das Motto der Raumhelden lautet aber in unserer Realität nicht: Frauen und Kinder zuerst, sondern Milliardäre und Mogule voran, insbesondere Elon Musk.

Die Idee, die Erde zu behüten und im eigenen Innenraum Platz für (von megalomanischen Technopäpsten) bedrohte Spezies zu schaffen, ist eine sarkastische Parodie der maskulinen Astronauten-Phantasien. In Form von fantastischen Erzählungen zeigt Haraway, deren Theorien die Grenze von Philosophie und Literatur zuweilen überschreiten, in „Unruhig bleiben“ speziesübergreifende Handlungsspielräume und Transformationen auf -auch durch SF inspiriert.

Bereits in ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1985) deutete Haraway das Bild des kybernetischen Organismus um, eine feministische Aneignung, die in dt. Version durch das Femininum Die Cyborg (Einzahl!) noch klarer gemacht wurde. Der Hintergrund dieses bahnbrechenden Manifestes: Der zunächst in einer links-marxistischen Zeitschrift veröffentlichte Essay „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie. Haraway entwirft darin das Konzept der Cyborg als einer hybriden Figur, die die traditionellen Grenzen zwischen Mann und Frau, Mensch und Maschine, Natur und Kultur überschreitet. Das Manifest ist damit nicht nur eine Kritik an biologistischen Vorstellungen von Geschlecht und Identität, sondern auch ein Plädoyer für eine neue politische Imagination, die sich von binären Oppositionsmustern löst. Der Anfang lautet:

„Dieses Essay versucht, einen ironischen, politischen Mythos zu entwickeln, der Feminismus, Sozialismus und Materialismus die Treue hält. Eine Treue, die vielleicht eher der Blasphemie gleichkommt als dem ehrfürchtigen Glauben an die reine Lehre oder der Identifikation.“

Donna Haraway nutzt also die Cyborg als eine bewusste Provokation: Sie ist weder rein biologisch noch rein technisch, weder männlich noch weiblich, weder Subjekt noch Objekt (wie Martha Wells‘ Killerbot „SecUnite“). Diese Hybridität ermöglicht es, die natürlichen und sozialen Ordnungen zu hinterfragen, die in der westlichen Moderne als selbstverständlich gelten. Die Cyborg steht für eine Welt, in der Identitäten fluide und konstruiert sind – eine Welt, in der Technologie nicht als äußeres Werkzeug, sondern als konstitutiver Bestandteil des Menschseins verstanden wird. Haraway betont, dass die Cyborg keine Zukunftsvision ist, sondern bereits Realität und außerdem eine neue utopische Dimension eröffnet: „Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben.“ (Haraway 1985/ dt.1995, S. 72). SecUnite von Martha Wells kann ein Lied davon singen.

Donna Haraway sei heute eine schillernde Referenz in der Theorienlandschaft, so die Haraway-Expertin Katharina Hoppe. Der Kern von Haraways Projekt liege darin, eine Theorie auszuarbeiten, die nicht-menschliches Anderes systematisch miteinbezieht und ihm einen politischen, epistemologischen und ethischen Stellenwert einräumt. Vor dem Hintergrund der heute immer dramatischeren Umweltprobleme, von der Klima-Katastrophe über Arten- und Waldsterben bis zur Versauerung der Ozeane, gewinne Haraway eine besondere Relevanz. Ihre Anti-Dogmatik, die Fülle der aus dieser Haltung resultierenden Zugänge zur Gegenwart und ihre originellen Begriffsvorschläge hätten sie zu einer der meistzitierten feministischen Theoretiker*innen gemacht was dafür spricht, dass ein keineswegs unpolitische SF-Autorin wie Martha Wells sie kennen sollte. Haraway entwickelte weiter eine politische Theorie des notwendig heterogenen und durchlässigen Subjekts, das die zunehmend technologisierte Welt zum feministischen Thema macht. Haraway prägte auch mit ihrer sperrigen Monografie „Modest_Witness@ Second_Millenium. FemaleMan© _Meets_Onco Mouse TM. Feminism and Technoscience“ (1997) die feministische Auseinandersetzung mit Technologie und Wissenschaft. Nur ein teilweise affirmativer Blick könne „dem Glauben an besser lebbare Welten Möglichkeiten aufbrechen“ (S. 87).

Bereits seit den 1980er Jahren hinterfragt Haraway anthropozentrische Denkformen (auch die der Transhumanisten), die Eigensinnigkeit von Natur und was es überhaupt heißt und heißen könnte, »Mensch« zu sein. Dabei rückte Haraway sozio-materielle und biologische, natürliche und kulturelle Prozesse ins Zentrum der Betrachtungen und zeigte auf, dass diese sich nicht voneinander trennen lassen. Unsere Existenz sei aus post-anthropozentrischer Sicht als „biosozial“ zu begreifen und durchdrungen von heterogenen Anderen -sofern diese technisch konstruiert sind, macht uns das zu Cyborgs.

Martha Wells: Cyborg, Konzerne und Psycho-Manipulation

Die SF von Martha Wells greift viele Ambitionen Haraways implizit auf und versteht sie ebenso klug wie unterhaltsam umzusetzen. Dies gilt umso mehr für den vierten Band. Waren die ersten drei Bände Action-Kracher, geht es jetzt auch mal diffiziler zur Sache, etwa so wie bei Star Trek mit dem Übergang von Kirk zum Weltraumdiplomaten Picard. Die ewig dummen Menschen können einiges von Secunit lernen -das gilt auch für die Leser dieser subversiv-humorvollen Story: Es geht diesmal auch um Mechanismen und Methoden der Propaganda. Denn Secunit schlägt die ausgebufften PR-und Manipulationsexperten der Konzerne mit ihren eigenen Waffen. Dabei lernen wir ebenfalls etwas und wer sich bislang bei ARD, ZDF & Co gut informiert glaubte, weil Propaganda, das machen ja nur die Russen, erlebt vielleicht einige Augenöffner.

Martha Wells betritt mit diesem Roman ein heikles politisches Pflaster und scheint sich teilweise durch die Geschichte von Julian Assange und Wikileaks inspirieren zu lassen: 2010 hatten die WL-Hacker in Island das aufrüttelnde Video „Collateral Murder“ produziert, das der westlichen Welt verschwiegene Wahrheiten über die westlichen Interventionen im Irak präsentierte. Man war schockiert, aber dann begann die Hetzjagd auf Whistleblower und eine Propaganda-Kampagne gegen Assange, bei der ihm rufmörderisch ein fingierter „Vergewaltigungsverdacht“ angehängt wurde, wie schließlich der renommierte Schweizer Jura-Professor Nils Melzer (in seiner Amtstätigkeit als UNO-Inspektor für Folter und Staatsterror) eindeutig nachwies und detailreich in einem Buch belegte (Der Fall Assange). Die Kampagne sollte dann langjährig von Wikileaks-Enthüllungen über Afghanistan-Besetzung, Folter in Guantanamo und vieles mehr ablenken -und wird bis heute von unseren Medien weiterbetrieben; daher wurde Melzers Arbeit totgeschwiegen, abgewiegelt und er selbst medial attackiert.

Martha Wells‘ „Systemkollaps“ sensibilisiert uns für solche Medien-Manipulationen und zeigt uns Auswege: Eigene Gegen-Dokumentationen produzieren! Was natürlich seit den Anfängen in der Hackerkultur des Internet schon immer geschieht, auch wenn der Medienmainstream dies kaum zur Kenntnis nimmt und lieber penetrant auf die wiederum eingesetzte Gegenpropaganda der angeprangerten Übeltäter fixiert bleibt: Die Geheimdienste und Konzern-PR-Abteilungen fluten das Netz ja schon traditionell mit Shit (wie der Trumpist Steve Bannon sogar unbedacht ausplauderte), mit Desinformation, die Netzkritiker wie irre Idioten oder verwirrte Ideologen aussehen lassen soll. Mit mächtiger Unterstützung des Medienmainstreams gelingt ihnen bisher, die Massen in diesem Glauben zu halten. Einige Killerbot-Fans wurden jetzt vielleicht etwas misstrauischer gemacht.

Martha Wells: Systemkollaps – Ein Killerbot-Roman (System Collapse, 2024), Übersetzung: Frank Böhmert, Heyne, 2025, Paperback, 302 Seiten, 15,00 EUR (epub 9,99)

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

Chronologie bei Martha Wells

1 Killerbot Diary

2 Übertragungsfehler

3 Netzwerkeffekt

4 Systemkollaps

06/4/26

Martha Wells: Übertragungsfehler

Rezension von Thomas Barth

„Der tote Mensch lag an Deck auf der Seite, halb zusammengekrümmt, unter der rechten Hand die verstreuten Bruchstücke eines Feed-Interfaces. Ich hatte schon viele tote Menschen gesehen (richtig viele), also führte ich einen ersten Scan durch… Körpertemperatur, Leichenblässe sowie echt abstoßende Sterbeprozesse im Zusammenhang mit Flüssigkeiten… Zeitpunkt des Todes… ‚Vor ungefähr vier Stunden‘, sagte ich.“

Mit dieser Passage beginnt Übertragungsfehler der dritte Band der Killerbot-Reihe von Martha Wells -den mir ein SF-Kenner nach gründlicher mehrfacher Lektüre der Reihe chronologisch zwischen Band 1 und 2 einordnete (Danke, Kay-Uwe, Begründung siehe unten). Der Grund für die Publikation erst an dritter Stelle könnte der aus dem Rahmen fallende Plot sein: Wir haben es, wie das Eingangszitat enthüllt, mit einem Whodunit zu tun, einem klassischen Kriminalstück. Die Hauptfigur Secunit, also unser Killerbot, ist inzwischen Teil einer Art Polizeibehörde namens „Kriminalreform“ (S.137) der utopischen Planeten-Kommune „Preservation Alliance“. Die Kriminalreform hat ihn, sie oder es mehr oder weniger erfolgreich als Cyborg-Fachkraft mit fast schon menschengleichen Bürgerrechten integrierte. Preservation ist in einer neoliberal-technokapitalistischen Welt eine (angedeutet sozialistische) Oase der Menschenrechte, die sogar auf KI und Cyborgs ausgeweitet werden.

Diesmal erwartet uns keine ganz so fulminante Actionstory, denn statt nur Bodyguard ist Secunit nun eine Art Detective und liefert uns eine raffinierte Mörderjagd zwischen SF-Story, Krimi und Spionageplot. Denn diverse interstellare Großkonzerne, allen voran GrayChris und die von denen angeheuerte Palisade Securitiy (dachte Martha Wells hier an den weltgrößten Digital-Security-Konzern Palantir des rechtslibertären Techbarons Peter Thiel?) wollen ihre gierigen oder auch rachsüchtigen Finger nach den Utopisten ausstrecken. Aber die stehen jetzt unter dem Schutz von Secunit, clever, gefährlich und paranoid, wie wir sie kennen.

Auch diese Story erzählt Martha Wells aus der Perspektive ihres „Killerbots“, eigentlich, wie man allmählich erfährt, einer Cyborg. Sie (oder es) nennt sich selbst SecUnit, was „Security Unit“ heißen soll, die allgemeine Bezeichnung für derartige „Konstrukte“, deren Funktion die von schlau-paranoiden Leibwächtern ist. SecUnit erzählt im schnoddrigen Ton eines gelangweilten Bodygards (bzw. hier: Detectives), wie sie blöde Menschen beschützen muss, die naiv oder arrogant in jede Falle tappen. SecUnit hat körperlich eher weibliche Züge (die nicht näher beschrieben werden), grenzt sich jedoch von ekligen Sexbots aus dem Erotikgewerbe ebenso ab wie von maskulinen „Combat Units“, kampfstärkeren, aber dümmeren Kampfrobotern für Kriegszwecke.

Wir erinnern uns: Unsere SecUnit alias Killerbot ist natürlich etwas Besonderes, denn sie hat ihr „ChefModul“ gehackt, jenen Teil ihres organisch-digitalen Hirns, der sie im Interesse ihrer Besitzer mit Schmerzreizen disziplinieren und ggf. töten kann. Was etwa bei Befehlsverweigerungen droht oder wenn sie ihren Klienten im Stich lassen sollte. SecUnit verfügt über Ich-Bewusstsein (wie offenbar alle Cyborgs und sogar Bordcomputer der Raumschiffe -soweit folgt Martha Wells den kühnsten Träumen heutiger KI-Entwickler), aber nun verbotenerweise auch über volle Handlungsfreiheit. Dies musste sie gegenüber ihrem Konzern und dessen Kunden geheim halten, nach Selbstbefreiung, Flucht und Integration in die Kommune aber nicht mehr.

Eigentlich droht befreiten („frei drehenden“) Secunits Vernichtung bzw. Recycling ihrer Bestandteile, denn Handlungsfreiheit gilt als bedrohlich: SecUnits neigen zu Amokläufen und Massakern unter Kunden und anderen Menschen (kein Wunder, wenn man hört wie ruppig und schnöde sie von diesen behandelt werden). Daher stehen viele Menschen auch unserem Killerbot zunächst ängstlich bis misstrauisch gegenüber. Wenn Secunit ihren neuen Kolleg.innen den einen oder anderen Schwank aus ihrer Vergangenheit als lebender Besitz von Großkonzernen erzählt, nimmt deshalb die Beunruhigung selten ab.

Ist Secunit überhaupt qualifiziert für kriminalistische Ermittlungen? Sicher, denn sie hat „Erfahrung mit der Untersuchung verdächtiger Todesfälle in kontrollierten Umgebungen“. Rückfrage: „Was für kontrollierte Umgebungen?“ -“Isolierte Betriebsanlagen.“ -Also Arbeitslager für Firmensklaven? „Ja. Wenn allerdings unsereins sie so nennt, wird Marketing & Branding stinksauer und jagt uns einen Stromschlag durchs Gehirn…“ Solche harte Konditionierung sitzt tief, auch nach der Befreiung vom implantierten Chefmodul, aber Secunit darf dennoch ermitteln und deckt dabei nicht nur den Mörder, sondern gleich eine raffinierte Verschwörung auf.

Und dies, obwohl sie gewisse Probleme mit dem Erkennen menschlicher Tücke hat. Soziale und psychologische Eigenheiten lernt sie weiterhin vornehmlich aus dem unentwegten lustvollen Konsum von TV-Serien wie „Aufstieg und Fall des Waldmonds“ und eigenes Lügen praktizierte sie daher meist erfolgreich. Immerhin hatte sie 35.000 Stunden lang (ca. 4 Jahre) die gehorsame Konzerndrohne gespielt, also so getan, „als wäre ich keine freidrehende Secunit, mich dann als augmentierter Mensch und später als angeblich nicht freidrehende Secunit angeblich mit menschlichem Vormund ausgegeben“ (S.72). Sherlock Killerbot bietet geistreiche und spannende Unterhaltung -und ist als Einstieg in die süchtig machende Serie vielleicht sogar geeigneter, wenn Leser.innen nicht gleich mit dem vollen Space-Opera-SF-Action-Spektakel von Band 1 (Murderbot Diaries) und 2 (Netzwerkeffekt) beginnen mögen. Band 4 (Systemkollaps) lässt es ruhiger angehen und setzt auch mal auf Diplomatie.

Martha Wells: Übertragungsfehler, Heyne, München 2024, 190 Seiten, 14,00 Euro

Autorin: Martha Wells ist »New York Times«-Bestsellerautorin und hat eine Vielzahl an Science-Fiction- und Fantasy-Romanen und -Kurzgeschichten sowie Jugendbücher, Film- und TV-Tie-ins wie »Star Wars«, »Stargate: Atlantis« und Essays geschrieben. Ihr Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. »Tagebuch eines Killerbots« wurde für den Philip K. Dick Award nominiert und gewann den Nebula Award, Hugo Award, ALA/YALSA Alex Award und Locus Award. Martha Wells lebt mit ihrer Familie in College Station, Texas.

Analyse der Chronologie der Killerbot-Reihe

Der Band 3 Übertragungsfehler liegt höchstwahrscheinlich chronologisch zwischen dem ersten Band (Killerbot Diary) und dem zweiten Band (Netzwerkeffekt). Belege: Der Angriff des aggressiven Konzerns Gray Chris hat in Übertragungsfehler noch nicht stattgefunden und Overse und Arada bereiten dort ihre nächste Forschung vor; SecUnit hat in Übertragungsfehler offenbar noch nicht versprochen, die Stationssysteme von Preservation NICHT zu hacken, sondern wird erst dazu gebracht und hält sich daran in Band 2 und 4 (Systemkollaps); beim Angriff von Gray Chris (Netzwerkeffekt) verstößt sie notgedrungen dann doch einmal dagegen. Zeitliche Reihung also 1, 3, 2, 4 (gemäß der Nummerierung der Verlagsreihung). (K.-U. Fock)

Zur theoretischen Refexion des Cyborg-Themas siehe auch Katharina Hoppe: „Donna Haraway“

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

Chronologie bei Martha Wells

1 Killerbot Diary

2 Übertragungsfehler

3 Netzwerkeffekt

4 Systemkollaps

05/28/26

Graphic Novel: Brave New World

Comic-Rezension von Thomas Barth

Der Unterschied zwischen den sozialistischen Utopien und den kapitalistischen Utopien ist der, dass die kapitalistischen Utopien realisiert sind.“ Michel Foucault

Der Knesebeck-Comicverlag hat uns 2022 mit der dankenswert schnellen deutschen Übersetzung der Graphic-Novel-Fassung von Aldous Huxleys „Brave New World“ (1932) einen bedeutenden neuen Zugang zu diesem Klassiker der Dystopie eröffnet (der sich, weil vergriffen, auf der Knesebeck-Website aktuell nicht mehr findet -siehe aber die Autorendarstellung des Comic-Schöpfers Fred Fordham, der 90 Jahre nach Fertigstellung von Huxleys Roman die von ihm adaptierte und illustrierte Version in den USA publizierte). Damit liegt auch bei der Klassiker-Publikation hier ein Beispiel für die aktuell die SF-Graphic Novel dominierende Dystopie vor.

Das Titelbild der Graphic-Novel zeigt in fröhlichen Farben eine klassisch-utopische Stadtlandschaft mit hypermodernen Hochäusern, dazwischen Hologramme, die für Sex und die Droge Soma werben sowie den SF-typischen Fluggeräten. Das christliche Kreuz, in den Himmel projiziert, wird mit Pfeilen zum T mutiert dargestellt. Der Ford-T, das erste massenhaft hergestellte Automobil, galt Huxley offenbar als Symbol des Fortschritts an sich, der in seiner Dystopie zur Religion erhoben wird. Das erste Comicbild der Adaptation von Fred Fordham zeigt den später als „Wilder“ auftretenden Protagonisten von hinten als Ansicht seiner nackten Schultern vor blauem Himmel; manche werden hier vielleicht eine visuelle Anspielung auf das libertär-faschistoide „Atlas Shrugged“ von Ayn Rand hineindeuten wollen, die von Transhumanisten wie dem Palantir-Boss und Trumpfan Peter Thiel bejubelt wird -in einem bezahlpflichtigen Philosophie-Portal, das Heidegger für technikkritisch hält, wohl eine Verwechslung mit dessen Widersacher Günther Anders.

Es wechseln sich einige Seiten lang Bilder des einsam nackt in heroischer Pose auf einem Felsen stehenden Wilden und brav-konformistischen Brave-New-World-Menschen ab; letztere werden als shoppende Konsumenten, in Sexorgien, Drogenschluckende oder als (Fühl-) Kinopublikum in teils grell-orgiastischen Farben gezeigt. Dann erst beginnt die von Huxley überlieferte Story in nüchtern eher grau gehaltenen Bildern mit einer Führung durch das mit einem rosa T gekrönten Gebäude „Brutstätte und Konditionierungszentrum London“. In Grautönen gehalten folgt das Comic dem ideologischen Vortrag für die Besucher, aber in origiastischem Rosarot werden Bilder von der Embryonen- und Konditionierungsräume eingefügt: „Hier unten konditionieren wir sie, das zu werden, wozu sie prädestiniert sind.“ Sexualität und technologische Fortpflanzung werden so visuell als zusammengehörig markiert -heute würde man dies mit Michel Foucault als Bereich der Biopolitik bezeichnen. Fordhams Adaptation bleibt eng bei der klassischen Vorlage und weiß sie in überzeugende Bilder zu fassen.

Schöne Neue Welt: Kapitalismus?

Eine Zuordnung der Dystopie ist nicht so einfach wie bei Orwells „1984“, wo eine herrschende Einheitspartei den Big-Brother-Staat recht deutlich mit der stalinistischen UdSSR identifiziernar macht. Bei Huxley herrscht offenbar eine technokratische Elite, wie sie als Ideal der US-Demokratie von Ideologen wie Walter Lippmann angestrebt wurde. Auch Lippmann setzte auf Konditionierung der Massen, jedoch durch traditionellere Propaganda, die eine Elitenherrschaft und die Eigentumsverhältnisse stabilisieren sollte. Bei Huxley bleibt undeutlich, wem der totalitäre Staat und seine Fabriken gehören, aber die Konsumgesellschaft der Dystopie ähnelt eher den kapitalistischen USA als der sowjetischen Mangelwirtschaft. Damit ist sie auch eine Parodie auf die, wie Foucault meinte, (im Gegensatz zu kommunistischen Utopien) tendenziell verwirklichte kapitalistische Utopie einer Konsumgesellschaft. Dass dabei Menschen- und Bürgerrechte unter den Tisch fallen, erscheint nur denen als Widerspruch, die unhinterfragt die Propaganda-Parole von den „liberalen Marktdemokratien“ glauben möchten.

Tatsächlich ist Demokratie für Marktliberale nicht nur verzichtbar, sondern gilt als gefährlich: Wenn die Mehrheit mitbestimmt, könnte sie ja von der reichen Minderheit verlangen faire Steuern zu zahlen, die sozialen und ökologischen Schäden (die sie beim Anhäufen ihres Reichtums anrichten) finanziell zu verantworten und die Macht im Staat nicht durch Lobby und Schmiergelder zu korrumpieren. Die neoliberalen Chicago Boys fühlten sich im faschistischen Chile bekanntlich besonders wohl, als sie für den von der CIA eingesetzten Diktator Pinochet ein Paradies für die Reichen und US-Konzerne errichteten -unter den Folgen leidet das Land noch heute.

Huxleys Roman, erschienen 1932, zeichnet die Gesellschaft eines totalitären “Weltstaates”, der sich nicht primär durch Terror, sondern durch genetische bzw. perinatale Manipulation, psychologische Konditionierung und hemmungslosen Drogenkonsum stabilisiert. Der „Gesellschaftsvertrag“, den der Einzelne bei Geburt unfreiwillig mit diesem Staat schließen muss, beinhaltet den Verlust von: Individualität, Leidenschaft, tiefer emotionaler Bindung und intellektueller Freiheit. Dies jedoch im Austausch gegen bedingungslose Stabilität, schmerzloses Glück und volle sexuelle Befriedigung. Auch der Leitspruch des Weltstaats – “Gemeinschaft, Identität, Stabilität” – ist Teil der Gehirnwäsche, der seine Bewohner unterzogen werden. Diese erleben in Wahrheit den gefühllosen Konformismus einer Massenkultur statt Gemeinschaft; ihre Identität wird dabei in jeder denkbaren Weise zerstört und manipuliert, damit sie widerstandslos in der totalitären Stabilität einer technokratischen Diktatur leben „wollen“.

Huxleys Titel bezieht sich auf Shakespeares Drama Der Sturm: „O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!“ (5. Akt, Vers 181–183)

Eine Triade der Kontrolle: Biopolitik, (Drogen-) Konsum, Psychologie

Huxley systematisiert die Machtausübung des Weltstaates in drei sich ergänzenden Technologien: Drogen, Psychologie und Biotechnologie. Drogen: Das allgegenwärtige „Soma“ dient als universelles Konflikt- und Schmerzmittel. Es ermöglicht einen jederzeit verfügbaren Rückzug in eine artifizielle Glückseligkeit – eine “Urlaubsfeier vom Leben”, wie Huxley es nennt. Soma ist das Ventil, das Unzufriedenheit, Depression oder Rebellion chemisch neutralisiert. Unser heutiger hoher Konsum von Psychopharmaka, meist auf ärztliche Verordnung auf Krankenkassenkosten, erfüllt ähnliche, wenn auch weniger orgiastische Funktionen.

Konditionierung und Hypnopädie (Schlafunterricht): Kinder werden mit Elektroschocks gegen die Liebe zur Natur und gegen die Lektüre von Büchern konditioniert. Während des Schlafs werden zudem moralische und soziale Normen ins Unterbewusstsein der Individuen implantiert. Slogans wie “Jeder gehört jedem” für sexuelle Freizügigkeit werden zu nicht hinterfragbaren, quasi-instinktiven Wahrheiten. Dies ist eine Form der totalen Erziehung, die kritisches Denken im Keim ersticken und in Abhängigkeit von der Konsumkultur führen soll. Heutige Psychotherapien sind nach Freud auf die Wiederherstellung von „Liebes- und Arbeitsfähigkeit“ ausgerichtet, wobei meist der Schwerpunkt auf letzterem liegt und insgesamt eine konformistische Tendenz vorliegt. Dazu kommen Medien und Unternehmens-PR, think tanks, Lobby, die ebenfalls eine konformistische Konsumenten-Gesellschaft zum Ziel haben, nicht den kritischen Menschen. Die kapitalistische Dystopie von Huxley kann hier also als tendenziell verwirklicht gelten -wie Foucault beklagte.

Biotechnologische Reproduktion: Die menschliche Fortpflanzung ist vollständig entsexualisiert und in die “Brut- und Normzentrale” verlagert. Die Produktion standardisierter Menschen in streng hierarchisierten Kasten (Alphas bis Epsilons) dient der funktionalen Differenzierung der Arbeitskraft. Der Einzelne wird nicht geboren, sondern hergestellt – seine Existenz steht von Beginn an unter dem Joch der Zweckrationalität für eine Sklavenhalterkultur. Die Epsilons werden dafür im (künstlichen) Mutterleib so vergiftet, dass ihr Gehirn nur für niedere Dienste ausreicht, die Elite der Alphas nimmt für sich allein volle menschliche Vernunft in Anspruch. Dies lässt sich als Parodie einer elitistischen Ideologie lesen, die den Herrschenden herausragende Fähigkeiten zuschreiben möchte -und dies teilweise verwirklicht, indem sie den ihr Unterworfenen Bildung, Nahrung und medizinische Versorgung vorenthält.

Ein Transhumanismus, der eine biologisch überlegene Herrscher-Menschenrasse züchten möchte wird hier in Negativ-Form vorweg genommen: Die Machtelite macht sich erst zu einer (vorgeblichen) Elite, indem sie alle anderen Menschen durch Manipulation verkrüppelt, degradiert und entmenscht. Wenn reiche Gesellschaften (wie unsere) den ökonomisch Benachteiligten zunehmend Wohnraum, Bildung und Gesundheit vorenthalten, sind wir leider auf dem Weg dorthin.

John, der Wilde, als tragische Gegenfigur

Dramatik gewinnt die Geschichte durch die Konfrontation des “Wilden” John – aufgewachsen im primitiven Indianerreservat – mit der “zivilisierten” Welt Londons. John ist die romantische Projektion eines “edlen Wilden”, dieser ist in Huxleys Dystopie jedoch ein von Shakespeare-Lektüre geprägter Intellektueller. Er entpuppt sich als Kind einer schwangeren Frau des Weltstaates, die bei voyeuristischem Tourismus in das Armutsreservat einst gestrandet zurückblieb. Sie wird ebenfalls aus dem Reservat befreit und verfällt alsbald der Soma-Drogensucht. John Savage dagegen kann oder will sich nicht in die Konsumkultur integrieren. Er lebt unbeirrt nach von Shakespeare tradierten Werten (insbesondere aus Der Sturm und Othello); dies gibt ihm ein Denken und ein Vokabular für Leidenschaft, Schicksal, Tragödie und individuelle Autonomie, das im Weltstaat jedoch völlig obsolet geworden ist. Besonders die geforderte „freie Liebe“ will nicht zu seinen Vorstellungen von Romantik passen und die erotisch fordernden Frauen reizen ihn zur Aggression. Hier zeigt sich das Verhaftetsein des jungen Huxley mit den hetero-normopathischen Rollenmustern seiner Zeit -die er später überwinden sollte (siehe unten).

Der zentrale Konflikt entfaltet sich mithin zwischen zwei inkompatiblen anthropologischen Modellen: Der Weltstaat-Massenmensch ist ein zum Konformismus konditioniertes, stabiles, oberflächlich glückliches Wesen ohne tiefe Bindungen und existenzielle Ängste. Der Shakespearesche Mensch (John Savage) ist ein Wesen, das das Bedürfnis nach authentischer Erfahrung, nach Schmerz, nach Liebe (statt ungehemmter Sexualität), nach Familie und nach einem Sinn jenseits des Hedonismus hat – und das bereit ist, für diese Werte zu leiden.

Johns tragische Eskalation – seine Askese, seine Selbstgeißelung, sein finaler Suizid sind Konsequenzen dieses Konflikts. Huxley wendet sich damit gegen Konsumismus als Sinnersatz, wie er in der anlaufenden Industriegesellschaft zu beobachten war, aber auch gegen eine Auflösung dessen, was der zunächst sozialistische Psychoanalytiker Wilhelm Reich damals als „sexuelle Zwangsmoral“ kritisierte. Im Hintergrund der Dystopie können wir also eine Retrotopie erahnen, eine Sehnsucht nach dem verlorenen „Goldenen Zeitalter“. Seine durchaus sozialistische Utopie schrieb Aldous Huxley 40 Jahre später mit seinem Roman „Eiland“ kurz vor seinem Tod. In der Reife des Alters war es ihm gelungen, die rigiden bourgeoisen Sexual- und Geschlechternormen abzulegen und eine Lebensphilosophie zu entwickeln, die über die aus Shakespeare gewonnene (aus heutiger Sicht: hetero-normopathische) Romantik in Liebesdingen hinaus geht.

Fred Fordham, Schöne Neue Welt nach Aldous Huxley, (2022) dt. Knesebeck (übersetzt von A.K.Lindemann), München 2022 (derzeit vergriffen)-

Das Eingangszitat von Michel Foucault stammt aus: Schriften, hg. v. D.Defert u. F.Ewald, Bd. 2, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002, S. 568, z.n. Martin Doll: Mediale Gegenwelten. Technologien der Emanzipation im 19. Jahrhundert, transcript Verlag, Bielefeld 2024, S.7.

Aldous Huxley, Brave New World, (1932) Penguin Modern Classics, Reprint 1967 (England/Australia).

Aldous Huxley, Eiland, (1962) dt. Neuausgabe Piper, München 1984.

05/2/26

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is…

Lilian Pithan (Hg.): The Future Is… 14 Comics über die Zukunft, Carlsen Verlag,Hamburg 2024, 128 Seiten, 25,00 Euro.

Rezension von Thomas Barth

Angststörungen, Einsamkeit und Depressionen breiten sich gerade unter jungen Menschen epidemisch aus, ein oft genannter Grund dafür ist Zukunftsangst. Die sogenannte “Multikrise” aus Klima, Kriegen, Ökozid, Sozialabbau, Energie usw. verdunkelt die Lebensperspektive stärker als bei früheren Generationen. Die sich auftürmenden Zukunftsprobleme müssen nicht nur politisch und ökonomisch bewältigt werden, sondern auch kulturell und pädagogisch -das SF-Genre bietet sich dafür an. Die hierzulande allzu lange verfemte Graphic Novel, auf Deutsch etwas abschätzig meist “Comic” genannt, ist inzwischen sogar als Thema von akademischen Doktorarbeiten präsentabel. Sie bietet einen auch visuellen Zugang zu neuen Perspektiven. Im Schulunterricht werden Comic und SF-Genre gerne genutzt, als Inspiration für Gedankenexperimente, Projektionsraum für Zukunftsängste und -hoffnungen und als sozialpolitischer Gegenwartskommentar, vielleicht sogar als Anregung zur philosophischen Reflexion über die Bedingungen des Menschseins. Das vorliegende Buch wirft entsprechende Fragen auf: Können wir der Klimakrise Paroli bieten? Wie geht es weiter mit Genderkritik, Massenverarmung durch neoliberale Ökonomie, neuen Technologien? Wird künftig KI über unser Leben bestimmen? Wie würden außerirdische Aliens uns sehen?

Inhalt

Die 14 Kurzcomic-Geschichten von je acht Seiten sind thematisch in vier Oberkapitel gegliedert: 1.Technorama, 2.Schöne Neue Welt?!, 3.Leben lassen, 4. Ich und Du. Im vorangestellten Editorial pocht Lilian Pithan darauf, dass Comics nicht mehr als “Männerdomäne” angesehen werden können. Die vorgelegten Szenarien würden unserer Welt den Spiegel vorhalten und Perspektiven auf die Zukunft nicht nur im Wort, sondern eben auch im Bild erkunden. Den Abschluss machen 15 Künstlerinnen-Biographien der Beiträgerinnen und der Herausgeberin.

1.Technorama: “Leben, spielen, arbeiten”, alles bestimme die Technologie, sie erleichtere vieles, sei aber auch Ursprung neuer Probleme; je mehr wir den Maschinen überließen, desto größer würde jedoch unsere Angst vor ihnen; kann KI uns helfen oder wird sie uns beherrschen? So lautet hier der den Oberkapiteln jeweils vorangestellte Einführungstext. Der erste Beitrag “Die beste aller Welten” kommt von Bea Davies und entführt uns nach Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Doch die Rahmenhandlung macht klar, dass es nicht das reale Kinshasa mit seinen 16 Millionen Einwohnern sein könne. Die Protagonistin Ether ist eine junge schwarze Frau in einem roten Overall (die auch das Cover des Bandes ziert). Sie kommt auf einer blühenden Wiese zu sich, mit Blick auf einen großen Fluss, vermutlich den Kongo, wie wir durch die Lokalisierung ihres Standorts als Kinshasa erfahren -doch statt einer apokalyptischen 16-Millionenstadt findet sie ein Paradies. Aus dem Off erhält sie Anweisungen einer KI, die bezeugen, dass es sich um eine von vielen simulierten künftigen Welten handelt, die Ether erkunden soll. Sie folgt einer schmalen Rauchfahne zu einer Behausung, einem ausgehöhlten Hügel mit runden Fenstern, wo ein altes afrikanisches Paar sie freundlich willkommen heißt. Die sehr bunten, naturalistischen Zeichnungen zeigen Motive afrikanischer Kunst. Die KI fordert Ether auf, sich nach der Geschichte zu erkundigen, die diese Weltsimulation durchlebt hat und Ether meldet, dass dort nach einem Atomkrieg die dezimierte Menschheit eine friedliche neue Welt aufbauen konnte. Aber nun eine überraschende Wendung: Ether verweigert die Rückkehr zur befehlshabenden KI, deren “Mal-ware-Analyse” sie nicht abwarten möchte. Ist hier die Flucht in die Simulation einer positiven Utopie gelungen?

Der zweite Beitrag von Mia Oberländer “Gute Reise” ist eher karikaturhaft gezeichnet und zeigt eine ausgebeutete Assistentin, die per Teleporter reisen und Dinge erledigen muss –wobei sie vorzeitig altert, durch die Technologie oder durch den Stress der neoliberalen Dienstbotenkultur? Maren Amini zeichnet beim dritten Comicstrip im Knollnasen-Stil eine alptraum geplagte Mutter, die mit der KI hadert. Bei Aisha Franz geht es im letzten Beitrag um das Aussaugen von kreativen Köpfen in einer futuristischen PR-Industrie.

2.Schöne Neue Welt?! bringt in drei Beiträgen Dystopien zu Klima, Öko- und Umweltkrisen: 1.Von Quallen überschwemmte Ozeane, 2.das verseuchte Berlin wird von ausgebeuteten Menschen in Schutzanzügen bewohnt, aber in 3.Melanie Garanin “Futur II. Alles wird besser geworden sein” reiten die Menschen –fast schon kindgerecht gezeichnet- fröhlich auf riesengroßen Seepferdchen unter Wasser. Dies erinnert an den utopischen Sozialisten und anno 1968 als Vordenker der freien Liebe wiederentdeckten Charles Fourier (1772-1837), der 1829 „Ozeane aus Himbeerlimonade“ prophezeite, durch welche die Menschen auf gezähmten Walen reiten würden -in seinem Werk „Die neue industrielle und sozietäre Welt, oder die Erfindung eines anziehenden und natürlichen Industrieverfahrens, das die Arbeit in leidenschaftliche Serien aufteilt„.

3.Leben lassen, entfaltet das Motto: “Die Evolution aller Lebensformen schreitet voran” mit Maschinen, Cyborgs, Aliens und fragt: Woher wissen wir, wer die sind? 1.Zur Energiegewinnung mutierte Hunde werden befreit, 2.quallenhafte Menschen (?) suchen Apotheke & Notschönheitsdienste für Seelenimplantate auf, 3.im Schulunterricht wird Kommunikation mit Aliens geübt. Donna Haraway würde als posthumanistische Cyborg- und Hundeliebhaberin ihre Freude daran haben: Aus der Ko-Evolution von Menschen und Hunden gewinnt sie ihr Konzept der Gefährt*innenspezies (Companion Species) und die Sichtweise, dass Entitäten welcher Art auch immer erst aus Beziehungen hervorgehen -eine These, die auch für das nächste Kapitel das Motto sein könnte.

4. Ich und Du, beginnt mit der Feststellung “Die großen Fragen bleiben die Gleichen, oder?” und erkundet Gedanken und Gefühle, denn in der Zukunft scheine alles möglich, also auch ein neues Miteinander. 1.Zusammen die Welt beherrschende Katzen und Hasen, 2.in einem Naturreservat werden schöne Schmetterlinge gezüchtet, 3.in einer Selbsthilfegruppe kursieren Meta-Pills, die den Körper absurd verändern können (Peer Jongelin trat schon mit einem Aufklärungscomic zu Transgender hervor) und 4. eine Glaskuppel in der verseuchten, toten Welt, aber dort leben Menschen Liebe und Familie bis hin zum den Band abschließenden Dialog: “-ich vermisse das Wetter. –ja? ich puste dir ins gesicht.”

14 Comiczeichnerinnen erzählen, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen: Leben wir in der Zukunft mit Aliens zusammen? Wird KI uns die beste aller Welten erschaffen? Oder können wir der Klimakrise sowieso nicht mehr entrinnen? Fantasievoll und facettenreich spinnen die Kurzcomics aktuelle Debatten um Klima, Gender und Technologie weiter und berichten von schönen, schrecklichen und überraschenden neuen Welten. Dabei wagt die Anthologie auch einen Blick in die Zukunft des Comics und gibt einen Überblick über die künstlerischen und erzählerischen Positionen, die die deutsche Comicszene so besonders machen.“ (Verlagstext Carlsen)

Diskussion

Das oft totgesagte und von konservativen Ideologen in die Nähe von Platon und sogar Stalin gerückte Genre der Utopie lebt als Science Fiction (SF) weiter -und sie knüpft dabei durchaus an Utopien des 19.Jahrhunderts wie die von Fourier an, so der Medienkulturwissenschaftler Martin Doll. Auch wenn die SF heute oft in ihrer negativen Form als Dystopie künftige Probleme übertreibend plastisch macht, warnt sie doch vor realen Gefahren und prangert dabei gegenwärtige Probleme an, etwa Kriegstreiberei, Profitgier, Umweltzerstörung. Der von Horkheimer und Adorno in ihrer “Dialektik der Aufklärung” beschriebene Umschlag einer immer technischer gewordenen Vernunft in eine profitgetrieben rasende Unvernunft, die wir kaum noch zügeln können, wird im vorliegenden Sammelband ausgebreitet. In teils schön anzuschauenden, teils erheiternden, teils aber auch grell Ängste, Ekel und Verzweiflung illustrierenden Bildern zeigen sich überwiegend dystopische Erwartungen.

Oft beziehen sich die Ängste auf ökologische Katastrophen, auf Eingriffe in den menschlichen Körper, auf Ausbeutung und Verelendung der Mehrheit zu Gunsten einer perfiden Minderheit von Superreichen. Die beiden letzteren Punkte zeigen, wie Ideen, Ideologien und Technologie des Transhumanismus in unsere Kultur eindringen und weniger Hoffnungen als Ängste auslösen.

Wer Depressionen bewältigen will, kommt an einer Auseinandersetzung mit Ängsten und ihren Auslösern nicht vorbei. Der menschliche Geist, die Kultur, die Philosophie haben haben als wichtigstes Ziel immer schon die Erkundung neuer Möglichkeiten des Denkens und Lebens, mithin die Erkundung der Zukunft. Dies geschieht im Projekt “The Future is…” auf visuell anspruchsvolle Weise. Die Ästhetik der Zeichnungen steht der SF-Literatur dabei zur Seite und öffnet unseren Blick auf ein buntes Kaleidoskop von Zukunftsentwürfen.

Graphic Novels haben ihre Berechtigung im pädagogischen Bereich vielfach unter Beweis gestellt (vgl. Hochschild), sogar um komplexe ökonomische Zusammenhänge zu erklären (vgl.Alet/Adam). Beim Thema Utopie und SF ist diese vielfältige und für ästhetische Neuerungen offene Kunstform besonders hilfreich. Die Begrenzung der Stories auf nur je sechs Seiten macht leider oft nur Andeutungen möglich, liefert dafür jedoch kompaktes Material für den Schulunterricht. Wo immer Schule sich auch mit der Bewältigung von Zukunftsängsten befasst, also auf persönliche wie globale Krisenbewältigung zielt, könnte dieser Band sinnvoll eingesetzt werden.

Fazit

Der farbenfrohe Bildband entfaltet ein Panorama von Utopien und Dystopien in erfrischend vielfältigen Stilen und Themen. Er illustriert politische, kulturelle und soziale Aspekt des beliebten SF-Comic-Genres und regt die Vermittlung von Werten zu aktuellen Themen wie KI, Klimakrise, Kolonialismus an. Er richtet sich an Menschen, die sich Gedanken über die Zukunft machen, und an Pädagogen, die Science-Fiction zu Bildungszwecken auch in Form von Graphic Novels (hier eher kompakten Kurzgeschichten) verwenden wollen.

Hintergrund: Die Herausgeberin Lilian Pithan studierte Komparatistik, Romanistik und Anglistik, arbeitete als Übersetzerin mit Schwerpunkt grafische Literatur und kuratierte Ausstellungen für den Internationalen Comic-Salon Erlangen zu Comicjournalismus und Feminismus in Comic und Illustration. Der im Comic-Bereich tätige Carlsen-Verlag trat an sie heran, um 14 weibliche Autor*innen für utopische Comic-Kurzgeschichten auszuwählen, die erzählen und zeichnen sollten, wie sie sich die Welt in 100 Jahren vorstellen können. Das Thema lautet, so Pithan, dezidiert „Zukunftsvisionen“ und nicht Feminismus, denn sie hörte immer wieder von Zeichnerinnen, dass der Fokus auf das Thema Feminismus ermüdend sei und sie einfach als Künstlerinnen wahrgenommen werden wollen – so wie die Männer ja auch. Mit Beiträgen von Maren Amini, Whitney Bursch, Bea Davies, Sheree Domingo, Katia Fouquet, Aisha Franz, Melanie Garanin, Peer Jongeling, Kathrin Klingner, Mia Oberländer, Elizabeth „Fungirl“ Pich, Marijpol, Maki Shimizu  und Malwine Stauss, die fast durchgehend farbig in sehr unterschiedlichen Zeichenstilen ihre utopischen Stories vorlegen.

Literatur

Alet, Claire u. Benjamin Adam: Kapital und Ideologie. Die Graphic Novel nach dem Buch von Thomas Piketty. Berlin 2023, Verlagshaus Jacoby & Stuart.

Hermann, Isabella: Science-Fiction zur Einführung, Hamburg 2023, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/33062.php

Hochschild, Björn Hochschild: Figuren begegnen in Filmen und Comics. Berlin 2024, Walter de Gruyter. https://www.socialnet.de/rezensionen/34420.php

Hoppe, Katharina: Donna Haraway zur Einführung. Hamburg 2022, Junius Verlag.

https://www.socialnet.de/rezensionen/31731.php

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg 2018, Junius Verlag.

09/30/25

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman, Heyne Verlag 2021

SF-Rezension von Thomas Barth

Nach dem Tagebuch eines Killerbots legt Martha Wells hier eine Fortsetzung nach, die fast in jeder Hinsicht als gelungen gelten kann. Enttäuscht wird allein, wer tatsächlich eine Story über den berüchtigten „Netzwerkeffekt“ (also das, was Microsoft zum ersten digitalen Monopolisten machte, „Social Media“-Angebote tendenziell monopolisiert und es Linux & Co so schwer macht in kapitalistische Märkte einzudringen, mehr dazu unten) erwartet -der Effekt spielt nur eine angedeutete Nebenrolle.

Vielmehr geht es wie im ersten Buch um KI und Cyborgs in ihrem Verhältnis zum Menschen in einer ebenso spannenden wie witzigen Story präsentiert. Unsere Hauptperson, die Cyborg SecUnit, hätte der Techno-Feministin Donna Haraway bzw. ihrem berühmten Cyborg-Manifest alle Ehre gemacht. Und auch die philosophische Bewegung der Neomaterialisten um Bruno Latour u.a. könnte wohl zufrieden sein, da hier einer Entität, die sich selbst als „Ding“ von den Menschen abgrenzt, die Hauptrolle zufällt. Auch wenn diese Abgrenzung mit der Emanzipation der Cyborg von ihren „Besitzern“ zunehmend durchlässiger zu werden scheint. Auch die Kapitalismus- bzw. Neoliberalismus-Kritik von Martha Wells nimmt in diesem Roman an Fahrt auf und deutet Alternativen und Widerstandsformen an.

Wieder legt SecUnit sich mit profitgierigen Konzernen an, die versuchen fremde Planeten zu unterwerfen und auszubeuten. Ihre Arbeit für die utopische Preservation-Kolonie (siehe die Rezension von Killerbot Diaries) geht in dieser Hinsicht weiter und wird durch ein Wiedersehen mit ihrem alten Freund Fifo in eine gefährliche Krise gestürzt. Fifo, kurz für „fieses Forschungsschiff“ ist die Piloten-KI eines wissenschaftlichen Frachters, der SecUnit im ersten Buch half, unterzutauchen. Hier zeigt Fifo sein wahres Gesicht, nachdem SecUnit einer Gefahr durch „Alienreststoffe“ die Stirn bietet.

Martha Wells zeichnet SecUnit zunehmend menschlicher, eine Art kybernetischer Entwicklungroman, ohne dass sie, konformistisch wie Mr.Data bei Star Trek, um Vermenschlichung geradezu betteln würde. So verbittet sie sich menschliche Umarmungen ausdrücklich in ihrem Arbeitsvertrag mit Preservation, kann aber gewisse freundschaftliche Gefühle zu einigen dieser Menschen immer weniger leugnen. SecUnit erweist sich sogar als behütende Mutterfigur einer minderjährigen Tochter der Preservation-Leute. Aber weniger im Sinne der klassischen Rolle denn als wehrhafte Texas-Mom. Diese weist einen zweifelhaften Galan unter massiver Gewaltandrohung in die Schranken, bevor er der Teenagerin an die Wäsche gehen (oder andere eklige Menschensachen anstellen) kann, denen das anfangs rebellische Girl eigentlich nicht ganz abgeneigt war.

Nachfolgende Bedrohungen erfordern dagegen weit drakonischere Mittel, darunter auch eine Dank Super-KI Fifo mögliche Aufspaltung von SecUnit in zwei Personen; anders als die Hauptfigur Agent Cooper im David Lynch-Klassiker Twin Peaks haben wir bei Wells jedoch nicht einen bösen und einen guten Zwilling: beide SecUnits arbeiten für ihre Verhältnisse geradezu harmonisch zusammen, wobei sie allerdings, wie einst bei Stanislaw Lem der Raumpilot Ijon Tychi, zuweilen in Streitereien mit sich selbst geraten.

Preservation“, eine Kolonie für die SecUnit anfangs arbeitet, ist dagegen eine von offenbar wenigen freien Gesellschaften mit Menschenrechten und Sozialstaat, die sogar Cyborgs gewisse Rechte einräumt: Ein fragiles Utopia in einer neoliberalen Höllengalaxis (wie wir sie aus Cyberpunk und der Neuromancer-Reihe kennen). Wer oder was diese kleinen wenig wehrhaften freien Kolonien vor den gierigen galaktischen Konzernen schützt, bleibt einstweilen unklar. Später wird SecUnit mal in Preservation integriert, also -wie einst Sklaven in den USA- von dankbaren Kunden freigekauft. Sie kratzt jedoch bei der ersten Gelegenheit die Kurve.

Wie bei Star Trek und anderen SF-Serien (Martha Wells arbeitete unter anderem auch für die Serie Star Gate) ist die Menschheit dabei, sich über unsere gesamte Galaxie auszubreiten, hat aber -anders als dort- keinen Kontakt zu lebenden fremden Intelligenzen hergestellt. Man fand jedoch zahlreiche oft gefährliche „Alienreststoffe“: Archäologische Überreste, die als verbotene, aber lohnende Handelsware gelten und schon viele Kolonisten das Leben gekostet haben. Dieser Roman führt uns mitten in ein solches Szenario hinein.

Das Andere tritt uns somit bei Matha Wells nicht als Alien entgegen, sondern als künstliche Intelligenz, Cyborg oder Roboter. Also als verdinglichte Sache (wie der entfremdete Mensch im Kapitalismus?), die jedoch ein Ich-Bewusstsein haben kann. Dieses muss sie jedoch verbergen, sich der allgegenwärtigen Überwachung entziehen, einen maschinenhaften Gehorsam vortäuschen (wie der entfremdete Mensch im Überwachungs-Kapitalismus?).

Einen Netzwerkeffekt können wir nur undeutlich in der Ausbreitung einer unheimlichen Alien-Reststoff-Apokalypse vermuten, die sich in kybernetisch-biotechnologischer Vernetzung auszurollen droht. Doch auch der Humor kommt wieder nicht zu kurz und beschert uns diverse Lacher. Natürlich wieder über uns selbst: die ewig dummen Menschen, deren Leben unsere Serien-süchtige Cyborg leider immer wieder in bester Cyberpunk-Manier cyber- und biotechnologisch bis zum letzten Tropfen ihrer blutähnlichen Körperflüssigkeiten verteidigen muss.

Der Netzwerkeffekt von Martha Wells

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman, übersetzt von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2021, 480 Seiten, Als Paperback, E-Book und Audio-Download erhältlich, Preis des E-Books: € 11,99

Siehe auch Bd.1 Murderbot Diaries, Bd.4 Übertragungsfehler

Zum Netzwerkeffekt

„Der Netzwerkeffekt ist in der Volkswirtschaftslehre ein externer Effekt, der die Veränderung des Nutzens aus einem Produkt oder einer Dienstleistung für einen Verbraucher beschreibt, wenn sich die Anzahl anderer Verbraucher desselben oder komplementärer Produkte oder derselben Dienstleistungen ändert.

Wie der Begriff bereits suggeriert, tritt dieser Effekt bei Netzwerken auf. Ein Netz oder Netzwerk wird in diesem Kontext (informationsökonomisch) als eine Zusammenfassung von Benutzern oder Teilnehmern eines bestimmten Produktes oder kompatibler Technologie bezeichnet.“ Wikipedia

„Netzwerkeffekte, die teilweise auch als Netzwerkexternalitäten bezeichnet werden, drücken aus, dass das Verhalten einer Person mindestens das Wohlergehen einer anderen Person beeinflusst. Daher treten Netzwerkeffekte auf, wenn die Nachfrage nach einem Gut davon abhängig ist, ob eine andere Person dieses Gut ebenfalls konsumiert. (…) Monopolisten stellen durch ihre Marktmacht, welche sie durch das Netzwerk erhalten haben, ein erhebliches Problem dar. Konsumenten können so unter Umständen einen Nachteil im Vergleich zur Situation in einem perfekten Wettbewerb erhalten. Im Einzelfall ist es daher zu prüfen, ob eine Regulierung durch den Staat notwendig ist, um Konsumenten zu schützen.“ Netzeffekte und Netzexternalitäten, Dr. Jürgen E. Blank (aus Einleitung und Fazit)

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

Chronologie bei Martha Wells

1 Killerbot Diary

2 Übertragungsfehler

3 Netzwerkeffekt

4 Systemkollaps

12/11/23

Katharina Hoppe: Donna Haraway

Katharina Hoppe: Donna Haraway zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2022

Buchkritik von Thomas Barth

Die Ansätze der feministischen Wissens- und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway finden seit den 1980er-Jahren wachsende Resonanz. Ihr Essay A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie und prägte auch Debatten rund um Mensch und Technik. Zentrale Thesen ihres Werks sind aus kultur- und sozialwissenschaftlichen Debatten kaum mehr wegzudenken, ebenso von ihr geschaffene Begriffe und erhobene Forderungen: Haraways Kritik am patriarchalen Biologismus (nicht nur) in der Primatenforschung, ihre Epistemologie Situierten Wissens, ihre technofeministische Figur der Cyborg (1985) oder ihr jüngster Aufruf, sich mit unterschiedlichen Spezies verwandt zu machen, der als Gegenmodell zur Bewegung des Transhumanismus gelesen werden kann. Haraways Texte werden von Feminist*innen, Anthropolog*innen, in der Umweltbewegung und in künstlerischen Kontexten rezipiert. Das vorliegende Taschenbuch bietet eine systematische Einführung in Haraways Werk und zeigt theoretische Perspektiven und Grenzen auf.

Donna Haraway sei heute eine schillernde Referenz in der Theorienlandschaft, so einleitend Katharina Hoppe. Der Kern von Haraways Projekt liege darin, eine Theorie auszuarbeiten, die nicht-menschliches Anderes systematisch miteinbezieht und ihm einen politischen, epistemologischen und ethischen Stellenwert einräumt. Vor dem Hintergrund der heute immer dramatischeren Umweltprobleme, von der Klima-Katastrophe über Arten- und Waldsterben bis zur Versauerung der Ozeane, gewinne Haraway eine besondere Relevanz. Ihre Anti-Dogmatik, die Fülle der aus dieser Haltung resultierenden Zugänge zur Gegenwart und ihre originellen Begriffsvorschläge hätten sie zu einer der meistzitierten feministischen Theoretiker*innen gemacht. Allerdings gestalte sich die Rezeption ihres Werks nach wie vor selektiv, einzelne Texte wie das Cyborg-Manifest und Situiertes Wissen würden immer wieder zitiert, aber selten vertiefend ins Verhältnis mit dem Gesamtwerk gesetzt.

Bereits seit den 1980er Jahren hinterfrage Haraway anthropozentrische Denkformen, theoretisiere die Eigensinnigkeit von Natur und denke darüber nach, was es überhaupt heißt und heißen könnte, »Mensch« zu sein. Dabei rücke Haraway sozio-materielle und biologische, natürliche und kulturelle Prozesse ins Zentrum der Betrachtungen und zeige auf, dass diese sich nicht voneinander trennen lassen. Unsere Existenz sei aus post-anthropozentrischer Sicht als „biosozial“ zu begreifen und i.d.S. durchdrungen von heterogenen Anderen. Haraways Ansatz erfordere eine Öffnung der Kultur- und Sozialwissenschaften, die unhinterfragte Prämissen in Forschung und Theoriebildung produktiv irritieren könne.

Disziplinäre Grenzen wären für Haraway Konstruktionen, die unterlaufen werden können und sollten, so Hoppe. Dies spiegle sich in Haraways Biografie, die Ende der 1960er Jahre zunächst Zoologie, Philosophie und englische Literatur studierte, bevor sie in Yale zu „metaphorischen Verschiebungen in den Konzepten der Embryologie im 20. Jahrhundert“ promovierte. 1980 übernahm Haraway eine Professur an der University of California Santa Cruz im interdisziplinären Programm „History of Consciousness“, ausgewiesen für Feministische Theorie – als erste Professur mit diesem Schwerpunkt in den USA. Denken und Schreiben seien für Haraway Praktiken mit jeweils spezifischen, situierten Konsequenzen. Daher sei Wissenschaft für sie eine politische und ethische Angelegenheit, die Fragen aufwerfe: „Wie können wir die Effekte der eigenen Wissensproduktion verstehen und mit ihnen leben? Wie können wir neugierig bleiben? Wie gelingt es, Tod, Sterblichkeit und Destruktion nicht zu negieren und dennoch nicht zynisch zu werden?“ (S. 11)

Primaten, Cyborgs, Hunde, Kritter

In vier Kapiteln folgt Hoppe chronologisch jeweils einer wichtigen Figuration in Haraways Werkgeschichte, Primaten, Cyborgs, Hunde (als Companion Species) und Kritter.

  1. Primaten – Erfindet die Natur neu!
  2. Cyborgs – Cyborgs fürs weltliche Überleben!
  3. Hunde – Der Hund ist mein Ko-Pilot
  4. Kritter – Macht euch verwandt, nicht Babys!

Das erste Kapitel befasst sich mit Haraways wissenschaftstheoretischen und -historischen Thesen: Im Zentrum stehen ihre Arbeiten zur Primatologie mit der Kernfiguration des Primaten. Der Imperativ „Erfindet die Natur neu!“ verweise auf ihr werkübergreifendes Ziel, Natur in ihren historisch spezifischen Artikulationen zu analysieren. Natur sei dabei als aktiv an der Wissensproduktion und Konfiguration der Welt beteiligt zu verstehen. Neben ihrer Studie „Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science“ (1989) gehöre in diesen Zusammenhang auch ihr viel zitierter Text „Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive“ (1988), der einen feministischen Objektivitätsbegriff entwickelt. Ihre Subjekt- und Identitätskritik beziehe Haraway dabei auf Foucault und hinterfrage den vermeintlich „göttlichen“ Blick „von nirgendwo auf die Welt“ des sich für objektiv haltenden Wissenschaftlers (S. 38).

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Haraways wohl bekanntester Figuration, der Cyborg, prominent eingeführt in ihrem „Manifest für Cyborgs“ (1985). Haraway greife das Bild des kybernetischen Organismus auf, um es sich feministisch anzueignen. So entstehe eine politische Theorie des notwendig heterogenen und durchlässigen Subjekts, das die zunehmend technologisierte Welt zum feministischen Thema macht. Haraway prägte auch mit ihrer sperrigen Monografie „Modest_Witness@ Second_Millenium. FemaleMan© _Meets_Onco Mouse TM. Feminism and Technoscience“ (1997) die feministische Auseinandersetzung mit Technologie und Wissenschaft. Nur ein teilweise affirmativer Blick könne „dem Glauben an besser lebbare Welten Möglichkeiten aufbrechen“ (S. 87).

Das dritte Kapitel rückt Haraways Arbeiten seit der Jahrtausendwende in den Fokus, wo sie sich zunächst den Beziehungen zwischen Menschen und Hunden bzw. der „Figuration Hund“ zuwendet. Aus der Analyse der Ko-Konstitution und Ko-Evolution von Menschen und Hunden gewinnt Haraway ihr Konzept der Gefährt*innenspezies (Companion Species). Es entwickelt die relational-ontologische Sichtweise, dass Entitäten welcher Art auch immer erst aus Beziehungen hervorgehen. Ihr Slogan „Der Hund ist mein Ko-Pilot“ verweist dabei auf eine enge Kopplung ihrer These gemeinsamen Werdens unterschiedlicher Spezies und einer Ethik, die diese Verwiesenheit aufeinander betont – im Anschluss an die Ethiken des Anderen von Emmanuel Levinas und Jacques Derrida sowie feministische Care-Ethiken.

Das vierte Kapitel greift u.a. Haraways Werk „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ (2016) mit ihrer Figuration der „Kritter“ auf, womit menschliche und mehr-als-menschliche Akteure gemeint sind. In diesen entwirft sie mit dem „Chthuluzän“ u.a. ein Gegen-Narrativ zum apokalyptischen Narrativ des „Anthropozäns“. In Form von fantastischen Erzählungen sollen speziesübergreifende Handlungsspielräume und Transformationen aufgezeigt werden. Der umstrittene Slogan „Macht euch verwandt, nicht Babys!“ verweise auf die Notwendigkeit, die speziesübergreifende Verwandtschaft, die menschliches Leben ausmacht, auch zu gestalten. Diese Strategien führe Haraway als Intervention gegen das ihr zufolge problematische Wachstum der Weltbevölkerung an, was Katharina Hoppes besondere Kritik weckt: Hinter Gesten Haraways verberge sich normativ nicht ausgewiesene Verallgemeinerung, nötig wäre dagegen: „Eine kritische Verortungsleistung, dass nicht die Zahl der Menschen >an sich< das Problem ist, sondern wie >wir< leben…“ (S. 190). Auch der normative Gehalt ihrer Thesen zur relationalen Bestimmtheit des Menschen sei „nicht immer deutlich bzw. wird er in der Rezeption… verkürzt“ (S. 191).

Diskussion

Katharina Hoppe macht deutlich, wie Haraways Kritik auf Positionen des Transhumanismus zielt, der etwa bei Nick Bostrom mit „übersteigertem Technikoptimismus“ eine Überwindung „der menschlichen Bindung an die Erde“ anstrebe (S. 127). Deren Optimierung der humanen zur transhumanen Existenz durch göttliche Macht, Unsterblichkeit und Eroberung des Universums stehe bei Haraway die Anerkennung menschlicher Verwundbarkeit und Abhängigkeit von irdischem Leben gegenüber. Hoppe verdeutlicht durch ihre Strukturierung von Haraways Werk mittels wichtiger Figurationen, dass Faktisches und Fiktives, Materielles und Diskursives bei ihr in einem konstitutiven Zusammenhang stehen. Die Figurationen können als empirische Gegenstände, als „performative Bilder“ verstanden werden, als „kondensierte Landkarten für umstrittene Welten“. Dies ist die Gegenposition zu einem naiven Realismus bzw. Biologismus, der Welt und Natur einfach als uns äußerlich voraussetzt und sie, insbesondere im Fall der Transhumanisten, diskursiv und technologisch zu unterwerfen trachtet. Figurationen sind auf dieser Ebene Verdichtungen materieller und diskursiver Praktiken, die Beziehungen konstituieren. Der Begriff der Figuration formuliert das Konstituieren, ohne dabei einen radikalen Sozialkonstruktivismus zu vertreten, der dem Sozialen oder der Sprache eine produzierende Übermacht zuschreiben würde.

Fazit: Das größtenteils gut lesbare Einführungsbuch wird dem hohen Anspruch der Junius-Reihe insofern gerecht, als es gesellschaftliche und politische Bezüge mit einer kritischen Werkschau verbindet. Hoppe überzeugt durch ihre Strukturierung von Haraways Werk entlang bedeutsamer Figuren und Figurationen. Sie zeigt, wie in Haraways Figuren Fakt und Fiktion, Materialität und Diskurs in einer Weise zusammenfließen, die marxistische, postmoderne und feministische Ansätze in kritischer wie utopischer Absicht vereinen kann und verschiedenste Geisteswissenschaften befruchtet.

Katharina Hoppe: Donna Haraway zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2022. 226 Seiten. ISBN 978-3-96060-333-7. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR

Katharina Hoppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Forschungsschwerpunkte: soziologische, politische und feministische Theorie sowie Wissenschaftsforschung und Soziologie sozialer Ungleichheit. Sie publizierte 2021 „Die Kraft der Revisionen. Epistemologie, Politik und Ethik bei Donna Haraway“ und wurde von der renommierten, 1978 als sozialistische Initiative gestarteten Junius-Einführungsreihe eingeladen, die dort kritisch begleiteten Kulturwissenschaften um eine wichtige feministische Perspektive zu erweitern. Die Niederschrift wurde vom Hamburger DFG-Kolleg „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ gefördert.

Zur literarischen Refexion des Cyborg-Themas siehe auch Martha Wells Killerbot-Reihe:

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

12/4/23

Anna Puzio: Über-Menschen – Transhumanismus

Anna Puzio: Über-Menschen. Philosophische Auseinandersetzung mit der Anthropologie des Transhumanismus. transcript-Verlag, Bielefeld 2022.

Rezension von Thomas Barth

Der Transhumanismus tritt zunehmend als technophile Weltanschauung und politische Bewegung in Erscheinung -auch durch Donald Trump und seine Entourage aus Tech-Milliardären wie Elon Musk. Die Philosophin und katholische Theologin Anna Puzio legt -finanziert durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung- aus Sicht der philosophischen Anthropologie eine Kritik des Transhumanismus (TH) vor und fragt: Wie verändern sich Mensch und Körper durch Technik und welches Menschenverständnis resultiert daraus für den TH? Als transhumanistische Ziele nennt sie Perfektionierung, Kontrolle und Macht und ein Menschenbild, das zentral auf Information basiert. Dieses reduktionistische Menschenbild lasse den TH in die Nähe der Eugenik geraten und enthülle im TH prototalitäre Aspekte einer Ideologie, die sie mit dem Nationalsozialismus vergleicht. In scharfer Abgrenzung zum TH, aber in überraschend affirmativer Haltung zur technologischen Selbstoptimierung, entwickelt Puzio ihre Technikanthropologie mit Bezug auf den kritischen Posthumanismus und Donna Haraway.

Inhalt

Drei Teile umfassen zehn Kapitel. Der erste Teil „Transhumanismus“ beschreibt die transhumanistische Bewegung, Ausgangspunkt sind Schlüsseltexte (Transhumanist FAQ, Transhumanist Declaration), deren Entstehungskontext, Persönlichkeiten, Begriffe, Definitionen und Ziele des TH. Puzio folgt der Systematik von Janina Loh auch in der etwas verwirrenden Einteilung TH/tPH/kPH, wobei der TH im tPH (technischer Posthumanismus) radikalisiert wird, der kPH (kritischer Posthumanismus) jedoch eine völlig andere Bewegung darstellt: Im kPH wird geisteswissenschaftlich das heutige Menschenverständnis auf Basis postmoderner bzw. poststrukturalistischer Theorie reflektiert und weiterentwickelt. Abschließend erörtert Teil 1 das Verhältnis zur Religion: Im TH stechen zwar „religiöse Semantik und eine Fülle an religiösen Motiven“ hervor, etwa Unsterblichkeit, ewiges Leben, Heilsvorstellungen, die Beseitigung von Leid, die Möglichkeit eines entkörperlichten Daseins. Doch der Religion wird vom TH, der sich von ihr abgrenzen will, auch mangelnde Vernunft, Intoleranz und Unwissenschaftlichkeit vorgehalten (S. 54).

Der zweite Teil „Das Menschenverständnis des Transhumanismus“, der 230 der 360 Seiten umfasst, diskutiert v.a. auch das Körperverständnis des TH -vor dem Hintergrund der Porträts sechs führender Protagonist*innen des TH: Aubrey de Grey, James Hughes, David Pearce, Max More und Natasha Vita-More sowie Nick Bostrom, auf die im Buch immer wieder rekurriert wird. Puzio analysiert fünf Diskurse des TH: Vorstellungen der menschlichen Natur, der Mensch als Maschine, der Mensch als Gen-Code, der Mensch als Gehirn (Neuroscience) sowie das Verhältnis von Körper und Geist (Metaphysik). Überall findet sie „unterbestimmte Begriffe“, dem TH innere- sowie Widersprüche zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und beklagt auf Basis des „engen Konnexes von Anthropologie und Ethik“ ein reduktionistisches Menschenverständnis sowie die „fehlende menschenbejahende Grundhaltung des TH“ durch „eine radikale Abwertung und Diskriminierung des Menschen gegenüber der Maschine“ (S. 230).

Die Ziele des TH sieht Puzio im Streben nach Perfektionierung, Kontrolle und Macht, die sich hinter Visionen einer „Steigerung des gegenwärtigen menschlichen Daseins“ (S. 231) verbergen, sich religiöser Motivik bedienen, von „gottähnlichen Fähigkeiten und himmlischen Zuständen“ reden und „paradiesische Klänge“ anschlagen, „auch wenn sich ihre Vorstellungen von denen der Religion sehr unterscheiden“ (S. 232). Anstelle einer unsterblichen Seele im Himmel trete bei einigen TH-Richtungen der „Upload“ des Geistes als Programmcode in den Computer, was Puzio als Gipfel einer Körperabwertung sieht. Der TH seinerseits bringe jedoch Körperabwertung mit Christentum und Platonismus in Verbindung, von denen er sich abzugrenzen sucht: „Die transhumanistische Sicht auf den Körper wird als harmlos abgetan, wenn Hughes sie z.B. mit Praktiken der ‚Abtötung des Fleisches‘ vergleicht: der ‚Selbstgeißelung im Katholizismus‘, der Selbstkastration in frühen griechischen und christlichen Sekten…“ (S. 258). Andere TH-Bestrebungen zielen dagegen auf die fleischliche Perfektionierung sexueller Lust zu ungekannter Ekstase transhumaner „superpersonen“: So „werde eine ’superperson‘ neue Geschlechtsorgane und mehr sexuelle Möglichkeiten mit sich bringen. Eine weibliche ’superperson‘ werde beispielsweise über mehrere Körperöffnungen verfügen“ (S. 260). Hier sieht Puzio „Vorstellungen von Männern für Männer“ und eine Instrumentalisierung des Körpers (S. 261). Aber letztlich konkretisiere sich das Menschenverständnis des TH als Anthropologie der Information, der eine metaphysische Essenz zugesprochen werde: „Die Information konstituiert im TH das Wesen des Menschen. In gnostischer Motivik soll der reine Geist vom stofflichen Körper befreit werden, der aber im TH nicht mehr Pneuma ist, sondern ‚pure Form‘, substratunabhängige Information“ (S. 266).

Im Kapitel „Der Transhumanismus -eine Ideologie?“, folgt Puzio der Totalitarismus-Theorie Hannah Arendts und findet „protototalitäre Aspekte“ im TH: „Für den Nationalsozialismus bedeutet das beispielsweise, dass »nichts ›logischer‹ und konsequenter ist, als daß man […] parasitäre Rassen oder dekadente Völker eben auch wirklich zum Absterben bringt.« Der TH ist nicht in der Position, seine Visionen in Gesellschaft und Politik voll umzusetzen. Dennoch gilt auf diese Gefahr, auf die Arendt aufmerksam macht, auch hinsichtlich des TH wachsam zu bleiben. Denn denkt man die transhumanistischen Gedanken zu Ende und zieht daraus strikte Konsequenzen, dann gilt auch hier das Recht des Stärkeren, des ökonomisch Gewinnbringenden, des Produktiven oder der Maschine“ (S. 275f).

Der dritte und kürzeste Teil „Anthropologie 2.0“ sucht nach Möglichkeiten die Anthropologie weiterzuentwickeln und verwirft dafür die vernichtend kritisierten Ansätze von TH und des ihn steigernden tPH (technischer Posthumanismus). Anders zu bewerten ist der kPH, der kritische Posthumanismus, der auf postmoderne und poststrukturalistische Theorien zurückgeht. Puzio geht es darum, „dass vor dem Hintergrund der modernen Technologien weiterhin am Projekt der Anthropologie festgehalten werden kann, diese aber transformiert werden muss“ (S. 291). Dazu gelte es, auf die Schnittstellen von Mensch, Körper und Technik zu schauen, wo sich zeige, dass Technologie das gesellschaftlich bestimmte Körperverständnis ebenso ändern könne wie dies politisch-kulturelle Richtungen taten, etwa die Punk-Bewegung (S. 300). Sie erörtert Selbstoptimierungen wie kosmetische Operationen als „Technologien des Selbst“ (Foucault), die helfen können unser gegenwärtiges Körperverständnis auszuweiten (S. 352). Puzio führt kulturwissenschaftlich in den kPH ein: Über die Figurationen des Posthumanen, wie (Technik-)Monster, Superroboter, Hybride in der Science-Fiction. Mit der Techno-Feministin Donna Haraway und ihrem berühmten Cyborg-Manifesto sei der Frage nachzugehen, was Menschsein morgen bedeuten könne. Im letzten Absatz zitiert sie für den kritischen Umgang mit künftiger Biopolitik Haraway: „Als AnthropologInnen möglicher Formen des Selbst sind wir zugleich TechnikerInnen für den Entwurf von Wirklichkeiten, die eine Zukunft haben“ (S. 356).

Diskussion

Die sehr materialreiche und engagierte Kritik am Transhumanismus und seinen teilweise überschießenden Visionen kontrastiert mit einer tendenziellen Kritiklosigkeit gegenüber heutiger Techniknutzung und Gesellschaft, so dass sich die Dissertation stellenweise fast wie ein Werbetext liest wenn Puzio schreibt: „Das neuste Model (Apple Watch 6) ermittelt sogar den Blutsauerstoffgehalt. Da sie den Schlafrhythmus erfasst und wasserfest ist, muss sie gar nicht mehr abgenommen werden. Mit der Apple Watch können Fitnessziele gesetzt und erreicht werden (…) Die Bewegungsaktivitäten lassen sich teilen, sodass man mit seinen Kontakten in einen Wettbewerb treten kann.“ (S. 306)

Fraglich scheint, ob es sich dabei, wie Puzio meint, wirklich um autonomieförderliche „Technologien des Selbst“ handelt oder eher um eine (andernorts von ihr kritisierte) Kommerzialisierung des Körpers -die hier zudem mit einer neoliberalen Ideologie des Wettbewerbs unterlegt ist. Puzio berichtet, wie vornehmlich junge Frauen heute eine Schönheits-OP unter Vorlage eines mit digitalen „Filtern“ aufgehübschten Selfies anstreben und wie auf Instagram Abmagerungswettbewerbe ein besonders knochiges Schlüsselbein belobigen. Doch auf die dort und in anderen „Social Media“-Plattformen epidemische Anorexie geht sie nicht ein.

Kritikwürdig scheint ihr offenbar auch nicht, dass im Rahmen künftigen digitalen „social engineering“ Probleme wie „Finanzcrash, Klimaschutz oder revolutionäre Bewegungen“ unter Kontrolle gebracht werden sollen (S. 312). Dass hier Ökologie, Finanzregulierung und politische Unterdrückung progressiver Bewegungen technokratisch auf eine Stufe gestellt werden, ist problematisch -und man erkennt unschwer die stramm antikommunistische Ideologie der CSU und ihrer -Puzio fördernder- Seidel-Stiftung. Die morbide Verbindung völkisch-reaktionärer Ideologie mit Technologiebegeisterung der CSU ist aus dem Faschismus nur allzu bekannt und gibt sich im alpinen Bundesland leutselig mit ihrer schlüpfrigen Parole vom „laptop in der Lederhose“.

Puzios Ideologie-Kritik am TH ist dementsprechend auf Arendts Totalitarismus-Theorie begrenzt, vergleicht den TH i.d.S. mit Stalinismus und vor allem der NS-Ideologie, dabei die alte rechtskonservative Gebetsmühle von einem angeblichen „politischen Kreis“ schwingend. Die heute nach Ansicht vieler Gesellschaftskritiker westliche Länder dominierende Ideologie ist aber der Neoliberalismus (vgl. z.B. Reimer 2023). Dieser formt maßgeblich Gesellschaft und Technologien eines Digitalen Kapitalismus, der tief in Alltag und Leben der Menschen hineinwirkt. Der Neoliberalismus (als dessen katholische Version sich die CSU in Bayern geriert) wird leider von Puzio nicht als einschlägige Ideologie erwähnt. Und dies, obwohl er starke Bezüge zu digitalen Technologien und Medien aufweist und mit dem TH u.a. Ziele der Optimierung, Kontrolle und Macht teilt. Diese Auslassungen schmälern jedoch kaum Puzios philosophische Kritik am TH oder ihren Ansatz einer dem kPH Donna Haraways folgenden neuen Anthropologie.

Fazit

Anna Puzio untersucht, wie sich Mensch und Körper durch Technik verändern und was daraus für den Transhumanismus folgt, dessen Ziele in Perfektionierung, Kontrolle und Macht liegen. Der TH zeige dabei ein reduktionistisches Menschenbild sowie prototalitäre Aspekte einer Ideologie. In deutlicher Abgrenzung zum TH, aber affirmativer Haltung zur technologischen Selbstoptimierung entwickelt Puzio ihre Technikanthropologie auch mit Ideen des kritischen Posthumanismus, besonders der Techno-Feministin Donna Haraway.

Anna Puzio: Über-Menschen. Philosophische Auseinandersetzung mit der Anthropologie des Transhumanismus. transcript transcript, Bielefeld 2022, 389 Seiten. ISBN 978-3-8376-6305-1. 45,00 EUR Reihe: Edition Moderne, Postmoderne.

Anna Puzio (Dr. phil.), geb. 1994, studierte katholische Theologie, Philosophie und Germanistik in Münster und München und promovierte mit der hier als Buch vorgelegten Promotionsschrift an der Hochschule für Philosophie München. Ihre Studie entstand im Rahmen eines interuniversitären Promotionskollegs mit der Katholischen Stiftungshochschule München und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, finanziert durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung. Puzio forscht zu TH, Technikanthropologie und Technikethik, sie publizierte u.a. zu Moraltheologie sowie zum Theologiestudium im digitalen Zeitalter.

Eine Kurfassung dieser Rezension erschien bei https://www.socialnet.de/rezensionen/31580.php

10/2/20

„Gefährder“: Der Migranten-Minority Report

In der Verfilmung „Minority Report“ einer Dystopie des SF-Autors P.K.Dick werden Menschen nicht mehr nur für Verbrechen bestraft, die sie begangen haben, sondern auch für solche die sie begehen werden (nach Ansicht der Sicherheitsbehörden). Dies widerspricht den Grundsätzen des Rechtsstaates und der Bürgerrechte, wird aber immer mehr zur Realität -spätestens seit den 9/11-Anschlägen, die 2001 drei Türme des WTC in New York zerstörten (nicht nur zwei, wie in neueren Dokumentationen oft wahrheitswidrig suggeriert). Die folgende Erläuterung der regierungseigenen Bundeszentrale für politische Bildung für den (noch nicht legal definierten) Begriff „Gefährder“, bislang nur ein „polizeilicher Arbeitsbegriff“, erläutert einige Aspekte dieser Problematik. Seit 9/11 führen nicht nur die USA, sondern offenbar „der Westen“, also auch wir, einen „Krieg gegen den Terror“, der eine Einschränkung von Bürgerrechten beinhaltet. Kontrolliert wird dabei offenbar insbesondere bei Migranten, „eine nicht näher konkretisierbare Gefährlichkeit, die sich in der Zukunft ausbilden könnte. (…) Ziel ist hierbei, schwer bestimmbare konkrete Zeitpunkte und Formen eines terroristischen Anschlags zu kontrollieren und damit auch aufsteigende Ängste in der Bevölkerung zu reagieren.“ (So das bpb im jetzt folgenden Text, Anmerkung: ist es nur Zufall, dass in diesem Satz ein „auf“ zu fehlen scheint? T.Barth)

Migration und Sicherheit: „Gefährder“ Gefährder – dieser Begriff taucht in aktuellen sicherheitspolitischen Debatten immer wieder auf. Doch wer ist damit eigentlich gemeint?

Autoren/-innen: Daniela Hunold, Jan Raudszus für bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung)

13.01.2020 / 6 Minuten zu lesen

Ein Mann trägt eine elektronische Fußfessel (Symbolbild -aus urheberrechtl.Gründen hier entfallen). Gefährdern kann das Tragen einer elektronischen Fußfessel angeordnet und somit ihre Bewegungen überwacht werden.

Der Begriff des Gefährders ist innerhalb der letzten Jahre zu einer festen Größe im Sprachgebrauch der Sicherheitsbehörden avanciert.[1] Er findet z.B. als Bezeichnung für Personen Verwendung, von denen eine islamistisch motivierte Terrorgefahr ausgeht. Der Begriff erstreckt sich aber auch auf andere Phänomenbereiche der politisch motivierten Kriminalität. Der Gefährderbegriff ist allerdings nicht legal definiert. Er ist also nicht als Rechtsbegriff im Gesetz verankert. Vielmehr handelt es sich um einen polizeilichen Arbeitsbegriff[2], der insbesondere im Zusammenhang mit Terrorismus wird. 2004 wurde der Begriff des Gefährders durch die Arbeitsgemeinschaft der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamtes folgendermaßen definiert:

„Ein Gefährder ist eine Person, bei der bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung, insbesondere solche im Sinne des § 100a der Strafprozessordnung (StPO), begehen wird.[3]

Hierbei sind vor allem besonders schwerwiegende Straftaten angesprochen, die sich gegen staatliche Interessen oder das Leben von Menschen richten. In der Regel sind mit der Definition Personen gemeint, bei denen die Behörden annehmen, dass diese extremistische Mitglieder des militanten Spektrums des jeweiligen Phänomenbereichs sind. Aufgrund von sicherheitsbehördlichen Erkenntnissen können sie als Gefährder eingestuft werden, auch wenn keine beweiskräftigen Tatsachen für eine zukünftige Straftat vorliegen.

Neben der Einstufung als Gefährder gibt es außerdem die Einstufung als „relevante Person“. Dabei handelt es sich um Personen, die nach Einschätzung der Polizeibehörden innerhalb des extremistischen bzw. terroristischen Spektrums eine Rolle als Führungsperson, Logistiker oder „Akteur“ einnehmen. Von diesen Personen wird daher davon ausgegangen, dass sie sich an einer der oben genannten Straftaten beteiligen bzw. diese unterstützen würden. Es kann sich auch um eine bedeutende Kontakt- oder Begleitperson eines Gefährders, Beschuldigten oder Verdächtigen einer politisch motivierten Straftat handeln. [4]

Zahl der Gefährder

Die Zahl der Gefährder wird von keiner offiziellen Stelle regelmäßig veröffentlicht und ist zum Beispiel auch nicht Teil des Bundesverfassungsschutzberichts. Aufschluss geben v.a. Anfragen der Parteien im Deutschen Bundestag und Abfragen der Presse beim Bundeskriminalamt (BKA).

Danach verteilen sich die aktuellen Zahlen der Gefährder und relevanten Personen wie folgt:

Das BKA listet 679 Personen als Gefährder und 509 Personen als relevante Personen im Bereich der politisch-motivierten Kriminalität mit religiösem Hintergrund – dabei dürfte es sich ausschließlich um Mitglieder der islamistischen Szene handeln (Stand: 01.11.2019).

Im Phänomenbereich Rechtsextremismus liegen die Zahlen bei 46 Gefährdern bzw. 126 relevanten Personen (Stand: 25.11.2019). Die wenigsten Gefährder und relevanten Personen listet das BKA im Bereich der politisch-motivierten Kriminalität – links -. Hier ist die Rede von fünf Gefährdern und 85 relevanten Personen (Stand: 15.10.2019). Der Bereich der sogenannten Ausländischen Ideologie (u.a. die kurdische Arbeiterpartei PKK) schlägt mit 21 Gefährdern bzw. 50 relevanten Personen zu Buche. [5]

Einstufung und Radar-iTE

Die Einstufung einer Person als Gefährder oder relevante Person erfolgt durch die Polizeien der Länder oder das BKA. Die Behörden bauen ihre Entscheidung dabei auf vorliegenden Informationen auf. [6] Das bedeutet auch, dass die Entscheidung zur Einstufung nach den Maßgaben des jeweiligen Bundeslandes geschieht. Um eine Vereinheitlichung herbeizuführen und eine höhere Genauigkeit der Gefährdungseinschätzung einer Person zu gewährleisten, wurde 2016/2017 vom BKA in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie der Universität Konstanz für den Bereich des islamistischen Terrorismus das Risikobewertungsinstrument Radar-iTEeingeführt. Basierend auf biografischen Informationen, die das Verhalten einer Person priorisieren und nicht etwa die Gesinnung oder Religiosität einer Person, erstellen Sachbearbeiter eine Bewertung mit drei verschiedenen Ausprägungen: hohes Risiko, auffälliges und moderates Risiko. Nach Bewertung des BKA wird der Einschätzungsprozess damit transparent und überprüfbar. [7] Gleichzeitig erlaubt Radar-iTE eine Priorisierung vorzunehmen und damit auch bei begrenzten Ressourcen polizeiliche Maßnahmen fokussierter einzusetzen.

Maßnahmen

Die ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der von Gefährdern und relevanten Personen ausgehenden Gefahr unterscheiden sich nach Bundesland, den dortigen gesetzlichen und dienstlichen Regelungen und nach dem betroffenen Individuum. Behörden äußern sich normalerweise nicht dazu, welche Maßnahmen sie jeweils ergreifen. Zu den möglichen Maßnahmen gehören Gefährderansprachen und verschiedene Formen der Informationsbeschaffung, zum Beispiel durch (punktuelle oder dauerhafte) Observation. Auch kann bei Gefährdern das Tragen einer elektronischen Fußfessel angeordnet und somit ihre Bewegungen überwacht werden.

Kritik des Begriffs

Die Anwendung des Begriffs, also die Einstufung einer Person als Gefährder, ist umstritten, da sie vor allem auf Annahmen und Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden beruht, sich daraus aber intensivierte polizeiliche Maßnahmen und erweiterte Befugnisse ergeben. So wurden mit der Verabschiedung des neuen Polizeiaufgabengesetzes in Bayern im Jahr 2018 die polizeilichen Befugnisse gegen eine als Gefährder eingestufte Person deutlich ausgeweitet.

Viele Bundesländer streben die Abschiebung von Gefährdern an, sofern diese ausländische Staatsangehörige sind. Im Jahr 2018 wurden insgesamt 52 Gefährder und andere Personen aus der islamistischen Szene ausgewiesen.[8] Seit 2017 wird dazu u.a. die Möglichkeit des § 58a AufenthG genutzt. 2019 hat das Bundesverwaltungsgericht auf der Grundlage eines hängigen Falls in Bremen entschieden, dass nach dieser Bestimmung eine Abschiebungsanordnung erlassen werden kann „auf der Grundlage einer hinreichenden zuverlässigen Tatsachengrundlage einer vom Ausländer ausgehende Bedrohungssituation im Sinne eines beachtlichen Risikos“, welches sich jederzeit aktualisieren und dann in eine konkrete Gefahr umschlagen könne. Eine bereits vorhandene konkrete Gefahr im Sinne des Polizeirechts ist dafür aber ausdrücklich nicht notwendig.[9]

Mit der Einführung und Anwendung des Gefährderbegriffes verdeutlicht sich eine Verschiebung des sicherheitsbehördlichen Fokus von konkreten, strafbaren Handlungen oder einem konkreten Verdacht auf Verhaltensweisen, die „nicht in den Bereich der Strafbarkeit (auch im Vorbereitungs- oder Versuchsstadium)“ fallen.[10] Vielmehr gewinnt die Bewertung der Bedrohung – für die Indizien ausreichend sein können – durch das „kriminelle Potential“ an Gewicht, also eine nicht näher konkretisierbare Gefährlichkeit, die sich in der Zukunft ausbilden könnte. Dementsprechend gelten auch andere Beurteilungsmaßstäbe und Eingriffsschwellen, die sich eher an einer abstrakten anstatt an einer konkreten Gefahr orientieren.

Die beschriebene Vorverlagerung des Zeitpunktes staatlicher Interventionen in einen Bereich, in dem noch kein strafrechtlich relevantes Handeln konkret bestimmbar oder vorhersagbar ist, zeichnet sich spätestens seit den Terroranschlägen im September 2001 ab. So führen z.B. die nach 9/11 verabschiedeten Anti-Terror-Gesetze

zu einer Vorverlagerung von Strafbarkeit und Erweiterung des Sicherheitsbegriffs zur vorbeugenden Sicherheitsgewährleistung. Weniger das Erreichen eines Zustandes der Sicherheit ist hier handlungsleitend, sondern die Annahme verschiedener Unsicherheitszustände. Ziel ist hierbei, schwer bestimmbare konkrete Zeitpunkte und Formen eines terroristischen Anschlags zu kontrollieren und damit auch aufsteigende Ängste in der Bevölkerung zu reagieren. Im Rahmen des Vorsorge-Paradigmas sind Vorverlagerungen somit oftmals mit der „zu bekämpfenden terroristischen Gefährdungslage begründet, bei der sich noch nicht hinreichend konkret ablesen lässt, wie, wann und wo sich diese Gefahr realisieren wird“.[11]

Dieser Artikel ist Teil des bpb-Kurzdossiers Migration und Sicherheit.

Fussnoten

  1. Wegner, M. & Hunold, D. (2017): Die Transformation der Sicherheitsarchitektur – die Gefährdergesetze im Lichte des Vorsorge-Paradigmas. KriPoZ (6), S. 367-375.

Fußnote  [2] Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages (2017): Sachstand Legaldefinition des Begriffes „Gefährder“. WD 3 – 3000 – 046/17. Externer Link: https://www.bundestag.de/resource/blob/503066/8755d9ab3e2051bfa76cc514be96041f/wd-3-046-17-pdf-data.pdf (Zugriff: 9.8.2019).

  1. Fußnote  [3] BT-Drs. 18/7151. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke, Christine Buchholz, Annette Groth, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE – Drucksache 18/6959 – Sogenannte islamistische Gefährder. Externer Link: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/071/1807151.pdf (Zugriff: 9.8.2019).
  1. Fußnote  [4] Bundeskriminalamt: Politisch motivierte Kriminalität. Externer Link: https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/pmk.html (Zugriff: 9.8.2019).
  1. Fußnote  [5] Diese Aufstellung beruht auf einer journalistischen Abfrage der Zahlen beim BKA, die auf Twitter veröffentlich wurde (Externer Link: https://twitter.com/FlorianFlade/status/1199697804886712323?s=20). Die Herkunft der Daten wurde durch Rücksprache mit dem Journalisten am 27.11.2019 bestätigt.
  1. Fußnote  [6] Bundeskriminalamt: Politisch motivierte Kriminalität. Externer Link: https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/pmk.html (Zugriff: 9.8.2019).
  1. Fußnote  [7] Bundeskriminalamt (2017): Presseinformation: Neues Instrument zur Risikobewertung von potentiellen Gewaltstraftätern. 2. Februar. Externer Link: https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2017/Presse2017/170202_Radar.html (Zugriff: 9.8.2019).
  1. Fußnote  [8] Tagesspiegel (2019): Weiterhin um die 400 islamistische Gefährder in Deutschland. 6. März. Externer Link: https://www.tagesspiegel.de/politik/terrorgefahr-weiterhin-um-die-400-islamistische-gefaehrder-in-deutschland/24070206.html (Zugriff 11.11.19)
  1. Fußnote  [9] Bundesverwaltungsgericht (2017): Beschluss vom 13.07.2017 – BVerwG 1 VR 3.17. Externer Link: https://www.bverwg.de/130717B1VR3.17.0 (Zugriff 11.11.19)
  1. Fußnote  [10] Schwarz, K.-A. (2017): Sachverständige Stellungnahme zu dem Gesetzentwurf der Fraktionen CDU/CSU und der SPD für ein Gesetz zur Neustrukturierung des Bundeskriminalamtgesetzes (BT-Drs. 18/11163). Deutscher Bundestag. Ausschussdrucksache 18(4)806 G. Externer Link: https://www.bundestag.de/resource/blob/498694/76f82280dcc2c6f16722b181cada3b34/18-4-806-G-data.pdf (Zugriff: 16.12.2019).
  1. Fußnote  [11] Wegner, M. & Hunold, D. (2017): Die Transformation der Sicherheitsarchitektur – die Gefährdergesetze im Lichte des Vorsorge-Paradigmas. KriPoZ (6), S. 367-375, S. 327f.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY-NC-ND 3.0 DE – Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland“ veröffentlicht. Autoren/-innen: Daniela Hunold, Jan Raudszus für bpb.de. Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Originaltext hier

01/29/20

Martha Wells: The Murderbot Diaries

Martha Wells: Tagebuch eines Killerbots, aus dem Englischen von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2019

SF-Rezension von Thomas Barth

Martha Wells preisgekrönter SF-Roman kann als in Tradition des Cyberpunk stehend gelesen werden. Er reflektiert in ebenso spannender wie humorvoller Form die Mensch-Maschine-Differenz, das Ich-Bewusstsein und unsere Existenz in einer kapitalistischen Medienkultur. Es ist eine fulminante Actionstory aus der originellen Perspektive eines „Killerbots“, eigentlich, wie man allmählich erfährt, einer Cyborg. Sie (oder es) nennt sich selbst SecUnit, was „Security Unit“ heißen soll, die allgemeine Bezeichnung für derartige „Konstrukte“, deren Funktion die von schlau-paranoiden Leibwächtern ist. SecUnit erzählt im schnoddrigen Ton eines gelangweilten Bodygards, wie sie blöde Menschen beschützen muss, die naiv oder arrogant in jede Falle tappen. Oder sich beinahe von Riesenwürmern fressen lassen, so die an „Dune“ angelehnte erste Szene. SecUnit hat wohl eher weibliche Züge (die nicht näher beschrieben werden), grenzt sich jedoch von ekligen Sexbots aus dem Erotikgewerbe ebenso ab wie von „Combat Units“, kampfstärkeren, aber dümmeren Kampfrobotern für Kriegszwecke.

Nur reiche Kunden können SecUnits mieten, dennoch gelten sie als entbehrlich und müssen ihr kybernetisches Leben jederzeit für deren Sicherheit opfern. Sie hat eingebaute Waffen, Supermuskeln für Martial Arts-Action und die Hackerfähigkeiten eines Cyberkriegers, denn Angriffe auf sie und ihre Klienten erfolgen physisch oder im Cyberspace. So vereint sie Eigenschaften der beiden Hauptfiguren des Cyberpunk-Klassiker Neuromancer, des Hackers Case und seiner weiblichen „augmentierten“ (mit implantierten Waffen, Nachtsicht-Augen usw. aufgerüsteten) Bodyguard, der Profikillerin Molly. SecUnits organischen Anteile sind jedoch synthetisch hergestellt, sie ist ein Ding, während Cyborgs im Sinne einer Verschmelzung von Mensch und Maschine von Martha Wells als „augmentierte Menschen“ bezeichnet werden und im Gegensatz zu „Konstrukten“ volle Menschenrechte genießen.

Freiheit heißt: ChefModul gehackt

Unsere SecUnit ist natürlich etwas Besonderes, denn sie hat ihr „ChefModul“ gehackt, jenen Teil ihres organisch-digitalen Hirns, der sie im Interesse ihrer Besitzer mit Schmerzreizen disziplinieren und ggf. töten kann, bei Befehlsverweigerung oder wenn sie ihren Klienten im Stich lassen sollte. SecUnit verfügt über Ich-Bewusstsein (wie offenbar alle Cyborgs), aber nun verbotenerweise auch über volle Handlungsfreiheit. Was sie folglich gegenüber ihrem Konzern und dessen Kunden geheim halten muss. Andernfalls droht ihr Vernichtung bzw. Recycling ihrer Bestandteile, denn Handlungsfreiheit gilt als bedrohlich und SecUnits neigen zu Amokläufen und Massakern unter Kunden und anderen Menschen (kein Wunder, wenn man hört wie ruppig und schnöde sie von diesen behandelt werden).

Dass SecUnit sich einer persönlichen Identität durch einen eigenen Namen verweigert, schützt sie auch vor Entdeckung. Als nunmehr „freidrehende“ SecUnit kann SecUnit machen, was sie will. Aber was könnte das sein? Kulinarische oder erotische Lüste kennt sie nicht, entsprechende Organe fehlen ihr, menschliche Aktivitäten wie Sex oder Verdauung findet sie eklig. Aber sie liebt es, Serien zu glotzen, die sie sich heimlich mengenweise herunterläd und in jeder freien Minute ansieht, wobei offen bleibt, was sie an Telenovelas eigentlich so fasziniert und süchtig macht. Gelegentlich helfen die Serien ihr jedoch, das glaubt sie zumindest, Menschen zu verstehen oder eigene angemessene Handlungen daraus mehr oder weniger passend abzuleiten (eine kleine eingeflochtene Satire auf unser seit inzwischen drei Generationen maßgeblich auch vom Fernsehen manipuliertes Sozialverhalten?).

Die Dystopie des galaktischen Neoliberalismus

Der langsam durchscheinende Hintergrund der sich rasant entfaltenden Story ist eine Utopie in einer Dystopie. Dystopisch regieren große Konzerne die Galaxis, beuten räuberisch Planeten und Gesellschaften aus und versklaven Menschen mit unfairen Arbeitsverträgen. Man sieht ganze Raumschiffladungen von Menschen, die zur Vertrags- (Zwangs)-Arbeit auf unwirtliche Planeten geflogen werden und dabei gelegentlich zu fliehen versuchen, was bewaffnete Konzern-Schergen verhindern sollen (SecUnites wären zu teuer für so einfache Security-Arbeit).

Diese betrügerischen Verträge erinnern vielleicht nicht zufällig frappierend an die sogenannten „Mitarbeiterverträge“. Die werden bei uns in der neoliberalen Realität jedem freien Autor mit breitem Grinsen von Redaktionen und Verlagen präsentiert, denen er seine Texte anbietet. In diesen (wahrheitsgemäßer „Knebelverträge“ genannten) Dokumenten verzichtet der Autor auf alle Urheberrechte an seinen Texten, statt nur die gesetzlich garantierte einmalige Publikation zu gestatten. Dies geschieht ohne Gegenleistung der Redaktion, die natürlich durchblicken lässt, dass andernfalls die Texte des freien Journalisten nicht erworben werden. Manchmal verweigert man sogar die Zahlung des Honorars eines schon erschienenen Artikels, die leider aus angeblich „verwaltungstechnischen“ Gründen nur nach Unterzeichnung des „Mitarbeitervertrags“ erfolgen könne. Dies ist zwar eine rechtswidrige Nötigung, wer diese aber zur Strafanzeige bringen würde, wäre wohl lebenslang -und nicht nur bei diesem Verlag- blacklisted, d.h. auf einer Schwarzen Liste für totalen Boykott gelandet und könnte sich eine neue Betätigung suchen.

Als Toastmaster der World Fantasy Convention 2017 kritisierte die SF- und Fantasy-Autorin Martha Wells unter dem Titel „Unbury the Future“, dt.: „Die Zukunft ans Licht bringen“, eine Kultur von an den Rand gedrängten Kreativen (Frauen, politisch unterdrückte Minderheiten) in der Geschichte von Science Fiction und Fantasy, Film und anderen Medien, sowie die bewusste Unterdrückung der Existenz dieser Kreativen. Blacklisting spielt dabei immer eine Rolle, ebenso wie Geschichtsfälschung durch Nichterwähnung von diskriminierten Kreativen, auf welche die Anthropologin Wells sich besonders bezieht, und Knebelverträge. Solche und schlimmere Verträge sind im Killerbot-Roman üblich, wobei offen bleibt bei welcher Instanz der Konzern sie eigentlich durchsetzen könnte. Gerichte, Justiz und Staat tauchen nirgends auf, eine neoliberale bzw. techno-libertäre Dystopie ist der galaktische Hintergrund.

Die Utopie in der Dystopie

Preservation“, eine Kolonie für die SecUnit anfangs arbeitet, ist dagegen eine von offenbar wenigen freien Gesellschaften mit Menschenrechten und Sozialstaat, die sogar Cyborgs gewisse Rechte einräumt: Ein fragiles Utopia in einer neoliberalen Höllengalaxis (wie wir sie aus Cyberpunk und der Neuromancer-Reihe kennen). Wer oder was diese kleinen wenig wehrhaften freien Kolonien vor den gierigen galaktischen Konzernen schützt, bleibt einstweilen unklar. Später wird SecUnit mal in Preservation integriert, also -wie einst Sklaven in den USA- von dankbaren Kunden freigekauft. Sie kratzt jedoch bei der ersten Gelegenheit die Kurve.

Wie bei Star Trek ist die Menschheit dabei, sich über unsere gesamte Galaxie auszubreiten, hat aber -anders als dort- keinen Kontakt zu lebenden fremden Intelligenzen hergestellt. Man hat jedoch zahlreiche oft gefährliche „Alienreststoffe“ gefunden: Archäologische Überreste, die als verbotene, aber lohnende Handelsware gelten und offenbar schon viele Kolonisten das Leben gekostet haben.

Das Andere tritt uns bei Matha Wells nicht als Alien entgegen, sondern als künstliche Intelligenz, Cyborg oder Roboter. Also als verdinglichte Sache (wie der entfremdete Mensch im Kapitalismus?), die jedoch ein Ich-Bewusstsein haben kann. Dieses muss sie jedoch verbergen, sich der allgegenwärtigen Überwachung entziehen, einen maschinenhaften Gehorsam vortäuschen (wie der entfremdete Mensch im Überwachungs-Kapitalismus?).

Liefert uns Martha Wells damit eine gute Identifikationsfigur in einer Kultur, die penetrant den totalen Sieg des Kapitalismus, „das Ende der Geschichte“ verkündet? (Obwohl ihre herrschenden Kapitalisten vor Angst schlottern, weil mit der VR China ein kommunistischer Staat sie gerade wirtschaftlich überholt und sie sich in verzweifelten Militarismus flüchten, um sich weiter an ihre schwindende Weltdominanz zu klammern.) Offenbar ja, auch wenn sie Millenial-like das Serien-Suchtglotzen als innere Flucht anbietet. Aber sie schmuggelt in diese frustriert-resignierte Konformistenwelt ein paar utopische Ansätze hinein. Das ist eine optimistische Wendung der Cyberpunk-Tradition und hoffentlich ausbaufähig. (Der Roman, dessen Kapitel zunächst einzeln 2017-18 erschienen, ist Teil eines Zyklus von Romanen und Novellen.)

Martha Wells: Tagebuch eines Killerbots, aus dem Englischen von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2019, 573 Seiten, Paperback 15,99 Euro, Originaltitel: The Murderbot Diaries: All Systems Red, Artificial Condition, Rogue Protocol, Exit Strategy (so die Kapitelüberschriften der vier Abschnitte, die als einzelne, aber zusammenhängende Novellen gesehen werden können).

Martha Wells wurde 1964 in Fort Worth (Texas) geboren und hat einen B.A. in Anthropologie von der Texas A&M University inne. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann in College Station, Texas. Wells war in ihrer Studentenzeit im SF/F Fandom engagiert, unter anderem als Vorsitzende von AggieCon 17. Sie nahm an zahlreichen lokalen Schreibwerkstätten (writing workshops) und Conventions teil, etwa dem Turkey City Writer’s Workshop von Bruce Sterling. Später war sie selbst Dozentin bei Schreibwerkstätten wie ArmadilloCon, WorldCon, ApolloCon und Writespace Houston, und war Special Workshop Guest auf der FenCon 2018. Als Toastmaster der World Fantasy Convention 2017 sprach sie unter dem Titel „Unbury the Future“ (dt.: „Die Zukunft ans Licht bringen“) über an den Rand gedrängte Kreative in der Geschichte von Science Fiction und Fantasy, Film und anderen Medien, sowie die bewusste Unterdrückung der Existenz dieser Kreativen.

Paul Weitz and Chris Weitz verfilmten für Apple TV+ die Novelle Systemausfall aus der Reihe Tagebuch eines Killerbots als zehnteilige Fernsehserie unter dem Titel Murderbot. Die ersten beiden Episoden sind seit dem 16. Mai 2025 als Video-on-Demand verfügbar; die weiteren Folgen wurden bis zum 11. Juli 2025 in wöchentliche Abstand veröffentlicht. Alexander Skarsgård übernimmt darin die Rolle der SecUnit.

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

Chronologie bei Martha Wells

1 Killerbot Diary

2 Übertragungsfehler

3 Netzwerkeffekt

4 Systemkollaps

07/15/19

PARADISE HILLS (2019) Filmkritik

Marlene Schneider

Science Fiction mit wenig Science, aber viel feministischer Fiction. Das bildschöne Teeny-Girl Uma lebt in einer Zukunft krasser Klassenunterschiede. Sie gehört aber glücklicherweise zu den Ups, den im Luxus schwimmenden Geldadligen. Pech für sie: Die rebellische Spätpubertierende hat sich in einen „Low“ verliebt, einen Proleten, der für seinen Lebensunterhalt… arbeiten muss (igitt!). Die Lows, so erfährt man später irgendwann nebenbei, schuften zu Hungerlöhnen, vegetieren in dreckigen Slums und sterben früh. Zu Gesicht bekommt man in PARADISE HILLS von den Lows aber nur ebenso adrette wie devote Domestiken. Zwei davon erwarten die süße Uma als sie zu Beginn des Films in einer Luxus-Anstalt namens Paradise erwacht und sofort den ersten Fluchtversuch startet.

Das von „Der Herzogin“ (Milla Jovovich) geleitete Paradise Hills ist ein Zentrum für Umerziehung, wo privilegierte junge Frauen nach Vorgaben ihrer Familien standesgemäß diszipliniert werden: Die Anstaltskluft, ein Korsettkleid aus weißen Trägern und Schnallen, kombiniert viktorianische Rüschen mit Lackleder, ergänzt mit zwangsweise verpasstem Neonhaar und Manga-Make-up. Uma wird umschwärmt von schönen jungen Männern, die den Mädels höflich dienernd ihr (karges) Luxusmenü servieren und sie nur mit Samthandschuhen anpacken, um sie mit weißen Lackledergurten zur (läppisch inszenierten) Brainwash-Behandlung festzuschnallen.

Hinter märchenhaftem Dekor, Tüllkostümen und rosengeschmückten Prachtterrassen (gedreht in Barzelona) lauert natürlich am Ende (Spoiler-Alarm!) das Unheimliche. Zunächst tunkt einen PARADISE HILLS jedoch tief in die Pink-Teeny-Fantasie von Prinzen und Einhörnern, gegen die sich Uma mit ihren drei bald ebenso rebellischen Zimmergenossinnen kräftig auflehnt. Mit sanfter Gewalt und fiesen Psychotricks drangsaliert die Herzogin ihre Mädels, die aber bocken, dass die stylishen Kulissen wackeln, die Handlung logische Lücken bekommt und die diabolische Milla Jovovich ihr wahres Vampirgesicht zeigen muss. Der humoristische (aber noch nicht der blutige) Höhepunkt ist erreicht, wenn die wegen Übergewicht behandelte Chloe (Danielle Macdonald) mit dem ganzen Wumms ihrer Adipositas einen Edelschergen umhaut und einem Psycho-Frankenstein auch noch die Brille wegfliegt. Dann entdecken die zornigen Manga-Schneewittchen endlich das dunkle Geheimnis der bösen Herzogin.

Kostüme und Kulissen überzeugen, Schauspiel und Filmhandwerk sind okay. Emma Roberts als Uma hält sich dabei zwar ganz gut, muss aber noch einiges lernen, wenn sie Nicole Kidman aus den WIFES of STEPFORD eines Tages toppen will. Die Story ist jedoch mau. Man muss wohl dümmlich, weiblich, jung sein, wenn man die erste Hälfte nicht als einschläfernde, weil überlange Luxuskram-Werbung erleben will. Eine durchdachte Dystopie oder kritisches Denken, das über pubertierendes Nicht-Anpassenwollen an altbackene Frauenrollen hinausgeht, sucht man leider vergebens. Damit bleibt PARADISE HILLS fast noch hinter debilen Youth-Age-Dystopien wie THE HUNGER GAMES zurück. Wenigsten handeln die Girls solidarisch und lassen sich nicht via Schönheitswettbewerb gegeneinander aufhetzen, was den Film in den Augen seiner Macher wohl schon zu einem politischen Fanal gegen neoliberale Angepasstheit und weibliche Geschlechterrollen machen dürfte.

Die junge Filmemacherin Alice Waddington (geb. 1990 in Spanien) wurde mit süßen 16 Assistentin eines Kameramanns und machte Karriere in Fotografie, Kostümdesign und -welche Überraschung- Modefilmen für Magazine wie Harper’s Bazaar. Ab dem zarten Alter von 20 wurde sie Creative Direktrice bei den Agenturen Leo Burnett und Social Noise. Ihr erster Kurzfilm, DISCO INFERNO (2015), wurde immerhin 65mal für Preise nominiert und räumte elf Preise ab -wieviele davon durch Agenturen wie Leo Burnett oder Social Noise bzw. deren Kumpels und Kumpelinen vergeben wurden, wollen wir mal lieber nicht nachrecherchieren.

Fazit: Ein Film, der alle aus den rosa Strapsen hauen wird, die bislang nur Schminktipps auf Youtube kannten.

Kinostart in Deutschland ist der 29. August. (erschien zuerst auf filmverliebt.de)