10/22/25

TikTok: Suicid Knocking (AI France)

TikTok erneut in der Kritik: Der Amnesty International-Bericht enthält sensible Inhalte, darunter Verweise auf Selbstverletzung und Selbstmord. (20.10.2025 von AI Frankreich)
Eine neue Untersuchung von Amnesty International hat ergeben, dass der „For You”-Feed von TikTok
französische Kinder und Jugendliche, die sich mit Inhalten zur psychischen Gesundheit beschäftigen,
in einen Kreislauf aus Depressionen, Selbstverletzung und Selbstmord treibt. Die Untersuchung mit dem Titel „Dragged into the Rabbit Hole“ (In den Kaninchenbau gezogen) zeigt, dass TikTok es weiterhin versäumt, seine systemischen Designrisiken anzugehen, die Kinder und Jugendliche betreffen.
„Unsere technische Untersuchung zeigt, wie schnell Teenager, die Interesse an Inhalten zum Thema psychische Gesundheit bekunden, in einen toxischen Kaninchenbau gezogen werden können. Innerhalb von nur drei bis vier Stunden nach der Nutzung des „For You”-Feeds von TikTok wurden die Testkonten von Teenagern Videos ausgesetzt, die Selbstmord romantisierten oder junge Menschen zeigten, die ihre Absicht zum Ausdruck brachten, sich das Leben zu nehmen, einschließlich Informationen über Selbstmordmethoden”, sagte Lisa Dittmer, Forscherin bei Amnesty International für die digitalen Rechte von Kindern und Jugendlichen.
Original bei AI Bericht als PDF erhältlich (39 S.)
Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

France: Dragged into the rabbit hole: New evidence of TikTok’s risks to children’s mental health

Bringing together testimony from affected young people and parents in France as well as renewed technical research evidence, the briefing documents TikTok’s failure to address its systemic design risks for children and young people both under international business and human rights standards as well as under the company’s binding obligations under the EU’s Digital Services Act. It is an urgent appeal to the company itself, but also to EU and French regulators to take decisive action to force the company to respect children’s and human rights. (Bericht in englischer Sprache)

AI ist auf TikTok und gegen TikTok, Twitter/X etc. aktiv:

TikTok, X, Facebook & Co. – Bedrohung oder Chance für die Menschenrechte?

AI: „Die Tech-Konzernbesitzer Marc Zuckerberg und Elon Musk haben zu Beginn des Jahres die Spielregeln der digitalen Öffentlichkeit massiv verändert. So betrieb Musk wenige Wochen vor der Wahl des deutschen Bundestages Werbung für die AfD, bei einer nach eigenen Angaben weltweiten Reichweite von täglich rund 250 Millionen Nutzer*innen ein erheblicher Eingriff in die Meinungsbildung. Zuckerberg wiederum verkündete kurz vor dem Amtsantritt von Donald Trump als Präsident der USA für seinen Internetkonzern Meta das Ende von Faktenprüfungen und Beschränkungen bei politischen Äußerungen zu Migration und Geschlechterfragen. Betroffen sind davon, zunächst in den USA, die Plattformen Facebook, Instagram und Threads. So werden künftig menschenverachtende und diskriminierende Bezeichnungen etwa für Transpersonen nicht mehr gefiltert und gesperrt, sondern können ihren Weg durch die Algorithmen zu Milliarden Meta-Nutzer*innen weltweit finden. Das Recht auf freie Meinungsäußerung wird durch das Recht auf Hass und Hetze ersetzt.“ (von AI 2025)

AI wies schon 2023 auf Jugendgefährdung durch TikTok hin:

Das Geschäftsmodell und die Funktionsweise von TikTok stellen eine Gefahr für junge Nutzer*innen der Plattform dar, da ihnen aufgrund von Empfehlungen in ihrem Feed Inhalte über Depressionen und Suizid angezeigt werden, die bestehende psychische Probleme verschlimmern könnten. Dies geht aus zwei neuen Berichten von Amnesty International hervor. Die beiden Berichte Driven into the Darkness: How TikTok Encourages Self-harm and Suicidal Ideation und I Feel Exposed: Caught in TikTok’s Surveillance Web machen auf Menschenrechtsverstöße aufmerksam, denen minderjährige und jugendliche TikTok-Nutzer*innen ausgesetzt sind. Die Berichte zeigen auf, inwiefern diese Verstöße dem Geschäftsmodell und der Funktionsweise der Plattform geschuldet sind.

TikToks Geschäftsmodell als Gefahr für Kinder und Jugendliche

Zusammenfassung des AI-Berichts von 2023:

  • Fast die Hälfte aller Videos der Untersuchungstests enthielten potenziell schädliche Inhalte über geistige Gesundheit.
  • Weniger als eine Stunde nach der Einrichtung der Testkonten wurden Inhalte ausgespielt, die Suizid normalisierten oder romantisierten.
  • Das Geschäftsmodell von TikTok ist darauf ausgelegt, Nutzer*innen bei der Stange zu halten und immer mehr persönliche Daten zu sammeln.
10/16/25

25 Jahre BigBrotherAwards

25 Jahre BigBrotherAwards:

Alte Überwachungsfantasien, neue KI-Systeme und junge Unterstützung

Wir haben Grund zum Feiern, denn die diesjährigen BigBrotherAwards sind unser 25. Jubiläum! Wir haben diesen Anlass genutzt, um eine neue Generation mit ins Boot zu holen: In einer neuen Kategorie „jung und überwacht“ haben Kinder und Jugendliche der Gruppe Teckids eigenständig zwei Beiträge zu den den alltäglichen Datenschutzproblemen der Jugend vorgestellt. In den restlichen Kategorien gab es kein Mangel an Preisträgerkandidaten, allen voran mit Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Weitere Preisträger sind die Social-Media-Plattform TikTok, das Unternehmen Google für den KI-Assistenten Gemini, sowie das Verwaltungsgericht Hannover und das Bundesarbeitsgericht. Abschließend wird der Bürokratieabbau in der Kategorie „Was mich wirklich wüten macht“ für die unerlässlichen Anstrengungen im Dienste der Big-Tech-Unternehmen ausgezeichnet. https://bigbrotherawards.de/2025

Die (unglücklichen) Preisträger 2025

Google, Dobrindt, Bundesarbeitsgericht (Amazon), TikTok, „ Bürokratieabbau“, WhatsApp & iPad-Zwang in Schulen

Technik (2025) –Google

Der BigBrotherAward in der Kategorie Technik geht an Google für den KI-Assistenten Gemini, der ab jetzt unauffällig, aber zwangsweise auf Android Mobiltelefonen installiert wird. Gemini erhält Zugriff auf umfangreiche Nutzungs- und Kommunikationsdaten, die für das Training von Googles KI genutzt und auch von menschlichen Mitarbeitenden eingesehen werden. Darunter könnten komplette Chatverläufe fallen – ohne dass der Kommunikationspartner eingewilligt hat. Die Deaktivierung dieses KI-Assistenten erfordert komplexe Einstellungen in verschiedenen Menüs.

Behörden & Verwaltung (2025) –Bundesminister des Inneren Alexander Dobrindt

Der BigBrotherAward 2025 in der Kategorie „Behörden und Verwaltung“ geht an Bundes-Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) für sein geplantes „Sicherheitspaket“, das den umfangreichen Einsatz von Gesichtersuchmaschinen vorsieht. Dobrindts Behörde will mit datenschutzwidrigen Anbietern wie Clearview AI und PimEyes zusammenarbeiten, die auf alle online zu findenden Bilder zugreifen – ganz gleich, ob sie mit oder ohne Einverständnis der Betroffenen eingestellt wurden. Der Entwurf des Innenministers zielt darauf, diese illegale Schnüffel-Praxis zu legitimieren. Zudem will Dobrindt die hochumstrittene Software Palantir des Anti-Demokraten Peter Thiel auf Bundesebene einführen.

Arbeitswelt (2025) –Verwaltungsgericht Hannover und das Bundesarbeitsgericht

Der BigBrotherAward in der Kategorie Arbeitswelt 2025 geht an das Verwaltungsgericht Hannover und das Bundesarbeitsgericht für krasse Fehlurteile in Sachen Amazon. Das Verwaltungsgericht hat die Totalüberwachung von Angestellten eines Amazon-Logistikzentrums abgesegnet. Das Bundesarbeitsgericht verweigerte einem Amazon-Betriebsrat das Mitbestimmungsrecht bei der Einführung einer Software, die Beschäftigtendaten rechtswidrig in den USA verarbeitet.

Social Media (2025) –TikTok

Den BigBrotherAward 2025 in der Kategorie „Social Media“ erhält die chinesische Plattform TikTok für Verletzungen des Datenschutzes, für die Verbreitung von Fake-News und Hatespeech, für die Manipulation von Menschen in Bezug auf ihre politischen Überzeugungen, ihre Wertvorstellungen und ihr Konsumverhalten durch undurchsichtige Algorithmen sowie für die Schaffung von Abhängigkeiten, insbesondere bei Minderjährigen.

Was mich wirklich wütend macht (2025) –Bürokratieabbau

Bürokratieabbau ist ein vergifteter Begriff. Er suggeriert, dass etwas für Bürger.innen einfacher wird. Tatsächlich aber geht es oft um Deregulierung und den Abbau von Gesetzen, die Verbraucher.innen schützen. Große US-Tech-Konzerne wollen die europäische Digitalgesetzgebung am liebsten komplett kippen. Die EU-Kommission und die deutsche Bundesregierung machen sich mitschuldig, wenn sie die Digitalgesetzgebung zur Verhandlungsmasse bei einem Deal um Strafzölle machen.

Aus der Laudatio: „Besonders engagiert beim Kampf gegen die Bürokratie sind Wirtschaftsunternehmen. Und ihre Vorfeldorganisationen wie die Lobbyisten von der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Die kriegen sich gar nicht wieder ein vor Eifer. Zumindest solange, wie es um staatliche Bürokratie geht. Aber ist Bürokratie ist wirklich per se eine staatliche Angelegenheit? Dann versuchen Sie mal, bei einem großen Konzern jemanden ans Telefon zu bekommen. Sobald es um ein Problem geht, wenn Sie Service brauchen, eine Frage haben, eine Beschwerde loswerden, ein Abo kündigen, eine Reparatur oder eine Rückerstattung haben wollen, wird jeder sinnvolle Kontakt planvoll erschwert und Sie werden durch kunstvoll orchestrierte Ermüdungsparcours geschickt. Um Amazon Prime oder Facebook zu kündigen, muss man sich durch komplizierte Navigationsmenüs durchklicken…“ Laudatorin Rena Tangens

NEU: Kategorie jung & überwacht (2025) -soziale Exklusion durch WhatsApp; iPad-Zwang in Schulen

In der Kategorie „jung & überwacht“ bei den BigBrotherAwards 2025 zeigt die Jugendorganisation Teckids zwei Probleme aus der digitalen Lebenswelt von Jugendlichen auf.

mehr siehe:

https://bigbrotherawards.de/2025

10/5/25

Mareike Ernst: Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen

Rezension von Thomas Barth

Mareike Ernst: Einsamkeit -Modelle, Ursachen, Interventionen, UTB, Ernst Reinhardt Verlag, München 2024, 234 S.

Das Phänomen der Einsamkeit wird in den letzten Jahren zunehmend als gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderung wahrgenommen, denn Einsamkeit kann krank machen: Zusammenhänge mit Schlafstörungen, Ängsten, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Sterblichkeit sind belegt. Auch ein Zusammenhang von Einsamkeit mit der Nutzung „Sozialer Medien“, des Internets oder generell digitaler Medien ist immer wieder im Gespräch.

Die Psychologin Mareike Ernst bietet in ihrem Buch Einsamkeit – Modelle, Ursachen, Interventionen eine umfassende und interdisziplinäre Analyse des Phänomens Einsamkeit. Die Autorin untersucht Einsamkeit vor allem aus psychologischer, soziologischer und medizinischer Perspektive und geht dabei in einem eigenen (leider sehr knappen, aber hier genauer zu betrachtenden) Kapitel auf das Thema Digitalisierung und Einsamkeit ein.

Existenzialismus und Solitude

Ernst beginnt mit philosophischen Überlegungen zur Einsamkeit. „Existenzielle Einsamkeit“ sei ein anthropologisches Faktum, das Getrenntsein von anderen. Sie verweist auf den Existenzialismus und nennt vor allem Jaspers, Sartre und Heidegger als Philosophen, die sich damit befasst hätten, und kommt dann zur „existenziellen Psychotherapie“ von Yalom, die den Menschen helfen wolle, die existenzielle Einsamkeit zu analysieren und, soweit nicht überwindbar, zu ertragen.

Ernst kommt von intuitiven Beschreibungen der Einsamkeit durch Emotionen von Traurigkeit, Schmerz, Leere, Unverständnis, Frustration und Gefühlen von Verlorenheit“ (S.9) zu einer präzisen Definition von Einsamkeit als subjektiv erlebtes, unangenehmes Gefühl, das entsteht, wenn die sozialen Beziehungen einer Person qualitativ oder quantitativ als unzureichend wahrgenommen werden. Sie grenzt Einsamkeit von verwandten Konzepten wie sozialer Exklusion, Isolation, Alleinsein oder Depression ab und betont, dass Einsamkeit nicht zwangsläufig mit objektivem Alleinsein einhergeht, sondern vielmehr eine Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich erlebten sozialen Beziehungen beschreibt.

Im Englischen stehe, so die Autorin, neben der negativ bewerteten lonelinessdie wünschenswerte solitude, für die es keine deutsche Entsprechung gibt (S.19). Belastend und gefährlich sei besonders eine chronische Einsamkeit, die in Deutschland 5-15 Prozent der Bevölkerung betreffe (S.25). Ernst schließt ihre Kapitel mit einer Zusammenfassung, Fallbeispielen und für ein Lehrbuch nützlichen Fragen zur Selbstüberprüfung ab. Hier etwa mit: „Mona ist 39 Jahre alt und lebt in einer großen Stadt in Norddeutschland…“ (S.29).

Ursachen und gesellschaftliche Perspektive

Nach Philosophie und Epidemiologie beschreibt Mareike Ernst die Ätiologie, die Ursachen der Einsamkeit. Die evolutionäre Theorie verweise auf den Menschen als Gruppenwesen, den das negative Einsamkeitsgefühl motiviere, sich nicht zu sehr zu vereinzeln. Das Teufelskreis-Modell verweise dagegen darauf, dass einsame Menschen soziale Fähigkeiten einbüßen würden, was ihre Isolation erhöhe. Psychodynamik und Persönlichkeit wären weitere Faktoren, was integrative Ansätze ratsame erscheinen lasse (auf Probleme eklektischer Modelle geht sie nicht weiter ein).

Die Frage der Digitalisierung taucht erst im Kapitel 4 „Gesellschaftliche Perspektiven auf Einsamkeit“ auf, neben zwei weiteren involvierten „Megatrends“: Der „Überalterung“ und der „Globalisierung“. Den Begriff der Megatrends entnimmt Mareike Ernst der Zukunftsforschung, deren Prognosen nahelegen würden: „Wir leben zwar länger, sind von Tausenden von Menschen umgeben und mit Millionen anderen digital vernetzt -aber dabei möglicherweise einsamer als je zuvor.“ (S.96). Dieser These will sie sich kritisch nähern und führt Studien an, die eine Steigerung der Einsamkeit über die letzten Generationen 2019 (für die USA) nicht bestätigen konnte. Zu verzeichnen seien geänderte Bildungsverläufe und Arbeitswelt, steigende Zahlen von Single-Haushalten (1950 nur 5 Prozent, heute über 40 Prozent für Deutschland); allein bei jungen Menschen, den emerging adults (18-29 Jährige) zeigten sich leicht gestiegene Vorkommen von Einsamkeit, verstärkt zuletzt durch die Covid-Pandemie (der sie viel Aufmerksamkeit widmet, wohl weil sie dort selbst forschte). Wie steht es aber um digitale Netze und die ihnen oft attestierte Wirkung der Vereinsamung ihrer Nutzer?

Digitalisierung und Einsamkeit

Mareike Ernst gibt zu bedenken, dass die Digitalisierung und die Nutzung sozialer Medien „bidirektional und dynamisch“ sei, also ambivalente Effekte auf das Einsamkeitserleben haben können (S.99). Zwei Hypothesen dominieren demnach die derzeitige Forschung: Die Verdrängungshypothese besage, dass bei einsamen Menschen digitale Medien die Humankontakte ersetzt und damit reduziert hätten; die Stimulationshypothese gehe dagegen davon aus, dass Digitalmedien den Einsamen eher helfen könnten, ihre Beziehungen zu anderen zu halten und sogar neue Menschen kennenzulernen (ebd.).

Einerseits erleichtern digitale Plattformen und soziale Netzwerke also den Kontakt zu anderen, insbesondere für Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder in isolierten Lebenssituationen. Andererseits zeige die Forschung, dass die intensive, aber oberflächliche Nutzung sozialer Medien das Gefühl von Einsamkeit sogar verstärken kann. Es zeigen sich entsprechende Ergebnisse in der Forschung, besonders bezüglich junger Menschen auf Social Media wie Instagram oder TikTok -was die Verdrängungshypothese stütze. Es sei in den Studien jedoch nicht zu unterscheiden, ob Einsamkeit durch die Mediennutzung gefördert würde oder ob Einsame vermehrt zu Digitalmedien greifen (S.100). Aus ihrer Sicht mangelt es derzeitiger Forschung auf diesem Gebiet an Längsschnittstudien, die Mediennutzung und Einsamkeit über einige Jahre hinweg an denselben Personen untersuchen. Sie bedenkt jedoch nicht, dass dabei die kurzen Innovationszyklen und ein entsprechend schnell sich wandelndes Nutzungsverhalten ein Problem sind. Angesichts aktueller pädagogischer Debatten um digitale Nutzungsbeschränkungen für junge Menschen fällt das Kapitel mit kaum drei von 200 Seiten leider sehr knapp aus, was auf die Notwendigkeit vermehrter interdisziplinärer Zusammenarbeit in der Einsamkeitsforschung hindeutet.

Der Nestor soziologischer Technikfolgen-Forschung, Arno Bammé, vermerkte etwa jüngst: „Das aktuell diskutierte Phänomen pandemischer „Einsamkeit“ ist nichts anderes als die Kehrseite der Medaille grenzenloser Individualisierung, ein sozialstrukturelles Phänomen analog dem der „strukturellen Gewalt“ (Galtung 1975)…“ (Fn.20, S.20). Bammé legt in seinem Buch „Sprache, Technik, Ökonomie: Von der analogen ‚Gemeinschaft‘ zur digitalen ‚Gesellschaft’“ (2024) umfassend dar, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in die Sozialgeschichte eingebettet sind -bis hin zur Prognose, dass wir derzeit in einem Epochenbruch stehen, der nur mit der „neolithischen Revolution“ (der Einführung von Ackerbau und Viehzucht) vergleichbar sei. Diese soziale Revolution, das Sesshaftwerden, hätte unsägliche Probleme über die damaligen Menschen gebracht: Kriege, Seuchen, ungerechte Eigentumsverhältnisse; analog würde uns derzeit die Revolution der Digitalisierung bislang noch kaum abschätzbare Probleme bescheren -darunter wohl auch die Einsamkeit, das einsame Sterben in der Stadt und ein immer mehr kommerzialisierter Umgang mit dem Tod.

Gesellschaftliche Folgen von Einsamkeit

Die gesellschaftliche Perspektive, so Mareike Ernst, sei bislang wenig beleuchtet, weil Einsamkeit als individuelles Problem gelte. In US-Umfragen wäre eine Korrelation mit konservativen Einstellungen gefunden worden, in deutschen und niederländischen Studien wäre Einsamkeit mit Entpolitisierung einhergegangen, bis hin zu geringerer Wahlbeteiligung. Im Covid-Kontext korrelierte Einsamkeit mit stärkerer Zustimmung zu „allgemeiner Verschwörungsmentalität“, Einkommen und Bildungsgrad wären dafür jedoch stärkere Faktoren gewesen. Eine Studie an deutschen Jugendlichen und Jungerwachsenen habe jedoch Einsamkeit korreliert mit politischer Radikalisierung und „Verschwörungsnarrativen“ gesehen (S.107). Dauerhafte Isolation und Einsamkeit könne folglich gesellschaftliche Werte erodieren, Partizipation und sozialen Zusammenhalt reduzieren und seien daher als Gefahr für die Demokratie zu sehen (S.109).

Zur Frage von Einsamkeit und Gesundheit verweist Ernst auf komplexe Wechselwirkungen mit psychischen und physischen Faktoren wie Vorerkrankungen, Mobilität, Übergewicht, Schlafqualität, Alkohol- und Tabakkonsum. Als ausgewiesener Stressfaktor verstärke Einsamkeit deren negative Wirkungen und werde selbst durch sie beeinflusst. Bei Forschungsmethoden setzt sie überwiegend auf quantitative Methoden, legt einen Schwerpunkt aber auf Behandlungsmöglichkeiten. Hier sieht sie kognitive Interventionen als bislang erfolgreichsten Weg, wobei den Patienten deren toxische Selbstwahrnehmung sowie Wahrnehmung anderer Menschen klarzumachen sei und ihre Erwartungen an Beziehungen Thema wären. Weniger erfolgreiche wären psychoedukative Anleitungen für bessere Sozialkompetenz und Beziehungsanbahnung gewesen (S.209).

Fazit: Das Buch zeigt, dass Einsamkeit erhebliche negative Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit hat. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen sowie einer insgesamt verminderten Lebenserwartung. Psychologisch wird Einsamkeit mit Gefühlen der Wertlosigkeit, Selbstzweifeln und sozialer Angst assoziiert, was wiederum die soziale Teilhabe erschwert und somit einen Teufelskreis erzeugt. Ernst betont also, dass die Digitalisierung zwar neue Möglichkeiten der Vernetzung bietet, aber auch Risiken birgt, insbesondere wenn sie zu einer Verringerung direkter sozialer Interaktionen führt. Zusammenfassend sieht Mareike Ernst die Digitalisierung als einen Faktor, der Einsamkeit sowohl lindern als auch verstärken kann – je nachdem, wie sie genutzt wird und in welchem sozialen Kontext sie eingebettet ist.

Mareike Ernst: Einsamkeit -Modelle, Ursachen, Interventionen, UTB, Ernst Reinhardt Verlag, München 2024, 234 S., 39,90 Euro, ISBN 978-3-8252-6229-7

Quellen

Arno Bammé: Sprache, Technik, Ökonomie: Von der analogen ‚Gemeinschaft‘ zur digitalen ‚Gesellschaft‘, Metropolis-Verlag, Marburg 2024.

Susanne Loke: Einsames Sterben und unentdeckte Tode in der Stadt. Über ein verborgenes gesellschaftliches Problem, transcript, Bielefeld 2023.

Thomas Barth: Filmkritik – Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an.

09/22/25

Die Reichweitenlüge

Instagram, TikTok und Co.

Leena Simon 09.09.2025 (von Digitalcourage.de)

Millionen Follower, null Wirkung: „Social Media“ verkauft uns ein volles Stadion – und schaltet dann das Mikro stumm.

Das riesige Fußballstadion ist vollbesetzt. Das Mikrofon liegt in Ihrer Hand. „Wenn Sie dort rein sprechen“ – so hat man es Ihnen immer wieder erklärt – „erreichen Sie besonders viele Menschen.“ In Wahrheit aber ist das Mikro nur für die Reihen eins bis drei freigeschaltet. Von den 80.000 Anwesenden hört Sie tatsächlich kaum jemand.

So funktioniert das bei allen sozialen Medien mit Algorithmus. Es gibt nur einen Unterschied: Sie merken nicht, dass Sie kaum jemand hört und denken, Sie hätten mordsmäßig viele Leute erreicht. Denn die Reichweitenlüge, ein Begriff, den unser Gründungsmitglied padeluun geprägt hat, ist tief in unseren Überzeugungen angelangt.

Follower sind nicht gleich Follower

In jeder Diskussion über die Probleme der giergetriebenen sozialen Medien kommt irgendwann das Reichweiten-Argument: Da sind halt alle und dort müsse man die Menschen abholen und man tue sich ja keinen Gefallen, wenn man im Fediverse in einer Nische hockt. Dabei passiert ein grundlegender Fehler: Man darf nämlich die Follower im Fediverse nicht mit jenen auf Instagram oder X gleichsetzen. Bei Letzteren sagt es nämlich gar nicht so viel aus, wie wir denken. Denn die eigenen Follower kriegen nicht alle eigenen Posts eingeblendet. Auch da entscheidet der Algorithmus mit. Deshalb spreche ich im Fediverse gerne von „Qualitätsfollowern“. Denn die kriegen ausnahmslos alle Nachrichten angezeigt. Vielleicht erklärt sich auch so, weshalb Digitalcourage dort mit viel weniger Boosts (so nennt man dort die Shares bzw. Retweets), so viel mehr Antworten erhält.

Als X noch Twitter hieß und Digitalcourage dort auch noch einen aktiven Account betrieb, haben wir das selbst erlebt: Während unsere Inhalte im Fediverse mit deutlich weniger Followern lebhaft geteilt und kommentiert wurden, versandeten die gleichen Beiträge unseres (damals) erheblich followerstärkeren Twitter-Accounts. Follower meldeten uns immer wieder: „Wir haben eure Posts gar nicht gesehen.“ Mit einem Viertel an Followern erhielten wir im Fediverse doppelt so viel Aufmerksamkeit. So viel zur angeblich ach so viel größeren Reichweite auf Twitter. Der Algorithmus hatte uns einfach ausgeblendet. Aber wie lässt sich das belegen oder sichtbar machen?
Was viele nicht bedenken: Wenn mir der Algorithmus bestimmte Inhalte zeigt, bedeutet das gleichzeitig, dass er mir andere unterschlägt.

Erfolg als Illusion

Außerdem sehen wir ja immer nur die wenigen Erfolgsstories, die von der manipulierten Öffentlichkeit profitieren. Wir blenden dann schnell aus, dass es sich um seltene Ausnahmen handelt – um die Überlebenden einer gigantischen Auslese. Was nach allgemeinem Erfolg aussieht, ist in Wahrheit nur der „Survivorship Bias“: Wir sehen die paar Accounts, die dank Algorithmen durch die Decke gehen, und vergessen die unzähligen, die im Schatten bleiben. Da wollen wir natürlich dazu gehören. Genau mit diesem Trick füttern uns die giergetriebenen sozialen Medien – sie zeigen uns die Stars, damit wir glauben, alle könnten so glänzen.

Unzumutbare Spielregeln

Das ist allerdings eine Lüge. Denn das Versprechen der großen Reichweite entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Scheinriese. Eine große Reichweite erreichen Sie dort nur dann, wenn Sie bereit sind, sich den Spielregeln der Plattformen zu unterwerfen:

  • Wenn sich Ihre Inhalte gut kommerzialisieren lassen, also seicht, gefällig und bloß nicht zu intelligent sind.
  • Wenn Sie bezahlen – Reichweite gegen Geld geht immer.
  • Wenn Sie Inhalte auf Klick-Format eindampfen, bunt bebildern und dauernd Content rauspusten.
  • Wenn Sie besonders pointiert, polarisierend oder wutträchtig posten.
  • Wenn Sie alles bis zur Unkenntlichkeit verkürzen, keine Links setzen und sich an einer unkonstruktiven Diskussionskultur beteiligen.
  • Und wenn es Sie nicht stört, in rechtsextremer Gesellschaft zu posten, deren Inhalte stets viel mehr Reichweite kriegen werden.

Für alle anderen ist die Reichweite sehr viel kleiner, als es den Anschein hat. Lange, differenzierte oder ausgewogene Inhalte lassen sich nicht gut monetarisieren – und werden oft einfach nicht angezeigt. Das angeblich so große Reichweitenpotential steht Ihnen dann schlicht nicht zur Verfügung.

Retorten-Reichweite

Hinzu kommt: Die hohen Nutzendenzahlen dieser Plattformen sind vor allem Potential – aber nicht Realität. Wer tatsächlich viele Menschen erreicht, entscheidet allein der Algorithmus. Und in diesen Zahlen stecken ohnehin massenhaft Bots, Karteileichen, Spam-Accounts und Trolle, die Hassnachrichten verbreiten. Die schöne große Bühne ist in Wahrheit vollgestopft mit Geisterpublikum.

Das mit der Reichweite ist eine große Lüge. Wir lassen uns von Zahlen blenden, die genau gar nichts aussagen. Am Ende bleiben von Gier getriebene soziale Medien das, was sie sind: Manipulationsmaschinen, die uns glauben machen wollen, wir sprächen ins volle Stadion – während sie heimlich die Lautsprecher nur für bestimmte Reihen anschalten.

Die Reichweite ist nicht groß. Sie ist frisiert: abhängig von der Gnade jener Konzerne, die davon profitieren, uns gegeneinander aufzuhetzen.

Ehrliche Reichweite gibts im Fediverse

Dann doch lieber ins Fediverse: Da sind zwar in absoluten Zahlen aktuell noch weniger Leute unterwegs. Doch eine Community, die ich mir dort aufgebaut habe, wird mir erhalten bleiben und es gibt keinen Algorithmus, der sich zwischen mich und meine Leser.innen stellt und meine Nachrichten verschwinden lässt, weil sie nicht hasserfüllt genug sind.

Leena Simon Beitrag zuerst erschienen auf Digitalcourage.de

https://digitalcourage.de/blog/2025/die-reichweitenluege

Digitalcourage engagiert sich seit 1987 für Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter. Wir sind technikaffin, doch wir wehren uns dagegen, dass unsere Demokratie „verdatet und verkauft“ wird. Seit 2000 verleihen wir die BigBrotherAwards. Digitalcourage ist gemeinnützig, finanziert sich durch Spenden und lebt von viel freiwilliger Arbeit. Mehr zu unserer Arbeit.

Info-Material zu Digitalter Mündigkeit bei Digitalcourage

In unserer Wissensreihe kurz&mündig werden komplexe Themen auf wenigen Seiten im kleinen Format herunter gebrochen, so dass alle sie verstehen können. Immer nach dem Motto: Man muss nicht alles wissen, aber man sollte wissen, wovon man keine Ahnung hat. „kurz&mündig“ entsteht als Zusammenarbeit von Digitalcourage und Art d’Ameublement. Wir nennen sie manchmal scherzhaft „Pixi-Bücher für Erwachsene“.

Sie sind Buchhändler.in? Fragen Sie nach unseren fertig bestückten Verkaufsständern!

Sie haben selbst ein Thema, das in unsere Reihe passen würde? Bieten Sie es uns an!

04/22/24
CC - by - nc - nd Funky64 (www.lucarossato.com)

TikTok, AfD & Jugendschutz

TikTok ist derzeit im Fokus der Kritik -doch andere „Social Media“-Firmen sind nicht anders.

Thomas Barth

TikTok, die chinesische Kurzfilm-App mit sehr jungem Publikum, hat für Aufsehen und Kontroversen gesorgt. Wollten Marxisten einst „die Verhältnisse zum Tanzen bringen“, scheint dies TikTok zu gelingen: Immer mehr Politiker machen sich dort beim hilflosen Versuch einer Anbiederung bei der Jugend lächerlich -teils tatsächlich tanzend. ZDF-Politclown Oliver Welke amüsierte sich über SPD-Kanzler Scholz auf TikTok, wo dessen Aktentasche mehr Charisma habe als der Kanzler selbst. In Welkes Satire-TikTok (so nennt man auch die einzelnen Kurzvideos) spuckt Scholzens Tasche dabei plötzlich Cum-Ex-Akten aus und erinnert an des Kanzlers Verstrickung in diverse Finanzskandale um Warburg Bank, Bilderberger und den CumEx/CumCum-Steuerbetrug in Milliardenhöhe. Und damit hatte Welke die Medienästhetik von TikTok besser begriffen als das Social-Media-PR-Team im Kanzleramt: Es geht zentral um überraschende, manchmal schockierende visuelle Wendungen, Transformationen und Effekte (so Isabell Otto).

TikTok ist mit 120 Milliarden Dollar Umsatz und Milliarden Nutzern weltweit heute als einziger Global Player auf dem Social-Media-Markt kein Unternehmen aus den USA. Unter westlichen Strategen schwenkt man derzeit, auch unter dem Eindruck wachsender finanzieller Stärke Pekings, von Dominanz im Finanzsektor zurück zur klassischen Geopolitik. Doch die chinesische App hat selbst in den USA, im Mutterland der digitalen Plattformen, beachtliche 170 Millionen User, meist Teens und Twens. Ein beeindruckender Erfolg, aber über 90 Prozent der TikTok-Nutzer in den USA nutzen weiterhin YouTube (Google), 80 Prozent Instagram und 68 Prozent Facebook, beide von Zuckerbergs Meta-Konzern.

TikTok & Jugendschutz

TikTok hat für Kontroversen über den vernachlässigten Jugendschutz gesorgt und auch als jüngst Berichte über eine Dominanz rechtspopulistischer Inhalte der AfD die Runde machten. Man sieht darin eine Erklärung für den überraschenden Erfolg der AfD bei (vorwiegend männlichen) Jungwählern in Umfragen und Wahlen. In den USA gibt es Verbote und US-Behörden drängen den chinesische Mutterkonzern ByteDance zum Verkauf der App, die mit Milliarden Nutzern heute als einziger Global Player auf dem Social-Media-Markt keine US-Firma ist. Die auch bei uns laut gewordenen Anklagen reichen von Spionage bis zur Erzeugung von Abhängigkeit, Depression und Suizidneigung der jungen Nutzer -Probleme, die auch bei anderen Social Media Plattformen verzeichnet wurden. Facebook hatte diverse Skandale, habe die französischen Gelbwesten in eine Filterblase gelockt (Breljak/Mühlhoff 2019), spioniere seine Nutzer aus, manipuliere ihre Gefühle, Meinungen und sogar Wahlentscheidungen (O’Neil 2017). Auch bei Instagram sah man die Jugend in Gefahr, Suchteffekte und etwa das Triggern von Anorexie bei jungen Mädchen. Seit dem Start von Instagram sei in Miami z.B. die besonders gefährliche Schönheits-OP Butt-Lift um 200 Prozent häufiger geworden. Warum ist das so?

Die allgegenwärtigen Smartphones lassen Bilder schneller, variabler und professioneller entstehen und durch die Sozialen Medien sind sie fast beliebig zu verbreiten. Dies verändert unsere Kommunikation, weil Menschen sich dadurch mit Bildern genauso selbstverständlich austauschen können wie zuvor nur über Sprache. Der in den Kulturwissenschaften seit Jahren proklamierte „Iconic Turn“ ist gesellschaftliche Realität geworden.

Viel westliche Kritik konzentriert sich auf den Algorithmus von TikTok, der – angeblich im Gegensatz zu anderen Social-Media-Plattformen – die Verbraucher gezielt ansprechen und ihr Engagementverhalten beeinflussen würde (Smith 2021; Kosters/Gstrein 2024, p.125); Jorinde Schulz hat jedoch schon 2019 beschrieben, wie andere Plattformen, z.B. Facebook, LinkedIn, Airbnb, seit Langem genau dies ebenfalls tun. Instagram galt zeitweise als größte Jugendgefährdung: Die „Welt der Schönen und Reichen“, die Omi beim Friseur in Frauenmagazinen konsumiert, kommt mit Instagram für die Enkelin aufs Smartphone -als Mitmach-App. 2010 gegründet erreichte Instagram nach nur einem Jahr 10 Millionen User und wurde von Marc Zuckerberg für eine Milliarde Dollar zur Foto-App von Facebook gemacht. Schnell hatte „Insta“ mehr User als Facebook. Das iPhone mit seiner Kamera lieferte die Bildqualität, Instagram die schlanke Technik, um das Social Network-Prinzip Zuckerbergs vom Laptop aufs Handy zu bringen. Beide Plattformen ködern gezielt den Narzissmus ihrer User, insbesondere den Drang von Menschen „anderen zu zeigen, wer und wie sie sind“ und beide arbeiten wie TikTok mit suchtfördernden Psychotricks, Profiling und gezielter Werbung. Der Iconic Turn frisst seine Kinder digital.

Literatur

Barth, Thomas und Roland Alton-Scheidl: Wem gehören die Beziehungen im Netz? Über Individualisierung, Ökonomie und Herrschaft im Web2.0, in: Ries, M./H.Fraueneder/K.Mairitsch (Hg.): dating.21: Liebesorganisation und Verabredungskulturen, Transcript, Bielefeld 2007, S.225-242.

Carstensen, Tanja: Ringen um Handlungsfähigkeit im digitalen Kapitalismus, in: Carstensen, T./S.Schaupp/S.Sevignani (Hg.): Theorien des digitalen Kapitalismus. Arbeit, Ökonomie, Politik und Subjekt, Suhrkamp, Frankfurt/M., 2023, S.402-420.

Dean, Jodi: Neofeudalisierung: Die innere Logik des kommunikativen Kapitalismus, in: Carstensen, T./S.Schaupp/S.Sevignani (Hg.): Theorien des digitalen Kapitalismus. Arbeit, Ökonomie, Politik und Subjekt, Suhrkamp, Frankfurt/M., 2023, S.439-457.

Kosters, Lisa und Oskar J. Gstrein: TikTok and Transparency Obligations in the EU Digital Services Act (DSA) – A Scoping Review, Zeitschrift für Europarechtliche Studien – ZEuS 1/2024, p.110-145.

Löchel, Elfriede: Subjekt und Medium in der digitalen Welt, in: Grabska, K. u.a. (Hg.): Virtuelle Berührung – zersplitterte Realität. Zur Psychoanalyse von Digitalisierung und Internetkultur, Psychosozial-Verlag, Gießen 2023, S.39-64.

Mühlhoff, R./A.Breljak: Was ist Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft? in: Mühlhoff, R./A.Breljak/J.Slaby (Hg.): Affekt Macht Netz. Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft, Transcript, Bielefeld 2019, S.7-36.

O’Neil, Cathy: Angriff der Algorithmen. Wie sie Wahlen manipulieren, Berufschancen zerstören und unsere Gesundheit gefährden, Hanser, München 2017.

Otto, Isabell: TikTok. Ästhetik, Ökonomie und Mikropolitik überraschender Transformationen, Wagenbach, Berlin 2023.

Pletz, Hendrik: Diesseits der Bilder: Der Videorekorder und die Geschichte medialen Wissens um 1980, Neofelis, Berlin 2020.

Schmalz, Stefan: Varianten des digitalen Kapitalismus: China und USA im Vergleich, in: Carstensen, T./S.Schaupp/S.Sevignani (Hg.): Theorien des digitalen Kapitalismus. Arbeit, Ökonomie, Politik und Subjekt, Suhrkamp, Frankfurt/M., 2023, S.285-305.

Schulz, Jorinde: Klicklust und Verfügbarkeitszwang: Techno-affektive Gefüge einer neuen digitalen Hörigkeit, in: Mühlhoff, R./A.Breljak/J.Slaby (Hg.): Affekt Macht Netz. Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft, Transcript, Bielefeld 2019, S.131- 153.

Smith, Ben: How TikTok Reads Your Mind, New York Times 05.12.2021.

03/11/24

Isabell Otto: TikTok

Isabell Otto: TikTok. Ästhetik, Ökonomie und Mikropolitik überraschender Transformationen. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2023

Buchkritik von Thomas Barth

Wie hat die AfD es zu Dominanz in Netzmedien gebrecht? TikTok, die chinesische Kurzfilm-App mit vorwiegend jungem Publikum, hat für einiges Aufsehen und Kontroversen gesorgt, etwa als jüngst Berichte über den dort beobachteten Erfolg rechtspopulistischer Inhalte der AfD die Runde machten. In den USA gibt es Verbote und US-Behörden drängen den chinesische Mutterkonzern ByteDance zum Verkauf der App, die mit Milliarden Nutzern heute als einziger Global Player auf dem Social-Media-Markt keine US-Firma ist. Die auch bei uns laut gewordenen Anklagen reichen von Spionage bis zur Erzeugung von Abhängigkeit der Nutzer. Isabell Otto zeigt in ihrem Buch, über welche Ästhetiken die App funktioniert und wie Beiträge viral gehen. Im Zentrum ihrer ästhetischen Analyse steht das Stilmittel der ‚TikTok-Transition‘ (überraschender Übergänge) dessen Wechselwirkungen mit Konventionen der Medienkultur, Plattformmechanismen und Praktiken der Nutzenden sie untersucht. Beispiele entnimmt sie dem politischen Aktivismus (Selenskyj im Ukraine-Krieg), Influencer- und Tanzvideos, Fan- und Popkultur-Adaptationen sowie künstlerischen Beiträgen.

Die Wagenbach-Buchreihe „Digitale Bildkulturen“ widmet sich neuen Bildformaten wie GIFs (Bewegtbildformat), Memen (viral gehende Sinneinheiten) oder Selfies (Handy-Selbstportraits), und analysiert wie sich Funktionen und Erscheinungsweisen von Bildern in den Sozialen Medien verändern. Bilder animieren zu Handlungen, stimulieren zu Teilhabe und Mitgestaltung und sind so eines der wichtigsten Instrumente politischer und aktivistischer Praxis geworden. Die Welt der meisten Menschen verändert sich durch die Digitalisierung und gerade Bilder erleben einen enormen Bedeutungszuwachs. Die allgegenwärtigen Smartphones lassen Bilder schneller, variabler und professioneller entstehen und durch die Sozialen Medien sind sie fast beliebig zu verbreiten. Dies verändert unsere Kommunikation, weil Menschen sich dadurch mit Bildern genauso selbstverständlich austauschen können wie zuvor nur über Sprache. Der seit Jahren proklamierte „Iconic Turn“ ist gesellschaftliche Realität geworden. Daraus ergeben sich zahlreiche neue Formen und Funktionen von Bildern, die nur aus der Logik und Infrastruktur der Sozialen Medien heraus verständlich werden (S. 4).

Der schmale Band vvon Isabell Otto zeigt auf seinen nur 80 engbedruckten Seiten zahlreiche Bilderstrecken, die auf ca. 17 Seiten Anmutungen von Kurzvideos einfangen und im Text ausführlich analysieren und kommentieren. Die meist halbseitigen, manchmal nur quadratzentimetergroßen Bilder zeigen ein Handydisplay oder Ausschnitte davon und stellen die Sehkraft auf die Probe. Ein Inhaltsverzeichnis fehlt, am Ende finden sich 55 Anmerkungen, meist mit Quellenangaben und eine Liste mit Bildnachweisen die meist auf TikToks (also Beiträge der Plattform) verweisen. Der Text gliedert sich in die „Einleitung: Brisante Bilderwelten“ und vier Kapitel:

  1. Übergänge und Kippfiguren: #transitiontok,
  2. Arbeit an der Sichtbarkeit: oddly satisfying,
  3. Viralität und Mimetik: sped up,
  4. Fluchtlinien des Mikropolitischen: Selenskyjs Fans.

Die Einleitung sieht bei TikTok mehr als eine „Spaß-Plattform“, dort würden sich Unterhaltung, Vermarktung und politische Aktion so mischen, dass die Grenzen zwischen diesen Bereichen verwischen. Flüchtlinge im Mittelmeer, Ukraine-Krieg und die Hexenjagd auf mutmaßliche Mörderinnen durch TikToker:innen sind Beispiele. Problematisch seien Jugendschutz und nationale Sicherheit, am prominentesten durch den Verdacht von Donald Trump, TikTok sei eine Spionage-App, der immer wieder laut würde und zu Verboten in zahlreichen Ländern geführt habe (S. 8).

In Kapitel 1 „Übergänge und Kippfiguren: #transitiontok“ werden überraschende Übergänge und Transformationen als zentrales ästhetisches Prinzip erörtert, was sich deutlich „in einer beliebten ästhetischen Spielart der Kurzvideos, der transition“ zeige (S. 10). Hier transformieren sich mittels Montagetechnik und anderen Filmtechniken Dinge, Menschen, Gesichter, was teils Kippfiguren, teils Schockeffekte kreiere. Mit über 260 Millionen Views hatte ein Video großen Erfolg, in dem ein abgetrennter Kopf von einer Poolrutsche auf die Schultern seines Besitzers zu rollen scheint. Auf der Startseite von TikTok präsentiere die „For You Page“ algorithmisch generierte Empfehlungen, zugeschnitten auf das persönliche Nutzerprofil. (Alters-) Diskriminierung, Hass und Radikalisierung spielen auf TikTok eine bedeutende Rolle. „Shadowbanning, algorithmisches Unsichtbarmachen oder Marginalisierung, sind Plattform-Operationen“ (S. 18).

Kapitel 2 „Arbeit an der Sichtbarkeit: oddly satisfying“ untersucht Relationen auf TikTok. Auf Social-Media-Plattformen habe sich die Ökonomisierung von Sozialität als zentrales Geschäftsmodell etabliert. Wichtiger Teil davon sei die Professionalisierung von Creator:innen, die über Produktwerbung oder Sponsoring ihren Lebensunterhalt verdienen könnten. Der „TikTok Creator Fund“ der Firma belohne den Klick-Erfolg von Videos sogar direkt durch Geldausschüttungen an algorithmus-konforme Produzent:innen (S. 20). Ein mögliches Erfolgsrezept sei dabei mit „oddly satisfying“ zu umschreiben: Videos, die durch Skurrilität irritieren und damit Zuschauer anlocken. Dabei würden etwa Dinge mechanisch bearbeitet oder gereinigt, letzteres brachte das Genre der Cleanfluencer:innen hervor. Schockeffekte machen auch TikTok-Stars, so etwa den „Spiritwalker“, der sich in einem extremen Halloweenkostüm als Monstrum zeigte. Weitere Videos erklärten die handwerkliche Herstellung des Kostüms, seine Erweiterung, Anwendung usw. Ein Geflecht aus Relationen und Verästelungen entstehe, wo Irritationen und Erklärungen verwoben würden (S. 36).

Kapitel 3 „Viralität und Mimetik: sped up“ arbeitet sich ab am begriff der Serie und Serialität. Die entstehe auf TikTok durch zahlreiche popkulturelle Referenzen, die in Ton, Bild und Performance Meme aufgreife und neu erschaffe und durch vielfältige Variation in eine netzartig verknüpfte Bilderwelt führe. Etwa würde Lady Gaga mit der Netflix-Gothic-Serie „Wednesday“ verbunden, verfremdend würden dabei *Sped up‘-Songs, schneller abgespielte Ohrwurm-Melodien eingesetzt. Sound wäre dabei neben Tanz eine wichtige Vernetzungsdimension, die auf auditiven Memes basiere. Lady Gaga habe reagiert, indem sie ihren Song nun selbst mit Tanzeinlagen aus „Wednesday“ verbinde (S. 47).

Politisch und theoretisch wird es in Kapitel 4 „Fluchtlinien des Mikropolitischen: Selenskyjs Fans“. Deuleuze/​Guattari werden mit ihrem berühmten „Rhizom“ eingeführt. TikToks vernetzte Videografie ähnele in ihrer viralen, eigenlogischen und nicht kontrollierbaren Serialität dem poststrukturalistischen Rhizom-Begriff. Das „aus der Botanik entlehnte“ Rhizom, also Wurzelgebilde, sei aktivistisch gedacht, fordere zu anarchistischen Denkweisen heraus (S. 50). Die transitorische Ästhetik TikToks würde in ihren Serien und Relationen mit dem Prinzip der Öffnung ergänzt, öffne sich gesellschaftlichen Themen. Die Kiewer Regierung habe etwa seit dem russischen Angriff eine ausgefeilte Social-Media-Strategie für die eigene Bevölkerung wie für ein internationales Publikum entfaltet. „Die Inszenierungsformen des ehemaligen Schauspielers und Komikers Selenskyj umfassen dabei gezielt Strategien der ‚Spektakularisierung‘ von Politik“ (S. 53). Auf Twitter, Telegram, Instagram und TikTok rücke man den ukrainischen Präsidenten in heroischem Stil ins Bild, betone dabei jedoch „seine Nahbarkeit und ein persönliches Mit-Betroffensein“ (S. 53). Konsequenz sei ein hochwirksames „Gemenge aus Politischem, Popkulturellem und inszenierter Privatheit“ (S. 55), welches auch Gegenpropaganda provoziere, „pro-russische Trolle, die Verunglimpfungen, Hass und Falschmeldungen verbreiten“ (S. 58).

Diskussion

Die Autorin verweist in ihren Danksagungen am Ende des Buches unter anderem auf die unveröffentlichte Masterarbeit von Meike Hein „Stilmittel ‚TikTok-Transitionen‘. Wechselwirkungen zwischen Konventionen der Medienkultur, Plattformmechanismen und Praktiken der Nutzenden“, Konstanz 2022, „…der ich viele Einblicke in diese Medienpraktiken verdanke“ (S. 77). Dies ist Isabell Otto einerseits hoch anzurechnen, denn wir können davon ausgehen, dass sehr viele Professor:innen ihre Einblicke und Erkenntnisse auch Studienarbeiten ihrer Student:innen verdanken, ohne dass dies in daraus resultierenden Publikationen erwähnt wird. Andererseits fehlt in den Quellennachweisen bei Otto jede Spur der Arbeit von Meike Hein, so dass sich -auch angesichts der weitgehenden Überschneidung von deren Thema mit dem Inhalt des Buches von Otto– die Frage erhebt, welche ihrer Einblicke die Autorin der Studentin verdankt. Das Dilemma dabei: Diese Frage erhebt sich ja nur eben weil diese eine Professor:in so ehrlich war, die Masterarbeit zu erwähnen. Wie es für akademischen Nachwuchs in wirklich toxischen Arbeitsbeziehungen aussieht, beschrieb Anne-Christine Schmidt in Albtraum Wissenschaft.

Das Buch liefert einen kritischen Einstieg in die Analyse von Beiträgen der chinesischen Plattform bzw. App TikTok. Ästhetik, Anwendung und Nutzung werden aus medienwissenschaftlicher Sicht, aber unter Berücksichtigung ökonomischer und politischer Dimensionen sowie Auswirkungen auf die Gesellschaft dargelegt. Die Faszination von TikTok, die einen globalen Erfolg begründete, sieht sie vorwiegend im Zusammenspiel einer auf Transition, Remix und Vernetzung basierenden Ästhetik, an deren Anwendung die Algorithmen hinter den Bildern entscheidenden Anteil haben. Ein abschließendes Urteil erlaubt sich die Autorin nicht, sondern verweist auf die Offenheit und die nicht vorhersagbare Entwicklung von TikTok.

Isabell Otto: TikTok. Ästhetik, Ökonomie und Mikropolitik überraschender Transformationen. Verlag Klaus Wagenbach, Reihe: Digitale Bildkulturen, Berlin 2023. 74 Seiten. ISBN 978-3-8031-3734-0. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.

Isabell Otto ist Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Konstanz und war dort Prodekanin der Geisteswissenschaftlichen Sektion. Sie forscht zu medialer Teilhabe in digitalen Kulturen, Dynamiken des Ein- und Ausschließens in Social Media, Digital Literacy und kulturellen Dimensionen digitaler Spielweisen. Sie ist Mitglied des Zentrum für HumanDataSocienty, des Forschungsvorhabens Transforming Infrastructure – Cultural Perspectives und der DFG-Forschungsgruppe Mediale Teilhabe und sie lehrt u.a. Social Media Literacy als Lehrkonzept des Deutschunterrichts.

(Eine gekürzte Version dieser Buchkritik erschien bei socialnet.)