11/5/14

CITIZENFOUR

Filmkritik von Thomas Barth

Edward Snowden ist der Whistleblower, der unser Vertrauen in das Internet am tiefsten erschütterte. Er riskierte alles, um die Netznutzer aus ihrer Traumwelt zu reißen, in der sie den digitalen Cyberspace als rosiges Schlaraffenland zur bequemen Befriedigung all ihrer Bedürfnisse erleben. „Citizenfour“ hält als atemberaubendes Filmdokument die historischen Momente fest, in denen das monströse Panoptikum einer geheimen virtuellen Weltherrschaft in sich zusammenfällt – zum Einsturz gebracht von einer Handvoll mutiger Enthüller.

Die Filmemacherin Laura Poitras war die erste Person, der Snowden seine Kenntnisse enthüllte – unter dem Decknamen „Citizenfour“, der zum Titel ihres Dokumentar-Thrillers wurde. Die gebürtige US-Amerikanerin lebt in Berlin, weil US-Behörden sie drangsalierten, der Grund: Kritische Filme über 9/11, den Irakkrieg und das US-Foltergefängnis Guantanamo. Der dritte im Bunde war der Blogger und Journalist Glenn Greenwald, der aus dem brasilianischen Exil die USA kritisiert, etwa die Verhaftung und Folterung des Wikileaks-Whistleblowers Bradley Chelsea Manning durch die US-Militärjustiz. Snowden arbeitete für die NSA, die CIA und für mysteriöse Privatfirmen im Dunstkreis der Geheimdienste. Er entdeckte, dass seine Auftraggeber die digitale Welt unter ihre Kontrolle bringen wollen. Dabei brechen sie Gesetze vieler Länder, sogar der USA, und verletzen die Menschenrechte von Milliarden ahnungslosen Netznutzern. Snowden wollte diese kriminellen Machenschaften ans Licht bringen und die Lügen der Top-Manager der globalen Bespitzelung aufdecken, obwohl er genau wusste, dass sie über Leichen gehen würden, um ihre schmutzigen Geheimnisse zu wahren.

Snowden und seine Vertrauten wussten auch, dass es hart werden würde, ihr Wissen zu veröffentlichen, selbst wenn sie es schaffen sollten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Sie wussten, dass die Masse der Medien gegen sie stehen würde, dass man sie und ihre Familien ausforschen, jagen, mit Dreck bewerfen würde, um sie einzuschüchtern und unglaubwürdig zu machen. Und sie wussten, dass Geheimdienste und Herrschaftseliten ihre ganze Macht über die Medien ausspielen würden, um die ans Licht gebrachten Wahrheiten zu vernebeln, zu verdrehen, abzuwiegeln und abzulenken. Alles kam darauf an, die Publikation zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in einer sorgfältig geplanten Reihenfolge durchzuziehen.

Laura Poitras hält mit ihrer Kamera die entscheidenden Momente fest. Als echte Dokumentation, nicht als nachgestellte Dokufiction. Man sieht die erste Kontaktaufnahme in einem Hotel in Hongkong, die ersten Gespräche mit Snowden, bei denen die Journalisten noch nicht ganz überzeugt sind, dem Whistleblower noch immer etwas auf den Zahn fühlen. Später spürt man die Anspannung, die permanente Erwartung, dass gleich bewaffnete CIA-Leute das Zimmer stürmen. Man fühlt die berechtigte Paranoia, versteckt hinter Galgenhumor, wenn Snowden seinen „Zaubermantel“ über sich und seinen Laptop zieht, um Passwörter einzugeben –aus Furcht vor visueller Bespitzelung. In einigen Szenen kommunizieren Snowden und der Greenwald nur noch über Notizzettel, zu groß ist die Sorge abgehört zu werden. Man ahnt, dass dies das Lebensgefühl künftiger Generationen spiegeln könnte. Die Privatsphäre schützen, heißt die persönliche Freiheit schützen, sagt Jacob Appelbaum. Der Wikileaks-Unterstützer und Mitstreiter von Poitras in Berlin gab den ihm verliehenen Henry-Nannen-Preis jüngst zurück, um auf die Nazi-Vergangenheit der Bertelsmann-Illustrierten „Stern“ hinzuweisen.

Der Britische Guardian gilt als das mutigste Presseorgan der englischsprachigen Welt, er war bei Wikileaks mit dabei, engagierte sich den berühmten Blogger Greenwald für eine Kolumne. Doch nun zaudert man in London mit diesem größten Skandal der Geschichte. Obwohl die Redaktion mit Ewen MacAskil noch einen alten Hasen geschickt hatte, um sich weiter abzusichern. Zuletzt droht Greenwald mit Publikation auf eigene Faust, der Guardian gibt nach –und wird dafür vom GCHQ, dem Londoner Gegenstück zur verbündeten NSA, drangsaliert: Die Journalisten müssen Wochen später ihre Redaktions-Computer unter Aufsicht von finsteren Beamten eigenhändig zerstören. Ein dummer Akt der Demütigung durch sinnlose Schikane.

Aber nach der Publikation der ersten Dokumente am 5.Juni 2013 ist die Stimmung erst einmal entspannter, Snowden sieht am Hotelfernseher die CNN-Berichte über seine Enthüllungen vorbei ziehen. Zuerst bleibt der Whistleblower noch anonym, sie wollen die NSA etwas zappeln lassen. Plötzlich bekommt Snowden Nachricht von seiner Freundin aus den Hawaii sie haben ihn vermutlich als Leck identifiziert. Er wendet sich selbst an die Öffentlichkeit, erklärt ruhig und sachlich sein Verhalten. Dann taucht Snowden ab, als Reporter das Hotel zu belagern beginnen. Er gerät Poitras aus dem Blick, die ihn später in Russland wieder aufspürt, wo seine Freundin zu ihn gestoßen ist. Beide suchen Asyl vor dem gnadenlosen Zugriff der US-Behörden, die Snowden mit fragwürdiger Rechtsauffassung nach einem dubiosen Gesetz aus dem Ersten Weltkrieg zum Verräter gestempelt haben. David Miranda, den Lebensgefährten von Greenwald, nehmen britische Behörden fest und verhören ihn acht Stunden lang unter der fragwürdigen Begründung, er stände unter „Terrorismusverdacht“. Seine Sachen werden konfisziert, ehe er nach Brasilien weiterreisen darf. Menschenrechtsgruppen protestierten.

Poitras mischt die Snowden-Aufnahmen aus Hongkong und Russland geschickt mit Interviews und anderem Filmmaterial. Der NSA-Whistleblower William Binney und weitere Überwachungskritiker kommen zu Wort. Dagegen gestellt werden der damalige NSA-Direktor Keith Alexander und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper, bei offensichtlichen Lügen vor dem US-Kongress. Sie leugnen die kriminelle Bespitzelung, versuchen ihr Ausmaß klein zu reden. Vor dem Europaparlament erklärt Ladar Levison vom E-Maildienst Lavabit, den Snowden für seine Kontaktaufnahme zu Poitras nutzte, warum er seine Firma schließen musste. US-Behörden setzten ihn wie viele andere Firmen unter Druck, seine Kundendaten an die NSA zu verraten. Besonders die größten Firmen taten das, einige willig wie Microsoft, andere weniger kooperativ, Apple erst nach dem Tod von Steve Jobs.

Aber Poitras versucht gar nicht erst, den Film mit Details über die vielen NSA-Manöver zur Überwachung zu beladen. Für die genaue Erklärung von PRISM, Tempora oder XKeyscore gibt es The Intercept, das neue Blog von Greenwald, Snowden, Jeremy Scahill und anderen. Oder Bücher, vor allem „Die globale Überwachung“ von Glenn Greenwald, praktisch das Buch zum Film. Greenwald schreibt weit informativer als der SPIEGEL-Bestseller „Der NSA-Komplex“ von SPIEGEL-Redakteuren, die das NSA-Thema eher vernebeln und in ihrer Darstellung der deutschen Datenschutz-Szene sogar den Chaos Computer Club unerwähnt lassen, die hiesigen Pioniere der NSA- und Überwachungskritik. Der SPIEGEL will nur noch das Blog „Netzpolitik“ kennen, das neuerdings als Medien-Darling durch deutsche TV-Sender tingelt, und belegt damit, dass große Medienkonzerne wie Bertelsmann eher Teil des Problems sind als seine Lösung.

Was Snowden über die Geheimdienste ans Licht brachte, übertraf die schlimmsten Befürchtungen der meisten Menschen um ein Vielfaches. Die NSA & Co. haben das World Wide Web zu einer gigantischen Überwachungsmaschine umfunktioniert, die jeden unserer Schritte bespitzeln und protokollieren kann. Daraus lässt sich ein präzises Persönlichkeitsprofil jedes Menschen weltweit errechnen. Vielleicht nicht jetzt sofort, aber irgendwann in der Zukunft, wenn du es wagen solltest, „etwas Auffälliges“ zu tun. Du oder jemand, den du kennst. Oder jemand, der jemanden kennt, den du kennst. Und was ist „etwas Auffälliges“? Das sagen sie uns nicht, weil sie es geheim halten. Oder weil sie es selbst noch nicht wissen. Vielleicht wird das künftig ein Geheimdienstchef entscheiden oder ein US-Präsident. Oder ein Computer. Oder ein Konzernboss, ein Weltdiktator, ein Massenmörder.

Wir alle werden künftig in einer Welt leben müssen, wie sie das wahnsinnige Genie eines Franz Kafka nicht dunkler hätte ersinnen können: Wenn wir die NSA nicht bändigen, wenn wir nicht wachsam bleiben, Kryptographie anwenden und die Reste der Demokratie zäh verteidigen. Wir müssen sie verteidigen gegen Dunkelmänner, die behaupten, sie wollten uns vor „dem Terror“ schützen – vor einem Terror, von dem immer mehr Menschen glauben, dass ihn genau diese Dunkelmänner insgeheim fördern oder überhaupt erst organisiert haben. Der Film „Citizenfour“ hilft uns, nicht wieder ins rosige Traumland naiver Netznutzung zurück zu gleiten, aus dem es ein grausiges Erwachen geben könnte. – Citizenfour läuft ab dem 6. November 2014 im Kino.

10/28/13

Kinofilm: Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt

Filmkritik von Thomas Barth 28.10.2013

Der Kinofilm „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ basiert hauptsächlich auf der Sicht der etablierten Medien und des WikiLeaks-Aussteigers Domscheit-Berg: Dafür geht er jedoch überraschend freundlich mit Assange und seinem Projekt um und bedient damit Erwartungen vieler Fans. Selten zuvor hat eine Vorab-Pressevorführung im sonst meist dünn besetzten, jetzt aber brechend vollen Kino so viele junge weibliche Cineasten erlebt. Auch die Sicherungsmaßnahmen gegen Screenshot-Raubkopierer waren überdurchschnittlich, alle Handys waren abzuliefern, verdächtig wirkende Gestalten, wie offenbar der Autor dieser Zeilen, wurden gründlich auf Kameras gefilzt. „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ (Originaltitel: „The Fifth Estate“) wird beworben als „Thriller über das Leben von WikiLeaks-Gründer Julian Assange, der für seine Veröffentlichung brisanter Geheimdokumente bekannt wurde.“

In Wahrheit geht es um die frühen Jahre von WikiLeaks, Assange in Kenia, den Julius-Bär- und den Island-Finanz-Leak bis hin zu den jenen Enthüllungen, die ganz große Schlagzeilen machten: Das US-Killer-Video aus dem Irak („Collateral Murder“), das WikiLeaks erstmals auch dem Tagesschau-Publikum bekannt machte, die geheimen Militärberichte aus Irak und Afghanistan und die US-Depeschen. Dabei werden, wohl aus dramaturgischen Gründen, einige Abläufe anders dargestellt als man sie aus wohlmeinenden Quellen wie „Julian Assange –Die Zerstörung von WikiLeaks?“kennt, vor allem wird die Rolle der Guardian-Journalisten freundlicher dargestellt.

Benedict Cumberbatch (bekannt geworden als Nerd-Version von Sherlock Holms) spielt Julian Assange, der Deutsche Daniel Brühl (kümmerte sich in „Good Bye, Lenin!“ rührend um seine kranke DDR-Mutti) bekam die Rolle des deutschen Hackers Daniel Domscheit-Berg, dem deutschen Gefoglsmann und engsten Mitarbeiter Julian Assanges, der später zum „Verräter“ wurde und seine eigene Plattform „OpenLeaks“ gründete. Unter Regie von Bill Condon wurde ein Drehbuch von Mystery-Autor Josh Singer („Fringe“) verfilmt. Singer schöpfte sein Wissen für den Film aus den Büchern „Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ des im Streit geschiedenen Ex-WikiLeaks-Sprechers Daniel Domscheit-Berg sowie aus dem Buch „WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“ der Guardian-Journalisten Luke Harding und David Leigh, heute als verbissene Assange-Gegner bekannt.

Eine neue Version der Wahrheit

In der TV-Dokumentation von Patrick Forbes „WikiLeaks – Geheimnisse und Lügen“ durften die Guardian-Journalisten bereits ihre Version der Ereignisse ausbreiten. Laut dieser Doku traf den Guardian weder Schuld an der Diskreditierung von WikiLeaks noch an der öffentlichen Demontage von Julian Assange, die mit einer einseitigen Darstellung der schwedischen Sex-Affäre in dem Film weiterbetrieben wurde. Nicht einmal die Schuld für die überstürzte Freigabe aller US-Depeschen wollten die Qualitäts-Journalisten übernehmen, dabei wurde das Passwort der verschlüsselt zirkulierenden Depeschen zuerst im besagten Guardian-Buch von Harding und Leigh publiziert, doch zu Wort kam dazu nur David Leigh selbst.

Der Kinofilm „Inside Wikileaks“ hebt sich wohltuend von Patrick Forbes‘ Darstellung ab, stellt zwar die Depeschen-Affäre nicht völlig klar, zeigt aber die Vergewaltigungs- bzw. sexuellen Missbrauchs-Vorwürfe der beiden Schwedinnen aus völlig anderer Perspektive dar: Eher als wahrscheinlichen Teil eines US-Komplotts gegen Assange. (Nachtrag: Diese Version stellte sich als Realität heraus, als Nils Melzer die Geheimdienst- und Justizintrige nachwies, die Assange den „Vergewaltigungsverdacht“ anhängen sollte -die penetrant hetzenden Mainstream-Medien bedienten gierig diese politisch motivierte Rufmord-Kampagne.) Filmemacher Bill Condon enthüllt sogar eine klare US-Propaganda-Strategie gegen WikiLeaks, die nach dem „Collateral Murder“-Video und den Kriegs-Enthüllungen darauf abzielte zu behaupten, es klebe nun „Blut an den Händen“ von Assange.

Patrick Forbes‘ WikiLeaks –Doku hatte diesen Punkt noch ganz im Sinne von Pentagon und US-Regierung dargestellt: „Der Doku-Abschnitt über die Publikation der Afghanistan Warlogs durch Guardian, Spiegel & Co. rückt den medialen Gegenschlag der USA in den Mittelpunkt. Aber sie analysiert ihn nicht, sondern stellt ihn als unbezweifelbare Wahrheit hin. Assange wird dabei quasi zum Hauptskandal der Enthüllung gemacht: “48 Stunden lang sprach die ganze Welt von zivilen Opfern und von Taskforce 373, dann fand die NYT auf WikiLeaks Dokumente, die eindeutig die Sicherheit afghanischer Zivilisten gefährdeten.”

Das US-TV dazu: “An WikiLeaks Händen klebt Blut!” An dieser Stelle der Doku wiederholt ein unheimlicher Hall-Effekt: “…klebt Bluuuut!” Soll damit das Blut, das angeblich an WikiLeaks klebt, ins Gedächtnis der Zuschauer eingebrannt werden? … Beinahe nebenher erfahren wir, dass eine Taskforce 373 als US-Killerkommando Mordanschläge auf als Taliban-Verdächtigte und ihre Familien durchführte. Aber der wahre Skandal ist anscheinend nicht dies, sondern der Geheimnisverrat. Und natürlich das Blut, das durch die Enthüllung der Kriegsverbrechen angeblich an den Händen von Assange klebt.“

Unverantwortlich, kontraproduktiv und schädlich?

Eine widersprüchliche Seite des Kinofilms ist, dass ein frei erfundener Handlungsstrang sein Thriller-Potential genau aus so einer Story schöpft: Ein US-Spitzel wird durch WikiLeaks enttarnt und muss plötzlich vor dem islamistischen Regime flüchten, aus dem er Washington mit Information belieferte. Aus der vernichtenden Kritik von WikiLeaks.org selbst an der Filmproduktion geht hervor, dass die Szenen ursprünglich im Iran spielen sollten, dann aber nach Libyen verlegt wurden (wohl den aktuellen Ölraub-Kriegsplänen Washingtons folgend). Die dort geäußerte Filmbewertung ist hart: „from WikiLeaks’ perspective, irresponsible, counterproductive and harmful“.

Insbesondere wird Julian Assange selbst wohl weniger, wie die Filmkritik im „Spiegel“ meinte, als „eine Art Fürst der Internetfinsternis“ dargestellt, sondern von Cumberbatch durchaus als Visionär und Idealist gezeigt, freilich mit vielen Zügen, die dem Klischee des Hackers bzw. Nerds entsprechen. Auch wenn einige wegen Julian Assange und Domscheit-Berg hier einen „Film über Mozart aus Sicht von Salieri“ erkennen wollen, dürfte der Film dem Ansehen von WikiLeaks insgesamt eher förderlich sein.

WikiLeaks wird in den etablierten Medien seit der ungefilterten Veröffentlichung tausender US-Depeschen (Cablegate) als gescheitert dargestellt, trotz vieler weitere Enthüllungen wie etwa den Kissinger-Files. Doch die Medien folgen vereinfachenden Erklärungsmustern, personifizieren komplexe Probleme und forderten von WikiLeaks journalistische Standards ein, die sie selbst nur selten einhalten. Die Zunft der Journalisten scheint bislang überwiegend fixiert auf die Verteidigung ihrer gesellschaftlichen Machtposition gegen eine neuartige Konkurrenz aus dem Netz, für die WikiLeaks nur ein Vorbote sein dürfte – für den sich selbst organisierenden inversen Panoptismus.Thomas Barth erschienen 27.10.2013 auf https://berlinergazette.de/de/wikileaks-film-fifth-estate/

08/15/13

Medien-Mainstream & Netzkultur: Wikileaks – Edward Snowden

Thomas Barth

Die Netzkultur steht den Mainstreammedien heute kritisch gegenüber, von deren Aufmerksamkeit sie gleichwohl abhängig ist. Denn die klassischen Leitmedien Presse und Fernsehen machen immer noch den Kern der Öffentlichkeit aus, in welcher die politischen Debatten sich in gesellschaftliche Veränderungen umsetzen lassen – auch wenn jüngere Generationen ihnen ihrerseits zunehmend die Aufmerksamkeit entziehen. Kein Wunder, hatte doch die Medien-Industrie in Anti-Raubkopierer-Kampagnen ihre Verbraucher lange genug zu Verbrechern erklärt, statt vernünftige und faire Verfahren zu entwickeln.

WikiLeaks hatte erfolgreich den Bogen zurück zum Mainstream geschlagen, nicht zur ungetrübten Freude aller etablierten Meinungsmacher. Und wurde in Gestalt von Juian Assange dämonisiert. Mit Edward Snowden und The Intercept von Glenn Greenwald schlägt die Netzkultur jetzt zurück, bietet weniger Angriffsfläche für Personalisierung und macht es schwerer, die Inhalte zu verschweigen. Das Image der Medien leidet unter ihrer immer unkritischer werdenden Haltung gegenüber den Machthabern im eigenen Land bzw. Machtblock. Einzelne, die diese blinden Flecken aufzeigen wollten, gab es schon immer. Oft nahmen sie, von den Medien wenig beachtet, ein schlimmes Ende, wie etwa der Künstler Mark Lombardi, der westlichen Oligarchen und ihren Machtstrukturen nachging. Jeder, der mit westlichen konkurrierende Machteliten angreift, ist sich dagegen der medialen Aufmerksamkeit gewiss. Aber diese Einseitigkeit genügt offenbar nicht, unsere Journalisten verstehen sich immer öfter auch als Wadenbeißer im Dienste westlicher Herrschaftseliten, die über deren Kritiker hemmungslos herfallen.

Wie WikiLeaks zum Flop erklärt wurde

WikiLeaks gilt den Mainstream-Medien seit der ungefilterten Veröffentlichung tausender Cables als gescheitert. Doch es gibt zahlreiche offene Fragen. Etablierte Medien folgen einer vereinfachenden Erzählung, personifizieren komplexe Probleme, führen Standards an, die sie selbst kaum einhalten und brachten sich selbst gegen WikiLeaks in Stellung -selbst dann, wenn sie zuvor massiv von den Enthüllungen der Plattform profitiert hatten.

Today, 15 September 2014, WikiLeaks releases previously unseen copies of weaponised German surveillance malware used by intelligence agencies around the world to spy on journalists, political dissidents and others. Interaktion von Netzplattform und Medien bleibt problematisch

WikiLeaks ist aus der Hacker-Subkultur hervorgegangen und noch immer darin tief verwurzelt. Seit den Anfängen des Internet traten Hacker ein für freien Informationszugang aller bei vollem Schutz der Privatsphäre. Ihre natürlichen Widersacher waren die Geheimdienste, deren Job im Großen und Ganzen die umgekehrte Ausrichtung hatte. WikiLeaks bezeichnet sich in dieser Tradition auch als „Counter-Intelligence“ und „First Intelligence Agency of the People“ – als erster Geheimdienst des Volkes.

Die technologische Avantgarde der Hacker, deren ehedem esoterische Praxis der Online-Kommunikation heute die breite Masse zumindest der jüngeren Generationen erreicht hat, wurde von Anbeginn misstrauisch von den etablierten Medien beäugt. Heute ist sie selbstbewusst zur „Netzkultur“ gereift und ihr stehen neben staatlichen Institutionen auch die Medienkonzerne gegenüber, die von den neuen „Netzbürgern“ oft als „gnadenlose, gierige Content-Verwerter“ gesehen werden.

Kein Wunder, hat doch die Medien-Industrie in Anti-Raubkopierer-Kampagnen ihre Verbraucher so lange zu Verbrechern erklärt, bis sogar eine Piratenpartei in die politischen Arena stieg. Dabei sehen sich die Medien-Konzerne oft sogar als Säule der Demokratie und Pressefreiheit, vertreten aber zunehmend eigene Unternehmensinteressen. Der Antagonismus von Netzkultur und Medienindustrie schwingt unterschwellig mit, wenn etablierte Journalisten über Hackerprojekte berichten – besonders vielleicht, wenn diese – wie WikiLeaks – mit neuen Publikationsformen in die zentrale Sphäre des Nachrichtengeschäfts eindringen.

“Cablegate” und die mediale Schuldfrage

Am 1.9.2011 machte WikiLeaks, die Whistleblower-Plattform des weltberühmten Hackers Julian Assange, negative Schlagzeilen: Durch eine Sicherheitspanne wurden rund 250.000 US-Diplomaten-Depeschen aus dem WikiLeaks-Datenbestand im Internet zugänglich. Diese Depeschen sind, anders als bei vorherigen Depeschen-Publikationen, nicht redaktionell bearbeitet. Somit enthüllen sie womöglich unabsichtlich Namen von Informanten der US-Auslandsvertretungen. Die Aufregung in den Medien war groß und der Ruf von WikiLeaks, durch einen mysteriösen „Sex-Skandal“ um Assange bereits angeschlagen, drohte nachhaltig beschädigt zu werden. (Nachtrag 2022: Nils Melzer „Der Fall Assange“ stellte klar: Die Verleumdungen von Julian Assange mit einem angeblichen „Vergewaltigungsverdacht“ basierten auf einer geheimdienst-gesteuerten Justizintrige in Schweden.) Vielleicht sollten sogar Internet-Enthüllungsplattformen, die bereits als neue, den herkömmlichen Journalismus ergänzende Form der öffentlichen Aufklärung gesehen wurden, generell in Frage gestellt werden. Die Snowden-Enthüllungen und The Intercept konnten dieses mögliche Ziel jedoch unterlaufen, obgleich sie heute von den Medien tendenziell totgeschwiegen werden.

Die von Journalisten gegen die Whistleblower-Plattform und speziell Assange vorgetragenen Vorwürfe lauteten damals, WikiLeaks würde den Informantenschutz und die journalistische Ethik bzw. Sorgfalt vernachlässigen. Beide Vorwürfe erweisen sich jedoch bei genauerer Betrachtung als zumindest fragwürdig.

Was war geschehen? Bei der Weitergabe der Botschafts-Depeschen hatte WikiLeaks zunächst ein verschlüsseltes Datenpaket gepackt und dieses im Internet in Umlauf gebracht. Ziel war, die Daten auf zahlreichen verteilten Rechnern vor dem physischen Zugriff von Polizei, Militär und Geheimdiensten in Sicherheit zu bringen. Die spätere Jagd auf Assange mittels eines unter zweifelhaften Umständen zustande gekommenen Haftbefehls von Interpol zeigt, dass diese Befürchtungen nicht unbegründet waren.

Die so verschlüsselten Daten gelangten in die Hände der drei ausgewählten Presseredaktionen von „Spiegel“, New York Times und Guardian. Später übergab dann Assange den Redakteuren das geheime Passwort, so dass diese die Pakete öffnen und auswerten konnten. Soweit so gut. Doch zwei Journalisten vom Guardian publizierten 2011 auch ein Buch über die WikiLeaks-Geschichte und gaben dabei (versehentlich?) das Passwort bekannt. Sie hätten geglaubt, so später der Guardian, das Passwort sei nur zeitlich befristet gültig gewesen. Jeder Leser des Buches hatte nun die Möglichkeit, die zirkulierenden Datenpakete zu entschlüsseln und Identitäten von US-Informanten zu enthüllen.

Bei der Berichterstattung über den Vorfall ging im Folgenden vieles durcheinander. Die Tagesschau vom 1.9.2011 befragte in ihrem längeren Bericht einen ARD-Internetexperten, der kritisierte, eine Whistleblower-Plattform solle doch in der Lage sein, ihre Informanten zu schützen. In dieser ARD-Darstellung wurden also die hier betroffenen Informanten mit Whistleblowern durcheinander gebracht. Doch es geht in den Depeschen nicht um Enthüller, die öffentliche Aufklärung im Sinn haben, sondern um Zuträger der US-Administration, wie den FDP-Funktionär Metzner, der Interna aus den schwarzgelben Koalitionsverhandlungen verriet. Der Adressat für das Einklagen von Informantenschutz muss hier also nicht WikiLeaks, sondern die US-Administration sein. Es ist nebenbei bemerkt dieselbe US-Administration, die Assange zum Staatsfeind erklärte, ihm vermutlich die Konten sperren ließ, mutmaßlich seine Strafverfolgung wegen fadenscheiniger Vergewaltigungsanklagen und seine Auslieferung an die USA betrieb.

Und Bradley Manning?

Gleichwohl könnten die Depeschen fatale Folgen für Informanten haben, denn manche Zuträger der US-Botschaften müssen wohl mit bedrohlichen Konsequenzen rechnen –„in totalitären Ländern“, wie besorgte Kommentatoren der WikiLeaks-Datenpanne gern hinzufügten. Kaum einer erwähnte dabei jedoch einen Informanten von WikiLeaks selbst, der schon seit Mai 2010 leidet: Bradley Manning, der US-Soldat, der teilweise unter „harten“ Haftbedingungen in US-Militärgefängnissen gehalten wurde (Menschenrechts-Organisationen sprachen von Folter), um ein Geständnis und eine Aussage gegen Assange zu erzwingen.

Die Manning zugeschriebenen Enthüllungen brachten Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen seitens der US-Truppen ans Licht. Sie zeigten den Krieg in Irak und Afghanistan, der uns oft als hehre Friedensmission mit chirurgisch präzisen Schlägen präsentiert wurde, in seiner ganzen Breite und Grausamkeit. Hinter der offiziellen Version von Wiederaufbau und Krieg gegen den Terror erkannten manche in den WikiLeaks-Dokumenten einen zweiten Krieg: Die Strategie, innerafghanische Kontrahenten im Sinne von „teile und herrsche“ gegeneinander auszuspielen; etwa die entgegen der offiziellen Entwaffnungspolitik zugelassene Aufrüstung von Usbekenführer Dostum, der 2006 mit Warlords der Nordallianz einen Putsch gegen Karsai plante. Dies konnte zwar der US-Führung nicht gefallen, rechtfertigt aber nicht die unmenschliche Behandlung eines mutmaßlichen Whistleblowers. Ob mit Bradley Manning nicht einfach ein unbequemer junger Soldat zum Sündenbock gemacht wurde, um Enthüller von US-Geheimnissen generell einzuschüchtern, weiß bis heute niemand.

Die Darstellung von Leistungen von WikiLeaks und Assange erscheint in den Medien oft personalisiert und wenig auf politische Hintergründe ausgerichtet, so in den auf Bestsellerlisten gehandelten Büchern „Staatsfeind WikiLeaks“ und „Inside WikiLeaks“. Doch auch wo fundiertere Analysen vorgenommen werden, bleibt eine voreingenommene Haltung des etablierten Journalismus spürbar. So wird in einer Studie zum Krisenjournalismus das berühmte Video, mit dem sich WikiLeaks überhaupt erst einen Platz in den Hauptnachrichten erkämpfte, recht einsilbig beschrieben: „…ein WikiLeaks-Video, das den Angriff auf eine Gruppe von Menschen in Bagdad aus der Cockpit-Perspektive eines Kampfhelikopters zeigt. Bei dem Angriff kamen auch zwei Reuters-Journalisten ums Leben.“

Sogar den mit Bedacht von Assange gewählten Titel des Videos verschwiegen die Autoren: „Collateral Murder“, obwohl sie wenige Seiten zuvor noch von der Krisenberichterstattung gefordert hatten, „Euphemistische Wendungen wie… ‚Kollateralschäden‘… sollten durchschaut und vermieden werden.“ Assange & Co. hatten den Euphemismus nicht nur vermieden, sondern durchschaut und in seinem Zynismus entlarvt, aber dies wollten der Journalismus-Professor und sein Co-Autor wohl bei den Medien-Außenseitern von WikiLeaks nicht sehen. „Collateral Murder“ wurde gesendet und schnell vergessen, ebenso wie der Leidensweg des mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten Bradley Manning.

Wichtiger als das reale Opfer Manning, schienen den Medien in Deutschland heute offenbar die infolge der Datenpanne möglichen Opfer der Publikation von US-Depeschen zu sein. Tatsächlich könnte man hier die Vernachlässigung journalistischer Ethik und Sorgfaltspflicht anführen. Aber gegen wen? Das Gros der Medien richtet seine Anklagen gegen Assange, etwa die Tagesschau vom 1.9.2011. Sie berichtete zwar, „WikiLeaks beschuldigte einen Journalisten der britischen Zeitung Guardian“, das Passwort publiziert zu haben, ließ aber im restlichen Beitrag keinen Zweifel daran, dass man die Schuld für die Panne bei der Internet-Plattform zu suchen habe. Fazit: WikiLeaks sitzt auf der Anklagebank und beschuldigt, womöglich nur um sich selbst zu entlasten, den Guardian. Diesem Muster folgen die meisten Berichte, aber ist das wirklich eine faire Bewertung?

Wer Standards verlangt, sollte sie selbst einhalten

Journalisten forderten von WikiLeaks seit deren Erscheinen in der Öffentlichkeit Verantwortung, Ethik und journalistische Standards ein, die man übrigens in der breiten Masse des Boulevard-Journalismus vergeblich sucht. Aber was ist mit den Qualitäts-Journalisten des britischen Traditionsblattes Guardian? Sollte eine naheliegende Frage nicht lauten: Welcher Teufel hat die Buchautoren geritten, ausgerechnet das echte Passwort in ihrer Reportage zu publizieren? Ein fanatisches Streben nach Authentizität um jeden Preis? Pure Trägheit, sich eine vergleichbare Phrase auszudenken? Für den Leser hätte ein Ersatzwort das Buch sicher nicht schlechter gemacht, für US-Informanten kann diese Unachtsamkeit der Autoren jedoch fatale Folgen haben.

Der Guardian hätte es wissen müssen

Die Guardian-Schreiber hätten wissen müssen, dass die verschlüsselte Datei mit den Depeschen überall im Netz zirkuliert, und dass sie mit diesem Passwort jeder würde öffnen können. Wäre es nicht ihre journalistische Sorgfaltspflicht gewesen, die Ungefährlichkeit ihrer „Enthüllung“ mit Assange abzuklären? Stattdessen konstruieren jetzt die medialen Ankläger eine kryptologische Bringschuld von Assange, auch in der Zusammenarbeit mit der bei diesem Projekt engstens verbündeten Presse jederzeit höchstes Misstrauen einkalkulieren zu müssen.

Assange hätte die zirkulierenden Sicherungskopien mit anderen Passwörtern verschlüsseln, die Passwörter mit einer Zeitbegrenzung versehen müssen usw. lauten die im Nachhinein besserwisserisch erhobenen Forderungen. Aber hätten nicht auch die seriösen Qualitäts-Journalisten und Buchautoren des Guardian einkalkulieren müssen, dass dem um den Globus gehetzten Assange und seiner zusammengewürfelten Hackergruppe Fehler unterlaufen könnten?

Netzkultur, Whistleblower und „einsame Helden“

Bei aller Hochachtung vor den Leistungen von Julian Assange – der Hacker-Subkultur scheinen die Gefahren bewusst zu sein, die mit seiner Person und auch mit der Fixierung auf einen „einsamen Helden“ verbunden sind.  Edward Snowden hat aus der sorgfältigen Beobachtung der medialen Verarbeitung des Falles Assange gelernt und sich bewusst selbst im Hintergrund gehalten. Die Ergebnisse dieses Ansatzes geben ihm Recht: Es fiel den Medien schwerer, durch Personalisierung von den aufgedeckten Problemen abzulenken. Man diskutiert überwiegend bis heute den NSA-Skandal und nicht den Fall Snowden, dem -anders als bei Assange- auch nicht derart massive Angriffe gelten.

Die Verantwortung wird von der Netzkultur aber vor allem von der Presse eingefordert. Deren zunehmendes Einknicken vor den Interessen herrschender ökonomischer und Machteliten wird von Netizens und Hackern als Hauptargument für die Notwendigkeit von Plattformen wie WikiLeaks und The Intercept angeführt.

So steht die Netzkultur den Mainstreammedien kritisch gegenüber, von deren Aufmerksamkeit sie gleichwohl abhängig ist. Denn die klassischen Leitmedien Presse und Fernsehen machen immer noch den Kern der Öffentlichkeit aus, in welcher die politischen Debatten sich in gesellschaftliche Veränderungen umsetzen lassen – auch wenn jüngere Generationen ihnen ihrerseits zunehmend die Aufmerksamkeit entziehen. WikiLeaks hat erfolgreich den Bogen zurück zum Mainstream geschlagen, nicht zur ungetrübten Freude aller etablierten Meinungsmacher. Die Netzkultur hat mit Snowden und WikiLeaks wichtige Schritte hin zu einem Inversen Panoptikum unternommen, das die Blickrichtung im globalen Überwachungsnetz umdreht: Wir alle werden von Geheimdiensten und Unternehmen beobachtet, aber wir beobachten zunehmend ebenfalls -die Machthaber im Zentrum der panoptischen Anlage.

12/6/12

Aberglauben – Aberwissen: Medien – Kommunikation – Wissensgesellschaft

Raabe, Johannes & Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft, UVK, Konstanz 2008.

Buchkritik von Thomas Barth

Netzphilosophie und Kommunikationswissenschaft sind zweifellos Nachbardisziplinen. Kommuniziert wird immer mehr über digitale Netze, die dabei analoge Netze wie Telefon- und Funkverkehr ersetzen, wie auch sozial vernetzte materielle Medien, etwa Brief und Telegramm. Da kann die Philosophie den Empirikern hilfreich zur Seite stehen zumal sie nicht erst seit Habermas Kommunikation oft in ihre Begriffe und Theorien und Ansätze integriert -wenn nicht sogar als zentrale Instanz, wie beim genannten Erben der freudomarxistischen Frankfurter Schule. Doch die disziplinären Grenzen sind undurchlässig. Beim wälzen tiefgründiger Gedanken zur kommenden Netz- und Wissensgesellschaft interessiert sich man kaum für die hektischen Kollegen mit den Fragebögen und Statistiken, die im Tagesgeschäft der Publizistik ihre Weidegründe finden. Der vorliegende Band zur Jahrestagung der berühmten DGPuK (Deutsche Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft) vom 16.-18. Mai 2007 in Bamberg kann entsprechend Anregungen liefern.

Modewort Wissensgesellschaft

Schon in der Einleitung werfen die Herausgeber die fast blasphemische Frage auf: „Ist Wissensgesellschaft nur ein modisches, dem Zeitgeist geschuldetes Etikett? Oder gilt sie gar als akkurater Befund?“ (S.9) Die Anzahl der Beschreibungen der Gesellschaft sei exponentiell angestiegen, was in Etikettierungen resultiere, die alle für sich in Anspruch nähmen, das Typische der Gesellschaft zu kennen: Von der Dienstleistungs- über die Risiko-, Erlebnis-, Medien-, Informations- bis zur Wissenschaftsgesellschaft (der Autor dieser Rezension hat 1997 selbst ein Buch zur künftigen Informationsgesellschaft vorgelegt). Die Entscheidung für eine dieser Typisierungen sei jedoch keineswegs als prinzipielle Absage an die anderen gedacht, so die DGPuK. Die Wahl der „Wissensgesellschaft“ umreiße vielmehr nur einen naheliegenden Ausgangspunkt, um sich mit Medien und Kommunikation zu befassen. Es dominiere dabei in diesem Tagungsband die kommunikationswissenschaftliche Perspektive der Verbreitungs-Medien von der Presse bis zu Netzmedien sowie ein an Max Weber anschließender handlungstheoretischer Kommunikationsbegriff. (Vgl. ebd. f.)

Aufbau und Inhalt
Der Tagungsband gliedert die 23 Aufsätze von 35 Autoren (zusätzlich zur Einleitung der vier Herausgeber) in fünf Abschnitte: Das Kapitel „I. Wissensgesellschaft und Mediengesellschaft“ stellt grundsätzliche Überlegungen zur Genese und Charakteristik von Medien-, Wissensgesellschaft und anderen gesellschaftlichen Entwürfen an; „II. Journalistische Wissensvermittlung und –nutzung“ und „III. Wissensvermittlung und -nutzung in PR- und Organisationskommunikation“ befassen sich aus journalistischer bzw. PR-Perspektive mit Vermittlungs- und Nutzungsmustern; „IV. Mediennutzung in der Wissensgesellschaft“ untersucht Medienrezeption breiterer Publika und „V. Wissenschaft in der Wissensgesellschaft“ soll auf das Eingangskapitel zurück verweisen. Umklammert von Theorie und Wissenschaftsreflexion findet sich also die bewährte Einteilung nach Produzenten und Rezipienten, wobei erstere der praxisnahen Aufspaltung in ‚richtigen’ und PR-Journalismus folgt.
Beiden Perspektiven ist eine ökonomische Fragestellung nicht fremd, so fragen die Autoren von Kapitel II nicht nur nach politischen Frauenzeitschriften in der Kaiser- und Weimarer Zeit (Susanne Kinnebrock) sowie mit dem Netzphilosophen Michel Foucault nach Genderdifferenzen in populärwissenschaftichen Mediendiskursen (Tanja Maier), sondern geben auch Hinweise für die künftig lohnende Ausweitung von partizipativen Formaten qua Web 2.0-Technologie (Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk, Melanie Rischke).

Der Beitrag von Christian Fieseler, Christian Hoffmann und Miriam Meckel befasst sich nur noch formal mit der Arbeit von Journalisten, mit ihrer Berichterstattung über Kapitalmärkte und Unternehmen. Er zielt jedoch in Fragestellung und Ergebnis so sehr auf eine Beratung von PR-Abteilungen, dass insbesondere dieser Beitrag mit seinem Stallgeruch von Industrie-Drittmitteln eher ins folgende Kapitel zu gehören scheint. PR-typisch verschleiernd wird PR-Arbeit dabei zwar als „Kommunikationsarbeit von Organisationen“ (S.126) umschrieben, auf Kapitalmärkten finden sich aber neben Unternehmen kaum weitere Organisationen. Großartigen Karrieren in kapitalnahen Organisationen (da kommen außer Unternehmen noch deren Stiftungen, sprich: think tanks infrage sowie diesen nahen stehende politische Parteien) steht damit nichts mehr im Wege -auch im Wissenschaftsbereich nicht, denn dieser schielt zunehmend auf Drittmittel und ist immer weniger kritischem Denken zugeneigt, dafür immer mehr affirmativem Konformismus.

Wikipedia und Unternehmensnetze

In Kapitel III befragt man Unternehmensexperten nach ihrer Informationsnutzung (Britta Gossel), nach der Kommunikation mit ihren Mitarbeitern (Simone Huck, Klaus Spachmann), untersucht den Fernsehformathandel, also den Austausch von Lizenzen für TV-Formate in organisationalen Netzwerken (Katja Lantzsch, Klaus-Dieter Altmeppen, Andreas Will) und Wiki Webs, die als eine Art Wikipedia für Unternehmen wie etwa IBM vorgestellt werden, für deren Wissensmanagement sie gegenüber Datenbanken die Vorteile einfachen Zugriffs- und Rechte-Managements mit geringem Erstellungsaufwand bieten. (Vgl. S.160 f., Florian L. Mayer, Dennis Schoeneborn)

Auch Wikipedia selbst wird untersucht: bezüglich der Motivation seiner Ersteller, die nach dem positionalen Ansatz in drei Blöcke aufgeteilt werden; innerhalb der Gruppen der einfachen ‚IP’, anonyme Wiki-Schreiber, von denen nur die IP-Nummer bekannt ist, der engagierten ‚Wikipedianer’ mit Administratorenrang, die Beiträge bearbeiten oder löschen können, und der OTRS-Mitarbeiter, die zwischen beiden Gruppen vermitteln, indem sie z.B. Beschwerden von IPs über zu löschfreudige Administratoren bearbeiten. Zusammenarbeit, aber auch Konkurrenz innerhalb dieser Blöcke würde über soziale Bindekräfte die Wikipedia-Gemeinschaft zur Mitarbeit motivieren (vgl. S.173 ff., Christian Stegbauer).

Nichtkommerzielle Netze: CL-Netz
Kapitel IV. sammelt Aufsätze zur Mediennutzung und variiert dabei zunächst die alte These eines ‚digital divides’ in Informationselite und Unterhaltungsproletariat dergestalt, dass die besagte Elite sich inzwischen ebenfalls des Internets für Spaß und Freizeit bedient, soziale Distinktion sich also nicht mehr durch Abschottung, sondern durch informationelle Offenheit äußert. Dabei wurde die für die Autoren offenbar dringendste Frage verneint, ob solche digitale ‚Allesfresser’ damit ihrem sozialen Aufstieg schaden (vgl. Nicole Zillien, Michael Jäckel).

Für TV-Sendungen über das ökologische Thema der ‚Nachhaltigkeit’ wurde kein negativer Einfluss auf die Einschaltquote gefunden (vgl. C.Schwender, D.Mocigemba, S.Otto, M.Kreeb), der zukünftige Fernsehmarkt werde technologisch von der Anbieterseite bestimmt (vgl. Andreas Vlasic) und die türkische Diaspora profitiere im sozialen Zusammenhalt von SMS- wie Email-Nutzung (vgl. Andreas Hepp).

Die medienhistorische Betrachtung von Mailbox-Netzen der 80er-Jahre am Beispiel des „in seiner Blütezeit größten deutschsprachigen nichtkommerziellen Netzes“ (S.283), des CL-Netzes ins WWW des Jahres 2007 zeigte sich nach Aufschwung und Niedergang als in einer verbleibenden Nischenexistenz als professionalisiertes Peer-to-peer-Netz gesichert (vgl. Gabriele Hoofacker).

Wissenschaft in der Wissensgesellschaft
Kapitel V. zur Wissenschaft in der Wissensgesellschaft untersucht zunächst das eigene Gebiet der DGPuK und befindet für die Journalismusforschung legitimatorische Motive der Kommunikationspolitik (vgl. Maria Löblich). Eine enger werdende Kopplung der Wissenschaft mit den Medien belegt Mike S. Schäfer in drei Dimensionen des Medialisierungsprozesses (Extensivierung, Pluralisierung, Kontroversen) anhand von FAZ- und SZ-Artikeln über Gen-, Stammzell- und Neutrinoforschung. Simone Rödder analysiert dagegen fünf Formen medialisierter Wissenschaftskommunikation (Steigerung, Anpassung, Vermischung, Blockaden und Substitution) an Humangenom-Interviews und findet dabei etwa die Ersetzung von medialer Prominenz durch wissenschaftliche Reputation problematisch, konstatiert aber einen überwiegend funktionalen Umgang der Forscher mit den Medien. Jens Wollinger und Martin Emmer bestätigen die bekannte Buch- bzw. Papier-Scheu junger Studentengenerationen, ohne die allzu pessimistische Wertung eines ‚Google-copy-paste-Syndroms’ zu teilen – es sei durchaus ein Bewusstsein für die Bedeutung von Büchern und Fachpresse vorhanden, nur siege meist die Bequemlichkeit und die DGPuK sei eher aufgerufen ein eigenes attraktives Online-Angebot zu entwickeln, als die Studenten ins Gutenberg-Universum „zurückzuzerren“ (S.353). Den Verlust geistiger Tiefe beim oft nur halbwachen Scrollen über digitale Texte anstelle des „close reading“ von echten Büchern bedenken die DGPuK-Wissenschaftler leider nicht.

Mit diesem Ergebnis schließt sich der Kreis zum Eingangskapitel, in dem durch zwei Beiträge eine zunehmende Verunsicherung gegenüber der Verbindlichkeit von Wissen generell festgestellt wurde – was eine tendenziell quellenindifferent am Aufwand orientierte Wissensnutzung der Studenten mit erklären könnte. Kurt Imhof und Mark Eisenegger belegen diese Verunsicherung in einer Langzeitstudie über Wissenschaftsberichterstattung in der Schweiz seit 1945; nach Marian Adolf und Nico Stehr tragen die Medien zur Selbstbeobachtung der Gesellschaft bei und generieren auch die Einsicht, dass Wissen letztlich unsicher sei. Daniela Rohrbach untersuchte die Entwicklung der Wissensgesellschaften anhand von OECD-Statistiken und fand Deutschland mit 22% der Beschäftigten im Wissenssektor genau auf dem arithmetischen Mittel zwischen u.a. Großbritannien (29%), Schweden, Niederlande (27%), Australien, Frankreich (25%) sowie USA (20%), Spanien (19%) und Griechenland (16%) (vgl.S.94), wobei der Bereich Wissensmanagement das stärkste Wachstum zeigte; hier wurden zahlreiche Dienstleistungen der Finanzbranche einbezogen, wie Buchhaltung, Marketing, Beratung (vgl. S.92), was die britische Führung mit erklären könnte.

Aberwissen-parallel zum Aberglauben

Walter Hömberg traf die Ehre, das erste Kapitel wie offenbar auch die Tagung mit einer ‚Keynote’ zu eröffnen, und er beginnt seinen Beitrag „Wissen ist Macht?!“ mit dem Geständnis, nicht zu wissen, was man unter einer solchen ‚Keynote’ verstehen soll (vgl. S.26). An Formen des Wissens unterscheidet er wissenschaftliches, professionell-fachliches, Bildungs- und Alltagswissen sowie einen zunehmenden Bestand an „Aberwissen“ parallel zum Aberglauben, der selber nicht allen Kollegen fremd sei, so gäbe es „eine berühmte Fachkollegin, die nach dem Kriege hierzulande die empirische Sozialforschung populär gemacht hat, jedoch privat auf Nostradamus schwört.“ (S.39) Hömberg sieht in den aktuellen Studienreformen einen Niedergang der Universität vom organisierten Skeptizismus der Wissenschaft zum professionell-fachlichen Wissen (vgl. S.37), weist jedoch mit dem Philosophen (!) Friedrich Nietzsche auf die von diesem beklagte Überzeugungskraft gerade des Halbwissens hin; dieses sei „siegreicher“ als Ganzwissen, da es die Dinge einfacher kenne als sie sind (vgl. S.40).

„Aberwissen“ könnte also mit dem vom Bertelsmannkonzern zwecks Ausbeutung einer nicht nur ins Netz verlegten digitalen, sondern auch nach erzkapitalistischen US-Muster privatisierten Bildung obszönerweise auch noch „Bologna-Prozess“ getauften Machenschaften (nach Europas ältester Universität) im Trend einer degradierenden Hochschul-Entwicklung liegen. Der Widerstand gegen den zeitweise weltgrößten Medienriesen Bertelsmann war denn auch an deutschen und österreichischen Hochschulen besonders durchschlagend und konnte ein konzerngerechtes „Bezahlstudium“ erst weitgehend verhindern und dann sogar wieder zurückdrängen -was auch an glücklicherweise stümperhafter Propaganda, pardon „PR“, des CHE (Centrum für Hochschulentwicklung), einer Tarnorganisation der konzerneigenen Bertelsmann-Stiftung lag (vgl. Barth 2006).

Das Märchen von den Studenten, die selber mehrheitlich für ein Bezahlstudium votiert hätten, mochte (trotz unkritisch-nachbetender Berichte vieler nicht nur konzerneigener Medien) denn doch keiner mehr glauben (vgl. ebd.). Wenn auch erst nach der Aufdeckung, das die entsprechende „Studie“ der Bertelsmann-Stiftung, die dem CHE zuarbeiten sollte, den befragten Studierenden nur die Wahl zwischen diversen Bezahlvarianten vorgelegt hatte. Die Befragten entschieden sich (wenig überraschend) für jene Variante, die eine öffentliche Bildung für die ihr Recht auf dieselbe einfordernde Bürger am wenigsten verteuert hätte. Daraus propagandistisch eine Zustimmung der Studierenden zu Studiengebühren zu machen war mehr als nahe an einer dreisten Lüge.

Die Problematik von Konzernen, Stiftungen und think tanks und ihrem unablässigen Streben nach politischer Manipulation der Öffentlichkeit ist allerdings kein großes Thema für die DGPuK. Im Kapitalismus stehen Staatsbedienste wie Professoren eben doch zumeist auf Seiten ihres eben kapitalistischen Staates und damit auf Seite der großen Kapitaleigner. Diese werden oft im nichtwestlichen Ausland in naiv-neokolonialistischer Manier als „Oligarchen“ mit mafiösen Strukturen in eins gesetzt, sofern westlich jedoch als tüchtige Milliardäre, wenn nicht Finanzgenies gepriesen.

Raabe, Johannes & Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft, Konstanz: UVK 2008 (Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 35), 363 S., ISBN 978-3867640633, € 29,00 Euro.

Eine stark gekürzte und redigierte Fassung dieser Rezension erschien in MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, Jg. 26 (2009), Nr. 3, S. 274–277. DOI: https://doi.org/10.17192/ep2009.3.586, https://doi.org/10.17192/ep2009.3.586

Literatur

Drachme 440-420 v.Chr.

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Centaurus, Pfaffenweiler 1997.
Barth, T. (Hg.): Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik, Anders, Hamburg 2006.

08/21/12

Urheberrechts-Piraterie & Verwertungsgesellschaften

Thomas Barth · 31.07.2012

„Raubkopiere sind Verbrecher!“ -Mit dieser unerträglich verlogenen Kampagne schlugen Medienkonzerne ihre Claims in unzählige Netzmedien und DVDs und gingen uns allen auf die Nerven. Doch auch die zwischen Kreativen und Konzernen operierenden Verwertungsgesellschaften stehen in der Kritik.

In Amsterdam erlebten die Verwerter just eine juristische Schlappe. Das niederländische Äquivalent zur GEMA, die Verwerter-Agentur Buma/Stemra, wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie einem Kreativen fällige Lizenzgebühren vorenthalten hatte. Man hatte seine Komposition hinter seinem Rücken massenhaft weitergenutzt, nur durch einen Zufall kam er den Urheberrechts-Räubern auf die Schliche. Die Ironie dabei: Ausgerechnet für die Musik eines Anti-Piracy-Clips waren dem Künstler Melchior Rietveldt keine Tantiemen gezahlt worden.

Seit Jahren behauptet die Medienindustrie, sie verteidige die armen Künstler gegen verbrecherische Raubkopierer, die Piraten aus dem Internet. Dabei wurden die Medienmogule zunehmend raffinierter. Noch bei den UHR-Änderungen 2001 drohte eine Verleger-Kampagne in großen Zeitungsanzeigen mit der “Entlassung” von freien Journalisten und Künstlern. Man hätte einfach kein Geld mehr für sie, würden die Interessen der Verwerter nicht durchgesetzt. Bebildert war die tollpatschige Presse-Kampagne des Bundes Deutscher Zeitungsverleger u.a. mit Zeichnungen abgemagert aussehender Poetinnen.

Heute gehen die Verwerter weniger platt vor und ermuntern von ihnen abhängige Kreative, sich gegen die UHR-Piraten in die Öffentlichkeit zu stellen. Und welche Art von Kultur liegt dem deutschen Michel besonders am Herzen, kann also am Besten die Öffentlichkeit gegen Piraten mobilisieren? Der Krimi ist der Deutschen liebstes Genre und so werden Krimi-Autoren und Tatort-Schauspieler in die erste Reihe geschickt, für die Verwerter um Sympathien zu werben z.B. in der Aktion „Ja-zum-Urheberrecht“.

Die „Ja-zum-Urheber”-Kampagne

Ob diese Kreativen von alleine auf die Idee kamen, ob sie freiwillig, mit Vergünstigungen geködert oder mit Sanktionen bedroht für die Urheberrechte (oder wohl eher für deren Verwertung durch die gleichen Medienmogule wie bisher?) ihren provokanten Autoren-Strip „Hemd-up-for-your-rights“ inszenierten, bei dem arme, nackte Poeten einem Leichenfledderer mit Anonymous-Maske zum Opfer fallen, wissen wir nicht. Als jedoch ein paar Anonymous-Hacker mit DDoS-Attacken konterten, war die Presseempörung groß.

Der Auftritt der UHR-Kämpfer sieht allerdings für eine Bürgerinitiative sehr professionell aus und scheint auch gut finanziert zu sein. Für die große Masse der am Existenzminimum herumkrebsenden Kreativen sind sie sicher nicht repräsentativ. Die Piratenpartei setzte eine „Ja-zum-Urheber“-Kampagne dagegen:

„Die von der Piratenpartei angestrebte Reform des Urheberrechts bringt Verwertungsgesellschaften und große Verlagshäuser auf die Barrikaden. In groß angelegten Medienkampagnen setzen sie auf Fehlinformationen über die Ziele und Forderungen der PIRATEN. Erst in der vergangenen Woche sprachen sich so über 100 Medienschaffende – von denen allerdings nur wenige tatsächlich Urheber sind – im „Handelsblatt“ gegen die Reformpläne der PIRATEN aus. Dabei wurde wieder fälschlicherweise behauptet, die Piratenpartei wolle sämtliche Inhalte kostenlos über das Internet verbreiten, das Urheberrecht abschaffen und die Interessen und die Lebensgrundlage der Künstler ignorieren.“

Die Kreativen für den Anti-Piraten-Kampagnen einzuspannen, ist sicher eine besser ausgedachte PR-Masche der Verwerter, aber ihre öden Standard-Gefechte ums Copyright laufen weiter: So produziert die Kulturindustrie Jahr um Jahr ihre nervigen „Raubkopierer sind Verbrecher“-Clips und ödet jeden Kinogänger und jeden Käufer von DVDs mit ihren wahrheitswidrigen Tiraden an: Raubkopieren ist bislang keineswegs ein „Verbrechen“, auch wenn die Verwerter-Lobby das Strafmaß gern immer höher schrauben würde. Politiker springen der Industrie gern zur Seite und mahnen mehr Achtung vor der Leistung der Kreativen an.

Die Knebelverträge

Doch wie steht es mit der Moral der Verwerter selbst, wenn es um die Zahlung für kreative Leistungen geht? Wer ein Werk (ob Bild, Ton oder Text) verkauft, wird meist mit einer mageren Einmalzahlung abgespeist und muss künftig selbst hinter den multinationalen Konzernen herlaufen, um zu kontrollieren, ob und wo sein Werk erneut verwendet wird. Um selbst diese geringen Chancen der Kreativen auf Partizipation an den gigantischen Gewinnen der Konzerne noch zu unterbinden, müssen die meisten Autoren (Medien-Prominenz der „The-winner-takes-all“-Fraktion natürlich ausgenommen) Knebelverträge unterschreiben.

Hierin sichert sich der Verwerter alle Rechte für immerdar am einmal mager bezahlten Werk und, wenn es nach der Unternehmerseite geht, auch gleich an den kompletten Recherchen des Autors. Wer das nicht will, wird oft mit Boykott erpresst; wer sich dagegen öffentlich zur Wehr setzt, muss fürchten, auf einer Schwarzen Liste zu landen. Doch selbst wer Rechte hat, muss sie anscheinend erst gerichtlich durchsetzen, wie der bereits erwähnte Musiker Melchior Rietveldt.

Im Jahr 2006 hatte Rietveldt ein Musikstück für eine Anti-Piracy-Kampagne bei einem lokalen Filmfestival komponiert. Als er 2007 eine Harry-Potter-DVD kaufte, entdeckte er sein Musikstück darauf: Der Anti-Piracy-Clip war ohne seine Erlaubnis mit seiner Komposition unterlegt. Rietveldt fand sich solcherart raubkopiert auf Dutzenden von DVDs in den Niederlanden und im Ausland. Er wandte sich an die zuständige Verwerter-Agentur Buma/Stemra.

Die hatte seine Rechte zwar vertreten, aber leider versäumt, ihn für das oft verwertete Stück zu bezahlen. Rietveldt erhielt von der Buma/Stemra einen Vorschuss von 15.000 Euro mit dem Versprechen, eine Liste der anderen DVDs zu übermitteln, die seine Komposition verwenden. 2009 forderte er einen Nachschlag und bekam nach einigem Gerangel weitere 10.000 Euro.

Die von der Buma/Stemra versprochene DVD-Liste kam nie bei Rietveldt an; das Gericht in Amsterdam stellte diese Woche fest, dass seine Komposition auf mindestens 71 kommerziellen DVDs von der Medienindustrie verwendet worden war. Die Justiz entschied, dass die Buma/Stemra fahrlässig gehandelt habe. Sie verhängte eine Geldstrafe von ca. 20.000 Euro und bestätigte Forderungen des Musikers in Höhe von ca. 160.000 Euro.

Zuerst erschienen in Berliner Gazette 31.07.2012 https://berlinergazette.de/de/urheberrecht-piraterie-medienindustrie/

08/8/12

Technologie macht medial

Günther Anders Kritik und die Subversion der Cyberpunks

Autor: Thomas Barth, 2008

Cyber ist er. Aber auch punk?

Der pessimistischen Technikdeutung von Günther Anders zufolge sind wir heute nur noch Anhängsel der Technik, Rädchen im Getriebe, das uns antreibt.
Er nennt das: Wir sind „medial“;
wir sind nur noch Mittel zu einem Zweck, der uns nichts anzugehen hat. Pochte Kant mit seinem Kategorischen Imperativ noch auf das Recht auf menschliche Würde, indem man den anderen immer als Zweck, nie als bloßes Mittel sehen sollte, so läuft diese Forderung heute scheinbar ins Leere. Es ist (angeblich) kein Gegenüber mehr vorhanden, bei dem wir unser Menschenrecht einfordern könnten. Die Technik, unsere technologische Lebensweise, möchten wir nicht missen. Wenn wir so leben wollen, haben wir uns einzufügen und anzupassen, ein Rädchen im Getriebe des „Makro-Geräts“, der Megamaschine, des Luhmannschen „Systems“ zu werden, so wird von uns implizit verlangt. Explizit gelten die Menschenrechte, haben wir die Freiheit, nicht zu kooperieren, zu handeln, statt bloß mitzutun. Aber die Systeme der Technologie existieren nicht nur in der physischen Umwelt, die sie mit Bravour kontrollieren können, unsere Köper inbegriffen. Die Systeme der Technologie existieren auch in einer sozialen Umwelt, deren dominante Seite heute immer mehr die Ökonomie zu werden scheint.
Sie gehören jemandem, der sie zu seinem Nutzen arbeiten lässt, und mit ihnen auch die Menschen, die ihre Anhängsel sind.

Günther Anders gegen die Apokalypse-Blindheit

Günther Anders Sorge galt bei der Entfaltung dieser Gedanken dem drohenden Untergang der Menschheit durch einen atomaren Schlagabtausch, der Apokalypse.
Diese zu verdrängen nannte er „Apokalypse-Blindheit“ und sah in der Medialität der Zeitgenossen deren Wurzel. Diese militärische Apokalypse ist derzeit mit Auflösung der Ost-West-Blockkonfrontation in den Hintergrund getreten, obgleich noch lange nicht abgewendet. Aber andere Apokalypsen sind hinzugekommen, Umweltzerstörung, neue Seuchen (evtl. als Auswuchs des militärischen Apparates) usw. Außerdem gilt das, was auf die „Apokalypse-Blindheit“ abzielte auch für die Blindheit gegenüber der apokalyptischen Lebenssituation von Milliarden Menschen, denen das Lebensnotwendigste vorenthalten wird — obgleich die Güter und Lebensmittel bei gerechter Verteilung für alle reichen würden. Die Arbeit am eigenen Untergang mag besonders plastisches Beispiel für irrationales Handeln sein, die am Untergang anderer ist jedoch nicht vernünftiger.

Aber was von unserem Arbeiten gilt, das gilt nun — und diese Tatsache ist weniger trivial, aber nichtweniger wichtig — auch von unserem /„Handeln“; /oder sagen wir lieber: auch von unserem /„Tun“, /denn das Wort „Handeln“ und die Behauptung, wir seien „Handelnde“, hat in unseren Ohren (was als Hinweis ernst genommen werden muß) bereits den Klang einer Übertreibung angenommen, Abgesehen von einigen wenigen Sektoren läuft unser heutiges „Tun“, da es sich im Rahmen organisierter, uns nicht übersehbarer, aber für uns verbindlicher Betriebe abspielt, auf konformistisches /Mit-Tun /heraus. Der Versuch, abzuwägen, in welchem Verhältnis die Anteile von „aktiv“ und „passiv“ in diesem oder jenem „Mit-Tun“ dosiert sind, abzugrenzen, wo das Getan-Werden aufhört und das Selber-Tun anfängt, würde ebenso ergebnislos bleiben wie der, eine mit dem Maschinengange konform gehende Bedienungsarbeit in ihre aktiven und ihre nur reaktiven Komponenten zu zerlegen. Die Unterscheidung ist zweitrangig geworden, das heutige Dasein des Menschen ist zumeist weder nur „Treiben“ noch nur „Getrieben werden“; weder nur Agieren noch nur Agiert werden; vielmehr „aktiv-passiv-neutral“. Nennen wir diesen Stil unseres Daseins /„medial“. /Diese „Medialität“ herrscht überall. Nicht etwa nur in denjenigen Ländern, die Konformismus gewalttätig, sondern auch in denen, die ihn sanft erzwingen.
(Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 287)

CC-by-sa-Gnsin

Ob er auch freiwillig roboterhaft ist?

Die beobachtete Roboterhaftigkeit wird also nicht durch ein totalitäres Regime erzwungen, sie wird scheinbar freiwillig geübt. Der oder die Handelnde ist in diesem technologischen Regime ein Dissident, ein Fremdkörper, der Normalfall ist der Mittäter. Bloßes Tun, besser gesagt Mittun, ersetzt das bewusste Handeln, was eine teilweise Ausschaltung des Bewusstseins voraussetzt. Wie diese Ausschaltung vor sich geht, bleibt etwas unbestimmt. Steckt Erziehung dahinter, der alte Drill der autoritären Regime? Oder ist es die Verführung, die Verlockung, den bequemeren Weg zu gehen? Beides taucht bei Anders auf, die Verlockung durch die Massenmedien verschmilzt mit der Disziplinierung, die sich mehr auf den Körper zurück zieht.

Als Arbeitende sind die Zeitgenossen auf /Mit-Tun als solches /gedrillt. Und jene Gewissenhaftigkeit, die sie sich anstelle ihres Gewissens angeschafft haben (sich anzuschaffen, von der Epoche gezwungen wurden), kommt einem Gelöbnis gleich; dem Gelöbnis, das Ergebnis der Tätigkeit,an der sie teil nehmen, nicht vor sich, zu sehen; wenn sie nicht umhin können, es vor sich zu sehen, es nicht aufzufassen; wenn sie nicht umhin können, es aufzufassen, es nicht aufzubewahren, es zu vergessen — kurz: dem Gelöbnis, /nicht zu wissen, was sie tun. /Damit ist die Furchtbarkeit des heutigen moralischen Dilemmas bezeichnet.
(Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 291)

Drill und Gelöbnis klingt an dieser Stelle etwas nach Disziplinarkultur, doch Anders führte im Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ bereits ausführlich aus, die massenmediale Verführung funktioniert. Im Arbeitsprozess ist der Körper immer noch gefragt, soll Befehle befolgen, wie geschmiert funktionieren, sogar eigene Initiative zeigen — nur soll er nicht das Ziel hinterfragen, zu dessen Mittel er gemacht worden ist. Initiative zeigen darf er nur in vollkommener Verschmelzung mit dem technologischen Regime, dessen Funktionsprinzipien ihm als Gipfel der Rationalität gelten sollen, vor allem aber in völliger Unterwerfung unter die Belange der Eigentümer der Technologien. Ihre Existenz wird ausgeblendet wo immer möglich; wo nicht, werden ihre Belange den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt.

Sie kennen die „Verlockung zum Mittun“.

Der äußere Drill bleibt also, wenn auch in gelockerter Form, denn die stramme Erziehung wollte über den Körper ja vor allem auch den Geist disziplinieren.
Aber der innere Drill wird mehr und mehr überflüssig. Er ist ersetzt durch die Verlockung zum Mittun. Dagegen Widerstand zu leisten, scheint sinnlos, denn es gibt scheinbar kein unterdrückendes Gegenüber, nur das „System“ des technologischen Regimes. Ein Regime, das angeblich objektiven ökonomischen Gesetzen folgt, die Entscheidungen der politischen Führungspersonen alternativlos machen. Die nicht mehr wirklich handelnden Entscheidungsträgerinnen behaupten, sie könnten nur noch Mittun, wie alle anderen auch.

„Eigenverantwortung“ heißt nur noch menschliche Würde aufgeben
„Eigenverantwortung“ heißt dabei nur, noch mehr von den Ansprüchen auf menschliche Würde aufgeben zu sollen, die man an das Regime haben könnte; etwa wenn die solidarische Umlage-Rentensysteme durch individuell anzusparende kapitalbasierte Altersvorsorge ersetzt werden soll, die aber nur die Mittel dem System der Finanzmärkte preisgibt. Auch „Eigeninitiative“ soll sich im Rahmen vorauseilenden Gehorsams abspielen.

Was besagt nun diese Schilderung des medialen Menschen für unser eigentliches Thema? Für die Frage nach den Wurzeln der Apokalypse-Blindheit? Inwiefern ist das „mediale Dasein“ eine dieser Wurzeln? In der Tat ist der Zusammenhang so eng, daß jeder Einzelzug der Medialität gleich gut als Ausgangspunkt verwendet werden kann. Von jedem führt der Weg mit gleicher Direktheit zur Apokalypse – Blindheit.

1. Da der mediale Mensch „aktiv-passiv-neutral“ ist, bleibt er, trotz der ungeheuren Rolle, die Arbeiten für ihn spielt, ja gerade in actu des Arbeitens, /indolent; /er „überläßt sich“. Das heißt: er rechnet mit einem „Weitergehen“ á tout prix, mit einem Weitergehen, das er selbst nicht zu verantworten braucht.

2. Da seine Tätigkeiten niemals in einem echten Telos, auf das er „aus gewesen“, ihren Abschluß finden, sondern immer nur durch Stoppungen, die seinem Tun selbst zufällig bleiben, hat er kein echtes Verhältnis zur /Zukunft. /Während der wirklich Handelnde und Planende durch sein Handeln einen Zeitraum entwirft, also Zukunft konstituiert, tritt das Tun des „medialen Menschen“ auf der Stelle. (…)
(Günther Anders, /Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 293)

Auch sie konsumieren die Zukunft. Ob sie sie auch planen?

Die Zukunft tritt der medialen Normalbürgerin nur als das, was geschieht, gegenüber, als das, wobei sie mittun soll und auch will. Aus der Zukunft kommen neue Technologien und Moden auf sie zu, die sie haben will und nicht planen.
Die Existenz dieses medialen Normalbürgers rotiert planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren, als Tretmühle oder Luxuskarussell, je nach dem, wo er mehr gefragt ist. Seine Planung bezieht sich überwiegend auf den systemkonformen Drang, möglichst immer mehr am Konsumieren teilzunehmen. Das Regime der technologischen Systeme reklamiert Herrschaft ohne Herrschende zu verwirklichen, eine Herrschaft der Vernunft, die von Expertinnen reklamiert wird, die sich zu Technokraten aufschwingen.

Widerstand gegen das Regime wird als unvernünftig abgetan, denn das technologische System gilt als Inbegriff der so verstandenen Rationalität.
Auflehnung dagegen wird als Rückständigkeit gebrandmarkt und mit Ausgrenzung bestraft. Anpassung bedeutet dagegen freien Zugang zu allen Ressourcen, und damit Wohlstand und Freiheit. „Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert“, droht das Kollektiv der Borg. Doch ein globales Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten in der wuchernden Tele-Megalopolis.

Cyberpunks stehen auf Widerstand

Die Kultur der Cyberpunks steht auf Widerstand, sie widersetzt sich sowohl der Anpassung als auch der Ausgrenzung. Die Anpassung zu verweigern ist nicht schwer, man braucht nur der Verlockung nicht länger zu erliegen — das ist der Vorteil gegenüber totalitären Regimen. Aber alle Gewalt, die der Totalitarismus auf Formung seiner Untertanen verwendet, stehen hier zur Ausgrenzung zur Verfügung, zur Abschneidung vom Zugang zu Ressourcen. Die Erlangung von Zugang wird also zum Hauptproblem, vor allem Zugang zu Information. Dabei gilt es, den umgekehrten Zugang der Instanzen des Regimes zu den privaten Informationen des Individuums zu blockieren. Insbesondere beim widerständigen Subjekt. Der angepasst mittuende mediale Mensch wird dagegen weniger Privatsphäre benötigen und stellt heute seine Daten unbekümmert in sogenannte „soziale Netzwerke“des Web2.0. Er begreift nicht, dass ihm unüberschaubare staatliche und immer mehr privatwirtschaftliche ökonomische Konglomerate gegenüberstehen.

Kybernetiker nach der ursprünglichen Wortbedeutung. Das Wort „Cyber“ geht auf das altgriechische Wort für Steuerung (κυβέρνησις kybérnesis) zurück.

Die Szene der Cyberpunks, entsprungen aus einem Subgenre der SF, entwickelte sich seit den 80er Jahren und definierte sich über die Kombination von High Tech und Low Life (den Punk des urbanen Underground). In der Hackersubkultur der 80er und 90er fanden sich ihre Fans zusammen. Die Szene (falls man davon überhaupt sprechen kann) wird von Soziologen so beschrieben:

Ein Cyberpunk steht den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sehr positiv gegenüber, gleichzeitig hat er aber ein kritisch-politisches Bewusstsein in Bezug auf deren gesellschaftliche Verwendung entwickelt. Er sieht sich riesigen Korporationen gegenüber, die immer mehr an Stelle von Nationalstaaten treten.
(Winter, Rainer: Medien und Fans — Zur Konstellation von Fan-Kulturen, in:Kursbuch Jugendkultur. Stile, Szenen, Identitäten vor der Jahrtausendwende,Mannheim 1997, S. 40-53, S.48.)

Die von Cyberpunks, die hier mit Hackern und Haecksen im besten Sinne gleichgesetzt werden, entfaltete Kultur erobert die Netzmedien von den Konzernen zurück, wie sie zuerst von Militärs und staatlichen Telekommunikationsbehörden erobert werden mussten. Ihre Verknüpfung von Datenschutz für die Privatsphäre mit der Forderung nach Informationsfreiheit, freiem Zugang zu den Datenbanken (Lyotard) und Transparenz der Mächtigen lässt sich im Utopiemodell des Inversen Panoptikums beschreiben. Panoptismus (Foucault) beschreibt die Disziplinierung unserer westlichen Gesellschaften durch das Prinzip: Wenige unsichtbare Mächtige sehen viele Machtunterworfene und kontrollieren sie so. Invertiert ergibt sich die Forderung nach Umkehrung dieser Blickrichtung und der zumindest teilweisen Unsichtbarkeit für die Vielen.

Diese Forderung könnte ein Gegengewicht schaffen gegen die sonst ausufernde Macht des kontrollierenden Zentrums der Macht, dem aus den Informationstechnologien sonst immer größere und nicht mehr demokratisch kontrollierbare Macht zuwachsen würde.