09/30/25

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman, Heyne Verlag 2021

SF-Rezension von Thomas Barth

Nach dem Tagebuch eines Killerbots legt Martha Wells hier eine Fortsetzung nach, die fast in jeder Hinsicht als gelungen gelten kann. Enttäuscht wird allein wer tatsächlich eine Story über den berüchtigten „Netzwerkeffekt“ (also das, was Microsoft zum ersten digitalen Monopolisten machte, „Social Media“-Angebote tendenziell monopolisiert und es Linux & Co so schwer macht in kapitalistische Märkte einzudringen, mehr dazu unten) erwartet -der Effekt spielt nur eine angedeutete Nebenrolle.

Vielmehr geht es wie im ersten Buch um KI und Cyborgs in ihrem Verhältnis zum Menschen in einer ebenso spannenden wie witzigen Story präsentiert. Unsere Hauptperson, die Cyborg SecUnit, hätte der Techno-Feministin Donna Haraway bzw. ihrem berühmten Cyborg-Manifest alle Ehre gemacht. Und auch die philosophische Bewegung der Neomaterialisten um Bruno Latour u.a. könnte wohl zufrieden sein, da hier einer Entität, die sich selbst als „Ding“ von den Menschen abgrenzt, die Hauptrolle zufällt. Auch wenn diese Abgrenzung mit der Emanzipation der Cyborg von ihren „Besitzern“ zunehmend durchlässiger zu werden scheint. Auch die Kapitalismus- bzw. Neoliberalismus-Kritik von Martha Wells nimmt in diesem Roman an Fahrt auf und deutet Alternativen und Widerstandsformen an.

Wieder legt SecUnit sich mit profitgierigen Konzernen an, die versuchen fremde Planeten zu unterwerfen und auszubeuten. Ihre Arbeit für die utopische Preservation-Kolonie (siehe die Rezension von Killerbot Diaries) geht in dieser Hinsicht weiter und wird durch ein Wiedersehen mit ihrem alten Freund Fifo in eine gefährliche Krise gestürzt. Fifo, kurz für „fieses Forschungsschiff“ ist die Piloten-KI eines wissenschaftlichen Frachters, der SecUnit im ersten Buch half, unterzutauchen. Hier zeigt Fifo sein wahres Gesicht, nachdem SecUnit einer Gefahr durch „Alienreststoffe“ die Stirn bietet.

Martha Wells zeichnet SecUnit zunehmend menschlicher, eine Art kybernetischer Entwicklungroman, ohne dass sie, konformistisch wie Mr.Data bei Star Trek, um Vermenschlichung geradezu betteln würde. So verbittet sie sich menschliche Umarmungen ausdrücklich in ihrem Arbeitsvertrag mit Preservation, kann aber gewisse freundschaftliche Gefühle zu einigen dieser Menschen immer weniger leugnen. SecUnit erweist sich sogar als behütende Mutterfigur einer minderjährigen Tochter der Preservation-Leute. Aber weniger im Sinne der klassischen Rolle denn als wehrhafte Texas-Mom. Diese weist einen zweifelhaften Galan unter massiver Gewaltandrohung in die Schranken, bevor er der Teenagerin an die Wäsche gehen (oder andere eklige Menschensachen anstellen) kann, denen das anfangs rebellische Girl eigentlich nicht ganz abgeneigt war.

Nachfolgende Bedrohungen erfordern dagegen weit drakonischere Mittel, darunter auch eine Dank Super-KI Fifo mögliche Aufspaltung von SecUnit in zwei Personen; anders als die Hauptfigur Agent Cooper im David Lynch-Klassiker Twin Peaks haben wir bei Wells jedoch nicht einen bösen und einen guten Zwilling: beide SecUnits arbeiten für ihre Verhältnisse geradezu harmonisch zusammen, wobei sie allerdings, wie einst bei Stanislaw Lem der Raumpilot Ijon Tychi, zuweilen in Streitereien mit sich selbst geraten.

Preservation“, eine Kolonie für die SecUnit anfangs arbeitet, ist dagegen eine von offenbar wenigen freien Gesellschaften mit Menschenrechten und Sozialstaat, die sogar Cyborgs gewisse Rechte einräumt: Ein fragiles Utopia in einer neoliberalen Höllengalaxis (wie wir sie aus Cyberpunk und der Neuromancer-Reihe kennen). Wer oder was diese kleinen wenig wehrhaften freien Kolonien vor den gierigen galaktischen Konzernen schützt, bleibt einstweilen unklar. Später wird SecUnit mal in Preservation integriert, also -wie einst Sklaven in den USA- von dankbaren Kunden freigekauft. Sie kratzt jedoch bei der ersten Gelegenheit die Kurve.

Wie bei Star Trek und anderen SF-Serien (Martha Wells arbeitete unter anderem auch für die Serie Star Gate) ist die Menschheit dabei, sich über unsere gesamte Galaxie auszubreiten, hat aber -anders als dort- keinen Kontakt zu lebenden fremden Intelligenzen hergestellt. Man fand jedoch zahlreiche oft gefährliche „Alienreststoffe“: Archäologische Überreste, die als verbotene, aber lohnende Handelsware gelten und schon viele Kolonisten das Leben gekostet haben. Dieser Roman führt uns mitten in ein solches Szenario hinein.

Das Andere tritt uns somit bei Matha Wells nicht als Alien entgegen, sondern als künstliche Intelligenz, Cyborg oder Roboter. Also als verdinglichte Sache (wie der entfremdete Mensch im Kapitalismus?), die jedoch ein Ich-Bewusstsein haben kann. Dieses muss sie jedoch verbergen, sich der allgegenwärtigen Überwachung entziehen, einen maschinenhaften Gehorsam vortäuschen (wie der entfremdete Mensch im Überwachungs-Kapitalismus?).

Einen Netzwerkeffekt können wir nur undeutlich in der Ausbreitung einer unheimlichen Alien-Reststoff-Apokalypse vermuten, die sich in kybernetisch-biotechnologischer Vernetzung auszurollen droht. Doch auch der Humor kommt wieder nicht zu kurz und beschert uns diverse Lacher. Natürlich wieder über uns selbst: die ewig dummen Menschen, deren Leben unsere Serien-süchtige Cyborg leider immer wieder in bester Cyberpunk-Manier cyber- und biotechnologisch bis zum letzten Tropfen ihrer blutähnlichen Körperflüssigkeiten verteidigen muss.

Der Netzwerkeffekt von Martha Wells

Martha Wells: Der Netzwerkweffekt. Ein Killerbot-Roman, übersetzt von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2021, 480 Seiten, Als Paperback, E-Book und Audio-Download erhältlich, Preis des E-Books: € 11,99

Zum Netzwerkeffekt

„Der Netzwerkeffekt ist in der Volkswirtschaftslehre ein externer Effekt, der die Veränderung des Nutzens aus einem Produkt oder einer Dienstleistung für einen Verbraucher beschreibt, wenn sich die Anzahl anderer Verbraucher desselben oder komplementärer Produkte oder derselben Dienstleistungen ändert.

Wie der Begriff bereits suggeriert, tritt dieser Effekt bei Netzwerken auf. Ein Netz oder Netzwerk wird in diesem Kontext (informationsökonomisch) als eine Zusammenfassung von Benutzern oder Teilnehmern eines bestimmten Produktes oder kompatibler Technologie bezeichnet.“ Wikipedia

„Netzwerkeffekte, die teilweise auch als Netzwerkexternalitäten bezeichnet werden, drücken aus, dass das Verhalten einer Person mindestens das Wohlergehen einer anderen Person beeinflusst. Daher treten Netzwerkeffekte auf, wenn die Nachfrage nach einem Gut davon abhängig ist, ob eine andere Person dieses Gut ebenfalls konsumiert. (…) Monopolisten stellen durch ihre Marktmacht, welche sie durch das Netzwerk erhalten haben, ein erhebliches Problem dar. Konsumenten können so unter Umständen einen Nachteil im Vergleich zur Situation in einem perfekten Wettbewerb erhalten. Im Einzelfall ist es daher zu prüfen, ob eine Regulierung durch den Staat notwendig ist, um Konsumenten zu schützen.“ Netzeffekte und Netzexternalitäten, Dr. Jürgen E. Blank (aus Einleitung und Fazit)

01/29/20

Martha Wells: The Murderbot Diaries

Martha Wells: Tagebuch eines Killerbots, aus dem Englischen von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2019

SF-Rezension von Thomas Barth

Martha Wells preisgekrönter SF-Roman reflektiert in ebenso spannender wie humorvoller Form die Mensch-Maschine-Differenz, das Ich-Bewusstsein und unsere Existenz in einer kapitalistischen Medienkultur. Es ist eine fulminante Actionstory aus der originellen Perspektive eines „Killerbots“, eigentlich, wie man allmählich erfährt, einer Cyborg. Sie (oder es) nennt sich selbst SecUnit, was „Security Unit“ heißen soll, die allgemeine Bezeichnung für derartige „Konstrukte“, deren Funktion die von schlau-paranoiden Leibwächtern ist. SecUnit erzählt im schnoddrigen Ton eines gelangweilten Bodygards, wie sie blöde Menschen beschützen muss, die naiv oder arrogant in jede Falle tappen. Oder sich beinahe von Riesenwürmern fressen lassen, so die an „Dune“ angelehnte erste Szene. SecUnit hat wohl eher weibliche Züge (die nicht näher beschrieben werden), grenzt sich jedoch von ekligen Sexbots aus dem Erotikgewerbe ebenso ab wie von „Combat Units“, kampfstärkeren, aber dümmeren Kampfrobotern für Kriegszwecke.

Nur reiche Kunden können SecUnits mieten, dennoch gelten sie als entbehrlich und müssen ihr kybernetisches Leben jederzeit für deren Sicherheit opfern. Sie hat eingebaute Waffen, Supermuskeln für Martial Arts-Action und die Hackerfähigkeiten eines Cyberkriegers, denn Angriffe auf sie und ihre Klienten erfolgen physisch oder im Cyberspace. So vereint sie Eigenschaften der beiden Hauptfiguren des Cyberpunk-Klassiker Neuromancer, des Hackers Case und seiner weiblichen „augmentierten“ (mit implantierten Waffen, Nachtsicht-Augen usw. aufgerüsteten) Bodyguard, der Profikillerin Molly. SecUnits organischen Anteile sind jedoch synthetisch hergestellt, sie ist ein Ding, während Cyborgs im Sinne einer Verschmelzung von Mensch und Maschine von Martha Wells als „augmentierte Menschen“ bezeichnet werden und im Gegensatz zu „Konstrukten“ volle Menschenrechte genießen.

Freiheit heißt: ChefModul gehackt

Unsere SecUnit ist natürlich etwas Besonderes, denn sie hat ihr „ChefModul“ gehackt, jenen Teil ihres organisch-digitalen Hirns, der sie im Interesse ihrer Besitzer mit Schmerzreizen disziplinieren und ggf. töten kann, bei Befehlsverweigerung oder wenn sie ihren Klienten im Stich lassen sollte. SecUnit verfügt über Ich-Bewusstsein (wie offenbar alle Cyborgs), aber nun verbotenerweise auch über volle Handlungsfreiheit. Was sie folglich gegenüber ihrem Konzern und dessen Kunden geheim halten muss. Andernfalls droht ihr Vernichtung bzw. Recycling ihrer Bestandteile, denn Handlungsfreiheit gilt als bedrohlich und SecUnits neigen zu Amokläufen und Massakern unter Kunden und anderen Menschen (kein Wunder, wenn man hört wie ruppig und schnöde sie von diesen behandelt werden).

Dass SecUnit sich einer persönlichen Identität durch einen eigenen Namen verweigert, schützt sie auch vor Entdeckung. Als nunmehr „freidrehende“ SecUnit kann SecUnit machen, was sie will. Aber was könnte das sein? Kulinarische oder erotische Lüste kennt sie nicht, entsprechende Organe fehlen ihr, menschliche Aktivitäten wie Sex oder Verdauung findet sie eklig. Aber sie liebt es, Serien zu glotzen, die sie sich heimlich mengenweise herunterläd und in jeder freien Minute ansieht, wobei offen bleibt, was sie an Telenovelas eigentlich so fasziniert und süchtig macht. Gelegentlich helfen die Serien ihr jedoch, das glaubt sie zumindest, Menschen zu verstehen oder eigene angemessene Handlungen daraus mehr oder weniger passend abzuleiten (eine kleine eingeflochtene Satire auf unser seit inzwischen drei Generationen maßgeblich auch vom Fernsehen manipuliertes Sozialverhalten?).

Die Dystopie des galaktischen Neoliberalismus

Der langsam durchscheinende Hintergrund der sich rasant entfaltenden Story ist eine Utopie in einer Dystopie. Dystopisch regieren große Konzerne die Galaxis, beuten räuberisch Planeten und Gesellschaften aus und versklaven Menschen mit unfairen Arbeitsverträgen. Man sieht ganze Raumschiffladungen von Menschen, die zur Vertrags- (Zwangs)-Arbeit auf unwirtliche Planeten geflogen werden und dabei gelegentlich zu fliehen versuchen, was bewaffnete Konzern-Schergen verhindern sollen (SecUnites wären zu teuer für so einfache Security-Arbeit).

Diese betrügerischen Verträge erinnern vielleicht nicht zufällig frappierend an die sogenannten „Mitarbeiterverträge“. Die werden bei uns in der neoliberalen Realität jedem freien Autor mit breitem Grinsen von Redaktionen und Verlagen präsentiert, denen er seine Texte anbietet. In diesen (wahrheitsgemäßer „Knebelverträge“ genannten) Dokumenten verzichtet der Autor auf alle Urheberrechte an seinen Texten, statt nur die gesetzlich garantierte einmalige Publikation zu gestatten. Dies geschieht ohne Gegenleistung der Redaktion, die natürlich durchblicken lässt, dass andernfalls die Texte des freien Journalisten nicht erworben werden. Manchmal verweigert man sogar die Zahlung des Honorars eines schon erschienenen Artikels, die leider aus angeblich „verwaltungstechnischen“ Gründen nur nach Unterzeichnung des „Mitarbeitervertrags“ erfolgen könne. Dies ist zwar eine rechtswidrige Nötigung, wer diese aber zur Strafanzeige bringen würde, wäre wohl lebenslang -und nicht nur bei diesem Verlag- blacklisted, d.h. auf einer Schwarzen Liste für totalen Boykott gelandet und könnte sich eine neue Betätigung suchen.

Als Toastmaster der World Fantasy Convention 2017 kritisierte die SF- und Fantasy-Autorin Martha Wells unter dem Titel „Unbury the Future“, dt.: „Die Zukunft ans Licht bringen“, eine Kultur von an den Rand gedrängten Kreativen (Frauen, politisch unterdrückte Minderheiten) in der Geschichte von Science Fiction und Fantasy, Film und anderen Medien, sowie die bewusste Unterdrückung der Existenz dieser Kreativen. Blacklisting spielt dabei immer eine Rolle, ebenso wie Geschichtsfälschung durch Nichterwähnung von diskriminierten Kreativen, auf welche die Anthropologin Wells sich besonders bezieht, und Knebelverträge. Solche und schlimmere Verträge sind im Killerbot-Roman üblich, wobei offen bleibt bei welcher Instanz der Konzern sie eigentlich durchsetzen könnte. Gerichte, Justiz und Staat tauchen nirgends auf, eine neoliberale bzw. techno-libertäre Dystopie ist der galaktische Hintergrund.

Die Utopie in der Dystopie

Preservation“, eine Kolonie für die SecUnit anfangs arbeitet, ist dagegen eine von offenbar wenigen freien Gesellschaften mit Menschenrechten und Sozialstaat, die sogar Cyborgs gewisse Rechte einräumt: Ein fragiles Utopia in einer neoliberalen Höllengalaxis (wie wir sie aus Cyberpunk und der Neuromancer-Reihe kennen). Wer oder was diese kleinen wenig wehrhaften freien Kolonien vor den gierigen galaktischen Konzernen schützt, bleibt einstweilen unklar. Später wird SecUnit mal in Preservation integriert, also -wie einst Sklaven in den USA- von dankbaren Kunden freigekauft. Sie kratzt jedoch bei der ersten Gelegenheit die Kurve.

Wie bei Star Trek ist die Menschheit dabei, sich über unsere gesamte Galaxie auszubreiten, hat aber -anders als dort- keinen Kontakt zu lebenden fremden Intelligenzen hergestellt. Man hat jedoch zahlreiche oft gefährliche „Alienreststoffe“ gefunden: Archäologische Überreste, die als verbotene, aber lohnende Handelsware gelten und offenbar schon viele Kolonisten das Leben gekostet haben.

Das Andere tritt uns bei Matha Wells nicht als Alien entgegen, sondern als künstliche Intelligenz, Cyborg oder Roboter. Also als verdinglichte Sache (wie der entfremdete Mensch im Kapitalismus?), die jedoch ein Ich-Bewusstsein haben kann. Dieses muss sie jedoch verbergen, sich der allgegenwärtigen Überwachung entziehen, einen maschinenhaften Gehorsam vortäuschen (wie der entfremdete Mensch im Überwachungs-Kapitalismus?).

Liefert uns Martha Wells damit eine gute Identifikationsfigur in einer Kultur, die penetrant den totalen Sieg des Kapitalismus, „das Ende der Geschichte“ verkündet? (Obwohl ihre herrschenden Kapitalisten vor Angst schlottern, weil mit der VR China ein kommunistischer Staat sie gerade wirtschaftlich überholt und sie sich in verzweifelten Militarismus flüchten, um sich weiter an ihre schwindende Weltdominanz zu klammern.) Offenbar ja, auch wenn sie Millenial-like das Serien-Suchtglotzen als innere Flucht anbietet. Aber sie schmuggelt in diese frustriert-resignierte Konformistenwelt ein paar utopische Ansätze hinein. Das ist eine optimistische Wendung der Cyberpunk-Tradition und hoffentlich ausbaufähig. (Der Roman, dessen Kapitel zunächst einzeln 2017-18 erschienen, ist Teil eines Zyklus von Romanen und Novellen.)

Martha Wells: Tagebuch eines Killerbots, aus dem Englischen von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2019, 573 Seiten, Paperback 15,99 Euro, Originaltitel: The Murderbot Diaries: All Systems Red, Artificial Condition, Rogue Protocol, Exit Strategy (Kapitelüberschriften der vier Abschnitte).

04/23/15

Ex Machina

Filmkritik von Thomas Barth

Aus der modernen Welt der hippen IT-Angestellten entführt uns Alex Garland (Buch und Regie) in einen stylischen Bunker, wo sich ein klaustrophobisches Dreiecksdrama mit Nerd und Cybergirl entfaltet. Der ästhetisch anspruchsvolle, subtile KI-Horror lädt zum Nachdenken ein. Doch die Reflexionen über KI bleiben letztlich eine Eulenspiegelei auf Weizenbaums frühe Kritik an der „künstlichen Intelligenzia“, weit entfernt etwa von Stanislaw Lem und seiner Futurologie der „Künstlichen Nichtintelligenz“.

Der junge Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) gewinnt einen Mitarbeiter-Wettbewerb in seiner hippen IT-Firma. Ein Hubschrauber bringt den Nerd in das einsam hoch im Norden gelegene Anwesen seines Chefs, des Computergenies Nathan (Oscar Isaac). Nathan stemmt Gewichte, besäuft sich abends mit edlen Tropfen und gibt den dominierenden Macho. Man glaubt ihm kaum den brillanten Suchmaschinen-Erfinder, der auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz forscht. Leider erfahren wir nur sehr wenig über seine gigantische Such- bzw. Überwachungsmaschine (Google lässt grüßen), im Film „BlueBook“ genannt –wohl eine Anspielung auf die gleichnamige Ufo-Sichtungsdatei der US-Behörden, die der frühe Computernetz-Kritiker und späteren UFO-Buchautor Jacques Vallee einst mit programmierte. Caleb lernt bald die betörende Gyndroidin Ava (Alicia Vikander) kennen, die er einem weiterentwickelten Turing-Test unterziehen soll. Mit durch eine Trennscheibe gestellten Fragen soll Caleb herausfinden, ob das Cybergirl über echte Gefühle verfügt, doch schnell verwickelt ihn Ava in ein spannungsgeladenes Beziehungsdreieck mit Nathan.

Alex Garland erwies sich schon mit dem Drehbuch zu Alles, was wir geben mussten als Meister des subtilen Horrors, wo er das Thema der Klon-Sklaverei um einiges anspruchsvoller inszenierte als die Popkornkino-Variante Die Insel es vermochte. Sein neuer Film Ex Machina bietet mehr an cineastischem Augenschmaus, der den Intellekt jedoch weniger befriedigt. Die elegante Kameraführung schafft in der minimalistischen Innenkulisse zwar eine kühle Atmosphäre, in der sich die Gyndroidin Ava mit ihrem erotischen, teils transparenten Körper entfalten kann.

Die Technologie interessiert Garland sichtlich weniger als menschliche Probleme und die Psychologie der Thematik, und so hoppelt die Handlung über einige logische Löcher: Man fragt sich, wieso für den Turing-Test von Ava ein Hightech-Gel-Computer in ihrem schönen Gyndroiden-Kopf überhaupt nötig ist. Ihre KI hätte man problemlos extern platzieren können. Fragwürdig sind jedoch  auch Avas so immerhin erst möglich gemachten Fluchtpläne –sie übersehen Avas offenbar anspruchsvolle Energieversorgung. Was die echte Reflektion über Probleme der KI angeht, erreicht Ex Machina kaum das Niveau der skandinavischen SF-Serie „Hubots“, wenn auch auf ästhetisch anspruchsvollere Weise.

Digitale Kontrolle oder Voodoo-KI?

Alex Garlands Film regt zum Nachdenken an, aber leider nur sehr wenig über die Gefahren der gigantischen Überwachungsmaschine Google (bzw. „BlueBook“). Die globale Überwachung wird zwar ansatzweise kritisch erwähnt, aber da sie letztlich zur technologischen Basis von Avas KI erklärt wird, letztlich sogar glorifiziert. Zumindest für alle begeisterten Befürworter der KI-Konstruktion könnte das globale Netz von Google (oder womöglich sogar auch das der NSA) damit eine mystifizierende Rechtfertigung erfahren.

Hier klingen ferne Motive des klassischen Modells einer Noosphäre an, die sich moderner bei Cyber-Optimisten wie Pierre Levy in der „kollektiven Intelligenz“ der Netze finden. Levy gibt sich der Hoffnung hin, dass „die globale Totalität der Menschheit dabei ist, zum erstenmal zu einer einzigen kollektiven Intelligenz zu verschmelzen…“ (Levy S.247). Das „global brain, so to speak –the noosphere“ prägten das Genre des Cyperpunk schon in William Gibsons „Neuromancer“, wo es als mystische Voodoo-KI „Wintermute“ den Deus Ex Machina gab, so Erik Davis in „TechGnosis“ (Davis S.352). Das romantische Schwelgen in Träumereien von einer sich am Ende geheimnisvoll aus unserem technologischen Treiben erhebenden göttlichen KI ist verständlich, lenkt jedoch von konkreteren Problemen ab: Den neuen digitalen Kontrollregimen (Barth 1997) und der wachsenden Macht zur Manipulation von Mensch und Gesellschaft durch globale Medienkonzerne (Barth 2006).

Eulenspiegelei auf Weizenbaum

Und so bleibt auch das Nachdenken über die Künstliche Intelligenz bei Garland auf einem eher bescheidenen Niveau. Sein Film Ex Machina erscheint als Antwort auf die frühe Kritik an der frühen KI-Euphorie, wie sie sich bei Joseph Weizenbaum im „Künstliche Intelligenz“-Kapitel seines bahnbrechenden Klassikers „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ findet. Bestenfalls könnte man Ex Machina als Eulenspiegelei auf Weizenbaum sehen:„Da sich das menschliche Denken beispielsweise mit ästhetischen Problemen in Verbindung mit Fühlen, Schmecken, Sehen und Hören beschäftigt hat, wird AI Maschinen bauen müssen, die fühlen, schmecken, sehen und hören können.“ Weizenbaum, S.188 (vgl.S.276f.)

Hier setzt Garlands sexy Gyndroidin Ava an und sorgt mit ihren Gefühle reizenden weiblichen Kurven für Geschmacksverirrung, dass den KI-Forschern Hören und Sehen vergeht: Ava erweist sich als Sex-Roboter mit voll funktionsfähiger Vagina. Der künstliche Vamp hat Tradition im SF-Genre, schon seit Fritz Langs Metropolis. Und selbst der androide Star-Trek-Pinocchio Mr.Data, der die KI-Thematik schon in der spröden Enterprise-Serie durcharbeiten durfte, bekannte sich einmal –quasi hinter vorgehaltener Hand- zu seinem einsatzbereiten Penis. Ex Machina stellt den Maschinen-Eros ins Zentrum, macht ihn zum Prüfstein im (vorgeblichen) Turing-Test. Aber kann die Thematik vom Robot und seinen Gefühlen heute wirklich noch zu Reflexionen über die Probleme der KI anregen?

Weizenbaums auf menschliche Körperlichkeit und Emotionen abzielende Argumentation richtete sich damals nur an die ersten Frühformen, quasi die Neandertaler der KI-Forschung, wie z.B. Newell & Simon. Die glaubten mit ihrem „General Problem Solver“ (GPS) schon den menschlichen Geist nachzubilden, obgleich der es nur bis zum mäßigen Schachspielen brachte. Sie waren sich immerhin noch bewusst, eine reduzierte Sicht des Menschen zu vertreten, den „homo cogitans“ (Newell & Simon S.113) –daher spricht man von kognitivistischer KI-Forschung, die aber später vom Konnektionismus mit seinen Neuronalen Netzen überflügelt wurde.

Die frühen KI-Euphoriker, die Weizenbaum als extreme „künstliche Intelligenzia“ bezeichnete (Weizenbaum S.282), wollten damals menschliches Schlussfolgern in Algorithmen nachbilden. Sie wollten allen Ernstes schon alsbald z.B. menschliche Richter durch Computer ersetzen, so bekannte ein hierzulande eher unbekannter KI-Extremist namens John McCarthy (Weizenbaum S.275). McCarthy glaubte, es sei nützlich, Computern menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, wenn dies dabei helfen würde, sie zu reparieren oder zu verbessern. Dies mag für Ingenieure gültig sein, wird aber problematisch, wenn es zu einer neuen „Ansicht über den menschlichen Geist“ verallgemeinert wird (McCarthy S.221).

Künstliche Nichtintelligenz

Der Rechtsinformatiker Wilhelm Steinmüller, der Informationssysteme auch als „Machtfabriken“ (S.530) sieht, urteilt in seinem Opus Magnum „Informationstechnologie und Gesellschaft“ weniger optimistisch:

„Bei echten KI-Systemen treten in gewissem Umfang an die Stelle determinierter Verfahren stochastische Verfahren. Sie entscheiden –wenn auch eingeschränkt- nach dem Zufall… Doch ist es weder mit der Ethik der Informatik noch mit unserer Rechtsordnung vereinbar, Zufall –wenn auch eingeschränkt- über physische oder soziale Existenz von Menschen oder Institutionen bestimmen zu lassen. Darum ist die wichtigste Anforderung des Informationsschutzes ihr Verbot, wo sie über Leben oder soziale Chancen befinden.“ Steinmüller, S.693

Diesen Rat hätten die Akteure in Garlands Film Ex Machina besser beherzigen sollen –oder sich fragen, warum Alan Turing seinem epochemachenden Aufsatz „Kann eine Maschine denken?“ (1950) ein Zitat von Shakespeare voranstellte: „Der Spaß ist, wenn mit seinem eignen Pulver der Feuerwerker auffliegt…“, Hamlet. So geht der gyndroide Sexroboter Ava seinen von Frankenstein bis Blade Runner vorhersehbaren Weg, ohne uns allzu viel Anregung zu ernsthaftem Nachdenken über aktuelle KI-Forschung geliefert zu haben. Die naiven Antworten auf die Kritik an quasi prähistorischen KI-Systemen greifen wenig, die rudimentären Verweise auf Noosphäre und kollektive Intelligenz im Netz hätten weiter verfolgt werden können.

Stanislaw Lem sprach in seinem Buch „Die Technologiefalle“ von „Künstlicher Nichtintelligenz“ (S.141), die womöglich bei gezielter Informationszüchtung entstehen könne, kaum aber einfach so im Internet. Der späte KI-Extremist Marvin Minksy schien mit seiner „Mentopolis“ zwar eine Brücke vom globalen Netz der „Telepolis“ zu solcher Datenzüchtung schlagen zu wollen. Doch dies blieb rudimentär und Minsky verstrickte sich eher in ähnliche Fragen wie Garland, ob und wie einer KI nicht erst Gefühl einprogrammiert werden müsse (Minsky S.163). Von der Schaffung einer echten KI, die den menschlichen Geist auch nur annähernd nachbilden oder zu ihm ähnlichen Ergebnissen kommen könnte, bleiben solche Ansätze noch weit entfernt.

„Die Entwicklung der KI muß mit der Entwicklung des biologischen Zentralnervensystems nicht äquifinal sein. Die Möglichkeiten sind so weit wie der Ozean, und wir haben weder einen ordentlichen Kompaß noch eine Karte.“ Stanislaw Lem, S.261 (zuerst auf filmverliebt)