X Corp. hat das Center for Countering Digital Hate verklagt. Die gemeinnützige Organisation hatte Hassrede und fehlende Moderation auf X kritisiert. Ein US-Gericht hat die Klage nun abgewiesen – und dafür klare Worte gefunden. Hassrede und Desinformation haben auf X (vormals Twitter) deutlich zugenommen – insbesondere seit der Übernahme der sozialen Plattform durch Elon Musk vor knapp eineinhalb Jahren. Das bestätigen zahlreiche Studien wie jene des Center for Countering Digital Hate (CCDH).
Im Juni vergangenen Jahres hatte die gemeinnützige Organisation eine Studie über Hassrede auf der Plattform X (ehemals Twitter) veröffentlicht. Demnach ergreife X keine Maßnahmen gegen einen Großteil der verifizierten Konten, die in dem sozialen Netzwerk Hass verbreiteten. Einen weiteren Bericht, der zu ähnlichen Ergebnissen kam, veröffentlichte das CCDH im vergangenen November.
Die Kritik passte dem damals noch recht neuen Besitzer des Kurznachrichtendienstes, Elon Musk, nicht. X Corp., die Muttergesellschaft des Social-Media-Konzerns X, reichte im Juli vergangenen Jahres eine Klage gegen das CCDH ein, die ein US-Bundesgericht am vergangenen Montag abwies.
Claudia Märzendorfer, Michael Glasmeier: smashed to pieces… Eine Klavierzerlegung / A Piano Dismantling, hg. v. Carsten Seiffarth, Textem Verlag, Hamburg 2023
Thomas Barth
Kunst und Philosophie suchen oft jenseits der Alltagswelt nach Erkenntnis: Wie Netzphilosoph Felix Stalder und Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein mit einer Performance zusammenhängen und was das mit Millenials, Snowflakes, Digital Natives und „Mr.Robot“ zu tun hat.
Der originelle Aktionskunstband funktioniert als Daumenkino im DIN-A-5-Format, das auf den rechten Seiten die De- bzw. umgekehrt Remontage des zerlegten Klaviers illustriert: Eine Performance von Claudia Märzendorfer. Die Bühne wird dabei statisch von oben aufgenommen, so dass man jeweils bis zu fünf Personen kommen, gehen und agieren sieht. Die ca. 75 Fotos zeigen die systematische Zerlegung des Instruments, bei der nur selten Schusswaffen, meist aber handelsübliche Werkzeuge, Schraubendreher, Zangen zum Einsatz kommen. Linker Hand finden sich begleitende und kommentierende Texte, insbesondere ein langer Essay von Michael Glasmeier, der den kunstgeschichtlichen Rahmen aufspannt –auch in englischer Übersetzung: „Das Buch markiert den Versuch, Kunstwerk und Bilddenken, Filmzeit und Lesezeit, Gegenwart und Geistesgeschichte in unmittelbaren Nachbarschaften reflektieren zu können.“ Prof. Glasmeier ist Kunsthistoriker, Lyriker und Ausstellungsmacher und befasst sich mit bildender Kunst, Musik, Sprache, Film, Fotografie sowie Komik, Subversion und Politik.
Neben der Bühne mit Motorroller und Klavier befindet sich, wie eingangs weitere Aufnahmen zeigen, eine seltsame Schreibmaschine auf einem Stapel Papier: Eine aus Tinten-Eis geformte Attrappe der vom Komponisten Arnold Schönberg erfundenen, aber nie gebauten „Notenschreibmaschine“, die langsam schmilzt und sich in die unter ihr aufgestapelten Notenblätter ergießt. Man ahnt: Es geht um Zeit, Musik, Mechanik und das Ringen des Menschen um Bedeutung in einer von Kultur überfluteten Welt.
„In ihrem Videofilm smashed to pieces … (2018) zeigt die Wiener Künstlerin Claudia Märzendorfer die Zerlegung eines Klaviers in einem konzentrierten Live-Act, an dem acht Personen, Werkzeuge, ein Gewehr und ein Motorrad beteiligt sind. Im Gegensatz zu den zahlreichen Klavierzerstörungen – ein seit dem 19. Jahrhundert spezielles Sujet von Comedy bis zur Wiener Gruppe oder Fluxus – führt bei Märzendorfer der destruktive Akt zu stets neuen starken und überraschenden Bildfindungen und Tableaus.“ (Verlagstext)
Welt und Hand: Das Manual digitalisiert Sinnliches
Die Computertastatur, das magische Keyboard der Hacker, hat klangvolle Vorfahren in der Ahnenreihe der Tasteninstrumente. Orgel, Cembalo, das moderne Klavier digitalisierten Musik schon lange bevor Charles Babbage die erste Rechenmaschine montierte. Digitalisiert im weiten Sinne sind nach Felix Stalder Informationen, wenn sie mittels eines Systems diskreter Zeichen gespeichert werden (Stalder 2016, S.100): Bunte Scherben im Mosaik, Schriftzeichen oder eben Noten. Ab 1709, als der florentiner Instrumentenbauer Bartolomeo Cristofori (1655-1731) das Klavier erfand, werden den zarten Saiten der Muse die Noten virtuos eingehämmert. Als großbürgerliches Kulturmöbelstück, Prestige- und Kultobjekt besonders in Wien steht es, so meint Glasmeier, wie kein anderes Instrument für die KuK-Bourgeoisie und führt als Beleg Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin an. Deren Protagonistin rüttelte bekanntlich relativ vergeblich an den gesellschaftlichen Gitterstäben im bourgeoisen „Gefängnis ihres alternden Körpers“ -dem biopolitischen Dispositiv, dem das musisch-mechanische Dispositiv des Klavierkorpus zugeordnet ist (zit.n. Creutzburg S.37).
In Jelineks Roman wird das strenge Regime einer auf Status und Konkurrenz angelegten Klavierausbildung drastisch beschrieben. Die Versuche der Protagonistin, sich von der dominanten Mutter zu befreien und ihre erotischen Fantasien auszuleben, bleiben im zähen Normengefüge einer verkrusteten Gesellschaft stecken. Die masochistischen Neigungen der Klavierspielerin werden von Jelinek mit der Strenge der Musikausbildung durch ihre Mutter in Verbindung gebracht und lesen sich wie ein früher Beitrag zur Erziehungsdebatte, die später das Buch Battle Hymn of the Tiger Mother (2011) der US-chinesischen Autorin Amy Chua auslösen sollte. Gerade die autoritäre Erziehung zur klassischen Musik (Klavier und Geige) habe der Tiger-Mutter ermöglicht, so Chua, ihren beiden Töchtern Leistungswillen einzupauken.
Chua lieferte der neoreaktionären NRx-Bewegung in den USA Munition für den Kulturkampf gegen die angeblich übermäßig verhätschelte „Generation Snowflake“ der Millenials, auch Gen Y oder Digital Natives genannt. Deren von der 68er-Bewegungen geprägte Hippie-Eltern hätten ihren Nachwuchs in Watte gepackt und ihm ständig dessen Einmaligkeit (wie eine Schneeflocke) trotz tatsächlicher Mittelmäßigkeit versichert. Die neoreaktionäre Alt-Right-Bewegung beruft sich auf Film und Buch „Fight Club“, wo so benannte Snowflakes brutal zu Kämpfern umerzogen werden. A.N.Smith sieht als Reaktion der Kabelsender auf Annahmen über die Persönlichkeiten, Vorlieben und Verhaltensweisen von Millenials bzw. Snowflakes die TV-Serie „Mr.Robot“. Bei Mr.Robot steht ein Digital Native als Hacker im Mittelpunkt, der sich -was als Antwort auf „Fight Club“ gelesen werden kann- trotz psychischer Probleme und Sensibilität zu wehren versteht. Im deutschen Kino setzte sich Oskar Roehlers Film Tod den Hippies! Es lebe der Punk! mit der Problematik auseinander.
Im deutschen Diskurs wurde Chua unter dem Topos einer „Rückkehr des Rohrstocks„, d.h. von Zucht und Ordnung in der Erziehung diskutiert und fand konservative wie leistungsorientierte Anhänger (Springer-Zeitung „Die Welt„). Wenn sich in Märzendorfers Performance aggressive Impulse gegen das Klavier richten, erfüllen sie den Wunsch nach biopolitischer Rebellion und stehen überdies in langer künstlerischer Tradition. Das Backcover zitiert Emerson zweisprachig nach Musil:
Ralph Waldo Emerson 1857
»Die Dinge, die durch den Dunst von gestern so gewaltig erschienen – Eigentum, Klima, Erziehung, persönliche Schönheit und anderes mehr, haben ihre Verhältnisse merkwürdig verändert. Alles, was wir für fest hielten, schwankt u. klappert …«
“The facts which loomed so large in the fogs of yesterday,—property, climate, breeding, personal beauty, and the like, have strangely changed their proportions. All that we reckoned settled shakes and rattles …”
Ralph Waldo Emerson (zitiert von / quoted by Robert Musil)
Im April 1959 hätten, so Glasmeier, die skandalisierten Künstler der Wiener Gruppe daher durch Fechtmasken geschützt (und, wie der Rezensent anmerken möchte, als Burschenschaftler maskiert) mit Beilen ein Instrument zerlegt. Friedrich Achleitner fuhr dazu mit einem Motorroller auf die Bühne, was 2018 von der destruierenden Claudia Märzendorfer referenziert wurde: Die Wiener Künstlerin Nicole Six durfte bei dieser Klavierzertrümmerung auf der Vespa vorfahren und zückte, weil Künstler sich gerne gegenseitig übertreffen, ein Gewehr, um mit zwei Schüssen ins geöffnete Piano den Reigen der Gewalt zu eröffnen. Danach erfolgt die systematische Demontage, einer Vivisektion am Instrument gleich -womit die Performance gleich noch symbolisch das beliebteste Mediengenre nachstellt: Den Fernseh-Krimi: Ein Schuss, ein Schrei und alles Weitere nach der Obduktion, bis das Kleinbürgertum vor der Mattscheibe am Ende den Übeltäter in Handschellen vom Polizisten abgeführt sieht und mit zwei Lektionen in den süßen Schlaf sinken kann: Fürchte deinen Nächsten, er könnte ein Mörder sein, und nur die Staatsgewalt steht zwischen dir und dem Chaos. Chaos verbreiten gerne Künstler als Bürgerschreck, wie z.B. auch Fluxus. Fluxus, die Künstlergruppe, der auch Nam June Paik angehörte (der bei Netzphilosoph Felix Stalder als Nestor elektronischer Medienkunst herbei zitiert wird), sprach einst vom Kampf gegen die Bürgermusik.
Lustvolle Zerstörungsorgien treffen schon seit Stummfilmzeiten gerne das Klavier, Resonanzmöbel und absoluter Klangkörper. Neben seiner pompösen Bürgerlichkeit wäre so das Instrument für anarchische Zweckentfremdung prädestiniert „…zumal die immense Spannung, die vor allem beim Flügel auf die Saiten ausgeübt wird, es trotz seiner eher behäbigen Erscheinung ständig im übernervösen Zustand kurz vor dem Zerspringen hält.“ (S.42) Futuristen, Dadaisten und kreative Musiker wie John Cage hätten sich daran ausgetobt.
Und der destruierte Mechanismus der kulturgeschwängerten Bourgeoisie lässt sich im mechanischen Remix sogar wie ein sphärisches Netz verspinnen: US-Künstler Terry Fox löste in den 1970er- und 80er-Jahren Klaviersaiten aus dem Korpus, um damit sein Atelier, Museen und Kirchen zu bespannen, bespielen und zur Resonanz zu bringen. Seine gesponnene Sphärenmusik erinnert an andere, intellektuell-paranoide Netze, die der Konspirationskünstler Mark Lombardi mit Tinte auf Papier zeichnete: Organigramme von Politik, Geheimdiensten und Finanzwelt, deren düstere Partitur unsere Netzgesellschaften mit ihren Netzen der Macht erfüllt (wie wiederum Netzphilosoph Felix Stalder darlegt).
Die Künstlerin arbeitet „mit Installationen, Film als Skulptur, Fotografie, Zeichnung, Klang und Text. Ihre Arbeiten verfolgen eine konzeptuelle Strenge und werden häufig in Schwarz und Weiß ausgeführt. Märzendorfer arbeitet mit analogen Techniken im Digitalzeitalter, beschäftigt sich mit Archiven und macht ortsspezifische Installationen.“ (Wikipedia)
Märzendorfers Aktionen schaffen dagegen ihre eigene Welt und Glasmeiers Kommentar spannt den Bogen über Johann Sebastian Bach, Kaiser Franz Josef, und Samuel Beckett bis zum Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, den er zitiert: „Das Aussprechen eines Wortes ist gleichsam ein Anschlagen einer Taste auf dem Vorstellungsklavier.“ (S.94)
Die feinen Mechanismen von Märzendorfers dekonstruiertem Klavier blieben in diesem Sinne „allein als Metaphern einer schöpferischen Taktilität präsent, die nunmehr auch ohne den Umweg über die schon von Shakespear erotisierten Tastatur an die Plastizität des Korpus selbst delegiert ist: …Es ist eine Tastatur, ohne die gerade in diesen Hochzeiten der Digitalisierung… überhaupt nichts läuft… (S.30)
How oft when thou, my music, music play‘st Upon that blessed wood whose motion sounds With thy sweet fingers when thou gently sway’st The wiry concord that mine ear confounds… William Shakespear, 128.Sonett
Claudia Märzendorfer, Michael Glasmeier: smashed to pieces… Eine Klavierzerlegung / A Piano Dismantling, hg. v. Carsten Seiffarth, Campo Bd.5, Textem Verlag, Hamburg 2023, 176 S., 18,00 Euro, ISBN: 978-386485-295-4 (siehe auch gekürzte Rezension auf socialnet)
Creutzburg, Astrid: Gewalt und Macht: Hierarchiestrukturen in den Romanen Elfriede Jelineks, unveröffentlichte Magisterarbeit, Hamburg 1992
Anthony N. Smith: Pursuing „Generation Snowflake“: Mr. Robot and the USA Network’s Mission for Millennials. In: Television & New Media, 24. Juli 2018 abstract
Stalder, Felix: Kultur der Digitalität. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft. Ein Erfahrungsbericht, Textem Verlag 2023
Buchkritik von Thomas Barth
Computer- und Machtnetze unserer technologischen Gesellschaften hängen am Wissenschaftssystem, dessen Anspruch auf Enthaltsamkeit in Machtfragen und neutrale Wahrheitsfindung Teil einer behaupteten Objektivität darstellen. Doch wie steht es um die internen Machtnetze im akademischen Betrieb? Und was heißt das generell für Bildung und Ausbildung der geistigen Elite? Unternehmen klagen unentwegt über den Fachkräftemangel, unsere Gesellschaft, unser Bildungssystem produziere zu wenig qualifizierten Nachwuchs. Doch straffe Hierarchien, prekäre Arbeitsbedingungen, jahrzehntelange Befristung und Machtmissbrauch im Wissenschaftsbetrieb machen die Universitäten manchmal zum Albtraum für Post-Docs. Das Beispiel einer anfangs enthusiastischen Studentin, später beinahe habilitierter Privatdozentin dokumentiert Karrierewahn, bis zu Hass und Sabotage gesteigertes Konkurrenzverhalten, Mobbing durch konspirierende Kolleg:innen, bürokratische Leitungen und selbstherrliche Professor:innen. Die Wissenschaft wird hinsichtlich ihrer menschenfeindlichen Organisation, aber auch ihrer generellen Achtlosigkeit gegen Mensch, Natur und Umwelt einer scharfen Kritik unterzogen.
Die Autorin legt in 22 Kapiteln ihre Erfahrungen und ihre Kritik vor, die Kapitelüberschriften zeichnen ihre akademische Karriere nach: Biologiestudium. Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft: Die goldene Zeit. Vom Promovieren und Projektbeantragen; Das ungrüne Pflanzeninstitut mit dem Drogenhersteller. Labortechnik, Chaos, Rechtlosigkeit; Das Institut des Monsterprofessors. Kalbshirne und Drangsalierungen; Ein kurzes Aufflammen guter wissenschaftlicher Arbeit; Das Institut der Professorenfreundin, der Hirsch-Index, die Gutachter und das Publizieren; Das Institut, das mir einen glorreichen Beginn und ein schreckliches Ende bescherte; Geräteherrscherinnen und Gerätefieber; Von Sprühnadeln und Polaritätswechseln: Der Themenklau; Der Folgeantrag und das Intermezzo mit der Haushaltsstelle. Anspannungs- und Angstzustände, Arbeitsschutz und Großgeräte; Wie ich die Gunst meines Habil-Papas verlor. Was ist eigenständige Forschungstätigkeit, Co-Autor*innen und die Huldigung ranghöherer Wissenschaftler*innen; Ich rette mich von der Haushaltsstelle auf die nächste Projektstelle. Erpressungsversuche, Arbeitszeitregelung, Fehltage, Dienstreisen, Atembeschwerden; Explosion geballter negativer Energie. Drohbriefe, Diffamierungen, Mobbing; Einzelzimmer; Das verspätete Habil-Gutachten, Flucht aus dem System; Coda. Was übrig bleibt; Ökologische Aspekte naturwissenschaftlicher Forschungsarbeit. Hochleistungstechniken, Stromverbrauch, Gifte; Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und die Industrie; »Wagnis Wissenschaft«; Die zwingend erforderliche Arbeitswut und der Reproduzierbarkeitswahn; Nötige Voraussetzungen für eine Karriere im Wissenschaftssystem; Die arbeitslose Wissenschaftlerin. Rückkehr zur Naturverbundenheit; Literaturverzeichnis.
Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft
Schon das erste Kapitel „Das Biologiestudium. Naturverbundenheit stößt auf Wissenschaft” zeigt grundsätzliche Kritik der Autorin an methodischer Entfremdung, am Umgang mit der Natur und ethische Bedenken hinsichtlich des Tierschutzes: Ein wichtiger Grund für ihre Spezialisierung auf Botanik. Die digital entfremdete Wissenschaft verbrauchte 2012 Jahr allein im Freistaat Sachsen 73.000 Tiere für wissenschaftliche Zwecke. Schon im zoologischen Grundpraktikum des Biologie-Grundstudiums würden Ratten und Frösche getötet und, zum Zwecke des Studiums ihrer Eingeweide, zerstückelt, oder „um an einem herausgerissenen Beinchen elektrisch ausgelöste Zuckungen zu beobachten” (S. 11).
Eine technisierte Naturwissenschaft entferne sich von der Natur und preise sie zugleich als ihr Untersuchungsobjekt. Die von ihr zu lösenden Probleme seien auch Folge unserer industrialisierten Lebensweise: „Erst verdrecken wir die Natur und dann wühlen wir im eigenverschuldeten Dreck herum, um diesen genauestens zu charakterisieren und uns viel darauf einzubilden, wie großartig wir dazu in der Lage sind.” (S. 14) Im nächsten Kapitel folgt die „Goldene Zeit” ihrer Doktorarbeit, in der sich das -bis auf den Tierschutz- glückliche Studium fortsetzte. Die „Technomanie” strahlte zwar in „aseptischem Glanz” (S. 18), aber die Forschung an der Wirkung von Arsen auf das Pflanzenwachstum in verseuchten Böden war auch eine sinnvolle Tätigkeit. Danach als Post-Doc begann das institutionelle Elend: Die Jagd auf immer nur ein bis zwei Jahre befristete Stellen, bis man „schließlich aus dem System entsorgt” wird (S. 21) in einer oft unangenehmen Laborwelt.
Kapitel Drei „Das Institut des Monsterprofessors. Kalbshirne und Drangsalierungen“ beschreibt einen anscheinend psychopathischen Professor als Vorgesetzten, der die Autorin durch fortgesetztes Mobbing in die Krankmeldung treibt. Selber fachlich unfähig, verlangt er von seinen Untergebenen höchsten Einsatz und die Kompetenzen, die ihm selbst fehlen. Demütigende Kritik, unfaire, herabwürdigende Beurteilungen und aggressive Beschimpfungen sind sein Kommunikationsstil, der die Autorin zuerst in widerständige Opposition und dann, auch mangels solidarischer Kolleg:innen, in eine psychische Krise treibt. Zuvor hatte sie bei diversen Institutionen und Personen um Hilfe nachgesucht: Der Ombudsmann für wissenschaftliches Fehlverhalten riet zu mehr Freizeit mit den Kollegen, die sich am Mobbing jedoch teils begeistert beteiligten. Die Frauenbeauftragte, eine Chemieprofessorin, erzählte ihr zum Trost von der eigenen, gescheiterten Ehe „und wie auch sie unter den Männern leiden musste“. „Die Gleichstellungsdame der Fakultät ermahnte mich, die geschilderten Zustände bloß nicht weiterzuerzählen.“ (S. 39)
Mikrophysik akademischer Macht
Doch es kommt noch schlimmer: Ein glücklich ergattertes Habil-Stipendium der DFG führt ins Dilemma der Mikrophysik akademischer Macht. Zunächst geht es um den kleinlichen Kampf um Zugang zu teuren Laborgeräten; eine Kollegin nennt die Autorin die „Geräteherrscherin”, weil sie den Zugang kontrolliert und willkürlich verweigert. Dann um die Jagd nach Publikationen, die den eigenen „1Hirsch-Index” hochtreiben, einen bibliometrischen Wert aus Anzahl der Artikel und Impact-Faktor der betreffenden Fachzeitschrift (S. 52). Schließlich um die Nennung ihres “Habil-Papa” genannten Professors bei ihren Fachpublikationen. Das Mobbing am Institut läuft über Gerüchteverbreitung, Beschwerdebriefe an Vorgesetzte, Verleumdungen, Beleidigungen bis hin zu einem anonymen Drohbrief, der sogar die Polizei beschäftigt. Die Forschungsarbeit leidet wie auch die Nerven der Biologin, die am Ende trotz genug Lehre und Forschung, ausgewiesen durch zahlreiche Fachartikel, sowie bester Bewertung durch zwei externe Professoren von ihrem eigenen Habil-Betreuer um die Karriere gebracht wird.
Ihr Fazit ist erschreckend: Das Wissenschaftssystem sei durch steile Hierarchien geprägt, weshalb für eine erfolgreiche Wissenschaftslaufbahn (für Naturwissenschaftler:innen) folgende Eigenschaften als förderlich zu notieren wären: schwere Computersucht; Fähigkeit zum Denken in starren Mustern und Bahnen; gedankenlose Verantwortungslosigkeit gegenüber Natur und Mitmenschen; Bereitschaft zur kritiklosen Affirmation des naturentfremdeten, naturzerstörenden wissenschaftlichen Systems; Fähigkeit zum Übersehen und Wegerklären von Forschungsergebnissen, die nicht ins derzeitige Wissenschaftsmodell hineinpassen; ausgeprägtes Konkurrenzdenken, das sich bis zum Kolleg*innenhass steigert; uneingeschränktes Untertanentum hinsichtlich des Umgangs mit Professoren und Arbeitsgruppenleitern sowie bedingungslose Unterordnung unter ihre Anweisungen; freiwilliges unwidersprochenes Übernehmen unentgeltlicher Aufgaben; widerspruchslose Akzeptanz vollkommener Recht-, Perspektiv- und Bedeutungslosigkeit der eigenen Person; Erdulden völliger Nichtigkeit der eigenen Ausbildung, Qualifikation und Arbeitsleistung (S. 148 f.).
Diskussion
Anne Christine Schmidt hat in ihrer mutigen Beschreibung aus einem Nähkästchen geplaudert, über das Wissenschaftler gewöhnlich den Mantel des Schweigens breiten. Man glaubt beinahe, es mit einer absonderlichen Sekte zu tun zu haben, die von ihren Jüngern totale Unterwerfung erwartet und ihnen eine Gehirnwäsche zuteil werden lässt. Dabei geht es um gesellschaftliche Privilegien, reiche Pfründe und großes öffentliches Ansehen, für das mit unfairen Mitteln gekämpft wird. Beispiel Publikation: Professoren, Laborleiter usw. erwarten sehr oft bei Fachartikeln als Autoren genannt zu werden, ohne echte Mitarbeit, nur für ein „Korrekturlesen”. So kommen absurd lange Publikationslisten zustande, die nicht auf wissenschaftliche Kompetenz oder Forscherfleiß verweisen, sondern auf skrupellosen Machtmissbrauch.
Bei der DFG hatten einige Begutachter dieses Problem des Machtmissbrauch zwecks wissenschaftlich-publizistischen Schmarotzertums scheinbar erkannt. Man forderte mehr „eigenständige Forschungstätigkeit” unserer Habilitandin dergestalt, dass sie ihrem Professor nicht mehr diese übliche Huldigung ranghöherer Wissenschaftler*innen zuteil werden lassen solle. Im Kapitel „Wie ich die Gunst meines Habil-Papas verlor” beschreibt sie, wie dieser darauf sauer reagierte und ihr das Leben zur Hölle machte. Der DFG-Gutachter hatte womöglich nicht bedacht, dass die Huldigungen mit nicht gerechtfertigten Autorschaften auf Machtmissbrauch beruhen und genau diese Macht sich nach seiner Intervention gegen den habilitierenden Nachwuchs richten würde. Die DFG ist selbst ein eher undurchsichtiger Verein, der jährlich milliardenschwere Staatsgelder an Antragsteller aus der Wissenschaft verteilt -sie ist rechtlich tatsächlich wie ein Kaninchenzüchterverein als e.V. organisiert. Anne Christine Schmidt wurde womöglich ein wohl gutgemeinter Versuch, für mehr Ehrlichkeit in der Wissenschaft zu sorgen, zum Verhängnis.
Sie hat hier gezeigt, wie die akademische Welt universitärer Forschung nicht nur die Freude am eigenen Fachgebiet, sondern an der Wissenschaft allgemein und zuletzt am eigenen Leben selbst abtöten kann. Ein von engstirniger Personal- und Einstellungspolitik geprägter Arbeitsmarkt tut ein Übriges, um hochqualifizierten Nachwuchs in Depressionen, Resignation und schließlich beruflichen Ausstieg zu treiben. „Zusammenfassung: Ich bin überqualifiziert und überspezialisiert und dadurch ungeeignet für die auf dem Arbeitsmarkt verfügbaren Arbeitsplätze.” (S. 153)
Seelisch beruhigt hätte vielleicht eine geisteswissenschaftlich fundierte Reflexion der Problematik: Die Lektüre der Biologin und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway hätte womöglich zu mehr Distanz und Überblick verhelfen können. Haraways Analyse des pariarchalen „modest man”, auf dem historisch der Objektivitätsanspruch moderner Naturwissenschaft basiert, hätte Schmidt zumindest die von ihr als „geisttötender Faktor” (S. 56) erlebte Verwendung des Passivs in Fachtexten vermutlich humorvoller und vor allem Macht- und Patriarchatskritischer erklärt als die Fachkolleg:innen in Zeitschriftenredaktionen (siehe Haraway-Rezension).
Fazit: Das kleine, sehr persönlich geschriebene Buch gibt einen intimen Einblick in die Abgründe der akademischen Wissenschaftspraxis, besonders der Labore. Es kritisiert Arbeitsklima, Abläufe und Haltung akademischer Biologen zur Natur, die Anwendung ihrer Ergebnisse in der Industrie und weiter unsere industrialisierte Lebensweise. Es richtet sich an Studierende der Naturwissenschaften, an Geisteswissenschaftler, die Naturwissenschaftler erforschen, aber auch allgemein an wissenschaftskritisch Interessierte.
Anne-Christine Schmidt: Albtraum Wissenschaft. Ein Erfahrungsbericht. Reihe: Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden – Band 34, Textem Verlag 2023. 155 Seiten. ISBN 978-3-86485-286-2. D: 16,00 EUR.
Dr. rer. nat. Anne Christine Schmidt studierte Biologie, promovierte und ging als Post-Doc in die Forschung, wo sie neun Jahre lang für ihre Habilitation arbeitete, bevor sie durch ihren Beruf physisch und psychisch erkrankte und sich stattdessen der Arbeit als Gärtnerin widmete. Ihr Ausstieg erfolgte im Alter von 39 Jahren, nachdem ein ihr übel gesonnener Habil-Gutachter sein Gutachten offenbar im Einklang mit Universität und Institut jahrelang verschleppte und ihre Habilitierung mit allen Mitteln hintertrieb. Ihre als Albtraum erlebten Erfahrungen im Berufsfeld Wissenschaft beschrieb sie im vorliegenden Buch: „Ich arbeitete seit dem Beginn meiner Promotion wie eine Besessene an meinen Forschungen, veröffentlichte Publikation auf Publikation, kämpfte um Forschungsgelder und sprang von Stelle zu Stelle.”
Isabell Otto: TikTok. Ästhetik, Ökonomie und Mikropolitik überraschender Transformationen. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2023
Buchkritik von Thomas Barth
Wie hat die AfD es zu Dominanz in Netzmedien gebrecht? TikTok, die chinesische Kurzfilm-App mit vorwiegend jungem Publikum, hat für einiges Aufsehen und Kontroversen gesorgt, etwa als jüngst Berichte über den dort beobachteten Erfolg rechtspopulistischer Inhalte der AfD die Runde machten. In den USA gibt es Verbote und US-Behörden drängen den chinesische Mutterkonzern ByteDance zum Verkauf der App, die mit Milliarden Nutzern heute als einziger Global Player auf dem Social-Media-Markt keine US-Firma ist. Die auch bei uns laut gewordenen Anklagen reichen von Spionage bis zur Erzeugung von Abhängigkeit der Nutzer. Isabell Otto zeigt in ihrem Buch, über welche Ästhetiken die App funktioniert und wie Beiträge viral gehen. Im Zentrum ihrer ästhetischen Analyse steht das Stilmittel der ‚TikTok-Transition‘ (überraschender Übergänge) dessen Wechselwirkungen mit Konventionen der Medienkultur, Plattformmechanismen und Praktiken der Nutzenden sie untersucht. Beispiele entnimmt sie dem politischen Aktivismus (Selenskyj im Ukraine-Krieg), Influencer- und Tanzvideos, Fan- und Popkultur-Adaptationen sowie künstlerischen Beiträgen.
Die Wagenbach-Buchreihe „Digitale Bildkulturen“ widmet sich neuen Bildformaten wie GIFs (Bewegtbildformat), Memen (viral gehende Sinneinheiten) oder Selfies (Handy-Selbstportraits), und analysiert wie sich Funktionen und Erscheinungsweisen von Bildern in den Sozialen Medien verändern. Bilder animieren zu Handlungen, stimulieren zu Teilhabe und Mitgestaltung und sind so eines der wichtigsten Instrumente politischer und aktivistischer Praxis geworden. Die Welt der meisten Menschen verändert sich durch die Digitalisierung und gerade Bilder erleben einen enormen Bedeutungszuwachs. Die allgegenwärtigen Smartphones lassen Bilder schneller, variabler und professioneller entstehen und durch die Sozialen Medien sind sie fast beliebig zu verbreiten. Dies verändert unsere Kommunikation, weil Menschen sich dadurch mit Bildern genauso selbstverständlich austauschen können wie zuvor nur über Sprache. Der seit Jahren proklamierte „Iconic Turn“ ist gesellschaftliche Realität geworden. Daraus ergeben sich zahlreiche neue Formen und Funktionen von Bildern, die nur aus der Logik und Infrastruktur der Sozialen Medien heraus verständlich werden (S. 4).
Der schmale Band vvon Isabell Otto zeigt auf seinen nur 80 engbedruckten Seiten zahlreiche Bilderstrecken, die auf ca. 17 Seiten Anmutungen von Kurzvideos einfangen und im Text ausführlich analysieren und kommentieren. Die meist halbseitigen, manchmal nur quadratzentimetergroßen Bilder zeigen ein Handydisplay oder Ausschnitte davon und stellen die Sehkraft auf die Probe. Ein Inhaltsverzeichnis fehlt, am Ende finden sich 55 Anmerkungen, meist mit Quellenangaben und eine Liste mit Bildnachweisen die meist auf TikToks (also Beiträge der Plattform) verweisen. Der Text gliedert sich in die „Einleitung: Brisante Bilderwelten“ und vier Kapitel:
Übergänge und Kippfiguren: #transitiontok,
Arbeit an der Sichtbarkeit: oddly satisfying,
Viralität und Mimetik: sped up,
Fluchtlinien des Mikropolitischen: Selenskyjs Fans.
Die Einleitung sieht bei TikTok mehr als eine „Spaß-Plattform“, dort würden sich Unterhaltung, Vermarktung und politische Aktion so mischen, dass die Grenzen zwischen diesen Bereichen verwischen. Flüchtlinge im Mittelmeer, Ukraine-Krieg und die Hexenjagd auf mutmaßliche Mörderinnen durch TikToker:innen sind Beispiele. Problematisch seien Jugendschutz und nationale Sicherheit, am prominentesten durch den Verdacht von Donald Trump, TikTok sei eine Spionage-App, der immer wieder laut würde und zu Verboten in zahlreichen Ländern geführt habe (S. 8).
In Kapitel 1 „Übergänge und Kippfiguren: #transitiontok“ werden überraschende Übergänge und Transformationen als zentrales ästhetisches Prinzip erörtert, was sich deutlich „in einer beliebten ästhetischen Spielart der Kurzvideos, der transition“ zeige (S. 10). Hier transformieren sich mittels Montagetechnik und anderen Filmtechniken Dinge, Menschen, Gesichter, was teils Kippfiguren, teils Schockeffekte kreiere. Mit über 260 Millionen Views hatte ein Video großen Erfolg, in dem ein abgetrennter Kopf von einer Poolrutsche auf die Schultern seines Besitzers zu rollen scheint. Auf der Startseite von TikTok präsentiere die „For You Page“ algorithmisch generierte Empfehlungen, zugeschnitten auf das persönliche Nutzerprofil. (Alters-) Diskriminierung, Hass und Radikalisierung spielen auf TikTok eine bedeutende Rolle. „Shadowbanning, algorithmisches Unsichtbarmachen oder Marginalisierung, sind Plattform-Operationen“ (S. 18).
Kapitel 2 „Arbeit an der Sichtbarkeit: oddly satisfying“ untersucht Relationen auf TikTok. Auf Social-Media-Plattformen habe sich die Ökonomisierung von Sozialität als zentrales Geschäftsmodell etabliert. Wichtiger Teil davon sei die Professionalisierung von Creator:innen, die über Produktwerbung oder Sponsoring ihren Lebensunterhalt verdienen könnten. Der „TikTok Creator Fund“ der Firma belohne den Klick-Erfolg von Videos sogar direkt durch Geldausschüttungen an algorithmus-konforme Produzent:innen (S. 20). Ein mögliches Erfolgsrezept sei dabei mit „oddly satisfying“ zu umschreiben: Videos, die durch Skurrilität irritieren und damit Zuschauer anlocken. Dabei würden etwa Dinge mechanisch bearbeitet oder gereinigt, letzteres brachte das Genre der Cleanfluencer:innen hervor. Schockeffekte machen auch TikTok-Stars, so etwa den „Spiritwalker“, der sich in einem extremen Halloweenkostüm als Monstrum zeigte. Weitere Videos erklärten die handwerkliche Herstellung des Kostüms, seine Erweiterung, Anwendung usw. Ein Geflecht aus Relationen und Verästelungen entstehe, wo Irritationen und Erklärungen verwoben würden (S. 36).
Kapitel 3 „Viralität und Mimetik: sped up“ arbeitet sich ab am begriff der Serie und Serialität. Die entstehe auf TikTok durch zahlreiche popkulturelle Referenzen, die in Ton, Bild und Performance Meme aufgreife und neu erschaffe und durch vielfältige Variation in eine netzartig verknüpfte Bilderwelt führe. Etwa würde Lady Gaga mit der Netflix-Gothic-Serie „Wednesday“ verbunden, verfremdend würden dabei *Sped up‘-Songs, schneller abgespielte Ohrwurm-Melodien eingesetzt. Sound wäre dabei neben Tanz eine wichtige Vernetzungsdimension, die auf auditiven Memes basiere. Lady Gaga habe reagiert, indem sie ihren Song nun selbst mit Tanzeinlagen aus „Wednesday“ verbinde (S. 47).
Politisch und theoretisch wird es in Kapitel 4 „Fluchtlinien des Mikropolitischen: Selenskyjs Fans“. Deuleuze/Guattari werden mit ihrem berühmten „Rhizom“ eingeführt. TikToks vernetzte Videografie ähnele in ihrer viralen, eigenlogischen und nicht kontrollierbaren Serialität dem poststrukturalistischen Rhizom-Begriff. Das „aus der Botanik entlehnte“ Rhizom, also Wurzelgebilde, sei aktivistisch gedacht, fordere zu anarchistischen Denkweisen heraus (S. 50). Die transitorische Ästhetik TikToks würde in ihren Serien und Relationen mit dem Prinzip der Öffnung ergänzt, öffne sich gesellschaftlichen Themen. Die Kiewer Regierung habe etwa seit dem russischen Angriff eine ausgefeilte Social-Media-Strategie für die eigene Bevölkerung wie für ein internationales Publikum entfaltet. „Die Inszenierungsformen des ehemaligen Schauspielers und Komikers Selenskyj umfassen dabei gezielt Strategien der ‚Spektakularisierung‘ von Politik“ (S. 53). Auf Twitter, Telegram, Instagram und TikTok rücke man den ukrainischen Präsidenten in heroischem Stil ins Bild, betone dabei jedoch „seine Nahbarkeit und ein persönliches Mit-Betroffensein“ (S. 53). Konsequenz sei ein hochwirksames „Gemenge aus Politischem, Popkulturellem und inszenierter Privatheit“ (S. 55), welches auch Gegenpropaganda provoziere, „pro-russische Trolle, die Verunglimpfungen, Hass und Falschmeldungen verbreiten“ (S. 58).
Diskussion
Die Autorin verweist in ihren Danksagungen am Ende des Buches unter anderem auf die unveröffentlichte Masterarbeit von Meike Hein „Stilmittel ‚TikTok-Transitionen‘. Wechselwirkungen zwischen Konventionen der Medienkultur, Plattformmechanismen und Praktiken der Nutzenden“, Konstanz 2022, „…der ich viele Einblicke in diese Medienpraktiken verdanke“ (S. 77). Dies ist Isabell Otto einerseits hoch anzurechnen, denn wir können davon ausgehen, dass sehr viele Professor:innen ihre Einblicke und Erkenntnisse auch Studienarbeiten ihrer Student:innen verdanken, ohne dass dies in daraus resultierenden Publikationen erwähnt wird. Andererseits fehlt in den Quellennachweisen bei Otto jede Spur der Arbeit von Meike Hein, so dass sich -auch angesichts der weitgehenden Überschneidung von deren Thema mit dem Inhalt des Buches von Otto– die Frage erhebt, welche ihrer Einblicke die Autorin der Studentin verdankt. Das Dilemma dabei: Diese Frage erhebt sich ja nur eben weil diese eine Professor:in so ehrlich war, die Masterarbeit zu erwähnen. Wie es für akademischen Nachwuchs in wirklich toxischen Arbeitsbeziehungen aussieht, beschrieb Anne-Christine Schmidt in Albtraum Wissenschaft.
Das Buch liefert einen kritischen Einstieg in die Analyse von Beiträgen der chinesischen Plattform bzw. App TikTok. Ästhetik, Anwendung und Nutzung werden aus medienwissenschaftlicher Sicht, aber unter Berücksichtigung ökonomischer und politischer Dimensionen sowie Auswirkungen auf die Gesellschaft dargelegt. Die Faszination von TikTok, die einen globalen Erfolg begründete, sieht sie vorwiegend im Zusammenspiel einer auf Transition, Remix und Vernetzung basierenden Ästhetik, an deren Anwendung die Algorithmen hinter den Bildern entscheidenden Anteil haben. Ein abschließendes Urteil erlaubt sich die Autorin nicht, sondern verweist auf die Offenheit und die nicht vorhersagbare Entwicklung von TikTok.
Isabell Otto: TikTok. Ästhetik, Ökonomie und Mikropolitik überraschender Transformationen.Verlag Klaus Wagenbach, Reihe: Digitale Bildkulturen, Berlin 2023. 74 Seiten. ISBN 978-3-8031-3734-0. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.
Isabell Ottoist Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Konstanz und war dort Prodekanin der Geisteswissenschaftlichen Sektion. Sie forscht zu medialer Teilhabe in digitalen Kulturen, Dynamiken des Ein- und Ausschließens in Social Media, Digital Literacy und kulturellen Dimensionen digitaler Spielweisen. Sie ist Mitglied des Zentrum für HumanDataSocienty, des Forschungsvorhabens Transforming Infrastructure – Cultural Perspectives und der DFG-Forschungsgruppe Mediale Teilhabe und sie lehrt u.a. Social Media Literacy als Lehrkonzept des Deutschunterrichts.
(Eine gekürzte Version dieser Buchkritik erschien bei socialnet.)
Computer sind komplex. Sie bis ins letzte Detail zu verstehen, grenzt an Unmöglichkeit. Doch wer Wert auf ein freies und selbstbestimmtes Leben legt, kommt um ein Mindestmaß an Computerverständnis nicht umhin. Denn die Digitalisierung würfelt unsere Gesellschaft ganz schön durcheinander. Damit wir für die technischen Entwicklungen als Gesellschaft Verantwortung übernehmen können, sollten wir unabhängig davon entscheidungsfähig sein. Um mündig zu sein ist es nicht nötig, alles immer und in jedem Augenblick perfekt zu machen. Digitale Mündigkeit bedeutet Verantwortung für das eigene Handeln im digitalen Raum selbst zu tragen.
Was ist digitale Mündigkeit?
„Mündigkeit“ ist zunächst ein Rechtsbegriff. Er bedeutet, dass ein Mensch verantwortlich für sein Leben ist. Historisch leitet er sich ab von altdeutsch Munt, der Bezeichnung für die Verantwortung des früheren Hausherren über seine Frau, Kinder und Gesinde. Mündig konnten damals nur Männer werden, nämlich dann, wenn sie aus der Munt des Vaters heraustraten und für ihr eigenes Leben Verantwortung übernahmen. Frauen gingen über von der Munt des Vaters in die Munt des Ehemannes. Heute ist Mündigkeit vor allem ein rechtlicher Status, der einem Menschen z.B. das Wahlrecht oder das Recht, die Ehe einzugehen, zuspricht. Mündig sein bedeutet Verantwortung für das eigene Leben zu tragen. Neben der rechtlichen Bedeutung gibt es auch eine philosophische Definition von Mündigkeit. Immanuel Kant griff den rechtlichen Begriff auf und wendete ihn auf eine ganze Gesellschaft an. Er vergleicht die Geschichte der Menschheit mit dem Heranreifen eines Kindes. Damit legte die Aufklärung die Grundlagen der modernen Demokratie. Wir tragen also doppelte Verantwortung: Für unser eigenes Leben und für den Fortbestand unserer Gemeinschaft. Dieser Verantwortung müssen wir uns bewusst sein, vor allem dann, wenn wir uns im Internet bewegen. Denn wir tragen ebenfalls Verantwortung für den Fortbestand unserer Kommunikationsgemeinschaft… Doch Kant warnte damals schon, dass es nicht möglich sei, ad hoc mündig zu werden, wenn man zuvor noch gar nicht frei war. Mündigkeit ist Übungssache. Auch in der digitalen Welt: Menschen werden mit unfreier und komplizierter Software konfrontiert, die ihnen gar nicht die Möglichkeit bietet, deren Funktionsweise zu studieren. Der Umgang mit dem Computer wird oft nur minimal und oberflächlich antrainiert und später nicht mehr hinterfragt.
Heimliche Entmündigung: Meist nehmen wir gar nicht mehr so deutlich wahr, wo und wie wir überall entmündigt werden. Wenn wir einen Kredit nicht erhalten, weil uns eine Datenbank (anhand der statistischen Eigenschaften unserer Nachbarn) als nicht zuverlässig eingestuft hat, oder einen Job nicht antreten dürfen, weil wir vermeintlich Asthmatiker sind (dabei hatten wir nur für den Vater die Medikamente gekauft): Wir kennen diese Gründe nicht und können daher nicht beurteilen, wie sehr die weltweite Datensammlung schon unseren Alltag beeinflusst. Wie soll man da noch Verantwortung für das eigene Leben übernehmen?
Die Filterblase: Um im großen Datendickicht den Überblick zu wahren, wird im Internet – auch zu unserem Nutzen – vieles für uns personalisiert. Beispielsweise die Suchergebnisse, werden von der Suchmaschine auf uns optimiert. Das ist praktisch, denn so findet man viel schneller das, was man wirklich sucht. Doch es ist auch problematisch, da wir meist nur stets das angezeigt bekommen, was wir schon kennen. Eli Pariser nennt das die „Filterblase“. Treffer, die unsere Gewohnheiten angreifen, oder eine Gegenposition zu unserer Meinung darstellen, sehen wir immer seltener. Und so bewegen wir uns mehr und mehr in einer Umgebung, die nur scheinbar neutral die Realität darstellt: In Wirklichkeit befinden wir uns in einer Blase, die uns die eigene Weltvorstellung als allgemeingültig vorspielt. Und das ist Gift für einen freien Geist, der sich ständig hinterfragen und neu ausrichten können möchte. In Konflikten liegt großes Wachstumspotential, um das wir uns berauben, wenn wir vor lauter Bequemlichkeit andere Meinungen einfach ausblenden.
Verantwortungsbewusstsein: Gegen Personalisierung und heimliche Entmündigung können wir uns zunächst nicht wehren. Daher ist es besonders wichtig, sich diese Phänomene stets ins Bewusstsein zu rufen. Wer sich dabei erwischt, ein Google-Ergebnis unterbewusst als „neutrale Suche“ verbucht zu haben, ist schon einen Schritt weiter, als wer noch immer glaubt, sie sei tatsächlich neutral. Der erste und wichtigste Schritt in die digitale Mündigkeit ist Verantwortungsbewusstsein. Verantwortung tragen bedeutet nicht, immer alles richtig zu machen, sondern die richtigen Fragen zu stellen und sich mit den Konsequenzen des eigenen Handelns zu konfrontieren. Machen Sie sich stets bewusst, wie viel Ihnen nicht bewusst ist und verhalten Sie sich entsprechend. Unterstützen und schützen Sie Strukturen, die Transparenz und Offenheit ermöglichen, und hinterfragen Sie Strukturen, die Ihnen vorschreiben wollen, was Sie tun oder denken sollen. Üben Sie sich in Eigenwilligkeit, wenn Ihnen Technik Vorschriften machen möchte. Besonders wichtig dabei: Üben Sie, auch Menschen oder Systeme zu hinterfragen, denen Sie vertrauen. Das ist besonders schwer, aber genau hier sind sie besonders leicht hinters Licht zu führen.
Leena Simon: Digitale Mündigkeit. Wie wir mit einer neuen Haltung die Welt retten können, 336 Seiten, Hardcover, 32,00 EUR, ISBN: 978-3-934636-49-1
Dieses Buch weist Wege in die digitale Mündigkeit und liefert das Rüstzeug zum kritischen Denken und Handeln. Denn mit Mut, Entschlossenheit und Übung können wir wieder mündig sein. Dann finden wir auch die Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit. Online bestellen oder mit der ISBN: 978-3-934636-49-1 im Buchhandel bestellen. Buchvorstellung im Blog von Digitalcourage. Dieser Beitrag wurde nach CC by sa 4.0 rebogged von https://muendigkeit.digital/
Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode. Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt. PapyRossa Verlag (Köln) 2023. 427 Seiten
Rezension von Thomas Barth
Als „Jakarta-Methode“ bezeichnet Bevins den ungeheuerlichen Plan einer physischen Vernichtung aller „Kommunisten“ im Machtbereich der USA durch systematischen Massenmord – nach dem Muster des „Indonesian Genocide“ 1965/66, dem 3-5 Millionen Menschen zum Opfer fielen (genaue Zahlen sind unbekannt, da die Verbrechen nie aufgearbeitet wurden und einen blinden Fleck in der westlichen Geschichtsschreibung darstellen).
Durch die aktuellen Berichte zur Wahl in Indonesien (mit 285 Mio.Einwohnern größte islamische Nation und viertgrößte der Welt) rückte das Land in die Öffentlichkeit, aber es zeigten sich bestürzende Wissenslücken hinsichtlich der indonesischen Geschichte. Blinde Flecken betreffen vor allem die westdeutschen Verstrickung in den hierzulande weitgehend totgeschwiegenen „Indonesian Genocide“ von 1966, dem vermutlich mehrere Millionen Indonesier:innen zum Opfer fielen.
Der renommierte US-Journalist Vincent Bevins beschreibt anhand von Einzelschicksalen Überlebender die grauenhaften Ereignisse und stellt sie in den weiteren Kontext einer außenpolitischen US-Strategie, die nicht vor Massenmorden zurückschreckte. Tiefgreifende psychologische, soziale und kulturelle Folgen einer inhumanen Interventionspolitik werden auf Basis von historischen Fakten und aktuellen Befragungen von Opfern angeprangert.
Im letzten Kapitel liefert Bevins den Hintergrund der aktuellen Wahl in Indonesien: „Im Jahr 2005 wurde Joko ‚Jokowi‘ Widodo zum Bürgermeister von Solo gewählt. 2014 schaffte er es zum Präsidenten Indonesiens. Seine Kandidatur wurde von Menschenrechtsgruppen unterstützt, von denen viele dachten, er würde als erstes Staatsoberhaupt, das nicht aus Suhartos militärisch-oligarchischem Zusammenhang kam, die Verbrechen von 1965 anerkennen… Sie lagen falsch… 2019 wurde er für eine weitere fünfjährige Amtszeit wiedergewählt“ (S. 341). Nach Widodos Versagen bei der Aufarbeitung des Indonesian Genocide haben jetzt scheinbar die mächtigen Strukturen der niemals geahndeten Täter wieder nach der Macht in Jakarta gegriffen.
Documenta-Eklat und Indonesien
Der documenta-Eklat war 2022 ausgelöst worden durch ein Werk der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi, in dem Militaristen als Schweine und Monster gezeigt wurden. Darunter sahen Kritiker auch zwei antisemitisch interpretierbare Karikaturen, wofür sich Sabine Schormann, die Generaldirektorin der documenta 15 entschuldigte, das Kunstwerk zuerst verhüllen, dann abbauen ließ. Taring Padi entschuldigten sich ebenfalls. Schormann trat schließlich zurück.
Weder die Generaldirektorin der Weltkunstschau noch andere deutsche Akteur*innen kamen darauf, dass auch die indonesischen Künstler*innen Grund zur Kritik gehabt haben könnten: Am geringen Interesse der deutschen Kunstszene, Regierung und Öffentlichkeit an der Aufarbeitung der westdeutschen Rolle beim Indonesian Genocide 1965. Der Inhalt des beanstandeten Kunstwerks von Taring Padi, einer meterhohen Plakatwand mit einer Art Wimmelbild, wurde in der vom Antisemitismus-Vorwurf dominierten Debatte kaum benannt: Der Indonesian Genocide. Bevins klärt darüber auf.
„Bislang geheime Akten des Bundesnachrichtendienstes (BND) erhärten den Verdacht, dass die Bundesrepublik Deutschland die indonesischen Militärs beim Putsch 1965 unterstützte. Der Machtübernahme durch die antikommunistischen Generäle folgte ein Genozid mit Hunderttausenden Toten. Bis heute mussten sich Täter nicht vor Gericht verantworten. Nun steht eine deutsche Mitverantwortung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Debatte.“Jonas Mueller-Töwe, T-Online Nachrichten, 13.7.2020.
Bevins Buch basiert auf freigegebenen Geheimdokumenten, wissenschaftlicher Literatur und eigenen Interviews mit überlebenden Opfern, deren Biographien er einfühlsam mit historischen Fakten verknüpft.
Bevins zeigt die Anwendung der Jakarta-Methode in mindestens 23 Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, schildert von der CIA inszenierte Militärputsche vor allem in Brasilien, Chile und Guatemala, die Hunderttausende Tote forderten.
Dabei ist seine Dokumentation möglicherweise lückenhaft, denn auf seiner Weltkarte, die „vorsätzliche Massenmorde zur Beseitigung von Linken oder mutmaßlichen Linken“ zeigt, bleibt der europäische Kontinent weiß. Bevins übersieht, wie das im Andreotti-Skandal 1990 aufgeflogene geheime Gladio-Netzwerk („Stay behind“) im Grunde ähnlich in Westeuropa operierte. Zwar mit deutlich weniger Todesopfern, aber mit derselben Bereitschaft, über Leichen zu gehen, um zu verhindern, dass sich das Kräfteverhältnis nach links verschiebt.
Inhalt
Einleitung und zwölf Kapitel entfalten entlang persönlicher Geschichten im Genozid 1966 Vertriebener, Überlebender oder Hinterbliebener die Geschichte Indonesiens und anderer Weltregionen, wo die „Jakarta-Methode“ zum Einsatz kam. Ein Nachwort von Glenn Jäger „Zur bundesdeutschen Mitverantwortung an den Massenmorden in Indonesien“ stellt die aufgrund jüngster Enthüllungen bekannt gewordene Mittäterschaft des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes BND dar. Im Reportagestil führt das Buch seine Leser:innen behutsam an komplexe Situationen und grauenhafte Ereignisse heran, stellt den Indonesian Genocid in größere historische Zusammenhänge. Die Einleitung befasst sich mit der Geheimhaltung und Unterdrückung von Information durch Täter in Jakarta und andernorts, die bisher diesen Teil der indonesischen Geschichte auch in westlichen Medien zu einem selten überwundenem Tabu machte (vgl. Keller 2015).
„Die Wahrheit über die gewaltsamen Ereignisse von 1965/66 blieb jahrzehntelang verborgen. Im Kielwasser jener Gewalt wurde eine Diktatur errichtet, die der Welt Lügen auftischte, während die Überlebenden stumm blieben -sei es, weil sie inhaftiert waren oder zu verängstigt, die Stimme zu erheben“ (S. 9).
Erst 2012 gab die Regierung in Jakarta bezüglich des Indonesian Genocid zu, „dass damals schwere Menschenrechtsverletzungen begangen wurden.“ Zunächst ohne Entschuldigung, um eine Strafverfolgung der Täter weiterhin zu blockieren, vielleicht auch aus außenpolitischen Gründen. Was wissen wir heute über den Genozid von 1966? 1965 stürzte eine von der CIA gesteuerte Intrige den für die USA unbequemen Präsidenten Sukarno durch einen Militärputsch. Ablauf und Folgen werden von Vincent Bevins minutiös rekonstruiert. Bei dem Putsch, den man den Kommunisten in die Schuhe schob, wurden zunächst sechs führende Generäle ermordet –Bevins verweist auf einen ähnlichen Plot beim Putsch gegen Allende, dem in Chile 1970 der Mord am loyalen General Schneider vorausging (S. 260). In den folgenden Monaten der Jahre 1965/66 wurden durch die indonesische Armee und teils islamistische Paramilitärs brutale Massenmorde begangen, Millionen Menschen wurden in Lager gesperrt und grausam gequält. Möglich wurden die bestialischen Verbrechen auch durch eine perfide Propaganda-Kampagne zur Dämonisierung der PKI, der Millionen Mitglieder zählende Kommunistische Partei Indonesiens und besonders ihrer Frauenorganisation Gerwani. Das Militär kolportierte, die PKI seit die Drahtzieherin eines gescheiterten kommunistischen Putsches gewesen.
Bevins schreibt, Suharto und seine Putschisten hätten die Behauptung kolportiert, die KP hätte die Generäle auf einen Luftwaffenstützpunkt gebracht und ein dämonisches Ritual zelebriert, bei dem Mitglieder der Frauenbewegung Gerwani nackt getanzt hätten (die Mobilisierung sexueller Fantasien und Ängste ist in der psychologischen Kriegsführung und Propaganda ein wirkungsvolles Mittel), „…während andere Frauen die Generäle gefoltert und verstümmelt hätten: die Genitalien abgeschnitten, die Augen ausgestochen und sie anschließend ermordet. Sie behaupteten, die PKI verfüge über lange Listen von Personen, die sie zu töten gedenke und habe bereits Massengräber vorbereitet“ (S. 183)
In Wahrheit hatte die CIA den faschistischen Militärs lange Listen von PKI-Mitgliedern geliefert, um den Genozid vorzubereiten. Etwa ein Viertel der indonesischen Bevölkerung war über Gewerkschaften, Kultur-, Jugend- oder Frauenorganisationen der überaus erfolgreichen PKI verbunden, somit wurden über zwanzig Millionen wehrlose Zivilisten potenzielles Ziel der unbeschreiblich bestialischen Pogrome. Genaue Zahlen sind unbekannt, da historische Forschung und politische Aufarbeitung der Verbrechen verboten waren. Militärs brüsteten sich später, drei Millionen Kommunisten ermordet zu haben, mindestens eine Million Menschen wurden in Lager gepfercht. Bevins beschreibt bei der Schilderung anderer US-Geheimkriege ähnliche Propaganda-Operationen, etwa 1954 bei der Errichtung eines neokolonialen Regimes auf den Philippinen. Er dokumentiert auch die Ähnlichkeit des Putsch-Drehbuchs mit dem ebenfalls CIA-intendierten Militärputsch in Brasilien 1964 und dokumentiert die Anwendung der Jakarta-Methode für viele weitere Geheimkriege der CIA in Asien, Lateinamerika und Afrika. Die physische Vernichtung von politisch engagierten Menschen, die zu „Kommunisten“ erklärt wurden, war Bevins zufolge maßgebliche Strategie des Westens und prägt bis heute unsere Welt. Verschweigen und Vertuschen gegenüber den westlichen Öffentlichkeiten gehörte immer zu den zentralen Elementen dieser mörderischen Praxis. Westliche Medien standen treu auch an der Seite des neuen Diktators von Jakarta, etwa durch einen Artikel von C.L.Sulzberger aus der New York Times vom 13.4.1966, Titel „When a Nation Runs Amok“ (S. 211).
Jakarta-Methode und Gladio
Vincent Bevins zeigt die Anwendung der Jakarta-Methode in mindestens 23 Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, schildert von der CIA inszenierte Militärputsche vor allem in Brasilien, Chile und Guatemala, die Hunderttausende Tote forderten. Dabei ist seine Dokumentation möglicherweise lückenhaft, denn auf seiner Weltkarte, die „vorsätzliche Massenmorde zur Beseitigung von Linken oder mutmaßlichen Linken“ zeigt, bleibt der europäische Kontinent weiß. Bevins übersieht, wie das im Andreotti-Skandal 1990 aufgeflogene geheime Gladio-Netzwerk („Stay behind“) ganz ähnlich in Westeuropa operierte (vgl. Regine Igel 2006). Bevins öffnet uns mit seinem Buch eine aufrüttelnde Perspektive auf die neuere Geschichte, die u.a. auch beschämende Wissenslücken bzw. empörende Auslassungen unserer Geschichtsbücher und des Geschichtsunterrichts unseres Bildungswesens dokumentiert. Ob es rassistisch-kolonialistische Arroganz ist, die nichtweißen Menschen, ihrem Leben und ihren Leiden im fernen Indonesien, Afrika, Lateinamerika weniger Wert zubilligt? Oder sind es ideologische Scheuklappen, die uns allzu willig der vermutlich auch von Regierungsbehörden gelenkten Propagandaversion der meisten westlichen Medien folgen lassen? Scheuklappen, die bestialische Untaten gerne und oft zu Recht anderen Ländern und Regimen ankreiden und vorhalten, aber sie bei unseren eigenen Regierungen, Behörden und Unternehmen nicht sehen wollen. In der internationalen Debatte zum Ukrainekrieg ist dem Westen seine Doppelmoral (Kai Ambos) auf die Füße gefallen (siehe Rezension dazu). Die grauenhaften Massenmorde der „Jakarta-Methode“ blieben im Westen weitgehend unbekannt -bis heute. Eine kleine Subkultur antikolonialer Kritiker blieb unbeachtet, unsere Leitmedien beließen es maximal bei abwiegelnden Feigenblatt-Artikeln auf hinteren Seiten. Selbst nach der aktuellen Enthüllung westdeutscher Mitschuld am Indonesian Genocide blieb ein Aufschrei der Empörung ebenso aus wie strafrechtliche Ermittlungen. Die Leitmedien taten die BND-Affäre, soweit sie überhaupt erwähnt wurde, als längst verjährte Geheimdienst-Posse ab. Doch Mord verjährt nicht und Völkermord schon gar nicht. Bevins Buch ist allein vorzuwerfen, dass er offenbar noch keine Zeit gefunden hat, ähnlich mörderische Operationen westlicher Geheimdienste in Europa zu recherchieren, die man unter den Stichworten „Gladio-Skandal“ und „Strategie der Spannung“ finden dürfte.
Fazit
Das mitreißend geschriebene Buch schließt eine gravierende Wissenslücke, ergreift dabei Partei für Menschenrechte und Aufklärung. Bevins zeigt auf, wie die mörderische Ideologie des Antikommunismus in Geheimkriegen, Staatsterror und Völkermorden ganze Kontinente verheerte und Gesellschaften der sogenannten Dritten Welt in Elend und Unfreiheit stürzte und gefangen hielt. Es ist nicht nur an Ostasien Interessierten zu empfehlen, sondern jedem, der die heutige Welt verstehen will und sollte hierzulande zum Lehrplan allgemeinbildender Schulen gehören -in Geografie, Geschichte und Politik.
Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode. Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt. PapyRossa Verlag (Köln) 2023. 427 Seiten. ISBN 978-3-89438-788-4. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Vincent Bevinsschreibt für Leitmedien wie die New York Times, die Washington Post, den Guardian und war Korrespondent in Südostasien und Brasilien. Er interviewte den späteren Präsidenten Bolsonaro für die Los Angeles Times, als den „verlässlich rechtsaußen stehenden Abgeordneten“ noch niemand kannte. Bevins spricht zahlreiche Sprachen und lebte jahrelang in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens.
Quellen
Barth, Thomas: Blinde Flecken in der documenta-Debatte, 21.9.2022, Südostasien-Net
Thomas Barth: Die Jakarta-Methode: Massenmorde unter falscher Flagge, Telepolis, 11. März 2023
Joan Kristin Bleicher: Grundwissen Internet.Perspektiven der Medien- und Kommunikationswissenschaft, München 2022
Rezensiert von Thomas Barth
Für jüngere Generationen hat es das Fernsehen als dominierendes Leitmedium längst abgelöst: Das Internet ist als digitale Parallelwelt aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Bleicher legt den Fokus auf medienhistorische und ästhetische Aspekte der Angebotsstrukturen des Internets und macht damit plastisch, wie das Netz seine Sogwirkung auf die Nutzer stetig erhöhte. Sie scheut dabei auch vor politisch heiklen Aspekten wie der staatlichen Unterdrückung der Whistleblower-Plattform Wikileaks und der juristischen Verfolgung ihres Gründers Julian Assange nicht zurück, bleibt gerade dort aber lückenhaft.
Prof. Dr. Joan Kristin Bleicher lehrt am Institut für Medien und Kommunikation der Universität Hamburg. 2009 veröffentlichte sie mit „Poetik des Internets: Geschichte, Angebote und Ästhetik“ eine der ersten geisteswissenschaftlichen Gesamtdarstellungen der Netzmedien, 2010 folgte die Kurzfassung „Internet“, die ihre „Poetik“ straffte und systematisierte. Mit dem vorliegenden Band folgt eine stark erweiterte und aktualisierte Fassung. Ein Vorwort, zwölf Kapitel mit je eigenen Literaturlisten und ein Fazit geben eine umfassende Übersicht. Die Orientierung erleichtern ein Register sowie eine vorangestellte „Zeittafel zu Meilensteinen der Entwicklung des Internets“: Von Vannevar Bush’s Memex-Modell 1945, dem ArpaNet 1969 und TCP/IP 1978, über den Start des WWW 1991 und das Vorgehen von Behörden gegen Wikileaks 2010 bis zur Google-KI AlphaGo und TikTok 2016 sowie der Umstellung der Newsfeeds von Facebook auf die Bevorzugung von Beiträgen der Nutzer 2018. Kapitel 1 „Was Sie vorher wissen sollten“ verweist kurz auf die rasante Dynamik der Internetentwicklung, die viele Details schnell überholen und stetig weitere Forschung erfordern wird, sowie auf die brisanten politischen Dimensionen und wachsende Kritik an netzbezogenen Entwicklungen, die sich etwa bei Shoshana Zuboff und ihrer Streitschrift gegen den „Überwachungskapitalismus“ (2018) zeigen.
Kapitel 2 „Einführung in Theorien, Forschungsschwerpunkte und Methoden“ widmet Zuboff gleich den (nach dem basalen Technikbegriff) zweiten der didaktisch knappen „Gut zu wissen“-Kästen, die im Buch Wichtiges einprägsam markieren (S.21). Nach Prosumer-Kultur, Medialität und Privatheit zeigt das Kapitel Bezüge der Netzkultur zum Posthumanismus und betont Donna Haraways„Cyborg Manifesto“, das 1985 die Hybridisierung von Mensch und Maschinenwelten vorwegnahm (S.26). Über Baudrillards „Simulakrum“ (Blendwerk) -Kritik bis zu Politik-, Wirkungs- und Nutzungstheorien führt Bleicher in ihre Darstellung ein.
Kapitel 3 „Internet: Infrastruktur, Lebenswelt und Medium“ zeigt das Internet als Lebenswelt und Kulturraum, als Medium mit neuen Sozialen Medien, warnt vor dem Wegfall der bisherigen „Gatekeeper“-Funktion der Leitmedien, die der Verbreitung von Fake News den Boden bereite (S.44). Kapitel 4 „Technische, ökonomische und kulturelle Rahmenbedingungen“ beginnt bei den Netzwerkstrukturen des Internets vom Darknet über Onlinemonopole etwa von Alphabet (Google), Meta (Facebook) und Amazon (S.53). Unter Verweis auf Zuboff kritisiert Bleicher deren Geschäftsmodell des Datenhandels bis hin zum Verkauf von Facebook-Daten an die Skandalfirma Cambridge Analytica (S.58). Sie verweist auf Regulierungsbestrebungen sowie die „Amateur:innenkultur als Gegenbewegung zur Ökonomisierung“ (S.61).
Im Kapitel 5 „Historische Entwicklung des Internets“ finden wir eine (zumindest in der deutschen Medienwissenschaft) selten kritische Darstellung der Sozialen Medien, in der die öffentlich nahezu tabuisierte Whistleblower-Plattform Wikileaks gewürdigt wird:
„2006 erfolgte die Gründung der Enthüllungsplattform Wikileaks mit dem Ziel der Veröffentlichung von Dokumenten, die der staatlichen Geheimhaltung unterliegen. Diese Dokumente und Videos verdeutlichten den Machtmissbrauch und die Verletzung von Menschenrechten. Aufgrund von Regulierungen ist seit 2010 ein Datentransfer zu Wikileaks nicht mehr möglich. Der Mitbegründer Julian Assange wurde juristisch verfolgt und flüchtete in eine Botschaft, in der er 2019 festgenommen wurde und noch Anfang 2022 in der Abschiebehaft auf seine Auslieferung wartete.“ (S.79) (Hier ist die Autorin offenbar leitmedialer Falschdarstellung aufgesessen: Wikileaks war auch nach den US-Angriffen 2010, die es kurzfristig lahmlegten, weiterhin aktiv. Zahlreiche weitere Enthüllungen wurden jedoch medial totgeschwiegen, unten mehr dazu).
Kapitel 6 zeigt „Ästhetik und Design des Internets“ Einflüsse von Medienkunst, Netzkunst und digitaler Bildästhetik, Webdesign, Seitenstruktur bis hin zu eingebundener Bewegtbildästhetik und Sound. Über Meme und Selfieästhetik, Mashup, Podcast und Online-Werbung zeigt Bleicher traditionelle Medieneinflüsse sowie neue Qualitäten der Netzmedien auf.
Ordnungsmodelle des Internets
Kapitel 7 „Ordnungsmodelle des Internets“ versucht das Kaleidoskop der Netzkultur zu systematisieren, wobei die technische Basis, Unternehmensstrukturen, Sortierungsprinzipien der Inhalte (Flow, Stream, Raster, Raum) sowie Navigations- und Distributionsmodelle dafür Ansatzpunkte liefern. Beginnend mit dem „Dispositiv Internet“, mit dem Knut Hickethier 1995 an Michel Foucaults Diskurstheorie anknüpfend die Angebotsstrukturen analysierte (S.110), über Hypertext und Hypermedia, die Distributionsmodelle der Plattformen bis zu den bedeutsamen Raummodellen.
Diese begannen mit dem Begriff des „Cyberspace“ aus William Gibsons SF-Roman „Neuromancer (1984), der eine „virtuelle Gegenwelt“ bezeichnete (S.119), die sich in von Avataren bevölkerten Online-Welten wie Second Life und den Kultur- und Spielräumen Sozialer Medien manifestiert.
Navigations- und Orientierungsangebote liefern Suchmaschinen, Spider, Crawler und Robots (Programme, die im Netz Inhalte, Quellen und Links erkennen und indizieren, S.126).
Die Kapitel 8-11 zeigen Angebotsschwerpunkte des Internet wie Information, Dokumentation, Wissen, Unterhaltung (Musikvideos, Comedy, Spiele, Sport, Pornografie), Kultur („Grenzgänge zwischen Fakten, Fiktion, Literatur, Theater, Kunst“) sowie den Angebotsschwerpunkt Werbung, PR, politische Kommunikation, Influencer:innen-Marketing. Dort warnt ein „Gut zu wissen“-Kasten vor Cookies und ihrem uns ausspionierenden Profiling: „Sie durchsuchen Festplatten der Nutzer:innen nach relevanten Daten über Interessen und Konsumverhalten. Auch Posts in sozialen Medien liefern Verhaltensdaten, die an werbetreibende Unternehmen verkauft werden (vgl. Zuboff).“ (S.175)
Kapitel 12 erörtert abschließend die „Nutzungs- und Wirkungspotenziale des Internets“ ausgehend von neuen Potentialen zur Nutzerpartizipation durch individuelle Medienproduktion im Internet. Die virtuelle Identitätskonstruktion im Netz erlaubt veränderliche Selbstkonzepte und als „posthumane Akteur:innen agieren und kommunizieren Bots, Trolle und Influencer:innen-Avatare“ (S.188). Ist das Internet der Öffentlichkeitsraum der digitalen Gesellschaft? Wenn ja, dann kein ungefährlicher: „Gezielte Desinformation etwa in Form von Fake News oder Verschwörungsmythen gilt als Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratie… Propagandistische, antidemokratische Bewegungen versuchen in sozialen Medien und Messengerdiensten wie Telegram durch gezielte Fake News (wie etwa kriminelle Aktivitäten von Flüchtlingen) die Demokratiefeindlichkeit der Bevölkerung zu fördern.“ (S.189) Auf der anderen Seite gibt es Ansätze zu E-Democracy und die „Weisheit der Masse“, die sich etwa bei Wikipedia entfaltet und im Sinne einer Informationsgesellschaft „den fast unbegrenzten Zugang ihrer Mitglieder zu Informations- und Wissensbeständen aller Art“ verspricht (S.194). Unter „Probleme der Globalisierung“ zeigt Bleicher die digitale Spaltung, die sozial benachteiligte Menschen, Länder und ganze Kontinente aus der Wissenskultur ausgrenzt; bezüglich der „Konflikt- und Problempotenziale des Internets“ warnt sie vor Wirklichkeitsverlust, Suchtverhalten, Manipulation, Urheberrechtsverletzungen, Datenhandel, Hass- und Onlinekriminalität. Sie beschreibt die politischen Probleme der Regulierung und verweist auf die Macht der digitalen Großunternehmen, Google lehne eine Regulierung etwa ab, neoliberale Politik habe deren Machtzuwachs gefördert: „Deregulierungen ermöglichten u.a. in Großbritannien und den USA die Ausweitung des digitalen Kapitalismus bei gleichzeitig wachsender sozialer Ungleichheit. Ideologien wie der Neoliberalismus erklären diese Ungleichheit durch individuelle anstelle von gesellschaftlicher Verantwortung.“ (S.199) Ökonomismus und eingeschränkte Regulierung zeitige nicht zuletzt auch Onlinekriminalität, was große Herausforderungen an die Medienethik bringe. Denn das Internet erweise sich als Katalysator gesellschaftlicher und kultureller Dynamik in der immer mehr dominierenden Digitalisierung unseres Lebens (S.205).
Diskussion
Joan Kristin Bleicher scheut wie schon in ihrer „Poetik des Internets“ nicht die Hybris, ein in rasanter Entwicklung prosperierendes Medienfeld in seiner Gesamtheit zu analysieren und übergeht auch kritische Themen nicht völlig. Eine breite Quellenrezeption geht zuweilen mit mangelnder Rezeptionstiefe einher, so scheint Bleichers Darstellung von Felix Stalders Theorie einer Kultur der Digitalität unzulässig verkürzend: Stalders Theorie sehe diese Kultur „auf Grundlage einer einheitlichen digitalen Speicherung“ (S.23). Stalder verwahrte sich jedoch in seinem Buch gerade gegen eine Fixierung der Perspektive auf die (digitalen) Technologien und Medien (siehe Rezension von T.Barth). Stalders Prinzip der Referenzialität, ein Kern der Kultur der Digitalität, mit Mashup und Remix als ästhetische Prinzipien, scheint Bleicher so sehr überzeugt zu haben, dass sie es gleich mit zwei „Gut zu wissen“-Textboxen zu „Mashup-Ästhetik“ würdigt (S.94, 104), aber ohne Referenz auf Stalder. Bleicher selbst zeigt Mashup virtuos auf Textebene durch Remix von Textschnipseln aus ihren beiden vorgängigen Internet-Monografien im vorliegenden Band. Der Hinweis etwa auf Donna Haraway „Die Neuerfindung der Natur“ fand sich in der „Poetik des Internets“ (Bleicher 2009) auf S.174 im Kapitel „Wirkungspotentiale“ unter Wissensgesellschaft; in „Internet“ (Bleicher 2010) taucht Haraway bereits im Eingangskapitel „Rahmenbedingungen und Funktionsweisen“ auf (S.10); in „Grundwissen Internet“ 2022 bringt es Haraway sogar auf eine „Gut zu wissen“-Box zu ihrem Cyborg-Manifesto im Kapitel „Theorien, Forschungsschwerpunkte und Methoden“ unter Posthumanismus (S.26) sowie auf eine Erwähnung im Kapitel „Infrastruktur, Lebenswelt und Medium“ unter Medientheorie (S.47). Besser lässt sich die von ihr beschriebene Mashup-Kombination von „Material zu neuen Bedeutungseinheiten“ (S.104) kaum demonstrieren.
Leider bleibt politisch Brisantes an wichtigen Punkten eher weichgezeichnet (vor allem verglichen mit Stalder), das Stichwort „Datenschutz“ fehlt im Register ebenso wie „Privatheit“ und „Propaganda“. Bleichers Darstellung von Wikileaks erweckt sogar den falschen Eindruck, die Plattform wäre 2010 „aufgrund von Regulierungen“ stillgelegt worden (S.79). Damals gab es Angriffe durch Geheimdienste auf Wikileaks, die aber nur zu zeitweise eingeschränkter Aktivität führten (vgl. Rueger 2011). In den Leitmedien wurden allerdings den medial gehypten Irak- und Afghanistan-Leaks folgende Enthüllungen verschwiegen. Auch die mediale Denunzierung von Assange lässt Bleicher aus, obgleich sie nach der Untersuchung von Nils Melzer (2021) als konstruierte Hetzkampagne gelten können: Der diffamierende „Vergewaltigungsverdacht“ gegen Assange erwies sich dem UNO-Experten Melzer nach als Justizintrige. Unscharf blieb auch der Cambrigde Analytica-Skandal: Bleicher erwähnt nicht, dass Donald Trump den Internet-Manipulationen zumindest teilweise seinen Wahlsieg 2016 verdanken dürfte. Auch Bleichers Verweise auf Zuboffs Überwachungskapitalismus sind ausbaufähig, dort liegt das Potential einer völlig neuen Palette von Ordnungsmodellen des Internets, die auf diverse und stetig wachsende Kontrollmöglichkeiten reflektieren.
Fazit
Das systematisch und didaktisch durchdachte Buch stellt zentrale Aspekte der Medialität des Internets umfassend dar. Im Fokus stehen Rahmenbedingungen, historische Entwicklung und Angebotsschwerpunkte, beleuchtet werden theoretische Fragen, Ästhetik, Nutzungs- und Wirkungspotenziale des Internets sowie Regulierungsansätze. Mit seinem einführenden Charakter richtet sich das Buch primär an Studierende der Kultur-, Medien- und Kommunikationswissenschaften, aber auch an Interessierte anderer Fachrichtungen.
Joan Kristin Bleicher: Grundwissen Internet. Perspektiven der Medien- und Kommunikationswissenschaft, utb, UVK Verlag, München 2022, 230 S., 26,90 Euro. ISBN: 9783825259099
Nils Melzer: Der Fall Assange. Geschichte einer Verfolgung, München 2021.
Gerd Rueger: Julian Assange -Die Zerstörung von Wikileaks, Hamburg 2011.
Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwchungskapitalismus, Frankfurt/NY 2018.
Katharina Hoppe: Donna Haraway zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2022
Buchkritik von Thomas Barth
Die Ansätze der feministischen Wissens- und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway finden seit den 1980er-Jahren wachsende Resonanz. Ihr Essay „A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century“ gilt als eines der einflussreichsten Werke der feministischen Theorie und prägte auch Debatten rund um Mensch und Technik. Zentrale Thesen ihres Werks sind aus kultur- und sozialwissenschaftlichen Debatten kaum mehr wegzudenken, ebenso von ihr geschaffene Begriffe und erhobene Forderungen: Haraways Kritik am patriarchalen Biologismus (nicht nur) in der Primatenforschung, ihre Epistemologie Situierten Wissens, ihre technofeministische Figur der Cyborg (1985) oder ihr jüngster Aufruf, sich mit unterschiedlichen Spezies verwandt zu machen, der als Gegenmodell zur Bewegung des Transhumanismus gelesen werden kann. Haraways Texte werden von Feminist*innen, Anthropolog*innen, in der Umweltbewegung und in künstlerischen Kontexten rezipiert. Das vorliegende Taschenbuch bietet eine systematische Einführung in Haraways Werk und zeigt theoretische Perspektiven und Grenzen auf.
Donna Haraway sei heute eine schillernde Referenz in der Theorienlandschaft, so einleitend Katharina Hoppe. Der Kern von Haraways Projekt liege darin, eine Theorie auszuarbeiten, die nicht-menschliches Anderes systematisch miteinbezieht und ihm einen politischen, epistemologischen und ethischen Stellenwert einräumt. Vor dem Hintergrund der heute immer dramatischeren Umweltprobleme, von der Klima-Katastrophe über Arten- und Waldsterben bis zur Versauerung der Ozeane, gewinne Haraway eine besondere Relevanz. Ihre Anti-Dogmatik, die Fülle der aus dieser Haltung resultierenden Zugänge zur Gegenwart und ihre originellen Begriffsvorschläge hätten sie zu einer der meistzitierten feministischen Theoretiker*innen gemacht. Allerdings gestalte sich die Rezeption ihres Werks nach wie vor selektiv, einzelne Texte wie das Cyborg-Manifest und Situiertes Wissen würden immer wieder zitiert, aber selten vertiefend ins Verhältnis mit dem Gesamtwerk gesetzt.
Bereits seit den 1980er Jahren hinterfrage Haraway anthropozentrische Denkformen, theoretisiere die Eigensinnigkeit von Natur und denke darüber nach, was es überhaupt heißt und heißen könnte, »Mensch« zu sein. Dabei rücke Haraway sozio-materielle und biologische, natürliche und kulturelle Prozesse ins Zentrum der Betrachtungen und zeige auf, dass diese sich nicht voneinander trennen lassen. Unsere Existenz sei aus post-anthropozentrischer Sicht als „biosozial“ zu begreifen und i.d.S. durchdrungen von heterogenen Anderen. Haraways Ansatz erfordere eine Öffnung der Kultur- und Sozialwissenschaften, die unhinterfragte Prämissen in Forschung und Theoriebildung produktiv irritieren könne.
Disziplinäre Grenzen wären für Haraway Konstruktionen, die unterlaufen werden können und sollten, so Hoppe. Dies spiegle sich in Haraways Biografie, die Ende der 1960er Jahre zunächst Zoologie, Philosophie und englische Literatur studierte, bevor sie in Yale zu „metaphorischen Verschiebungen in den Konzepten der Embryologie im 20. Jahrhundert“ promovierte. 1980 übernahm Haraway eine Professur an der University of California Santa Cruz im interdisziplinären Programm „History of Consciousness“, ausgewiesen für Feministische Theorie – als erste Professur mit diesem Schwerpunkt in den USA. Denken und Schreiben seien für Haraway Praktiken mit jeweils spezifischen, situierten Konsequenzen. Daher sei Wissenschaft für sie eine politische und ethische Angelegenheit, die Fragen aufwerfe: „Wie können wir die Effekte der eigenen Wissensproduktion verstehen und mit ihnen leben? Wie können wir neugierig bleiben? Wie gelingt es, Tod, Sterblichkeit und Destruktion nicht zu negieren und dennoch nicht zynisch zu werden?“ (S. 11)
Primaten, Cyborgs, Hunde, Kritter
In vier Kapiteln folgt Hoppe chronologisch jeweils einer wichtigen Figuration in Haraways Werkgeschichte, Primaten, Cyborgs, Hunde (als Companion Species) und Kritter.
Primaten – Erfindet die Natur neu!
Cyborgs – Cyborgs fürs weltliche Überleben!
Hunde – Der Hund ist mein Ko-Pilot
Kritter – Macht euch verwandt, nicht Babys!
Das erste Kapitel befasst sich mit Haraways wissenschaftstheoretischen und -historischen Thesen: Im Zentrum stehen ihre Arbeiten zur Primatologie mit der Kernfiguration des Primaten. Der Imperativ „Erfindet die Natur neu!“ verweise auf ihr werkübergreifendes Ziel, Natur in ihren historisch spezifischen Artikulationen zu analysieren. Natur sei dabei als aktiv an der Wissensproduktion und Konfiguration der Welt beteiligt zu verstehen. Neben ihrer Studie „Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science“ (1989) gehöre in diesen Zusammenhang auch ihr viel zitierter Text „Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive“ (1988), der einen feministischen Objektivitätsbegriff entwickelt. Ihre Subjekt- und Identitätskritik beziehe Haraway dabei auf Foucault und hinterfrage den vermeintlich „göttlichen“ Blick „von nirgendwo auf die Welt“ des sich für objektiv haltenden Wissenschaftlers (S. 38).
Das dritte Kapitel rückt Haraways Arbeiten seit der Jahrtausendwende in den Fokus, wo sie sich zunächst den Beziehungen zwischen Menschen und Hunden bzw. der „Figuration Hund“ zuwendet. Aus der Analyse der Ko-Konstitution und Ko-Evolution von Menschen und Hunden gewinnt Haraway ihr Konzept der Gefährt*innenspezies (Companion Species). Es entwickelt die relational-ontologische Sichtweise, dass Entitäten welcher Art auch immer erst aus Beziehungen hervorgehen. Ihr Slogan „Der Hund ist mein Ko-Pilot“ verweist dabei auf eine enge Kopplung ihrer These gemeinsamen Werdens unterschiedlicher Spezies und einer Ethik, die diese Verwiesenheit aufeinander betont – im Anschluss an die Ethiken des Anderen von Emmanuel Levinas und Jacques Derrida sowie feministische Care-Ethiken.
Das vierte Kapitel greift u.a. Haraways Werk „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ (2016) mit ihrer Figuration der „Kritter“ auf, womit menschliche und mehr-als-menschliche Akteure gemeint sind. In diesen entwirft sie mit dem „Chthuluzän“ u.a. ein Gegen-Narrativ zum apokalyptischen Narrativ des „Anthropozäns“. In Form von fantastischen Erzählungen sollen speziesübergreifende Handlungsspielräume und Transformationen aufgezeigt werden. Der umstrittene Slogan „Macht euch verwandt, nicht Babys!“ verweise auf die Notwendigkeit, die speziesübergreifende Verwandtschaft, die menschliches Leben ausmacht, auch zu gestalten. Diese Strategien führe Haraway als Intervention gegen das ihr zufolge problematische Wachstum der Weltbevölkerung an, was Katharina Hoppes besondere Kritik weckt: Hinter Gesten Haraways verberge sich normativ nicht ausgewiesene Verallgemeinerung, nötig wäre dagegen: „Eine kritische Verortungsleistung, dass nicht die Zahl der Menschen >an sich< das Problem ist, sondern wie >wir< leben…“ (S. 190). Auch der normative Gehalt ihrer Thesen zur relationalen Bestimmtheit des Menschen sei „nicht immer deutlich bzw. wird er in der Rezeption… verkürzt“ (S. 191).
Diskussion
Katharina Hoppe macht deutlich, wie Haraways Kritik auf Positionen des Transhumanismus zielt, der etwa bei Nick Bostrom mit „übersteigertem Technikoptimismus“ eine Überwindung „der menschlichen Bindung an die Erde“ anstrebe (S. 127). Deren Optimierung der humanen zur transhumanen Existenz durch göttliche Macht, Unsterblichkeit und Eroberung des Universums stehe bei Haraway die Anerkennung menschlicher Verwundbarkeit und Abhängigkeit von irdischem Leben gegenüber. Hoppe verdeutlicht durch ihre Strukturierung von Haraways Werk mittels wichtiger Figurationen, dass Faktisches und Fiktives, Materielles und Diskursives bei ihr in einem konstitutiven Zusammenhang stehen. Die Figurationen können als empirische Gegenstände, als „performative Bilder“ verstanden werden, als „kondensierte Landkarten für umstrittene Welten“. Dies ist die Gegenposition zu einem naiven Realismus bzw. Biologismus, der Welt und Natur einfach als uns äußerlich voraussetzt und sie, insbesondere im Fall der Transhumanisten, diskursiv und technologisch zu unterwerfen trachtet. Figurationen sind auf dieser Ebene Verdichtungen materieller und diskursiver Praktiken, die Beziehungen konstituieren. Der Begriff der Figuration formuliert das Konstituieren, ohne dabei einen radikalen Sozialkonstruktivismus zu vertreten, der dem Sozialen oder der Sprache eine produzierende Übermacht zuschreiben würde.
Fazit: Das größtenteils gut lesbare Einführungsbuch wird dem hohen Anspruch der Junius-Reihe insofern gerecht, als es gesellschaftliche und politische Bezüge mit einer kritischen Werkschau verbindet. Hoppe überzeugt durch ihre Strukturierung von Haraways Werk entlang bedeutsamer Figuren und Figurationen. Sie zeigt, wie in Haraways Figuren Fakt und Fiktion, Materialität und Diskurs in einer Weise zusammenfließen, die marxistische, postmoderne und feministische Ansätze in kritischer wie utopischer Absicht vereinen kann und verschiedenste Geisteswissenschaften befruchtet.
Katharina Hoppe: Donna Haraway zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2022. 226 Seiten. ISBN 978-3-96060-333-7. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR
Katharina Hoppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Forschungsschwerpunkte: soziologische, politische und feministische Theorie sowie Wissenschaftsforschung und Soziologie sozialer Ungleichheit. Sie publizierte 2021 „Die Kraft der Revisionen. Epistemologie, Politik und Ethik bei Donna Haraway“ und wurde von der renommierten, 1978 als sozialistische Initiative gestarteten Junius-Einführungsreihe eingeladen, die dort kritisch begleiteten Kulturwissenschaften um eine wichtige feministische Perspektive zu erweitern. Die Niederschrift wurde vom Hamburger DFG-Kolleg „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ gefördert.
Anna Puzio: Über-Menschen. Philosophische Auseinandersetzung mit der Anthropologie des Transhumanismus. transcript-Verlag, Bielefeld 2022.
Rezension von Thomas Barth
Der Transhumanismus tritt zunehmend als technophile Weltanschauung und politische Bewegung in Erscheinung -auch durch Donald Trump und seine Entourage aus Tech-Milliardären wie Elon Musk. Die Philosophin und katholische Theologin Anna Puzio legt -finanziert durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung- aus Sicht der philosophischen Anthropologie eine Kritik des Transhumanismus (TH) vor und fragt: Wie verändern sich Mensch und Körper durch Technik und welches Menschenverständnis resultiert daraus für den TH? Als transhumanistische Ziele nennt sie Perfektionierung, Kontrolle und Macht und ein Menschenbild, das zentral auf Information basiert. Dieses reduktionistische Menschenbild lasse den TH in die Nähe der Eugenik geraten und enthülle im TH prototalitäre Aspekte einer Ideologie, die sie mit dem Nationalsozialismus vergleicht. In scharfer Abgrenzung zum TH, aber in überraschend affirmativer Haltung zur technologischen Selbstoptimierung, entwickelt Puzio ihre Technikanthropologie mit Bezug auf den kritischen Posthumanismus undDonna Haraway.
Inhalt
Drei Teile umfassen zehn Kapitel. Der erste Teil „Transhumanismus“ beschreibt die transhumanistische Bewegung, Ausgangspunkt sind Schlüsseltexte (Transhumanist FAQ, Transhumanist Declaration), deren Entstehungskontext, Persönlichkeiten, Begriffe, Definitionen und Ziele des TH. Puzio folgt der Systematik von Janina Loh auch in der etwas verwirrenden Einteilung TH/tPH/kPH, wobei der TH im tPH (technischer Posthumanismus) radikalisiert wird, der kPH (kritischer Posthumanismus) jedoch eine völlig andere Bewegung darstellt: Im kPH wird geisteswissenschaftlich das heutige Menschenverständnis auf Basis postmoderner bzw. poststrukturalistischer Theorie reflektiert und weiterentwickelt. Abschließend erörtert Teil 1 das Verhältnis zur Religion: Im TH stechen zwar „religiöse Semantik und eine Fülle an religiösen Motiven“ hervor, etwa Unsterblichkeit, ewiges Leben, Heilsvorstellungen, die Beseitigung von Leid, die Möglichkeit eines entkörperlichten Daseins. Doch der Religion wird vom TH, der sich von ihr abgrenzen will, auch mangelnde Vernunft, Intoleranz und Unwissenschaftlichkeit vorgehalten (S. 54).
Der zweite Teil „Das Menschenverständnis des Transhumanismus“, der 230 der 360 Seiten umfasst, diskutiert v.a. auch das Körperverständnis des TH -vor dem Hintergrund der Porträts sechs führender Protagonist*innen des TH: Aubrey de Grey, James Hughes, David Pearce, Max More und Natasha Vita-More sowie Nick Bostrom, auf die im Buch immer wieder rekurriert wird. Puzio analysiert fünf Diskurse des TH: Vorstellungen der menschlichen Natur, der Mensch als Maschine, der Mensch als Gen-Code, der Mensch als Gehirn (Neuroscience) sowie das Verhältnis von Körper und Geist (Metaphysik). Überall findet sie „unterbestimmte Begriffe“, dem TH innere- sowie Widersprüche zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und beklagt auf Basis des „engen Konnexes von Anthropologie und Ethik“ ein reduktionistisches Menschenverständnis sowie die „fehlende menschenbejahende Grundhaltung des TH“ durch „eine radikale Abwertung und Diskriminierung des Menschen gegenüber der Maschine“ (S. 230).
Die Ziele des TH sieht Puzio im Streben nach Perfektionierung, Kontrolle und Macht, die sich hinter Visionen einer „Steigerung des gegenwärtigen menschlichen Daseins“ (S. 231) verbergen, sich religiöser Motivik bedienen, von „gottähnlichen Fähigkeiten und himmlischen Zuständen“ reden und „paradiesische Klänge“ anschlagen, „auch wenn sich ihre Vorstellungen von denen der Religion sehr unterscheiden“ (S. 232). Anstelle einer unsterblichen Seele im Himmel trete bei einigen TH-Richtungen der „Upload“ des Geistes als Programmcode in den Computer, was Puzio als Gipfel einer Körperabwertung sieht. Der TH seinerseits bringe jedoch Körperabwertung mit Christentum und Platonismus in Verbindung, von denen er sich abzugrenzen sucht: „Die transhumanistische Sicht auf den Körper wird als harmlos abgetan, wenn Hughes sie z.B. mit Praktiken der ‚Abtötung des Fleisches‘ vergleicht: der ‚Selbstgeißelung im Katholizismus‘, der Selbstkastration in frühen griechischen und christlichen Sekten…“ (S. 258). Andere TH-Bestrebungen zielen dagegen auf die fleischliche Perfektionierung sexueller Lust zu ungekannter Ekstase transhumaner „superpersonen“: So „werde eine ’superperson‘ neue Geschlechtsorgane und mehr sexuelle Möglichkeiten mit sich bringen. Eine weibliche ’superperson‘ werde beispielsweise über mehrere Körperöffnungen verfügen“ (S. 260). Hier sieht Puzio „Vorstellungen von Männern für Männer“ und eine Instrumentalisierung des Körpers (S. 261). Aber letztlich konkretisiere sich das Menschenverständnis des TH als Anthropologie der Information, der eine metaphysische Essenz zugesprochen werde: „Die Information konstituiert im TH das Wesen des Menschen. In gnostischer Motivik soll der reine Geist vom stofflichen Körper befreit werden, der aber im TH nicht mehr Pneuma ist, sondern ‚pure Form‘, substratunabhängige Information“ (S. 266).
Im Kapitel „Der Transhumanismus -eine Ideologie?“, folgt Puzio der Totalitarismus-Theorie Hannah Arendts und findet „protototalitäre Aspekte“ im TH: „Für den Nationalsozialismus bedeutet das beispielsweise, dass »nichts ›logischer‹ und konsequenter ist, als daß man […] parasitäre Rassen oder dekadente Völker eben auch wirklich zum Absterben bringt.« Der TH ist nicht in der Position, seine Visionen in Gesellschaft und Politik voll umzusetzen. Dennoch gilt auf diese Gefahr, auf die Arendt aufmerksam macht, auch hinsichtlich des TH wachsam zu bleiben. Denn denkt man die transhumanistischen Gedanken zu Ende und zieht daraus strikte Konsequenzen, dann gilt auch hier das Recht des Stärkeren, des ökonomisch Gewinnbringenden, des Produktiven oder der Maschine“ (S. 275f).
Der dritte und kürzeste Teil „Anthropologie 2.0“ sucht nach Möglichkeiten die Anthropologie weiterzuentwickeln und verwirft dafür die vernichtend kritisierten Ansätze von TH und des ihn steigernden tPH (technischer Posthumanismus). Anders zu bewerten ist der kPH, der kritische Posthumanismus, der auf postmoderne und poststrukturalistische Theorien zurückgeht. Puzio geht es darum, „dass vor dem Hintergrund der modernen Technologien weiterhin am Projekt der Anthropologie festgehalten werden kann, diese aber transformiert werden muss“ (S. 291). Dazu gelte es, auf die Schnittstellen von Mensch, Körper und Technik zu schauen, wo sich zeige, dass Technologie das gesellschaftlich bestimmte Körperverständnis ebenso ändern könne wie dies politisch-kulturelle Richtungen taten, etwa die Punk-Bewegung (S. 300). Sie erörtert Selbstoptimierungen wie kosmetische Operationen als „Technologien des Selbst“ (Foucault), die helfen können unser gegenwärtiges Körperverständnis auszuweiten (S. 352). Puzio führt kulturwissenschaftlich in den kPH ein: Über die Figurationen des Posthumanen, wie (Technik-)Monster, Superroboter, Hybride in der Science-Fiction. Mit der Techno-Feministin Donna Haraway und ihrem berühmten Cyborg-Manifesto sei der Frage nachzugehen, was Menschsein morgen bedeuten könne. Im letzten Absatz zitiert sie für den kritischen Umgang mit künftiger Biopolitik Haraway: „Als AnthropologInnen möglicher Formen des Selbst sind wir zugleich TechnikerInnen für den Entwurf von Wirklichkeiten, die eine Zukunft haben“ (S. 356).
Diskussion
Die sehr materialreiche und engagierte Kritik am Transhumanismus und seinen teilweise überschießenden Visionen kontrastiert mit einer tendenziellen Kritiklosigkeit gegenüber heutiger Techniknutzung und Gesellschaft, so dass sich die Dissertation stellenweise fast wie ein Werbetext liest wenn Puzio schreibt: „Das neuste Model (Apple Watch 6) ermittelt sogar den Blutsauerstoffgehalt. Da sie den Schlafrhythmus erfasst und wasserfest ist, muss sie gar nicht mehr abgenommen werden. Mit der Apple Watch können Fitnessziele gesetzt und erreicht werden (…) Die Bewegungsaktivitäten lassen sich teilen, sodass man mit seinen Kontakten in einen Wettbewerb treten kann.“ (S. 306)
Fraglich scheint, ob es sich dabei, wie Puzio meint, wirklich um autonomieförderliche „Technologien des Selbst“ handelt oder eher um eine (andernorts von ihr kritisierte) Kommerzialisierung des Körpers -die hier zudem mit einer neoliberalen Ideologie des Wettbewerbs unterlegt ist. Puzio berichtet, wie vornehmlich junge Frauen heute eine Schönheits-OP unter Vorlage eines mit digitalen „Filtern“ aufgehübschten Selfies anstreben und wie auf Instagram Abmagerungswettbewerbe ein besonders knochiges Schlüsselbein belobigen. Doch auf die dort und in anderen „Social Media“-Plattformen epidemische Anorexie geht sie nicht ein.
Kritikwürdig scheint ihr offenbar auch nicht, dass im Rahmen künftigen digitalen „social engineering“ Probleme wie „Finanzcrash, Klimaschutz oder revolutionäre Bewegungen“ unter Kontrolle gebracht werden sollen (S. 312). Dass hier Ökologie, Finanzregulierung und politische Unterdrückung progressiver Bewegungen technokratisch auf eine Stufe gestellt werden, ist problematisch -und man erkennt unschwer die stramm antikommunistische Ideologie der CSU und ihrer -Puzio fördernder- Seidel-Stiftung. Die morbide Verbindung völkisch-reaktionärer Ideologie mit Technologiebegeisterung der CSU ist aus dem Faschismus nur allzu bekannt und gibt sich im alpinen Bundesland leutselig mit ihrer schlüpfrigen Parole vom „laptop in der Lederhose“.
Puzios Ideologie-Kritik am TH ist dementsprechend auf Arendts Totalitarismus-Theorie begrenzt, vergleicht den TH i.d.S. mit Stalinismus und vor allem der NS-Ideologie, dabei die alte rechtskonservative Gebetsmühle von einem angeblichen „politischen Kreis“ schwingend. Die heute nach Ansicht vieler Gesellschaftskritiker westliche Länder dominierende Ideologie ist aber der Neoliberalismus (vgl. z.B. Reimer 2023). Dieser formt maßgeblich Gesellschaft und Technologien eines Digitalen Kapitalismus, der tief in Alltag und Leben der Menschen hineinwirkt. Der Neoliberalismus (als dessen katholische Version sich die CSU in Bayern geriert) wird leider von Puzio nicht als einschlägige Ideologie erwähnt. Und dies, obwohl er starke Bezüge zu digitalen Technologien und Medien aufweist und mit dem TH u.a. Ziele der Optimierung, Kontrolle und Macht teilt. Diese Auslassungen schmälern jedoch kaum Puzios philosophische Kritik am TH oder ihren Ansatz einer dem kPH Donna Haraways folgenden neuen Anthropologie.
Fazit
Anna Puzio untersucht, wie sich Mensch und Körper durch Technik verändern und was daraus für den Transhumanismus folgt, dessen Ziele in Perfektionierung, Kontrolle und Macht liegen. Der TH zeige dabei ein reduktionistisches Menschenbild sowie prototalitäre Aspekte einer Ideologie. In deutlicher Abgrenzung zum TH, aber affirmativer Haltung zur technologischen Selbstoptimierung entwickelt Puzio ihre Technikanthropologie auch mit Ideen des kritischen Posthumanismus, besonders der Techno-Feministin Donna Haraway.
Anna Puzio: Über-Menschen. Philosophische Auseinandersetzung mit der Anthropologie des Transhumanismus. transcript transcript, Bielefeld 2022, 389 Seiten. ISBN 978-3-8376-6305-1. 45,00 EUR Reihe: Edition Moderne, Postmoderne.
Anna Puzio (Dr. phil.), geb. 1994, studierte katholische Theologie, Philosophie und Germanistik in Münster und München und promovierte mit der hier als Buch vorgelegten Promotionsschrift an der Hochschule für Philosophie München. Ihre Studie entstand im Rahmen eines interuniversitären Promotionskollegs mit der Katholischen Stiftungshochschule München und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, finanziert durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung. Puzio forscht zu TH, Technikanthropologie und Technikethik, sie publizierte u.a. zu Moraltheologie sowie zum Theologiestudium im digitalen Zeitalter.
August, Vincent: Technologisches Regieren. Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Foucault, Luhmann und die Kybernetik, 480 S., transcript, Bielefeld 2021. Der Kauf des Kurznachrichtendienstes Twitter durch den Multimilliardär Elon Musk versetzt nicht nur Branchenbeobachter in Aufruhr. Angesichts der Reichweite Twitters befürchten viele eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Denn Twitter hat Millionen Nutzer, dient der politischen Kommunikation sowie kommerziellen Zwecken. Ein Einschreiten der Politik scheint indes nicht vorstellbar, handelt es sich doch um eine übliche Börsentransaktion. Vincent Augusts 2018 zunächst als Dissertation vorgelegte Abhandlung ermöglicht eine Einordnung dieses Falls mit den Mitteln der Ideengeschichte. Dabei interessiert ihn die Frage, unter welchen Bedingungen das Netzwerk-Denken, das als Form technologischen Regierens vorgestellt wird, souveräne Politik abgelöst hat und welche demokratischen Implikationen dies hat (S. 12).
Sein Fazit: Die Vorstellung politischer Planbarkeit wurde durch Technokratiekritik und Kybernetik nachhaltig diskreditiert. Im Zeitalter des technologischen Regierens haben große Gesellschaftsentwürfe keinen Platz, da sie der gesellschaftlichen Komplexität nicht gerecht würden. Doch berge die Auflösung kollektiver Gewissheiten auch die Gefahr der gesellschaftlichen Regression, wenn das Identifikationsbedürfnis der Vielen nicht anders artikuliert wird als in der elitären Sprache der Selbststeuerung (S. 407). Ausgehend von einer mangelhaften Auseinandersetzung mit der Frage, „wie es kam und was es überhaupt bedeutet, wenn die politischen und politikwissenschaftlichen Akteure ihre westlichen Gesellschaften im Vokabular des Netzwerks beschreiben“ (S. 15) vollzieht der Autor seine Beweisführung anhand von Hermeneutik und Theorienvergleich auf der Basis von Sekundärliteratur.
Foucault und Luhmann: Musterbeispiele technologischen Denkens
Michel Foucault und Niklas Luhmann, die als Musterbeispiele technologischen Denkens vorstellt werden, erörtert August entlang ihrer Originalwerke. Zunächst arbeitet er das Souveränitätsdenken als Leitkategorie politischer Selbstbestimmung nach dem Zweiten Weltkrieg heraus. Diesem Modell ordnet der Autor anschließend zwei Gegenpole unter, die er als Varianten einer „Technologik“ (S. 106) skizziert. Die eine Seite, die unter dem Begriff der Technokratie gefasst wird, stellte wissenschaftlich-technische Vernunft in den Dienst der Politik. Sie kann als Hoffnung einer vernunftbasierten Politik nach der Barbarei des Nationalsozialismus verstanden werden und informierte ausgehend von militärstrategischen Erwägungen die Planungsdiskussionen der Nachkriegszeit. Ihr Erfolg ist gleichwohl auf das Vorhandensein neuer Rechenkapazitäten im Zuge der Durchsetzung der Computertechnologie zurückzuführen.
Diesem Modell, für das beispielhaft die Planungseuphorie der sozialliberalen Bundesregierung Willy Brandts ab 1969 in Westdeutschland angeführt werden kann, stellt August die Kybernetik gegenüber. Diese weist den Steuerungsanspruch der Politik zurück und stellt der Idee eines homogenen politischen Steuerungsobjekts die Vielgestaltigkeit der Welt und deren Interdependenz entgegen. War die Kybernetik zu Beginn nur eine – durchaus technisch informierte – Variante der Realitätsdeutung, gelang ihr Siegeszug, als sie mit der anhaltenden Wirtschaftskrise der 1970er Jahre eine breite gesellschaftliche Rezeption erfuhr. Dafür war zunächst jedoch eine Diskreditierung der keynesianischen Wirtschaftstheorie notwendig, für die wiederum Vertreter des Neoliberalismus die passenden Argumente an die Hand gaben. Nachdem August diese Rahmenbedingungen rekonstruiert hat, widmet er sich zwei maßgeblichen Sozialtheoretikern, die er als Beispiele des neuen technologischen Regierungsdenkens ausweisen will, welches ab Ende der 1970er Jahre – zumindest in den westlichen Industriegesellschaften – an Deutungshoheit gewann. Während Foucaults Mikroanalyse der Macht gesellschaftliche Herrschaftsbeziehungen auf die Individuen verlagerte, verwarf Luhmann angesichts steigender Systemkomplexität die Gemeinwohlorientierung der Politik als Funktionsfehler. Und obwohl weder Foucault noch Luhmann als Proponenten des Sozialabbaus verstanden werden konnten, leistete ihre Rezeption der Kybernetik dem Autor zufolge genau jener Debatte ungewollt Vorschub.
Diskussion und Fazit
August hat eine spannend zu lesende, geistreiche Studie vorgelegt, die durch die Synthese nebeneinanderliegender Diskursstränge besticht. Die zeitgeschichtliche Forschung wird damit um eine ideengeschichtliche Perspektive erweitert. An manchen Stellen neigt der Autor dazu, seinen Gegenstand zu reifizieren. So, wenn er „wegen der Diversität moderner Gesellschaft“ (S. 407) diese nicht mehr nur als kybernetische Metapher verstehen will, sondern als wünschenswerte Realität. Schließlich ist auch die an verschiedenen Stellen im Buch vorgenommene Entgegensetzung von Neoliberalismus und Netzwerk-Denken zu hinterfragen. Denn wenn das moderne Subjekt in kybernetischer Sicht als „vernetzter User von Informationen“ (S. 402) aufgefasst wird, entspricht dies genau Friedrich Hayeks Konzeption des Marktes als überragendem Informationsprozessor, worauf Philip Mirowski und Edward Nik-Khah hingewiesen haben. Möglicherweise legt erst der Plattform-Kapitalismus, für den Elon Musk stellvertretend steht, die Dystopie des technologischen Regierens frei. #
August, Vincent: Technologisches Regieren. Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Foucault, Luhmann und die Kybernetik, 480 S., transcript, Bielefeld 2021. 38,00 Euro (print), PDF im Volltext frei
Rezensent Alexander Leipold, Zentrum für Demokratieforschung, Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland, E-Mail: alexander.leipold@leuphana.de
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Auf Netzphilosophie wurden der besseren Lesbarkeit halber die Zwischenüberschriften „Foucault und Luhmann: Musterbeispiele technologischen Denkens“, „Diskussion und Fazit“ eingefügt; die Angaben zum Buch wurden um den Preis für das Buch (print) sowie den Link auf einen gratis verfügbaren PDF-Volltext ergänzt.
Das Netzwerk ist ein Grundbegriff des 21. Jahrhunderts geworden – und mit ihm die Diagnose, dass wir in einem neuen Zeitalter leben, in dem es auf Konnektivität, Flexibilität und Selbstorganisation ankommt. In einer groß angelegten Geschichte des Regierungsdenkens zeichnet Vincent August erstmals diese fundamentale Transformation nach. Er zeigt, dass unsere Welt keineswegs nur durch den Neoliberalismus geprägt wird – und dass die Netzwerk-Gesellschaft nicht einfach ein Resultat des Internets oder von Computern ist. Vielmehr griffen Berater:innen und Intellektuelle wie Foucault, Crozier oder Luhmann auf die Kybernetik zurück, um die Ideenwelt der Souveränität abzulösen und unser Regierungsdenken grundlegend zu verändern. Eine Analyse spätmoderner Gesellschaften kommt ohne eine Analyse dieses Netzwerk-Paradigmas nicht aus. (Verlagstext Transcript Verlag)