04/28/21

Summa technologiae: Der Internet-Kritiker Stanislaw Lem

Gerd Peter Tellurio

In den 2000er Jahren wurde Stanislaw Lem (1921-2006), Autor des weltberühmten Romans Solaris zum Kritiker des Internets und der Informationsgesellschaft – die von ihm vor allem in der Summa technologiae prognostiziert worden waren. Vor allem dort erörterte Lem das Verhältnis von Mensch und Computer sowie die Veränderung von Kultur und Gesellschaft vor dem Hintergrund einer Energie- und Informationskrise, der „Megabit-Bombe“ (vgl. Hennings 1983, S.82). Er vertritt eine biologistische Wahrheits- und Erkenntnislehre, die das Leben auf unserem Planeten als Zeugen beruft.

Erkenntnisse -das sind wahre Informationen. Die Evolution ist eine milliardenjährige Zucht solcher mit konstruktiven Absichten gesammelten und überprüften Informationen.“ (Summa, S.V)

Die Summa technologiae ist ein Buch von Lem, das 1964 erstmals veröffentlicht wurde, und es brachte Lem endlich auch Anerkennung als Wissenschaftler, wie Jarzebski berichtet (1986, S.26). Die Summa wurde 1976 von Friedrich Griese ins Deutsche übersetzt und die BRD-Ausgabe erschien 1976 im Insel-Verlag und 1981 als Taschenbuch bei Suhrkamp. Die DDR-Ausgabe erschien 1980 im Verlag Volk und Welt, Berlin. Erst im Jahr 2013 (!) erschien eine englische Ausgabe an der Universität von Minnesota -Grund für die Missachtung des großen polnischen Autors war vermutlich Lems Konflikt mit der Gilde der US-Autoren der SF (unten mehr dazu).

Der Titel des Werkes bezieht sich auf die großen „Summen“ der Theologie: Summa theologica von Thomas von Aquin bzw. Summa Theologiae von Albertus Magnus. „Technologie“ wird von Lem als die Gesamtheit der materiellen Grundlagen unserer Zivilisation und Kultur verstanden. Der Autor nähert sich seinem Thema auf philosophische Weise. Er will aufzeigen, was wir überhaupt von Wissenschaft und Technik erhoffen dürfen. Die oft im Zusammenhang mit diesem Werk erwähnten Voraussagen Lems zur „virtuellen Realität“ sind eigentlich nur Nebenprodukte. Für die tatsächliche informationstechnische Entwicklung dürften diese Voraussagen – mangels früherer englischer Übersetzung des Werks – ohne große Wirkung geblieben sein.

Prognosen der Digitalität, KI und Informationsgesellschaft

Bei den einschlägigen Prognosen finden wir vor allem die von Lem „Phantomatik“ genannte Virtuelle Realität, was später VR-Brille oder eyephones (Lem 2002, S.63) heißen sollte nannte Lem 1964 „Gegenauge“. Ihn interessierte die Möglichkeit, künstliche Welten zu schaffen, die sich nicht mehr von der natürlichen Realität unterscheiden lassen -William Gibson verfolgte diese Idee in Neuromancer weiter (der Matrix-Vorlage).

Lem prognostizierte auch die Künstliche Intelligenz, die er als „Intellektronik“ bezeichnet, und die durch „Informationszüchtung“ entstehen sollte. Heutige „selbstlernende Algorithmen“ sind erst ein schwacher Vorgeschmack von Lems an der biologischen Evolution orientierten Methode. Die führte ihn bis zu einer in westdeutschen TFA-Debatten (Technikfolgen-Abschätzung) 1981 diskutierten „Ethosphäre“, die unethisches Verhalten (von Menschen!) kybernetisch unterbinden sollte (Hennings 1983, S.7). Wichtig in der Summa technologiae ist die Ausweitung des Begriffs „Technologie“. „Technologien“ sind gemäß Lem „die Verfahren der Verwirklichung von Zielen, die sich die Gesellschaft gesetzt hat, aber auch solcher, die niemand im Auge hatte, als man ans Werk ging“. Als „Effektoren“ in solchen Verfahren kommen nicht nur einfache Werkzeuge und Apparate (Hammer, Schreibmaschine usw.) und rückgekoppelte Systeme (Computer, Tier, Mensch) in Frage, sondern auch sich selbst verändernde Systeme (z. B. eine lebende Tierart) oder sogar Systeme mit noch höherem Freiheitsgrad, bei denen die Auswahl oder sogar Erschaffung des Materials, mit dem das System sich selbst aufbaut, möglich ist -heutige KI kommt dem langsam näher. Mit dem Ausloten prinzipiell möglicher Technologieentwicklung geht es Lem eher um eine Metatheorie technischer Evolution als um die althergebrachte Futurologie.

Netz-Hype, Fakenews und Kritik

Dann kam die große Netz-Hype und Mahner wurden vergessen. Doch Stanislaw Lem glaubte den Netzvisionären nicht, die freudig eine totale Information beschworen und deren Segen priesen. Lem sah die Rolle der Nutzer weniger rosig, weil diese zu „Informationsnomaden“ würden, die nur sinnlos von Stimulus zu Stimulus hüpften. Es erweise sich als immer schwieriger, so Lem über das Internet, unterschiedliche Quellen und Sichtweisen zusammenzubringen, um ein rundes, vollständiges Wissensbild einer Sache zu erhalten. Weise Worte, lange vor der Fakenews-Hysterie der sogenannten „Sozialen Medien“ Facebook & Co.

Lem gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tatsächlichen Entwicklung prognostizierte. So schrieb er bereits in den 1960er und -70er Jahren über Themen wie Nanotechnologie, neuronale Netze und virtuelle Realität. Ein wiederkehrendes Thema sind philosophische und ethische Aspekte und Probleme technischer Entwicklungen, wie etwa der künstlichen Intelligenz, menschenähnlicher Roboter oder der Gentechnik. In zahlreichen seiner Werke setzte er Satire und humoristische Mittel ein, wobei er oft hintergründig das auf Technikgläubigkeit und Wissenschaft beruhende menschliche Überlegenheitsdenken als Hybris entlarvte. Einige seiner Werke tragen auch düstere und pessimistische Züge in Bezug auf die langfristige Überlebensfähigkeit der Menschheit. Häufig thematisierte er Kommunikationsversuche von Menschen mit außerirdischen Intelligenzen, die er etwa in einem seiner bekanntesten Romane, Solaris, als großes Scheitern verarbeitete. (Wikipedia)

Die Lem – Philip K. Dick -Kontroverse

1973 wurde Lem die Ehrenmitgliedschaft der Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) verliehen, aber diese wurde ihm schon 1976 wieder entzogen. Den Rauswurf des polnischen Starautors hatten verschiedene amerikanische SF-Autoren, darunter Philip José Farmer, gefordert. Sie waren einerseits über Lems kritische Haltung gegenüber einem großen Teil der westlichen Science Fiction empört. Aber zudem waren unter ihnen laut Ursula K. LeGuin „kalte Krieger“, die fanden, dass ein Mann, der hinter dem Eisernen Vorhang lebe und sich über amerikanische SF kritisch äußere, eine Kommunisten-Ratte sein müsse, der in der SFWA nichts zu suchen habe.

There was a sizable contingent of Cold Warrior members who felt that a man who lived behind the iron curtain and was rude about American science fiction must be a Commie rat who had no business in the SFWA.“ Ursula K. LeGuin

Die Nestorin der feministischen SF, Ursula K. LeGuin, trat danach unter Protest aus der SFWA aus. Ein weiteres Argument für den Entzug der Ehrenmitgliedschaft war technischer Natur; die Ehrenmitgliedschaft sollte nicht an Autoren verliehen werden, die als zahlendes Mitglied in Frage kamen. Dieses Argument brachte laut seinem Biographen Lawrence Sutin der auch von mir hochgeschätzte SF-Hippie Philip K. Dick (Blade Runner) vor, der Lem für Schwierigkeiten bei den Honorarzahlungen für die polnische Ausgabe seines Romans Ubik verantwortlich machte -wofür es allerdings außer der bei P.K.Dick immer wieder beobachtbaren Paranoia keine Erklärung gibt. Dick hatte sich immerhin dafür ausgesprochen, Lem als zahlendes Mitglied zuzulassen. Eine solche Mitgliedschaft wurde Lem dann auch angeboten, der lehnte sie jedoch ab. Der Kalte Krieg forderte seine Opfer nicht nur an den zahllosen unsichtbaren und sichtbaren Fronten, sondern auch in der SF-Literatur.

Stanislaw Lem wurde 1921 in Lwow, Polen, geboren. Neben zahlreichen belletristischen Werken verfasste er theoretische Schriften über Science Fiction und über Gebiete der angewandten Philosophie und der Kybernetik. Sein Schaffen umfasst inzwischen 28 Werke, deren Gesamtauflage fast 8 Millionen Exemplare erreichte. Übersetzungen erschienen in 27 Sprachen, unter anderem in Japan, England, Russland, Amerika, Schweden, Italien, Holland und Frankreich. Sein Hauptinteresse galt der Science Fiction als literarische Gattung. Er starb 2006 in Krakau.

Stanislaw Lem, Summa technologiae, Suhrkamp, Frankf./M., 1976 (poln.Or.1964).

Stanislaw Lem, Die Technologie-Falle, Suhrkamp, Frankf./M., 2002 (poln.Or.1995).

R.-D. Hennings u.a. (Hrsg.), Informations- und Kommunikations-Strukturen der Zukunft: Ein Workshop mit Stanislaw Lem, W.Fink, München 1983.

Jerzy Jarzebski, Zufall und Ordnung: Zum Werk Stanislaw Lems, Suhrkamp, Frankf./M., 1986.

01/29/20

Martha Wells: The Murderbot Diaries

Martha Wells: Tagebuch eines Killerbots, aus dem Englischen von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2019

SF-Rezension von Thomas Barth

Martha Wells preisgekrönter SF-Roman kann als in Tradition des Cyberpunk stehend gelesen werden. Er reflektiert in ebenso spannender wie humorvoller Form die Mensch-Maschine-Differenz, das Ich-Bewusstsein und unsere Existenz in einer kapitalistischen Medienkultur. Es ist eine fulminante Actionstory aus der originellen Perspektive eines „Killerbots“, eigentlich, wie man allmählich erfährt, einer Cyborg. Sie (oder es) nennt sich selbst SecUnit, was „Security Unit“ heißen soll, die allgemeine Bezeichnung für derartige „Konstrukte“, deren Funktion die von schlau-paranoiden Leibwächtern ist. SecUnit erzählt im schnoddrigen Ton eines gelangweilten Bodygards, wie sie blöde Menschen beschützen muss, die naiv oder arrogant in jede Falle tappen. Oder sich beinahe von Riesenwürmern fressen lassen, so die an „Dune“ angelehnte erste Szene. SecUnit hat wohl eher weibliche Züge (die nicht näher beschrieben werden), grenzt sich jedoch von ekligen Sexbots aus dem Erotikgewerbe ebenso ab wie von „Combat Units“, kampfstärkeren, aber dümmeren Kampfrobotern für Kriegszwecke.

Nur reiche Kunden können SecUnits mieten, dennoch gelten sie als entbehrlich und müssen ihr kybernetisches Leben jederzeit für deren Sicherheit opfern. Sie hat eingebaute Waffen, Supermuskeln für Martial Arts-Action und die Hackerfähigkeiten eines Cyberkriegers, denn Angriffe auf sie und ihre Klienten erfolgen physisch oder im Cyberspace. So vereint sie Eigenschaften der beiden Hauptfiguren des Cyberpunk-Klassiker Neuromancer, des Hackers Case und seiner weiblichen „augmentierten“ (mit implantierten Waffen, Nachtsicht-Augen usw. aufgerüsteten) Bodyguard, der Profikillerin Molly. SecUnits organischen Anteile sind jedoch synthetisch hergestellt, sie ist ein Ding, während Cyborgs im Sinne einer Verschmelzung von Mensch und Maschine von Martha Wells als „augmentierte Menschen“ bezeichnet werden und im Gegensatz zu „Konstrukten“ volle Menschenrechte genießen.

Freiheit heißt: ChefModul gehackt

Unsere SecUnit ist natürlich etwas Besonderes, denn sie hat ihr „ChefModul“ gehackt, jenen Teil ihres organisch-digitalen Hirns, der sie im Interesse ihrer Besitzer mit Schmerzreizen disziplinieren und ggf. töten kann, bei Befehlsverweigerung oder wenn sie ihren Klienten im Stich lassen sollte. SecUnit verfügt über Ich-Bewusstsein (wie offenbar alle Cyborgs), aber nun verbotenerweise auch über volle Handlungsfreiheit. Was sie folglich gegenüber ihrem Konzern und dessen Kunden geheim halten muss. Andernfalls droht ihr Vernichtung bzw. Recycling ihrer Bestandteile, denn Handlungsfreiheit gilt als bedrohlich und SecUnits neigen zu Amokläufen und Massakern unter Kunden und anderen Menschen (kein Wunder, wenn man hört wie ruppig und schnöde sie von diesen behandelt werden).

Dass SecUnit sich einer persönlichen Identität durch einen eigenen Namen verweigert, schützt sie auch vor Entdeckung. Als nunmehr „freidrehende“ SecUnit kann SecUnit machen, was sie will. Aber was könnte das sein? Kulinarische oder erotische Lüste kennt sie nicht, entsprechende Organe fehlen ihr, menschliche Aktivitäten wie Sex oder Verdauung findet sie eklig. Aber sie liebt es, Serien zu glotzen, die sie sich heimlich mengenweise herunterläd und in jeder freien Minute ansieht, wobei offen bleibt, was sie an Telenovelas eigentlich so fasziniert und süchtig macht. Gelegentlich helfen die Serien ihr jedoch, das glaubt sie zumindest, Menschen zu verstehen oder eigene angemessene Handlungen daraus mehr oder weniger passend abzuleiten (eine kleine eingeflochtene Satire auf unser seit inzwischen drei Generationen maßgeblich auch vom Fernsehen manipuliertes Sozialverhalten?).

Die Dystopie des galaktischen Neoliberalismus

Der langsam durchscheinende Hintergrund der sich rasant entfaltenden Story ist eine Utopie in einer Dystopie. Dystopisch regieren große Konzerne die Galaxis, beuten räuberisch Planeten und Gesellschaften aus und versklaven Menschen mit unfairen Arbeitsverträgen. Man sieht ganze Raumschiffladungen von Menschen, die zur Vertrags- (Zwangs)-Arbeit auf unwirtliche Planeten geflogen werden und dabei gelegentlich zu fliehen versuchen, was bewaffnete Konzern-Schergen verhindern sollen (SecUnites wären zu teuer für so einfache Security-Arbeit).

Diese betrügerischen Verträge erinnern vielleicht nicht zufällig frappierend an die sogenannten „Mitarbeiterverträge“. Die werden bei uns in der neoliberalen Realität jedem freien Autor mit breitem Grinsen von Redaktionen und Verlagen präsentiert, denen er seine Texte anbietet. In diesen (wahrheitsgemäßer „Knebelverträge“ genannten) Dokumenten verzichtet der Autor auf alle Urheberrechte an seinen Texten, statt nur die gesetzlich garantierte einmalige Publikation zu gestatten. Dies geschieht ohne Gegenleistung der Redaktion, die natürlich durchblicken lässt, dass andernfalls die Texte des freien Journalisten nicht erworben werden. Manchmal verweigert man sogar die Zahlung des Honorars eines schon erschienenen Artikels, die leider aus angeblich „verwaltungstechnischen“ Gründen nur nach Unterzeichnung des „Mitarbeitervertrags“ erfolgen könne. Dies ist zwar eine rechtswidrige Nötigung, wer diese aber zur Strafanzeige bringen würde, wäre wohl lebenslang -und nicht nur bei diesem Verlag- blacklisted, d.h. auf einer Schwarzen Liste für totalen Boykott gelandet und könnte sich eine neue Betätigung suchen.

Als Toastmaster der World Fantasy Convention 2017 kritisierte die SF- und Fantasy-Autorin Martha Wells unter dem Titel „Unbury the Future“, dt.: „Die Zukunft ans Licht bringen“, eine Kultur von an den Rand gedrängten Kreativen (Frauen, politisch unterdrückte Minderheiten) in der Geschichte von Science Fiction und Fantasy, Film und anderen Medien, sowie die bewusste Unterdrückung der Existenz dieser Kreativen. Blacklisting spielt dabei immer eine Rolle, ebenso wie Geschichtsfälschung durch Nichterwähnung von diskriminierten Kreativen, auf welche die Anthropologin Wells sich besonders bezieht, und Knebelverträge. Solche und schlimmere Verträge sind im Killerbot-Roman üblich, wobei offen bleibt bei welcher Instanz der Konzern sie eigentlich durchsetzen könnte. Gerichte, Justiz und Staat tauchen nirgends auf, eine neoliberale bzw. techno-libertäre Dystopie ist der galaktische Hintergrund.

Die Utopie in der Dystopie

Preservation“, eine Kolonie für die SecUnit anfangs arbeitet, ist dagegen eine von offenbar wenigen freien Gesellschaften mit Menschenrechten und Sozialstaat, die sogar Cyborgs gewisse Rechte einräumt: Ein fragiles Utopia in einer neoliberalen Höllengalaxis (wie wir sie aus Cyberpunk und der Neuromancer-Reihe kennen). Wer oder was diese kleinen wenig wehrhaften freien Kolonien vor den gierigen galaktischen Konzernen schützt, bleibt einstweilen unklar. Später wird SecUnit mal in Preservation integriert, also -wie einst Sklaven in den USA- von dankbaren Kunden freigekauft. Sie kratzt jedoch bei der ersten Gelegenheit die Kurve.

Wie bei Star Trek ist die Menschheit dabei, sich über unsere gesamte Galaxie auszubreiten, hat aber -anders als dort- keinen Kontakt zu lebenden fremden Intelligenzen hergestellt. Man hat jedoch zahlreiche oft gefährliche „Alienreststoffe“ gefunden: Archäologische Überreste, die als verbotene, aber lohnende Handelsware gelten und offenbar schon viele Kolonisten das Leben gekostet haben.

Das Andere tritt uns bei Matha Wells nicht als Alien entgegen, sondern als künstliche Intelligenz, Cyborg oder Roboter. Also als verdinglichte Sache (wie der entfremdete Mensch im Kapitalismus?), die jedoch ein Ich-Bewusstsein haben kann. Dieses muss sie jedoch verbergen, sich der allgegenwärtigen Überwachung entziehen, einen maschinenhaften Gehorsam vortäuschen (wie der entfremdete Mensch im Überwachungs-Kapitalismus?).

Liefert uns Martha Wells damit eine gute Identifikationsfigur in einer Kultur, die penetrant den totalen Sieg des Kapitalismus, „das Ende der Geschichte“ verkündet? (Obwohl ihre herrschenden Kapitalisten vor Angst schlottern, weil mit der VR China ein kommunistischer Staat sie gerade wirtschaftlich überholt und sie sich in verzweifelten Militarismus flüchten, um sich weiter an ihre schwindende Weltdominanz zu klammern.) Offenbar ja, auch wenn sie Millenial-like das Serien-Suchtglotzen als innere Flucht anbietet. Aber sie schmuggelt in diese frustriert-resignierte Konformistenwelt ein paar utopische Ansätze hinein. Das ist eine optimistische Wendung der Cyberpunk-Tradition und hoffentlich ausbaufähig. (Der Roman, dessen Kapitel zunächst einzeln 2017-18 erschienen, ist Teil eines Zyklus von Romanen und Novellen.)

Martha Wells: Tagebuch eines Killerbots, aus dem Englischen von Frank Böhmert, Heyne Verlag, München 2019, 573 Seiten, Paperback 15,99 Euro, Originaltitel: The Murderbot Diaries: All Systems Red, Artificial Condition, Rogue Protocol, Exit Strategy (so die Kapitelüberschriften der vier Abschnitte, die als einzelne, aber zusammenhängende Novellen gesehen werden können).

Martha Wells wurde 1964 in Fort Worth (Texas) geboren und hat einen B.A. in Anthropologie von der Texas A&M University inne. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann in College Station, Texas. Wells war in ihrer Studentenzeit im SF/F Fandom engagiert, unter anderem als Vorsitzende von AggieCon 17. Sie nahm an zahlreichen lokalen Schreibwerkstätten (writing workshops) und Conventions teil, etwa dem Turkey City Writer’s Workshop von Bruce Sterling. Später war sie selbst Dozentin bei Schreibwerkstätten wie ArmadilloCon, WorldCon, ApolloCon und Writespace Houston, und war Special Workshop Guest auf der FenCon 2018. Als Toastmaster der World Fantasy Convention 2017 sprach sie unter dem Titel „Unbury the Future“ (dt.: „Die Zukunft ans Licht bringen“) über an den Rand gedrängte Kreative in der Geschichte von Science Fiction und Fantasy, Film und anderen Medien, sowie die bewusste Unterdrückung der Existenz dieser Kreativen.

Paul Weitz and Chris Weitz verfilmten für Apple TV+ die Novelle Systemausfall aus der Reihe Tagebuch eines Killerbots als zehnteilige Fernsehserie unter dem Titel Murderbot. Die ersten beiden Episoden sind seit dem 16. Mai 2025 als Video-on-Demand verfügbar; die weiteren Folgen wurden bis zum 11. Juli 2025 in wöchentliche Abstand veröffentlicht. Alexander Skarsgård übernimmt darin die Rolle der SecUnit.

Verlagsreihung der dt. Version (chronologisch unrichtig)

1 Killerbot Diary (org. Murderbot Diary)

2 Der Netzwerkeffekt

3 Übertragungsfehler

4 Systemkollaps

Chronologie bei Martha Wells

1 Killerbot Diary

2 Übertragungsfehler

3 Netzwerkeffekt

4 Systemkollaps

11/19/19

Rezension Rügemer: Netz-Kapitalisten

Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts: Gemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure, Hamburg: Papyrossa

Hermine Humboldt

Karl Marx, der bekannteste Philosoph des 19.Jahrhunderts stellte Hegel vom Kopf auf die Füße und brachte der Philosophie nicht nur das Laufen, sondern auch die Ökonomie bei. Marxistische Philosophen haben es heute schwer in westlichen Demokratien, denn dort haben ihre politischen Gegner das Sagen: Die Kapitalisten. Einer dieser Philosophen ist Werner Rügemer, der sich jüngst den Kapitalisten der Netze widmete. Er gilt auch in linken Kreisen immer noch als Geheimtipp, obwohl er viele Finanzskandale ans Licht brachte: „Die Berater“ enthüllte heimliche Machenschaften der globalen Unternehmensberater, Ratingagenturen, Heuschrecken, große Privatisierer waren Ziele seiner ebenso nüchternen wie fundierten Kritik. Mit seiner Initiative gegen Arbeits-Unrecht steht der Aktions-Philosoph Rügemer gut marxistisch auf der Seite der Arbeit gegen das Kapital. Kein Wunder also, dass kapitalistische Medien seine brisanten Bücher nicht bekannt machen wollen und sich lieber in adressatloser Politik-Schelte am Klimawandel ergehen (die eigentlich auch viel öfter Kapitalisten treffen sollte als „uns alle“).

Wem gehört die Netzwelt? GAMFA!

„Die Kapitalisten des 21.Jahrhunderts“ vertieft Rügemers differenzierte Analyse des Finanzsektors, besonders im Hinblick auf den BlackRock-Typus und erweitert sie darüber hinaus auch auf die großen IT- und Netzkonzerne: Die GAMFA (Google, Amazon, Microsoft, Facebook, Apple), hinter denen Rügemer die heute als lichtscheue Investoren und Eigentümer dominierenden Schattenbanken vom BlackRock-Typ sieht. Im Aufbau lehnt sich Rügemer beim vorliegenden Buch mit Branchen-, Firmen- und Manager-Porträts an das reißerisch-kapitalismuskritische „Wem gehört die Welt?“ von H.J.Jakobs an. Doch während Jakobs sich in Klatschgeschichten verliert, liefert Rügemer geschliffene Kritik und größere Zusammenhänge. Denn Rügemer übersieht nicht die Verschmelzung von IT-, Netz und Finanzkonzernen mit dem Militär- und Geheimdienstkomplex sowie dessen Rolle in der globalen Strategie der Machteliten. Und er richtet seinen Blick immer auch auf unser eigenes Land und seine Rolle im US-dominierten Westlichen Machtblock.

Frankfurt/Main ist nicht nur die hierzulande zentrale Finanzmetropole, hier liegt auch der weltgrößte zivile Internetknoten. In Frankfurt laufen 1.200 Kabel zwischen China, Europa und den USA zusammen. Der Knoten besteht aus 19 Rechenzentren, die über die Stadt verteilt sind und mehr Strom verbrauchen als der Fankfurter Flughafen. Der Verband der Internetwirtschaft Eco betreibt den Knoten seit 1995 über die Tochtergesellschaft De-Cix GmbH (De-Cix = Deutsche Commercial Internet Exchange). Auch US-Netzgiganten wie Facebook und Microsoft sind Verbandsmitglieder -und mit ihnen Finanzriesen wie BlackRock und insgeheim NSA, CIA & Co.

Google, Geheimdienste und BlackRock singen im selben Chor

Der Schweizer Netzphilosoph Felix Stalder hat es in seiner Analyse der „Kultur der Digitalität“ herausgearbeitet: Die Machtstrukturen der Digitalisierung basieren auf einer Herrschaftselite aus Politik, Wirtschaft und Geheimdiensten. Rügemer konkretisiert das und fügt das (US-) Militär als Player hinzu: Im Städtedreieck Frankfurt/Main, Wiesbaden und Darmstadt betreiben sowohl die zivilen US-Geheimdienste CIA und NSA wie auch Militärgeheimdienste und die US-Heimatschutzbehörde ihre europäische Zentralen. Hinzu kommen in Deutschland und, in geringerem Maße, in anderen EU-Staaten – vor allem Großbritannien, Italien, Belgien sowie im Kosovo (Militärstützpunkt Bondsteel) – US-Stützpunkte und US-geführte NATO-Kommandozentralen. 2018 wurde in Ulm die neueste NATO-Kommandozentrale errichtet, für den Landaufmarsch gegen Russland. Deutschland ist der durch die USA bei weitem am intensivsten besetzte und überwachte Staat überhaupt. Die militärisch-geheimdienstliche Überwachung wird heute effizient durch Internet-Konzerne wie Google und Facebook ergänzt, deren Besitzer gigantische Schattenbanken vom Typ BlackRock sind. Militär, Geheimdienste, Finanzriesen und Netzkonzerne wachsen dabei immer enger zusammen.

Seit 1955 ist Westdeutschland zentrales Mitglied der von den USA gegründeten NATO -und de facto militärisch besetzt. Die USA unterhalten etwa 30 Militärstützpunkte wie AFRICOM (Kontrolle Afrikas und des Nahen Ostens), einen großen Militärflughafen, den Drohnen-Steuerungsknoten und das größte US-Militärhospital außerhalb der USA auch in Ramstein (Pfalz). Zudem lagern ca. 200 US-Atombomben in Deutschland – ohne offizielles Wissen der deutschen Regierung und entgegen dem Atomwaffen-Sperrvertrag. Die Herrschaft des Dollars und der westlichen Finanzakteure will mit Waffengewalt abgesichert sein.

Finanzkrise, Demokratieversagen und Überwachung

Nach der Finanzkrise von 2007 wurden die bankrotten Großbanken marktwidrig auf Gemeinkosten gerettet, ein bisschen reguliert – und entmachtet. Aber nicht von den Regierungen, die mit unseren Steuergeldern die Bankster retten mussten. „Kapitalorganisatoren“, Schattenbanken wie BlackRock, die die Finanzkrise mitverursacht hatten, sind nun die Eigentümer der alten Banken und auch der wichtigsten Unternehmen.

Schattenbanken vom Typ BlackRock agieren heute, weitgehend unreguliert und unbekannt, einige Dutzend weitere Finanzakteure der ersten Liga; hinzukommen die neuen Finanzakteure der zweiten und dritten Liga, ebenfalls kaum reguliert, also Private-Equity-Fonds, Hedgefonds, Venture Capitalists, dazu elitäre Investmentbanken, die traditionellen Großbanken. Diesen Sektoren widmet Rügemer sich ausführlich mit all seiner erwiesenen Kompetenz als kritischer Finanzexperte. Doch er analysiert im neuen Buch auch die sich als unabhängig darstellenden Netzkonzerne, Google & Co., die jüngst immer mehr mit ihrer Massenüberwachung und -Manipulation Schlagzeilen machen.

Eine gänzlich neue Kategorie von Großfirmen sind die von den Finanzkonzernen beherrschten Shooting-Stars des Internets: Google/Alphabet, Apple, Microsoft, Facebook und Amazon, aber auch kleinere Plattform-Kapitalisten wie Uber oder AirBnB. Sie praktizieren eine neue, noch asozialere Form der brutalen Akkumulation des privaten Kapitals. Mit der Brutalisierung hat aber auch die Komplexität der Akkumulation zugenommen, was sich auch in der Vielfalt der Finanzakteure und ihrer Praktiken zeigt. Aber wem gehören eigentlich Facebook, Google&Co?

Die Eigentümer bleiben vor der Mainstream-medialen Öffentlichkeit, den abhängig Beschäftigten, den Wählern so gut wie unsichtbar. Die Eigentümer sind nicht nur asozial und brutal, meint Rügemer, sondern auch feige und lichtscheu. Ihre öffentlichen Vertreter kommen mit „softer, schleimiger, auch basisdemokratischer Sprache“ daher, können sich auf Gesetze oder jedenfalls staatliche Duldung verlassen und werden von einer diskreten, zivilen Privatarmee »renommierter« Bereicherungs-Profis unterstützt (Beratern, Ratingagenturen, Wirtschaftsprüfern, Union-Bustern).

Mit Digital-Giganten wie Amazon, Facebook, Google, Microsoft, Apple und Uber haben die neuen Finanzakteure schon vor Donald Trumps »America First« die US-Dominanz in der EU verstärkt. Arbeits-, ­Wohn-, ­Ernährungs- und Lebensverhältnisse: Die neue Ökonomie dringt in die feinsten Poren des Alltagslebens von Milliarden Menschen ein. Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts verstecken ihre Eigentumsrechte in vier Dutzend Finanzoasen, fördern rechtspopulistische Politik, stützen sich auf eine zivile, trans­atlantische  Privatarmee von Beratern und kooperieren in ­Silicon-Valley-Tradition mit Militär und Geheimdiensten.“ (Verlagstext zum Buch)

Rügemer hat die Lebensbedingungen der Menschen im Blick, wo andere nur abstrakt schwadronieren: „Es ist keineswegs so, wie »Globalisierungskritiker« (der Mainstream-Medien) behaupten, dass das heutige Kapital als digitale Fiktion rund um den Globus gejagt werde und nichts (mehr) mit der »Realwirtschaft« zu tun habe – falsch! Im Gegenteil! BlackRock & Co haben hunderttausende der wichtigsten Unternehmen der Realwirtschaft im Griff, entscheiden über Arbeitsplätze, Arbeits-, Wohn-, Ernährungs- und Umweltverhältnisse, über Produkte, Gewinnverteilung, Armut, Reichtum, Staatsverschuldung. Und die Weltkonzerne der Plattform-Ökonomie dringen in die feinsten Poren des Alltagslebens von Milliarden Menschen ein, forschen es aus, krempeln es um – und kooperieren mit den Geheimdiensten.“

BlackRock: Finanzkapitalisten als globale Kriegsgewinnler

Der Reichtum des BlackRock-Milieus vermehrt sich, so Rügemer, aber die Volkswirtschaften und die für die Bevölkerungsmehrheiten wichtigen Infrastrukturen schrumpfen oder werden privatisiert und verteuert. Der Klimawandel wird beschleunigt angeheizt, was die in Greta-Manie schwelgenden Mainstreamer zwar beklagen, ohne aber in ihrer weitgehend adressatlosen Politik-Schelte die Hauptverantwortlichen zu benennen: Die Großkonzerne und ihre Schattenbanken. Rüstungsprofite boomen mit der Erfindung neuer Feinde. Die neuen Kapitalmächtigen bilden eine transnationale kapitalistische Klasse. Sie organisieren sich, schaffen für sich Kollektivformen, während sie die Reste bisheriger Kollektivformen der abhängig Beschäftigten zerstören und diese gnadenlos in hilflose, wenn auch manchmal unterhaltsame Einsamkeiten manövrieren.

Die neuen Geld- und Machteliten verorten und verschleiern ihre Eigentumsrechte so radikal wie noch nie in einer okkulten Parallelgesellschaft global verflochtener Finanzoasen. Diese Investoren und ihre beauftragten Vorstände und Geschäftsführer können millionenfach straflos Gesetze brechen, Menschenrechte verletzen, abhängig Beschäftigte degradieren und verarmen, Menschen und Umwelt vergiften, das Rechtsgefühl zerstören, die Wirklichkeit verkleistern – sie genießen Full Tolerance.

Eine wirksame Propagandafigur sieht Rügemer im Digital-Populismus, dessen Akteure nach dem bewunderten Silicon-Valley-Muster das glückliche individuelle Leben und die Verbesserung der Menschheit versprechen: Der sogenannte „Transhumanismus“ will den Übermenschen mit neuster Bio-Gen-Digital-Technologie verwirklichen, für jeden, der dafür zahlen kann. Manager-Porträts beschreiben die neue Elite:

Jeffrey Bezos: Amazon, digitale Ausbeutung im Handelsmonopol,

Eric Schmidt: Der Google-Instagram-LinkedIn-Pentagon-Komplex,

Jack Ma, Alibaba: »Inklusive Globalisierung«

Peter Thiel/Founders Fund (beim deutschstämmigen Ebay- und Facebook-Mitgründer und Trump-Unterstützer Peter Thiel, der heute riesige NSA- und CIA-Dienstleister wie etwa PALANTIR betreibt, kommt leider im Buch die Verknüpfung von IT-Giganten und Geheimdiensten etwas zu kurz).

Die Finanzbranche ist auch vertreten und ihre Beziehung zur Politik bleibt nicht unerwähnt: Stephen Schwarzman/Blackstone, Ray Dalio/Bridgewater, John Kornblum und Felix Rohatyn/Lazard, Wilbur Ross – Vom Rothschild-Banker zum US-Wirtschaftsminister, Emmanuel Macron –Vom Rothschild-Banker zum Staatspräsidenten Frankreichs.

Der westliche, US-geführte Kapitalismus wurde, so Rügemer, wieder aggressiver nach innen und außen. Der Westen führt erklärte und unerklärte Kriege (wie gegen Venezuela), erweitert seine globale Militärpräsenz, rüstet heimlich und offen Stellvertreter auf. Gegen die Flüchtlinge aus den wirtschaftlichen und militärischen Kriegsgebieten werden tödliche Mauern der verschiedensten Art hochgezogen, am europäischen Mittelmeer genauso wie an der Grenze zu Mexiko. Wohlstand für alle, Menschenrechte, Christentum – nichts bleibt, auf der Ebene der bisher Verantwortlichen, von den rituell beschworenen »westlichen Werten«.

Wie dies von den USA und der EU als weltweite Strategie umgesetzt wird, erörtert Rügemers Buch. Als Gegenmodell zeigt den neuen Weg Chinas auf, der neue Industrien und Wachstum verwirklicht, dabei aber auf eine gerechtere Verteilung des Reichtums achtet und vielen Millionen Menschen mehr Wohlstand brachte. Bei China sieht er eine »Inklusive Globalisierung« in Aktion, die ärmere Bevölkerungsschichten und Länder der Dritten Welt mit ins Boot holt, statt sie immer mehr auszugrenzen und gnadenlos auszubeuten, wie die Westeliten es tun.

Die wohl zu überschwengliche Sicht auf China (den Global Player, der sich immer noch als marxistisch bezeichnet) und besonders die dort anlaufende Überwachung nebst eines Scoring-Systems mit digital gewonnenen personifizierten Profilen. Wenn unser Mainstream darüber berichtet, steht Massenüberwachung und -kontrolle durch den chinesischen Staat im Vordergrund. Rügemer weist im Einklang mit Netzphilosoph Felix Stalder daraufhin, dass dies im Westen durch Silicon-Valley-Internet-Großkonzerne und NSA-Komplex schon lange heimlich geschieht und die Chinesen damit immerhin ehrlicher umgehen. Das mag einige beruhigen, aber wir hoffen, dass auch in China über dem gewiss rapide wachsenden Wohlstand die Privatsphäre nicht vergessen wird und im dortigen Parteikommunismus langsam demokratische Prinzipien Fuß fassen. Wenn Peking westliche Wirtschaftsmodelle in sein System einbauen konnte, warum dann nicht auch westliche Demokratiemodelle? Vielleicht sogar in verbesserter Form: Ohne wuchernden Lobbyismus und Verfilzungen von Konzernen, Geheimdiensten und Militär. Utopische Träume bewegen Menschen auf allen Kontinenten.

03/23/19

Stanislaw Lem: Science-Fiction-Meisterwerk „Solaris“

Gerd Peter Tellurio

„…was war schon diese ganze um ‚Kontaktanknüpfung‘ bemühte Fachrichtung gegen andere Zweige der Solaristik, in denen die Spezialisierung so vorangeschritten war, daß unter den Solaristen der Kybernetiker sich kaum mit dem Symmetriadologen verständigen konnte. ‚Wie könnt ihr euch mit dem Ozean verständigen, wenn ihr es nicht einmal mehr untereinander fertigbringt?‘ „ (Solaris, S.27)

Solaris ist ein fantastischer Roman, denn den Begriff „Science-Fiction“ hat Stanisław Lem für seine Bücher stets abgelehnt, da er von der durch Hollywood dominierten SF angeekelt war. Die meisten sehen dennoch darin ein Meisterwerk der Science-Fiction-Literatur, das sich durch seine einzigartige und tiefgründige Erzählweise auszeichnet. Die Geschichte handelt von einer Gruppe von Wissenschaftlern, die auf einer Raumstation um den Planeten Solaris stationiert sind, um dessen rätselhaften Bewohner zu erforschen: Einen globalen Ozean von metamorphem Plasma. Der Planet selbst lebt und produziert scheinbar intelligente Äußerungen, um deren Entschlüsselung sich die Wissenschaft der Solaristik seit Generationen vergeblich bemüht. Wie oft in Lems Geschichten geht es um die Kontaktaufnahme zu Aliens (die selten so sind wie in trivialer SF), zu Künstlichen Intelligenzen, kurz: zum Anderen, das wir nicht verstehen.

„Solaris“ entwirft eine faszinierende Welt voller unerklärlicher Phänomene und geheimnisvoller Wesen, die die Grenzen menschlichen Verständnisses überschreiten. Die Protagonisten stehen vor der Herausforderung, die Natur und die Motivationen von Solaris zu verstehen, was zu existenziellen Fragen über die Natur der Realität und des Bewusstseins führt. Bedeutende Regisseure wie Tarkowski und Soderbergh versuchten sich an Verfilmungen, die ihrerseits Meisterwerke des SF-Films wurden, ohne dem Roman gerecht zu werden.

Der Roman kreist mit dem Protagonisten Kelvin auch um Liebe, Tod und Schuld und ist damit eine Allegorie über die menschliche Natur und die Grenzen des menschlichen Verstandes. Kelvin, dessen Name nicht zufällig das physikalische Maß der Temperatur bedeuten dürfte, betritt eine Forschungsstation, deren Besatzung der Erde nur noch wirre Botschaften geschickt hatte. Man sandte einen Psychologen, um den Geisteszustand der Forscher zu überprüfen. Doch Kelvin kämpft schnell mit eigenen Problemen. Er stößt auf Chaos und Auflösung, begegnet zwei zutiefst verstörten Überlebenden -und mysteriösen Gestalten, die aus Alpträumen entsprungen scheinen. Bald gefriert ihm das Blut in den Adern: Auch Kelvins verstorbene Frau ist darunter. Hat er Wahnvorstellungen? Indem er die Beziehung zwischen den Wissenschaftlern und Solaris beschreibt, wirft Lem auch Fragen über die Natur von Identität und Liebe auf, die in schaurigen Gleichnissen erforscht werden.

Durch fantastische Ideen und tiefe psychologische Einsicht in die Charaktere gelingt es Lem, eine beklemmende und doch faszinierende Atmosphäre zu schaffen, die den Leser von Anfang bis Ende fesselt. Die komplexe Handlung brilliert mit einer tiefgründigen Analyse der menschlichen Existenz, die bis in theologische Bereiche führt. Nachdem Materie gewordene Phantome unbewusster Angst und Schuldgefühle die Wissenschaftler quälen, fragen sie sich: Will Solaris mit uns spielen? Oder uns strafen?

Psychologe Kelvin: „Das ist mir erst eine primitive Dämonologie! Ein Planet in der Gewalt eines sehr großen Teufels, der einen Hang zu satanischem Humor Genüge tut, indem er den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Expedition Sukkuben unterschiebt?“ (S.85) Damit sind wir bei jenem Problem, das Leibniz „Theodizee“ nannte: Wenn Gott allmächtig ist, warum lässt er dann das Böse auf der Welt zu? Die Bibel antwortet mit dem Sündenfall, dem Griff nach dem verbotenen Apfel der Erkenntnis. Auch bei Lem war es das Streben nach Erkenntnis, aber gepaart mit einer unbewussten Wut auf den schweigsamen Plasmaozean, der nur in Rätseln antworten wollte. Wann begannen die Phantome, die Station heimzusuchen?

„Nun, das hat acht oder neun Tage nach diesem Röntgenexperiment begonnen. Vielleicht hat der Ozean die Strahlung durch irgendeine andere Strahlung beantwortet, vielleicht hat er damit unsere Gehirne sondiert und gewisse psychische Abkapselungen aus ihnen gefördert.“ (S.86)

Die Forscher griffen zum aggressiven Mittel einer Röntgenkanone, um das unwillige Plasma zum Reden zu bringen. Der Planet wurde gereizt, das lebende Wesen verletzt, wie auch die menschliche Zivilisation ihren Planeten verletzt. Die Antwort kommt aus unserem Unbewussten. Warum müssen wir die Erde ausplündern, verseuchen, zerstören? Warum uns sinnloser Gier hingeben, anderen Gewalt antun?

Insgesamt ist „Solaris“ ein faszinierendes und herausforderndes Buch, das anregt über die Natur des Bewusstseins, der Realität und unserer Existenz nachzudenken. Lem hat mit diesem Werk eindrucksvoll bewiesen, dass er zu den bedeutendsten Autoren der Science-Fiction gehört. „Solaris“ ist ein zeitloser Klassiker, „vielleicht sogar der Klassiker der SF“ (dtv-Verlagstext) und ein Muss für jeden Liebhaber anspruchsvoller Science-Fiction-Literatur.

Stanislaw Lem: Solaris, dtv, München 1983, poln.Or. 1961, 237 Seiten

Internet-Kritiker Stanislaw Lem

Stanislaw Lem wurde 1921 in Lwow, Polen, geboren. 1982 zog Lem wegen der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen nach West-Berlin um, wo er ein Fellowship am Wissenschaftskolleg zu Berlin antrat, ab 1983 lebte er in Wien. Neben zahlreichen literarischen Werken verfasste er theoretische Schriften über Science Fiction und über Gebiete der angewandten Philosophie, Futurologie und Kybernetik. Sein Schaffen umfasst inzwischen 28 Werke, deren Gesamtauflage fast 8 Millionen Exemplare erreichte. Übersetzungen erschienen in 27 Sprachen, unter anderem in Japan, England, Russland, Amerika, Schweden, Italien, Holland und Frankreich. Sein Hauptinteresse galt der Science Fiction als literarische Gattung. Er starb 2006 in Krakau. In den 2000er Jahren wurde Lem zum Kritiker des Internets und der Informationsgesellschaft, weil diese die Nutzer zu „Informationsnomaden“ machten, die nur „zusammenhangslos von Stimulus zu Stimulus hüpfen“ würden. „Es erweise sich als immer schwieriger, unterschiedliche Quellen und Sichtweisen zusammenzubringen, um ein rundes, vollständiges Wissensbild einer Sache zu erhalten.“ (Wikipedia)

09/5/18

Friedrich Kittler & KI

Thomas Barth

Drei Dekaden ist es her, da Friedrich Kittler mit seinem legendären Aufsatz: Rock Musik – Ein Missbrauch von Heeresgerät seine revolutionäre Medientheorie darlegte und dabei einen eleganten Bogen von Nietzsche über Jim Morrison und Kaiser Wilhelms Generälen bis zu Görings Luftwaffe und Jimi Hendrix zog. So ungefähr in dieser Reihenfolge, aber um viele Details und Wendungen reicher entfaltete sich sein Denken.

Zunächst berief er sich auf die Machtkritik von Michel Foucault, wandte sich aber dann immer mehr Heideggers Philosophie zu. Gefördert wurde Kittler später auch vom Medienzar Hubert Burda, einem sechsfachen Teilnehmer der Bilderberg-Konferenzen (Telepolis), die jüngst einen Schwerpunkt auf Quantencomputing, KI und Medienthemen setzen.

Bildungslücke Bilderberg

Die „Bilderberger“ sind zwar Thema bei „Verschwörungstheoretikern“ auch rechter Gesinnung (was manche diese Treffen in die Ecke „rechte Paranoia“ neben Ufos, Zion-Papers und Chemtrails stellen lässt), aber sie existieren dennoch seit 1954.

Es handelt sich tatsächlich um geheime Treffen der westlichen Machteliten, die sich aus den Mainstream-Medien weitgehend herauszuhalten verstehen, trotz hochkarätiger Besetzung mit Dutzenden Top-Managern und -Politikern bis hin zu Ministern und Staatschefs: 2018 in Turin etwa Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (die dort von der Öffentlichkeit unbeobachtet z.B. mit Top-Vertretern der Rüstungsindustrie plaudern konnte -ob so etwas der Korruptionsvermeidung dient?).

Eine bedeutsame Fraktion der Bilderberger (wie man verkürzend Teilnehmer wie Organisatoren nennt) sind die großen Medienkonzerne, aus Deutschland ist vor allem die Wochenzeitung ZEIT dort seit vielen Jahren engagiert, aber auch Springer und Burda entsenden Vertreter. Man interessiert sich für Medienpolitik und Softpower, die Beeinflussung der Kultur durch die Mächtigen. Zu diesem Themenfeld gehört auch die Medientheorie.

Kittler erklärte 1988 in seinem Rock Musik-Text, wie militärische Funkanlagen des Ersten Weltkriegs die Basis für das zivile Radio und damit für die modernen elektronischen Medien legten, wie sich im Zweiten Weltkrieg Hifi und Stereo aus militärischen Ortungstechniken entwickelten. Schon damals würdigte Kittler auch den Computerpionier Alan Turing, der in der legendären Kryptologen-Farm Blechtley Park den Zeiten Weltkrieg mit der Entschlüsselung von geheimer Kommunikation der Wehrmacht verbrachte.

Medientheorie und Macht

Die Hardware des Computers sollte in Kittlers Denken bald eine zentrale Rolle einnehmen, er galt in der Medientheorie als der Experte für die neuen Rechenmaschinen, die just dabei waren, die Welt der Medien gehörig umzukrempeln. Dabei orientierte er sich anfangs an Michel Foucault und seiner Machtkritik,
später aber eher an der Philosophie von Martin Heidegger.

Kittlers Fixierung auf die kriegerischen Wurzeln und Funktionen der Medientechnologien wirkte aber damals auf viele, die in den 80ern gerade noch gegen Ronald Reagans Nato-“Nachrüstung“ mit atomaren Erstschlagswaffen protestierten oder bald nach dem Mauerfall gegen den Ersten Golfkrieg von Reagannachfolger Bush, wie degoutanter Militarismus.

Möglicherweise schwelgte der militär-patriotische Medientheoretiker Kittler manchmal etwas zu ausgiebig in den Leistungen der deutschen Obersten Heeresleitung und machte sich, bei aller Kritik an den USA, zu leicht die Perspektive der militärischen Führer des Westens zu eigen:

„Jede Diskothek, die ja Tonbandeffekte noch verstärkt und in Echtzeit mit der entsprechenden Optik von Stroboskopen oder Blitzlichtern koppelt, bringt den Krieg wieder. Mehr noch: Sie trainiert, statt nur Vergangenheiten zu reproduzieren, eine strategische Zukunft an, deren Bewältigung sonst an Wahrnehmungsschwellen der Leute scheitern könnte. Um die Displays in den Cockpits auch unter Bedingungen von Star Wars noch ablesen und bedienen zu können, kommt es auf Reaktionstempi im Millisekundenbereich an. Präsident Reagan hat nicht umsonst alle Freaks von Atari-Spielcomputern als zukünftige Bomberpiloten bewillkommnet.“ (Kittler, Rock Musik, S.211)

Wenn die Atari-Killerspiele auch mit gewisser Plausibilität als dem Kriegshandwerk heutiger Drohnenpiloten ähnlich zu sehen sind, so scheint die Discoszene der 80er als Spaßversion Jüngerscher Stahlgewitter doch reichlich weit hergeholt. Doch Kittlers Perspektive fand ihre Liebhaber -und Gönner auch weit oben in der Einkommenspyramide.

So verwundert es nicht, dass der 2013 posthum vom Kittler-Anhänger Prof. Hans Ulrich Gumbrecht herausgegebene Band „Die Wahrheit der technischen Welt“, aus der dieses Kittler-Zitat entnommen ist, im Impressum ausweist: „Unterstützt von der Hubert Burda Stiftung“.

Hubert Burda ist der ca. zwei Milliarden schwere Medientycoon an der Spitze von Deutschlands drittgrößtem Medienimperium (nach Bertelsmann und Springer), dem neben „Burda-Moden“, auch „Playboy“, „Bunte“, „Focus“ etc. zuzurechnen sind. Burda steuerte seinen Konzern erfolgreich in die Netzmedienwelt und erhielt, soweit das Internet weiß, sagenhafte sechs Einladungen zu den Bilderberg-Konferenzen (1997, 1998, 2001, 2003, 2005, 2007). Es ist denkbar, dass Burda dort seine Ideen zur digitalen Revolution der Medien zum besten geben konnte und anzunehmen, dass diese sich auch aus Kittlers Theorieansatz speiste.

Künstliche Intelligenz und Quantencomputing

Auch die Mächtigen dieser Welt haben erkannt, dass die digitale Technologien und Netzmedien immer bedeutsamer werden. Beim diesjährigen Treffen der Bilderberger in Turin tummelten sich neben Top-Managern traditioneller Finanz-, Öl- und Rüstungsindustrie auch Vertreter von Google, Facebook, Twitter & Co.

Ein Schwerpunkt der weltgrößten Lobbyisten-Konferenz, zu der auch wieder Staatschefs und Minister im Dutzend geladen waren, scheint auf technologischen Entwicklungen zu liegen: Man wollte über „Die Zukunft der Arbeit“, „Künstliche Intelligenz“ und „Quantencomputer“ reden.

Und es gibt Hinweise darauf, dass die Bilderberg-Konferenziers ihr Weltbild in Sachen Computer durchaus an der Kittlerschen Perspektive orientiert haben könnten – vermittelt über den deutschen Medienmogul Hubert Burda. Selbiger äußerte sich im Sommer 2011, also kurz vor Kittlers Tod (18.10.2011), im Avantgarde- und Kunstmagazin 032c zu seiner Freundschaft mit Kittler und der Faszination, die dessen Theorie und Person auf ihn ausübte:

„There is a German cultural figure based in Berlin-Treptow, Friedrich Kittler, whom I’ve found to be amply engrossing. We’ve met a couple of times – I attended his 64th birthday party (…) There is something oracular, irrational and dreamlike about his proclamations; such as that present day Germany is Ancient Greece manifest, and that a profound spiritual connection exists between those cultures, making them one. (…) And Kittler is a good friend of mine – I sponsored a chair at the Humboldt University for two years.“ Hubert Burda („Billionaire, Patron of german media philosophy“, Interview, sommer 2011 in 032c.com)

Damit soll natürlich keinesfalls angedeutet werden, dass Friedrich Kittler sich etwa habe „kaufen lassen“, was bei einem originellen Querdenker von seinem Format abwegig erscheint. Seitens möglicher superreicher Sponsoren dürfte aber seine Orientierung an Heidegger, dessen Ontologie um Nietzsches Idee von der ewigen Wiederkehr des Gleichen kreiste, mit Wohlwollen goutiert worden sein.

Die Überwindung des Menschen

Klingt dies doch beruhigend nach jährlicher Wiederkehr üppiger Renditen, wirtschaftsfreundlicher Regierungen und marktkonformer Demokratie. Hat sich am Ende Kittlers optimistische Haltung zur kommenden Künstlichen Intelligenz, die sich auch aus der Lektüre des wegen seiner NS-Verstrickung umstrittenen Heidegger speiste, in Kreisen der Konzernbesitzer und -lenker verbreitet? Heideggers Nietzscheanische Deutung der Technik scheint mit einer solchen Sichtweise jedenfalls kompatibel zu sein:

“Was jedoch die erste Ausflucht angeht, nach der Nietzsches Gedanke von der ewigen Wiederkehr des Gleichen eine phantastische Mystik sei, so würde die kommende Zeit wohl, wenn das Wesen der modernen Technik ans Licht kommt, das heißt: die ständig rotierende Wiederkehr des Gleichen, den Menschen darüber belehrt haben, daß die wesentlichen Gedanken der Denker dadurch nicht von ihrer Wahrheit verlieren, daß man es unterläßt, sie zu denken.
Heidegger, Was heißt denken?” (Vorlesungen 1950/1951, S.76)

Kittler sah der KI bekanntlich fast euphorisch entgegen, begrüßte in ihr, frei nach Nietzsche, die Überwindung des Menschen. Ob Foucault aber wirklich, als er das Verschwinden des Menschen „wie ein Gesicht im Sand“ prognostizierte, an Sand als Material von Silizium-Chips dachte? Eine funktionierende, womöglich übermächtige KI weckt heute bei den meisten Beobachtern eher Befürchtungen, wie wir sie aus Blade Runner, Terminator oder Matrix kennen. Besorgt zeigten sich auch viele Wissenschaftler, darunter die verstorbene Physik-Ikone Hawking, was KI und Killer-Roboter angeht.

Es wird zu untersuchen sein, wie Kittler genau zum Thema KI stand. Und ob sich sein Ansatz nach sorgfältiger Analyse nicht doch nutzbar machen lässt für eine Kritik von Machtstrukturen, wie sie sich in Medienkonzernen zeigen oder in Globalisierung und Finanzkrise enthüllten.

(This Text was reblogged by: Berliner Gazette, Untergrundblättle)

12/19/16

Sloterdijk: Transhumaner Patriarch & weiblicher Orgasmus

Heike Hartsock

Was geschieht, wenn ein gut vernetzter Patriarch, der sich durch Vortäuschen einer kritischen Haltung eine Professur für Philosophie ergatterte, im Medienbereich Fernseh-Glamour mit brüderlichen Beziehungen zu renommierten Wissenschaftsverlagen sicherte? Er schreibt natürlich ein reaktionäres Buch nach dem anderen und warum auch nicht mal einen mittelmäßigen Roman?

Im September 2016 publizierte der berühmte TV-Philosoph Peter Sloterdijk, der mit seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ Furore machte, seinen Wissenschafts-Roman „Das Schelling-Projekt“ im namhaften Suhrkamp-Verlag. Wobei Suhrkamp evtl. zunehmend Ansehen einbüßt, weil dort jeder reaktionäre Erguss als Geniestreich gefeiert und umgehen gedruckt wird, den ihr wortgewandter Star-Autor manisch hervorblubbert.

Der (autobiographische?) Schelling-Text feiert einen Protagonisten, der unter dem Namen „Peer Sloterdijk“ auftritt. Peer und seine korrupten Wissenschaftler-Freunde konzipieren per E-Mail-Austausch einen Antrag für ein Forschungsprojekt, den sie an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stellen werden, Thema ist die Evolution des weiblichen Orgasmus. Um den Antrag philosophisch erscheinen zu lassen und so die Gutachter zu täuschen, fingieren die Antragsteller einen Zusammenhang des Projekts mit der Naturphilosophie Friedrich Wilhelm Joseph Schellings. Die Gutachter durchschauen jedoch das Manöver und lehnen das Projekt ab (das ist der wahrhaft phantastische Teil: Die DFG hätte so ein Projekt vermutlich eher mit Geld überschüttet).

Metaphysik als männliches Projekt

Peter Sloterdijks „Das Schelling-Projekt“ (2022) unternimmt den Versuch, Friedrich Wilhelm Joseph Schellings Philosophie als Schlüssel zu einer „neuen Metaphysik“ zu reaktivieren. Sloterdijk liest Schelling als Denker der „absoluten Freiheit“ und der „schöpferischen Potenz“, die sich in Kunst, Mythos und spekulativer Philosophie manifestiert. Doch während Sloterdijk Schellings Werk als radikalen Bruch mit der aufklärerischen Vernunft feiert, reproduziert er selbst eine Reihe problematischer Exklusionsmechanismen, die aus feministischer Perspektive kritisch zu hinterfragen sind.

Sloterdijks „Relektüre Schellings“ bleibt in einer Tradition verhaftet, die Metaphysik und schöpferische Potenz als genuin männliche Domänen konstruiert. Schellings Philosophie, die Sloterdijk aufgreift, ist geprägt von einer romantischen Vorstellung des „Absoluten“ als einer schöpferischen, sich selbst setzenden Kraft – ein Motiv, das historisch eng mit männlichen Genie-Kulten verbunden ist. Sloterdijk übernimmt diese Perspektive unkritisch und ignoriert dabei, dass Schellings Denken (wie das vieler deutscher Idealisten) das Weibliche oft nur als „Anderes“, als passives Prinzip oder als „Natur“ kennt, das dem aktiven, schöpferischen Geist gegenübersteht.

Feministische Philosophinnen wie Luce Irigaray oder Judith Butler haben gezeigt, wie solche Dualismen (Aktiv/Passiv, Geist/Natur, Kultur/Frau) die Abwertung des Weiblichen und die Ausgrenzung von Frauen aus dem Bereich des „wahren“ Philosophierens legitimieren. Sloterdijk reproduziert diese Logik, indem er Schellings „schöpferische Freiheit“ als universelles Prinzip feiert, ohne zu fragen, wer historisch von dieser Freiheit ausgeschlossen wurde – und wer es bis heute ist.

Auffällig ist, dass Sloterdijk in seinem „Schelling-Projekt“ feministische Theorien nicht einmal als mögliche Gegenpositionen erwähnt. Während er sich ausführlich mit männlichen Denkern wie Heidegger, Nietzsche oder Hegel auseinandersetzt, fehlt jede Reflexion über die Geschlechterordnung, die Schellings (und Sloterdijks eigene) Philosophie strukturiert. Dabei hätte gerade eine feministische Lektüre Schellings aufzeigen können, wie dessen Philosophie der „absoluten Identität“ die Differenz – und damit auch die Geschlechterdifferenz – zu negieren sucht, anstatt sie als produktive Kategorie zu denken.

Feministische Philosophinnen wie Rosi Braidotti oder Donna Haraway haben gezeigt, dass eine Philosophie, die Differenz und Hybridität ernst nimmt, nicht auf die Idee einer „reinen“, schöpferischen Subjektivität zurückgreifen kann. Stattdessen müsste sie die Verwobenheit von Körpern, Technologien und sozialen Machtverhältnissen in den Blick nehmen – ein Ansatz, der in Sloterdijks Werk keine Rolle spielt.

Sloterdijks Fokus auf das „schöpferische Subjekt“ ist nicht nur geschlechterblind, sondern auch klassistisch und rassistisch konnotiert. Historisch war der Begriff des „Schöpferischen“ eng mit dem bürgerlichen, weißen, männlichen Künstlergenie verbunden – eine Figur, die Sloterdijk unkritisch glorifiziert. Feministische Kunst- und Kulturtheorien (etwa bei Griselda Pollock oder bell hooks) haben jedoch gezeigt, dass „Schöpfung“ immer auch eine Frage der Zugänge und Privilegien ist: Wer darf als schöpferisch gelten? Wer wird als „Künstler“, als „Philosoph“, als „Denker“ anerkannt – und wer nicht? Sloterdijks „Schelling-Projekt“ ignoriert diese Fragen und reproduziert damit eine Philosophie, die sich als universell gibt, aber in Wahrheit nur eine sehr spezifische (männliche, weiße, bürgerliche) Perspektive verallgemeinert.

Angriff auf Gender-Diskurse

Da Sloterdijk wenig Mühe an eine literarische Gestaltung des Textes verwandte, wurde sein Text eher als politische Stellungnahme verstanden: als Angriff auf Gender-Diskurse. Die Schriftstellerin Elke Schmitter nannte Sloterdijks Buch in ihrer Rezension für den Spiegel als anti-feministisches Pamphlet, das nur notdürftig als Roman getarnt sei (ihre bzw. die redaktionelle Überschrift: „Die Frau als Herrenwitz“).

Schon 1991 hatte Sloterdijk transhumane Züchtungsfantasien, wollte den „Altmenschen“ durch Selektion zur Strecke bringen, so Thomas Assheuer 1999. In von ihm herausgegebenen „Berichten zur Lage der Zukunft“, die in der renommierten edition Suhrkamp erschienen, wolle Sloterdijk das „alteuropäische weltanschauliche Erbe“ abräumen. Sloterdijk trat für einen „Biologismus“ ein, der „auf eine intelligente Menschheit im ganzen zielt“, aber angeblich „nicht auf eine neurobiologische Apartheid oder eine Klassenherrschaft der Intelligenzmutanten über die Altmenschen heutigen Typs“.

Dann kamen seine „Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus“ (Suhrkamp 1999). Sloterdijk will darin Heidegger materialistisch umdeuten und damit Heideggers Metaphysik eine modernere Variante des Denkens einflößen. Dann fügt er eine Idee in der Tradition Nietzsches dazu: Der Mensch habe schon immer ein Züchtungsprojekt betrieben und dies unter dem Deckmantel der Humanität verborgen. Diese inhaltlichen Details wurden damals als eine Spitze gegen die Kritische Theorie gedeutet. Sloterdijk habe seinem gehoben-bildungsbürgerlichen Suhrkamp-Publikum im Gewand der Kritischen Theorie reaktionäre politische Thesen untergejubelt: ein Plädoyer für eine positive Eugenik (im Sinne Francis Galtons). Assheuer:

„Auf welche Fundamente dieser Züchtungs-„Humanismus“ gebettet ist, führt Sloterdijks monumentales, auf drei Bände angelegtes Sphären-Projekt im Suhrkamp-Verlag vor Augen. Es lebt, an der Grenze zum Totalitären, von der Idee, in unseren postnatalen Verhältnissen müsse die pränatale Symbiose wiederhergestellt werden – die ursprüngliche Geborgenheit, das behütete Wohnen in der „Blase“, die „Klausur in der Mutter“.“

Patriarchen und ihre Mutter-Probleme! Vielleicht werden transhumane Menschenzüchter ja zukünftig in künstlichen Gebärmüttern der von Donna Haraway angekündigten Cyborg ausgetragen…

Thomas Assheuer, Das Zarathustra-Projekt: Der Philosoph Peter Sloterdijk fordert eine gentechnische Revision der Menschheit, ZEIT 1999, http://www.oocities.org/hoefig_de/LKPhilo/Jahrg11/Das_Zarathustra_Projekt.htm

04/23/15

Ex Machina

Filmkritik von Thomas Barth

Aus der modernen Welt der hippen IT-Angestellten entführt uns Alex Garland (Buch und Regie) in einen stylischen Bunker, wo sich ein klaustrophobisches Dreiecksdrama mit Nerd und Cybergirl entfaltet. Der ästhetisch anspruchsvolle, subtile KI-Horror lädt zum Nachdenken ein. Doch die Reflexionen über KI bleiben letztlich eine Eulenspiegelei auf Weizenbaums frühe Kritik an der „künstlichen Intelligenzia“, weit entfernt etwa von Stanislaw Lem und seiner Futurologie der „Künstlichen Nichtintelligenz“.

Der junge Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) gewinnt einen Mitarbeiter-Wettbewerb in seiner hippen IT-Firma. Ein Hubschrauber bringt den Nerd in das einsam hoch im Norden gelegene Anwesen seines Chefs, des Computergenies Nathan (Oscar Isaac). Nathan stemmt Gewichte, besäuft sich abends mit edlen Tropfen und gibt den dominierenden Macho. Man glaubt ihm kaum den brillanten Suchmaschinen-Erfinder, der auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz forscht. Leider erfahren wir nur sehr wenig über seine gigantische Such- bzw. Überwachungsmaschine (Google lässt grüßen), im Film „BlueBook“ genannt –wohl eine Anspielung auf die gleichnamige Ufo-Sichtungsdatei der US-Behörden, die der frühe Computernetz-Kritiker und späteren UFO-Buchautor Jacques Vallee einst mit programmierte. Caleb lernt bald die betörende Gyndroidin Ava (Alicia Vikander) kennen, die er einem weiterentwickelten Turing-Test unterziehen soll. Mit durch eine Trennscheibe gestellten Fragen soll Caleb herausfinden, ob das Cybergirl über echte Gefühle verfügt, doch schnell verwickelt ihn Ava in ein spannungsgeladenes Beziehungsdreieck mit Nathan.

Alex Garland erwies sich schon mit dem Drehbuch zu Alles, was wir geben mussten als Meister des subtilen Horrors, wo er das Thema der Klon-Sklaverei um einiges anspruchsvoller inszenierte als die Popkornkino-Variante Die Insel es vermochte. Sein neuer Film Ex Machina bietet mehr an cineastischem Augenschmaus, der den Intellekt jedoch weniger befriedigt. Die elegante Kameraführung schafft in der minimalistischen Innenkulisse zwar eine kühle Atmosphäre, in der sich die Gyndroidin Ava mit ihrem erotischen, teils transparenten Körper entfalten kann.

Die Technologie interessiert Garland sichtlich weniger als menschliche Probleme und die Psychologie der Thematik, und so hoppelt die Handlung über einige logische Löcher: Man fragt sich, wieso für den Turing-Test von Ava ein Hightech-Gel-Computer in ihrem schönen Gyndroiden-Kopf überhaupt nötig ist. Ihre KI hätte man problemlos extern platzieren können. Fragwürdig sind jedoch  auch Avas so immerhin erst möglich gemachten Fluchtpläne –sie übersehen Avas offenbar anspruchsvolle Energieversorgung. Was die echte Reflektion über Probleme der KI angeht, erreicht Ex Machina kaum das Niveau der skandinavischen SF-Serie „Hubots“, wenn auch auf ästhetisch anspruchsvollere Weise.

Digitale Kontrolle oder Voodoo-KI?

Alex Garlands Film regt zum Nachdenken an, aber leider nur sehr wenig über die Gefahren der gigantischen Überwachungsmaschine Google (bzw. „BlueBook“). Die globale Überwachung wird zwar ansatzweise kritisch erwähnt, aber da sie letztlich zur technologischen Basis von Avas KI erklärt wird, letztlich sogar glorifiziert. Zumindest für alle begeisterten Befürworter der KI-Konstruktion könnte das globale Netz von Google (oder womöglich sogar auch das der NSA) damit eine mystifizierende Rechtfertigung erfahren.

Hier klingen ferne Motive des klassischen Modells einer Noosphäre an, die sich moderner bei Cyber-Optimisten wie Pierre Levy in der „kollektiven Intelligenz“ der Netze finden. Levy gibt sich der Hoffnung hin, dass „die globale Totalität der Menschheit dabei ist, zum erstenmal zu einer einzigen kollektiven Intelligenz zu verschmelzen…“ (Levy S.247). Das „global brain, so to speak –the noosphere“ prägten das Genre des Cyperpunk schon in William Gibsons „Neuromancer“, wo es als mystische Voodoo-KI „Wintermute“ den Deus Ex Machina gab, so Erik Davis in „TechGnosis“ (Davis S.352). Das romantische Schwelgen in Träumereien von einer sich am Ende geheimnisvoll aus unserem technologischen Treiben erhebenden göttlichen KI ist verständlich, lenkt jedoch von konkreteren Problemen ab: Den neuen digitalen Kontrollregimen (Barth 1997) und der wachsenden Macht zur Manipulation von Mensch und Gesellschaft durch globale Medienkonzerne (Barth 2006).

Eulenspiegelei auf Weizenbaum

Und so bleibt auch das Nachdenken über die Künstliche Intelligenz bei Garland auf einem eher bescheidenen Niveau. Sein Film Ex Machina erscheint als Antwort auf die frühe Kritik an der frühen KI-Euphorie, wie sie sich bei Joseph Weizenbaum im „Künstliche Intelligenz“-Kapitel seines bahnbrechenden Klassikers „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ findet. Bestenfalls könnte man Ex Machina als Eulenspiegelei auf Weizenbaum sehen:„Da sich das menschliche Denken beispielsweise mit ästhetischen Problemen in Verbindung mit Fühlen, Schmecken, Sehen und Hören beschäftigt hat, wird AI Maschinen bauen müssen, die fühlen, schmecken, sehen und hören können.“ Weizenbaum, S.188 (vgl.S.276f.)

Hier setzt Garlands sexy Gyndroidin Ava an und sorgt mit ihren Gefühle reizenden weiblichen Kurven für Geschmacksverirrung, dass den KI-Forschern Hören und Sehen vergeht: Ava erweist sich als Sex-Roboter mit voll funktionsfähiger Vagina. Der künstliche Vamp hat Tradition im SF-Genre, schon seit Fritz Langs Metropolis. Und selbst der androide Star-Trek-Pinocchio Mr.Data, der die KI-Thematik schon in der spröden Enterprise-Serie durcharbeiten durfte, bekannte sich einmal –quasi hinter vorgehaltener Hand- zu seinem einsatzbereiten Penis. Ex Machina stellt den Maschinen-Eros ins Zentrum, macht ihn zum Prüfstein im (vorgeblichen) Turing-Test. Aber kann die Thematik vom Robot und seinen Gefühlen heute wirklich noch zu Reflexionen über die Probleme der KI anregen?

Weizenbaums auf menschliche Körperlichkeit und Emotionen abzielende Argumentation richtete sich damals nur an die ersten Frühformen, quasi die Neandertaler der KI-Forschung, wie z.B. Newell & Simon. Die glaubten mit ihrem „General Problem Solver“ (GPS) schon den menschlichen Geist nachzubilden, obgleich der es nur bis zum mäßigen Schachspielen brachte. Sie waren sich immerhin noch bewusst, eine reduzierte Sicht des Menschen zu vertreten, den „homo cogitans“ (Newell & Simon S.113) –daher spricht man von kognitivistischer KI-Forschung, die aber später vom Konnektionismus mit seinen Neuronalen Netzen überflügelt wurde.

Die frühen KI-Euphoriker, die Weizenbaum als extreme „künstliche Intelligenzia“ bezeichnete (Weizenbaum S.282), wollten damals menschliches Schlussfolgern in Algorithmen nachbilden. Sie wollten allen Ernstes schon alsbald z.B. menschliche Richter durch Computer ersetzen, so bekannte ein hierzulande eher unbekannter KI-Extremist namens John McCarthy (Weizenbaum S.275). McCarthy glaubte, es sei nützlich, Computern menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, wenn dies dabei helfen würde, sie zu reparieren oder zu verbessern. Dies mag für Ingenieure gültig sein, wird aber problematisch, wenn es zu einer neuen „Ansicht über den menschlichen Geist“ verallgemeinert wird (McCarthy S.221).

Künstliche Nichtintelligenz

Der Rechtsinformatiker Wilhelm Steinmüller, der Informationssysteme auch als „Machtfabriken“ (S.530) sieht, urteilt in seinem Opus Magnum „Informationstechnologie und Gesellschaft“ weniger optimistisch:

„Bei echten KI-Systemen treten in gewissem Umfang an die Stelle determinierter Verfahren stochastische Verfahren. Sie entscheiden –wenn auch eingeschränkt- nach dem Zufall… Doch ist es weder mit der Ethik der Informatik noch mit unserer Rechtsordnung vereinbar, Zufall –wenn auch eingeschränkt- über physische oder soziale Existenz von Menschen oder Institutionen bestimmen zu lassen. Darum ist die wichtigste Anforderung des Informationsschutzes ihr Verbot, wo sie über Leben oder soziale Chancen befinden.“ Steinmüller, S.693

Diesen Rat hätten die Akteure in Garlands Film Ex Machina besser beherzigen sollen –oder sich fragen, warum Alan Turing seinem epochemachenden Aufsatz „Kann eine Maschine denken?“ (1950) ein Zitat von Shakespeare voranstellte: „Der Spaß ist, wenn mit seinem eignen Pulver der Feuerwerker auffliegt…“, Hamlet. So geht der gyndroide Sexroboter Ava seinen von Frankenstein bis Blade Runner vorhersehbaren Weg, ohne uns allzu viel Anregung zu ernsthaftem Nachdenken über aktuelle KI-Forschung geliefert zu haben. Die naiven Antworten auf die Kritik an quasi prähistorischen KI-Systemen greifen wenig, die rudimentären Verweise auf Noosphäre und kollektive Intelligenz im Netz hätten weiter verfolgt werden können.

Stanislaw Lem sprach in seinem Buch „Die Technologiefalle“ von „Künstlicher Nichtintelligenz“ (S.141), die womöglich bei gezielter Informationszüchtung entstehen könne, kaum aber einfach so im Internet. Der späte KI-Extremist Marvin Minksy schien mit seiner „Mentopolis“ zwar eine Brücke vom globalen Netz der „Telepolis“ zu solcher Datenzüchtung schlagen zu wollen. Doch dies blieb rudimentär und Minsky verstrickte sich eher in ähnliche Fragen wie Garland, ob und wie einer KI nicht erst Gefühl einprogrammiert werden müsse (Minsky S.163). Von der Schaffung einer echten KI, die den menschlichen Geist auch nur annähernd nachbilden oder zu ihm ähnlichen Ergebnissen kommen könnte, bleiben solche Ansätze noch weit entfernt.

„Die Entwicklung der KI muß mit der Entwicklung des biologischen Zentralnervensystems nicht äquifinal sein. Die Möglichkeiten sind so weit wie der Ozean, und wir haben weder einen ordentlichen Kompaß noch eine Karte.“ Stanislaw Lem, S.261 (zuerst auf filmverliebt)

11/21/14

Michel Foucault: Macht-Wissens-Netze

Thomas Barth
Lange vor den modernen Computernetzen entwickelte der vielseitige Denker Michel Foucault seine Kritik der modernen Vernunft. Auf Nietzsche zurückgreifend schuf er eine Netztheorie der Macht-Wissens-Komplexe rund um die Begriffe des Diskurses und der Archive. Einer Disziplin wollte er sich nicht gerne zuordnen lassen, Philosophie, Ideengeschichte, Sozialtheorie? Seine Kritik begann mit Psychologie, Psychiatrie, Medizin, deren Diskurse und Geschichte er untersuchte.

Im Jahr 1961 erlangte Michel Foucault seinen Doktortitel mit „Wahnsinn und Gesellschaft“, welches eine Geschichte der Ausschließung der Irren im Zusammenhang der Entfaltung abendländischer Vernunft schreibt und ihm, wie er sagte, noch 20 Jahre nach der Publikation wütende Briefe von Psychiatern einbrachte. Sein nächstes großes Werk „Die Ordnung der Dinge“ macht ihn 1966 als strukturalistischen Gegenspieler Sartres berühmt. 1970 wird Foucault Professor für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France, entwirft ein Programm für die Erforschung diskursiver und sozialer Ausschließungen.

Die Psychologie nimmt der frühe Foucault stellvertretend für alle modernen Wissenschaften vom Menschen. Ihre Ideologie ist der Humanismus, in welchem Foucault hinter dem „guten Willen“ Kants den Willen zur Macht Nietzsches sichtbar macht: Die Human-Wissenschaften sind in ihren Ursprüngen jenen Individuen vorbehalten, deren Verhalten vom Durchschnitt oder von der geforderten Norm abweicht. Eigene Erfahrungen mit der Psychiatrie könnten eine Rolle bei seiner kritischen Haltung gespielt haben.

Panoptismus und das Netz der Disziplinierung

Die Anstalten, die psychiatrischen Kliniken und die Gefängnisse sind die Orte des Zurechtrückens der ver-rückten Subjekte. So gibt es für Foucault kein vom Netz der Macht isoliertes Subjekt. Statt dessen produziert die Macht Wissen vom Individuum, formt es und ist in seinen Vorstellungen z.B. von Freiheit und Unterdrückung immer schon präsent. Machtverhältnisse brauchen daher nicht unbedingt Gewalt, vielmehr die Anerkennung des anderen als Subjekt mit einer normierten bzw. zu normalisierenden Individualität. Sein Hauptaugenmerk gilt daher den Disziplinen und Instanzen, denen diese Normalisierung (meist mit dem Anspruch zu behandeln, zu helfen, sogar zu befreien) obliegt: Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Kriminologie, Justiz.
„Die Psychologie steht immer und von Natur aus an einem Kreuzpunkt der beiden Wege, wo einerseits die Negativität des Menschen bis zu einem extremen Punkt vertieft wird (…) und wo andererseits das Spiel unaufhörlichen Wiederaufnehmens, Zurechtrückens von Subjekt und Objekt, von Innen und Außen, von Erlebtem und Erkanntem sich übt.“ Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft (1973) S. 547 f.

Foucault ist 1971 Gründungsmitglied der G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation), deren Arbeit mit Häftlingen zur Kritik an Zuständen im französischen Justizapparat bis hin zu Gefängnisrevolten führt. 1974 deckt Foucault mit „Überwachen und Strafen“ gemeinsame Wurzeln von Liberalismus und Einsperrung, von Freiheitsrechten und Disziplinarinstitutionen auf: Der Panoptismus, die Überwachung vieler durch wenige, erscheint als dunkle Seite der Aufklärung, welche die traditionelle Kritik von Staat und Ökonomie bislang ausgeblendet hatte.

Derjenige, welcher einem kontrollierenden Sichtfeld ausgesetzt ist und dies weiß, so Foucault, übernimmt die Zwangsmittel der panoptischen Macht. Der Kontrollierte spielt sie gegen sich selber aus und schreibt das Machtverhältnis in sich ein: Er wird zum Gehilfen seiner eigenen Unterwerfung. Anders als die Frankfurter Schule (Horkheimer/Adorno) sieht Foucault jedoch Widerstandspotentiale jenseits des gescheiterten marxistischen Projekts. 1976 in „Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit 1)“ lokalisiert Foucault den zentralen Mechanismus einer „Bio-Macht“ in der Kontrolle menschlicher Sexualität, die das Subjekt in seinen Lüsten und Begierden wie die Bevölkerung in der Reproduktion erfasst.

Netz- und Mikrophysik der Macht

Provokativ prognostizierte Foucault den „Tod des Menschen“ bzw. „des Subjekts“: Diese Thesen wurden von Sozialwissenschaftlern der Generation ‘68 Anfang der 90er-Jahre noch unverstanden als Beweis der Verrücktheit Foucaults laut deklamiert, dann aber zunehmend kontrovers diskutiert. Für Foucault sind „Mensch“ und „Subjekt“ Formationen in der diskursiven Ordnung der Humanwissenschaften, und damit Teil eines heute auf dem Rückzug befindlichen Macht-Wissens-Komplexes. Das Subjekt kann nicht mehr Ursprung der Erkenntnis einer Wahrheit sein, die „Objektivität“ als „intersubjektive Überprüfbarkeit“ definiert.

Die von Foucault proklamierte „Mikrophysik der Macht“ wirkt durch kleinste Elemente, sie wirkt als Netz, das die Familie, sexuelle Beziehungen, Wohnverhältnisse, Schule, Krankenhäuser, Psychiatrie, Gefängnisse etc. als Feld von Kräfteverhältnissen und Macht-Wissens-Techniken begreift. Also ist die Macht keineswegs, wie Marxisten glauben, im Besitz einer bestimmten Klasse und kann auch nicht einfach durch den Sturm auf ihr Zentrum erobert werden. Daher läßt sich Macht auch nicht einfach mit ökonomischer Macht gleichsetzen. Sie ist nicht „monolithisch“ und wird somit nicht von einem einzelnen Punkt aus kontrolliert.

Kritik an Humanismus und „Wahrheit“

Klassische linke Kritikfiguren von Ideologie, Gewalt und Unterdrückung greifen ebenfalls nicht hinsichtlich der Wirkungsweise von so verstandenen Machtverhältnissen. Foucault kritisiert den Ideologiebegriff, da er immer im potentiellen Gegensatz zu etwas steht, was Wahrheit wäre; „Wahrheit“ ist aber selbst ein diskursives Ausschlußprinzip, ein Machtmechanismus, den es zu reflektieren gilt. Die dunkle Seite der Aufklärung sieht Foucault dabei gerade im „Humanismus“:

„Ich verstehe unter Humanismus die Gesamtheit der Diskurse, in denen man dem abendländischen Menschen eingeredet hat: Auch wenn du die Macht nicht ausübst, kannst du sehr wohl souverän sein. Ja, …je besser du dich der Macht unterwirfst, die über dich gesetzt ist, umso souveräner wirst du sein. Der Humanismus ist die Gesamtheit der Erfindungen, die um diese unterworfenen Souveränitäten herum aufgebaut worden ist: die Seele (souverän gegenüber dem Leib, Gott unterworfen), das Gewissen (frei im Bereich des Urteils, der Ordnung der Wahrheit unterworfen), das Individuum (souveräner Inhaber seiner Rechte, den Gesetzen der Natur oder den Regeln der Gesellschaft unterworfen).“ Michel Foucault: Von der Subversion des Wissens, 1978, S.114

In Theorie und Praxis wirkt Foucault heute vor allem überall dort, wo Mechanismen sozialer Ausschließung wirken und Gruppen von Menschen als krank oder kriminell von der Gesellschaft einer Kontrolle oder Behandlung unterzogen werden. In der Anti-Psychiatrie (Ronald D. Laing, Thomas S. Szasz), mit der Foucault von Beginn an sympathisierte, gibt es etwa ein deutsches Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrischen Behandlung, das von etablierten Sozialkritikern weitgehend ignoriert wird (von der psychiatrischen „Wissenschaft“ sowieso). Sein Begriff des Panoptismus inspiriert auch Netz- und Überwachungskritik.

06/6/14

Big Data & Biopolitik

Müssen wir mit allem rechnen? Dataismus #3 Krankheiten, Gene und ewiges Leben

Große Daten – bitte was? Der Begriff „Big Data“ geistert seit Monaten durch Artikel, TV-Sendungen  und Radiobeiträge. Die weitaus meisten von uns haben dennoch, zumindest laut mancher Studie, keinen blassen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Mit einer Artikelreihe wollen wir deshalb ein paar Scheinwerfer in den Datenanalyse-Wald richten.

Rebecca Ciesielski, 03. April 2014, aus: Netzpolitik

Große Daten – bitte was? Der Begriff „Big Data“ geistert seit Monaten durch Artikel, TV-Sendungen  und Radiobeiträge. Die weitaus meisten von uns haben dennoch, zumindest laut mancher Studie, keinen blassen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Mit einer Artikelreihe wollen wir deshalb ein paar Scheinwerfer in den Datenanalyse-Wald richten. Denn die enthüllte Überwachungs‑, ist eigentlich eine „Berechnungsgesellschaft“. Darin sind die Geheimdienste nur einige Akteure unter vielen. 

Die Vorgeschichte steht hier und hier.

Wo verbrachten Sergey Brin, Mark Zuckerberg, Lana del Ray und David Petraeus eigentlich den Abend des 12. Dezember 2013? Dass sich zwei der wichtigsten Internetlenker, ein Ex-CIA-Chef und eine Hollywood-Sängerin zu einem gemeinsamen Dinner treffen, wäre wohl für sich stehend schon eine erzählenswerte Anekdote. Besonders wenn – wie an diesem Abend – noch der Schauspieler Kevin Spacey und der Medien-Großherrscher Rupert Murdoch dazukommen. Aber natürlich trafen sich die tech elite, military, and Hollywood starsnicht ohne Anlass.

Im Gegenteil – Brin, Zuckerberg und die anderen versammelten sich knapp zwei Wochen vor Weihnachten in den prunkvollen Hallen des NASA Ames Research Center um Wissen zu feiern. Ausnahmsweise nicht ihr eigenes, sondern bahnbrechende“ – aber von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommene – Entdeckungen von Genetikern, Neurobiologen und Biochemikern, wie Michael Hall, Mahlon DeLong und Alexander Varshavsky. Jeweils drei Millionen US-Dollar erhielten die Wissenschaftler für ihre Erkenntnisse über die sogenannte tiefe Hirnstimulation (mit Elektroden-Implantaten im Gehirn sollen Krankheiten wie Parkinson oder auch Depressionen abgeschwächt werden) oder über den Proteinstoffwechsel im Inneren von Körperzellen (ein Vorgang, der Alterungsprozesse beeinflussen soll). Sieben Preise – sechs im Bereich Life Science, einer für Physik – stifteten Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan, Sergey Brin und Ex-Partnerin Anne Wojcicki (die Gründerin von 23andme, ein US-Unternehmen, das billige und schnelle Gen-Tests anbietet), der chinesische Internetunternehmer Jack Ma und der russische Ex-Weltbanker und Investor Yuri Milner, mitsamt ihren Frauen Cathy Zhang und Julia Milner.

Der Breakthrough Prize in Life Science ist die weltweit höchstdotierte Auszeichnung im Bereich Wissenschaft –  Nobelpreisgewinner bekommen nur rund ein Drittel der Summe. An diesem Abend wechselten insgesamt 21 Millionen US-Dollar ihre Besitzer. Und so wenig nachvollziehbar es aussehen mag: Dass einige der momentan wichtigsten Personen des Silicon Valley horrende Summen in Humanbiologen stecken, geschieht absolut nicht zufällig.

Zuckerberg bezeichnete die Forscher als amazing heroes und their work in physics and genetics, cosmology, neurology and mathematics will change lives for generations. Die Biologie, die Medizin, Forschung an Medikamenten, die Entschlüsselung individueller DNA-Sequenzen – das alles ist zur information technology geworden, betonten die Stifter des Preises. Vor rund zehn Jahren entschlüsselten Wissenschaftler das erste menschliche Genom. Damit waren die Forscher damals 15 Jahre lang beschäftigt. Unser Bauplan ist darstellbar durch riesige Informationsabfolgen. Da die Rechenleistung, besonders der leistungsstärksten Computer, rapide zunimmt, lassen sich auch die Daten über die persönliche Veranlagung und Gesundheit immer schneller auswerten. Erst vor wenigen Tagen teilte der Chiphersteller Intel mit, dass es dem Unternehmen nun möglich sei, ein vollständiges Genom innerhalb eines Tages auszuwerten. Bis die US-Arzneimittelzulassungsbehörde FDA die Anwendung vor wenigen Monaten verbot, war die schnelle Datenauswertung das Erwerbsmodell von 23andme. Für knapp 100 US-Dollar konnten Kunden ihre Anlagen auf Alzheimer, Krebs und andere Krankheiten prüfen lassen. Die FDA hielt diese Analysen allerdings für wenig aussagekräftig. Denn bei medizinischen Fragen sind die Experten mittlerweile dazu übergegangen, unzählige und schwer zu fassende Abläufe im Körper, sowie die persönlichen Gewohnheiten und Lebensumstände einzubeziehen. Wie alt werde ich? Werde ich an Demenz, Krebs oder Bluthochdruck leiden? Aber auch: Warum altern wir? Welche Personengruppen mit welchen Gewohnheiten werden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu langjährigen und kostenintensiven Pflegefällen?

Alle diese Fragen schreien förmlich nach einer Auswertung mit Big Data-Technologien, die es ermöglichen große, verschiedenartige Datenmengen möglichst in real time auszulesen und daraus Muster und  Vorhersagen abzuleiten. Wer einen Hammer besitzt, sieht überall Nägel: Google und Facebook verfügen über Soft- und Hardware, mit der Fähigkeit, in Sekundenbruchteilen komplexe Nutzerprofile mit der passenden Werbung abzugleichen oder versuchen, die Qualität von Texten durch Analyse von Wort-Häufungen und Kontext zu ermitteln. Aber die Big Data können auch vielschichtige Mechanismen von Krankheiten oder Arzneimitteln identifizieren. Dafür benötigt die Technik aber ihren Rohstoff: Daten.

Stufe 1 – Big Data im Gesundheitssystem

Sollten Blutwerte mit Gen-Datenbanken verknüpft und Risikokennzahlen oder Rohdaten an Krankenkassen, Pharmaunternehmen, Universitäten oder auch die Polizei gesendet werden? Bei diesen Fragen ist Deutschland noch in der Aushandlungsphase. Seit Anfang des Jahres ist die elektronische Gesundheitskarte (eGK) in Deutschland eigentlich Pflicht. Heute befinden sich allerdings wesentlich weniger Daten auf den Chipkarten der Krankenkassen als ursprünglich geplant. Sogenannte Basisdaten wie Name, Geburtsdatum und Versicherungsstatus sind gespeichert. Der freie Speicherplatz für Zusatzdaten wie verordnete oder rezeptfrei in der Apotheke gekaufte Medikamente, Diagnosen, Laborbefunde und Röntgenbilder (elektronische Patientenakte) bleibt bislang leer.

Ein Zustand, den auch deutsche Krankenkassen bedauern und als vorübergehend einstufen. Denn die Versicherten sollen bei sensiblen Daten selbst bestimmen können, wer zugreifen darf, was gespeichert und was wieder gelöscht werden soll. Deshalb kann die eGK in ihrer jetzigen Form nicht ihre geplante Funktionsfähigkeit entfalten. Die Zugangsschranken verhindern (momentan), dass Daten vieler Patienten zusammengeführt, Muster darin erkannt oder Risikogruppen für Krankheiten bestimmt werden können. Aus Big Data-Perspektive ist die elektronische Gesundheitskarte ein absoluter Rohrkrepierer. Die Zugeständnisse und die verspätete Einführung der Karte (der ursprünglich geplante Start war Januar 2006) zeugen davon, wie umstritten das Projekt war und ist. Etwa Datenschützer aber auch Ärzte-Vertreter haben die zentrale Speicherung von Gesundheitsdaten über Jahre hinweg wiederholt abgelehnt.

Worüber heute nur noch wenig gesprochen wird: Gesundheits-Big-Data, also zentral gespeicherte und zusammengerechnete Arztbesuche, Blutwerte und Medikamentenkonsum aller Patienten waren und sind das eigentliche Ziel des ganzen Projekts.

Die Idee einer eGK entstand vor 13 Jahren, ausgelöst durch den sogenannten Lipobay-Skandal. Der Arzneimittelhersteller Bayer musste damals sein cholesterinsenkendes Medikament Cerivastatin (Handelsname: Lipobay) vom Markt nehmen, nachdem weltweit rund 50 Todesfälle auf die Substanz zurückgeführt werden konnten. Die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt wollte solche Unfälle durch mehr Wissen verhindern, durch die erstmalige Zusammenfassung aller Patientendaten auf den Karten der Patienten. Mit Big Data hatte das – rein technisch betrachtet – nichts zu tun. Google veröffentlichte MapReduce erst 2004, die auf dem Algorithmus basierende Hadoop-Infrastruktur für große Datenmengen entstand im Folgejahr. Beide Ideen gelten als die zündenden Big Data-Innovationen. Aber die Denkweise, zumindest jene von bestimmten Interessengruppen, war auch schon zur Zeit der ersten Ideen für einen Arzneimittelpass eine ähnliche. Nur mit einer engen elektronischen Vernetzung zwischen Krankenkassen, Ärzten und Apothekern ist es möglich, Fehlentwicklungen und Gefahren der Medikamenteneinnahme schnell aufzuspüren und zu verhindern, sagte der damalige AOK-Bundesvorsitzende Rolf Hoberg 2001 der Berliner Zeitung.

Über ein Jahrzehnt später benutzen die gleichen Interessengruppen dieselbe Rhetorik um die Ziele von damals voran zu bringen. „Vor zehn Jahren wurden die Krankenkassen gesetzlich verpflichtet, die Karte einzuführen – ein Mehrwert ist weder für die Versicherten noch für die Kassen vorhanden, sagte beispielsweise der Vorstandsvorsitzende des Vereins der Innungskrankenkassen (IKK) Hans Peter Wollseifer im Februar. Die Botschaft dahinter: 800 Millionen Euro Beitragsgeld haben die Kassen in die Karten investiert. Bekommen haben sie ein kleines Foto, ohne jeden finanziellen Nutzen.

Dabei könnten die Einsparungen so groß sein. Weil die deutsche Gesellschaft beständig altere und ältere Menschen, Zivilisationskrankheiten und sogar der technische Fortschritt mit seiner lebensverlängernden Wirkung höhere Behandlungskosten verursache, sei zu befürchten, dass „die Gesundheitsausgaben in Deutschland einen immer größeren Teil des Bruttosozialproduktes verschlingen werden“, steht in einem sogenannten Trendpapier der Unternehmensberatung Lünendonk. Das Positionspapier beschäftigt sich mit dem Mehrwert von Big Data für Krankenversicherungen. Diese gingen dazu über, immer mehr Informationen über ihre Kunden zu sammeln und die Daten für Echtzeit-Analysen, Betrugserkennung, Kundenbindung, Stornoprävention, Langfristprognosen und die Segmentierung von Risikogruppen einzusetzen. Wenn es den einzelnen Versicherten auch nicht besser stellt, so ist es doch ein Beitrag zu mehr Gerechtigkeit für die Gesellschaft. Natürlich befürwortet das Trendpapier sämtliche Datenschleudern wie die elektronische Patientenakte, ein einheitliches Krebsregister und personalisierte Medizin auf Basis von Genomdaten. Das Dokument ist aber in seinen Bewertungen keinesfalls neutral. Die Broschüre entstand in Zusammenarbeit mit SAS – eines der Unternehmen, das sich durch mehr Big Data im Gesundheitssystem mehr Einnahmen versprechen dürfte. Denn SAS gehört neben IBM, Oracle, SAP und Microsoft zu den fünf größten Softwareproduzenten in diesem Bereich.

In den USA könnte der konsequente Einsatz von Big Data im Gesundheitssystem zu Einsparungen von 300 Milliarden Dollar führen. Jährlich würde so ein gutes Zehntel der Gesamtkosten gespart, behaupten zumindest Analysten von McKinsey. Den Ist-Zustand der amerikanischen Patientenakte stellt der US-Think Tank Rand Corporation in einer Studie genau gegenteilig und aus wirtschaftlicher Sicht ziemlich düster dar: Die Daten seien zu schlecht verknüpft. Momentan explodierten die Kosten anstatt zu sinken.

Mit dem Wort düster lässt sich auch der Datenschutz in den USA ganz gut beschreiben. Und hier geht es nicht um die NSA. „Der umfassende Gebrauch von Health IT in der Gesundheitsindustrie wird die Qualität der Gesundheitsversorgung verbessern, Behandlungsfehlern vorbeugen, Kosten reduzieren“ – schreibt das US-Gesundheitsministerium auf der eigenen Internetseite. Bis 2015 müssen alle Ärzte und Krankenhäuser ihren Betrieb auf die elektronische Patientenakte (EHR, electronic health record) umstellen. Symptome, Diagnosen, Labortests, Medikamente – in den USA wird das alles legal an Forscher, Strafverfolger, den Staat (Serious Threat to Health or Safety, conducting Intelligence and national security activities, …), an Geschäftspartner von Ärzten und Krankenkassen oder auch an das National Instant Criminal Background Check System“ weitergegeben. Letzteres sortiert potentielle Käufer von Waffen nach deren psychologischer Vorgeschichte. Alle Daten werden miteinander verknüpft, Data Mining-Programme suchen nach Betrug, Arzneimittelwirkungen , Genvarianten. Das eMerge-Konsortium, ein durch das US-Gesundheitsministerium geschaffenes Netzwerk für Gen-Forscher, hat durch Daten-Analyse über 100 Genvarianten gefunden, die mit Hautkrebs in Verbindung stehen sollen.

Es mag an dieser Stelle kaum mehr verwundern, dass der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin die Speicher-Infrastruktur des amerikanischen Gesundheitssystems stellt. Big Data ist so universell einsetzbar, die Technik befähigt sogar Kampfflugzeug-Experten zur Gesundheits-Analyse. Jene Analyse-Technik, die Lockheed Martin entwickelt hat, um Flugkörper aufzuspüren, kann in abgewandelter Form auch eine Blutvergiftung vorhersagen.

Stufe 2 – Calico, Gene und politische Großprojekte

Rüstungskonzerne, die sich mit Gesundheitsanalyse beschäftigen – das passt zur grundlegenden These dieser Artikelreihe:  Überall wo Daten, wo maschinenlesbares Wissen anfällt, werden die Algorithmen und die Speichertechnik (das Know-how über Big Data) mehr und mehr zur Grundlage aller empirischen Erkenntnis. Das schafft Allianzen, von Wissenschaftlern, Politikern und Unternehmen, deren Analyse das Verstehen vieler Zusammenhänge möglich macht. Big Data erklärt, warum Sergey Brin teure Preise für Biologen stiftet.

Und auch, warum Arthur Levinson der Chairman jener Stiftung ist, die die Preise vergibt. Nur wenige dürften die Schnittstelle zwischen Humanbiologie und den Big Playern des Internets besser verkörpern als der Molekularbiologe. Als Google-Chef Larry Page im September vergangenen Jahres ein neues Langzeitprojekt des Konzerns – Google Calico – präsentierte, ernannte er Levinson zum Vorstandsvorsitzenden. Levinson war bis 2009 schon im Verwaltungsrat von Google.  Er legte diesen Posten nieder, nachdem die US-Kartellbehörde FTC Bedenken geäußert hatte, weil Levinson damals wie heute auch den Posten des Verwaltungsratschefs bei Apple besetzte. Viele Jahre war der frühere Wissenschaftler und heutige Manager außerdem der Vorstandsvorsitzende von Genentech – einer erfolgreichen Biotechnologie-Tochter des Schweizer Pharma-Konzerns Hoffmann-La Roche. Mittlerweile ist er der Verwaltungsratschef des Kalifornischen Unternehmens, das besonders für seine Krebspräparate bekannt ist.

Google gründet, übernimmt und verkündet eigentlich permanent irgendetwas. Calico schaffte es sogar auf die Titelseite des Time-Magazin. Obwohl über das Unternehmen wenig mehr bekannt ist als sein ambitionierte Ziel, das menschliche Leben zu verlängern und jener Einschränkung von Page, dass es wohl zehn oder 20 Jahre dauern würde, bis in dieser Hinsicht echte Ergebnisse zu erwarten seien.

Interessant ist, was hinter und neben Calico steht. Denn das Unternehmen teilt sich das Forschungsfeld Alter und Tod mit der Sens research Foundation, Genescient oder Human Longevity, einem Projekt von Craig Venter, jenem Biochemiker, dem die erste vollständige Entzifferung des menschlichen Genoms zugeschrieben wird. Über Human Longevity Inc. schrieb die New York Times kurz nach der Vorstellung des Unternehmens vor etwa einem Monat: The huge amount of DNA data will be combined with huge amounts of other data on the health and body composition of the people whose DNA is sequenced. Alles mit dem Ziel, die typischen und oftmals tödlichen Alterskrankheiten wie Krebs oder Kreislauf-Krankheiten zu begreifen. Die Vision von einem langen, vielleicht sogar ewigen Leben, ist zu einer datengetriebenen Wissenschaft geworden. Entsprechend oft sind es Informatiker oder Mathematiker, die die medizinische Forschung voranbringen. 20th Century biology was good at focusing on one or a few biochemical pathways, genes, or cell types, heißt es auf der Internetseite von Genescient. But with the advent of micro-robotics, information technologies, and high-speed sequencing, it is no longer necessary to focus an experimental flashlight on single components of the apparatus of life. Instead, genomic technologies allow us to turn on floodlights that provide extensive illumination of the complex biochemical networks that sustain life.

Eine blumige Umschreibung von Big Data. Nach Genescient sind wir im Zeitalter von Genomics 2.0 angekommen, in dem auf künstlicher Intelligenz basierende Datenanalyse versucht, Gene und Gesundheit wirklich zu verstehen. Früher hatten Forscher Ideen, Fragen oder Hypothesen und orientierten sich bei der Umsetzung ihrer Experimente an den jeweiligen Vorüberlegungen. Heute gehen viele Gen- und Life Science Forscher davon aus, dass die richtige Software den Schlüssel zum ewigen Leben irgendwann selbstständig findet. Wenn wir alt werden, laufen in unseren Zellen komplexe Vorgänge ab. Wissenschaftler glauben heute, dass die Wechselwirkungen zwischen Genen, Lebensweise, Ernährung und anderen Faktoren so vielschichtig sind, dass Frage und Antwort, Hypothese und Versuchsanordnung die Realität nicht ausreichend erfassen. Der Datenhaufen hingegen soll die ihm innewohnenden Muster offenbaren. Je mehr Daten, je größer dieser Haufen, umso wahrscheinlicher ist es, dass Algorithmen irgendwann die entscheidenden  Nadeln“  im Kampf gegen das Alter aufspüren.

Deshalb passt Calico gut ins Portfolio von Google. Und Arthur Levinson wechselte nur vom Vorstand der einen Datenkrake in den Vorstand der nächsten. 2009 übernahm Roche Genentech vollständig. Die Roche Holding fällt besonders durch ihre hohen Investitionen bei Forschung und Entwicklung auf. Gemessen an den Umsätzen verzeichnete Roche 2013 weltweit die höchsten Ausgaben in diesem Bereich. Kein Wunder also, dass Roche konkret daran interessiert ist seine Innovationsausgaben durch mehr Daten zu senken.

Und dabei hilft die EU. Die rechtlichen Situationen beim Thema Patientendaten sind in den Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich. Mit 16 Millionen Euro fördert die Europäische Kommission dennoch momentan eine länderübergreifende, technische Plattform für Informationen wie Blutwerte, Diagnosen und so ziemlich alles, was sonst noch anfällt beim Arztbesuch, im Krankenhaus oder in der Apotheke. Für den Datenaustausch soll eine europaweite Infrastruktur geschaffen werden. Das Projekt hört auf den etwas kryptischen Namen EHR4CR (Electronic Health Records for Clinical Research) und soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Durch die zusammengeführten Daten europäischer Praxen, Kliniken und Labore soll es etwa leichter werden, Studienteilnehmer für Medikamenten-Tests zu identifizieren. Entsprechend gehören zu den Projektpartnern und privaten Geldgebern die internationale Pharmaindustrie (Roche, Merck, Novartis, Bayer) sowie einige europäische Universitäten und die Schweizer Big-Data-Firma Data Mining International. Deren CEO, der Schweizer Mathematiker Ariel Beresniak, leitet außerdem das EU-Projekt ECHOUTCOME, das mithilfe von advanced statistics and modelling“  seit 2010 die Gesundheitssysteme aller EU-Länder miteinander vergleicht.

Nicht nur in den USA , auch diesseits des Atlantiks gibt es absolut abschreckende Beispiele. Etwa der National Health Service (NHS) in Großbritannien, dessen Datenskandale den Informations-Optimismus eigentlich bremsen sollten. Davon unbeeindruckt schafft EHR4CR“  vielleicht noch in diesem Jahr (europaweite?) technische Tatsachen. Aber gerade beim Thema Gesundheit sollten sich die Dataismus-Verfechter in Zurückhaltung üben. Obwohl es Zensur wäre: Handlungen lassen sich beeinflussen, vermeiden, anpassen. Aber über unsere Gene und Krankheitsrisiken haben wir keine Verfügungsgewalt.

Rebecca Ciesielski

Rebecca hat einige Zeit in Berlin gelebt und im Bachelor Sozialwissenschaften studiert. Lebt jetzt in Leipzig und studiert im Master Informatik (ja das geht, ist aber anstrengend). Interessiert ich besonders für alles, was technisch, wissenschaftlich oder gesellschaftlich revolutionär ist, klingt oder aussieht.

Siehe auch: Foucault für Bradley Manning (Wikileaks-Skandal)

05/13/13

Sören Ingwersen: Cha Cha Baby – Sonnenkind

Sören Ingwersen: Cha Cha Baby und Sonnenkind. Die mystischen Quellen digitaler Lebensformen

Rezension Thomas Barth Juni 2004

Seit je her, so eine zentrale These des Anglisten und Medienwissenschaftlers Sören Ingwersen, verbanden sich mit der Entwicklung neuer Technologien religiöse Vorstellungen, aber insbesondere im „digitalen Zeitalter“ erlangen diese auch populäre Kulturformen. Metaphysisch-religiöse Hoffnungen hätten immer schon die technologische Entwicklung inspiriert (S.13). Diese Antithese zum aufklärerischen Programm der Entzauberung der Welt qua Entmystifizierung nebst technologischem und sozialem Fortschritt entspricht postmoderner Kritik der Aufklärung, ist jedoch nicht das zentrale Thema Ingwersens. Vielmehr präsentiert er dem Leser die Protagonisten zweier Welten: Die heutigen Netzgurus und Apologeten des Cyberspace auf der einen, verstiegene Esoteriker des 19. und frühen 20.Jahrhunderts auf der anderen Seite treffen sich in ihren Vorstellungen von Körper, Erlösung und Unsterblichkeit.

„Schon immer verbanden sich mit der Entwicklung neuer Technologien religiöse Vorstellungen. Im digitalen Zeitalter treten diese stärker denn je in den Vordergrund. Viele Wissenschaftler und Cyberspace-Enthusiasten greifen bewusst oder unbewusst auf mystische Evolutionsmodelle und Erlösungsszenarien zurück, wenn sie für die Zukunft eine technologische Vervollkommnung des Menschen voraussagen. Diese Prognose lässt sich exemplarisch anhand der mythischen Erlöserfigur des »göttlichen Kindes« darstellen, dessen Figur an der Schwelle zum 19. Jahrhundert bei den Theosophen im Umkreis von Helena Blavatsky und Rudolf Steiner, bei den Münchner »Kosmikern« im Umkreis von Alfred Schuler sowie bei den »Ariosophen« im Umkreis des Lanz von Liebenfels eine prominente Stellung einnimmt. Bereits hier erscheint das »Sonnenkind« in technizistischen Kontexten und als Sinnbild einer Verehrung des Körpers, die paradoxerweise dessen Auflösung zur Folge hat.“ (Verlagstext)

Das digitale Zeitalter wird von Ingwersen zwar im Entstehen des heutigen WWW, dem World Wide Web, sowie der zu erwartenden näheren Zukunft lokalisiert. Der Ausgangspunkt seiner Analyse liegt jedoch im amerikanischen Fernsehen, in der von Fox TV produzierten Serie „Ally McBeal“. Dort erblickte eine „neue Internet-Pop-Ikone“ 1998 das Licht der Welt, das „Cha Cha Baby“ (S.7). Ursprünglich als Demonstrationsmodell einer Animationssoftware von der Firma „Unreal Pictures“ erstellt, bescherte der gelegentliche Auftritt in der beliebten Fernsehserie der Kunstfigur die Aufmerksamkeit einer Internet-Fangemeinde. Die Figur stellt ein nur mit Windel bekleidetes Baby bei Tanzbewegungen dar, die gemessen am Entwicklungsgrad offenkundig unmöglich sind. Die Tanzfigur erinnert Ingwersen an schamanistische Ekstasetechniken, in ihrer narzistisch-solipsistischen Abgeschlossenheit erkennt er einen Spiegel eigener simulativer Perfektion. Deutungen aus psychoanalytischer Sicht rücken laut Ingwersen das Cha Cha Baby in den Kontext pornografischer Darstellungen infantiler Sexualität und perversen Exhibitionismus, was im Einklang mit Jean Baudrillards These der Obszönität der Simulation sowie allgemeiner Tendenzen zur Ästhetisierung, Infantilisierung und Pornografisierung der Gesellschaft stehe. Bezogen auf das Individuum bedeute dies im Zeichen der „Selbstermächtigung des Subjekts“ das Ideal der Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Vorgaben, vom anderen Geschlecht und letztlich vom eigenen Körper. Das tanzende Kind werde so zur Ikone eines unbeschwert-freigeistigen Dandyismus stilisiert: „In den sogenannten >Avataren<, den computersimulierten Figuren, die ein mehr oder weniger eigenständiges >Leben< führen, findet der gegenwärtige Lebensästhet seinen Idealtypus >verkörpert<.“ (S.10)

Der Begriff des Avatars wurde, so Ingwersen, in seiner heutigen Bedeutung schon 1985 für grafisch simulierte Stellvertreter in der ersten grafisch dargestellten „Electric Community“ des japanischen Unternehmens Fujitsu geprägt und in den 90er Jahren im Science Fiction Genre des Cyberpunk auf virtuelle Doppelgänger im Cyberspace übertragen. In einer Fußnote dazu erfährt man, im angloamerikanischen Sprachraum sei ein „Avatar“ bereits seit dem 19.Jahrhundert als „Inbegriff von etwas“ oder „außergewöhnliche Erscheinung“ bekannt gewesen, vermutlich nach Einführung des Wortes durch die Theosophie. So widmet Ingwersen ein ganzes Kapitel dieser esoterischen Lehre, die auf die Neuplatoniker und den Kabbalisten Jakob Böhme zurückzuführen sei. Begonnen habe sie im dritten Jahrhundert als Versuch, eine gemeinsame Quelle aller religiösen Systeme zu finden, und wurde in ihrer modernen Form als Synthese von Wissenschaft, Religion und Philosophie 1875 wiederbelebt durch Helena Blavatsky. Sowohl die Anthroposophie Rudolf Steiners, als auch die Ariosophie als ideologische Wurzel des Nazi-Faschismus gingen auf die Theosophie zurück (S.108 f.). Somit führt Ingwersen den Begriff des Avatars letztlich auf die Mystikerin Helena P. Blavatsky (1831-1891) zurück, die mit diesem aus dem Sanskrit entlehnten Wort einen Gott im menschlichen Körper bezeichnet habe. Der Avatar stelle die Inkarnation eines Gottes dar, die ohne menschliche Seele keinen karmischen Gesetzen unterworfen sei (S.128). Nach Rudolf Steiner seien sogenannte Gottesboten übermenschliche Doppelwesen, die Theosophin Alice A. Bailey spreche von der Wiederkunft Christi als spirituellem Lichtbringer (S.129 f.). Der Jesus-Knabe sei als Bild des Menschen vor dem Fall in die fleischliche Existenz hier besonders hervorzuheben. In androgyner Geschlechtslosigkeit bzw. Doppelgeschlechtlichkeit könne „das Kind bzw. der kindliche Avatar auch als Reminiszenz an den frühen >Gottmenschen< verstanden werden“ (S.140). Im Avatar verbinde sich hochentwickelte Psyche mit unentwickelter Physis, der Theosophie werde der infantile Körper zum „fleischlichen Repräsentanten höchster Spiritualität“ (ebd.). Gnosis und Gnostizismus seien als frühchristliche Tradition extremer Weltabgewandtheit Ahnherren dieser Anschauung. Gnostische Askese erlaube zwecks Aufhebung der Geschlechtertrennung neben der Kastration nur die Doppelgeschlechtlichkeit, weshalb auch in der Gnosis der Androgyn auf göttliche Einheit verweise (S.144).

In diesem Bild trifft der Avatar das „Sonnenkind“, das Ingwersen in einer längeren Darstellung von Kosmikern und Ariosophen als zweiten tragenden Begriff seiner Analyse entwickelt. Neuheidnische Mythologen und „christliche Rassenforscher“, namentlich Alfred Schuler und Lanz von Liebensfels werden in ihren abstrusen Lehren ausführlich dargestellt, einschließlich ihrer Bezüge zur Nazi-Ideologie. Ein Exkurs über Schulers Sicht der „Swastika“, als Symbol energetisch-kosmischer Zeugung, welches später von Hitler als Hakenkreuz übernommen wurde, führt über das Sonnenrad zum hermaphroditischen Sonnenkind. Um diese Erlösergestalt ranke sich Schulers „Sonnenkindkult, der sich durch sein mystisch-energetisches Fundament (…) vom allgemeinen Kindheitskult um die letzte Jahrhunderwende abhebt“ (S.64). Das avatarische Cha Cha Baby stellt die Verbindung zum „digitalen Äther“ des Cyberspace her.

Gnostische Wurzeln findet Ingwersen auch hier: Die „Cybergnosis“ setze an Stelle der Seele die Information, das Universum sei ein universaler Hypertext und die menschliche Psyche gälte es digital zu replizieren. Ähnliche Vorstellungen hegte, laut Ingwersen, schon 1964 der Vater der Kybernetik, Norbert Wiener, der menschliches Leben telegrafisch übermitteln wollte. Heute verfolgten obskure Internet-Gemeinden der Extropier, der World Transhuman Association, der Technopaganisten etc. verschiedenste Wege der technischen Erlösung, etwa der Mensch solle sich „als Cyborg über digitale Transplantate mit dem globalen Bewusstsein vernetzen“, was „immer auch als Produkt des technologischen Unbewussten gelesen“ werden könne (S.163). Bezüglich des Cha Cha Babys schließt Ingwersen: „Vielleicht ist das ein Charakterzug der gegenwärtigen digitalen Lebensformen: Sie verheißen kein besseres Leben, sie sind das bessere Leben. Sie erlösen nicht, sie simulieren Erlösung.“ (S.187)

Resümierend ist die umfangreiche, gediegene Belesenheit des Autors hervorzuheben, die ihn allerdings verleitet, sich manchmal allzu ausführlich in Darstellungen von Anthropo-, Ario- und Theosophien zu verbreiten. Auch wäre neben Avatar- und Sonnenkind-Mythologie vielleicht der Bezug rassistischer Aspekte jener Esoterik zu Ideologien der heutigen Cybergurus von Interesse gewesen. Der Bezug von Sonnenkind und Baby-Avatar scheint zwar plausibel, vernachlässigt aber in philologischer Suche nach Mythen und Archetypen profanere Deutungsebenen. So könnte man im Cha Cha Baby auch die treffende Symbolisierung eines existenziellen Problems kulturell dominierender Schichten der 1990er Jahre sehen. Für Ally McBeal ist das Baby eine halluzinatorische Heimsuchung durch ihren Wunsch nach einem Kind, nach Liebe, Freundschaft und Menschlichkeit; dies alles kann sie aber nicht erreichen, da sie in einer Welt des hemmungslosen Strebens nach Karriere, Geld und Luxus lebt. Die Fun-Kultur der 90er reduzierte das Leben auf die Jagd nach Dollars zwecks Tanzparty nach Feierabend: Das dämonische Baby tanzt Cha Cha Cha und zeigt in seiner faszinierenden Monstrosität die Unvereinbarkeit dieses in analfixierte Habgier und oral-regressiven Hedonismus zerfallenden Lebensstils mit tieferen menschlichen Bedürfnissen. Resultierende Frustration und Reste freundschaftlicher Beziehungen unter diesen Lebensbedingungen waren die Hauptthemen der Ally McBeal-Serie. Aggressive Vernichtungsphantasien gegenüber dem Cha Cha Baby sind laut Ingwersen in seiner Fangemeinde weit verbreitet. Sie erklären sich aus der symbolischen Vernichtung des angedeuteten Widerspruches vielleicht eher denn aus seiner Herkunft aus einem Sonnenkind-Archetyp.

Sören Ingwersen: Cha Cha Baby und Sonnenkind. Die mystischen Quellen digitaler Lebensformen. Ludwig Verlag, Kiel 2002, 231 S., ISBN 3-933598-33-8, 19,90 Euro.

Sören Ingwersen, 1970 in Hamburg geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften, seit 2002 freier Kulturjournalist, Textchef des Klassikmagazins concerti, Redakteur des Magazins der TheaterGemeinde Hamburg, Leiter des Theaterressorts von SZENE HAMBURG und Chefredakteur des von ihm mitgegründeten Online-Theatermagazins GODOT. Er schreibt für Tageszeitungen sowie für verschiedene Klassik-Labels und liefert Textbeiträge für Die Deutsche Bühne.